Litterarische Einleitung.
§ 1. Die Ausgaben des 16. Jahrhunderts. [[←]]
Ungeachtet des großen Unterschiedes zwischen den Denkmälern des classischen Alterthums und des Mittelalters findet sich doch auch in ihnen viel übereinstimmendes, haben sie oft ähnliche Schicksale getheilt. Bis gegen den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts las man in den Schulen noch häufig und fleißig die alten Autoren, und hielt sich für die Geschichte der näheren Vergangenheit an echte und unverfälschte Quellen. In den nächsten Jahrhunderten tritt beides zurück. Auch die ausgezeichnetsten Geister begnügen sich mit phantastischen Vorstellungen von der Vorzeit, ohne deren Richtigkeit zu prüfen. Die alten Schriftsteller verschwinden aus dem Unterricht, abgeschmackte Fabeln überwuchern bei den Chronisten die Geschichte, und die einfachere, wahrheitsliebende Darstellung der Zeitgenossen findet solchen Entstellungen gegenüber keine Beachtung. Fast gänzlich scheint der Sinn für Kritik verloren, bis wir im fünfzehnten Jahrhundert wieder einzelne Spuren davon wahrnehmen, worauf dann bald die Bestrebungen der Humanisten für die Wiederbelebung der classischen Studien auch der Kunde des früheren Mittelalters zu Gute kommen.
In Italien freilich ist es das römische Alterthum fast ausschließlich, welches die Geister beschäftigt; als dazu auch die Griechenwelt noch hinzutrat, wandte man sich dieser fernen Vergangenheit völlig zu, und die platonische Akademie hat mit der Gegenwart und den aus dem Christenthum erwachsenen Zuständen kaum eine Berührung.
Anders in Deutschland. Hier richtet sich die Kritik sogleich auf die Urkunden der christlichen Religion, und die drückend empfundene päbstliche Herrschaft veranlaßt zur Prüfung der Ueberlieferung. Da werden die alten lauteren Quellen der Geschichte wieder ans Licht gezogen, und gefeierte Humanisten wenden auch diesem Felde ihre Thätigkeit zu. Das lebhaft erwachende Volksbewußtsein konnte ebenfalls in der römischen Vorzeit nicht Befriedigung finden, wie es in Italien der Fall war, und wie mit den reformatorischen Bestrebungen diesseit der Alpen überall ein kräftiger Aufschwung der Landessprache zusammenfällt, so auch ein eifriges Erforschen der heimischen Geschichte[1]. Merkwürdigerweise ist es der italienische Humanist Aeneas Silvius aus Siena, den zuerst seine Forschungen über österreichische Geschichte zur Bekanntschaft mit Otto von Freising führten, der durch eine Goetweiher Handschrift Jordanis Gothengeschichte kennen lernte[2]. Wenig später (1457) benutzte Peter Luder mangelhafte Quellen zu rhetorischer Darstellung deutscher Vorzeit[3] und Hartmann Schedel sammelte neben altrömischen auch deutsche Inschriften und Chroniken[4].
Mehrere unserer besten Geschichtsquellen sind uns nur in Abschriften des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten, gerade wie so manche Classiker, und den Handschriften reihen sich bald die ersten Drucke an. Schon in diesem Jahrhundert, um 1472, wurde in Nürnberg Honorius De imagine mundi gedruckt; in Ulm, 1473, erschien die deutsche Uebersetzung der Flores temporum von dem Ulmer Arzt H. Steinhöwel; zwischen 1470 und 1474, vermuthlich zu Augsburg[5], die Historia Friderici I, welche nichts anderes ist als ein Theil der Ursperger Chronik. In Poitiers wurde 1479 das Breviarium historiale bis 1428 gedruckt[6]. Denn nicht als Quellen für gelehrte Forschung betrachtete man damals diese Schriften; noch waren sie unmittelbar als darstellende Geschichtswerke willkommen, da man in der Sprache sowohl wie in der ganzen Denkweise jenen Zeiten noch nicht so fern stand, daß es eines eigenen Studiums bedurft hätte, um sich an den Schriften des Mittelalters zu erfreuen, sie auch nur zu verstehen.
Zu den eifrigsten Sammlern und Forschern gehörte der gelehrte Abt Johann von Trittenheim[7], der nur leider seine in der That bewunderungswürdige Thätigkeit und Litteraturkenntniß durch kecke Fälschungen selbst um den Ruhm gebracht hat, welcher ihr sonst gebühren würde. In seinem Auftrag durchforschte der Bosauer Mönch Paul Lang viele Klöster nach Werken über die deutsche Geschichte[8].
Vor allen aber war es Kaiser Maximilian, welcher die Erforschung der deutschen Geschichte auf alle Weise beförderte und sogar selbst daran Theil nahm. Ueberall ließ er nach alten Urkunden und Chroniken suchen und belohnte jeden Fund; sein Historiograph Stabius sollte daraus ein großes Geschichtswerk zusammensetzen[9]. Die bedeutendsten Gelehrten der Zeit suchte er an seinem Hofe zu vereinigen, und die Wiener Universität erreichte unter ihm ihre höchste Blüthe; sie soll damals an 7000 Studenten gezählt haben, und viele der angesehensten Humanisten fanden dort begeisterte Schüler[10]. In seinem Auftrag bereiste von 1498 bis 1505 Ladislaus Suntheim aus Ravensburg das südwestliche Deutschland, um die Materialien zu einer genealogischen Geschichte des habsburgischen und anderer deutscher Fürstenhäuser zusammen zu bringen[11]. Seinem gelehrten Arzt Johann Spießhaymer, der sich Cuspinian nannte[12], gab Maximilian 1508 den Auftrag, Bücher aus allen Theilen des Reichs zu sammeln, und einen ähnlichen Auftrag hatte auch Dr. Jacob Mennel aus Bregenz (Manlius) erhalten[13], von welchem der Kaiser sich Nachts, wenn er an Schlaflosigkeit litt, aus den alten Schriften vorlesen ließ[14]. Auch der talentvolle, aber unstäte Dichter Conrad Celtis, welchen Maximilian im Jahre 1497 nach Wien berufen hatte, erhielt im folgenden Jahre vom Kaiser die Mittel zu seiner letzten großen Reise in den fernen Norden, deren Frucht die Germania illustrata sein sollte, Celtis lange versprochenes Hauptwerk, welches er aber bei seinem Tode 1508 unvollendet hinterlassen hat[15]. Doch sind seine eifrigen Forschungen nicht ohne bedeutende Frucht geblieben. Im Kloster St. Emmeram zu Regensburg entdeckte er die Werke der Nonne Hrotsuit, welche er 1501 herausgab. Im fränkischen Kloster Ebrach fand er den Ligurinus, über den er selbst in Wien, seine Freunde in Freiburg, Tübingen, Leipzig Vorlesungen hielten; 1507 besorgten seine Augsburger Freunde den Druck. Ihm danken wir auch die Entdeckung der Tabula Peutingeriana, jener merkwürdigen römischen Straßenkarte des dritten Jahrhunderts, mit späteren Zusätzen erhalten in einer Copie des dreizehnten Jahrhunderts, welche sich jetzt in der Wiener Hofbibliothek befindet[16]. Ihren Namen führt sie davon, daß Celtis sie in seinem Testamente dem gelehrten Augsburger Patricier Conrad Peutinger[17] vermachte. Dieser, der ebenfalls von Maximilian zu seinem Rath erhoben war und fortwährend für künstlerische und gelehrte Zwecke in Anspruch genommen wurde, war 1506 beim Kaiser in Klosterneuburg, um die alten Briefe des Hauses Oesterreich zu besichtigen, und erhielt ein eigen Gemach in der Wiener Burg, wohin „S. Mt. von allen orten Cronica und historien bringen lassen“. Er selbst besaß die werthvollsten deutschen Geschichtsquellen und beabsichtigte eine umfassende Sammlung derselben herauszugeben; leider kam dies Vorhaben nicht in seinem ganzen Umfange zur Ausführung, doch verdanken wir ihm mehrere vortreffliche Ausgaben, die aber Peutingers Namen nicht auf dem Titel tragen. Nachdem er 1507 bei der Herausgabe des Ligurinus geholfen, erschien 1515 aus der in seinem Besitz befindlichen Abschrift die erste Ausgabe des Chronicon Urspergense, besorgt von Joh. Mader[18]; gleichzeitig erschienen, von Peutinger bearbeitet, Jordanis de Rebus Geticis und Pauli Diaconi historia Langobardorum[19], eine sehr gute Ausgabe, gegen welche die 1514 zu Paris von Guillaume Petit besorgte Ausgabe des Paulus weit zurücksteht. Doch verdienen auch die Bestrebungen dieses Buchhändlers, bei welchem 1512 Gregor von Tours, 1513 Sigebert, 1514 außer Paulus noch Liudprand und Aimoin erschienen, unsere Anerkennung.
Ebenfalls im Jahre 1515 besorgte der schon erwähnte Cuspinian, zusammen mit dem kaiserlichen Historiographen Stabius, in Straßburg eine vortreffliche Ausgabe des Otto von Freising mit der Fortsetzung des Ragewin. Ebenda waren bereits im Jahre 1508 von dem Breisgauer Gervasius Soupher die Gesta Heinrici IV herausgegeben, mit einem Vorwort, welches von stolzem Selbstgefühl den Franzosen gegenüber erfüllt ist. Von ähnlicher Denkungsart zur Ehrenrettung dieses vielgeschmähten Kaisers getrieben, gab Aventin 1518 in Augsburg die schöne prosaische Lebensbeschreibung desselben heraus; er war ein Schüler von Celtis und hatte sich nach dessen Vorbild der deutschen Geschichte schon früh eifrig zugewandt[20]. So traten nach einander die vorzüglichsten Geschichtschreiber des deutschen Mittelalters ans Licht; 1521 erschienen in Cöln auch die Werke Einhards, herausgegeben von dem Grafen Hermann von Nuenar[21]; in Mainz die Chronik des Regino von Sebastian von Rotenhan[22].
Besonders eifrig aber nahmen die Protestanten diese Bestrebungen auf; sie fanden bald auch unter diesen Schriften Waffen gegen die päbstlichen Ansprüche, und die Streitschriften des elften Jahrhunderts erschienen auch für den veränderten Standpunkt des sechzehnten noch verwendbar. Hatte man doch schon lange im Einklang mit der wachsenden Erbitterung gegen den entarteten Clerus die scharfen Satiren des früheren Mittelalters hervorgezogen, so in Cöln bald nach 1470 und mehrmals wiederholt den Pseudo-Ovidius de Vetula mit seinen Ausfällen gegen sittenlose Prälaten, und den Brunellus mit der schonungslosen Verspottung der Mönche. Die Schrift des Spaniers Alvarus Pelagius De planctu ecclesiae, in welcher er unter dem Eindruck seiner Erfahrungen an der Curie in Avignon den verderbten Zustand der Kirche beklagt, 1340 in Portugal zuletzt überarbeitet, erschien schon 1474 in Ulm bei Johann Zainer von Reutlingen, und wurde 1517 in Lyon wiederholt. Lupolds von Bebenburg Schrift Germanorum principum zelus in christianam religionem erschien 1497 in Basel. Die Epistola Luciferi ad malos principes ecclesiasticos, eine sehr bittere Satire, welche 1351 in Avignon zum Vorschein kam und in vielen Abschriften verbreitet war, wurde nach einer nicht mehr bekannten Pariser Ausgabe 1507 in Straßburg gedruckt, um 1530 in einem Einzeldruck o. J. wiederholt und 1549 in Magdeburg von Flacius Illyricus herausgegeben[23]. Derselbe wiederholte 1550 die deutsche Uebersetzung des Briefes, welche schon 1521 o. O. erschienen war[24]. Ulrich von Hutten gab 1520 die Schrift Walrams von Naumburg gegen Gregor VII, De unitate ecclesiae conservanda, heraus, welcher bald noch mehrere Schriften verwandten Geistes aus der Zeit des Schisma und der Reformbewegung des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts folgten[25]. So erschien 1521 in Wittenberg der dem Bischof Ulrich von Augsburg untergeschobene Brief unter dem Titel: Hulderichi Aug. ep. epistola adversus constitutionem de cleri coelibatu. Der Cölner Humanist Jacob Sobius gab 1521 in Basel die Commentare des Aeneas Silvius nebst anderen Stücken von verwandtem Inhalt heraus, eine Sammlung, welche 1535 in Cöln mit neuen Zuthaten von Ortwinus Gratius wiederholt wurde, dessen Standpunkt in seinem späteren Leben ein von dem früheren sehr verschiedener wurde[26]. Im Jahre 1529 wurden zu Hagenau die ersten Briefe Peters de Vinea gedruckt, weil sie auch für die Gegenwart zutreffend zu sein schienen. Unbefangener ließ Melanchthon es sich angelegen sein, den Schulunterricht in der Geschichte zu fördern. Sehr nachdrücklich spricht er sich über den hohen Werth der Geschichte aus in der an Sigismund von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg, gerichteten Widmung des von ihm 1558 für die Schulen bearbeiteten Chronicon Carionis[27]. Schon 1525 gab Caspar Churrer in Tübingen die Chronik Lamberts nach einer Abschrift heraus, welche Melanchthon ihm geschickt hatte, und 1556 begleitete dieser Siegmund Schorkels Ausgabe des Helmold mit einem Brief an den Herzog von Stettin.
