Winckelmann

Dem Sohn eines Schusters in Stendal war es geglückt, Theologie zu studieren, aber zu einem Amt gelangte er nicht: Armut und andere Neigung warfen ihn bald aus der Bahn.

Statt einem Pfarrer wurde ein fahrender Schüler aus ihm, der sich mit allerlei niederen Ämtern und Almosen ernährte, bis ihn der Graf auf Nöthnitz bei Dresden in einen besseren Dienst nahm.

In Dresden ging ihm die Galerie auf; ob es nur staubiger Gips war, die griechischen Bildwerke wurden dem Sohn des Schusters aus Stendal vertraut wie ein Garten der Heimat.

Er sah die Leiber und Glieder im Ebenmaß ihrer Gestaltung, er sah die herrliche Haltung und schöne Gewandung, als ob in Griechenland Götter gewandelt wären, indessen die nordische Menschheit in Häßlichkeit ging.

Wohl gab es noch immer Maler und Bildhauer, aber sein trunkenes Auge suchte die edle Einfalt und stille Größe vergebens, davon es die Fülle in den alten Bildwerken fand.

Ein Paradies ging den Menschen verloren und war ihnen doch – so schien es dem Schwärmer – noch immer geöffnet, wenn sie erst wieder, die griechischen Vorbilder nachahmend, den Weg zur wirklichen Kunst fanden.

Als Winckelmann so jahrelang in den Gedanken seiner einsamen Leidenschaft suchte und staunte, als ihm die Seele bis an den Rand mit dem Glück der Griechen gefüllt war, ließ er die erste Sendschrift ausgehen.

So voll war er des griechischen Geistes, daß seine Worte und Sätze im griechischen Ebenmaß schritten: edle Einfalt und stille Größe schienen auch seiner innigen Liebe geschenkt.

Noch aber blieb er ein einsamer Sucher und für den Alltag ein Narr, der sein griechisches Steckenpferd schirrte, und den die Inbrunst verzehrte, das Land seiner Seele leibhaftig zu sehen.

Er kam nicht hinein, er kam nur nach Rom und Neapel, und daß ihm die mächtigen Hände der Kirche dahin verhalfen, mußte der Protestant seinen Glauben abschwören.

Da endlich sah er die marmornen Leiber statt staubigem Gips, und die ewige Stadt hatte nicht solchen Pilger erfahren, der die prahlenden Kirchen verschmähte, der scheu und verzückt unter den alten Bildwerken umher ging.

Albani, der Kardinal und Kunstfreund, erkor sich den seltsamen Mann aus Stendal als Gast: in seinen Sammlungen konnte Winckelmanns Eifer als Zauberer walten, aus den Ruinen und Resten die alte Welt neu zu bauen, die seiner Seele sehnsüchtig vertraut war.

Als Winckelmann seine Geschichte der Kunst im Altertum schrieb, war es getan: das verschüttete Tor war geöffnet, durch das die Menschheit zurück schreiten konnte ins Paradies, das für immer Griechenland hieß.

Was einmal einfältiges Leben und göttergleiches Dasein der Menschenwelt war, hatte in ewiger Kunst sein marmornes Sinnbild hinterlassen, daß die Menschheit daran in edle Einfalt und stille Größe zurück die klassische Wiedergeburt fände.

Mehr denn ein Jahrtausend hatte die Kirche in Rom an ihren Gewölben und Domen gebaut, sie hatte die Pracht der päpstlichen Herrschaft über die alten Ruinen gebreitet, als der Sohn eines Schusters aus Stendal nach Rom kam, ihre Geltung abzustreifen wie einen vermessenen Irrtum.