Philipp Melanchthon

Er war ein Großmutterkind; denn sein Vater, des Pfalzgrafen Waffenschmied Schwarzerd in Bretten, starb früh; aber die Großmutter in Heilbronn war die Schwester von Reuchlin: so wuchs der bläßliche Knabe im Griechentum auf und nannte sich selber Melanchthon.

Mit dreizehn Jahren Student, mit siebzehn Magister, galt er ein Wunder frühreifen Geistes; als ihn der Kurfürst von Sachsen nach Wittenberg rief, war seine Gelehrsamkeit berühmt an den Schulen wie die des Erasmus.

Er war in Hellas zuhaus, als ob er gestern aus dem Garten Platons gegangen und durch einen Zauber in Schwaben aufgewacht wäre; aber die Kraft und Schönheit des griechischen Leibes war nicht mit durch den Zauber gekommen.

Als er in Wittenberg ankam, schmächtig und schüchtern, war Luther erschrocken, daß dies der von Reuchlin gepriesene Lehrmeister wäre; bald aber sah er den reichen Geist im kargen Gehäuse: wie einen jüngeren Bruder gewann er ihn lieb, zärtlich besorgt und ehrlich bewundernd.

Denn Philipp Melanchthon war nicht erwacht, daß er ein griechischer Träumer aus Schwabenland bliebe; ihm hielten die fremden Gewänder der Sprache den Geist nicht verhüllt, und wo Platon lebendig war, konnte das graue Gespinst der Scholastik nicht bleiben.

Er hatte in Leipzig dem Hahnenkampf zugehört, da Luther und Eck mit den Worten der Kirchenväter einander bestritten; aber er kannte den Urtext und sah das Quellwasser der alten Berichte im Kirchengebrauch getrübt und unrein gemacht.

Und weil ihm Luthers gläubige Kraft Entschlossenheit gab, nahm er den Text der heiligen Schrift als Gesetz, die Lehren der Kirche und ihre Gebote ernst und besonnen zu prüfen.

Wie der Gärtner einen verwilderten Baum mit kundigen Händen erneut, die geilen Triebe dem Fruchtreis zuliebe beschneidet, den Krebs und die Flechte ausrottet, so kam sein Messer, den üppigen Wildwuchs der Kirche zu lichten.

Wo aber die Krone zu kahl wurde, gab Luther ein Edelreis her von seinem paulinischen Glauben.

So wirkten die Männer in Wittenberg gut ineinander, der mutige Mönch und der milde Magister: inbrünstiger Glaube und starkes Gewissen gingen der Schärfe und Freiheit des Geistes zur Hand, Griechen- und Deutschtum ließ der erschütterten Christenheit den neuen Lebensbaum wachsen.