Die Landeskirche
Indessen die Schwarmgeister der Schrift so blutiges Schicksal entfachten, blieben die Männer in Wittenberg treulich dabei, dem Glauben das Wohnhaus zu bauen.
Kaiser und Kirche waren die Mächte der alten Welt; von beiden verworfen durch Acht und Bann, stand Luther im Leeren: die Schrift in der Hand und der Landesherr über ihm waren seine Gewalten.
Friedrich der weise Kurfürst von Sachsen schätzte den Mönch und seinen Magister, obwohl er sich selber bedachtsam zurückhielt; das sächsische Land stand schon im neuen Bekenntnis, da war er noch streng in der Kirchenpflicht, und erst auf dem Sterbebett nahm er das Abendmahl.
Der aber das sächsische Land und die Männer von Wittenberg erbte, Johann der Bruder Friedrichs des Weisen, bekannte sich frei zu den Ketzern der Kirche; ihm wurde Luther vertraut, und er hörte auf ihn.
Er machte, daß Luther den Schutz seiner Gemeinde in die Landesgewalt stellte, daß er die Kutte der Kirche auszog für einen fürstlichen Predigerrock.
Mensch sein auf Erden hieß einer Obrigkeit untertan sein; konnten die Gläubigen nicht mehr der römischen Kirche gehorchen, so mußte die Landesgewalt die Predigt behüten, der Landesherr selber stellte die höchste Kirchengewalt vor.
So bauten die Männer in Wittenberg abseits der Kirche dem evangelischen Glauben das Wohnhaus; Johann der Kurfürst von Sachsen wurde der Hausherr des gläubigen Geistes, wie er dem irdischen Leib die Obrigkeit war.
Was aber in Sachsen geschah, wurde auch sonst im deutschen Land als sächsisches Kirchenrecht gültig: der Landesherr erbte die Kirchengewalt und erntete die Güter der Kirche.
Wittenberg blieb dem Schwarmgeist zum Trutz die Werkstatt des evangelischen Glaubens; er hatte die Freiheit des Christenmenschen gegen die Kirche entfesselt, aber daß sein Gewissen nicht Irrwege ginge, band er es wieder im Wort der Schrift.
Die Männer von Wittenberg mußten nicht mehr mit großen Gebärden Unmögliches tun; sie wirkten gemeinsam an ihrer amtlichen Pflicht und konnten den Feierabend wohl mit Fröhlichkeit füllen.
Luther, der todblasse Mönch auf dem Reichstag und die Stimme des deutschen Gewissens, war selber ein Hausherr geworden, der seinen Tisch gern mit Gästen besetzt sah und seiner Frau Käte samt ihren Kindern die Armut und Härte der eigenen Jugend heiter vergalt.
Er wurde nicht mild wie alter Wein, sein kränklicher Leib schaffte ihm harte Beschwerden, auch war seine Streitlust geneigt, streitsüchtig zu werden; der ein Apostel gewesen war, die rufende Stimme und der Held seines Volkes, ging in der Täglichkeit unter.
Aber so tat er das schwerste: die Flügel des Geistes hatten gewaltig um seine Stunden gerauscht, als er die Zelle verließ, aber der todblasse Mönch hatte den Mann, nicht den Aufruhr gerufen; nun war er selber ein Jünger und Protestant, die Täglichkeit mit Hörnern und Zähnen zu packen, statt sie im Groll zu zerschlagen oder nach heiliger Sitte sie hadernd zu lassen.