Der Schillertag

Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis; die Zeit der deutschen Bildung begann, aber die Bildung hatte bei Gellert zu Abend gegessen und dreist Goethes Schlafrock angetan.

Glauben und Glück gingen am Sonntag spazieren; die Kunst als Pudel der Bildung spaßhaft geschoren, sprang nebenher.

Das war die Zeit, da Beethoven einsam sein Alterswerk schrieb, indessen der Freischütz dem Bürger das Morgen- und Abendlied wurde.

Das war die Zeit, da fleißige Maler der Bildung Romantik ins Album malten, da die Sehnsucht der Sänger nur noch die Wohllust der häuslichen Herrlichkeit war.

Da Ludwig Richter um die Gestalten der Märchen und Sagen sein liebes Rankenwerk machte, da jeder Malergesell ein Taugenichts wurde von Eichendorffs Gnaden.

Das war die Malkastenzeit, da die Stadt an der Düssel sich ihrer Gärten und Künstlerschaft rühmte, da der Rhein eitel Mondschein und Becherklang war.

Da die Raffaeliten in Remagen ihre blasse Frömmigkeit malten und Rethels herrliche Hand, die den Totentanz machte, an den Bildern im Aachener Kaisersaal traurig verdorrte.

Da Kaulbach ein neuer Michelangelo wurde, bis endlich Piloty, der deutsche Tizian kam, seinen unsterblichen Ruhm unsterblicher zu verdunkeln.

Das war die Zeit, da Schillers Geburtstag zum hundertsten Mal jährte.

Der Goethetag war eine verborgene Feier gewesen, ein Sternbild über dem stummen Land; der Schillertag wurde das rauschende Fest seines Volkes.

Den Sänger der Freiheit hießen sie ihn, und weil die Freiheit im deutschen Bund eingesargt war, kam die deutsche Bildung mit Kränzen und Fahnen, mit Böllern und Glockengeläut, mit Reden und Männergesängen, das Grab der Freiheit zu feiern.

Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis; aber am Schillertag blühte im Kornfeld der Bildung das Unkraut der deutschen Begeisterung auf.

Der Geheimrat hörte das Glockengeläut gern; wohl brauste die Jugend hinein und manche Rede klang scharf in den Tag: aber das Wahre, Schöne und Gute hatte gesiegt über die Geister von gestern, und hatte die Völker in seiner Hand fromm und glücklich gemacht.