In Basel, wo schon 1529 Sichardus die Chroniken des Hieronymus, Prosper, Cassiodor, Hermannus Contractus mit einer Widmung an den Cardinal Albrecht von Brandenburg herausgegeben hatte, besorgten die Buchhändler Heerwagen, die auch Melanchthons Verleger waren, 1531 eine Sammlung, welche den Prokop, Agathias und Jordanis enthält, mit einer Vorrede von Beatus Rhenanus aus Schlettstadt. Dieser hatte auch zum Otto von Freising das Titelblatt entworfen und ist dadurch zu dem unverdienten Ruhme gekommen, als ob er der erste Herausgeber deutscher Geschichtsquellen gewesen wäre. Die Handschriften aber zu jener Sammlung hatte Conrad Peutinger aus Augsburg geschickt[28].
Im Jahre 1532 erschien in demselben Verlage eine zweite Sammlung, welche den Widukind, Einhard und Liudprand enthält, herausgegeben von dem Professor Martin Frecht zu Tübingen.
Es würde uns zu weit führen, wenn wir fortfahren wollten, die Ausgaben des sechzehnten Jahrhunderts aufzuzählen, denn ihre Zahl ist nicht gering; besonders die Wechelsche Buchhandlung in Frankfurt verlegte eine ganze Reihe von Sammlungen dieser Art. Unsere Absicht war nur, zu zeigen, mit welchem Eifer man damals bestrebt war, die echten Quellen der Geschichte wieder ans Licht zu ziehen; mit richtiger Auswahl wurden die besten derselben zuerst herausgegeben und mit derselben Sorgfalt behandelt, welche die ersten Ausgaben der alten Classiker auszeichnet. Es war ein trefflicher Anfang gemacht, hinter dem der größte Theil der späteren Leistungen weit zurückblieb, und an die Ausgaben schloß sich sogleich auch die geschichtliche Verwerthung, getragen von demselben Geiste wahrheitsuchender Kritik, die sich vorzüglich der Prüfung der kirchlichen Ueberlieferung zuwandte. Hervorzuheben ist unter diesen Werken die nach Jahrhunderten eingetheilte Kirchengeschichte der sogenannten Magdeburger Centuriatoren, Mathias Flacius, Wigand u. a. (Basil. 1559-1574, 13 Voll. fol.), weil sie durch scharfe Kritik und umfassende Forschung geradezu epochemachend wirkte, und durch Mittheilungen aus einem reichen handschriftlichen Material noch jetzt schätzbar ist[29].
Freilich waren nicht alle gleich bereit, die geschichtliche Wahrheit anzunehmen, und unter die Ausgaben der echten Quellen mischten sich bald auch falsche. Schon 1498 erschien in Rom der nachgemachte Berosus und anderes Machwerk des berüchtigten Annius von Viterbo. Nicht ganz so plump erfunden waren die Megenfrid, Benno und andere Schriftsteller, auf welche Trithemius sich in seiner Hirschauer Chronik (1514) berief, und seine Angaben führen deshalb noch jetzt nicht selten irre; hat doch sogar sein Hunibald, dessen lächerliche Larve schon der Graf von Nuenar durchschaute, noch im neunzehnten Jahrhundert Vertheidiger gefunden! Zum ärgsten Unfug dieser Art aber gehört das 1530 erschienene Turnierbuch von Rüxner[30], dessen freche Lügen von den ahnensüchtigen Herren begierig aufgenommen wurden und noch heutiges Tages hin und wieder gespensterhaft erscheinen.
[1] S. die Darlegung dieser Richtung der humanistischen Studien in Deutschland bei R. v. Raumer, Gesch. d. Germ. Philologie (1870) am Anfang.
[2] G. Voigt, Enea Silvio II, 312. 314. 320.
[3] Wattenbach in d. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXIII, 24. Ders. Allg. D. Biogr. XIX, 376.
[4] Wattenbach, Forsch. XI, 373. Allg. D. Biogr. XXX, 661.
[5] O. Abel, Archiv XI, 81. Giesebrecht, SB. d. Münch. Akad. 1881, I, 211.
[6] L. Delisle, Bibl. de l'École des chartes XLVI, S. 649-668.
[7] Monographie über ihn von Silbernagel, 2. Aufl. 1885.
[8] Horawitz in d. Allg. D. Biogr. XVII, 614.
[9] Ueber ihn Aschbach, Gesch. d. kais. Univ. zu Wien II, 363-373. Von den Belohnungen spricht Beatus Rhenanus, Rer. Germ. libri. III, p. 113, ed. 1551; p. 202, 203, ed. 1610.
[10] Khautz, Versuch einer Geschichte der Oesterr. Gelehrten (1755), S. 121-125. Vgl. Kink, Gesch. der kais. Univ. zu Wien I, 226. Aschbach, Gesch. ders. Univ. I, 200 ff. Zweiter Band 1877 u. d. Titel: Die Wiener Universität und ihre Humanisten im Zeitalter Maximilians I.
[11] Franz Pfeiffer, Das Donauthal von Ladislaus Suntheim, im Jahrbuch für vaterl. Geschichte (Wien 1861), S. 273-297. Ueber ihn Aschbach II, 377-381. S. 378 die Instruction von 1505.
[12] Ueber ihn Aschbach II, 284-309; Horawitz, Allg. D. Biogr. IV, 662-664; G. Schepss im Archiv f. Unterfranken, 1884.
[13] Der Rath von Freiburg im Breisgau meldet 1509 K. Max, der bestellte Dr. Jacob Mennel könne mit den Chroniken nicht auf den Reichstag nach Worms kommen, weil er nach Oesterreich verreist sei. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XVII, 254. Am 31. März 1510 beauftragte M. ihn mit geschichtlichen Forschungen über die Häuser Oesterreich und Burgund.
[14] M. Freheri SS. ed. Struv. II, 707. Ueber seine eigenen sehr mangelhaften Leistungen Horawitz, Allg. D. Biogr. XXI, 358-362.
[15] Engelb. Klüpfel de vita et scriptis Conradi Celtis Protucii, Frib. 1827. Erhard, Geschichte des Wiederaufblühens wissenschaftlicher Bildung (1830) II, 1-146 und in der Encyklop. von Ersch und Gruber 21, 135. Kink a. a. O. S. 201 f. Aschbach II, 189-270. Joh. Huemer in d. Allg. D. Biogr. IV, 82-88. Ueber die Angriffe auf die Echtheit der von ihm entdeckten Werke s. unten bei Hrotsuit und Ligurinus.
[16] Die ältere Ansicht, welche sie dem Verfasser der Annalen von Colmar zuschrieb, bekämpft Jaffé, MG. SS. XVII, 187. Vgl. Frid. Philippi de tab. Peuting. Diss. Bonn 1876. Die neue Pariser Ausgabe von Des Jardins ist unvollendet geblieben. Konr. Miller, Die Weltkarte des Castorius, gen. die Peut. Tafel. In den Farben d. Orig. u. mit einleit. Text (mangelhaft). Ravensb. 1888. Rec. v. G. Hirschfeldt, Berl. philol. Wochenschrift VIII, 20 u. a. besonders auch gegen die Heranziehung des Namens Castorius.
[17] Ueber ihn s. Th. Herberger, Conrad Peutinger in seinem Verhältnisse zum Kaiser Maximilian. Augsburg 1851. 4. H. A. Lier, Allg. D. Biogr. XXV, 561-568.
[18] O. Abel im Archiv XI, 79, berichtigt von Giesebrecht in d. SB. d. Münch. Akad. 1881, I, 208-210.
[19] Archiv VII, 314.
[20] Ueber Aventin s. Wegele, Allg. D. Biogr. I, 700-704, u. Bayer. Bibl. X (1890). Ausgabe seiner Werke von Riezler. Vgl. W. Meyer, Philol. Bemerkungen zu Aventins Annalen, u. Aventins Lobgedicht auf Albrecht IV. von 1507, Abh. d. Münch. Ak. I. Cl. XVII. 3. Abth. 1886. Riezlers Entgegnung ebend. III. Cl.
[21] Ueber den Codex Steinveldensis, durch dessen Auffindung Nuenar gegen den Vorwurf willkürlicher Aenderungen gerechtfertigt ist, s. Archiv VII, 364.
[22] Ueber ihn s. Wegele, Allg. D. Biogr. XXIX, 299.
[23] Anz. d. Germ. Mus. XVI (1869), Sp. 9. Ueber diesen u. andere Teufelsbriefe s. Wattenbach, SB. d. Berl. Ak. Febr. 1892.
[24] E. Weller, Die ersten deutschen Zeitungen, S. 90.
[25] Strauß, Ulrich von Hutten II, 47. 55. 166. 320. 358.
[26] David Clement, Bibliothèque curieuse (1759) VIII, 241 weist die Autorschaft des Jacobus Sobius nach, S. 243 die des Ortw. Gratius, welcher sie nie geleugnet hat. S. auch Ennen, Gesch. d. Stadt Cöln, IV, 87-92; L. Geiger, Allg. D. Biogr. IX, 600-602. Reichling, Ortwin Gratius, Heiligenstadt 1884.
[27] Zuletzt bei Bretschneider, Corpus Reformatorum XII, 707. Vgl. G. D. Hoffmann, Abhandlung von Philipp Melanchthons Verdiensten um die teutsche Reichs-und Staatsgeschichte, Tübingen 1760. Schon 1532 schreibt er: Misit Carion ad me farraginem quandam negligentius coacervatam, quae a me disposita est. Ueber Carions Leben und Schriften Strobels Miscell. Lit. Inhalt, 6. Samml. S. 139 ff. A. Stern in d. Allg. D. Biogr. III, 781. Daß Melanchthon auch die Ausgabe des Nauclerus 1516 besorgt habe, bestreiten Herm. Müller, Forsch. XXIII, 595, u. M. Spieß ib. XXVI, 138-140: Winsheim verwechselte in seiner Gedächtnißrede Carion u. Nauclerus.
[28] Ueber B. Rhenanus s. A. Horawitz in d. Wiener SB. LXX. 189 bis 244. LXXII, 323-376. LXXVIII, 313-340. Horawitz u. Hartfelder, Briefwechsel des B. Rh. Leipz. 1886. Gény u. Knod, Die Stadtbibl. zu Schlettstadt, 1889.
[29] Vgl. Rinck in Pertz Archiv III, 52-56. W. Preger, M. Fl. Ill. u. seine Zeit, 2 Bde. Erl. 1859-1861: Allg. D. Biogr. VII, 95. W. Schulte, Beitr. z. Entstehungsgesch. d. Magdeb. Cent. Neisse 1877. Flacius gab auch nach dem Vorgang des Engländers Bale und von ihm unterstützt die Satiren des 12. und 13. Jahrhunderts gegen Pabst und Clerus heraus unter dem Titel: Carmina vetusta ante trecentos annos scripta, quae deplorant inscitiam evangelii etc. Viteb. 1548, vermehrt 1557 als: Varia doctorum piorumque virorum de corrupto ecclesiae statu poemata.
[30] S. darüber Waitz, Heinrich I, 3. Ausg. S. 265-272. Ein Theil der Fabeln ist älteren Ursprungs, schon 1518 in Baiern ein Werk der Art entstanden, aber Rüxnern bleibt doch eine ansehnliche Vermehrung derselben.
§ 2. Die katholische Kirche. Die Heiligenleben. [[←]]
Während einerseits die neu erwachende kritische Richtung willkommene Waffen in der Litteratur des früheren Mittelalters fand, bot sich andererseits hierin auch der katholischen Kirche ein schöner Schatz ascetischer Schriften dar, und die Briefe der alten Päbste, wie die alten Vorkämpfer ihrer Ansprüche, waren noch immer zu brauchen. So finden wir denn, nachdem die katholische Kirche sich wieder ermannt und auch wissenschaftlich neue Kraft gewonnen hat, auch von dieser Seite viele Publicationen; der Cardinal Caesar Baronius setzte den Magdeburger Centuriatoren seine Annales ecclesiastici entgegen, welchen die aus dem Vaticanischen Archiv und anderen Quellen mitgetheilten Actenstücke hohen Werth verleihen[1]. Durch gute Ausgaben wichtiger neu entdeckter Quellen machten sich besonders Heinrich Canisius[2], Brouwer[3], Sirmond, Tengnagel, Gretser[4] verdient. Auf einzelnes einzugehen, würde hier zu weit führen; nur einen besonderen Zweig der Litteratur scheint es erforderlich hier näher zu betrachten.
