Der Hainbund
Hoch über den Alltag hin und heilig im Morgenlicht ihrer Sendung waren die Verse Klopstocks gewandelt: im griechischen Silbenfall fremd, fromm und deutsch im Selbstgefühl ihrer Würde und im Bardenton ihrer Sprache.
Denn ob es Ossian war, der keltische Sänger, der darin wiederklang, ob der Traum des Dichters nur einen Olymp im Nordlicht vorstellte: er trat in den gezirkelten Garten französischer Bildung als der erhabene Hochklang der deutschen Vergangenheit ein.
Und was ein Irrtum des Dichters seine Bardieten nannte, die Oden germanischer Herkunft, das wurde ein heiliges Feuer der Jugend, daraus sie den Stolz und die Liebe der eigenen Sprache und ihrer reichen Geschichte wiedergewann.
Es war ein blaßblauer Herbsttag, da der Jünglinge fünf aus Göttingen den ehrwürdigen Eichenhain fanden, da sie den heißen Freundschaftsbund schworen, da sie mit Eichenblättern bekränzt sich selber die Barden der deutschen Erneuerung nannten.
Denn nicht nur zu dichten war ihr Traum; sie wollten, wie es der Meister war, Sendlinge sein einer neuen Gesittung: die deutsche Seele, von ihren Höfen und Herren treulos vergessen, sollte im Bürgertum wiedergeboren und sollte dem deutschen Volk wieder die Schicksalsmacht sein.
Als den Jünglingen danach das Wunder geschah, daß Klopstock der Meister selber in ihrer Mitte dasaß, den sie wie keinen Menschen verehrten, als sie ihm Treue gelobten in seine herrlichen Augen, und an dem Klang seiner Stimme beglückt dem Edelwort lauschten, da saß die Seele der Deutschen am Tisch, ihre Wiedergeburt zu feiern.
Sie trugen alle im Sinn, Dichter zu werden, aber nur einem hatten die Musen das Herz berührt: Hölty war er geheißen, ein Jüngling der heiteren Schwermut und süßen Liebe.
Aber ihm stand schon die Grenze gesteckt; wo er mit Freunden schwärmerisch ging, war ein Schatten allen sichtbar dabei.
Eine Handvoll Frühlingsblumen zu pflücken und sie auf den Weg der Freundschaft zu streuen, war ihm vergönnt, dann blieb sein Schatten allein.
Den Hainbund hatten die Jünglinge ihre helle Freundschaft genannt und mit Eichenlaub ihre Hüte bekränzt; als Hölty dahin war, hingen die Kränze verdorrt an seinem einsamen Hügel.
Aber was ihren flüchtigen Bund so hoch und heilig entflammte, blieb in der Welt: die deutsche Seele war wieder wach und wollte sich endlich vollenden.