Paulus
Die seine Lehre hörten und ihm als Jünger folgten, waren Fischer und Findlinge der Einfalt; sie glaubten treulich, daß ihr Meister der Messias aus dem Geschlechte Davids wäre und warteten in Demut der verheißenen Wiederkunft.
Sie hielten sich abseits vom Tempel in der Gemeinde und lebten gemeinsam aus einem Eigentum; sie waren Juden und gedachten, das Gesetz und die Propheten zu erfüllen.
Es kam ihnen aber ein Teppichweber zu mit Namen Saul aus Tarsus in Kleinasien und römischer Bürger, der in Jerusalem die Schrift studierte, Rabbi zu werden.
Glühender im Geist als sie und im Gewissen wühlend, hob er das Sinnbild der Versöhnung aus dem uralten Passahbrauch der Juden: er hieß Jesus das Opferlamm Gottes und den Glauben an den gekreuzigten Gott die Erlösung aus Sündenschuld.
Was eine Lehre der Liebe und der Weisheit in Galiläa war, das wurde Glut des Glaubens, die das Gebälk des jüdischen Gesetzes und das Tempeldach feurig durchbrach.
Denn Saulus kannte die Wehen der Griechenweisheit und wie die aufgerührte Welt nach einem Wahrspruch brannte: ihm waren die Mauern Jerusalems zu finster und die Grenzen Judäas zu eng für seine Sendung.
Er nannte sich Paulus und trug die Fackel seiner Botschaft von Antiochien nach Zypern, von Troas nach Mazedonien hinüber und fragte nicht, ob Juden oder Heiden daran entbrannten.
Es war nicht sein stolzester Tag auf dem Markt von Athen, da die Griechen den Juden von Tarsus einen Lotterbuben nannten; aber da sprach er sein Wort von Gott, in dem wir leben, weben und sind.
Zwischen den Standbildern ihrer gestorbenen Götter, wo das Stichwort der Stoiker galt von der menschlichen Seele als Absenker Gottes, blies er dem blutleeren Balg ihrer Lehre den Atem seines glühenden Glaubens ein und hob ihn auf den leeren Altar, der dem unbekannten Gott wartend dastand.
Als er dann wiederkam zu den zürnenden Jüngern, die seinen heidnischen Gläubigen den Eingang in ihre Gemeinschaft verwehrten, schnitt er die Nabelschnur ab von der mosaischen Mutter: der Kreuzestod Christi sei die Erlösung auch vom Gesetz der jüdischen Thora.
Es war die Geburt der christlichen Kirche, als Paulus sich so vor den Jüngern Jesu bekannte; nicht mehr die Lehre der lächelnden Liebe und Weisheit gab seinem glühenden Glauben den Grund: der gekreuzigte Gott, auferstanden vom leiblichen Tod und herrlich gen Himmel gefahren, war das Wunder seiner Verkündung und die Gotteskindschaft der Seele sein Gnadenbeweis.
Aber nun galt der Apostel, der dreizehnte neben den Zwölfen, nicht mehr als Jude; als er dennoch einging zum Tempel, machten die Jünger einen Aufruhr um ihn und wollten ihn steinigen, bis ihn der römische Hauptmann der Wache den zornigen Händen entriß.
Seitdem berief sich der Jude aus Tarsus als römischer Bürger, der Christenapostel ging ein in die Stadt, die das alternde Haupt der alten Welt war und durch seinen Glauben die neue Herrschaft gewann.
Das Reich der Seele wollte mächtig werden in der Wirklichkeit der Leiber, das Buch der Richter des neuen Bundes begann das stolze Kapitel der römischen Kirche.