Schon unter den ältesten Incunabeln finden sich Legendarien und einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder bieten sie ein brauchbares Körnchen dar; im ganzen aber erscheinen die Legenden in solcher Weise überarbeitet, daß das Triviale, allen Gemeinsame, überhand genommen hat, das Geschichtliche oft ganz verschwunden oder doch verdunkelt ist. Die zahlreichen Wunder, die vielen Fabeln und Albernheiten machten diese Litteratur gerade ganz besonders zum Gegenstand lebhafter Angriffe, und bald empfand man, daß sie allen Werth und Nutzen verlieren werde, wenn man sich nicht zu einer Sichtung des überkommenen Stoffes entschließen werde. Nachdem schon der Mailänder Boninus Mombritius auf alte Handschriften zurückgegangen war, die er mühsam aufsuchte, und durch deren unveränderten Abdruck[5] er sich verdient gemacht hatte, ohne Nachfolger zu finden, erschien ein Jahrhundert später die Sammlung des Cölner Karthäusers Laur. Surius († 1578): Vitae Probatorum Sanctorum, die viel brauchbaren geschichtlichen Stoff zuerst ans Licht brachte, und wenn auch der lateinische Stil etwas überarbeitet ist, so berührt das doch kaum den Inhalt. Von Kritik aber ist in diesem Werke keine Rede, und die herrschende Meinung der Gebildeten verwarf alle diese Mönchsgeschichten als leere Fabeln.
Diesen Angriffen gegenüber faßte nun der Jesuit Heribert van Roswey den Plan, durch strenge Sichtung des ganzen vorhandenen Materials und Aufopferung des falschen das echte zu retten und zu sichern. Er selbst gab u. a. das Martyrologium Romanum heraus; besonders aber veranlaßte er seinen Ordensbruder Johann Bolland in Antwerpen zu dem großartigen Unternehmen der Acta Sanctorum, wovon 1643 der erste Band erschien. Noch 5 Bände gab Bolland selbst heraus; dann hinterließ er die Fortsetzung Daniel Papebroch und Gotfried Henschen, von welchen der gediegenste Theil des Werkes gearbeitet ist. Sie gewannen bei ihrer Arbeit eine solche Sicherheit der historischen Kritik und verfuhren mit so wenig Schonung, daß sie bald vielfache Angriffe erfuhren und die spanische Inquisition sogar im J. 1695 die bis dahin erschienenen 14 Bände verbot. Man versuchte auch den Pabst zu einem Verbote desselben zu bewegen, aber vergeblich; nur Papebrochs Chronologia Pontificum Romanorum wurde wirklich verboten[6]. Mit dem unermüdlichsten, mühsamsten Fleiße setzten auch später die Antwerpener Jesuiten, welche man gewöhnlich als Bollandisten bezeichnet, das begonnene Werk fort; ihre Abhandlungen wurden immer weitschichtiger und verloren an innerem Werthe, während das ganze immer langsamer vorrückte. Doch sind noch viele sehr tüchtige Arbeiten und unermeßliches historisches Material darin. Durch die Aufhebung des Ordens wurde das Unternehmen gestört; andere führten es weiter, dann aber machte ihm die Occupation Belgiens durch die Franzosen ein Ende. In neuester Zeit hat man es wieder aufgenommen, aber mit der übertriebensten Weitschweifigkeit. Bis jetzt sind mehr als 60 Folianten erschienen, welche bis in den November reichen, denn das ganze Werk folgt der Ordnung des Kalenders. Die Auffindung eines bestimmten Heiligen war früher nicht leicht; man bedurfte dazu der Kenntniß seines Tages, wozu das Heiligenlexicon (von Schmauß) Gött. 1719, 8, brauchbar ist, welches zugleich zur vorläufigen Orientirung dienen kann. Gegenwärtig aber bietet Potthasts Bibliotheca historica in dem Artikel Vita S. 575-940 ein nicht allein auf den Umfang des Mittelalters beschränktes Repertorium sämmtlicher von den Bollandisten besprochener Personen, dem ein Register der übrigen in jenem Riesenwerke enthaltenen Abhandlungen beigefügt ist. Außerdem aber enthält jetzt ein Supplementband der Acta Sanctorum zum October Generalregister über das ganze Werk von Rigollot.
Neben den Jesuiten begannen auch die französischen Benedictiner ein ähnliches Werk, nachdem ihr Orden in der Congrégation de Saint-Maur einen neuen, außerordentlich kräftigen Aufschwung genommen hatte. Die Erforschung der Geschichte ihres Ordens wurde bald ein Hauptgesichtspunkt der Congregation und ihr Bibliothekar Dom Luc d'Achery sammelte dafür viele Jahre mit Unterstützung der ganzen Genossenschaft unschätzbares Material. Zur Bearbeitung desselben wurde ihm 1664 Dom Jean Mabillon beigegeben, den dann wieder Germain und Ruinart unterstützten. Von ihnen erschienen 1668-1701 die Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti in 9 Folianten, welche bis zum Jahre 1100 reichen und vom größten Werthe für die Geschichte sind. Abweichend von der Anordnung der Bollandisten ist diese Sammlung nach der Zeitfolge geordnet; sie beginnt natürlicher Weise erst mit der Entstehung des Ordens der Benedictiner, die ersten Jahrhunderte der Kirche aber behandelte Ruinart selbständig in seinem trefflichen Werke: Acta primorum martyrum sincera, 1689, 4.
[1] Bis 1198 in 12 Folianten 1588-1607 erschienen. Die Fortsetzung von Raynaldus in 9 Folianten bis 1565 erschien von 1646-1677. Ausgabe von Mansi mit Pagi's Kritik, Lucae 1738-1759.
[2] Neffe des berühmteren Petrus, s. v. Schulte in d. Allg. D. Biogr. III, 749.
[3] Kraus in d. Allg. D. Biogr. III, 368.
[4] Werner in d. Allg. D. Biogr. IX, 645.
[5] Sanctuarium, in 2 großen Folianten o. J. (um 1475). Vgl. Tiraboschi, Tomo VI, l. II, c. 32. Von demselben rührt die erste Ausgabe des Prosper her, welche Holder-Egger im NA. I, 22 erwähnt, nach J. A. Saxii Hist. litter. typogr. Mediol. p. 146. [←]
[6] S. Rettberg, Art. Papebroch in der Encyklopädie von Ersch und Gruber. A. Scheler, Zur Geschichte des Werkes Acta Sanctorum, Serapeum VII, 305 ff. Potthast, Bibl. historica, p. 23-25. Baehr, Gesch. d. Röm. Litt. IV, 227.
§ 3. Sammlungen für Landesgeschichte. [[←]]
In viele einzelne Staaten zerspalten hatte Italien keine umfassende Sammlung von Geschichtsquellen erhalten; auch ging hier der Patriotismus gerne gleich über die Zeiten des Mittelalters hinaus in die antike Welt hinüber. Die römische Kirche aber konnte vom Mittelalter nicht lassen und noch weniger ihren Gesichtspunkt durch enge Grenzen beschränken lassen. Ihre Geschichte, vom Cardinal Baronius geschrieben, umfaßte die ganze christliche Welt, und jedes Volk fand hier die wichtigsten Aufschlüsse über seine Vergangenheit aus den Schätzen des Vaticanischen Archivs. Viele Geschichtsquellen Italiens zog Ughelli zuerst ans Licht in dem großen Werk der Italia Sacra, welches später von Coleti umgearbeitet und sehr vermehrt wurde[1]. Gleichzeitig mit diesem wirkte Ludwig Anton Muratori, der mit der umfassendsten Gelehrsamkeit, rastlosem Fleiße und unermüdlicher Thatkraft die Grundlagen der italienischen Geschichte legte, auf denen noch heute fortgebaut wird. Seine Scriptores Rerum Italicarum in 21 Folianten, 1723-1751, sind die erste umfassende planmäßig angelegte Sammlung der Geschichtsquellen eines ganzen Landes, und bis jetzt die einzige, welche ihre Vollendung erreicht hat; das große Verdienst, durch eifrige Unterstützung der Sache, auch durch wissenschaftliche Mitwirkung die Ausführung möglich gemacht zu haben, gebührt den bescheiden im Hintergrund gebliebenen Socii Palatini[2]. Neuestens hat auch Italien eine Darstellung seiner Chronistik erhalten durch Ugo Balzani[3].
Erstrebt war freilich schon früher ähnliches in Frankreich durch die Sammlung von Duchèsne in 5 Folianten (1636-49); doch genügte diese nicht, so werthvoll auch ihr Inhalt ist. Colbert faßte bereits 1676 den Plan einer neuen umfassenderen Sammlung, der jedoch erst später zur Ausführung kam, als die Congregation der Mauriner auch diese Aufgabe übernommen hatte. Nachdem diese fleißigen und gelehrten Mönche bereits für die Geschichte ihres Ordens und der Kirche das außerordentlichste geleistet, und in verschiedenen Sammlungen unendliches Material zugänglich gemacht hatten, erschien von 1738 an der Recueil des Historiens des Gaules et de la France von Dom Bouquet und seinen Nachfolgern, eine Sammlung, deren Fortführung in neuester Zeit wieder aufgenommen ist, und die bis jetzt aus 23 Folianten besteht.
In Deutschland waren die vielversprechenden Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts durch die inneren Spaltungen gehemmt und endlich durch den dreißigjährigen Krieg fast gänzlich erstickt worden. Die folgende Zeit des Reichthums und der fürstlichen Stellung der Geistlichkeit brachte wohl einige Stiftshistorien, aber nichts, das sich mit dem Wirken der Mauriner in Frankreich irgend vergleichen ließe. Wohl reizte das Beispiel zur Nachahmung, aber alle Versuche scheiterten theils an der Trägheit der in Reichthum und Ueppigkeit versunkenen Stifter, theils an der Eifersucht der Landesfürsten, welchen es bedenklich erschien, die Geistlichkeit ihrer Territorien in nähere Verbindung mit den Ordensbrüdern anderer Gebiete treten zu lassen. Und geradezu unmöglich war es für die Reichsabteien, selbst wenn sie es gewollt hätten, sich einer gemeinsamen Leitung und wechselnden Aebten unterzuordnen. Das erfuhren namentlich die Gebrüder Bernhard und Hieronymus Pez[4] in Melk bei ihren Bemühungen, neues Leben in den alten Orden der Benedictiner zu bringen, und die Stiftung einer Congregation, welche es möglich gemacht hätte, die vorhandenen Kräfte zu vereinigen und, wie in Frankreich, planmäßig für gemeinsame Zwecke zu verwenden, scheiterte an solchen Hindernissen.
Material war freilich in großen Massen zu Tage gefördert, aber ohne Auswahl, ohne Kritik; die neuen Publicationen fügten nur immer mehr rohe Masse hinzu, in noch mangelhafterer Weise, und niemand verstand es, den Stoff zu bearbeiten. Im siebzehnten Jahrhundert erschienen bei dem Uebergewicht des Partikularismus fast nur noch Sammlungen für die Geschichte einzelner Reichslande. Eine neue Epoche beginnt dann mit Leibniz, dem Zeitgenossen Muratori's, und in noch viel höherem Grade würde dies der Fall gewesen sein, wenn nicht seine Forschungen unvollendet und großentheils unbekannt geblieben wären. Wie Muratori von der Geschichte des Hauses Este, so ging Leibniz von den Welfen aus, und wie Muratori wurde er durch diese Untersuchungen immer weiter geführt zu den ausgedehntesten Quellenforschungen, welche die ganze Reichsgeschichte umfaßten, Forschungen, die sich andererseits an seine philosophischen sowohl wie an seine staatsrechtlichen Studien anschlossen. Er durchsuchte alle ihm zugänglichen Archive und Bibliotheken, und ergriff mit dem lebhaftesten Eifer den Plan einer systematischen Sammlung und Ausgabe aller vorhandenen Quellen für die politische und die Rechts-und Kirchengeschichte, auf deren Wichtigkeit und die Nothwendigkeit ihrer gründlichen Erforschung zuerst Conring energisch hingewiesen hatte.
