Marburg

Als die Bauern im Reich ihre Freiheit begruben, war Zwingli noch Meister in Zürich; aber dem zornigen Luther galt er ein Schwärmer wie Karlstadt und seine Zwickauer Gesellen.

Gleich diesen hielt er das Abendmahl in der Gemeinde, dem Herrn zum Gedächtnis; sie brachen das Brot und tranken vom Wein, wie Jesus den Jüngern befahl, sie waren des Wortes gewiß und seiner tiefen Bedeutung.

Aber sie wollten nicht länger im Wunderglauben der Kirche beharren, daß sie das Brot und den Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu verwandeln vermöchte: sie sahen ein Sinnbild und ließen das Liebesmahl gelten, aber sie glaubten kein Sakrament mehr.

Mit polternden Worten fuhr Luther in ihre Meinung und fachte Streit an, wo Einigkeit notwendig war; denn noch stand die römische Kirchenmacht willens, die Ketzer zu verbrennen, und die Habsburger Hand drohte, dem Willen mit ihrer Macht beizuspringen.

Manche Fürsten und viele Städte waren der neuen Lehre geneigt, doch der Reichstag zu Speyer gab ihrer Gunst den bösesten Abschied: der spanische Kaiser hatte den Papst gefangen und Rom plündern lassen, aber er war der gehorsame Sohn der Kirche geblieben und wollte die Ketzer ausrotten.

Philipp, der Landgraf von Hessen, sah die Gefahr und wollte ein Bündnis der Schwerter, die evangelische Lehre zu schützen; daß ihre Bekenner nicht schwach durch Uneinigkeit wären, lud er die feindlichen Brüder, Luther und Zwingli, samt ihrem geistlichen Heerbann nach Marburg.

Da saßen sie einmal zusammen im Saal seines hochragenden Schlosses, die einzelnen Männer der Predigt; sie wollten redlich den Hader bezwingen, aber die Schlupfwinkel des Glaubens boten der Zwietracht zuviel Verstecke.

Zwingli der weiteste war am meisten geneigt: Lehre und Tat in der Christengemeinde galten ihm mehr als Wortgläubigkeit; Luther der Mönch und Magister brachte die Füße nicht aus dem Glauben der Schrift.

Das ist mein Leib! so standen die Worte vor ihm auf der Tafel mit Kreide geschrieben; er ließ sich nichts deuteln und nehmen, weil ihm das Wunder der Gottmenschlichkeit Christi mehr als die Lehre, weil ihm der Glauben höher als alle Vernunft galt.

So war das Lächeln der Liebe und Weisheit in Zorn und Eifer verkehrt; über der tiefen Einfalt der Lehre stand das paulinische Kreuz, und über dem Kreuz des Erlösers hatte die Kirche ihr kühnes Gewölbe gebaut: Luther blieb brünstigen Glaubens darin, und Zwingli zagte, es zu verlassen.

Sie konnten einander die Hände nicht geben und gingen mit Hast voneinander: noch war die Lehre im Schrein des Wunderglaubens begraben, noch hing der Erlöser am Kreuz, weil Juden und Judengenossen die göttliche Botschaft des Zimmermannssohns nicht verstanden.