I. Die Vorzeit.

Von den ersten Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger.


§ 1. Die Römerzeit. Legenden. [[←]]

Tacitus berichtet uns, daß noch zu seiner Zeit die Germanen in ihren Liedern die Thaten des Arminius feierten[1]. Nicht unmöglich ist, daß noch in den Dichtungen der deutschen Heldensage, welche Karl der Große sammeln und aufschreiben ließ[2], dieser uralten Kämpfe gedacht wurde: was uns von einheimischer Sage erhalten ist, reicht nicht weit über die Zeiten Attila's hinauf, dessen gewaltige Hand mit so übermächtiger Kraft alles zerschmetterte, was ihm entgegentrat, daß auch das Gedächtniß der früheren Zeit erlosch. Von den Völkerschaften, deren Tacitus gedenkt, weiß die Sage nichts; auch die gothischen und langobardischen Heldenlieder, deren Inhalt uns zum Theil erhalten ist, sind früh verklungen. Etzel aber und Dietrich von Bern und die Könige der Burgunden lebten fort in der Erinnerung des Volks; wir haben die Lieder, welche von ihnen reden, aber wie unbestimmt und nebelhaft sind ihre Gestalten geworden: kaum erkennt man noch, ob es Menschen sind oder Götter. Das ist die Natur der mündlichen Ueberlieferung, in der es nichts festes und stätiges giebt, und schlimm würde es um unsere Kenntniß der Geschichte stehen, wenn wir auf jene allein angewiesen wären.

Kaiser Ludwig hatte keine Freude an den Liedern der Heimath, welche er in seiner Kindheit erlernt hatte[3]; mit heidnischen Vorstellungen und Anschauungen durchwebt, widerstrebten sie seinem kirchlichen Sinne, und wie dieser Kaiser, so verhielt sich auch die ganze Kirche feindlich gegen diese Sagendichtung, so große Freude auch einzelne ihrer Diener daran haben mochten. Die Kirche aber führte damals, und bald für lange Zeit ausschließlich und allein, den Griffel und die Feder, welche sie nicht entweihen wollte durch die Aufzeichnungen halb heidnischer Gesänge; sie strebte vielmehr dahin, auch auf dem Felde der Dichtkunst das Christenthum zum Siege zu führen. Wir gedenken jetzt mit vergeblicher Sehnsucht der verlorenen Sammlung Karls des Großen; allein die Kirche, in welcher sich Jahrhunderte lang fast das ganze geistige Leben des Volkes uns darstellt, hat für diesen Verlust auch reichen Ersatz geboten, indem sie die wirkliche Geschichte der Zeit in fester, zuverlässiger Aufzeichnung überlieferte, freilich oft in dürrer und reizloser Form, aber um so treuer und wahrhaftiger.

Vor der Bekehrung zum Christenthum kann daher von einheimischen Geschichtsquellen nicht die Rede sein; von dem Deutschland, welches Arminius' Heldenkampf dem römischen Einflüsse entzogen hat, bringen uns nur die Werke der Römer und Griechen spärliche Kunde, und diese zu berühren, liegt außerhalb der Grenzen der vorliegenden Aufgabe. Aber auch westlich vom Rheine, südlich von der Donau und der Teufelsmauer liegt gegenwärtig viel deutsches Land, wohnte auch unter der Römerherrschaft manch deutscher Stamm, und nicht ganz ist der Faden zerrissen, welcher in diese Zeiten hinüberführt. Der Boden selber redet zu uns in vernehmlicher Weise. Noch stehen in Trier die gewaltigen Bauten der Römer; ihre Thürme und Wälle, ihre Landstraßen und Gräber, die zahlreichen Inschriften, welche die verschiedensten Verhältnisse des Lebens berühren, entrollen vor unsern Augen ein Bild jener Zeit, da das weltbeherrschende Volk sich auch hier häuslich niedergelassen hatte und manche blühende Stadt ein kleines Abbild der ewigen Roma darbot. Wir erkennen noch ihre Capitole, ihre Tempel, Theater und Gerichtshallen, ihre Bäder und Villen, ihre Fabriken, deren Stempel auf den Trümmern der Geräthe deutlich zu lesen sind. Allein das alles liegt wie eine fremde Welt hinter uns, eine gewaltige Kluft trennt uns von jener Zeit, erfüllt von allem Greuel der Verwüstung und vernichtenden Kriegszügen. Der bebaute Acker birgt Reste von Gebäuden, die mit der sinnvollsten Technik dem Klima gemäß zu behaglicher Bewohnung eingerichtet und mit reichem Schmuck der Kunst ausgestattet waren; aber was blieb außer diesen schwachen Spuren übrig von dem einst so volkreichen und betriebsamen Virunum? In Salzburg fand Sanct Rupert nur waldbewachsene Ruinen des alten Juvavum, wilde Thiere hausten in den Räumen der Prachtgebäude. Andere Städte, wie Regensburg und Augsburg, wie Trier, Cöln und Mainz, sind bewohnt geblieben, ja man hat geglaubt, daß ganze römische Stadtgemeinden mit ihrer Verfassung und ihren Obrigkeiten sich hier erhalten hätten. Eitler Traum! Zu gründlich haben unsere Vorfahren hier aufgeräumt; wer durch Reichthum und ansehnliche Stellung hervorragte, fiel als Opfer oder entwich bei Zeiten der Gefahr: einzelne fanden bei den germanischen Fürsten als Tischgenossen des Königs Aufnahme, aber nur indem sie den alten Verhältnissen gänzlich entsagten und sich dem Gefolge des neuen Herrschers anschlossen. Und so wurden auch die übrigen Romanen, so viele ihrer am Leben und im Lande blieben, als Hörige, einzelne hin und wieder auch als Volksgenossen, in die Gemeinschaft der Einwanderer aufgenommen.

In den Grenzlanden, welche schon durch den langen Kampf verödet waren, welche dann die ganze Wucht der hereinbrechenden beutelustigen Heerschaaren traf, mag kaum ein römisch redender Bauer übrig geblieben sein; die Eroberer stürmten mit ihren Gefangenen weiter und ließen das Land verödet hinter sich. Auch war hier schon lange die Bevölkerung großentheils germanisch. Aber in den Gebirgen des Südrandes[4] finden wir noch nach Jahrhunderten wälsche Bauern erwähnt; wo der überfluthende Strom seine Dämme fand, blieb unter der Herrschaft des deutschen Kriegers auch die gewonnene Beute der unterworfenen Bevölkerung. Sie mußte dem neuen Herrn das Feld bauen und ihm dienen mit der sehr willkommenen und geschätzten Arbeit ihrer kunstfertigen Hände[5].

Aber wo der Knecht den Herrn an geistiger Bildung übertrifft, da bleibt auch die Rückwirkung nicht aus, daß dieser von seinem Diener lernt und manches von ihm annimmt. In Hauswirthschaft und Ackerbau wie im Handwerk haben sicher die Deutschen viel von den Wälschen gelernt; vorzüglich aber zeigt sich die Einwirkung der besiegten Bevölkerung in der raschen Annahme des Christenthums durch die Eroberer. In den Städten des Niederrheins und Lothringens scheint die Reihe der Bischöfe kaum unterbrochen zu sein, obgleich sich von der Fortdauer römischer Bevölkerung, so weit noch jetzt die Sprachgrenze reicht, keine Spur nachweisen läßt. In Noricum und Pannonien sind die alten Bischofsitze fast gänzlich von der Erde verschwunden; dagegen hat sich aber die Verehrung eines Märtyrers, des heiligen Florian, wie es scheint durch bloße Tradition, unmittelbar an der alten Grenze erhalten.

Denn mit den römischen Legionen und Handelsleuten war auch in diese Gegenden schon frühzeitig das Christenthum eingedrungen, und als das alte Reich endlich den stets wiederholten Angriffen erlag, hatte die christliche Kirche bereits in allen Provinzen die unbestrittene Herrschaft errungen. Ueber diese frühesten Zeiten der Kirche in Deutschland, über ihre Glaubensboten und Blutzeugen, wußte das Mittelalter gar vieles zu erzählen; unmittelbar von den Aposteln und ihren ersten Schülern sollte die Predigt und die Stiftung der Bisthümer ausgegangen sein[6]. Es ist darüber eine so reiche Litteratur vorhanden, und diese Erzählungen nehmen in den Chroniken des Mittelalters eine so bedeutende Stelle ein, daß wir sie hier nicht ganz übergehen dürfen, wenngleich diese kirchliche Sage in noch weit höherem Grade als die weltliche, jedes festen Bodens entbehrt. Die Phantasie der Geistlichkeit, der Heldensage abgewandt, ergriff mit um so größerem Eifer die kirchliche, und aus den unscheinbarsten Anfängen erwuchsen da die wunderbarsten Gebilde: weit verzweigte, mit allen Einzelheiten ausgeführte Geschichten, welche sich immer üppiger entwickelten und auf die ganze Denkweise der Menschen den größten Einfluß gewannen. Den reichsten Baum der Dichtung trieb die Legende von der thebäischen Legion, von deren Führern Gereon in Cöln mit der heiligen Ursula und ihren 11,000 Jungfrauen zusammentrifft. Cöln wird nun vorzugsweise die heilige Stadt durch die Menge der Heiligenleiber, welche sie bewahrt, aber fast jeder Ort im Rheinthale hat seinen Antheil an dieser Geschichte und erhält dadurch eine geheimnißvolle Weihe. In anderen Gegenden sind mehr vereinzelte Legenden dieser Art, doch fehlen sie auf dem einst römischen Boden nirgends.

Der leider zu früh verstorbene F. W. Rettberg hat das große Verdienst, zum ersten Male alle diese Erzählungen einer zusammenhängenden, systematischen, strengen Kritik unterzogen zu haben[7]. Den einzig richtigen Weg einschlagend, hat er das ganze ungeheuere Material kritisch untersucht, der Herkunft und Entstehung jeder einzelnen Nachricht nachgeforscht. Wohl hatte man schon früher einzelnes als unhaltbar aufgegeben, aber immer suchte man doch wieder historisches Material aus dem Wuste der Fabeln zu gewinnen; man konnte sich nicht entschließen auf dasjenige, dessen späte betrügliche Entstehung einmal nachgewiesen war, nun auch gänzlich zu verzichten, und auch jetzt noch ist für viele dieser Entschluß zu schwer: man will doch nicht alle scheinbare Ausbeute aufgeben für Zeiten und Gegenstände, von denen man sonst gar nichts weiß. So ist es nur zu gewöhnlich, daß man das gänzlich unhaltbare fortwirft, aber dasjenige, was nicht in sich unmöglich ist, behält — ein durchaus unhistorisches Verfahren[8].

Wenn es z. B. feststeht, daß man von S. Dysibod im zwölften Jahrhundert noch nichts als den Namen wußte, daß dann die Nonne Hildegard nach angeblichen Visionen seine Geschichte schrieb, die von chronologischen Widersprüchen strotzt, so sollte man doch denken, daß niemand dieses Märchen ferner als Geschichtsquelle benutzen werde. Und dennoch machte Remling in seiner Geschichte der Bischöfe von Speier davon Gebrauch, obgleich ihm Rettbergs Werk nicht unbekannt war. Jedem besonnenen und gewissenhaften Forscher aber gewährt die „Kirchengeschichte Deutschlands“ eine feste Grundlage für die Beurtheilung dieser Zeiten. Das Verfahren Rettbergs besteht darin, daß er die Entstehung der Legenden genau untersucht und nachweist, wie sie allmählich gewachsen sind, wie anfangs nur die Namen der Heiligen vorkommen, von denen einige wenige auf wirklich alter localer Verehrung beruhen; wie dann zuerst einzelne Umstände, dann allmählich mehr hinzugesetzt wird, bis die ganze Geschichte fertig ist. Die Legenden selbst sind großentheils ohne Zeitangaben über ihre Abfassung; einen ganz bestimmten Anhalt aber gewähren die Martyrologien[9], deren Verfasser bekannt sind, und die uns daher das allmähliche Anwachsen der Legenden auf das deutlichste und bestimmteste erkennen lassen. Daß aber solche spätere Zusätze nicht etwa auf wirklicher, durch mündliche Ueberlieferung bewahrter Kenntniß beruhen, das zeigt uns, außer den inneren Widersprüchen, besonders die Vergleichung mit den späteren echten Legenden, mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen aus geschichtlich bekannter Zeit, welche in den Legendarien ebenfalls fortwährend sich verändern und mit allerlei fabelhaften Zuthaten vermehrt werden.