Wohl einsehend, daß die Aufgabe die Kräfte eines Einzelnen übersteige, versuchte man wiederholt, Gesellschaften zu diesem Zwecke zusammenzubringen. Schon Johann Christian von Boineburg, der Rathgeber des Churfürsten Johann Philipp von Mainz, der Freund Conrings, Leibnizens und Forsters, entwarf den Plan, ein Collegium universale Eruditorum in Imperio Romano mit vorzüglicher Rücksicht auf Geschichte zu stiften, und theilte denselben 1670 mehreren Gelehrten mit. Mainz, wo das Reichsarchiv sich befand, war zum Sitz desselben bestimmt, allein es blieb bei diesen Anfängen und hatte keinen weiteren Erfolg. Neue Anregungen zu Versuchen dieser Art gab bald darauf die kräftige Entwicklung der schon 1651 gestifteten, 1677 vom Kaiser privilegirten Academia Leopoldina Naturae Curiosorum. Paullini in Eisenach faßte die Idee einer ähnlichen historischen Gesellschaft; er ließ 1687 eine Delineatio Collegii Imperialis historici gloriose et feliciter fundandi drucken und vertheilen. Mit vorzüglichem Eifer gingen Hiob Ludolf und Tentzel auf diesen Gedanken ein; Ludolf theilte Paullini seine unmaßgeblichen Bedenken mit und von ihm ging die förmliche Aufforderung zur Theilnahme aus, welche 1688 versandt wurde. Er war der Präses der neuen Gesellschaft, welcher mehrere namhafte Gelehrte sich anschlossen. Vor allem aber bedurfte man materieller Unterstützung, ohne die sich wenig ausrichten ließ; man wünschte den Kaiser, den Reichstag dafür zu gewinnen, man suchte nach vornehmen Patronen, aber man fand, wie Ludolf 1695 an Leibniz schrieb, keinen einzigen, welcher einen Pfennig daran wenden wollte[5]. Nur der Herzog von Württemberg gewährte Pregitzer die Kosten zu einer Reise durch Schwaben, die Schweiz, Burgund und Frankreich, um die Archive zu durchforschen; seine Reiseberichte befinden sich auf der Göttinger Bibliothek. Erfolg hatte also auch dieser Versuch nicht, und er konnte kaum Erfolg haben zu einer Zeit, wo die höheren Stände ganz der französischen Bildung hingegeben, und die Gelehrten größtentheils von geistloser Pedanterie erfüllt waren, wo lebhafte Theilnahme für die Erforschung der vaterländischen Geschichte eben so selten zu finden war, wie die Fähigkeit zum richtigen Verständniß der Quellen.
Leibniz hatte diesen Bestrebungen von Anfang an große Theilnahme zugewandt; er wies vornehmlich auf den unveränderten Abdruck der reinen Quellenschriften hin, während Ludolf mehr eine Bearbeitung der Reichsgeschichte ins Auge faßte. Leibnizen dagegen war um fremde Darstellungen wenig zu thun; er wußte wohl, daß Urkunden, in denen ein Anderer nichts finden konnte, ihm die bedeutendsten Aufschlüsse gewährten, und rieth deshalb ernstlich, daß man sich nicht bemühen solle, um eine Geschichte stylo florido et eleganti zu schreiben, sondern man solle die Documenta und Urkunden geben, ut praesens aetas thesaurum quendam relinquat. Er zuerst erhob sich über den Dilettantismus und die Vielwisserei und verband die ausgebreitetsten Kenntnisse mit staatsmännischem Blick und historischer Einsicht. Und so leistete denn dieser außerordentliche Mann allein einen großen Theil desjenigen, was jene gutgemeinten Unternehmungen bezweckt hatten, ohne zur Ausführung kommen zu können.
Schon 1693 gab Leibniz seinen Codex juris gentium heraus, dem 1700 die zwei Folianten der Mantissa Documentorum folgten. Von 1707-1711 erschienen dann die Scriptores Rerum Brunsvicensium, welche theils die niedersächsische Landesgeschichte, theils die welfische Hausgeschichte erläutern sollten, und durch die großartige Stellung des welfischen Hauses, durch die Verflechtung desselben in alle wichtigsten Angelegenheiten des Reiches einen universellen Charakter erhielten, der sie von allen anderen Sammlungen für specielle Landesgeschichte unterscheidet. Eine Anzahl anderer wichtiger Schriftsteller war schon 1698 in den Accessiones historicae zuerst ans Licht gebracht. Aber von den überreichen Sammlungen Leibnizens war dadurch nur ein kleiner Theil erschöpft; nachdem er selbst vom Schauplatze abgetreten war, brachten seine Nachfolger Eckhart, S. Fr. Hahn, Jung, Gruber, Scheidt aus seinem Nachlaß das großartige Werk der Origines Guelficae zu Stande, welches noch jetzt einen ehrenvollen Namen behauptet, in Form und Inhalt aber ganz auf den Vorarbeiten von Leibniz ruht[6].
Aber Leibniz hinterließ auch noch ein anderes Werk, welches allein ausgereicht hätte, um einen gewöhnlichen Menschen berühmt zu machen, die Annalen des abendländischen Reiches, zu welchen ihn seine Forschungen über die Welfen ebenso hinführten, wie Muratori die Geschichte des Hauses Este zur Verfassung der Annalen Italiens veranlaßte. Dieses Werk, welches Leibniz viele Jahre lang vorzüglich beschäftigte, reicht von 768-1005, denn weiter ist er leider nicht damit gekommen. Es ist durchaus ein Meisterwerk, welches alle früheren Leistungen weit hinter sich läßt; auch hegten die Zeitgenossen große Erwartungen davon, und lange war von dem Druck desselben die Rede, der aber dennoch zum großen Schaden der Wissenschaft unterblieb, bis in neuester Zeit Pertz das fast schon in Vergessenheit gerathene Werk herausgab[7], nachdem ein großer Theil der darin enthaltenen Forschungen von neuem gemacht worden war. Aber noch immer ist das Werk sehr brauchbar, da es mit der vollständigen Uebersicht und Benutzung des bis dahin bekannt gewordenen Stoffes gearbeitet ist, während die sichere Methode, der durchdringende Scharfsinn und die geistvolle Behandlung des großen Verfassers den Leser durchgehends fesseln und zur Bewunderung fortreißen.
Die Fehler der früheren Sammlungen, von denen auch die Leibnizsche nicht ganz frei ist, den Mangel an kritischer Sichtung des Stoffes, an systematischer Auswahl und Zusammenstellung, die Unzuverlässigkeit der Abdrücke, schilderte niemand schärfer und eindringlicher als Joh. G. Eckhart[8], Leibnizens Gehülfe, dann Convertit und fürstlich Würzburgischer Rath. Dennoch vermied er in seiner eigenen Sammlung, dem Corpus historicorum medii aevi (1723) keinen jener Fehler, vermehrte aber das vorhandene Material durch sehr werthvolle Beiträge.
J. B. Mencke veröffentlichte 1728 und 1730 noch eine sehr schätzbare Sammlung, B. G. Struve gab 1717 und 1726 die älteren Sammlungen von Pistorius und Freher neu heraus; immer mehr wuchs die Masse des größtentheils rohen, ungeordneten, ungesichteten Materials; immer schwieriger wurde es, eine Uebersicht über dasselbe zu gewinnen. Dieser Uebelstand veranlaßte das Erscheinen von Schriften, die als Wegweiser dienen sollten: J. P. Fincke's Index in Collectiones Scriptorum Rerum Germanicarum, Lips. 1737, 4 und das vielgebrauchte Directorium von Freher, zuletzt 1772 von Hamberger neu herausgegeben. Desselben Hambergers Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern, Bd. 3. 4. 1760, sind von geringer Brauchbarkeit, dagegen des trefflichen Joh. Alb. Fabricius Bibliotheca Mediae et Infimae Latinitatis 1734-1746, 8, und ed. Mansi 1754, 4 noch jetzt unentbehrlich und von großem Nutzen. Eine neue vermehrte Ausgabe derselben mit Berücksichtigung der seitdem erschienenen Sammlungen und Ausgaben wäre sehr wünschenswerth und würde einem dringenden Bedürfniß entgegenkommen. Zurechtfinden aber können wir uns jetzt in der historischen Litteratur des Mittelalters mit großer Leichtigkeit, seitdem Potthasts Bibliotheca historica medii aevi (Berlin 1862, Supplement 1868) erschienen ist, ein höchst dankenswerthes Werk, das Product des angestrengtesten und mühsamsten Sammelfleißes, welches, obschon nicht frei von manchen Schwächen und Mängeln, doch als ein ungemein nützliches Hülfsmittel allgemeine Verbreitung und Anerkennung gefunden hat.
[1] Ughelli, Italia Sacra, 9 Bände f. 1644-1662. Neue Ausg. v. Coleti in 10 Bänden, 1717-1721.
[2] S. über diese L. Vischi im Arch. stor. Lombardo 1880, S. 391-566.
[3] Ein Band der durch die Society for promoting Christian Knowledge veranlaßten Sammlung: Early chronicles of Europe, 1883; auch ins Ital. übersetzt. Anderer Art, auch die Byzantiner, die Gesetze und Urkunden umfassend, ist die Schrift von Costanzo Rinaudo:[←] Le Fonti della storia d'Italia dalla caduta dell' imperio Romano d'Occidente all' invasione dei Longobardi (476-568). Torino 1883.
[4] S. Krones, Allg. D. Biogr. XXV. 569-575.
[5] De Collegio nostro historico quod dicam vix habeo, adeo omnia frigent. Scilicet nemo de magnatibus nostris est qui urgeat, multo minus qui obolum impendat. Qui ad nutum alienum laborare debent sine magno autore, sine praemio, sunt difficillimi. 1695, Dec. 9.
[6] Die vorstehenden Angaben sind aus den Mittheilungen meines 1863 verstorbenen Freundes Rößler entnommen, welcher sie aus dem in Göttingen und Hannover verwahrten handschriftlichen Material geschöpft hatte, mit Benutzung der Nachrichten über Paullini's Briefwechsel im Serapeum 1856, S. 65. 367, der Schriften Guhrauers u. a. Vgl. auch Lucä, der Chronist Friedr. Lucä (Frankfurt 1854), S. 279-344; Pfleiderer, Leibniz als Patriot etc. S. 632 ff. Mit Benutzung von Paullini's Nachlaß in Jena ist der Aufsatz von Wegele gearbeitet: Das historische Reichscolleg, Im neuen Reich 1881, N. 25. Ueber Leibniz' Reise nach Wien 1708 s. Wilh. Guerrier, Leibniz in seinen Beziehungen zu Rußland (1873) S. 67.
[7] G. W. Leibnitii Annales Imperii Occidentis Brunsvicenses, ed. G. H. Pertz. 3 Tomi. Hannov. 1843-1846. Mit einer sehr lehrreichen Vorrede des Herausgebers. Vgl. Giesebrecht I, 797. Viele Nachrichten über die Geschichte dieses Werkes, über die schlechte Behandlung, welche Leibniz zu erfahren hatte, und die Intriguen Eckharts, welche dieselbe hauptsächlich veranlaßten, enthält: Leibnizens Briefwechsel mit dem Minister v. Bernstorff etc. von R. Doebner. Hann. 1882, und in d. Zeitschr. d. hist. Vereins f. Niedersachsen 1881.
[8] Wegele in d. Allg. D. Biogr. V, 627-631; zu ergänzen aus der eben erwähnten Publication von Doebner.
§ 4. Die Monumenta Germaniae Historica. [[←]]
Immer lebhafter empfand man in Deutschland während des 18. Jahrhunderts das Bedürfniß einer planmäßig geordneten, kritischen Sammlung der echten und ursprünglichen Geschichtsquellen; das Beispiel von Muratori in Italien und den Maurinern in Frankreich reizte zur Nachfolge, aber alle Wünsche und Versuche scheiterten, wie jene eben erwähnten ersten Anfänge, an der Zerstückelung Deutschlands, an der Unmöglichkeit, ein Zusammenwirken vieler Gelehrten herbeizuführen, an dem Mangel ausreichender Geldmittel. Die Nachrichten über diese Bestrebungen findet man gesammelt im ersten Bande des Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. Namentlich hatte der Hallische Theologe Semler einen solchen Plan, und bezeichnet in seinem „Versuch den Gebrauch der Quellen in der Staats-und Kirchengeschichte der mittleren Zeiten zu erleichtern“ (1761) scharf und treffend die Mängel der vorhandenen Sammlungen, die Nothwendigkeit, Originalquellen von Ausschreibern zu sondern, mit Sorgfalt und gesunder Kritik eine Reihe der bedeutendsten Autoren durchnehmend. Durch ihn angeregt gab 1797 sein College Krause den Lambert heraus als Anfang und Specimen einer solchen Sammlung; aber er starb bald nachher und es blieb bei diesem ersten Bande. Im folgenden Jahre 1798 gab Rösler in Tübingen eine kritische Bearbeitung der ältesten Chroniken des Mittelalters, allein die Aufgabe einer umfassenden Sammlung war für die Kräfte einzelner Männer viel zu groß, als daß etwas genügendes hätte zu Stande kommen können.
