Die Türken vor Wien

Der Schwur von Loreto hatte das Reich leer gebrannt, aber noch immer kam der Glaubenskrieg nicht zur Ruhe: ein törichter Aufruhr ehrgeiziger Junker gab auch in Ungarn der Ketzerverfolgung endlich das Schwert und das Feuer zur Hand.

Vierhundert Pfarrer wurden gleich Dieben gefangen, und die sich des Widerrufs weigerten, wurden im Namen des Königs auf die Galeere gebracht.

Aber da fing dem Kaiser in Wien das eigene Haus an zu brennen; Graf Tököly rief die Türken ins Land, und Kara Mustapha kam mit dem unendlichen Völkergewirr seiner Scharen, den Halbmond gegen das gleißende Kreuz von Habsburg zu tragen.

Zum zweitenmal standen die Türken vor Wien, und ihr gewaltiges Lager war eine brausende Springflut rings um die zitternde Stadt.

Die Jesuiten mit ihrem gehorsamen Zögling waren nach Passau geflohen; so wild war der Zorn des Volkes auf sie, daß ihrer viele das Leben verloren, und nur verkleidet konnte der Kaiser die schimpfliche Flucht wagen.

Graf Starhemberg hieß der mutige Mann, der auf den zerschossenen Mauern der Stadt noch standhielt, als in der Bürgerschaft schon das Entsetzen an keine Rettung mehr glaubte.

Die Burgbastei war gesprengt, nur die eine Nacht noch konnte die Stadt den Sturm überstehen: wie Heimdals Horn die Asen aufrief, so sandte der Stephansturm den Hilferuf seiner Raketen hinaus in die Nacht.

Lange schon standen die Fürsten am Kahlenberg, aber sie waren zu schwach, den Sturm auf das gewaltige Lager der Türken zu wagen, bis Johann Sobieski, der tapfere König der Polen, sein starkes Heer brachte.

Die türkischen Sturmleitern standen am Morgen bereit, aber wie Doggen den Panther anfallen, so brachen die Polen und Deutschen vereint in das Lager und ließen nicht ab, bis das Wild gefällt war.

Zehntausend Türken lagen erschlagen, und ein verspätetes Kreuzritterglück holte die Schätze des Morgenlandes heim; denn ein unendlicher Troß hatte Kara Mustaphas Heer begleitet, und was sich nicht selber zu retten vermochte, war Beute.

Die Glocken läuteten Sieg vom Stephansturm wie niemals zuvor, und Johann Sobieski, dem Retter, wurden die Wege mit Blumen bestreut; auch der Kaiser war wiedergekommen, aber er konnte den Wahlkönig der Polen nicht in der Hofburg empfangen, weil er kein fürstliches Blut hatte.

Draußen im Lager von Ebersdorf wurde mit höfischem Umstand eine Begegnung zu Pferd vorbereitet; der Kaiser war gnädig, sein Hütchen zu lüpfen und einige Worte – peinlich bemessen – dem König zu sagen.

Höher als Wien, seine Hauptstadt, galt ihm der Habsburger Hochmut, und über dem Glück der Entscheidung, die das Abendland von der Türkengefahr befreite, stand den Schranzen der Hofburg der höfische Brauch.