Man hat freilich Rettbergs Verfahren als zu negativ angegriffen und es wird zuzugeben sein, daß er in einzelnen Fällen zu weit gegangen ist. Auch ist hin und wieder etwas aufgefunden, wodurch auf einzelne Fragen neues Licht fällt. Es war deshalb ganz gerechtfertigt und angemessen, daß Prof. J. Friedrich den Versuch machte, jenem Werke eine „Kirchengeschichte Deutschlands“ (I. Die Römerzeit 1867, II. Die Merovinger 1869) von mehr conservativer Richtung entgegen zu setzen. Allein es fehlt darin leider an jener strengen wissenschaftlichen Methode, durch welche Rettberg sich so sehr auszeichnet, und in Folge der übermäßigen Weitschweifigkeit ist von der Zeit der Merovinger nur der Anfang berührt. Eine weitere Fortsetzung ist nicht erschienen.

Das Ergebniß von Rettbergs Kritik aller jener Legenden über die Zeit der ersten Einführung des Christenthums in das römische Deutschland ist, daß sie alle späteren Ursprungs sind, daß für die wirkliche Geschichte jener Zeit nichts daraus zu lernen ist. Auch was Friedrich nachträglich zu retten versucht, ist nur sehr wenig, und es trägt für diesen Gegenstand wenig aus, ob in der Geschichte von dem Märtyrertode der Thebäer in Agaunum ein historischer Kern sich nachweisen läßt[10], ob das Martyrium einiger christlicher Jungfrauen zu Cöln glaubhaft bezeugt ist[11]. Etwas erheblicher ist die wohl nicht unbegründete Vertheidigung der Legende von dem Martyrium der h. Afra zu Augsburg[12]. Rettberg fällt ein günstigeres Urtheil nur über die Leidensgeschichte des heiligen Florian[13]. Dieser, ein entlassener Veteran, soll in Folge der Verfolgungsedicte von Diocletian und Maximian (304) auf Befehl des Aquilinus, Präses von Ufernoricum, zu Lorch in die Ens gestürzt sein. Ungeachtet eines schweren Steins, der an seinen Hals gebunden ist, trägt ihn der Fluß auf einen hervorragenden Fels, von wo eine fromme christliche Frau ihn in Folge einer Vision zur Bestattung abholt. Diese Erzählung aber ist eine so deutliche Nachahmung dessen, was Hieronymus in seiner Chronik vom Bischof Quirin von Sissek erzählt, daß sich die absichtliche Erdichtung darin kaum verkennen läßt. Denn es ist eben eine Eigenthümlichkeit dieser späteren Legendenfabrikation, daß sich in benachbarten Gegenden immer dieselben Todesarten und Wunder wiederholen; die Phantasie des Mittelalters erscheint darin arm und dürftig. Auch finden sich diese Angaben über Sanct Florians Ende erst in Martyrologien des neunten Jahrhunderts, die Handschriften der Legende reichen nicht höher hinauf[14], und nichts weist darauf hin, daß sie etwa, wie das Leben Severins, in Italien aufbewahrt, und von dort zurückgebracht wäre.

Um so wahrscheinlicher ist es, daß wirklich eine ununterbrochene örtliche Ueberlieferung das Andenken dieses Märtyrers bewahrt habe. Denn wo sich jetzt mächtig und gebietend das schöne Chorherrnstift St. Florian erhebt, da galt schon vor mehr als tausend Jahren der Boden für heilig, weil hier „der kostbare Märtyrer Sanct Florianus“ ruhe, lange bevor die Verfasser der Martyrologien den Ort seines Leidens kannten. Also selbst im Flachlande, vielleicht in den Resten der einst bischöflichen Stadt Lorch, haben Christen durch alle Stürme der Völkerwanderung das Andenken Sanct Florians bewahrt, und vielleicht die Kunde von seinem Stande und der Zeit seines Todes, während weiter oben im Gebirge von Maximilian nur der Name und der Ort seines Begräbnisses im Gedächtniß blieb, Severin aber gänzlich vergessen zu sein scheint, bis aus Italien Handschriften seiner Lebensbeschreibung nach Deutschland kamen und sein Andenken erneuten. Denn am festesten haftete immer die Erinnerung am Grabe der Heiligen.

Diesem Umstande verdanken wir auch die Erhaltung einer anderen Legende, der Leidensgeschichte der heiligen Vier Gekrönten, welche Rettberg unbekannt geblieben ist[15]. Sie berichtet uns von vier christlichen Arbeitern in den Steinbrüchen Pannoniens, welche noch einen ihrer Genossen bekehren; ihn tauft der in Ketten dorthin verbannte Bischof Cyrill von Antiochien. Das ist ein merkwürdiger Fingerzeig für die Ausbreitung des Christenthums. Rettberg, der nicht nur das spätere Fabelwerk mit schonungsloser Kritik zerstört, sondern auch den wirklichen Verlauf der Bekehrung dieser Lande mit größter Sorgfalt aus den einzelnen Anhaltpunkten nachgewiesen hat, ist zu dem Resultat gekommen, daß für dieselbe nicht sowohl eigentliche Missionare thätig waren, als vielmehr die christlichen Soldaten[16], Handelsleute und Arbeiter, welche hierher kamen, während die späteren Legenden durchgehends die Gründung der Kirchen durch die Apostel und ihre ersten Schüler behaupten. Die Verbannung gefangener Christen in die Steinbrüche Pannoniens, und wohl auch anderer Lande, wird das ihrige dazu beigetragen haben. Es erklärt sich aber aus dieser unmerklichen und unscheinbaren Verbreitung auch zur Genüge, warum keine Schriftsteller das Andenken derselben aufbewahrt haben. Jene Arbeiter nun fielen dem Neide ihrer Gesellen durch Diocletians Spruch zum Opfer, so gerne dieser auch anfangs seine geschicktesten Arbeiter sich erhalten wollte (307?). Die Reliquien der fünf Arbeiter finden sich später zu Rom in der Kirche der heiligen Vier Gekrönten[17], mit denen sie nur hierdurch in zufällige Verbindung gebracht sind, und dies hat auch eine Verschmelzung ihrer Legenden zur Folge gehabt. Vielleicht erst hierdurch sind auch chronologische Widersprüche hineingekommen, aber alt ist die Legende sicher; sie muß geschrieben sein, bevor Pannonien von den Barbaren überschwemmt war, und das Treiben in den Steinbrüchen ist mit solcher Anschaulichkeit und auch mit so durchgängiger Beibehaltung der technischen Ausdrücke geschildert, daß der Verfasser selbst noch persönliche Kunde davon gehabt zu haben scheint. Als solchen nennt die alte Pariser Handschrift den Schatzungsbeamten Porphyrius, welchen De Rossi auch aus anderen Erwähnungen nachgewiesen hat[18]. Aber nur die ursprüngliche pannonische Legende können wir ihm zuschreiben.

Während nun also diese Legende noch die ungestörte Römerherrschaft in diesen Gegenden voraussetzt, führt uns eine andere so recht mitten hinein in die Stürme der Völkerwanderung, und wir können es uns daher nicht versagen, bei dieser etwas länger zu verweilen.


[1] Ann. II, 88. Vgl. Wackernagel, Geschichte der deutschen Litteratur, S. 8 ff.

[2] Einh. V. Karoli c. 29.

[3] Thegani V. Lud. c. 19.

[4] Auch in der Ortenau, s. Aloys Schulte, Zts. f. Gesch. d. Oberrh. N. F. IV, 300-314.

[5] Vgl. Julius Jung, Römer und Romanen in den Donauländern, Innsbr. 1877, und die Ergebnisse der durch Virchow veranlaßten Ermittelungen über Farbe der Haut und der Augen.

[6] Die Kritik der gleichen Nachrichten in Frankreich und Nachweis des allmählichen Auswachsens der Legenden, in: Origines de l'Église de Tours, par M. l'abbé C. Chevalier (T. XXI des Mémoires de la Société archéologique de Touraine) Tours 1871. Vgl. die Anzeige von Monod, Revue crit. 1872. Tome II, p. 84-88. Ferner die Kritik von Aubé über das Buch von Dom Chamard: Les églises du monde Romain. Revue hist. VII, 152-164, u. jetzt vorzüglich: Mémoire sur l'origine des diocèses épiscopaux dans l'ancienne Gaule, par M. l'abbé Duchesne, Paris 1890. (Mém. de la Soc. nat. des Antiquaires de France, Tome L).

[7] Kirchengeschichte Deutschlands, 2 Bde. 8. 1848, bis zum Tode Karls des Großen. Vgl. jetzt auch Hauck, Kirchengesch. Deutschlands bis Bonifaz. Leipz. 1887.

[8] Vgl. die Worte von Waitz in den Gött. G. A. 1855, S. 274: Es ist hier geschehen, was manchmal geschieht und die Leute beruhigt: man hat zeitig die besonders groben und anstößigen Behauptungen entfernt, und dann gemeint, daß das, was allenfalls wahr sein könnte, nun auch Anspruch habe, wirklich dafür zu gelten, während die wahre Kritik anerkennt, daß ein solches Abhandeln bei Sage und Erdichtung meist gerade am allerwenigsten zur historischen Gewißheit führt.

[9] S. über diese § 3.

[10] S. darüber Franz Stolle, Das Martyrium der thebaischen Legion, Breslau 1891; vgl. NA. XVII, 223. [←]

[11] Ist der Einfall O. Schade's (Die Sage von der heiligen Ursula, 1854), für die Ursulalegende eine mythologische Begründung nachzuweisen, ohne Zweifel verfehlt, so ist dagegen der Versuch Joh. Hubert Kessels (S. Ursula und ihre Gesellschaft, Cöln 1863), durch rationalistische Deutung, mit Verwerfung der abgeschmackten Visionen, die ältere Legende zu retten, nicht minder abzuweisen. Sein Verfahren widerspricht jeder gesunden historischen Kritik, er benutzt allerlei späte Legenden in unzulässiger Weise als Quelle für die Hunnenzeit; seine Hauptstütze aber ist die Predigt In natali, welche er ins achte Jahrhundert setzt. Diese ist v. Klinkenberg aus einer Hs. saec. XII. herausg. u. in Karol. Zeit gesetzt (Kl. u. Düntzer in d. Jahrbb. d. V. v. Alt. im Rheinland, Heft 88. 89). Friedrich giebt die Legende auf. Vgl. auch Annalen des Niederrheins 1874, Heft 26 u. 27, S. 116 bis 176, G. Stein: Ursula, S. 177 bis 196, Floß: Die Clematianische Inschrift. Facs. ders. bei F. X. Kraus: Die christl. Inss. d. Rheinlande (1890) S. 143. In den Anal. Bolland. III, 1-20, ist die Legende Fuit tempore pervetusto herausgegeben mit einer früher unbekannten Widmung an Erzb. Gero, wie es scheint die älteste Form, die hiernach durch einen Grafen Hoolf vom Erzb. Dunstan v. Canterbury stammte. An die Thatsache des Martyriums einiger Christinnen und deren Cult hat phantastische Sage sich angeschlossen, welche schon Wandalbert von Prüm bekannt war, in jener alten Legende noch in einfacherer Form erscheint, später auch absichtlich erweitert ist.

[12] Passio S. Afrae, wieder abgedruckt von Friedrich I, 427-430.

[13] I, 157. Passio S. Floriani, aus einer St. Emmerammer Handschrift saec. X, bei Pez SS. I, 36. Vgl. dazu Glück, die Bisthümer Noricums, besonders das Lorchische, zur Zeit der römischen Herrschaft, Wiener SB. XVII, 60. Ueber den Grabstein der Valeria, die ihn begrub, Kenner im Archiv d. W. A. XXXVIII, 174. In das CIL. ist er nicht aufgenommen, Th. Mommsen glaubt nicht, ihn als römischer Zeit entstammend anerkennen zu können.

[14] Eine Handschrift in Lambach (nicht Linz) wird ins 9. Jahrh. gesetzt, aber der Wiener Cod. 650, in welchem sich die zweite Bearbeitung findet, ist nicht, wie Tabb. I, 112 gesagt ist, saec. IX, sondern saec. XII. Der St. Florianer Chorherr E. Mühlbacher, welchem ich diese Nachricht verdanke, ist geneigt, jene erste Bearbeitung schon dem 7. Jahrh. zuzuschreiben, das bereits Schenkungen zum Grabe des Märtyrers aufweist, und bezieht sich auf einen Aufsatz in der Linzer theol. prakt. Quartalschrift 1868 S. 437 ff.

