Kant
Der Sohn eines Pietisten und Sattlers in Königsberg sollte als Pfarrer studieren, aber die Wissenschaft lockte ihn mehr als die Kirche, ihre dogmatische Enge konnte ihm keine Lebensluft sein.
Alles, was es zu lernen gab, lernte der Jüngling; nichts lag ihm so fern, daß er nicht seinen Eifer daran versuchte, nichts lag ihm so nah, daß er nicht seine Lust daran büßte, Wesen und Sinn zu erkennen.
So konnte Immanuel Kant in der täglichen Welt nichts als ein Hofmeister werden: neun Jahre lang mußte der Sohn des Sattlers auf mehreren Gütern sein Dasein dienend hinbringen; aber der Sohn des Pietisten hatte schon früh die Tugend geübt, an der Täglichkeit nicht zu leiden.
Als er dann wieder nach Königsberg kam, lehrend zu lernen – ein ältlicher Jüngling, aber gesellig und heiter – kam schon der Ruf mit ihm, daß er schärfer zu denken und mit helleren Worten von seinen Gedanken zu reden vermöge als sonst ein Professor.
Das war im selben Jahr, da der Spötter von Sanssouci den großen Krieg plante; und bis der Stern Napoleons stieg – fast ein halbes Jahrhundert – blieb Kant in Königsberg, lehrend und lernend, und wurde ein Licht, das Abendland zu erhellen.
Lächelnd von Liebe und Weisheit hatte der Zimmermannssohn die Freiheit der Seele gelehrt, und daß ihr heimliches Reich jenseits der Wirklichkeit wäre und höher als alle Menschengewalt.
Aber die Kirche des Juden aus Tarsus hatte das Kreuz vor die Lehre gestellt, hatte der gläubigen Seele Lohn und Strafe verheißen und zwischen Himmel und Hölle ihr Gnadentor der Erlösung gebaut.
Ein Jahrtausend und mehr hatte sein Wahnreich der Priester die Menschheit in Hoffnung gehalten, selige Schauer und fromme Verzückung, Furcht und Zittern verzwickter Gedanken waren um seine Himmels- und Höllenverheißung gewesen.
Bis endlich der Menschengeist wieder erwachte, lieber zur Hölle zu fahren, als daß er sich in den Himmel der Priester hinein glaubte: Zweifel und Trotz stellten die uralte Frage der Wahrheit, und die Wirklichkeit gab grausame Antwort.
Die Wirklichkeit war die Notwendigkeit der Natur und die Unabänderlichkeit ihrer Gesetze; ihr galt der Mensch nur ein Ding und ein Tier und alles, was er zu denken, fühlen und ahnen vermochte, stand im Zwang ihrer Gleichung.
So konnte der Menschengeist nur seine Unfreiheit erkennen, und all seine Wissenschaft baute nur an der Mauer dieser Erkenntnis um ihn; aber der Sohn eines Sattlers in Königsberg wurde zum andernmal sein Erlöser, er öffnete ihm die verschüttete Tür in der Mauer und machte ihn frei von der Wirklichkeit seiner Sinne.
Alle Erkenntnis der Wirklichkeit war gebunden an Raum und Zeit, und alle Gesetze ruhten darin wie die Tür in der Angel; aber Raum und Zeit hafteten nicht an den Dingen, sie waren dem Menschengeist eigen, Ordnung in die Erscheinung der Sinne zu bringen.
Die Tafeln des Gesetzes kamen nicht aus der Wirklichkeit, der Menschengeist schrieb sie ihr vor, und die vermeintliche Ordnung der Sinnenerscheinung war seine Schöpfung der Welt.
Das war die Tür, die Immanuel Kant aus dem Zwang der Wirklichkeit fand, aber sie führte in keine Willkür hinaus; denn dem Menschengeist war das eigene Reich eingeboren, darin er von aller Sinnenwelt frei blieb, um seiner eigenen Wirklichkeit tiefer verpflichtet zu sein.
Gut und böse in seinem Willen zu scheiden, aus seiner Vernunft allein die Pflicht seiner Tat zu empfangen: war seine Wirklichkeit unter dem Wasserspiegel aller Erfahrung, war seine Wahrheit und Freiheit.
Nicht anders als einmal der Zimmermannssohn hatte Immanuel Kant den Weg und die Pflicht der Freiheit gefunden, nur daß er die Gnade der gläubigen Seele nicht kannte, daß er im Frage- und Antwortspiel seiner Gedanken der friedlose Menschengeist blieb.
Und daß er nicht ging auf den Straßen zu lehren, lächelnd von Liebe und Weisheit, daß er im Tempel der Schriftgelehrsamkeit blieb.
Wie ein Städtebaumeister Straßen und Plätze, Häuser und Gärten in seinem Grundriß bestimmt, wie er die Willkür ausschaltet und jedem Teil seinen Platz im Ganzen erzirkelt, so gab er dem Menschengeist seinen Plan, sich gegen Gott und Welt den Tempel der Freiheit zu bauen.
Er wurde sehr alt und ein schlohweißes Männchen und mußte das klägliche Schauspiel erleben, daß ein Minister im Namen des Königs von Preußen ihm Lehre und Schrift unterband.
Als er gestorben war, trugen Studenten den Sarg in den Dom, und alle Glocken in Königsberg läuteten seinem Leichnam zu Grabe, wie wenn der heimliche Herzog in Preußen zum ewigen Schlaf einginge.
Aber ihm war das ewige Leben gesegnet: sein Werk war bestellt, sein Plan war vollendet, neben den heimlichen Gärten der Seele den sichtbaren Tempel der Freiheit zu bauen.