Goethe in Rom
Elf Jahre lang hatte Goethe in Weimar gewirkt; der als flackerndes Feuer kam, war für das Land seines herzoglichen Freundes das Herdfeuer geworden, von vielen gesegnet: das Land seiner Dichtung lag als Trümmerfeld da.
Der tätige Geist hatte dem Leben sein Opfer gebracht, aber der Dichter begehrte wieder das seine; als der Winter zum zwölftenmal kam, sollte die römische Sonne ihm Blut und Seele neu glühen.
Heimlich wie eine Flucht war seine Reise; als ob noch einmal Wertherzeit sei, fuhr seine Sehnsucht nächtlich davon, und eher ließ ihn die Furcht nicht frei, bis ihn die ewige Stadt als den heimgekehrten Sohn mit ihren Mauern umfing.
Denn Goethe, der Dichter des Götz und der das Straßburger Münster mit feurigem Wort pries, war der Lehre Winckelmanns voll wie eine schwellende Frucht: nur die südliche Sonne – so schien es dem Flüchtling – konnte der Kunst wie dem Leben Glück und Gemessenheit schenken, der Nebel des Nordens hatte sie unstet und freudlos gemacht.
Es sollte nur eine Reise sein, aber er fand den Weg nicht zurück, bis er ganz ins römische Leben untergetaucht war, bis der Minister wieder ein Dichter, bis der neue Werther aus Weimar seiner Seele und seines Leibes von Urbeginn froh wurde.
Da reiften endlich die Früchte, denen im Land der neblichten Wälder der Sonnenschein fehlte, da wurde der Werther aus Wetzlar als Tasso glühend gehärtet, da wurde der Dichter der Iphigenie den Deutschen fremd, wie ein Priester den Seinigen fremd wird, da zog der Minister aus Weimar sein olympisches Feierkleid an.
Als Goethe im zweiundzwanzigsten Monat seiner Flucht wieder heimkam nach Weimar, war er kein Herdfeuer mehr für das Ländchen: als Freund seines Herzogs blieb er in all seinen Würden, aber das Werktagskleid seiner Bürden legte er ab.
Wie die silberne Sonne durch eine Nebelwand scheint, so war sein Wesen fortab verhüllt; die seine Freunde hießen, hatten den Mann an einen fremden Himmel verloren.
Was Winckelmann träumte, wurde ihm Wirklichkeit: er hatte das Land der Griechen mit seiner Seele gesucht und hatte den Leib seiner Sinne in südlicher Sonne gebräunt; nun wuchs ihm sein irdischer Tag aus solcher Vergangenheit ewige Gegenwart zu.