[15] Passio Sanctorum Quatuor Coronatorum, herausgegeben von Wattenbach, mit einem Nachwort von Karajan, in den Wiener SB. X, 115-137. Sie findet sich auch schon in dem Sanctuarium des Mombritius I, fol. 160. Neue Ausgabe in Büdingers Untersuchungen zur Röm. Kaisergesch. III, 321-338. Vgl. dazu S. 1-11 Untersuchung von O. Hunziker, S. 339 bis 356 Archäologische Bemerkungen von O. Benndorf, S. 357-379 Chronolog. Bem. von M. Büdinger. Vgl. den Bericht von A. Ilg in d. Mittheilungen der Centralcommission XVII p. XLVII-LI. A. Duncker im Rhein. Mus. f. Philol. XXXI, 440-445. Edm. Meyer, Forsch. XVIII (1878) 577 bis 603. Giov. Batt. de Rossi: I santi Quattro Coronati e la loro chiesa sul Celio, im Bull. di Archeol. crist. 1879, mit Benutzung der ältesten Hs. in Paris, vgl. NA. V, 227. Petschenig, SB. d. Wiener Akad. XCVII, 761 bis 779, vgl. NA. VII, 226. C. Erbes in d. Zeitschr. f. Kirchengesch. V, 466-487. Ed. Meyer im Progr. d. Kgl. Louisengymn. in Berlin 1886, vgl. NA. XII, 426. 602. — J. Jung a. a. O. hat die Legende benutzt, und verweist auch S. 132. 159 auf die Geschichte der Nonsberger Märtyrer Sisinnius, Martyrius und Alexander († 397) Acta SS. Mai. VII, 38-44. Gar wenig Inhalt hat die chronologisch ganz unbestimmte Vita S. Florini, aus dem Vintschgau, Anal. Boll. III, App. p. 122-127.

[16] Vgl. die Verschleppung des Dolichenoscult durch römische Soldaten; G. Seidl in den Wiener Sitzungsberichten XII, 4-90. XIII, 233-260.

[17] O. Hirschfeld (Archäolog. u. epigr. Mitth. aus Oesterr. IX, 21) erinnert anläßlich einer Inschrift, worin von capitella columnarum die Rede ist, welche bei Sirmium für die Thermae Licinianae verfertigt worden, an unsere Passio, u. weist dabei den Gebrauch des Ausdrucks coronati für höhere Beamte nächst dem Cornicularius nach.

[18] Censualis a gleba actuarius nomine Porfyreus hanc gestam scripsit.

§ 2. Das Leben des heiligen Severin. [[←]]

Ausgabe von Welser in Augsburg 1595, 4. (Opera p. 635) aus einer HS. des zehnten Jahrh. in St. Emmeram, der ältesten in Deutschland. Den hier fehlenden Brief Eugipps an Paschasius gab Canisius, Antiquae Lect. VI, 53, I, 411. Danach vollständig in der zweiten Ausgabe des Surius und Acta SS. Jan. I, 484 mit Commentar von Bolland. Nach den minder guten, wie es scheint überarbeiteten, östr. Handschriften in H. Pez SS. I, 64, und daraus bei Muchar, Das römische Noricum, II, 152-239, mit Commentar. Ausgabe von Ant. Kerschbaumer, Scaphus. 1862 nach dem angeblich ältesten und besten Lateran. Codex, unkritisch und wegen vieler Druckfehler unzuverlässig; Rec. von Sauppe, Gött. Gel. Anz. 1862 S. 1544-1552. Nach Münchener Handschriften bei Friedrich, I, 431-489. Ausg. von Sauppe, MG. Auctt. antt. I, 2. 1877; vgl. NA. IV, 407, Waitz, GGA. 1879, S. 581. Gegen Sauppe's krit. Grundlage u. für d. Cod. Taurin. P. Knöll, Wiener SB. XCV, 445-498. Ausg. von Knöll im Wiener Corpus SS. eccl. VIII, 2. Uebers. v. C. Ritter, Linz 1853, v. K. Rodenberg, Berlin 1878 (Urzeit Bd. 4), v. S. Brunner, Wien 1879. — Eugippii opera, Migne 62. — Rinaudo p. 14-19. Vgl. Rettberg I, 226. Büdinger, Oesterr. Gesch. I, 47 ff. Pallmann II, 393-401. J. Jung, Römer und Romanen S. 132 und an vielen Orten. Hauck I, 328-332.

Die Lebensbeschreibung des heiligen Severin, von seinem Schüler Eugippius verfaßt, ist für uns von ganz unschätzbarem Werthe, indem sie einen hellen Lichtstrahl wirft in Zeiten und Zustände, von denen wir sonst gar nichts wissen würden, wie denn auch vorher und nachher tiefe Finsterniß diese Donauländer bedeckt. Keine andere Quelle giebt uns in so reichhaltiger Weise ein Bild des christlich gewordenen und bereits mit vollständiger kirchlicher Einrichtung versehenen Römerlandes im Süden der Donau; unmittelbar vor der Vernichtung zeigt ein günstiges Geschick uns das Bild dieser Gegenden und ihrer Bevölkerung in scharfen und lebensvollen Umrissen.

Attila war gestorben, und die frei gewordenen Völker wenden nun ihre Waffen gegen einander und gegen die kläglichen Ueberbleibsel des römischen Reiches. Alamannen und Thüringer hatten den Grenzwall durchbrochen und drangen in Rätien immer weiter gegen Süden und Osten vor. In Noricum hielt sich noch die römische Bevölkerung, aber in welchem Zustand! Von allen Seiten wurde sie schwer bedrängt durch die vorrückenden Barbaren — denn so nannten damals und noch lange nachher nicht nur die Römer, sondern auch die Deutschen selbst alle Nichtrömer. Jenseits der Donau schalteten die Rugier, durch häufige Streifzüge das Land bedrängend und bald auch diesseits festen Fuß fassend. Sie sowohl wie die Gothen in Pannonien waren Arianer, den katholischen Romanen fast noch verhaßter als die Heiden. In Commagena, einer bald darauf völlig verschwundenen Römerstadt unweit Tuln, hatten bereits Barbaren sich festgesetzt; unfähig sie zu vertreiben, schlossen die Römer ein Bündniß mit ihnen, und die Einwohner lebten nun wie Gefangene in ihrer eigenen Stadt. Da tritt plötzlich, ungehindert durch die Wachen, Severinus unter sie: eben war, wie er vorher verkündigt hatte, die benachbarte Stadt Astura gänzlich zerstört worden, und gläubig horchte man nun auf seine Worte, da er Rettung verhieß, fastete und betete, bis plötzlich in der Nacht ein Erdbeben die Barbaren in Schrecken setzt; voll Angst eilen sie aus den Thoren und morden sich gegenseitig in der Finsterniß und Verwirrung. So war die Stadt von ihren Drängern befreit, allein was war damit gewonnen!

Nur von den Städten aus wurde noch das Feld gebaut, und nur zu häufig fielen Ernte und Schnitter in die Hände der Barbaren; Hunger verwüstete das reiche und fruchtbare Land, wenn die Zufuhr auf dem Inn ausblieb. Die Grenzsoldaten erhielten aus Italien keinen Sold mehr, und in Folge davon lösten ihre Schaaren sich auf; nur die batavische Cohorte in Passau hielt noch zusammen, und einige von ihnen machen sich auf, um den Sold über die Alpen zu holen, werden aber unterwegs erschlagen. Vor der Donaustadt Faviana, zwischen Passau und Wien, erscheinen plötzlich Räuber und führen alles hinweg, was sie außerhalb der Mauern finden, Menschen und Vieh. Der Tribun Mamertinus hat so wenig Mannschaft, daß er keinen Ausfall wagen will, bis Severin ihm den göttlichen Beistand verheißt; da zieht er muthig hinaus und gewinnt den Sieg.

Eine der wunderbarsten Erscheinungen ist dieser Severin. Nie hat er sagen wollen, wer er sei, woher er stamme; nur daß er aus dem fernen Osten komme, nahm man aus seinen Reden ab, doch erkannte man an der Sprache den geborenen Lateiner. Von vornehmer Abkunft, so schien es, hatte er sich in die Einsamkeit zu den heiligen Vätern, vermuthlich in die thebaische Wüste, zurückgezogen; dann aber trieb ihn, wie er selber andeutete, eine göttliche Stimme, den bedrängten Bewohnern des Ufernoricum Trost und Hülfe zu bringen. Seine Enthaltsamkeit erschien übermenschlich; bei der heftigsten Kälte ging er barfuß, und an die strengsten Fasten gewöhnt, schien er Hunger und Entbehrung nur in der Seele der Nothleidenden zu empfinden. So durchzog er das ganze Land, ermahnend, Buße predigend, tröstend, vor allem aber Hülfe bringend, so viel er vermochte. Förmliche Zehnten forderte er ein, um Gefangene loszukaufen, Arme zu unterstützen. Sein Ansehen war bald groß im Lande; unbedingte Herrschaft über die Natur maß man ihm bei, und Gottes Zorn traf jeden, der auf sein Wort nicht achtete.

Den merkwürdigsten Gegensatz bildet dieses Land, welches in seiner Bedrängniß sich willig der Leitung eines frommen gottbegeisterten Mönches hingiebt, zu den sittenlosen Grenzstädten Galliens, über deren Verderbtheit und Leichtsinn Salvian vergeblich eiferte, zu Trier, wo „selbst noch bei dem Sturme der fränkischen Sieger auf die Stadt Jung und Alt der zügellosesten Schlemmerei und Ausschweifung sich ergiebt, mit wahrer Raserei alles dem unausweichbaren Untergang trunken und prassend entgegenstürzt“[2].

Severins Ansehen beugten sich auch die Fürsten der Barbaren, selbst jene böse Königin Giso, welche rechtgläubige Katholiken umtaufen wollte; halb aus Wohlwollen, halb aus Furcht erfüllten sie seine Bitten, achteten sie auf seine Ermahnungen; seinen Rathschlägen dankte der Rugierkönig Flaccitheus seine friedliche Regierung. Schützte Severin die Römer manchmal durch Ermuthigung zu kräftigem Widerstand und durch Vorhersagen feindlicher Angriffe, so wandte er doch häufiger durch seine Fürbitten Gefahren ab und erlangte die Freigebung der Gefangenen. An vielen Orten hatte er Klöster errichtet, die nach der Weise des Morgenlandes aus einer Vereinigung einzelner Hütten bestanden, das größte, in welchem er sich am häufigsten aufhielt, bei Faviana, einem jetzt spurlos verschwundenen Orte. Hier traten einst einige Barbaren zu ihm, die nach Italien zogen und ihn um seinen Segen baten; unter ihnen Odovacar, damals noch ein gemeiner Krieger und mit schlechten Thierfellen nothdürftig bekleidet, aber so hoch gewachsen, daß er sich bücken mußte, um nicht die Decke der Zelle zu berühren. Geh, sagte Severin zu ihm, geh nach Italien; jetzt deckt dich noch ein geringes Gewand, aber bald wirst du vielem Volke große Gaben auszutheilen haben. Als König gedachte Odovacar dieser Weissagung, und forderte Severin auf, sich eine Gnade auszubitten, worauf dieser für einen Verbannten Verzeihung erlangte.

Severin konnte es doch nicht hindern, daß Stadt auf Stadt in die Hände der Feinde fiel. Die Rugier bemächtigten sich der Stadt Faviana und der benachbarten Orte; ihre Herrschaft gewährte wenigstens Schutz gegen die wilderen Feinde, welche alle weiter aufwärts gelegenen Burgen und Städte zerstörten. Die geflüchteten Einwohner führte König Feva aus Lorch, wo sie sich gesammelt hatten, in die ihm unterthänigen Städte. Joviacum dagegen wurde von den Herulern gänzlich verheert, während Tiburnia in Oberkärnten, an dessen Namen noch Debern im Lurnfeld erinnert, eine Belagerung der Gothen glücklich überstand. Noch im sechsten Jahrhundert waren hier christliche Bischöfe; dann aber unterlag auch diese uralte Stiftung, sowie die alte Bischofstadt Pettau, den Slaven und Avaren.

Am 8. Januar 482 starb Severin. Feva's Bruder Friedrich plünderte gleich darauf sein Kloster; innere Kriege unter den Rugiern und Odovacars Feldzug gegen sie mehrten die Bedrängniß der Römer, bis endlich sechs Jahre nach Severins Tod Odovacar die ganze römische Bevölkerung aus Noricum abrief und ihr in Italien Land anwies. Dadurch erklärt es sich, daß gerade hier von den alten und einst so bedeutenden Römerstädten fast jede Spur verschwand, und nur schwache Reste einer unterwürfigen romanischen Bevölkerung in den Gebirgen zurückblieben. Damals scheint auch der heilige Antonius Noricum verlassen zu haben; er war aus Pannonien zu Severin noch kurz vor dessen Tode gekommen, wie Ennodius in der Lebensbeschreibung des Antonius berichtet[1].

Severins Mönche folgten mit Freuden dem Rufe, welcher sie aus der Knechtschaft erlöste; der Anordnung ihres Meisters gemäß führten sie dessen Leiche mit sich bis nach Neapel, wo sie endlich Ruhe fanden. Hier richtete ihnen eine vornehme Frau, Namens Barbaria, ein Kloster ein im Castellum Lucullanum, dessen Name noch das Andenken der üppigen Gärten Luculls bewahrte; ebenda war kurz zuvor auch dem letzten römischen Kaiser sein Aufenthalt angewiesen worden[3].

