Der Wiener Kongreß

Die Völker hatten das ihre getan, nun kamen die Fürsten, Ernte zu halten; Napoleon wurde nach Elba verbannt, und die Bourbonen brachten die Lilie nach Frankreich zurück; den Ländergewinn zu verteilen, beriefen die Sieger den Wiener Kongreß.

Da kamen sie alle wieder wie gestern, die gekrönten Häupter der Zeit im Gefolge der Bänder und Litzen; Wien, die üppige Herrin des Ostens, schaukelte endlich die goldene Wiege der Zeit.

Versailles war leer, und Wien sah die Gäste; da strahlte der Kaiser Franz als der bevorzugte Wirt mit den Sälen der Hofburg.

Er war keine Sonne, wie einmal der König von Frankreich den Fürsten Europas das Lebenslicht borgte: ein fleißiger Hausvater schrieb seinen fürstlichen Gästen die Bälle und Tanzweisen vor, das Fest ihrer Wiederkunft fröhlich zu feiern.

Denn wie im Märchen der böse Wolf tot war, und wie die Geißlein sprangen und sangen am Brunnen, darinnen das garstige Tier lag, so wollten die wiedergekehrten Herren ihr Siegesfest halten.

Nie hatte die Stadt an der Donau solchen Jahrmarkt gesehen, als da der Wiener Kongreß im Triumph der wiedergekehrten Vergangenheit die Kränze der adligen Herrlichkeit band.

Zwar hatten die Kronen und Fürsten den Völkern vieles versprochen, aber das war vergessen mit ihrer Not: Untertan hieß wieder der Bauer und Bürger; das Schaubild der neuen Reichsherrlichkeit fraßen die Hunde.

Indessen die Fürsten mit ihrem Gefolge die Freuden des Jahrmarktes genossen, feilschten Minister und Räte in ihren Buden, den Herren mit Ländergewinn die Taschen zu füllen.

Sie waren die neuen Meister der Macht; sie führten den Krieg mit Listen und Kniffen, und ihre beißende Eifersucht wachte, daß keinem die Beute völlig gelang.

Als über die Bälle des Winters die Märzwinde kamen, waren die Mächte im Wiener Kongreß schon wieder feindlich geschieden: hie Rußland und Preußen, hie Österreich, England und Frankreich! waren die Lager geteilt, und schon fingen die Heere an zu marschieren.

Da kam der Schrecken aus Elba über die tanzenden Fürsten und über die Eifersucht ihrer Minister: der Korse hatte die Insel verlassen, und als sie noch suchten nach seinen Schiffen und Plänen, war er in Frankreich gelandet.

Der Jahrmarkt in Wien mußte die Buden zumachen; der Hausherr konnte nicht mehr den fröhlichen Ballvater spielen; über die Treppen der Hofburg liefen verstaubte Kuriere.