Fichte

Als Napoleon Preußen zerschlug, als er nach Königsberg kam mit seinen flinken Husaren, war Kant schon begraben; aber die Lehre des Meisters hatte ihr leises Leben begonnen, indessen der laute Schritt des Eroberers über das Abendland ging.

Stark wie jemals ein Kaiser hielt er sein Schwert über die Fürsten und Völker Europas, aber die stärkeren Mächte der Herkunft boten ihm Trotz, und nun kam die stärkste, ihn zu bezwingen.

Denn stärker als je ein Schwert war, stärker als Herkunft und stärker als Herrschsucht und Haß der Bedrückten, stärker als alle Macht in der Welt ist der Geist, der um die wahre Freiheit zu ringen beginnt.

Eines Leinewebers Sohn aus der Lausitz war durch Armut hinauf in das Licht der kantischen Lehre gestiegen; weil er kein Weiser der Wissenschaft war wie der Meister, nahm er die Fackel zur Hand, das Licht aus dem Tempel zu tragen.

Sei dir selbst alles, oder du bist nichts! stand in den Flammen geschrieben, damit er den Brand in die Herzen der Deutschen zu bringen gedachte; denn Fichte war aus dem Weltbürgertraum seiner Zeit und der eigenen Jugend in den Entschluß der völkischen Pflicht eingegangen.

Nur Ewiges könne der Mensch wahrhaftig lieben, Dauerndes tun und bewirken, sei die innerste Mahnung und Lockung all seiner Wünsche: Dauer allein könne dem Menschen nur werden im Dasein des Volkes, darin sein einzelnes Leben mit Herkunft, Sprache und Sitte unlösbar in Dankespflicht sei.

So war die Lehre der freien Pflicht tapferer Wille geworden, dem irdischen Dasein redlich zu dienen, statt jenseits der Dinge das selige Leben zu suchen; Fichte, der furchtlose Mann, zögerte nicht, die Lehre als Tat zu erfüllen.

Indessen die Straßen Berlins von dem Schritt und dem Hörnerschall französischer Bataillone widerhallten, indessen Spione das Wort und die Haltung des Bürgers allerorts überwachten, stand er am Pult, von Deutschen für Deutsche schlechthin seine mutigen Reden zu halten.

Er sah und wußte, das deutsche Volk war die Spreu seiner Ernte geworden; aber die Ernte, zerstreut und verzettelt, war noch zu retten, wenn sich der Deutsche treu und tapfer zu seiner Herkunft bekannte.

Er sah und wußte, über das deutsche Volk waren Schmach und Schande gekommen, aber sein Unglück war Schicksal; es mußte sich wenden, wenn der Deutsche seine Sendung im Dasein der Völker erkannte.

Daß dieses geschähe, mußte ein junges Geschlecht das alte ablösen, mußte Erziehung zur deutschen Gesinnung die Abrichtung brauchbarer Untertanen ersetzen.

Er wurde nicht müde, der mutige Mann in Berlin, die neue Gesinnung zu fordern; wie die drei Könige mit ihrem Stern nach Bethlehem kamen, so pries er den Mann, Pestalozzi geheißen, der für die neue Gesinnung das neue Erziehungswerk brachte.

Die Bataillone des Korsen marschierten, und ihre Hörner klangen hinein, als der Leineweberssohn aus der Lausitz die Deutschen aufrief, wieder Deutsche im Schicksal der Herkunft und Sendung zu sein.

Die Stimme des mutigen Mannes verhallte, aber das Wort, einmal gesprochen, fiel als die Saat in furchtsame Herzen und ging als die Ernte der deutschen Gläubigkeit auf.