Die lange Fremdherrschaft in Deutschland und die Befreiung davon durch die vereinten Anstrengungen des ganzen Volkes weckten endlich in höherem Grade das Bewußtsein eines gemeinschaftlichen Vaterlandes. Mit neuer Liebe wandte man sich der Erforschung der Vorzeit zu; E. M. Arndt, die Gebrüder Grimm bestärkten in dieser Richtung durch die kräftigste Anregung. Eifrig und dringend wies Johannes von Müller auf die Nothwendigkeit des Quellenstudiums hin. Auch der Freiherr vom Stein empfand das lebhafte Bedürfniß, eine genügende Anschauung der deutschen Geschichte sich zu verschaffen. Die vorhandenen Darstellungen reichten dazu nicht aus; er suchte die Kenntniß aus den Quellen selbst zu schöpfen, stieß aber dabei auf unüberwindliche Schwierigkeiten wegen des verwahrlosten Zustandes derselben. Es war nicht seine Art, wegen solcher Hindernisse einen Gedanken aufzugeben, und seine Entfernung von den Staatsgeschäften trug dazu bei, daß er ihn um so entschiedener festhielt und verfolgte. Der Gedanke an sich selbst, seinen eigenen Vortheil und Genuß, trat dabei bald völlig zurück; er hatte nur noch sein Volk im Auge, der Wunsch erfüllte ihn, „den Geschmack an deutscher Geschichte zu beleben, ihr gründliches Studium zu erleichtern und hierdurch zur Erhaltung der Liebe zum gemeinsamen Vaterland und dem Gedächtniß unserer großen Vorfahren beizutragen“. Mit der ganzen Energie seines gewaltigen Geistes faßte er den Plan, eine umfassende und kritisch bearbeitete Sammlung der deutschen Geschichtsquellen zu veranstalten, und er ließ nicht ab, bis er denselben zur Ausführung gebracht hatte[1]. Im Februar 1818 brachte er ihn zuerst zur Sprache; es gelang ihm, mehrere seiner westfälischen Freunde zu bedeutenden Geldbeiträgen zu bewegen; er selbst hat nach und nach an 10,000 Fl. darauf verwandt. Mehrere der damaligen Bundestagsgesandten gingen auf Steins Vorschläge ein, und am 20. Januar 1819 trat zu Frankfurt die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde zusammen. Der badische Legationsrath Büchler wurde zum Secretär, der Archivrath Dümge zum Redacteur bestimmt; beide begannen sogleich die Herausgabe der Zeitschrift, welche vom wesentlichsten Nutzen für das Unternehmen gewesen ist. Sie heißt das Archiv der Gesellschaft und führt mit Recht diesen Namen, weil darin alle Vorarbeiten für das große Unternehmen, Nachrichten über Handschriften, Untersuchungen über die einzelnen Quellenschriften niedergelegt wurden[2].
Der ungeheuere Umfang des Unternehmens, die Nothwendigkeit vieler und ausgedehnter Reisen, zeigten sich erst während der Arbeit in zunehmendem Maße; bald sah man, daß Privatmittel, so bedeutend auch die Beitrage der Gründer waren, doch nicht weit genug reichten. Die Bundesversammlung war gleich anfangs um Unterstützung ersucht worden und hatte in Ermangelung eigener Geldmittel zu solchem Zwecke das Werk den einzelnen Regierungen zur Förderung empfohlen, allein fast ohne Erfolg. Man befürchtete von der einen Seite Mißbrauch des Unternehmens für revolutionäre Zwecke — denn die Geschichte könne ebensogut zum Umsturz der Monarchie, wie zu ihrer Erhaltung verwerthet werden — von anderer witterte man etwas Serviles darin, und der alte Voß sah darin eine große Verschwörung, die Geschichte für oligarchische und katholische Zwecke auszubeuten[3]. In Oesterreich galt das Unternehmen als revolutionär, und nachdem eine anfänglich beabsichtigte besondere Direction für Oesterreich fallen gelassen war, blieb für die einheimischen Gelehrten eine förmliche Betheiligung an der Gesellschaft unmöglich[4]. 1828 hatte man sogar Bedenken, den fertig gewordenen ersten Band der Bundesversammlung zu überreichen[5]. Der König von Baiern hatte noch 1829 gar nichts dafür gethan[6], während doch Baden die Dienste des Archivraths Dümge gleich anfangs auf einige Jahre der Gesellschaft überließ, und der König von Preußen von 1821 an einigemal einen Beitrag von 1000 Thalern bewilligte[7]. Mit Bitterkeit gedachte Stein daran, daß er schon im Herbst 1818 eine vom russischen Kaiser angebotene Unterstützung abgelehnt hatte[8], und erst nach des Stifters Tode (29. Juni 1831) scheinen die verschiedenen Regierungen sich nach und nach zu den Beiträgen entschlossen zu haben, welche den Bestand der Sache sicherten; auf einer Ministerconferenz in Wien 1834 hatte der Fürst Metternich sich dem Unternehmen günstig erwiesen.
In den gelehrten Kreisen fand das Unternehmen gleich anfangs lebhafte Theilnahme, aber lange dauerte es, bis ein ausführbarer Plan zu Stande kam. Ein Vorschlag nach dem andern wurde im Archiv veröffentlicht; während man sich zu orientiren suchte, fing man erst an, den Umfang der Arbeit zu übersehen, die Masse des Stoffes, die Schwierigkeit ihn zu bearbeiten, namentlich wegen der in so vielen Bibliotheken und Archiven zerstreuten Handschriften und Urkunden, welche sich viel zahlreicher erwiesen, als man anfänglich geglaubt hatte.
Nach dem ursprünglichen Plan vertheilte man die einzelnen Schriftsteller an verschiedene Gelehrte zur Bearbeitung, aber es zeigte sich bald, daß auf diese Weise weder Einheit in Plan und Methode, noch ein rascher Fortschritt in der Ausführung zu erreichen war. Die ersten Bände des Archivs sind voll von Versprechungen und Anerbietungen, von denen aber die meisten ohne Resultat blieben.
Von entscheidender Bedeutung für die ganze Zukunft des Unternehmens war deshalb der Zutritt des Mannes, unter dessen Leitung es bald den kräftigsten Aufschwung nehmen sollte. G. H. Pertz aus Hannover hatte im Jahre 1818 in Göttingen seine Studien vollendet und 1819 die Geschichte der Merowingischen Hausmeier mit einer Vorrede und lebhaften Empfehlung seines Lehrers Heeren vom 4. September 1818 veröffentlicht. Eine Aufforderung Büchlers zur Theilnahme an den Arbeiten der Gesellschaft erwiderte er am 5. Juli 1819 mit freudiger Zustimmung und dem Erbieten zur Bearbeitung der wichtigsten Quellenschriften aus der karolingischen Periode[9]. Auf Büchlers Mittheilung nahm Stein dieses Anerbieten bereitwillig an, und forderte am 21. December Pertz nicht nur zur Uebernahme der Schriftsteller aus der karolingischen Periode, sondern auch zu einer Reise nach Wien auf, weil die Benutzung der auf der Hofbibliothek befindlichen Handschriften zunächst nothwendig war[10]. Diese Reise, welche den reichsten Ertrag gewährte, wurde nicht nur auf andere österreichische Bibliotheken, sondern auch auf Italien ausgedehnt. Hier war der Freiherr vom Stein bereits selbst gewesen, hatte von den Schätzen des Vatican vorläufige Kunde verschafft und Mitarbeiter zu gewinnen gesucht, auf deren Unterstützung damals noch stark gerechnet wurde. Diese Theilnahme der Italiener erwies sich indessen später als gänzlich illusorisch, und nicht viel mehr Erfolg hatten die Zusagen, welche Pertz in Oesterreich gemacht wurden. Seine Reise aber gewährte die erste feste Grundlage für das Unternehmen; allein aus den päbstlichen Regesten gewann er 1800 ungedruckte Briefe[11]. Seine Reiseberichte zeigten so entschieden eine meisterhafte Handhabung der Kritik in scharfem Gegensatze zu den vielen dilettantischen Beiträgen anderer, daß ihm nach seiner Rückkehr die Redaction sowohl des Hauptwerks als auch der Zeitschrift übertragen wurde, da Büchler und Dümge beide von ihrem Großherzog abberufen waren[12].
Im Jahre 1824 wurde der definitive Plan des Werkes veröffentlicht, und 1826 erschien der erste Band desselben. Aus 5 Abtheilungen soll die ganze Sammlung bestehen, nämlich I. Schriftsteller, II. Gesetze, III. Kaiserurkunden, IV. Briefe, V. Antiquitäten. Für alle sind bedeutende Vorarbeiten gemacht worden, und während Pertz nur die beiden ersten Abtheilungen wirklich begonnen hatte, sind sie seit der neuen Organisation jetzt alle in der Ausführung begriffen.
Eigentlich hätten die ältesten Annalen des Mittelalters und die Geschichtschreiber der Gothen, Merowinger und Langobarden das Werk eröffnen sollen; die Vorarbeiten dazu waren aber so schwierig, und die Benutzung so unentbehrlicher Handschriften noch nachzuholen, daß diese ganze Abtheilung einstweilen übergangen wurde, um nicht zu lange mit dem wirklichen Beginn der Publicationen zögern zu müssen. Jetzt erst, nach wiederholten Reisen durch Frankreich, Belgien, England, Spanien, Italien, Rußland, sind die Vorbereitungen der Vollendung nahe gerückt, und die Herausgabe dieser sehnlich erwarteten Quellen ist ernstlich in Angriff genommen, größtentheils schon erfolgt.
Den Anfang machten also aus diesen Gründen die karolingischen Annalen[13], welche mit ihren Anfängen noch in die merowingische Zeit hinaufreichen und mit den Fortsetzungen zum Theil durch das ganze Mittelalter sich erstrecken. Nur wer die Verwirrung, den verwahrlosten Zustand kennt, in welchem sich früher diese Annalen befanden, an verschiedenen Orten und größtentheils in sehr fehlerhafter Gestalt gedruckt, ohne Unterscheidung ihres echten, gleichzeitig niedergeschriebenen Gehaltes und der späteren Zusätze, nur der kann sich eine richtige Vorstellung machen von dem außerordentlichen Gewinn, welcher der Geschichtsforschung daraus erwuchs, daß nun alle jene Annalen in einem Bande vereinigt, kritisch gesichtet und durch neue Entdeckungen bereichert, zur ungehinderten Benutzung bereitet vorlagen. Daß eben hierdurch auch die Möglichkeit gegeben wurde, über die ursprüngliche Arbeit hinauszugehen und die Kritik weiter zu führen, liegt in der Natur der Dinge.
Nach einer neuen Reise des Herausgebers nach den Niederlanden, Paris und England erschien 1829 der zweite Band[14], welcher die Chroniken und Biographieen der karolingischen Periode enthält. Den Anfang aber bilden die Geschichtsquellen des Klosters St. Gallen, bearbeitet von Ildefons von Arx[15], welche mit dem alten Leben des Stifters beginnen und bis zum Jahre 1233 unzertheilt beisammen gelassen wurden. Das Leben des heiligen Ansgar bearbeitete für diesen Band Dahlmann.
Einen neuen sehr bedeutenden Fortschritt brachten die beiden Bände Leges 1835 und 1837. Auch hier wurden einstweilen die alten Volksrechte noch bei Seite gelassen; erst 1863 erschien der dritte Band, welcher die Gesetze der Alamannen und Baiern von Joh. Merkel, der Burgunden von Bluhme, der Friesen von Richthofen bearbeitet enthält; 1868 im vierten Band das von Fr. Bluhme und Alfred Boretius bearbeitete Recht der Langobarden; von diesen Volksrechten aber erscheinen jetzt neue Bearbeitungen in der Quart-Ausgabe. Die jüngeren Rechtsbücher blieben der Thätigkeit der Rechtshistoriker überlassen, während die Reichstagsacten seit König Wenzels Wahl von der historischen Commission übernommen sind. Von jenen beiden Bänden aber umfaßt der erste die Capitularien bis 921, der zweite außer neu aufgefundenen Supplementen Reichsgesetze, kaiserliche Verordnungen, Rechtsprüche, Verträge und andere wichtige Urkunden bis 1313; hier ist namentlich aus den Vaticanischen Regesten viel neues von erheblicher Bedeutung mitgetheilt. Ein Anhang enthält in völlig principloser Mischung unechte Capitularien, Synodalbeschlüsse, und einige päbstliche Bullen. Die verfälschte Capitularien-Sammlung des Benedictus levita ist hier von dem leider zu früh der Wissenschaft entrissenen Dr. Knust herausgegeben, welcher auf der Heimkehr aus Spanien in Paris am 9. October 1841 verstarb[16]. Seine Ausgabe wird ihren kritischen Werth behaupten, aber die in der vorausgeschickten Abhandlung niedergelegten Untersuchungen sind von Paul Hinschius in seiner Ausgabe der Decretales Pseudo-Isidorianae (1863) zum Theil widerlegt und berichtigt. Diese beiden ersten Bände der Leges sind längst vergriffen und eine neue Ausgabe war um so nothwendiger, da die ursprüngliche Arbeit in hohem Grade durch Flüchtigkeitsfehler entstellt ist. Alfred Boretius, welcher in seiner Schrift: Die Capitularien im Langobardenreich (Halle 1864) diese Mängel nachgewiesen hatte, hat auch die neue Ausgabe der Capitularien besorgt; nach seiner schweren Erkrankung trat für ihn Dr. Krause ein. Mit der Bearbeitung der Reichsgesetze ist L. Weiland beschäftigt. Als eine überaus werthvolle Ergänzung ist die Ausgabe der Formeln von K. Zeumer hinzugetreten.