In diesem Kloster nun war Eugippius[4] Abt, ein Schüler Severins, der nach Cassiodors Zeugniß von weltlicher Gelehrsamkeit nicht gar viel wußte, aber in den heiligen Schriften wohl belesen war[5], der Verfasser eines Auszuges aus den Schriften des heiligen Augustin[6]. Mit bedeutenden Kirchenschriftstellern der Zeit stand er im Briefwechsel. Diesen Eugippius nun forderte ein ungenannter Laie auf, ihm Materialien zu einer Lebensbeschreibung Severins zu geben; er zeichnete darauf auch wirklich seine Erinnerungen auf, sandte dieselben aber (511) nicht an jenen Laien, denn das erschien ihm unpassend, sondern an den gelehrten Diaconus Paschasius, mit der Bitte, sie zu einer förmlichen Lebensbeschreibung zu verarbeiten. Zugleich sandte er ihm in dem Boten einen Mann, der als Augenzeuge über die Wunder berichten sollte, welche auf dem Zuge durch Italien an Severins Sarg geschehen waren. Paschasius aber lehnte jede Aenderung an Eugipps Aufzeichnungen ab, und in der That ist es auch sehr zweifelhaft, ob jene Bitte ernsthaft gemeint war, da uns ähnliche Aufforderungen, die nichts als Phrase sind, so häufig begegnen. Eugipps Aufzeichnungen sind durchaus nicht unfertig, nicht nachlässig und formlos, und gerade aus jenen italischen Wundern hebt er einige als die wichtigsten und statt aller genügend, sorgsam hervor. Auch giebt er als den wesentlichsten Grund, weshalb er den Wunsch jenes Laien, von dem eine andere Biographie ihm bekannt war, nicht erfüllt, die Besorgniß an, er möchte durch die Anwendung der rhetorischen Kunst den Gegenstand verhüllen und für den einfachen und ungebildeten Gläubigen geradezu unverständlich machen. Er war also kein Freund von den kunstgerechten Büchern jener Zeit, welche wie z. B. die Schriften des Ennodius und manche von Cassiodor, durch eine Ueberfülle gesuchter Antithesen und wortreichen Phrasenschwall so unerträglich schwülstig und geziert sind, daß man oft nur mit Mühe den Sinn der Worte enträthselt. Das galt in den Rhetorenschulen als schöner Stil.

Eugipps Aufzeichnungen dagegen sind ganz einfach und schmucklos, ohne strenge Reihenfolge und Ordnung, aber um so mehr der treue Ausdruck dessen, was ihm in seiner Erinnerung als das bemerkenswertheste erschienen war. Gerade darin liegt der Hauptvorzug dieser Lebensbeschreibung vor den zahlreichen Legenden, aus deren salbungsvollem Wortreichthum die wenigen geschichtlichen Nachrichten mühsam hervorgesucht werden müssen. Er selbst hatte Severin und den Schauplatz seiner Wirksamkeit gekannt; in den letzten Abschnitten bezeichnet er sich ausdrücklich als Augenzeugen, aber auch nur in diesen, während er sich übrigens auf die häufig gehörten Erzählungen, zuweilen auf bestimmte Gewährsmänner beruft.

Das Leben Severins finden wir schon bald nach seiner Entstehung bei dem sogenannten Anonymus Valesianus[7], im Anfange des siebenten Jahrhunderts von Isidor erwähnt, im achten von Paulus Diaconus benutzt; um dieselbe Zeit verfaßte man zu Neapel einen Hymnus, dem dasselbe zu Grunde liegt[8]. Bald wurde es dann auch an dem Schauplatz seiner Wirksamkeit bekannt, denn schon im Jahre 903 erwarb die Passauer Kirche eine Handschrift desselben von dem Landbischof Madalwin[9]. Eigenthümlich sind die Wirkungen, welche hier von diesem Werk ausgingen. Man las darin von der großen alten Stadt Faviana, die man nirgends fand, und da man nun bei Wien alte Römersteine aufgrub, so zweifelte man nicht daran, daß hier einst Faviana gelegen habe; Otto von Freising und Herzog Heinrich von Oesterreich nahmen diese Meinung an, und sie hat sich bis auf die neusten Zeiten behauptet, bis endlich Blumberger sie siegreich widerlegte[10].

Viel schlimmere Folgen hatte es, daß man in Passau nun erfuhr, Lorch habe einst Bischöfe gehabt, lange bevor Salzburg den Krummstab führte. Es lag nahe, sich als Erben der benachbarten Stadt zu betrachten, welche jetzt zum Passauer Sprengel gehörte; aber der einmal angefachte Ehrgeiz strebte immer weiter; um dem Vorrang des jüngeren Salzburg nachdrücklicher entgegentreten zu können, wurde ein Erzbisthum Lorch erdacht und bald zu fabelhafter Größe ausgedehnt; neu angefertigte Legenden von St. Quirin und Maximilian mußten die Beweise dazu hergeben, untergeschobene Urkunden das Vorgeben unterstützen, und mit Hülfe dieser Waffen setzte Passau wirklich bei dem in geschichtlicher Kritik wenig erfahrenen Stuhle Petri seine Ansprüche durch, und wußte sich seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts der rechtmäßigen Salzburger Metropolitangewalt zu entziehen. Viel größer aber, oder doch für uns bedeutender, ist das Unheil, welches diese Fälschungen in der Geschichtsforschung angerichtet haben; noch Rettbergs Werk trägt bedeutende Spuren davon, und es wird noch eine gute Weile dauern, bis es gelingt, diesen häßlichen Spuk gänzlich aus der Geschichte zu verbannen. Aufgedeckt aber ist die ganze Sache jetzt, und mit ebenso unermüdlichem Fleiße wie besonnenem Scharfsinn nachgewiesen in E. Dümmlers Werk über Piligrim von Passau und das Erzbisthum Lorch[11]. Nachdem dann die Fälschung wohl zugegeben, aber verschiedene Versuche gemacht waren, Piligrim von dem auf ihm lastenden Verdachte zu befreien, hat neuerdings Karl Uhlirz alle betreffenden Urkunden einer genauen Kritik unterzogen und ist zu dem Ergebniß gelangt, daß als Fälscher sich ein Beamter aus der Kanzlei Ottos II nachweisen läßt, welcher von Piligrim gewonnen sein muß.

Severins Leben ist der letzte Sonnenblick vor einer Zeit der äußersten Finsterniß, wie der Abendstrahl durch die Grotte des Posilipp. Erst viel später, und von der andern Seite, von Gallien aus werden wir Deutschland wieder erreichen können. Von dort wurde ihm aufs neue die litterarische Cultur gebracht, vermittelt durch diejenigen Stämme des deutschen Volkes, welche auf römischem Boden sich niedergelassen hatten, und hier die Schüler ihrer Feinde geworden waren. Die Geschichtschreibung, welche sich im römischen Reiche während der letzten Jahrhunderte entwickelte, bildet die Grundlage der mittelalterlichen, welche mit ihr im unmittelbaren Zusammenhange steht, und es ist deshalb nothwendig, daß wir sie auch hier etwas ausführlicher ins Auge fassen, da sonst die Entwickelung der deutschen Historiographie nicht verständlich sein würde.


[1] Rettberg I, 25. Vgl. W. Zschimmer, Salvian und seine Schriften, Halle 1875. Ebert I, 452-454. Opera ed. C. Halm, MG. Auctt. antt. I, 1. 1877; ed. Fr. Pauly im Wiener Corpus VIII. 1883. Uebers. v. Pet. Caffer, Aachen 1858. — G. Monod meint freilich (Revue crit. 1879, N. 24) daß wir, wenn aus den Donauländern Bußpredigten erhalten wären, darin ähnliche Anklagen finden würden. Aber Eugippius würde doch auch dergleichen nicht unterlassen haben, wenn er Anlaß dazu gefunden hätte.

[2] Vita S. Antonii Lirinensis, in den verschiedenen Ausgaben der Werke des Ennodius, v. Fr. Vogel Auctt. ant. VII, 185-190.

[3] Nach Caravita, I codici e le arti a Monte Cassino I, 14 auf dem Pizzofalcone bei, jetzt in Neapel.

[4] Andere Formen, mit guter handschriftl. Beglaubigung sind Eugipius und Eugepius.

[5] Divin. Lectionum c. 23: quem nos quoque vidimus, virum quidem non usque adeo saecularibus literis eruditum, sed scripturarum divinarum lectione plenissimum. Ein dogmatisches Sendschreiben an ihn von Ferrandus aus d. J. 533 bei A. Mai, Nova Coll. III, 2, 168-184; ein anderes mit Uebersendung einer Glocke für das Kloster, bei Reifferscheid in Ind. lectt. Vrat. 1871-72 S. 6. Vgl. Büdinger, Eugipius, Wiener SB. XCI, 793-814.

[6] Sehr gerühmt von Notker, bei Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 65. Ausg. v. Knöll im Wiener Corpus VIII, 1.

[7] Nachgewiesen von Glück, Die Bisthümer Noricums, Wiener SB. XVII, 77.

[8] Neapolis gaude redimita festis, Plaude caelestem retinens patronum etc. Ozanam, Documents inédits, p. 241.

[9] Mon. Boica XXVIII, 2, 201.

[10] Archiv der W. A. III, 355 (1849, vor der Ausgabe von Böckings Commentar). Vgl. Böcking, Notitia Dign. Occ. p. 747-750. Glück, die Bisthümer Noricums S. 76. Aschbach: Ueber die römischen Militärstationen im Ufer-Noricum zwischen Lauriacum und Vindobona, nebst einer Untersuchung über die Lage der norischen Stadt Faviana, SB. XXXV, 3-32 für Traismauer, Tauschinski SB. XXXVIII, 31-46 wieder für die Identität mit Wien, ohne erhebliche Gründe. Kenner in d. Blättern d. Vereins f. Landesk. v. N. Oesterr. N. F. XVI (1882) S. 3-53, für Mautern. In Severins Zeit brauchte man den Abl. Favianis, in der Notitia Dign. Occ. p. 100 (ed. Seeck p. 198) steht Fafianae (Genetiv). S. Corpus ISS. Latt. III, 2, 687 und passim zur Erklärung der Ortsnamen.

[11] Leipzig 1854. Ueber die weitere Litteratur K. Uhlirz: Die Urkundenfälschung zu Passau im 10. Jahrh. Mitth. d. Wiener Inst. III, 177-228.

§ 3. Die Anfänge und Gattungen der christlichen Geschichtschreibung. [[←]]

Baehr, Geschichte der römischen Litteratur. Supplementband. Die christlich-römische Litteratur. I. Abtheilung. Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber. 1836. In der zweiten Ausgabe 1872 als vierter Band bezeichnet. Teuffel, Gesch. d. röm Litt. 5. Aufl. 1890. Adolf Ebert, Allg. Gesch. d. Litt. des M. A. im Abendlande. I. Gesch. d. christl. lat. Litt. von ihren Anfängen bis zum Zeitalter Karls d. Großen. 2. A. 1890.

Das Mittelalter ist durch keine bestimmte Grenzlinie vom Alterthum geschieden; lange Zeit laufen beide gewissermaßen parallel nebeneinander her. Das unterscheidende Element ist das Christenthum, welches das antike Wesen zersetzt, und theils vernichtet, theils umformt; dann das Eintreten ganz neuer Völker in die Geschichte, welche nach und nach den Schwerpunkt ihrer Entwickelung zu sich hinüberziehen. Die classisch-heidnische Litteratur gehört einem anderen Gebiete an, und liegt unserer Aufgabe fern; allmählich erstarb in ihr das Leben, und auch die Geschichtschreibung beschränkte sich immer mehr auf Auszüge aus den älteren Werken. Hieran konnte sich natürlich keine weitere Entwickelung anknüpfen. Den vorhandenen Stoff, wie ihn besonders Eutropius zubereitet hatte, faßte zuletzt noch einmal Paulus Diaconus in seiner römischen Geschichte zusammen, und machte ihn durch Verschmelzung mit der Kirchengeschichte für seine Zeit brauchbarer. So ging er in das Mittelalter hinüber, und bildete hier die Grundlage aller Kenntniß der römischen Welt. Aber ungeachtet der christlichen Zusätze und Fortsetzungen blieb doch dieses Werk nur eine todte Masse; die lebendige neue Entwickelung schloß sich an die christliche Geschichtschreibung, welche sich für die veränderte Auffassung und andere Bedürfnisse auch neue Formen erschuf.

