Friedrich List
Als die Deutschen den Schillertag feierten, war es im dreizehnten Jahr, daß ein anderer Schwabe, verdüstert und müde der deutschen Ermattung, in Kufstein sein rastloses Leben mit einer Kugel beschloß.
Er war kein Dichter, und als er am Tübinger Stift Staatswissenschaft lehrte, hieß ihm Hölderlin wenig; unnütze Träume galten dem praktischen Schwaben Griechenlands Götter, und bläßliche Feiertagsfreude galt ihm ein Frühlingsgedicht.
Ein fröhlicher Hammerschlag lockte ihn mehr als die Wehmut versunkener Dinge; und weil seinem Gegenwartssinn verschimmelte Weisheit zu lehren nicht mehr behagte, weil zuviel Pastorengeruch in der Tübinger Luft war, ließ er sein Amt, das Stift und die Stadt, in Stuttgart den Stätten der Arbeit näher zu sein.
Das aber war zu der Zeit, da Sand den Kotzebue totstach, da die Karlsbader Beschlüsse den Mord an der deutschen Burschenschaft rächten; sie fanden auch List, der die Regierung in Stuttgart mit zornigen Eingaben plagte, und setzten den lästigen Mahner hinter das eisenbeschlagene Tor auf dem Asperg.
Sich aus der harten Haft zu befreien, versprach er, das schwäbische Land mit der neuen Welt zu vertauschen und über dem Meer dem frommen Geheimrat nicht mehr im Weg zu sein.
So kam der Reutlinger Schwabe zu seiner Weltbürgerschaft, so kam der arme Professor zum Reichtum; denn als er drüben das Glück in einem Kohlenflöz fand, griff seine Schwabenhand zu: solch einen Hans im Glück hatten die Leute im Osten längst nicht mehr gesehen, wie es der Schwabe in Pennsylvanien war.
Aber er wollte ein anderer Glücksritter werden als für den eigenen Beutel; er hatte die Quelle des Reichtums gefunden und wollte sie fließen machen für alle: Deutschland sollte nicht länger das Hungerland seiner Fürsten und ihrer höfischen Bettelschaft sein.
Der Traum einer anderen Wirtschaft blühte ihm auf, als der Zünfte und kleinen Gewerke: der deutsche Boden war schwer an Schätzen; Kohlen und Eisen konnten dem Vaterland Wohlstand und Freiheit bedeuten; denn die Armut allein – so glaubte sein glühender Traum – machte die Menschen unfrei.
Bahnen, quer durch die Grenzen der Fürsten gebaut, sollten den Städten die Nahrung der Bauernschaft bringen; die Städte hingegen sollten die Werkstätten sein für alles Gerät, das die Landwirtschaft brauchte.
Eines sollte dem andern die Waage des Wohlstandes halten, rascher Verkehr und planvoller Handel sollten die Preise bestimmen, Zölle die heimischen Werkstätten schützen, Ausfuhr und Einfuhr die kluge Benützung des Weltverkehrs sein.
Ehe sein glühender Eifer mit solchem Traum in die Wirklichkeit ging, schrieb er ihn auf in dem klugen und heftigen Buch seiner Volkswirtschaftslehre; dann kam er zurück übers Meer wie der Hans im Glück, mit dem Goldklumpen seiner Pläne das deutsche Volk zu beglücken.
Aber das deutsche Volk saß im Spinnennetz seiner Fürsten, seine Gegenwart war an den Grenzpfahl gebunden und seine Zukunft an den Geheimrat; wo ein Stück grünes Land war, ging die Vergangenheit auf die Weide.
Was in der neuen Welt ein Kinderspiel schien, war ein Herkuleswerk in der alten; jahrelang ringend mußte der schwäbische Hans seinen Goldklumpen tauschen, bis er am Ende von all seinen Täuschen den grauen Wetzstein behielt.
Da wußte er freilich, daß es zuerst die Schärfe der deutschen Sensen und Sinne aus ihrer Stumpfheit zu wetzen galt; und er wetzte, daß aus den Funken der Brand in die faulen Strohdächer sprang.
Bis der Hans im Glück ein verdrossener Mann und seine Volkswirtschaftslehre ein durchlöcherter Regenschirm war, bis eine Kugel die letzte Enttäuschung bezahlte, bis Friedrich List in Kufstein verscharrt wurde.
Aber sein Goldklumpen war unterdessen in rüstige Hände gefallen: was Friedrich List nicht vermochte, das münzten sie aus, ihren Beutel zu füllen; und als sich im Flickwerk der Fürsten Wohlstand und Freiheit zu regen begannen, regte sich sein Vermächtnis.