Die Wiedertäufer
Die aber wähnten, die Botschaft des Zimmermannssohns zu besitzen, brannten im heimlichen Feuer; Wiedertäufer hieß sie das Volk, weil sie die Taufe der Kinder verwarfen: nur, wer mit Wissen und Willen getauft sei, könne des heiligen Geistes teilhaftig werden.
Denn Jesus erlöse nur den zur christlichen Freiheit, der seiner Lehre in Einfalt nachfolge; wer das Mirakel des Opferlamms lehre, mache nur einen Abgott jüdischer Herkunft aus ihm.
Sie wurden verfolgt und heimlich geduldet und führten noch einmal das stündliche Dasein der ersten Christengemeinde; sie saßen heimlich zusammen in ihren Handwerkerstuben und sandten Apostel hinaus mit seltsamen Zeichen.
Das knisternde Feuer der Lehre wurde gedämpft rundum im Reich, aber die zuckenden Flämmchen sprangen gleich Irrlichtern fort; von Lübeck bis Basel, von Salzburg bis Leyden wuchs das Geheimnis der Täufer.
Ein Bürger von Münster, Knipperdolling geheißen, kam wieder heim aus der Fremde, als Rottmann lutherischer Prediger war; um seines Glaubens willen verwiesen, brachte er seltsame Freundschaften mit.
Jan Matthys hieß einer und kam aus Leyden, wo er ein Bäcker gewesen, aber Prophet und Apostel geworden war; ihnen trat Rottmann der Prediger bei: so wurden in Münster die Wiedertäufer eine Gemeinde.
So stark waren sie bald, daß sie den Rat an sich brachten; da wurde Knipperdolling Bürgermeister, aber Jan Matthys blieb sein Prophet, dem er und der Rat in Demut gehorchten.
Münster, die Bischofsstadt in Westfalen, hielt ihre Tore den Wiedertäufern geöffnet: da strömten sie zu aus dem Dunkel böser Verfolgung und hießen die Stadt ihre Burg Zion.
Aber noch gab es Bürger in Münster, die der neuen Herrlichkeit ungläubig waren, auch zog der Bischof heran, die Stadt zu berennen: ihm wurden die Ungläubigen – ihrer Habe beraubt – entgegen gesandt.
Als die Landsknechte des Bischofs dann die Tore belegten, war Münster in Wahrheit die Burg und die Stadt der Wiedertäufer geworden; mit Mauern und Gräben stattlich gerüstet, zog sie den stachligen Ring um die Täufergemeinde, die nun allein in der Welt war.
Doch ließen die Tapferen sich nicht mit Waffengewalt schrecken; indessen die reisigen Völker des Bischofs die Mauern spähend umritten, lebten sie treulich nach ihrer Lehre: sie gaben ihr Eigentum her und lebten gemeinsam, sie nannten sich Brüder und Schwestern und taten ihr Tagwerk im Amt der Gemeinde.
Jan Matthys, ihr Meister, gab die Gesetze; der ein Bäcker gewesen und ein Apostel geworden war, saß nun als Fürst unter den Seinen, die der feurigen Kraft seines Geistes willig gehorchten.
Aber das Glück verließ ihn, als er bei einem Ausfall tollkühn voraussprang; der Meister wurde erschlagen, und der Geselle kam, durch den Willen des Volkes erhoben, an seinen Platz.
Jan Bockelson war er geheißen, ein Schneider und Schenkwirt aus Leyden und gleich seinem Meister ein Schwarmgeist des Wortes; ihm aber war es zu wenig, Prophet und Apostel zu heißen; er wollte, ein rechter König, auf seinem Thron in Pracht und Herrlichkeit sitzen.
So wurde die Tollheit in Münster Ereignis: an einer goldenen Kette trug Jan, der Schneider und König, die goldene Kugel als Zeichen; denn die Welt sollte sein werden, der auf dem Stuhl Davids endlich das Gottesreich brachte, das Kaiser und Papst nicht vermochten.
Wie er an Weisheit sich Salomo gleichhielt, so sollte auch Salomos Pracht um ihn sein; Knipperdolling der Statthalter sorgte mit scharfem Schwert, daß ihn das Murren des Volkes nicht störte, als er dem üppigen Davidssohn gleich sein Lager mit Weibern und Saitenspiel füllte.
Indessen der König die Freuden des Thrones genoß, ging in den Gassen der Mangel; denn immer noch hielten die Haufen des Bischofs die Tore belagert, und langsam zog der Gürtel sich enger, weil endlich die Fürsten von Hessen, Sachsen und Köln dem Bischof Hilfsvölker sandten.
Wohl schlugen die Täufer tapfer den ersten Überfall ab; als aber der bittere Hunger den Mangel ablöste, als täglich die gläubige Hoffnung enttäuscht auf ein Wunder harrte, als endlich Verdruß und Verrat dem Feind einen Schleichweg aufmachte: da sank dem Schneider und Schenkwirt aus Leyden sein Königreich hin.
Grausam mußten die Täufer den Traum ihrer Davidsburg büßen; wie Jerusalem fiel, sank Münster in Asche und Blut; der sich den König der Welt nannte, hing im eisernen Käfig außen am Kirchturm, den Menschen zum Spott und den Vögeln zum Fraß.