Kaiserswerth
Als Heinrich, der Kaiser und Richter der Christenheit starb, war Heinrich der Knabe schon König der Deutschen; Agnes die Mutter führte die Herrschaft für ihn, und Victor der Papst gab ihr selber das erste Geleite.
Zum andernmal hielten Frauen und Priester das Reich in den Händen; nun war es nicht mehr Mathilde, heilig und mild, nicht mehr Meinwerk der frohe und Bernward der feine: die Welt war düster geworden im Schatten von Cluny.
Die Kaiserin war eine fromme Frau, doch fremd im feindseligen Land der Sachsen, sie ließ sich unbedacht leiten von Launen und Leuten, der Knabe war klug und wild, und die der Mutter im Ohr lagen, schmeichelten seinen Gelüsten.
Anno, der zänkische Bischof von Köln, sah den Bischof von Augsburg allein am Königshof gelten; er sah die Ehren und Güter verschwinden und wollte den Knaben selber besitzen.
Sie saßen zu Kaiserswerth und hielten am Rheine ein heiteres Mahl, Mutter und Sohn mit den Fürsten; sein Schiff zu beschauen, ließ Anno den Knaben verlocken: der Knabe kam fröhlich; aber als sie ihn hatten, fuhren die Knechte davon. So fing sich Anno den kostbaren Vogel und holte ihn heim in den finsteren Käfig der kölnischen Burg.
Nun stand es ihm zu, Güter und Ehren im Namen des Königs zu nehmen und spenden; aber der Knabe war klug und wild und trotzte dem scheltenden Zänker.
Auch weil ihm die anderen Großen den Knaben bestritten, wurde Anno des Raubes nicht froh; er mußte das Unrecht mit ihnen teilen; jeder wollte ein Jahr lang den goldenen Käfig halten.
Adalbert aber, der Bischof von Bremen, der ihn von dem Kölner bekam, wußte das Pfand klüger als Anno zu nützen. Er gab dem Königsknaben den Königssinn seiner Herkunft und Zukunft zu schmecken; er ließ ihn den Stolz hochgreifender Pläne erfahren und malte in seine hochmütige Seele die lockenden Bilder zukünftiger Größe.
Der Knabe war klug und wild und trank den Honigseim gern: aus zänkischer Enge in die Verführung lockender Weite gestellt, sah er den Himmel kommender Macht zu seinen Häupten gespannt.
So wurde Heinrich der Vierte König der Deutschen; mit fünfzehn Jahren nahm er den Reichsapfel anders zur Hand, als ihn sein Vater sterbend hinlegte.
Neun Jahre lang hatten die Großen und Grafen mit dem Reichsapfel Fangball gespielt; nun kam ein Knabe, hochmütig und frech, ihn auf den Gipfel des Ruhmes zu tragen.