In besserer Weise wurde mit Benutzung tüchtiger jüngerer Kräfte die Reihe der Scriptores fortgeführt; in rascher Folge erschienen 1839 und 1841 der dritte und vierte Band, welche die Periode der sächsischen Kaiser enthalten. Bei diesen trat G. Waitz als Mitarbeiter ein, während Lappenberg, der die Geschichtsquellen der niederelbischen Lande übernommen hatte, hier als Erstling den Thietmar von Merseburg bearbeitete, dem später Adam von Bremen u. a. folgten. Für die Zeit der Karolinger hatten zwei Bände genügt und ebenso noch für die Zeit der Ottonen zwei von etwas stärkerem Umfange; die Salier dagegen, mit Lothar, erforderten acht Bände, die von 1844 bis 1856 erschienen; so sehr wächst um diese Zeit die Masse des Stoffes. Neben Waitz finden wir hier auch C. L. Bethmann thätig, der schon längere Zeit an den Vorarbeiten Theil genommen und namentlich in den Bibliotheken Frankreichs und Belgiens gearbeitet hatte; es gelang ihm u. a. die Urschrift der Chronik des Sigebert zu entdecken, welche mit allen ihren Fortsetzungen im 6. Bande erschien. Eine längere Reihe jüngerer Mitarbeiter hat sich den schon genannten angeschlossen, in den letzten Jahren häufiger wechselnd; von der ersten Generation ist nur G. Waitz fortwährend noch als Herausgeber einzelner Werke betheiligt geblieben. So ersprießlich nun auch für die rasche Ausführung des Unternehmens sich die thatsächlich durchaus monarchische Leitung anfänglich erwiesen hatte, so zeigte sich im Verlaufe desselben immer deutlicher, daß seine große Ausdehnung die Kräfte eines Mannes überstieg[17], wie denn auch die ursprünglichen Statuten eine ganz andere Form vorgeschrieben hatten. Nachdem schon am Bundestage nach dem Referate Roberts von Mohl eine Aenderung der Leitung in Angriff genommen war, nahm nach den Kriegsjahren der neue Bundesrath sich der Sache an, und im Januar 1875 ist unter der Vermittelung der Berliner Akademie der Wissenschaften eine neue Organisation ins Leben gerufen. Die Leitung des ganzen Unternehmens hat jetzt eine Centraldirection, deren Vorsitzender bis an seinen Tod G. Waitz war, jetzt E. Dümmler; die einzelnen Abtheilungen sind besonderen Leitern selbständig übergeben. Waitz selbst übernahm die Scriptores und provisorisch die Leges, Th. Mommsen die 'Auctores antiquissimi' der Uebergangszeit als eigene Abtheilung, Sickel die Diplomata, Wattenbach die Briefe, Dümmler die Antiquitates. Als beschlossen war, auch die Concilien der Merowingerzeit aufzunehmen, übernahm Maaßen die Vorbereitung der Ausgabe. Für solche Serien, welche neu begonnen werden, ist ein bequemeres Quartformat eingeführt. Als Fortsetzung des Archivs der Gesellschaft erscheint das Neue Archiv, von welchem jährlich ein Band ausgegeben wird; dasselbe beginnt mit einem Bericht über die Neugestaltung der Direction und bringt regelmäßig Berichte über die jährlichen Versammlungen der Centraldirection und den Stand der Arbeiten.
Von dem Deutschen Reich und Oesterreich sind bedeutende Geldmittel bewilligt, welche eine gesteigerte Betreibung der Arbeiten durch zahlreiche Gelehrte ermöglichen.
Werfen wir nun einen Blick auf die Art der Ausführung, so treten uns besonders zwei Hauptprincipien entgegen, welche im Vergleich mit den älteren Sammlungen einen bedeutenden Fortschritt bezeugen: die genaue Wortkritik und die strenge Sichtung des Inhalts mit Bezug auf die Herkunft und Glaubwürdigkeit der Nachrichten.
Zum ersten Male sind hier die mittelalterlichen Schriftsteller mit einer Genauigkeit behandelt, wie sie früher nur classischen Autoren zugewandt wurde. Von Anfang an wurde der Grundsatz aufgestellt und in der Regel auch befolgt, für jeden Schriftsteller alle erreichbaren handschriftlichen Hülfsmittel zusammenzubringen, ohne Rücksicht auf frühere Drucke nur die beste Handschrift zu Grunde zu legen, und durch Vergleichung der übrigen die möglichste Reinheit und Sicherheit des Textes zu erstreben.
Wenn auch durch frühere Sorglosigkeit, durch die Verwüstungen der Bauernkriege und die stürmischen Zeiten am Ende des vorigen Jahrhunderts viel zu Grunde gegangen ist, so hat sich doch, wie die unternommenen Reisen nach und nach ergaben, mehr erhalten, als man irgend erwartet hatte. Und wenn auch jetzt manche Handschrift vermisst wird, welche den Maurinern noch vorlag, so bietet dagegen unsere Zeit den Vortheil, daß fast alle Bibliotheken und Archive der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind, während jene noch häufig über die eifersüchtige Verweigerung des Eintritts Klage führten. Hat doch selbst Mabillon in Salzburg, so festlich er auch dort empfangen wurde, keine Handschrift zu sehen bekommen[18].
Von nicht geringerer Wichtigkeit als die Correctheit der Texte ist aber zweitens die genaue kritische Analyse der Quellen. Nicht nur sind dadurch mehrere früher allgemein benutzte Schriften als untergeschoben gänzlich ausgeschieden worden, sondern auch die echten Chronisten werden erst dadurch dem Geschichtsforscher recht brauchbar, daß ihm auf den ersten Blick entgegentritt, was jedem eigenthümlich, was von anderen entlehnt ist, und woher er es entnommen hat. Zuerst in der Ausgabe des Regino, und seit dem vierten Bande der Scriptores in consequenter Durchführung, wird alles von anderen unmittelbar entlehnte auch durch Petitdruck kenntlich gemacht, was die Benutzung ungemein erleichtert. Das wird jeder zu würdigen wissen, welcher irgend Gelegenheit gehabt hat, andere Sammlungen und Ausgaben zu benutzen, wo der gewissenhafte Forscher diese Arbeit stets von neuem vornehmen muß, während freilich viele es sich leichter machen und ohne Unterscheidung gleichzeitige, spätere und abgeleitete Nachrichten benutzen.
Die Reihenfolge der Quellen ist chronologisch, und zwar in zweifacher Weise, zuerst nach den angegebenen größeren Perioden und dann wieder innerhalb der kleineren Abtheilungen. In einer solchen Periode werden nämlich zuerst die Annalen gegeben, streng nach Jahren geordnete, oft gleichzeitige, in der Regel kurze Aufzeichnungen[19]. Darauf folgen die Chroniken und Geschichten, welche zum Theil noch die annalistische Form beibehalten, doch nur als äußere Gestalt, denn sie sind meistens nicht gleichzeitig und unterbrochen, sondern zusammenhängend, im Rückblick auf einen größeren Zeitraum aufgezeichnet, und versuchen, über die bloße Aufzeichnung der Thatsachen hinausgehend, deren pragmatische Verbindung und innere Entwicklung nachzuweisen. Den allgemeineren Werken dieser Art schließen sich die Localchroniken an, deren wir aus der älteren Zeit manche von Klöstern und Bisthümern besitzen, während später die Chroniken der Länder und Städte beginnen, und allmählich ganz das Uebergewicht gewinnen. Den Schluß bilden die Biographieen und kleineren Erzählungen verschiedener Art, welche nebst den Localchroniken in das lebendige Treiben der Zeit einführen, und denen wir größtentheils das Fleisch und Blut zu dem chronologischen Gerüste der Annalen verdanken.
Es versteht sich von selbst, daß diese Gattungen durch keine scharfe Grenzen gesondert sind, und manches Stück so sehr in der Mitte steht, daß es nur nach zufälligen Umständen hier oder dort seine Stelle findet.
Innerhalb dieser Kategorieen ist die Anordnung wiederum chronologisch, nach dem Endjahr, doch wird dieser Grundsatz nicht pedantisch durchgeführt, sondern durch mancherlei Rücksichten beeinträchtigt. Nicht nur wird nachträglich mitgetheilt, was während der Arbeit neu entdeckt wird, sondern es bleibt auch oft das gleichartige zusammen. Namentlich wird die Fortsetzung nicht vom Hauptwerk getrennt, wenn sie nicht ganz selbständiger Art ist. So sind die Casus S. Galli bis 1233 beisammen geblieben, und Sigebert mit seinen Fortsetzern, so auch Cosmas und die österreichischen wie die schwäbischen Annalen.
Dom Bouquet und seine ersten Fortsetzer haben das entgegengesetzte Princip verfolgt. Sie gaben zu jeder Periode alles darauf bezügliche aus allen Schriftstellern, wodurch scheinbar ein großer Vortheil für den Geschichtschreiber erreicht wird, da er seinen ganzen Stoff übersichtlich vor Augen hat. Dagegen aber wird es ihm außerordentlich schwer, ein kritisches Urtheil über die Quellen zu gewinnen, weil er sie nirgends vollständig beisammen hat; und doch kommt bei der geschichtlichen Forschung gerade darauf so viel an: es ist wenig damit gewonnen, die Worte einer historischen Nachricht zu haben, wenn man nicht weiß, wie viel Glauben der Schriftsteller verdient, und wie die ganze Art und Weise seiner Auffassung und Darstellung beschaffen ist.
Während nun bei Bouquet z. B. der Sigebert in viele Bände vertheilt ist, bleibt in den Mon. Germ. jeder Schriftsteller so viel wie möglich in seiner Integrität; man hat auch nicht, wie Stenzel früher vorschlug, dasjenige weggelassen, was der Verfasser nur aus anderen bekannten Quellen entlehnt hat; sondern man hat es wenigstens bei den bedeutenderen Schriftstellern vorgezogen, diese Theile nur durch kleineren Druck kenntlich zu machen, weil es für uns auch von Wichtigkeit ist zu wissen, wie die Schriftsteller der Zeit die Vergangenheit behandelten, aus welchen abgeleiteten Quellen die Folgezeit ihre Kenntniß schöpfte, und wie auf diese Weise die Kunde der Geschichte allmählich verengt und entstellt wurde. So hat z. B. die Chronik des Martin von Troppau fast gar keinen eigenen Werth, aber sein Compendium der Pabst-und Kaisergeschichte ist nichtsdestoweniger sehr wichtig, weil es Jahrhunderte lang die Hauptquelle der Geschichtskenntniß blieb.
In manchen Fällen jedoch war es nicht rathsam oder thunlich, die ganzen Werke aufzunehmen, und dann hat man sich auf Auszüge beschränkt; wenn nämlich die Hauptmasse der deutschen Geschichte fern liegt, fremde Länder oder zu entlegene Zeiten betrifft, wenn zwischen theologischen und anderen Betrachtungen sich nur vereinzelt geschichtliche Nachrichten finden, oder wenn eine wüste Compilation vorlag, welche keinen Anspruch darauf machen kann, als litterarisches Erzeugniß behandelt zu werden. Deutsche Hauptschriftsteller dagegen, welche durch ihre ganze Persönlichkeit bedeutend sind, haben ein wohlbegründetes Recht darauf, in ihrer ganzen Individualität aufgefaßt zu werden, und Männern wie Otto von Freising darf man ihre Werke nicht verstümmeln[20].
Von auswärtigen Geschichtsquellen sind von Anfang an nicht selten Auszüge mitgetheilt; in der Periode der Staufer haben diese einen sehr großen Umfang gewonnen. Es bedarf zu ihrer Bearbeitung einer sehr großen Arbeit voll Selbstverleugnung, da gewöhnlich zur Gewinnung der Auszüge das ganze Werk kritisch untersucht werden mußte. Für die Benutzung aber ist bei der oft schwierigen Zugänglichkeit der Ausgaben diese Zusammenstellung eine große Wohlthat, und ein gegen dieses ganze Verfahren gerichteter Angriff hat deshalb von vielen Seiten eine scharfe Zurückweisung hervorgerufen; es genügt hier, auf die Schrift von O. Holder-Egger zu verweisen: „Die Monumenta Germaniae und ihr neuester Kritiker“ (Hann. 1888).