Die römische Weltgeschichte konnte den Christen unmöglich genügen, die eigene Geschichte der römischen Republik sie nur wenig anziehen. Ihnen war das Wesentliche in der Weltgeschichte die Geschichte des Reiches Gottes, der Mittelpunkt lag ihnen in der jüdischen Geschichte, und davon meldeten die Werke der Römer nichts. Daher fand auch des Königs Desiderius Tochter Adelperga den Eutrop, welchen Paulus Diaconus ihr zu lesen gegeben, so ungenügend, und einige Zusätze konnten hier nichts helfen; es mußte eine ganz neue Weltgeschichte aufgestellt werden, die mit dem veränderten Standpunkte im Einklang war, die namentlich auch das hohe Alter der jüdischen Cultur, die spätere Entstehung der heidnischen Staaten nachwies. Um dieses möglich zu machen, kam es vor allem darauf an, das chronologische Verhältniß der heiligen und profanen Geschichte zu bestimmen, um dann eine Verschmelzung der beiderseitigen Nachrichten vornehmen zu können. Diese Aufgabe löste, nach dem Vorgange des Sextus Julius Africanus, welcher zuerst den Versuch machte, chronologisch das gesammte Alterthum mit der Bibel zu vereinigen[1], Eusebius (264-340); seine zwei Bücher Allgemeiner Geschichte enthielten zuerst in darstellender Form die Chronographie, dann tabellarisch den synchronistischen Kanon bis 325. Auf diesem großen Werke beruhen alle späteren Weltchroniken, der Byzantiner sowohl wie des Abendlandes, während zugleich aus seiner Kirchengeschichte das Mittelalter alle seine Kenntniß von den Anfängen der christlichen Kirche schöpfte. Dieses letztere Werk hatte für die Lateiner Rufinus bearbeitet und fortgesetzt, die Chronik aber Hieronymus, welcher sie zugleich bis 378 fortsetzte[2].

Diese Chronik des Hieronymus finden wir vollständig oder im Auszug an der Spitze aller umfassenden Chroniken des Mittelalters; sie war ihre Grundlage und ihr Vorbild, und dadurch war die knappe Form der annalistischen Aufzeichnung gegeben. Darstellende Werke aller Art hatten daneben freien Raum, aber um eine übersichtliche Anschauung von dem chronologischen Zusammenhange der Weltbegebenheiten zu erhalten, war diese Form unstreitig die angemessenste, wie man ja auch heut zu Tage der Tabellen zu diesem Zwecke nicht entbehren kann. Sehr dürftig und ungenügend freilich erscheint uns diese Form, wo sie fast allein und ausschließlich zur Ueberlieferung der geschichtlichen Ereignisse verwandt wird, oder doch anderes uns nicht erhalten ist, wie dies in den nächsten Jahrhunderten nach Hieronymus der Fall war. Diese ersten mageren Fortsetzungen seiner Chronik sind für uns ihres Inhalts wegen wichtig; der Geschichtschreiber der auf römischem Boden angesiedelten deutschen Stämme ist großentheils auf diese dürftigen Quellen angewiesen, für die Entwickelung der Historiographie in Deutschland aber haben sie nur insofern Bedeutung, als durch ihre Vermittelung die unmittelbare Anknüpfung der späteren Chronisten an den Hieronymus möglich wurde[3].

Bemerkenswerth ist aber bei diesen Chronisten der allen gemeinsame römische Standpunkt, das ängstliche Festhalten am römischen Reich. Uns erscheint gegenwärtig der Gedanke, daß in den neuen Bildungen, den romanischen Staaten, der fruchtbare Keim einer neuen Zukunft enthalten war, als natürlich und naheliegend; damals aber fiel weit mehr die Zerstörung des alten Reiches ins Auge; man sah und beklagte überall nur den Verfall, und wer die Weltgeschichte zu betrachten versuchte, sah fortwährend nur in dem römischen Weltreich den Träger derselben. Boten doch die Jahre seiner Kaiser und seine Consulate die einzige vorhandene Zeitrechnung, denn weder die von Eusebius eingeführte Rechnung nach Jahren Abrahams noch auch die Jahre von Erbauung der Stadt Rom erscheinen im Westreich je im praktischen Gebrauch, und Justinians Siege stellten noch einmal die Fortdauer aller der neu entstandenen Reiche in Frage. Mochte aber auch das abendländische Römerreich in Trümmer fallen, das morgenländische keinen Schatten von Macht über den Westen besitzen, für die Chronisten ist und bleibt es das Weltreich, der Faden, der sie leitet. Die in das Reich eindringenden deutschen Stämme sind und bleiben Barbaren, wenn auch der Schreibende, welcher jedoch immer der Kirche angehört, selber ihr Landsmann ist. Diese Auffassung beschränkt sich nicht auf diese Zeit, sie bleibt herrschend durch das ganze Mittelalter, denn sie war bedingt durch die seit Hieronymus allgemein angenommene Erklärung von dem Traume des Nebukadnezar, bei dem Propheten Daniel, nach welchem das römische Reich, das eiserne, welches die früheren zermalmt, bleiben soll bis zum Eintritt des himmlischen Reiches[4]. Die Fortdauer desselben war daher außer aller Frage. Demgemäß behandeln auch die späteren Weltchroniken die deutsche Geschichte niemals als etwas neues, selbständiges, sondern nur als eine Fortführung des römischen Reiches: sie führen nach dem Untergange des westlichen Reiches die byzantinischen Kaiser fort bis auf Karl den Großen und bewahren so seine scheinbare Continuität, wenn sie auch dazwischen die Volksgeschichten episodisch in ihr großes Fachwerk einschalten, wie Ekkehard.

Neben der großen Chronik des Hieronymus gab es nun aber auch noch eine andere, sehr dürftige und compendiarische, welche nur einige Anhaltpunkte zur chronologischen Orientirung gewährte. Sie läßt sich zurückführen auf ein älteres griechisches Werk des Hippolyt von Porto, das bis 235 reichte, ein Werk, welches auch dem Liber Generationis des sogenannten Fredegar zu Grunde liegt. Ueberarbeitet und bis 334 fortgesetzt, bildet es einen Theil jenes merkwürdigen römischen Staatskalenders, den Th. Mommsen in seiner Abhandlung über den Chronographus von 354 ausführlich behandelt hat[5]. Er hat nachgewiesen, daß dieser Kalender mit den nöthigen Veränderungen von Zeit zu Zeit neu herausgegeben wurde; doch war er viel zu kostbar, als daß sich, wer ihn einmal besaß, immer ein neues Exemplar davon angeschafft hätte, und da die ganze Einrichtung des Werkes zur Eintragung geschichtlicher Ereignisse eine sehr passende Gelegenheit darbot, so ist seine Form nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung der verschiedenen Gattungen geschichtlicher Aufzeichnungen geblieben. Sein Inhalt bestand nämlich aus folgenden Stücken, welche die noch erhaltene Abschrift eines Exemplars vom Jahre 354 uns kennen lehrt:

  1. Der eigentliche Kalender mit Bildern, die noch völlig in heidnisch-antiker Weise gezeichnet sind. Der Kalender selbst ist nicht mehr heidnisch, aber doch auch noch nicht christlich. Die öffentlichen Spiele, die Senatstage u. a. sind darin verzeichnet und die Geburtstage der Cäsaren auch noch abgesondert auf einem verzierten Blatt vorangestellt[6].
  2. Consularfasten bis zum Jahre 354.
  3. Ostertafeln auf 100 Jahre von 312 an.
  4. Ein Verzeichniß der Stadtpräfecten von 258 bis 354.
  5. Die Todestage (Depositiones) der römischen Bischöfe und der Märtyrer[7].
  6. Ein Pabstkatalog bis auf Liberius.
  7. Die oben erwähnte Weltchronik bis 334, verbunden mit einer Stadtchronik von Rom und der Regionenbeschreibung[8].

In diesen Stücken läßt sich mehr als ein Keim erkennen, der später zu weiterer Entwickelung gelangt ist. Während aus dem letzten Theile jene so zahlreichen, immer neu aufgelegten Beschreibungen von Rom entstanden, hauptsächlich zum Wegweiser für die Pilger bestimmt, forderten die Consularfasten, sowie die Ostertafeln von selbst dazu auf, bedeutende Begebenheiten bei den betreffenden Namen und Zahlen einzutragen, wie es z. B. Cassiodor gethan hat, und in vollständigerer Weise Prosper. Ein solches Werk ist auch den späteren Exemplaren jenes Kalenders eingefügt; Fasten, die anfangs nur sehr vereinzelte Bemerkungen enthalten, für das fünfte Jahrhundert aber reichhaltiger, und wegen der genauen chronologischen Bezeichnung wichtig werden, ohne Zweifel, abgesehen von dem früheren Theil, in Ravenna geschrieben[9]. Und zwar haben sie einen durchaus officiellen Charakter; es sind bedeutende Vorfälle in Betreff der kaiserlichen Familie, mit denen sie sich beschäftigen, dazu wichtige staatliche Begebenheiten und Naturerscheinungen, mit ausschließlicher Beschränkung auf Italien. Mit den Consullisten wurden sie von Zeit zu Zeit neu ausgegeben. Durch sehr sorgfältige und eingehende Untersuchungen von Pallmann, Waitz, G. Kaufmann, Holder-Egger ist die Benutzung dieser Annalen bei immer zahlreicheren Schriftstellern nachgewiesen, so daß Holder-Egger sogar den Versuch machen konnte, dieselben von 379 bis 572 wieder herzustellen. Seine Untersuchung ist so erschöpfend, daß ich mich darauf beschränken kann, auf dieselbe zu verweisen[10]. Nach dem Ergebniß derselben (S. 344) sind diese Fasti consulares für uns für volle zwei Jahrhunderte in chronologischer Beziehung eine Quelle vom höchsten Werthe. „Sie haben ganz außerordentliche Verbreitung gefunden: fast alle weströmischen und ein oströmischer[11] Chronist des fünften und sechsten Jahrhunderts haben sie benutzt, sie theilweise zur chronologischen Grundlage ihrer Werke gemacht. Zuletzt sind sie noch im neunten Jahrhundert von Theophanes, Agnellus und einem Mönch von St. Gallen benutzt. Sie müssen mehrmals redigiert und jedes Mal mit neuer Fortsetzung herausgegeben sein. Die erste Redaction fällt vor das Jahr 445, in welchem Prosper sie bereits für die erste Ausgabe seiner Chronik benutzt hat; dieselbe Redaction wird auch dem Chronicon imperiale vorgelegen haben. Eine zweite schloß, wie wir mit ziemlicher Sicherheit sagen können, mit dem Jahre 493; sie ist von Cassiodor und Marcellin benutzt. Die meisten Chronisten schöpften aus einer Vorlage, welche über dieses Jahr noch hinausreichte, so der Anonymus Valesianus[12], Marius, der langobardische Chronist (Cont. Prosperi Havniensis), wahrscheinlich auch der Verfasser der Continuatio und des Auctarium Prosperi[13] in der vaticanischen Handschrift ... Wie weit deren Exemplare reichten, läßt sich nicht bestimmen; doch ist einiger Grund zu der Annahme vorhanden, daß im Jahre 526 eine neue Redaction abgeschlossen ist. Wahrscheinlich ist dann noch eine neue Fortsetzung etwa bis zum Jahre 572 in Ravenna hinzugefügt; diese letztere hätte dann Agnellus, möglicher Weise auch der Mönch von St. Gallen[14] benutzt.“

Leicht möglich ist es, daß Holder-Egger in seinen Folgerungen zu weit gegangen ist. G. Kaufmann hat dieselben angegriffen[15]; er bestreitet die Ableitung mancher Nachrichten aus dieser Quelle, beschränkt die Ravennater Fasten auf die Zeit von 455 bis 493, und bestreitet ihren amtlichen Charakter. Das Gewicht seiner Gründe ist nicht zu verkennen; ohne Zweifel hat es damals noch vielerlei Aufzeichnungen gegeben, welche sich meistens an Consullisten angeschlossen haben werden. Doch von allen unterscheiden sich die0 Ravennater durch ihre knappe Auswahl und Fassung, und durch die genauen Tagesdaten[16].

Auch von einer zweiten Consulliste mit stadtrömischen Nachrichten lassen sich Spuren nachweisen. Ein Exemplar der ravennatischen aber bis etwa 456 ist nach Holder-Eggers Vermuthung nach Arles gekommen, dort überarbeitet, mit gallischen Nachrichten verbunden und fortgesetzt worden. Diese so neu entstandenen Annalen sind von Gregor von Tours und dem sogenannten Severus Sulpitius[17] benutzt.

Die ursprünglich in Italien zusammengestellten und fortgesetzten Fasten kamen unter Constantin auch nach Constantinopel und wurden hier fortgeführt; ein Exemplar, welches bis zum Tode Theodosius I. reichte, kam nach Spanien und ist uns, jedoch nur im Auszuge, von Hydatius mit seiner Fortsetzung und in engster Verbindung mit seiner Chronik bis 468 erhalten. Reichlichere Auszüge aus dem ursprünglichen und in Constantinopel fortgeführten Werk sind im Chronicon paschale bis 630 enthalten. Aus beiden hat Mommsen die Consularia Constantinopolitana (bis 468) zusammengestellt[18].

