Der Spötter von Sanssouci

Es war im fünften Jahr seiner Regierung, als Friedrich der König in seine Hauptstadt zurück kam; er hatte den preußischen Staat vermehrt um eine reiche Provinz, er hatte den Ruhm des Sieges gekostet, aber er war noch immer der Gutsherr von Rheinsberg.

Er wollte sein Fürstentum anders als sonst die Fürsten genießen, emsige Tätigkeit innen und außen sollte den Tag füllen – denn König hieß ihm als oberster Diener des Staates die Unruhe aller Pflichträder sein – aber der Abend sollte ihm selber gehören.

Sanssouci hieß er sein helles Lustschloß bei Potsdam, das ihm der heitere Knobelsdorff baute, der Hausgenosse von Rheinsberg; gleich einem Abendgewölk stand es da auf den grünen Terrassen.

Nicht wie Versailles hielt es sein Angesicht abgewandt: über die roten Dächer von Potsdam, über die blinkende Havel und ihre schwarzgrünen Wälder führte der Blick in sein fleißiges Land.

Da war er der König des Geistes, dem seine Tafel ein anderes galt als ein Tisch mit leckeren Genüssen, da war er der witzige Hausherr, der seine Gäste verblüffte im kühnen Spiel der Gedanken, da war er der Spötter von Sanssouci.

Keiner von seinen Freunden in Rheinsberg war ihm geblieben, und seine Gemahlin, die dort noch die anmutige Hausfrau war, durfte die Schwelle von Sanssouci nicht überschreiten; wo Friedrich, der König, sich wohl fühlte, war er Franzose.

Der seinen Staat genau nach den barschen Hausväterplänen des Soldatenkönigs regierte, blieb seinem eigenen Volk fremd in der Seele, wie je ein Fürst seinem Volk fremd war.

Voltaire, der Meister boshaften Witzes, stand als der Stern seiner Bildung über dem Ehrgeiz des Königs, und Sanssouci wurde die lockende Insel im Osten für alle französischen Geister, die in Paris keinen Ankerplatz fanden.

Als Voltaire selber zu Gast kam, als er in Sanssouci saß, fürstlich geehrt durch die Freundschaft des Königs, war das zierliche Schloß über den schlanken Terrassen die Gralsburg der Zeit und ihrer spöttischen Laune geworden.

Sanssouci war, wenn sie zur Tafel dasaßen im kreisrunden Saal, von Kerzenlicht hell überschüttet, wenn sie mit funkelnder Rede und dolchblanken Witzen einander die Grenzen bestritten.

Da konnte der König sich selber und einen mühsamen Tag für flüchtige Stunden vergessen, da konnte der Spötter von Sanssouci, boshaft und wild und seines Witzes vermessen, den Übermut zeigen.

Manch boshaftes Wort ging seinen blitzschnellen Weg an die Höfe, bis es das richtige Ohr fand; was er an bitterer Feindschaft danach zu fühlen bekam, hatte der König in Sanssouci keck übernommen.

Im preußischen Volk ging die Sage von seinen seltsamen Nächten, wo er um witzige Worte die Schlachten nicht weniger heiß als um Schlesien schlug, wo er auf blankem Parkett mit ledernen Stiefeln stand, zärtlich die Flöte zu blasen, wo der König im Kreis seiner Franzosen ein Mensch war, indessen sie nur den scharfen Herrn und kargen Sachwalter zu sehen bekamen.

Ein Fremdling im eigenen Land, verzaubert in fremdes Wort und Werk und fremde Wertschätzung, saß Friedrich in Sanssouci; wo ein funkelnder Geist die letzte Erfüllung fand, war sein Volk nicht zu Hause.