Von manchen der bedeutenderen Quellen sind nun neben der großen Sammlung auch Octavausgaben veranstaltet, ursprünglich ohne den kritischen Apparat, jetzt aber mit demselben. Auch werden in dieser Form neue Ausgaben veranstaltet und einzelne ferner liegende Quellen vorläufig mitgetheilt.
Ueber diesen ganzen reichhaltigen, aber wegen verschiedener Umstände nicht systematisch geordneten und schwer zu übersehenden Inhalt gewährt jetzt ein ungemein dankenswerthes Repertorium die vortrefflichste Uebersicht, gemeinschaftlich verfasst von O. Holder-Egger und K. Zeumer[21].
Sehr zu rathen ist, die wichtigeren, jetzt so leicht zugänglich gemachten Quellenschriften auch wirklich zu lesen, weil das bloße Nachschlagen und Benutzen einzelner Stellen zu so vielen Irrthümern und Mißverständnissen Anlaß giebt, und nur das Lesen im Zusammenhang die richtige Anschauung gewährt; nur dadurch gewinnt man ein lebendiges Bild von den einzelnen Schriftstellern, wie von der ganzen Zeit und der damals herrschenden Art der Anschauung und Auffassung.
Noch besser wird vielleicht in manchen Fällen dieser Zweck erreicht durch die schon von Stein gewünschten[22] Uebersetzungen aus denen uns der Inhalt der Schriften weit reiner entgegentritt, indem der Leser hier nicht durch die einzelnen Schwierigkeiten beschäftigt wird, die sonst leicht seine Aufmerksamkeit zerstreuen. Auch wird man durch die Uebersetzungen nicht selten auf Stellen aufmerksam gemacht, die man früher übersah, und wenn die Uebersetzung gelungen ist, bietet sie kein unbedeutendes Hülfsmittel dar zum richtigen Verständniß des Textes, welches häufig gar nicht so leicht ist, wie der erste Anschein glauben läßt. Denn das mittelalterliche Latein hat viel eigenthümliches, und nicht nur in diese Sprache überhaupt, auch in den Sprachgebrauch der einzelnen Schriftsteller muß man sich erst mit Sorgfalt hineinlesen, um ihn ganz zu verstehen.
Die Wichtigkeit dieser seit 1849 unter dem Titel der Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit erscheinenden Sammlung von Uebersetzungen ist deshalb unverkennbar, aber die Ausführung ließ viel zu wünschen übrig. Die Ungleichartigkeit der einzelnen Arbeiten ließ den Mangel einer eigentlichen Leitung sehr empfinden, und manche Uebersetzung war voll von Fehlern. Von den auf dem Titel genannten berühmten Namen hat nur Pertz sich der Sache wirklich angenommen, doch begreiflicher Weise nur als Nebensache. Jahrelang hat dann dieses Unternehmen gänzlich geruht, ist jedoch, seit einigen Jahren wieder in Angriff genommen. Die Nützlichkeit desselben bewährt sich auch dadurch, daß von vielen einzelnen Bänden neue Auflagen nöthig geworden sind, und gegenwärtig erscheint, von Wattenbach geleitet, eine chronologisch fortschreitende neubearbeitete Auflage der ganzen Sammlung.
[1] Vgl. Archiv I. VI, 294. MG. SS. I, Praefatio. Stein und die Monumenta Germaniae Antrittsrede von Pertz 6. Aug. (rect. 6. Juli) 1843, gedr. in d. Allg. Preuß. Zeitung 1843 N. 53 vom 22. August. Steins Leben von Pertz V, 57. 264 ff. u. s. w. an vielen Stellen. E. Dümmler: Ueber die Entstehung der MG. Im neuen Reich 1876, II, 201 ff. Alfred Stern, Briefe des Freih. vom Stein an N. F. von Mülinen, NA. IX, 257-268.
[2] Eine sehr nützliche Arbeit ist das Register über alle darin besprochene Bibliotheken von Dr. H. Kohl im NA. II, 629-634.
[3] A. Stern im NA. IX. 265.
[4] Steins Leben V, 580 ff. Vgl. Anz. d. Germ. Mus. XXII (1875) S. 31.
[5] VI, 499.
[6] VI, 751.
[7] V, 567. 790. VI, 954.
[8] VI, 779.
[9] Steins Leben V, 364. Vgl. über Pertz: W. Arndt, Im neuen Reich 1876, II, 651-657. G. Waitz im N. Archiv II, 454-473, vorzüglich zur Charakteristik seiner Thätigkeit als Herausgeber. Necrolog von Giesebrecht, Münch. SB. 1877, S. 65-74. Wattenbach, Allg. D. Biogr. XXV, 406-410.
[10] Steins Leben V, 412. 416. 478-483.
[11] Archiv V, 352.
[12] Eine außerordentlich warme und lebhafte Darstellung von Pertzens Verdiensten um das Unternehmen findet sich in einem Briefe Boehmers an Gfroerer bei Janssen, Boehmers Briefe, 450. Nach dem Necrolog des Raths Schlosser ib. II, 480, war dieser Mitstifter und bewirkte durch seinen Einfluss vorzüglich, daß Pertz bei der Ausführung an die Spitze kam.
[13] S. darüber Archiv VI, 251-373. Ausführliche Recension der beiden ersten Bände, von Waitz, in den Jahrbüchern f. wiss. Kritik 1837, S. 694-731.
[14] S. Archiv VI, 274-294. Der Plan des Unternehmens war in dieser Zeit noch nicht so ausgedehnt wie später, weshalb hier noch sehr wichtige Stücke, wie die V. Eigilis, fehlen. Diese sind jetzt in den Ergänzungsbänden nachgetragen.
[15] Vgl. (Gerold Meyer von Knonau) P. Ildefons von Arx, St. Gallen 1874, 4, u. dess. Art. in d. Allg. D. Biogr. I, 615.
[16] Seine sehr reichhaltigen und anziehenden Reisebriefe sind im Archiv VIII, S. 102-252, gedruckt.
[17] Vgl. darüber die Anzeige von SS. XXIII. und Arch. XII. von L. Weiland, GGA. 1877, S. 769-796.
[18] Vgl. darüber B. Pez, Thes. I. Diss. Isagog. p. V.
[19] In den letzten Bänden ist unter der Leitung von Pertz der Begriff der Annalen immer weiter und, wie mir scheint, übermäßig ausgedehnt, z. B. auf Albert von Stade, Vincenz von Prag.
[20] Sehr verständig äußert sich darüber am 21. Jan. 1821 Herr von Buchholz in Wien, der mit lebhafter Theilnahme dem Unternehmen zugewandt war, Archiv III. 327, und schon früher E. M. Arndt in Steins Leben VI, 2, 129; vgl. V, 273. 366. Ebenso auch Niebuhr, Arch. V, 729.
[21] Indices eorum quae in Monumentorum Germaniae historicorum tomis huiusque editis continentur. Hannov. et Berol. 1890. 4.
[22] In einem Brief an Büchler vom 23. Juli 1827. Steins Leben VI, 1, 415. Böhmer legte der Centraldirection den Plan zu einer solchen Sammlung vor, s. Janssen, Böhmers Leben S. 129.
§ 5. Andere Arbeiten des neunzehnten Jahrhunderts. [[←]]
In weiten Kreisen hat das Unternehmen der Monumenta Germaniae anregend gewirkt, es hat als Vorbild gedient in Turin und in England; aber andererseits wurde es auch befördert durch mancherlei Bestrebungen verwandter Art, und durch die lebhafte Aufmerksamkeit, welche überhaupt für das Mittelalter einmal erweckt war und bald zu den gediegensten Untersuchungen führte. Raumer, Ranke, Stenzel wirkten in anregendster Weise sowohl mündlich wie schriftlich. Schon 1813 erschien von Fr. v. Raumer das Handbuch merkwürdiger Stellen aus den lateinischen Geschichtschreibern des Mittelalters, und die Geschichte der Hohenstaufen (1824) gab das Beispiel einer lebendigen Benutzung der Quellen, einer auf Leben, Verfassung, Sitte eingehenden Darstellung, welche nicht für den Gelehrten allein geschrieben ist. Ranke stellte in seiner Schrift Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber, welche 1824 als Beilage zu seinen Romanischen und Germanischen Geschichten erschien, das trefflichste Muster der Quellenkritik auf[1], während seine praktischen Uebungen, aus denen die Jahrbücher des deutschen Reichs unter den sächsischen Kaisern hervorgegangen sind, die Mehrzahl der älteren Mitarbeiter an den Monumenten ausgebildet haben.
Stenzel gab in seiner Geschichte der fränkischen Kaiser 1828 eine rein nach Originalquellen gearbeitete Darstellung, welche um so bewundernswerther erscheint, wenn man den damaligen Zustand der Quellen und den Mangel an guten Hülfsmitteln und Vorarbeiten bedenkt. Vorzüglich aber enthält der zweite Band treffliche Untersuchungen über einzelne Geschichtsquellen dieser Zeit, und eine ausgezeichnete Abhandlung über die bei ihrer Behandlung festzuhaltenden Grundsätze.
Seitdem haben sich diese Bestrebungen in immer weiteren Kreisen verbreitet; aller Orten sind historische Vereine thätig für die Bearbeitung der vorherrschend localen Quellen. Eine Zeit lang war man vielfach geneigt, alles von den Herausgebern der Monumenta zu erwarten, allein bald erkannte man doch, daß diese die späteren Zeiten noch lange nicht erreichen werden, und daß auch, je mehr mit der Zeit der Stoff anwächst und sich zersplittert, desto weniger alles ohne Ausnahme Aufnahme finden kann. Sehr zweckmäßig ist es daher, daß man angefangen hat, die Quellen einzelner Gegenden selbständig herauszugeben, wobei dann auch das spätere Mittelalter und das sechzehnte Jahrhundert mehr Berücksichtigung gefunden haben. So erschienen von Mone die badischen Geschichtsquellen, von Grautoff die lübischen, von Lappenberg die bremischen, hamburgischen, holsteinischen, von Stenzel die schlesischen, von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz die Lausitzer[2], von Ficker, Cornelius, Janssen, Diekamp die münsterischen, von Endlicher die ungarischen, und vielfach sind einzelne Quellenschriften abgesondert herausgegeben. In Böhmen, wo schon früher eine rege Thätigkeit auf diesem Felde entfaltet war, legte Palacky durch seine Würdigung der böhmischen Geschichtschreiber den Grund zu einer erneuten kritischen Bearbeitung, und 1853 erschien von M. Töppen die Geschichte der preußischen Historiographie, als Vorläufer und Keim der ausgezeichneten Sammlung der Scriptores Rerum Prussicarum, welche jetzt in fünf Bänden vollendet vorliegt. Die Städtechroniken, ein ebenso wichtiges wie schwieriges Gebiet, hat die Münchener historische Commission unter ihre Aufgaben aufgenommen und unter Karl Hegels Leitung sind bereits zwanzig Bände erschienen.
Ueber das viele Material, welches in periodischen Schriften, besonders in den Zeitschriften der historischen Vereine niedergelegt ist, orientirt das Repertorium von Walther 1845 und das neuere und zugleich umfassendere von Koner (1856). Eine weitere Fortsetzung fehlt leider.
Doch noch eines Mannes haben wir zu gedenken, der allein mehr gewirkt hat, als die meisten Vereine, und von dem sich der anregendste lebendigste Einfluß nach allen Seiten verbreitete. J. F. Böhmer, Bibliothekar in Frankfurt a. M. und mit Pertz Director der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde[3], hatte anfangs die Redaction der Abtheilung der Kaiserurkunden übernommen, diese aber später wieder aufgegeben, und sich auf die ursprünglich als Vorarbeit dafür begonnenen Regesten beschränkt. Diese haben in den neueren Bearbeitungen immer weitere Ausdehnung erhalten; die kurzen Urkundenauszüge sind vollständiger geworden und durch Auszüge aus den Geschichtschreibern und Annalen in Verbindung gebracht; das ganze historische Material einer Periode wird dem Geschichtsforscher geordnet vor Augen gelegt und in den Einleitungen die Quellen besprochen und gewürdigt. Der zuerst erschienene Theil, von 919 bis 1197, bedurfte begreiflicher Weise auch zuerst der Berichtigung und Ergänzung. Diese Aufgabe stellte sich K. F. Stumpf in seinem Werke: „Die Reichskanzler vornehmlich des X., XI. u. XII. Jahrhunderts“, dessen Abschluss J. Ficker nach dem frühen Tode des Verfassers in der Weise besorgte, daß durch Aufnahme von Böhmers Citaten das Buch selbständig geworden ist und man der alten Regesten nicht mehr bedarf. Außerdem aber ist eine Neubearbeitung des ganzen Regestenwerkes in erweiterter Form in Angriff genommen, wovon die Regesten der Karolinger von Engelbert Mühlbacher, und die der Staufer von 1198 bis 1272, von Ficker, ihrer Vollendung entgegen gehen.