In gleicher Weise, wie diese Consultafeln zu einem chronologischen Anhalt für geschichtliche Notizen dienten, benutzte man auch die Folge der Kaiser, indem man entweder nur mit jedem Namen kurze Bemerkungen verband, oder auch die Regierungsjahre der Kaiser einzeln unterschied[19]. Weit zweckmäßiger für kurze annalistische Aufzeichnungen waren aber nach dem Aufhören der Consularfasten die Ostertafeln, welche sich ebenfalls in jenem Kalender fanden und auch ohne denselben bald in jeder bedeutenderen Kirche vorhanden waren. Im Abendlande fand nach manchen Versuchen, unter denen die Ostertafel des Aquitaniers Victurius eine gewisse Rolle spielt, besonders der von Dionysius Exiguus angenommene Kanon des Alexandrinischen Bischofs Cyrillus eine große Verbreitung, welche noch zunahm, als Beda die Tafeln desselben über die Cyklen von 1-532 und von da bis 1063 in sein Werk De ratione temporum aufnahm[20].

Doch hat es längere Zeit gedauert, bis man von der einmal herkömmlichen Rechnung nach Consulaten und Jahren der Kaiser abging; in England zuerst, wo man außerhalb des römischen Herkommens stand, sind Ostertafeln zu diesem Zweck benutzt, und von dort durch die Vermittelung der irischen und englischen Missionare nach Gallien und Deutschland gekommen[21].

Schon 354 hatte auch der römische Staatskalender ein Verzeichniß der römischen Päbste aufgenommen, welches seiner Anlage nach um 230 entstanden ist. Dieses wurde in der Folge nicht allein immer weiter fortgesetzt, sondern auch durch allerlei Zusätze vermehrt. Man fügte die Amtsdauer der Päbste hinzu, ihre Bauten und andere Verdienste um die kirchliche Verwaltung, die von ihnen vorgenommenen Weihen, endlich auch geschichtliche Vorfälle, und so entstand das Pontificale Romanum, welches gewöhnlich nach dem päbstlichen Bibliothekar Anastasius benannt wird. Doch zeigen weit ältere Handschriften, daß schon im siebenten Jahrhundert der Anfang des Werkes vorhanden war[22], und auch Beda und Paulus Diaconus haben diese Aufzeichnungen bereits benutzen können. Eine übersichtliche Darstellung der Entstehung dieses Werkes und seiner Fortsetzungen hat Giesebrecht gegeben in der Allgemeinen Monatsschrift für 1852, April. Wie in Rom, so entstanden ähnliche Aufzeichnungen auch an anderen Bischofsitzen und in manchen Klöstern, und daraus erwuchsen später die ausführlichen Geschichten der Bisthümer und Klöster, welche in der geschichtlichen Litteratur des Mittelalters eine so bedeutende Stelle einnehmen.

Endlich aber enthält auch der Abschnitt des Kalenders, in welchem die Todestage der Märtyrer und Päbste verzeichnet sind, den Anfang eines ganz eigenthümlichen Zweiges der Litteratur, nämlich der Martyrologien, in welchen die dort verzeichneten Namen sich immer als die ersten wiederfinden, und gewissermaßen den Kern der immer mehr anwachsenden Verzeichnisse bilden, welche zu dem bloßen Namen bald auch Nachrichten über Leiden und Leben der Märtyrer und Bekenner hinzufügen. Wir sahen schon, wie lehrreich diese Martyrologien in Rettbergs Händen für die Entstehungsgeschichte der kirchlichen Sage geworden sind; denn da die Zeit der Verfasser bekannt ist, so läßt sich darin die allmähliche Erweiterung der Legenden urkundlich nachweisen[23]. Die ältesten tragen den Namen des Hieronymus[24], obwohl mit Unrecht; besonders geschätzt ist das Martyrologium Gellonense[25]. Die größte Verbreitung fand, wie alle Schriften Beda's, auch dessen Martyrologium, das wir jedoch nicht in seiner ursprünglichen Gestalt besitzen, sondern nur mit den Zusätzen des Florus, eines Subdiaconus zu Lyon im neunten Jahrhundert[26]. So kam also auch dieser Zweig der Litteratur über England nach Gallien; hier wurde er im neunten Jahrhundert mit besonderer Vorliebe behandelt, und aus der mündlich sich fortbildenden Tradition kamen bei jeder neuen Ausgabe stets auch neue Zusätze hinzu. Ein Reichenauer, welches zwischen 837 und 842 entstanden ist, gab A. Holder kürzlich heraus[27]. Eine metrische Bearbeitung verfaßte um 850 Wandalbert, Mönch zu Prüm[28], andere in Prosa Hraban[29] zwischen 842 und 854, Ado von Vienne[30] (859-874) und auf Befehl Karls des Kahlen Husward[31] (Usuardus) im Jahre 875; am Ende des Jahrhunderts schrieben Notker der Stammler (896) auf der Basis des von Ado 870 den Mönchen von St. Gallen geschenkten Exemplars seines Martyrologium[32], und in Versen Erchempert, der Mönch von Montecassino[33]; noch im elften Jahrhundert verfaßte Hermann von Reichenau ein Martyrologium[34]. Damit war nun aber auch dem Verlangen nach Martyrologien völlig genügt; man fragte nicht mehr so viel nach diesen immer noch kurzen und dürftigen Aufzeichnungen, da man bereits eine sehr große Zahl ausführlicher Legenden besaß, theils aus der Zeit der Merowinger, theils aber auch über eben jene alten Märtyrer, von denen die Martyrologien so wenig zu sagen wußten. Der Wunsch danach war zu dringend, besonders in den Klöstern, welche Reliquien von ihnen besaßen, als daß nicht eine reiche Auswahl nachgemachter Legenden hätte entstehen sollen, welche leicht genug Glauben fanden, oder doch in Ermangelung anderer benutzt wurden, wie z. B. die Legende vom Apostel Thomas, deren Unglaubwürdigkeit wohl bekannt war[35]. Bald hatte man Legenden für jeden Tag im Jahr, und eine Sammlung derselben veranstaltete schon im Anfange des zehnten Jahrhunderts Wolfhard, Mönch zu Herrieden[36]. Kleinere, unvollständige Legendarien hatte man schon früher, und sie finden sich in großer Zahl in den folgenden Jahrhunderten, bis sie endlich wiederum verdrängt wurden durch die in zahllosen Abschriften verbreitete Goldene Legende des Jacob von Genua[37], welche dem Gebrauch für das Leben und für die praktische Anwendung auf der Kanzel am meisten entsprach und in gedrängter Kürze den ganzen Kreis der Heiligengeschichte auf den Umfang eines Bandes beschränkte.

Geschichtlich ist Jacobs compendiarische Behandlung der Legenden unbrauchbar; die ausführlichen Lebensbeschreibungen der Heiligen aber enthalten für manche Zeiträume die werthvollsten Nachrichten. Auch diese Aufzeichnungen finden ihre Vorbilder schon in den früheren Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit. Die christlichen Gemeinden theilten sich unter einander die Todestage der Märtyrer mit nebst den Umständen ihres Leidens, und solche Mittheilungen wurden bei ihren Zusammenkünften verlesen. Bald fing man auch an, das Leben anderer frommer Männer, der Bekenner, aufzuzeichnen. Cassians vielgelesenes Werk über die Einsiedler der Thebais, das Leben des Cyprian, Ambrosius, Augustin und ganz besonders das um 400 von Sulpicius Severus verfaßte und durch ganz Gallien verbreitete Leben des heiligen Martin von Tours[38] regten zu ähnlicher Thätigkeit an[39]. Benedict von Nursia, der eigentliche Begründer des abendländischen Mönchthums, fand einen Biographen in dem Pabste Gregor dem Großen, und dieses Werk fehlte natürlich in keinem Kloster seines Ordens; nebst den übrigen Büchern der Dialoge bot es der Wundersucht des Mittelalters reiche Nahrung und reizte zur Nachahmung. Daran also schließt sich nun eine überaus reiche Litteratur, und wenn auch vielfach der erbauliche Ton so sehr überwiegt, daß der geschichtliche Werth nur gering ist, so ist doch keine der wirklich echten gleichzeitigen Biographien ganz ohne Frucht, und für die Zeiten, wo die Heiligen zugleich Staatsmänner waren, gehören ihre Lebensbeschreibungen zu den wichtigsten Quellen der Geschichte. Mit dem dreizehnten Jahrhundert aber verlieren sie fast alle Bedeutung.

Ganz vereinzelt erscheint daneben die weltliche Biographie; nur einige Kaiser haben Lebensbeschreiber gefunden, und wenn Einhard den Sueton zum Vorbilde nahm, so ist das nur eine Frucht der durch Karl den Großen erneuten Einwirkung auch der heidnischen Classiker; eine lebendige Fortentwickelung knüpfte sich nur an die kirchliche Litteratur.

Zu erwähnen bleibt endlich noch eine Art der Aufzeichnung, welche den Martyrologien sehr nahe steht und häufig damit verbunden ist, die Necrologien nämlich, in welchen die Todestage aller derjenigen verzeichnet wurden, deren Gedächtniß in der Kirche oder dem Kloster, dem diese Aufzeichnungen angehörten, gefeiert werden sollte. Da jeder angesehene Mann sich um seiner Seligkeit willen eine solche Gedächtnißfeier zu sichern pflegte, erfahren wir hierdurch ihre Todestage, deren Kenntniß für manche Fragen wichtig werden kann; auch für die verwandtschaftlichen Verhältnisse ist manches daraus zu entnehmen, und zuweilen sind auch einzelne geschichtliche Begebenheiten anderer Art darin verzeichnet. Zur geschichtlichen Litteratur kann man diese Namensverzeichnisse nicht rechnen, und ich beschränke mich daher auf diese Erwähnung und auf ein Verzeichniß der mir bekannt gewordenen, gedruckten Necrologien, welches im Anhange zu finden ist.

Eine Zeitbestimmung ist nicht hinzugefügt, weil auch in jüngere Necrologien einzelne ältere Angaben herübergenommen sind, und ältere durch die fortgesetzten Eintragungen werthvoller zu werden pflegen. Doch ist es nicht unwichtig, die Zeit der ersten Anlage zu erkennen; bei dem lobenswerthen Versuche, dahin zu gelangen, begegnet aber stets wiederholt ein Fehler, vor dem ich deshalb ausdrücklich warnen möchte. Die Herausgeber glauben nämlich, zu dieser Bestimmung die Ansetzung des Osterfestes benutzen zu können und lassen sich dabei auch durch den auffallenden Umstand nicht stören, daß dieser überall derselbe ist, nämlich der 27. März; auch nicht dadurch, daß es ja gar keinen Sinn haben würde, das zufällige Datum eines einzelnen Jahres einzutragen. Es ist aber dieser 27. März ein festes Datum, welches man für dasjenige der wirklichen Auferstehung hielt.

Den vollen Nutzen für geschichtliche Forschung werden diese Necrologien erst gewähren, wenn sie systematisch gesammelt, durchgearbeitet und zusammengestellt sind. Das ist jetzt geleistet von Baumann für die Sprengel von Augsburg, Constanz und Chur[40], von Herzberg-Fränkel für Salzburg[41].

Geschichtlich noch wichtiger sind die Todten-Annalen, in welchen Jahr für Jahr die Todesfälle eingetragen sind. Solche sind aus Fulda von 779 bis 1065 erhalten[42], und an diese sich anschließend, aber weit weniger reichhaltig, aus Prüm, von 1039 bis 1104[43], aus St. Blasien von vor 1036 bis 1474[44].

Verschieden davon sind die Verbrüderungsbücher, in welche Lebende eingetragen wurden; bei weitem das wichtigste darunter ist das von Karajan, jetzt aber mit wesentlichen Verbesserungen von Herzberg-Fränkel herausgegebene von Sanct Peter in Salzburg[45]; von einer systematischen Bearbeitung sind die von Sanct Gallen, Reichenau und Pfävers erschienen[46]. Sie geben über die Verbindungen der Klöster untereinander Nachricht und sind durch die Fülle alter Eigennamen für die Sprachforschung von Bedeutung. Auch von den Roteln späterer Zeit, durch welche man von den Todesfällen verbundenen Klöstern Nachricht gab, und welche theils nur mit Empfangsbescheinigung, theils sogar mit längeren Gedichten versehen wurden, hat sich namentlich in Frankreich eine große Anzahl, wenn auch meistens nur fragmentarisch, erhalten, welche von L. Delisle gesammelt und herausgegeben ist[47].

Eine besondere Erwähnung verdienen endlich noch die alten Diptycha, in welche Namen ohne Daten eingetragen wurden, um sie der Fürbitte theilhaftig werden zu lassen, wobei auf die Ordnung nichts ankam; aus Fulda, Trier, Novara haben sich dergleichen erhalten. In Ermangelung anderer Denkmäler hat man daraus Bischofslisten entnommen, deren Lückenhaftigkeit und Umstellungen sich aus solchem Ursprung erklären. Ein Liber vitae ecclesiae Dunelmensis (jetzt Cott. Domit. A. VII) aus der Mitte des neunten Jahrhunderts und bis in späte Zeit fortgeführt, lag im Prachtband auf dem Altar[48], herausgegeben von Stevenson 1841.

