Otto, Sohn der Mathilde
Ihm war eine reiche Wiege bereitet: Kraft und Ehre standen dem Sohn Heinrich des Finklers zu Häupten, Liebe und Zucht lagen dem Knaben Mathildens zu Füßen, der edlen Fürstin in Sachsen.
Als sie ihn krönten zu Aachen im Kaisersaal, war Otto ein Jüngling; aber die Sterne der Macht standen ihm zu, und er ließ die Sterne freudig gewähren.
Die Herzöge kamen, das Erzamt der Krönung zu üben; die Kirche brachte das Öl, ihn zu salben; die Schwerter der Grafen hielten die Ehrenwacht; das drängende Volk sah den Glücklichen sitzen im Prunkmantel karolischer Herrschaft.
Aber das böse Jahrhundert karolingischer Händel hatte der großen Gewalt die kleinen Gewalten geboren: die ihm die Erzämter dienten, mußten erst seinen Willen erfahren, nicht nur im prunkvollen Fest seiner Krönung König der Deutschen zu heißen.
Denn noch waren die Deutschen kein Volk; aus dem Streit der Stämme waren die Händel der Großen geworden, aus dem Neid der Sippen der Stegreif machtlüsterner Grafen: die Ohnmacht des Reiches stak in der Vielheit lahmer Gewalt.
Der Herzog von Sachsen mußte sich erst Gehorsam erzwingen, als König und Herr der deutschen Stämme im Recht seiner Krone zu schalten.
Das eigene Blut warf ihm den bösesten Trotz vor die Füße: Heinrich, der jüngere Bruder, bestritt ihm die Erbschaft, weil er ein rechter Königssohn war, und Otto war noch der Sohn des Herzogs von Sachsen.
Drei Jahre lang trotzten die Schwerter am Rhein und in Schwaben, in Sachsen und Bayern; alle Gewalt der Großen und Kleinen, die dem sächsischen Königtum feind war, verband sich dem Aufruhr des Bruders; Friedrich, der Bischof von Mainz, trug die Fackel.
Denn die fränkische Priesterschaft blieb der Todfeind der neuen Sachsengewalt; die Kirche ließ keine Königsmacht gelten, der sie nicht selber der mächtige Hausmeier war.
Wie ein Seefahrer seine Schiffe kühn an der fremden Küste verbrennt, ließ Otto dem tapferen Billung sein Herzogtum Sachsen, wider den Hochmut der Herzöge, wider den Trotz der Grafen und wider die Feindschaft der Kirche das deutsche Königtum zu erringen.
Drei Jahre lang klangen die Schwerter im Bruderstreit, wie sie um Siegfried und Hagen, um Dietrich und Odoaker klangen; aber der Siegespreis sollte das trotzige Bruderherz sein.
Denn nicht mehr schürten Brunhild und Kriemhild den Brand mit dem Haß ihrer unholden Seelen: Mathilde, die sächsische Mutter, wollte das trotzige Blut ihres Leibes in Liebe erlösen.
Und weil ihre Liebe nicht abließ, gelang ihr zuletzt die Versöhnung: Heinrich, der hochfahrende Sohn der sächsischen Königsmacht, beugte sich seinem stärkeren Bruder, der ihm großmütig verzieh.
Aber der König hatte das Schwert, nicht das Herz seines Bruders bezwungen; und mehr als die Schärfe weckte der Großmut den Haß: Meuchelmord sollte den Streit der sächsischen Brüder beenden.
Als dem König der Anschlag entdeckt war, wallte sein Zorn: in strenge Haft kam Heinrich, der Bruder; alle Verschworenen büßten den Mörderplan vor dem Henker.
Da endlich siegte Mathilde, die sächsische Mutter: als Otto der König im Kreis seines starken Gefolges zu Frankfurt am Main die Christmesse hörte, war Heinrich entflohen aus seiner Haft, aber nun fand er den Weg nicht mehr zu den Feinden.
Weinend warf sich der trotzige Jüngling dem König zu Füßen; Otto vergaß die harmvollen Jahre und küßte den Bruder; er brach seinen Groll mit zärtlicher Liebe und gewann sich den treuesten Freund.