Hölderlin

Hold wie sein Name war Hölderlin und hell wie Apoll der Jüngling aus Schwaben, der bei dem Kaufmann Gontard in Frankfurt Hauslehrer wurde; schön war Susette, die sittige Hausfrau, edel an Geist und Gestalt und aller Sehnsucht Vollendung: der helle Gott fand die Göttin.

Die aber in göttlicher Ferne ihm vorbestimmt war, stand in der irdischen Nähe durch Pflicht und Neigung dem Kreis verbunden, darin sie die Hausfrau und Mutter und für den armen Lehrer aus Schwaben die reiche Herrin vorstellte.

Sie sah das Licht der eigenen Ferne in seinen Augen gespiegelt, sie hörte den Klang seiner Stimme, wie ein Wanderer die Glocken der Heimat vernimmt, sie ging den Wolkenweg seiner Gedanken Hand in Hand; Schwester und Mutter war sie dem Jüngling, aber sie ließ seine Leidenschaft nicht über die Schwelle des Hauses, darin sie die Frau war.

Ihn hatten, vaterlos, zärtliche Frauen erzogen, er wußte den Schritt nach der Sitte frei zu bemessen; so trat er nicht fehl, und ehe die Fäden der Schuld ihm die Füße verstrickten, verließ er die Nähe.

Der Hauslehrer ging nach Schwaben zurück, die Hausfrau blieb in der Pflicht ihrer Tage; kein Schatten fiel auf den irdischen Weg, die lohende Flamme stand auf dem Altar der Liebe im Tempel der hohen Herkunft behütet.

Diotima hieß er die Schwester und reine Geliebte im Glück seiner stolzen Gedichte, ein Stirnband aus Sternen band er der Göttin ins Haar, und keusch verhüllt war die Herrlichkeit ihrer Glieder.

Wohl gab der Schmerz des Abschieds seine Schatten her, ihr Bild zu verdunkeln; aber das Licht ewiger Fernen erhellte die Schatten, daß auch der Schmerz ihre Schönheit bediente.

Die Ewigkeit war im Wandel der Sinne verhüllt, und der Schmerz war ihr tiefes Geheimnis; Herkunft und Hingang der Seele bedeckten die Wolken des Tages, über den Wolken stand die Heimat der Götter in ewiger Bläue.

Der so mit Sternen sein Götterbild kränzte, der hell wie Apoll seinen Schmerz in den Abgrund versenkte, der ein Sendling der göttlichen Wiederkunft war, indessen die hohen Gestalten in Jena frei durch die Wirklichkeit schritten, mußte sein Dasein anders als irdisch vollenden.

Fern seiner schwäbischen Heimat, im hitzigen Süden von Frankreich, wo er zum andernmal Hauslehrer wurde, fiel das Geschick über Hölderlin her wie ein Geier, gesandt von den Göttern.

Sein Geist, längst aller Tätigkeit fern, wurde mit in die Lüfte gerissen; seine Seele, der Schwingen beraubt, blieb im Gehäus des irdischen Leibes.

Ein Frühsommertag hing seine schimmernde Wolkenlast über das schwäbische Land, als Hölderlin heimkam, braun von der glühenden Sonne, einem Landstreicher gleich in zerrissenen Kleidern, im Schoß der Mutter sein Leid auszuweinen.

In Frankfurt sank zur selben Zeit Susette, die sittige Hausfrau, dem frühen Tod in die Arme: Diotima, die Schwester und reine Geliebte, kehrte zurück in die Ferne, indessen der Dichter, im Wahnsinn der Nähe gefesselt, noch vierzig Jahre zubrachte.

Ein letzter Sendling der Götter hatte der Erde sein Opfer gebracht; seine Gesänge blieben im Dasein der Deutschen, als ob ein Harfenlied fremd im Tageslärm klänge, als ob das Geheimnis der Wehmut selber den göttlichen Ursprung besänge.