Jesus von Nazareth

Als der Kaiser Augustus zu Nola in Campanien den Tod sterben mußte, der das Vorrecht der Gewaltigen auslöscht wie das Unrecht der Geringen, ging Jesus von Nazareth erst in die Jünglingsjahre: aber noch war Tiberius nicht in den Polstern seines grausamen Alters erstickt, da hatte das Kreuz von Golgatha schon den Zimmermannssohn zum Messias erhöht.

Das prahlende Glück Cäsars und der Glanz des Augustus hatten dem wölfischen Weltreich die blutige Tollheit des julischen Tyrannen gebracht: die Lehre des Nazareners ging auf wie Blumen, heimlich in die Gärten der Greuel gesät.

Das erste Lot aber seiner Lehre war dies: dem Kaiser gehört euer Leib und alles, was seine Notdurft verlangt, er kann ihn behängen mit goldenen Ketten und kann ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber gehört eure Seele und alles, was ihre Sehnsucht vermag, er kann die goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen!

Denn der, den sie Messias, das heißt den Gesalbten, nannten, kam nicht gegürtet mit einem Schwert, sein Reich zu raffen: er ging als Pilger über die Straßen und Märkte des jüdischen Landes, lächelnd von Liebe und Weisheit, und säte den Samen der Freiheit in furchtsame Herzen.

Und weckte Gott aus den Seelen der Menschen, daß er stark würde in jedem, des irdischen Daseins zu lächeln.

Denn das zweite Lot seiner Lehre war dies: Gott ist kein böser Tyrann, über euch thronend in den Wolken, durch Opfer und gute Werke versöhnbar, Gott ist der ewige Geist aller Dinge, und jedem, der ihn in Wahrheit erkennt, wird er ein liebender Vater.

Darum brauchte Jesus von Nazareth nicht das Bußgeschrei der Propheten noch die Gottesfurcht ihrer Priester: sein himmlischer Vater ließ seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, er ließ regnen über Gerechte und Ungerechte, weil allen sein Himmel der Liebe geöffnet war.

Allen, die gläubig der Gotteskindschaft zur ewigen Allmacht eingingen, die solches Wunder dem sterblichen Menschen erwies und ihn aus der Notdurft und sündigen Furcht seines Leibes zur Freiheit der unsterblichen Seele erlöste.

Denn das war das dritte Lot seiner Lehre: das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen; es ist der Himmel des Herzens in euch, Reinheit und Demut sind seine Pforten, gläubige Liebe zum Vater hält seine Burg, und tätige Liebe den Brüdern gibt ihm die ewigen Waffen.

Als aber Jesus, der Zimmermannssohn, der dieses lehrend über die Straßen und Märkte des jüdischen Landes ging, sich selber als Liebespfand der Allmacht geopfert hatte, als mit dem Hosiannageschrei und dem Kreuzestod der Umkreis seines irdischen Daseins umrissen war: da blieb der Kreuzestod in den Herzen seiner geflohenen Jünger und hatte das Lächeln der Liebe und Weisheit in den Schmerz des Opfers verkehrt; und grausam ging durch die frohe Botschaft der Riß von Golgatha.