Mörike

Nur Einem hatten die Nornen die silberne Spindel in seine ärmliche Wiege gelegt, nur Einem wurde die Enge zum Schicksal, das er mit stolzer Bescheidung bezwang.

Vikar an mancherlei Orten, zu Cleversulzbach im Unterland Pfarrer, dann kränkelnd in Mergentheim, fünfzehn Jahre lang als Lehrer in Stuttgart geplagt und dreizehn danach auf seinen Tod wartend: trug Eduard Mörike recht wie ein Stiftler sein irdisches Leben.

Ein zarter Jüngling wurde ein kränklicher Mann und ein Greis, von den Nöten des Alters geplagt; eine gläserne Seele, zart und zerbrechlich, mußte ein langes Leben aushalten, bevor ihr der Tod den dünnen Stengel abbrach.

Aber die gläserne Seele, zart und zerbrechlich, nahm ihre irdische Enge hin, wie eine Blume im Garten den Lärm spielender Kinder, Hundegebell und Hammerschlag aus der Schmiede, Rädergerassel und Glockengeläut still übersteht.

Der säuselnde Wind sang in das Lied ihrer steigenden Säfte; die Sterne der Nacht, ihre ewigen Schwestern, standen im Schlaf ihr zu Häupten, und ihre Mutter, die Sonne, küßte sie wach in den Morgen.

Da war der irdische Tag nur die bunte Verkleidung, darin sie mit ihren Wurzeln und Säften, mit ihrem schwellenden Kelch und der leuchtenden Blüte ein dankbares Kind der ewigen Wiederkunft war.

So machte der kränkliche Pfarrer im schwäbischen Unterland seine Gedichte; eine unsterbliche Seele war ihrer Wirklichkeit froh in der schlichten Verkleidung, ein Sendling der Ewigkeit ging durch den Tag, staunend und stolz seiner Demut.

Da wurden ihm alle Dinge dankbar vertraut, und allen sprach er den zärtlichen Gruß seiner Seele; die Freuden trank er, wie einer den Trunk auf der Wanderschaft nimmt, die Leiden hob er wie Spinngeweb auf und ließ sie im Sonnenschein schimmern.

Nie wieder nahm Einer die kleinen Dinge so innig zur Hand, nie streichelte Einer das Leben so dankbar, dem es im Tiefsten so fremd war.

Nur einmal verriet er die Herkunft, als Weyla, das göttliche Kind seiner Seele, Orplid die Heimat besang, als Könige kamen, seiner Gottheit Wärter zu sein.