Des Knaben Wunderhorn

Brentano und Arnim hießen die beiden Gesellen, die in der Frühe auszogen, am Rhein, in Franken und Schwaben Schatzgräber der deutschen Seele zu sein.

Die Stimmen der Völker in ihren Liedern hatte Herder gesammelt und war der neuen Weltbürgerschaft Prophet und Apostel gewesen; sie aber wollten dem eigenen Volk den Schatz seiner Lieder heben, daß es die Zukunft erkenne.

In den Stuben und Höfen der Handwerker bot das Lied seine Strophen dem Bänkelsang dar, draußen im Land hielt es den Mund der Burschen und Mädchen fröhlich geöffnet.

Was die Urahne sang, als sie noch selber im Schmuck der Bänder den Reigen abging, das sangen die Enkel: wie der Bach und der Wald, die Wiesen und Wolken im Wechsel der Tage die Unvergänglichkeit waren, jährlich im Frühling verjüngt, so hielt das Lied über Jugend und Alter die Herkunft lebendig.

Immer aufs neue gesungen, in Leid und Freude gleich mächtig, bot es der Liebe den Raum, darin die Wirklichkeit nur durch die Fenster herein sah, indessen das Pfeilergewölbe, zum Sternhimmel geweitet, der Sehnsucht die heimlichen Türen aufmachte.

Da waren die Zelter der Träume bunt aufgeschirrt und lockten zum Ritt in selige Fernen, da schwollen die Geigen, als ob in den Tönen die Seele auf Mondstrahlen ginge, da war das Herz eine Amsel, die letzte Seligkeit flötend vor dem Geheimnis der Nacht.

Brentano und Arnim, die beiden Gesellen, selber von Jugend und Liebe der Zauberei mächtig, drangen hinein in den Berg, darin das Lied solchergestalt seine heimliche Wunderwelt hatte.

Und alles Lied war Wort, das mit den Wellen der Melodie auf den Strömen der Urtiefe selig dahin fuhr; sie fischten das Wort aus den Strömen und brachten es glücklich zu Tag.

Da waren es Perlen, im Reim zu Kränzen gebunden; so reich war der Raub, daß ihre Hände nicht alles zu fassen vermochten.

Des Knaben Wunderhorn hießen sie dann die stattlichen Bände, darin die Worte, wie andere Worte zu lesen, abgelöst vom Gesang, fremd und frierend auf Papier gedruckt waren.

Aber das Wunder war noch im Wort, es brauchte nur Augen und Ohren zu finden, die seinen Zauber verstanden, so wurde die Seele des Wortes lebendig im Sang: aus des Knaben Wunderhorn stiegen die Lieder wie Lerchen.