Die Nazarener

Deutsche Jünglinge kamen nach Rom, schwärmenden Sinnes und ihrem Vaterland tief abgewandt; denn mehr als je wirkte Winckelmanns Lehre, daß nur in südlicher Sonne, nicht im Land der neblichten Wälder die Heimat der Kunst sei.

Sie kannten die gotischen Tafeln und die Glasfensterglut ihrer Farben, aber sie mochten das krause Figurenwerk nicht und die Eckigkeit ihrer Gebärden; ihr Sinn war sanft und auf den erhabenen Schwung, auf die Süße und auf die edle Figur der Italiener gerichtet.

Wie Dürer, der Meister von Nürnberg, die welsche Pilgerschaft machte, so kamen auch sie; aber sie liebten die Nachtigall nicht, die jenen aus Wittenberg lockte; sie kehrten, romantisch verzückt, in den Schoß der Kirche zurück.

Ein Barfüßerkloster stand leer in der ewigen Stadt, da fingen sie an, als Brüder zu leben, Nazarener genannt in den römischen Gassen mit ihren Faltengewändern, aber sich selber zu Stärkung.

Wie die Frühmeister malten, bevor das rauschende Gold Tizians kam, bevor die Leiber, einst bläßlich gebildet, mit blühendem Fleisch prahlten, bevor die bräunlichen Tiefen die klaren Gebilde der Fläche verhüllten: so sollten ihre Gestalten die Wände heiliger Räume abschreiten.

Denn nicht mehr prahlende Schilderkunst im goldenen Rahmen mochte ihr Werk sein; wieder wie einst wollten sie fein und geduldig Wände bemalen: die Haltung edler Figuren, der Faltenwurf großer Gewänder, die Einfalt frommer Gebärden allein sollten der Stolz ihrer Kunst sein.

Ihr Sinn war sanft, des wurden die Wandbilder Zeichen; die dunklen Gründe wurden erhellt, die glühenden Farben erblaßten, das brünstige Spiel des Lichts im Schatten verschwand: edle Einfalt und stille Größe, wie Winckelmann lehrte, wurden zärtlich lebendig.

Aber die Zärtlichkeit war wie das Mondlicht am Morgen, sie fror im mühsamen Tag und seufzte zurück in die schwellende Nacht, da noch Gestirne den Himmel umstanden.

Nur einem der Jünglinge stürmte das Blut in den Tag hin; Peter Cornelius war er geheißen, Protestant im Mönchskleid mehr denn sie alle, weil er allein katholisch geboren, aber ein nordischer Mensch war.

Er riß die edlen Gestalten aus ihrer Stille hinein in den Strudel starker Bewegung; er machte die schlafenden Umrisse wach, mit dem Linienwerk aufgescheuchter Gestalten ihr bläßliches Dasein hart zu umreißen.

Da wurde die Farbe den goldenen Rahmen und räumlichen Tiefen der Schilderkunst nachgesandt in die Verdammnis; die schwarze Kohle fing an, die weiße Fläche zu meistern, aus Wänden im Raum wurde der dürre Karton, in der Werkstatt mit Strichen gezeichnet.

So wurde im Barfüßerkloster zu Rom, im brünstigen Glauben der Kirche, dem Protestantismus die Kunst nachgeboren; deutsche Jünglinge wurden in Welschland katholisch, das seltsame Wunder zu wirken.