Die Romantik

Jena, die Kleinbürgerstadt an der Saale, war die hohe Schule des Geistes geworden, Lehrer und Schüler liefen ihr zu; der Große von Weimar war gern zu Gast.

Nie hatte die Sonne der Griechen heller geschienen; als sie im Mittag stand, kamen die Wolken, sie zu verhüllen: von Götz zu den Griechen war Goethe gegangen, die aber in Jena Romantiker hießen, gingen den nämlichen Weg mit Inbrunst zurück.

Sie sahen die Gegenwart kläglich und klein wie der Meister und drangen mit hungrigen Augen in die Vergangenheit ein, sich eine schönere Welt für ihre Sehnsucht zu finden.

Aber sie mochten die Heimat nicht missen; sie liebten das krause Giebelgebälk ihrer Gassen, sie liebten die ragenden Dome mit dem Figurenwerk der Portale, sie liebten die Burgen, gleich Adlerhorsten auf zackige Felsen gebaut, sie liebten die Klöster tief in den waldigen Tälern.

So wurde die alte Empfindsamkeit wach, und ihre schweifende Sehnsucht erkannte, daß einmal doch Segen im nordischen Menschenwerk war, daß Liebe und Schönheit, Weisheit und Stärke regierten, als über der Willkür selbstsüchtiger Fürsten die alte Reichsherrlichkeit wachte.

Sie saßen auf ihren Ruinen und träumten der alten Zeit die neuen Sehnsüchte zu; sie fuhren den Strom hinunter und grüßten die hohen Fenster der Burgen, als ob ein Fräulein dastände, den frohen Gesellen zu winken.

Sie sahen den alten Kran auf dem Dom und wie sein graues Gemäuer halbfertig dastand, ein Wahrzeichen der Wehmut inmitten der harmlosen Wirklichkeit; aber sie wollten das Werk der Väter vollenden, wenn einmal – so ging ihr glühender Eifer – das Reich wieder Gegenwart wäre.

Daß solches geschähe, mußten die neuen Herzen der alten Zeit gläubig die Türen aufmachen; dessen wollten sie Herolde sein.

So hob ein anderer Lobgesang an, als der vom Griechentum war: die Brunnen begannen zu rauschen, der Wind im Wald wurde wach mit heiliger Mahnung, Donner und Blitz sprachen laut und das Heimchen am Herd zirpte leise, daß einmal die Heimat glücklich und groß, daß einmal das Vaterland hoch im Ruhm und groß in der Welt war.

Sie sahen den starken Bogen wieder gespannt, den Kaiser und Kirche dem Abendland hielten, den Bogen der neuen Verheißung, darunter die Ferne griechischer Schönheit und römischer Weltbürgerschaft verblaßte.

Nie war die Inbrunst der Seelen so mächtig gewesen, nie standen Groß und Gering so nahe in gleicher Gesinnung, nie war der Geist so der Täglichkeit abwendig, und nie hatte der Tag so geblüht, als da der Bogen die Ewigkeit über ihn spannte.

Die Kaiserpfalzen am Rhein und die stolzen Rathäuser, die Marktplätze mit der steinernen Zier ihrer Brunnen, die Torburgen der Städte riefen den Ruhm der vergangenen Tage nicht weniger aus, als die Glocken der Klöster und Kirchen die Ewigkeit klangen.

So kreuzte das junge Geschlecht den Weg der hohen Gestalten, indessen die beiden feierlich schritten, schwärmten sie hin, das Herz der Heimat auf ihren Händen zu tragen.

Es war die gotische Seele, die wieder zu drängen begann; ob es zunächst nur ein glühender Traum und eine irrende Sehnsucht in die Vergangenheit war: Deutschland stand auf, mit allen Teufeln und Engeln der eigenen Herkunft zu ringen.