Ulrich Zwingli
Er kam von den Bergen im Toggenburg; wie das weiße Gewölk im blauen Himmel der Heimat, wie die saftgrünen Matten und die hurtigen Quellen, indessen die reinen Firnen die zackige Ferne begrenzen: so aus dem Jungbrunnen war seine Seele gestiegen.
Sein Vater war Ammann; wie Abraham einst hatte er Weiden und Vieh und Raum, acht Söhnen das Ihre zu geben; aber er war auch ein Schweizer, der in der Eidgenossenschaft die trotzige Freiheit der Väter bewahrt sah: ihm dankte der Sohn den aufrechten Nacken.
Als er mit jungen Jahren schon Pfarrer in Glarus war, zog er tapfer hinaus mit dem Haufen der Glarner; bei Marignano deckte sein Pfaffenkleid nicht weniger Mut als ein Harnisch.
Aber er sah den Reislauf mit Grimm und wie die Schweizer ihr Blut um schäbiges Gold auf den fremden Markt brachten; er rief den Stolz der reichen Geschlechter, und als sie nicht auf ihn hörten, ging er mit feuriger Rede ans niedere Volk.
Darüber kam er in Streit mit den Großen, er mußte die Pfarre in Glarus verlassen, als kleiner Vikar in Einsiedeln neu zu beginnen: aber da fand er das Schrittmaß, sein Leben größer zu schreiten.
In Einsiedeln las er die heiligen Schriften, wie sie Erasmus von Rotterdam ans Licht gebracht hatte; so zog seine Predigt das reine Gewand des Evangeliums an.
Als ihn die Züricher danach als Prediger holten – im dreiunddreißigsten Jahr seines hurtigen Lebens – war Ulrich Zwingli ein Jungmann im Priestergewand, wie Saul war, da Samuel den Hirten als König in Kanaan salbte.
Indessen Luthers gewaltiges Wort das deutsche Gewissen wachrief, indessen Hutten mit glühender Feder das Reich gegen Rom hetzte, ging Zwingli den aufrechten Gang des Schweizers zu praktischen Zielen:
Er wollte den Staat als Christengemeinschaft, aber die Schrift, nicht die Kirche sollte der Macht Rechtfertigung geben; wie in der Urväterzeit alemannischer Herkunft sollte die freie Gemeinde sich selber Gesetz und Geltung bedeuten.
So wurde der Sohn des Ammanns aus Toggenburg im Predigerrock Träger der Staatsgewalt.
So wurde in Zürich der rauschende Prunk der römischen Kirche vor die Türe gekehrt; so mußten die Klöster Schulen und die Chorherrn Lehrer sein; so wurde das Münster, von Messe und Weihrauch und Wallfahrt gereinigt, der Saal der Gemeinde, und der Priester war nur noch ihr Sprecher.
So sank die Hülle des Morgenlandes hin von der neuen Christengemeinde; die deutsche Seele blieb tapfer dabei, die christliche Erbschaft zu halten, aber sie wollte der Lehre die eigene Ordnung, Haltung und Würde geben.
So wurde in Zürich der evangelischen Freiheit die erste Stätte bereitet; Basel und Bern traten der Mutigen bei; und dies war der kühne Traum Zwinglis, daß die Eidgenossenschaft trotz Fürsten- und Kirchengewalt rundum das Freiland christlichen Menschentums würde.
Aber die Bauernschaft in den Bergen wollte dem Beispiel der Bürger nicht folgen, und die Gewaltherren der Reisläuferschaft in Zug und Luzern, Unterwalden, Uri und Schwyz ergriffen heimlich die Habsburger Hand, mit fremder Söldnermacht gegen die Städte zu ziehen.
Da wurde der Bund der Väter gebrochen, da kamen die Eidgenossen zum Krieg, den die evangelischen Bürger gegen die katholischen Waldstätten bei Kappel kläglich verloren.
Zwingli, das Wort, blieb der Tat treu und zahlte mit seinem kostbaren Leben; bei seinem Häuflein erschlagen, lag er im blutigen Anger, bis seine Feinde das klare Antlitz erkannten und seinem Leichnam das Ketzergericht hielten.
Gevierteilt, verbrannt, als Asche verstreut in den Wind: ging der edelste Schweizer ein in das reine Gedächtnis.