Versailles
Der erste Napoleon hatte das Reich auseinander getreten, weil er der Kaiser im Abendland war; als der dritte Napoleon seine Wiederkunft sah, die er selber erweckte, saß er in Wilhelmshöhe gefangen.
Er hatte um seines Namens willen den Großen gespielt, aber der Große saß in Berlin und war ein preußischer Junker; als der Kaiser seinen Gegner erkannte, war das Spiel schon verloren; als ihm der Krieg an die Gurgel sprang, war Preußen schon Deutschland.
Was die Burschenschaft sang auf der Wartburg, was in der Paulskirche als Wort und Wille des deutschen Volkes aufstand, war in Wirklichkeit da, als Deutschland nach Frankreich marschierte, seinen Zorn an dem Erbfeind zu rächen.
Aus Preußen und Bayern, aus Schwaben und Sachsen, aus Hessen und Baden waren die deutschen Söhne gekommen, weil ihre Fürsten ein Schutz- und Trutzbündnis hatten; aber sie standen im Feld füreinander, weil sie aus einem Vaterland waren.
Niemals konnte der Mann aus dem Heer in eine andere Heimat heimkehren als die seiner deutschen Blutsbrüderschaft vor dem Feind; er hatte den Erbfeind geschlagen, der lange genug der Nutznießer seiner Zwieträchtigkeit war: sollten noch länger Fürsten in Deutschland regieren, durften sie nicht mehr Vögte der Zwietracht, mußten sie Hüter der Eintracht sein.
Durch Eisen und Blut hatte der Kanzler die Eintracht beschworen, aber nun wußte er klug abzuwarten, daß ihr kein Zwang angetan wurde: sollte das Reich kommen, so mußte es sein, wie die Sonne sich selber den Tag weckt.
Erst wurde der Bund der Völker geschlossen, und mancherlei mußte gegeben, gepflegt und geschont sein, ehe die Boten befriedigt heimgingen, ehe Vertrag um Vertrag zum Vaterland wuchs.
Als so das Reich auf der Einigkeit stand, kamen die Fürsten, den Kaiser zu küren; kein anderer konnte es sein als der Greis, der Preußen und Deutschland in diesen siegreichen Krieg führte.
Der König von Bayern mußte ihn nennen; er tat es mit stolzer Gebärde, weil seiner romantischen Seele nichts so verhaßt wie die kleine Erbärmlichkeit war, und weil er kein Neidling sein mochte.
So konnte endlich das Wunder geschehen: im Spiegelsaal zu Versailles standen die Fürsten und Stände der Staaten, Minister, Generäle, Soldaten, dem greisen König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu bringen.