Die Humanisten
Das tausendjährige Reich der Kirche ging zu Ende; blaß und müde glühten die Verzückungen der Seele, und roter blühte die Saat der Sinnlichkeit: der Gottesstaat der Priester blieb den verheißenen Segen schuldig, die Erde trieb geschäftig die alte Fruchtbarkeit.
Wohl waren ihre Tage als Jammertal geschmäht: aber Kaiser und Kurfürsten zogen in den Krieg um Gold und Macht der Erde, Städte wurden groß und reich im Handel, auf den Meeren gingen ihre Schiffe und auf den Straßen ihre Wagen mit dem Gut der Erde, Rathäuser wurden Prunkhallen der Erdenbürgerschaft.
Auch die das Jenseits priesen, waren diesseits wohl zuhaus: in Pfründen und Kapiteln saßen sie und sorgten für ihr Teil; denn das Gelübde der Armut sperrte nicht die Schleusen, daraus der bürgerliche Reichtum in die Keller und Kammern der Klöster floß.
Die aber mühsam den Acker pflügten und sonst im heißen Tagwerk standen, sie sahen sich betrogen um die Ernte für einen Lohn, der nicht von dieser Welt war; und immer kühner hob die Frage das spöttische Gesicht, wieviel an diesem Zustand Gottes Wille oder kluge Lenkung geistlicher Hände wäre.
Durch den verschlissenen Teppich der Scholastik wurde der Boden wieder sichtbar, darüber ein Jahrtausend mönchischer Weltflucht sinnenfeindlich ging: Belladonnen blühten aus dem Unkraut der Ruinen, und Götterbilder hoben die Marmorleiber aus der verschütteten Vergangenheit.
Sie fanden ihre Tempelpracht zerstört, die Schönheit ihrer Glieder war zerbrochen; aber Mars und Venus reichten die verstümmelten Hände dem neuen Zeitalter hin: bestürzt und staunend sah die Menschheit die herrliche Gebärde.
Da tönten Stimmen wieder, die längst verklungen schienen; die Sprache Ciceros klang marmorkühl aus der Versunkenheit, den Götterbildern gleich an Gliederpracht, und war die Sprache einer Zeit, da weder Bischöfe noch Mönche, sondern Bürger den Staat bestimmten und das Brevier noch nicht das Brot der Bildung war.
Und wie die Marmorbilder nach ihrer Griechenheimat wiesen, so auch die alten Schriften: Hellas stand auf in Rom; noch einmal fragte Sokrates die listigen Fragen, und Platon gab ihm weise Antwort.
Die aber im Gehäus der mönchischen Scholastik dem ewig-jungen Fragespiel entzückt zuhörten, sie glaubten gern, daß nun die Tür ins Freie geöffnet wäre.
Als ob sie Totes wiedererwecken und Gewesenes zum andernmal gebären könnte, so wurde die Zeit trächtig vom Altertum.
Da dachte wieder ein Erdenmensch zu werden, der nur ein Prüfling für den Himmel gewesen war; er ließ die Heiligen und den Christ und fand sich selber in der Welt als Wagenlenker seines Schicksals; er maß die Bahn mit seinen Rossen und ließ die Räder rollen zum selbstgesteckten Ziel.
So wurden wieder Heiden in der Welt, und reiche Florentiner glaubten, noch einmal Bürger Roms und Günstlinge der Götter zu sein.
Sie redeten die Sprache Ciceros und hörten Platon und bauten sein Reich der schönen Menschlichkeit, sie sammelten mit Gold und List die Schriften der alten Heidenwelt und schrieben sie ab mit zierlicher Bemalung, wie vormals die frommen Mönche die Heiligenleben schrieben.
Und rafften um ihr Dasein einen Glanz, der unbesorgt von dieser Welt war, und setzten sich in ihre Dinge aus eigener Machtvollkommenheit, und wagten ihre Seele an jede Lust und schafften sich in Tat und Trutz und schöner Edeltierheit die Seligkeit der Erde.
Und sahen einen Papst in Rom, der vor den Römern noch einmal den Augustus spielte und ihrer Welt Prunkhalter war auf Petri Stuhl; und glaubten – wie die Knaben den Flaum der Freiheit fühlen – daß dies die Morgenröte einer aus dumpfer Furchtsamkeit und blinder Sucht erlösten Menschheit wäre.