Eine besondere Art von Namensverzeichnissen entstand durch die Sitte, in Evangelienbücher Namen einzutragen, wovon man sich gute Folgen für das Seelenheil versprach. So schrieb nach einer Mittheilung von K. Lamprecht in d. Westd. Ztschr. IV, 156 in einem Evangeliar des Castorstifts in Coblenz der Schreiber selbst hinzu: „Waniggus peccator nomen habeo. in vitae libro mei memoriam condo“. Darauf folgen andere Namen. Beispiele davon kommen auch sonst vor[49]; geschichtlich wichtig sind die Eintragungen im Evangeliar von Aquileja für die Anfänge des Christenthums unter den Bulgaren, während Theodelinde und andere Namen später betrügerisch zugesetzt sind, was Bethmann entdeckt und nachgewiesen hat[50].


[1] Dr. Conr. Trieber, Die Chronologie des Julius Africanus, 1879; vgl. Gött. Nachr. 1880, Nr. 1. H. Gelzer, S. Jul. Afr. u. die Byzant. Chronologie, Leipz. 1880.

[2] Opera S. Hier. ed. Vallars, Tom. VIII. Baehr S. 189-197. Vgl. Bernays, Scaliger S. 92, 217. Neue kritische Ausgabe von Alfred Schoene in: Eusebi chronicorum canonum quae supersunt. Vol. II. Berl. 1866. Nachträge in Vol. I. (1875) Eusebi chronicorum libri duo. Vgl. Mommsen, Die älteste Hs. der Chronik des Hieronymus, Hermes XXIV. Facs. ders. Palaeogr. Soc. II, 129. 130.

[3] Die neue Ausgabe dieser ältesten Annalisten für die MG. ist jetzt von Th. Mommsen, Auctt. antt. IX. zu erwarten.

[4] Dan. c. 2. Vgl. Otto Fris. II, 13. Büdinger in der Hist. Zeitschrift VII, 113.

[5] Abhandlungen der Kgl. Sächs. Ges. der Wissenschaften in Leipzig. I. 1850. S. 547-668. Neue Ausg. des Textes Auctt. antt. IX, 13-196. Ein mit jener Arbeit verwandter, von Pallmann zuerst herausgegebener, ganz kurzer Abriß der Weltgeschichte bis 452 Auctt. antt. IX, 149-153. Vgl. auch C. Frick im Rh. Mus. f. Philol. XLVI, 106 ff.

[6] Ausg. v. Mommsen, CIL. I, 332-360.

[7] Nach De Rossi, La Roma sotterranea I, 116 eigentlich ein Festkalender, feriale, und deshalb nicht vollständig.

[8] S. darüber und über die im 12. Jahrh. daraus erwachsenen Mirabilia Romae, H. Jordan, Topographie der Stadt Rom im Alterthum II, 1871. Dess. Forma urbis Romae regionum XIII. 1875.

[9] Früher als Anonymus oder Chronicon Cuspiniani bekannt, zuletzt gedr. bei Mommsen a. a. O. S. 656-668, Auctt. antt. IX, 263 ff. als Fasti Vindobonenses, mit d. Anon. Vales. u. a. herausgegeben als Consularia Italica.

[10] Die Ravennater Annalen, NA. I, 215-368. Eine Berichtigung von Usener in dem Anecdoton Holderi, 1878. Benutzung bei Beda nach L. Schmidt, NA. IX, 197, verworfen v. Mommsen a. a. O. S. 253.

[11] Marcellinus Comes, s. über diesen Holder-Egger, NA. II, 49 bis 109. Sein Werk reicht im Anschluß an Hieronymus von 379 bis 518 und ist von ihm selbst bis 534, weiter bis 548 fortgesetzt. Die weitere Forts. 549-566 in den Ausgaben ist aus Herm. Contr. entlehnt, wie Waitz, Gött. Nachr. 1857 S. 38 nachgewiesen hat. Jordanis hat nach Mommsen, Praef. Jord. p. XXIX. XXXIX, das Werk in ausführlicherer Fassung oder (auch schon Cassiodor) die darin excerpirte Grundlage benutzt. [←]

[12] Anonymus Valesianus, zuerst von H. Valois mit Ammianus Marcellinus herausgegebene Hauptquelle für Odovacar und Theodorich. Neue Ausgabe mit Benutzung der wiedergefundenen Hs. hinter Amm. Marc. ed. V. Gardthausen, Lips. 1875; Mommsen a. a. O. S. 314 ff. Uebers. v. D. Coste bei Procops Gothenkrieg. Vgl. C. Frick über d. cod. Pal. 927 in d. Comm. Wölfflin. (N. A. XVI, 642). Nach Holder-Egger im NA. I, 316-324 schrieb er in Ravenna und benutzte die verlorene Chronik des Bischofs Maximian (546-556); SS. Langob. p. 273 stimmt H. E. der Ansicht bei, der Anon. sei ein Fragment der Chronik Maximians.

[13] Nach Br. Krusch in NA. IX, 103 nur eine Copie des Ostercyclus des Victurius mit einigen hist. Zusätzen; die doppelten Osterdaten hat Holder-Egger irrthümlich f. hist. Daten gehalten.

[14] Excerptum ex Chronica Horosii, mit gleichzeitiger Notiz über das Erdbeben vom April 849, gedr. e. cod. S. Galli 878 von De Rossi, Bullettino di Archeologia crist. 1867 S. 17-23. Wiederholt von G. Kaufmann, Die Ravenn. Fasten, S. 484. Auctt. antt. IX, 264.

[15] Die Fasten von Constantinopel u. Ravenna, Philologus XLII, 471 bis 510.

[16] Mommsen, Praef. Jord. p. XXXIX sagt von den 'Consularia Ravennatia': 'tota imbuta spiritu regni Theodericiani, sive ea publico consilio edita sunt, sive, quod prudentiores praeferent, a laudatore aliquo status praesentis'. Auch in der neuen Ausg. verhält er sich dagegen ablehnend.

[17] Holder-Egger: Ueber die Weltchronik des sog. Severus Sulpitius und südgallische Annalen des 5. Jahrhunderts. Gött. 1875. Neue Ausg. v. Mommsen, Auctt. antt. IX, p. 98 ss. als „Chronica ad annum 511“.

[18] MG. Auctt. antt. XIX, 197-247.

[19] S. hierüber Bethmann im Archiv X, 387 und über die Ostertafeln S. 279; vgl. V, 102 und Piper, Karls des Großen Kalendarium und Ostertafeln, Berlin 1858, S. 100 ff. — Die Echtheit der Briefe von Victurius und Pabst Hilarus vor dem Canon paschalis hat Br. Krusch erwiesen, NA. IV. 169-172.

[20] S. darüber Br. Krusch: Die Einführung des griech. Paschalritus im Abendlande, NA. IX, 169-172, vgl. 658. — Consulliste des Victurius mit Forts. ib. S. 269-281.

[21] Es kann ja auch einmal in Italien geschehen sein, vgl. NA. I, 283, aber die hier früher nach Bethmann im Arch. X, 820 angeführte Handschrift aus Sant Andrea della Valle enthält keine Annalen. Es ist Christ. 2077, gedr. Roncall. I, 721; vgl. Mommsen im Hermes I, 130 u. das Facs. bei Zangemeister u. Wattenbach, Exempla codicum Latinorum Tab. IV. NA. I, 29.

[22] S. Pertz im Archiv V, 70-74; De Rossi, La Roma sott. I, 122. Ueber den ältesten Theil des Werkes Janus S. 139 ff. mit Beziehung auf die sorgfältige Analyse des ganzen Werkes bei Piper, Einl. in die monumentale Theologie (Gotha 1867) S. 315-349, der auch bereits die Benutzung durch Beda nachgewiesen und die Wichtigkeit dieses Verhältnisses für die Kritik hervorgehoben hat, vgl. S. 198. 202 Anm. 12. — Ganz neue Ansichten über diesen ältesten Theil, seine Entstehung und das Verhältniß der Handschriften entwickelt der Abbé L. Duchesne: Étude sur le Liber pontificalis, Paris 1877 (Bibl. des écoles Franç. d'Athènes et de Rome, I). Ihm entgegnete Waitz, NA. IV, 215-237: Ueber die verschiedenen Texte des Liber pontificalis. Ders. V, 229 über Lipsius: Neue Studien zur Pabstchronologie; VIII, 405 über eine neue Schrift von Duchesne; IX. 457-472 über den sog. Catal. Cononianus: X, 453-465 über die ital. Hss.: über den Catal. Felicianus XI, 217-229. Vgl. auch Krusch, XII, 236. Jetzt ist von der Ausgabe von Duchesne Bd. I. 1886 erschienen, während Waitz dazu nicht mehr gekommen ist. Rec. v. Grisar, Zts. f. Kath. Theol. 1887 S. 417-446. — Ein merkw. Elogium Liberii papae († 366) hat De Rossi herausgegeben, Bullettino di Archeologia crist. 1883. Prof. Funk im Hist. Jahrb. V, 424-436, XII, 757 ff., bezieht es jedoch auf Martin I († 655), Friederich, Münch. SB. 1891 S. 87-127 auf Joh. I, De Rossi wieder f. Liberius im Bull. 1891.

[23] Ausführlicheres darüber mit dem Nachweis der Ausgaben bei Rettberg I, 76. Vgl. Potthast S. 436. Das Hauptwerk ist die Abhandlung von J. B. Sollerius vor der Ausg. des Martyrol. Usuardi, Acta SS. Jun. VI. Vgl. auch die oben [→ S. 41] angef. Schrift v. Fr. Stolle.

[24] Mart. Hieron. ed. Fiorentini, Lucae 1668. Als vorzüglichste Handschrift rühmt De Rossi die Berner, Roma sotterranea II. p. XII ss. Nach dieser ist es jetzt herausgegeben, Acta SS. Oct. XIII. [←]

[25] D'Achery Spicil. ed. II. II, 27. Geschrieben ist es um 804. Sickel in d. Wiener SB. XXXVIII, 161 macht auf das noch nicht benutzte Martyrologium aus derselben Zeit im Wiener Cod. 387 aus Salzburg aufmerksam.

[26] In den Werken des Beda und Acta SS. Mart. II. Ueber ein ihm zugeschriebenes kurzes Mart. in Hexametern (ed. Giles I, 50-53) vgl. Dümmler, NA. IV, 516.

[27] Röm. Quartalschrift III, 204-251.

[28] Erste krit. Ausgabe von Dümmler, Poetae Lat. aevi Carolini II, 569-603.

[29] Canis. II, 2, 313. Vgl. E. Dümmler, das Martyrol. Notkers u. seine Verwandten (Forsch. XXV) S. 197-200, mit Ergänzung des Textes.

[30] Herausgeg. von Surius im Anhang der Vitae probb. SS., dann von Heribert van Roswey mit dem Martyrologium Romanum. Ueber das vorhergehende, von Ado in Ravenna abgeschriebene, Romano piccolo s. De Rossi, La Roma sott. I, 125. Vgl. Dümmler a. a. O. S. 200.

[31] Ed. Sollerius, Acta SS. Jun. VI und VII. A. Longnon, Notice sur le plus ancien obituaire de l'abbaye de St. Germain-des-Prés (Not. et Doc. publ. p. l. Soc. de l'hist. de France p. 19) hält diese Hs. für sein Autograph.

[32] Canis. II, 3, 89. Vgl. Dümmler, St. Gall. Denkmale, S. 252. Scherrer S. 149 über den cod. 454. Dümmler, Forsch. XXV, 202 ff. Es ist unvollständig erhalten.

[33] NA. IV, 544. VI, 285. Noch ungedruckt. Die nach der Vorr. zur Bezeichnung seiner Zusätze gesetzten obeli finden sich in der Hs. nicht. — Ein metr. Martyrologium (Anf. Jure kalendarum) ist aus dem angels. Theil der Hs. Galba A 18, die K. Aethelstans Psalter gewesen sein soll, herausg. v. Hampson, Medii Aevi Kalendarium (1841) S. 397-420. Die Hs. ist beschrieben in Thompons Catal. of anc. mss. Latin (1884) S. 12, Fasc. pl. 28.

[34] Darüber, nebst Zusätzen einer späteren Bearbeitung, Dümmler ib. S. 208-214.

[35] Ch. Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas de Strasbourg, p. 121. Auch in Handschriften des Thomasklosters zu Vorau fand ich die Klage über den Mangel an authentischen Nachrichten bei den Legenden des Heiligen, die man aus Noth benutzte.

[36] Anon. Haser. MG. SS. VII, 256. Vgl. Archiv V, 565. X, 645.

