Der große Kurfürst

Der Kurfürst von Brandenburg war vor dem Kaiser ein Sperling, aber er war in Holland erzogen und hatte im Haag den Habsburger Zorn ohnmächtig gesehen, weil ihm ein tüchtiges Volk mit Klugheit und Kraft die Tür wies.

Auch war der Prinz von Berlin der Eidam des Statthalters geworden, so fiel ihm ein Schein der oranischen Macht zu, neue Kerzen in Brandenburg anzubrennen; denn schlimmer als eines hatte sein Land die Leiden des Krieges erfahren.

Weitab vom Rhein, hinter den Städten der Hansa, mit kärglicher Wüste und künstlichen Grenzen, in Sand und Sümpfen von Slavien lag sein verzipfeltes Kurfürstentum: germanisches Vorwerk und mühsames Ansiedlerland.

Kolonisten, aus Frankreich vertrieben und Bauern aus Holland, durch Freiland und mancherlei Gunst angelockt, mußten das Land von der Havel zur Warthe notdürftig füllen, das durch den langen Krieg menschenleer war.

Der Staat, das bin ich! so hatte der Jüngling in Frankreich die Losung des Fürsten gesprochen; daß sie dem Kurfürsten in Brandenburg wahr werde, mußte sein schlimm verwüstetes Land erst ein Staat und er selber sein Herr werden.

Allerlei Völker, Städte und Stände waren ihm untertan und wollten regiert sein nach ihren Rechten; er aber wollte sein Herrschergewand nach eigenem Maß nähen und warf das Flickwerk der Herkunft ins Feuer.

Kein Fürst nahm seinen Städten und Ständen mehr Freiheit und Herkunft, als Friedrich Wilhelm in Brandenburg tat, den sie danach den großen Kurfürsten nannten.

An der sumpfigen Spree in Berlin stand seine düstere Burg, den Trotz der eigenen Bürgerschaft blutig zu dämpfen; alles, was er besaß, war ihm bestritten, und nur sein immer gerüstetes Heer gab ihm die Macht, es zu halten.

Wohl baute auch er sein Versailles draußen in Potsdam, aber es blieb nur ein rüstiges Landschloß, und den Lustgarten davor hielt die Havel ängstlich begrenzt.

Vor dem Kaiser war er ein Sperling, vor dem König von Frankreich nur eine zornige Biene; aber er wurde nicht lässig, die Waben zu bauen, bis Ordnung und Wohlstand in Brandenburg schüchtern begannen.

Als Turenne nach der Pfalz auch Holland mit Krieg überzog, bekam der König von Frankreich den Stachel zu fühlen: mit seinem trefflichen Heer sprang der Kurfürst dem Oranier bei und rastete nicht, bis den Franzosen endlich der Reichskrieg erklärt war.

Aber Ludwig, der Hofmeister der Fürsten, hetzte ihm listig die Schweden ins Land; so mußte die zornige Biene eilig nach Hause.

Die reitenden Boten hatten kaum seine Ankunft gemeldet, da fiel ein Handstreich schon über die Schweden in Rathenow her; und als er die Hauptmacht bei Fehrbellin fand, griff er sie an, wo sie stand, und jagte sie in die märkischen Sümpfe.

Die Schweden mußten den Einbruch teuer bezahlen, Pommern samt Rügen ging ihnen verloren; als sie im Winter durch Livland in Preußen einbrachen, kam der Kurfürst mit Schlitten über das Kurische Haff und jagte die Scharen bis Riga.

Da war der Sperling ein Sperber geworden, der kleine Kurfürst von Brandenburg hatte allein die schwedische Großmacht geschlagen.

Ob er den Schweden noch einmal Pommern und Rügen hergeben mußte, weil ihn der Kaiser im Frieden verließ: Ludwig, der listige Rechner, hatte die Stärke erkannt und sandte ihm heimliche Botschaft.

Zwischen Wien und Versailles stand er nun schlagfertig da; im Handel der Großen galt er kaum mehr denn ein hitziger Klopffechter, aber sie mußten ihm seine Verträge halten.

Was Sachsen einst war, war Brandenburg durch ihn geworden: die protestantische Schutzmacht im Reich, die Hoffnung aller Vertriebenen und der Anwalt aller Bedrohten.

Mehr Untertanen gewann er durch Gunst als durch Kriege, und Landesvater hießen sie ihn, denen der Kurfürst in Brandenburg nach bitterer Verfolgung ein evangelischer Kirchenherr war.