Joseph der Zweite
Ein silberner Mond schien über Wien und das österreichische Land, da Maria Theresia Hausfrau und Kaiserin war; aber ihr hitziger Sohn ging auf in der Frühe als ein sehr starker Komet.
Er sah den Stern von Sanssouci strahlen, und schon dem Jüngling entbrannte der Ehrgeiz, sein grelles Gefunkel zu überglänzen: was Friedrich als König in Preußen dem Volk schuldig blieb, das wollte Joseph der Zweite im Reich als Kaiser bedeuten.
Fröhlicher als sonst eine Krönung wurde die seine in Frankfurt gefeiert; der schlanke Jungmann, leutselig und licht gegen jedermann, gefiel der staunenden Menge; nur die Fürsten und Räte der Reichsherrlichkeit krausten die Stirnen.
Sie sahen den Ehrgeiz auf andere Dinge als auf den Glanz der Reichskleinodien gerichtet, sie hörten den Habsburger Hochmut in seiner Leutseligkeit knistern und waren besorgt, das Reich möchte wiederkommen.
Als der Kaiser dann hitzig anfing, den Staub auszuklopfen, als er dem Reichshofrat und dem Lindwurm des Reichskammergerichts hart auf den Leib rückte, als das Gespenst eines klaren gemeinsamen Reichsrechtes die Hüter des Lindwurmes erschreckte: fing heimlich und boshaft der Widerstand an.
Der scheckige Reichsmantel war aus den Lappen und Flicken der Fürsten und Fürstchen geschneidert; als Joseph der Kaiser ihn nach dem prunkvollen Umstand der Krönung anziehen wollte, rissen die Nähte.
Er mußte mit seiner Gerechtigkeit warten, bis ihm die eigenen Erbländer gehörten, die seine Mutter noch immer als Hausfrau regierte.
Er stand im vierzigsten Jahr, als sie starb, nur ein Jahrzehnt blieb seinem hitzigen Tun; als ob er den frühen Tod spürte, ließ er den Kehrbesen nicht aus der Hand, der Staub wirbelte hoch und manche Gasse wurde rein, wo er sich regte.
Er hob die Leibeigenschaft auf, daß der Staat im Recht der freien Gemeinde statt in der Willkür reicher Machthaber stände; er sah nach den Schulen der Armen und daß die reichen Grundherren mit an den Lasten des Staates trügen, dem sie den Genuß ihres sorglosen Daseins verdankten.
Er tat, was nie ein Habsburger wagte, er sagte der Kirche die Hörigkeit auf.
Wo eine üppige Weide, ein prangender Weinberg, fruchtbares Feld war, wo fleißiges Bauernvolk schaffte, hatten im Habsburgerland die Klöster sich breit aufgetan; er ließ sie schätzen und schließen, wo ihr Dasein nur eine Pfründe für den fürstlichen Abt und wo die Schar der Bettelmönche nur eine Landplage war.
Als er das Letzte zu tun nicht zagte, als Joseph der Zweite im Erbland Ferdinands das kühne Toleranzedikt gab, das jedem Christen die Kirchenform seines Glaubens freistellte: da ging ein Seufzer durch Österreich, daß nun der Antichrist käme.
Der Papst fuhr selber nach Wien, den Kaiser zu warnen; der nahm ihn auf, wie es dem Statthalter Petri gebührte, aber er wollte seinen Völkern Gerechtigkeit tun und folgte allein seinem Gewissen.
So legte er selber die Wurzeln der Habsburger Macht bloß; als er danach aus all seinen Kronländern einen Staat machen wollte, fehlten der Hofburg die eifrigen Hände, die Habsburg stark gemacht hatten.
Böhmen und Ungarn wollten den Habsburger dulden als Träger der eigenen Kronen, aber niemals Österreich untertan sein; als er die Herkunft zu zwingen begann, säte er selber die Drachensaat der Empörung.
Im brabantischen Land fing sein Mißgeschick an, wo die Schwester Christine als Statthalterin spöttisch regierte: wie die sieben Provinzen Philipp von Spanien den Gehorsam aufsagten, so taten ihm nun die andern, als er die Landesverfassung aufhob.
Der Staat, das bin ich! sagte auch Joseph der Zweite und wollte den Völkern Gerechtigkeit bringen; aber sie waren das Unrecht gewohnt und wollten lieber darin verharren, als der Herkunft der Väter ungetreu sein.
Wie Karl der Fünfte einst in St. Just legte der sterbende Kaiser die Zügel der Herrschaft hin; die Kronländer für Habsburg zu retten, zerriß er mit fiebernden Händen die neuen Gesetze.
Nur unter den Armen in Wien, die er aus Willkür und Unrecht befreite, blieb sein Bild rein im Gedächtnis: seine Mutter hatte das Land in der alten Ordnung gehalten und starb mit Liebe gesegnet, er wollte die neue Gerechtigkeit bringen und siechte im Haß hin.