Hebbel

Goethe war tot und sein gewaltiges Werk wurde noch nicht lebendig, Heinrich von Kleist war vergessen, Stifter und Mörike blieben dem deutschen Volk unbekannt: da wuchs zum andernmal ein Gewaltiger auf, mit seiner Dichtung das Höchste zu wagen.

Zu Wesselburen im friesischen Land hielt sich der Kirchspielvogt einen Schreiber, Friedrich Hebbel geheißen, das Kind armer Leute; aber dem Knaben, schüchtern und ungelenk, wuchsen die blonden Haare um eine hohe Stirn, die von anderen Dingen als seinem täglichen Schreiberdienst voll war.

Sieben Jahre lang schrieb er tagsüber um kärglichen Lohn bei dem Vogt, sieben Jahre lang aber gehörten die Nächte dem Dichter, der in dem friesischen Maurersohn mit schneidenden Schmerzen zur Welt kam.

Als ihm dann endlich die Tür aufgemacht wurde, als ihm Amalie Schoppe altjüngferlich half, nach Hamburg zu kommen, als er in München und Heidelberg wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der andern Studenten in die Hörsäle ging: hielt die Wohltätigkeit seine Armut am Leben.

Sie verließ ihn auch nicht, als sein Trauerspiel von der biblischen Judith offenbar machte, daß wieder ein großer Dichter in Deutschland war, daß in der Gewalttätigkeit seiner Figuren ein Riesengeist seinen Schritt maß.

Das Schicksal hatte den Dichter um seine Jugend gebracht, er trat als Mann in die Welt: das Jünglingsfeuer konnte an ihm nicht mehr entbrennen, wie es vordem an Schillers Räubern entbrannte, und die Männer der Zeit fand er als dumpfes Geschlecht.

So mußte Hebbel den Weg einsam beginnen, und niemand holte ihn ein, bis er im Felsengebirg seiner Höhe sich abseits der Zeit, abseits der Liebe, abseits der Ehrfurcht trotzig allein fand.

Einmal rief er zurück, als er den Menschen seiner Zeit den Meister Anton hinstellte, als er die Kleinbürgerwelt in sein bitterstes Stück ballte, ihre Enge und seine Herkunft zermalmend.

Aber die seine Stimme vernahmen, wichen erschrocken vor seinem Ingrimm und seiner grausamen Kälte zurück, weil sie die Sehnsucht darin nicht verstanden.

So stürmte er weiter ohne Genossen und schrieb, schon im Geleucht der Firnen, das Hohelied der Keuschheit, als er Gyges und den entweihten Ring vor den Richterstuhl stellte.

Als er zuletzt, seinem Volk in der dumpfen Gegenwart fremd, in die Ferne der Herkunft hinein blickte, ritten am Himmelsrand hin die gewaltigen Recken der Nibelungen zu ihrem Blutfest in Ungarn.

Was keiner zu wagen vermessen sein konnte, er tat es: er rief die Gewaltigen an samt ihrer Riesenfrau Schwester Kriemhild und bannte die Schatten auf seine Bretter.

Seit Goethe den Faust rief, seit Kleist die homerischen Helden beschwor, wurde nicht mehr so Großes gewagt: die Zeit kam und staunte in ihre riesige Herkunft, aber sie konnte aus ihrer Kleinheit die Größe nicht mehr ermessen.

Wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der jungdeutschen Dichter stand Hebbel, als er sein Tagebuch schrieb: sein Riesengeist fand sich selber zuletzt als Genossen; es schauerte ihn vor den eigenen Blättern, wie seine Seele allein in der Zeit und seinem Volk war.