Johann Reuchlin

Als Lorenzo, der Prächtige genannt, seinen Musenhof hielt, kam mit dem Grafen Eberhard ein junger Schwabe nach Florenz, der solcher Dinge ungewohnt den Reichtum und die Bildung der Medicäer scheu und selig genoß, als ob er wirklich in den Garten Platons gekommen wäre.

Er fand die Fürstin ihre Töchter lehren und die Knaben glühen im Glück der Wissenschaft, er lauschte dem Lorenzo im Gespräch der tiefen Dinge und sah den Traum der Bildung in einer Wirklichkeit erfüllt, die reich und reif als Ernte der neuen Menschlichkeit schien.

Als er heimkam in das Land der bürgerlichen Städte und der händelnden Fürsten, war Johann Reuchlin ein Humanist, wie all die anderen Schmetterlinge im Junglicht der alten Welt: sie hatten ihre Flügel in den Goldstaub des Altertums getaucht, da die verschmähte Erde noch im Glanz der Bildung verklärt war.

Johann von Dalberg, pfälzischer Kanzler und Bischof von Worms, tat seine Tür auf, die Schwärmer zu schützen; er holte sie als Lehrer nach Heidelberg, hielt sie als seine Hausgenossen und ließ sie Feste feiern in seinem Garten zu Ladenburg.

Und ob es karg war und einsames Männerwerk, kein Florenz der Frauen, ob sich im Stubeneifer der Goldstaub verlor: Johann Wessel und der Abt Trittheim, Agricola, Pirkheimer, Eitelwolf von Steine, sie alle, die der Geist nicht ruhen ließ im neuen Wind, sie fanden in Heidelberg den Ankerplatz für ihre Fahrten.

Auch jene, die sich – wie Conradus Celtis, vormals Konrad Pickel – Wundervögel glaubten, wenn sie den Schopf mit fremden Federn schmückten und ihren Namen lateinisch oder griechisch wohlklingend machten, die den deutschen Mund von neuem mit Cicero verstopften und aus der Weisheit den Dünkel der Gelehrsamkeit quetschten.

Den Leuchter aber der neuen Wissenschaft trug Johann Reuchlin, der sich auf griechisch Capnio, das heißt ein Räuchlein nannte; er war als Bundesrichter in Schwaben von den Ständen und Städten gleich geehrt und hieß des Kaisers Freund, obwohl er eines Boten Sohn und Singknabe des Markgrafen von Baden gewesen war.

Ihm gab Gesundheit rote Wangen und Wohlgestalt; er liebte, was gesittet und würdig war, und rüstig pflegte er den Ruhm, Maß und Milde aus Weisheit zu besitzen im Lehren und im Tun: so geriet sein Leben wohl, bis ihm der Pfefferkorn haßblütig in seine Asche blies.

Als der getaufte Jude dem Kaiser anlag, die Bücher der Hebräer als christenfeindlich zu verbrennen, und Reuchlin innig abriet, derlei zu tun, da fuhr ihm freilich der Zugwind der Zeit in das gepflegte Silberhaar.

Hoogstraten, der Kölner Ketzermeister, ließ die Meute los, daß die Hunde des Herrn den Freund des Kaisers als ketzerisch verbellten: da achtete der mild gelehrte Mann den Scheiterhaufen gering und hielt der Meute den »Augenspiegel« vor.

Und zitterte danach vor seinem eigenen Mut, als ihm die Kölner das tapfere Buch verbrannten, und schrieb besorgt um einen faulen Frieden.

Doch trat die schwarze Kunst dazwischen; ob sie in Köln sein kühnes Buch ins Feuer warfen, die Drucker brachten tausend Bücher für eines auf den Tisch, und jedes Buch rief einen Mann.

Die Zunft der Humanisten zog aus für ihren Vater, die Jugend ihrer Schulen bot den Kutten das Trutzgesicht.

Johann Reuchlin aber, der solchen Aufruhr ganz wider Willen rief, er rettete sein Silberhaar mitsamt der Würde und dem Gleichmaß gelehrter Meinung in ein umhegtes Alter; und lächelte erlöst, als danach der Mönch von Wittenberg die Meute auf sich zog und starb erschrocken, als Blitz und Donner die neue Zeit anriefen, der seine Wohlgestalt nicht mehr gewachsen war.