Neben dieser, für die historischen Studien unendlich fruchtreichen Arbeit wurde Böhmer durch die Verwahrlosung der späteren Chroniken und den Besitz an reichem, aus Handschriften gewonnenem Stoff veranlaßt, in den drei Bänden seiner Fontes Rerum Germanicarum auch eine eigene Quellensammlung erscheinen zu lassen, welche für das zwölfte bis vierzehnte Jahrhundert vom ausgezeichnetsten Werthe ist. Mit mannigfachen Entwürfen beschäftigt, die nicht mehr zur Ausführung kamen, ist Böhmer am 22. October 1863 in Frankfurt gestorben; in seinem letzten Willen hat er für die geeignete Verwerthung seines handschriftlichen Nachlasses und die Fortführung seiner Arbeiten Fürsorge getroffen. Auch ist bereits durch Alfons Huber der vierte Band der Fontes herausgegeben, während eine große Fülle von werthvollem, urkundlichem Material durch Julius Ficker in den Acta Imperii Selecta verwerthet ist. Außer der schon erwähnten Neubearbeitung der Kaiser-Regesten aber sind von A. Huber die Regesten Karls IV, von C. Will die Regesten der Mainzer Erzbischöfe als Theile dieses großen Corpus erschienen.
Eine umfassendere Quellensammlung von strengerem wissenschaftlichen Charakter und mehr methodischer Art verdanken wir Philipp Jaffé, lange Zeit dem vorzüglichsten Mitarbeiter der MoMonumenta. Von diesen zurücktretend, begann Jaffé ein selbständiges Unternehmen unter dem Titel Bibliotheca Rerum Germanicarum. Hinweisend auf den langsamen Fortgang der Monumenta Germaniae, auf die nach 40 Jahren noch gänzlich fehlenden drei Abtheilungen der Urkunden, Briefe und Alterthümer, gab der Herausgeber als seinen Zweck an, Quellen verschiedener Art, vorzüglich solche, welche in den Monumenten fehlen, zu einzelnen auch in sich abgerundeten Gruppen zu vereinigen, so daß ein Ort, eine bedeutende Persönlichkeit oder ein wichtiger Zeitraum den Mittelpunkt bilde. So sind zuerst 1864 Monumenta Corbeiensia erschienen, welche mit einer berichtigten Ausgabe der Annalen und anderer kleinerer Stücke die lange begehrten Briefe Wibalds verbinden, und schon 1865 folgten Monumenta Gregoriana, die erste kritische Ausgabe der Briefe Gregors VII nebst Bonitho's v. Sutri liber ad amicum. Trefflichkeit der Arbeit mit sauberer Ausstattung und handlichem Format verbindend, hat dieses neue Unternehmen überall freudige Aufnahme gefunden. In rascher Folge erschienen noch drei Bände, welche als Hauptstücke die Bonifazische Briefsammlung, den Codex Carolinus nebst Einhards Briefen und den Codex Udalrici brachten, bis ein plötzlicher Tod am 3. April 1870 der rastlosen Arbeit des Herausgebers ein Ziel setzte. Wie gewaltig diese Arbeit gewesen war, das wissen am besten diejenigen zu schätzen, welche den begonnenen sechsten Band vollendet haben, dessen Hauptinhalt die Briefe Alcuins bilden.
Nicht unerwähnt darf hier auch Jaffé's älteres Werk bleiben, die Regesta Pontificum Romanorum bis zum Jahr 1198. Im Jahr 1851 erschienen, ist es seitdem als unentbehrliches Hülfsmittel überall verbreitet und in seinem hohen Werthe anerkannt. Was bis dahin wohl lebhaft gewünscht war, aber nur durch gemeinschaftliche Arbeit einer gelehrten Körperschaft erreichbar schien, gewährt hier der eiserne Fleiß und die umfassende Gelehrsamkeit des einzelnen Mannes. Für den uns zunächst vorliegenden Zweck ist dieses Werk insofern von Bedeutung, als es wegen der Berücksichtigung von Chronisten und Biographieen auch einen Wegweiser durch die Litteratur der Pabstgeschichte darbietet. Diese ist in neuester Zeit noch durch eine umfassende Sammlung bereichert worden, durch Watterichs Ausgabe der Pontificum Romanorum Vitae von 872 bis 1198; der versprochene dritte Band bis auf Gregor X fehlt noch. Nicht eben einverstanden mit der Zusammenhäufung abgerissener Bruchstücke, verkennen wir doch nicht die Verdienstlichkeit dieser mühsamen Arbeit, und werden sie bei den einzelnen Abschnitten noch häufig zu erwähnen haben. Die weitere Fortführung der Regesten bis 1304 verdanken wir August Potthast.
Von Jaffé's Regesten aber ist unter Wattenbachs Leitung eine neue sehr vermehrte Ausgabe erschienen, von welcher der erste Theil bis 590 von F. Kaltenbrunner, der zweite bis 882 von P. Ewald, der Haupttheil von 882 bis 1198 von S. Löwenfeld bearbeitet sind.
Es bleibt noch übrig, einige Worte über ältere Arbeiten auf dem uns vorliegenden Gebiete hinzuzufügen. Das Bedürfniß einer Darstellung der historiographischen Entwickelung des deutschen Mittelalters machte sich seit der immer wachsenden Beschäftigung mit diesem Zeitraum stets dringender geltend. Ludwig Wachlers kurze Skizze im Eingange seiner „Geschichte der historischen Forschung und Kunst“ (Gött. 1812) verdient als erster Versuch Erwähnung, kann aber doch jetzt nur noch dazu dienen, die seitdem gemachten Fortschritte recht lebhaft empfinden zu lassen, während das eigentliche Hauptwerk auch jetzt noch brauchbar ist. Willkommen als Hülfsmittel war Dahlmanns „Quellenkunde der deutschen Geschichte nach Folge der Begebenheiten“, zuerst 1830, dann 1838 in zweiter Ausgabe erschienen; 1869 in dritter, 1875 in vierter, 1883 in fünfter Ausgabe durch G. Waitz neu bearbeitet und bedeutend vermehrt, ist diese Quellenkunde als eine überaus dankenswerthe und werthvolle Gabe zu betrachten, aber Darstellung liegt dem Plane des Buches fern.
Ungemein verdienstlich war es, daß F. Baehr seine Geschichte der römischen Litteratur über die gewöhnliche Grenze fortführend, 1836 die christlichen Dichter und Geschichtschreiber Roms, 1837 die theologische Litteratur hinzufügte, 1840 die Geschichte der römischen Litteratur im karolingischen Zeitalter folgen ließ, mit derselben umfassenden Gelehrsamkeit, derselben Sorgfalt und Genauigkeit gearbeitet, welche das ganze Werk auszeichnet. Die neue Ausgabe wurde leider durch den Tod des Verfassers unterbrochen und nur die erste Abtheilung des vierten Bandes (Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber bis auf Paulus Diaconus) ist 1872 in zweiter Ausgabe erschienen. Nicht minder umfassend ist die jetzt schon in fünfter Auflage (1890) vorliegende Geschichte der römischen Litteratur von W. S. Teuffel (besorgt von L. Schwabe). 1837 erschienen „Die Geschichtschreiber der sächsischen Kaiserzeit“ von Contzen, der sich durch die falschen Corveyer Quellen irre führen ließ; was sonst etwa für jene Zeit brauchbares in der Schrift enthalten war, ist durch die inzwischen erschienenen neuen Ausgaben der betreffenden Schriftsteller vollkommen veraltet. Auf einen anderen Abweg war L. Haeusser gerathen, indem er durch die von Schlosser ihm mitgetheilten Briefe des Herrn Galiffe in Genf[4] sich verleiten ließ, auf dessen wunderliche Ideen von systematischer Fälschung der Quellen in großem Umfange einzugehen. Freilich bewahrte ihn sein richtiger kritischer Sinn vor völliger Zustimmung; vielmehr widerspricht er häufig den Behauptungen Galiffe's, doch ist er noch immer geneigt, ihnen zu große Bedeutung beizulegen. Uebrigens enthält diese Schrift „Ueber die Teutschen Geschichtschreiber vom Anfang des Frankenreichs bis auf die Hohenstaufen“ (Heid. 1839) manche treffende Bemerkung, beruht aber noch auf zu ungenügenden Studien, um das vorgesteckte Ziel erreichen zu können. Haeusser war damals noch Lehrer in Wertheim; er hat sich später anderen Gebieten zugewandt und diesen Gegenstand nicht wieder berührt. Noch war auch die Lage der Dinge so, daß fast nur in dem Kreise der Mitarbeiter an den Monumenta Germaniae die hinlängliche Vertrautheit mit dem ganzen Quellengebiet erreichbar war, welche die Lösung der vorliegenden Aufgabe möglich machte. Von hier aus trat nun G. Waitz mit einer Arbeit auf, welche zuerst einen bleibenden Werth in Anspruch nehmen kann. In Kiel gehaltene Vorträge weiter ausführend, gab er 1844 und 1845 in W. A. Schmidts Zeitschrift für Geschichtswissenschaft II, 39-58, 97-114, IV, 97-112 „Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie im Mittelalter“ eine Darstellung, welche als grundlegend auf diesem Gebiet betrachtet werden muß, und lange Zeit für diese Studien das vorzüglichste Hülfsmittel blieb. Die Absicht, den Gegenstand in einem größeren Werke eingehender zu behandeln, brachte Waitz jedoch nicht zur Ausführung und suchte dagegen durch eine von der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften gestellte Preisfrage eine Bearbeitung von anderer Hand hervorzurufen. Schon früher mit dem Plane eines solchen Werkes beschäftigt, nahm ich hiervon Veranlassung zu der 1858 erschienenen ersten Auflage des hier vorliegenden Buches, welchem 1866 die zweite, 1873 die dritte, 1877 die vierte, 1885 die fünfte folgten. Eine sehr nützliche und willkommene Ergänzung desselben gewähren die von W. v. Giesebrecht in seiner „Geschichte der deutschen Kaiserzeit“ mit den einzelnen Abschnitten verbundenen Uebersichten der Quellen und Hülfsmittel, welche von anderem Gesichtspunkt ausgehen und über manche Quellenschriften sehr lehrreiche Bemerkungen enthalten. Untersuchungen über einzelne Geschichtsquellen sind in reicher Fülle erschienen; sie werden in dieser neuen Ausgabe berücksichtigt werden, soweit sie in den betreffenden Zeitraum gehören. Ueber diese hinauszugehen, war meine Absicht nie gewesen, weil dazu ein Studium der Quellen allein kaum ausreicht; es ist fast unerläßlich, daß, wer eine solche Aufgabe lösen will, selbständig innerhalb dieses Zeitraums gearbeitet habe. Um so erfreulicher war es, dass Ottokar Lorenz, der Verfasser der freilich leider unvollendeten „Deutschen Geschichte im 13. und 14. Jahrhundert“, sich entschloß, diese gerade ihm so nahe liegende Arbeit zu unternehmen. Zuerst 1870 im Anschluß an mein Werk erschienen, ist auch dieses Werk 1876 in zweiter Auflage erschienen, in welcher es durchgängig vermehrt, verbessert, und auch bis zum Ausgang des Mittelalters fortgeführt ist. 1886 erschien die dritte Auflage in Verbindung mit Dr. Arthur Goldmann.
[1] Neue Ausgabe 1874: Ges. Werke XXXIV. Vgl. G. Waitz in den Nachrichten von der G. A. Universität 1855, N. 14.
[2] Da gegenwärtig die Schreibart solcher Formen mit kleinem Anfangsbuchstaben durchaus herrschend ist, so scheint es nicht überflüssig, auf J. Grimms Kl. Schriften V, 380 zu verweisen: „Ein grobes versehn, dessen sich heutzutage fast alle ... schuldig machen, ist es in den redensarten Pariser vertrag, Berliner belagerungszustand und zahllosen andern den vorausgesetzten, freilich ungefühlten gen. pl. für ein adjectiv zu halten.... Wenn doch einmal grosze Buchstaben gelten sollen, dürfen am allerwenigsten sie solchen appellativen fehlen.“
[3] Ueber seinen Antheil s. Janssen, Böhmers Leben I, 122 ff. Allg. D. Biogr. III, 76-78, von Wattenbach.
[4] Diese Briefe sind nur autographirt vorhanden; vgl. die Lobpreisung: Notice sur la vie et les travaux de J. A. Galiffe (Genève 1856) S. 56.