Klopstock
Zu der Zeit, da der Gutsherr in Rheinsberg seinen Freunden französische Verse vorlas, weil seine fürstliche Bildung den Weg zur eigenen Sprache nicht fand, wuchs in Schulpforta ein Jüngling, Klopstock geheißen, der diesen Weg strenger als einer der Dichter vor ihm zu gehen bereit war.
Er hieß noch ein Schüler der unteren Klassen, aber schon tastete er stolz nach dem Ruhm, seinem Volk den Messias zu schreiben, der übermenschliches Leben und göttliches Tun in deutschen Versen berichten und eine erhabene Dichtung sein sollte, wie es die hohen Gesänge der Griechenwelt waren.
Tief erkannte der Jüngling, daß Worte zu reimen und Sprache zu dichten zweierlei wäre, und daß der Vers kein Silbengeklapper sein dürfe, sondern der hohe Hinschritt stolzer und schöner und liebreicher Worte.
Als die drei ersten Gesänge gedruckt waren, ohne den seltsamen Namen des Jünglings, war ihre Wirkung, als ob im nüchternen Alltag wieder ein Priester dastände, den Göttern zu opfern, aber sein Opfergott war der Messias.
Da schnaubte das Flügelroß Feuer, das in den Fabeln von Christian Fürchtegott Gellert unpäßlich war; einsame Herzen fühlten die stolzen Gesänge als die Wiedergeburt der deutschen Dichtung.
Bald war der seltsame Name des Jünglings bekannt, und Bodmer, der brave Professor, rief ihn nach Zürich, daß er im Kreis begeisterter Freunde als Ehrengast weile.
Sie hatten den Sänger wie seine Gesänge erwartet und waren erschrocken, den brausenden Jüngling zu haben, der seine verlassene Fanny in hundert Tollheiten verschmerzte und in der peinlichen Zucht der Zürchergeschlechter ein Feuerbrand war.
Er fuhr auf dem See mit bekränztem Becher, er stand auf dem Uto mit wehenden Haaren, und als ihm der mahnende Zuruf bänglicher Freunde zuviel war, lief er hinaus in die Berge, im Aufruhr der großen Natur sein Herz zu versöhnen.
Daß er sein heiliges Werk frei von den Sorgen des Tages vollende, berief ihn der dänische König; und während Voltaire, der Franzose, fürstlich geehrt bei dem Spötter von Sanssouci saß, war Klopstock, dem Deutschen, in Kopenhagen die dänische Freistatt bereitet.
Aber ihn band keine Laune fürstlicher Freundschaft; als der Franzose mit Feuer und Schwefel aus Sanssouci abfuhr, kam Klopstock nach Hamburg, seine Cidli heimzuführen.
So sicher war ihm das Dasein durch dänische Gunst bis in sein hohes Alter bereitet, daß er nicht einen Tag sorgte und, wie ein Priester geehrt, seinen Dichterstand trug.
Er ging in sein fünfzigstes Jahr, als endlich die letzten Gesänge von seinem Messias erschienen; ein Vierteljahrhundert hatte die rauschenden Flügel müde gemacht, und manches, was einmal stolzer Schritt war, ging nun auf Stelzen; doch wie ein Dom über den Häusern stand sein Messias.
Und während sein Name im Zweifel der Frommen langsam gefror, hatten ihm seine Oden wärmere Freunde gewonnen.
Da war ein höheres Priestertum als die blasse Verzückung der Pietisten, da war die reine Luft hoher Berge, darin die Gedanken gleich seligen Wolken über dem blauen Hügelfeld standen, da war die große Schönheit der Natur in Silber gespiegelt.
Und wie die Gesinnung rein und erhaben, so war die Kunst der Sprache vollendet, weitab vom Gleichklang des Reimes ließ sie die Worte stark und schön klingen nach ihrer Bedeutung.
Er alterte früh, der solch ein Dichter der reinen Erhabenheit war, und als er im Alter zusah, hatte die Jugend sich dreimal zu anderen Dingen gewendet, so daß er der Zeit fremd und seines Ruhmes verdrossen die Augen zumachte.
Sein Grab aber in Ottensen wurde ein heiliger Ort und ein Tempel der Geister, die in der bunten Vielfältigkeit und in der täglichen Torheit der Sprache das Schaubild der Ewigkeit suchten.