Rembrandt

Das Land war reich und seines eigenen Daseins fröhlich das Volk, daraus noch einmal ein Großer aufstand, uraltes Geheimnis der Seele neu zu verkünden.

Rembrandt hieß er und war der Sohn eines Müllers in Leiden; er lernte das Handwerk der Schilderkunst, aber nicht Bürger und Bauern zu schildern lag seiner funkelnden Seele im Sinn.

Sie war aus dem Dunkel zu rasch in den Tag geboren, nun sah sie nichts als das Licht an den Dingen, das siegreiche Licht und seinen unheimlichen Bruder, den Schatten.

Alles was war, wurde dem Auge in Licht geboren; der dämmrige Raum und die weithin schimmernde Ferne, die Menschen darin und die Bäume: alles war angetan mit einer Krone von Licht und mit dem Schleppengewand seiner Schatten.

Alles war Wunder, was den Augen Wirklichkeit hieß, und wurde Erscheinung im Märchenkleid seiner Beleuchtung.

Und wenn die Seele die staunenden Augen zumachte, war das Wunder nicht aus: dann standen die Räume inwendig gleich so im zarten Helldunkelgeheimnis, schritten Gestalten ihr zu, magisch umleuchtet oder zu dunklen Gruppen gespenstisch vereinigt vor den schimmernden Gründen.

Und waren nicht mehr die Menschen des Tages; als ob die Seele ein Zauberglas wäre, durch Zeit und Raum alle Fernen des irdischen Daseins zu spiegeln, so kamen sie an aus der alt- und neuen Geschichte, aber zumeist aus der Bibel:

David und Saul und die heroische Esther, die Erzväter und der geblendete Simson; und hatten die Kleider an, wie sie die Juden in Amsterdam trugen, faltenfarbige Gewänder und buntes Geschmeide.

So war der Sohn des Müllers in Leiden, der als ein Meistergesell der Schilderkunst nach Amsterdam kam, ein Märchenprinz seiner Augen, und hatte die Hände geübt, die Zauberkünste des Lichts aus den Raumtiefen der staunenden Seele auf seine Tafeln zu bringen.

Da liefen ihm bald die Ratsherren zu und die reichen Kaufleute, sein Wunder mit gnädigen Worten und auch mit silbernem Kauf zu belohnen; und Saskia trat aus der Lichtflut sonniger Träume lächelnd und lockend in seine Wirklichkeit ein.

Sie wohnte mit ihm und hieß seine Frau, und es wurde ein glühendes Glück um den Sohn des Müllers aus Leiden in seinem kostbaren Haus, darin sich die Pracht und die Schönheit jubelnd und inniger fanden als in dem prunkenden Schloß zu Versailles.

Er malte die Männer und Frauen der Stadt auf seine Tafeln; so reich war sein Glück, daß er die derben Gesichter und weißen Halskrausen leuchtend damit übergoß.

Aber wenn ihn der funkelnde Reichtum ganz überschäumte, dann malte er Saskia; und nie stand die sinnenfrohe Jugend so glühend im Glück, wie er das liebe Gesicht und die Hände, den selig gebeugten Nacken in bernsteingoldener Lichtflut verklärte.

Sechs Jahre nur währte die glühende Hochzeit, dann starb ihm das jubelnde Licht in die Dunkelheit hin; aus allen Raumtiefen krochen die Schatten heran und wollten sein eigenes Licht heimholen in ihren dunklen Bereich, wo Saskia war.

Der Tod war das dunkle Geheimnis, darin sich jede Flamme und jeder Lichtstrahl verirrte: aber der Tod war auch die unendliche Weite, daraus sich das irdische Leben im Licht seiner Augen endlich abgrenzte.

Das war die Zeit, da Rembrandt die Schützengenossenschaft malte, die im Sonnenschein auszog zur festlichen Freude, und die eine ängstliche Insel des Lichts in der brandenden Dunkelheit, eine Nachtwache wurde.

Der Gram saß mit ihm, und bald kam die Sorge als dritte dazu, er konnte die derben Gesichter und weißen Halskrausen nicht mehr besonnen; der ein Märchenprinz war, konnte nicht mehr seine Schulden bezahlen.

Es war ein Hammer in Amsterdam, der klopfte zum ersten, zum zweiten und dritten, und als er zum drittenmal klopfte, war es sein kostbares Haus und alles Geschmeide und all das edle Gewand, das Saskia trug.

Hendrikje hieß sie, die tapfere Magd, die dem darbenden Mann alles zubrachte, was sie besaß: ihre schaffenden Hände, ihre dienende Treue und furchtsame Liebe und ihren gesunden Leib.

Sie lebten zusammen, die Magd und der Meister, und ihre Beharrlichkeit hielt ihm die Kammer, darin er mit schwerer Hand und suchenden Sinnen seine letzten Tafeln und Leinwände bemalte.

Das Licht war eine düstere Glut in seinen Augen geworden und seinem Bruder, dem Schatten, unheimlich verwandt: Berge und Bäume und all die vertrauten Gestalten der Bibel tauchten nun auf aus der dunklen Tiefe, wie ein Feuer bei Nacht brennt.

Wie ein Zauberer gespenstische Zeichen ausschreibt, so jagte sein Pinsel die Farben groß ineinander, fremd für die Ratsherren und reichen Kaufleute und nicht mit gnädigen Worten und silbernem Kauf belohnt.

Arm und fast schon vergessen starb Rembrandt, der ein Märchenprinz war und sein Alter am Leuchtturm des Schicksals verbrachte.

Noch einmal hatte ein Großer uraltes Geheimnis der Seele verkündigt, nun kam der französische Tag, die Fürsten und Völker mit seinem gleißenden Glanz zu betören.

Das jubelnde Licht und die düstere Glut seiner jungen und alten Stunden blieb einsam lebendig, wie eine Seele nicht stirbt und ein Stern nicht versinkt.