Stifter

Dem Pfarrer in Cleversulzbach lebte ein heimlicher Bruder in Österreich, seines Zeichens ein Schulrat in Linz, Adalbert Stifter geheißen.

Der Sohn eines böhmischen Leinewebers war mühsam zur Bildung gekommen; unschlüssig und keiner Zukunft gewiß hatte der Jüngling in Wien studiert; als er kein Ende fand, mußte er Hauslehrer sein, bis er, schon grau, durch vermögende Freunde als Schulrat in Linz ein erträgliches Amt fand.

Fünfzehn Jahre lang hielt er sein Amt aus, dann nahm er den Abschied, sich selber zu leben; aber der Tod erlöste ihn bald aus der Plage.

So lag die Pflicht auf dem Leben Adalbert Stifters, als die Sorge nicht mehr darin war, und peinigte ihn, der einen Libellensinn hatte und eher ein Landfahrer war denn ein Beamter; aber die tägliche Pflicht und alle Verstimmung leer gedroschener Stunden reichten nicht auf den Grund, wo der Dichter unterirdisch im Glück war.

Adalbert Stifter hatte in Wien malen gelernt, und wie ein Maler sein Bild wohl aus der Wirklichkeit nimmt, aber die Bäume und Bäche, die Menschen darin und das Gewölk über den Fernen in seinen Farbengrund senkt, daß alles, was einzeln war, Einheit gewinnt in der Fülle des Ganzen: so malte sein Wort die sanften Gebilde.

Er konnte von einem Schicksal berichten, wie einer den Mittag mit all seiner lodernden Glut im blanken Seespiegel sieht: gestern und heute waren eins; alles, was Gegenwart schien, war schon gewesen, wenn seine Sinne es sahen, und alles Vergangene stand wieder zur Gegenwart auf, wenn seine Gedanken es fanden.

Denn jenseits von Zeit und Raum war die Seele ein Spiegel des ewigen Anblicks; was sie verband, war ewig verbunden, und was ihr Gedächtnis behielt, war ewig getrennt vom Versunkenen.

Darum waren die Bücher des Schulrats in Linz seltsam mit Dingen gefüllt, die, allen bekannt, unsagbar fremd erschienen, wie ihre Einzelerscheinung in seinen Schwarzspiegel versenkt war:

Rot hieß nicht rot, und blau hieß nicht blau, und dennoch stand alles in farbiger Glut; wie ein Kind durch buntes Glas die Welt unheimlich fremd und dennoch mit all ihren Dingen vertraut, staunend betrachtet.