[37] Jacobi a Voragine Legenda aurea, vulgo Historia Lombardica dicta, rec. Th. Grässe. Ed. II. Lips. 1850. 8.

[38] Vgl. Reinkens, Martin v. Tours (1866) S. 258-274. Fast unbeachtet dagegen und ohne Nachwirkung blieb desselben Sulpicius Chronik bis 403, welche, die jüdische Geschichte mit der profanen verarbeitend, im Stil sich den Werken des Sallust, Vellejus, Tacitus anschloß und dem Geschmack des Mittelalters nicht zusagte; s. die geistreiche Würdigung dieses Werkes von Jakob Bernays: Ueber die Chronik des Sulpicius Severus, Berlin 1861, 4. u. in d. Sammlung seiner Kl. Schriften. Benutzung in der V. Heinr. IV sucht Gundlach nachzuweisen, NA. XI, 299-304. Neue Ausg. von C. Halm: Sulpicii Severi libri qui supersunt, Vindob. 1866. Ebert S. 327-336.

[39] Wie sehr es bis ins 13. Jahrh. als Vorbild diente und ausgenutzt wurde, zeigt Manitius, NA. XIV, 165-170. XV, 194-196.

[40] MG. Necrologia Germaniae I. 1888; vgl. NA. VII, 19-41. VIII, 425-447. XIII, 409-429.

[41] Vol. II, 1. 1890; vgl. NA. XIII, 269-304.

[42] Erste vollständige Ausgabe aus den verschiedenen Hss. von G. Waitz: Annales necrologici Fuldenses, MG. SS. XIII, 161-215.

[43] Ann. necrol. Prum. ib. p. 219-223.

[44] Necrol. I, 329-333. Die Weltenburger 1045-1109 (MB. XIII, 473-493) werden auch wohl bei den Necrol. gedruckt.

[45] Necrol. II, 3-60; vgl. NA. XII, 53-107.

[46] MG. Libri Confraternitatum S. Galli, Augiensis, Fabariensis, ed. P. Piper 1884. Das Verbrüderungsbuch von St. Gallen ist, nebst dem Buch der Gelübde, auch von E. Arbenz herausgegeben und erläutert, Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, St. Gallen 1884. Vgl. auch C. Will, Monum. Blidenstatensia, p. XX-XXII. A. Ebner, Die klösterlichen Gebetsverbrüderungen. Regensb. 1890.

[47] Des monuments paléographiques concernant l'usage de prier pour les morts, Bibl. de l'École des chartes, II, 3, 361-411, und die Ausgabe: Rouleaux des morts du IX. au XV. siècle, 1866. Vgl. Wattenbach, Schriftwesen (2. Ausg.) S. 137.

[48] Genaue Beschreibung der Hs. von Thompson im Catalogue of ancient Latin Mss. p. 81-84.

[49] L. Delisle, Bibl. de l'École des ch. 1876, S. 484.

[50] NA. II, 112-128.

§ 4. Die Ostgothen. Cassiodor. [[←]]

Manso, Geschichte des ostgothischen Reiches in Italien, Breslau 1824. Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827. Waitz, Ueber das Leben und die Lehre des Ulfila, Hannov. 1840, 4. Bessell, Ueber das Leben des Ulfilas und die Bekehrung der Gothen zum Christenthum, Gött. 1860. Max Müller, Lectures on the Science of Language, 2. ed. 1862, p. 179 ff. Bessell, Art. Gothen in der Encyklopädie von Ersch und Gruber I, 75. S. 98-242 (1862). Raszmann, Goth. Sprache und Litteratur, ib. 294-348. Wietersheim, Geschichte der Völkerwanderung, bes. II, 137 ff. Pallmann, Die Geschichte der Völkerwanderung, I, Gotha 1863. II, Weimar 1864. F. Dahn, Die Könige der Germanen, Abth. II. 1861. Wackernagel, Geschichte der deutschen Litteratur. S. 15-22. Bernhardy, Grundriß der römischen Litteratur, § 60. A. Thorbecke, C. Senator, Progr. d. Heidelb. Lyceums 1867. Ad. Franz, C. Senator, ein Beitr. z. Gesch. d. theol. Litt. Bresl. 1872. Teuffel § 475. Ebert S. 498 bis 542. Balzani p. 1-19. Rinaudo p. 25-31. — Ueber Cassiodor und Jordanis: Papencordt, Geschichte der vandal. Herrschaft in Afrika (1837), S. 383-388. Freudensprung, De Jornande sive Jordane et libellorum eius natalibus, Monaci 1837. H. v. Sybel, De fontibus libri Jordanis de origine actuque Getarum, Berol. 1838; Entstehung d. D. Königthums, 2. Ausg. (1881) S. 134-208. Waitz, GGA. 1839, S. 769-781. Joh. Jordan, Jordanes Leben und Schriften. Progr. des Gymnasiums zu Ansbach. 1843. J. Grimm, Ueber Jornandes. Abh. der Berliner Akademie, 1846 (Kleinere Schriften III, 171-235). Cassel, Magyarische Alterthümer, 1848, S. 293 bis 310. Stahlberg. Jornandes, Programm der höheren Bürgerschule zu Mühlheim a. R. 1854. C. Schirren, De ratione, quae inter Jordanem et Cassiodorium intercedat commentatio, Dorp. 1858; vgl. die Rec. von A. v. Gutschmid. Jahrbücher für classische Philologie, 1862, S. 124-151. R. Köpke, Deutsche Forschungen, Berl. 1859. Bessell, Art. Gothen, S. 101-116, recapitulirt die ganze Frage. Waitz, Gött. Nachrichten 1865 N. 4, über das Verhältniß zum Anon. Cuspiniani. Baehr S. 247-262. Mommsen, Praef. Jord. p. XL-XLIV. — Cassiodori Opera ed. Garet, Rothomagi 1679. fol. Frammenti di orazioni panegiriche, raccolti ed illustrati di Carolo Baudi de Vesme, Memorie della Real Acad. delle Scienzie, Serie II, Vol. VIII; vgl. Reifferscheid, SB. 68, 483, Fragm. d. Lobrede auf K. Theodahat, viell. von Cassiodor nach Arbois de Jubainville, Bibl. de l'École des chartes, V. 3, 139, vgl. M. Haupt in Hermes VII, 377. H. Usener, Festschrift zur Philol. Vers. in Wiesbaden 1877 (Anecdoton Holderi, Excerpt aus der früher unbekannten Schrift C.'s über die Schriftsteller in seiner Familie); vgl. aber Schepss, im NA. XI. 125-128. F. Rühl. Ein Anecdoton zur Goth. Urgesch. im Jahrb. f. class. Philol. 1880, S. 549-576 (Barbarischer Auszug aus Cass. über Skythen und Amazonen).

Das ostgothische Reich, so kurz es dauerte, bildete doch ein sehr wichtiges Mittelglied zwischen der antiken Welt und dem Mittelalter, welche sich in ihm auf merkwürdige Weise berühren.

Der gothische Stamm war einer der begabtesten, bildungsfähigsten deutschen Stämme. Er allein, nebst den Angelsachsen, hat von Anfang an auch die Muttersprache ausgebildet, nicht nur in Lied und Gesang, sondern auch zu wissenschaftlichem Gebrauch; außer Vulfila's Bibelübersetzung haben sich auch Fragmente einer Evangelienharmonie erhalten. Getrennt von der herrschenden Kirche, feierten sie den Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache[1], und deren Gebrauch war dadurch bei ihnen, wie später bei den Slaven, besser gesichert als in der römischen Kirche. Dennoch hätten auch die Ostgothen, wäre ihrem Reiche längere Dauer beschieden gewesen, sich der Uebermacht römischer Cultur wohl sicher ebenso wenig zu erwehren vermocht, wie die Westgothen in Spanien und später die Angelsachsen.

Denn mit der größten Empfänglichkeit wandten die Gothen sich auch der antiken Bildung zu; Theoderichs Reich ist merkwürdig als ein Versuch, die neuen Elemente mit den alten zu vereinen und die Herrschaft in den alten Formen fortzuführen; an seinem Hofe hörte man noch die alten gothischen Heldenlieder, aber es sammelten sich dort auch die noch übrigen Träger der alten Bildung; hier entstanden mehrere der Werke, welche die Elemente der alten Cultur dem Mittelalter überlieferten, aus denen es seine Kenntniß des Alterthums schöpfte und zugleich den gezierten dunklen Stil lernte, der damals in den Schulen der Rhetoren und Grammatiker für schön galt.

Den Schriftstellern des vierten Jahrhunderts, Donat, Macrobius, Marcianus Capella, reiht sich Priscianus an, Theoderichs Zeitgenosse und mit Cassiodor bekannt; doch lebte er in Constantinopel. Einer der Hauptlehrer des Mittelalters aber, dem es zunächst die Kenntniß der Aristotelischen Philosophie verdankte, war Boethius[2], der mit seinem gelehrten Schwiegervater Symmachus am Hofe zu Ravenna lebte. Die Familie der Symmacher, die domni Symmachi, werden uns ganz besonders genannt unter den Männern, welche in genauer Verbindung mit den Schulen der Grammatiker und Rhetoren noch einmal das sinkende Heidenthum neu zu beleben suchten, durch Auffrischung der Mysterien, der Philosophie, und namentlich auch durch angelegentliche Beschäftigung mit der alten Litteratur, deren Werke sie durch sorgfältige Verbesserung der verwahrlosten Handschriften in diejenige Gestalt brachten, in welcher sie uns jetzt vorliegen[3]. Das Christenthum war nun freilich bereits zum unbestrittenen Siege durchgedrungen, dennoch aber stehen diese Männer noch ganz auf dem Boden der alten heidnischen Bildung. Auch Cassiodor gehört dazu; erst in seinem Alter gab er sich immer mehr einer kirchlich frommen Richtung hin.

Dieselbe Mischung römischer und deutscher, heidnischer und christlicher Elemente, wie an Theoderichs Hofe, finden wir nun auch in der geschichtlichen Litteratur, die uns leider nur theilweise erhalten ist. Was es für eine Bewandtniß mit den gothischen Philosophen habe, mit Athanarit, Hildebald und Markomir, auf die sich der Ravennatische Geograph beruft, ob sie existirt haben oder nicht, ist bis jetzt noch dunkel[4]. Auch der von Jordanis[5] benutzte und gelobte Ablavius, der „treffliche Geschichtschreiber des gothischen Volks“, bleibt in zweifelhaftem Dunkel; Mommsen vermuthet, daß er an Theoderichs Hofe nicht lange vor Cassiodor geschrieben und, der gothischen Sprache kundig, ihre Ueberlieferungen und Lieder mit den Nachrichten des Priscus u. a. verbunden habe. Er ist geneigt, einen sehr wesentlichen Theil des Cassiodorischen Werkes ihm zuzuschreiben, aber Schirren hat sich mit guten Gründen von neuem sehr nachdrücklich dagegen erklärt. Der Name ist in jener Zeit häufig und lautet correct Ablabius, doch folge ich lieber der damals üblichen, durch Jordanis bezeugten Aussprache.

Der rechte Repräsentant dieses Uebergangsreiches ist Magnus Aurelius Cassiodorius[6] Senator, ein vornehmer Römer von angesehener Familie, aus Bruttien, vielleicht aus Squillace gebürtig. Dem Beispiele seines Vaters folgend, stellte er sich der Herrschaft der Barbaren nicht feindselig oder schmollend gegenüber, sondern war als Staatsmann und als Gelehrter aufrichtig und unablässig bemüht, die widerstrebenden Elemente friedlich zu verbinden und auszugleichen; als Minister Theoderichs und seiner Nachfolger suchte er die Regierung in den alten Formen fortzuführen, und als Geschichtschreiber verkündete er den erstaunten Römern, daß das Volk der Gothen und das Königsgeschlecht der Amaler ihnen an Alter und Adel, ja sogar an uralter Cultur mindestens ebenbürtig sei.

Schon die Chronik Cassiodors[7] dient der Verherrlichung Theoderichs und seines Eidams Eutharich, dem sie in seinem Consulatsjahre überreicht wurde; der Schwall der Lobrede belebt 496 bis 519 das dürftig und ungeschickt zusammengestoppelte chronologische Gerippe, dessen Mangelhaftigkeit und willkürlich leichtsinniges Machwerk Th. Mommsen schonungslos aufgedeckt hat. Auch die wenigen früheren historischen Notizen zur Consulartafel, die er aus Hieronymus, Prosper, Eutrop, von 456-493 aus den Ravennater Fasten schöpfte[8], hat er in gothischem Interesse verändert[9]. Von weit größerem Werth, fleißiger gearbeitet und der schulmäßigen Gelehrsamkeit jener Zeit entsprechend waren Cassiodors zwölf Bücher Gothischer Geschichten, ein früh verlorenes Werk, über welches jedoch der Auszug des Jordanis ein Urtheil gestattet, denn nach den Untersuchungen von Schirren und Koepke kann man es jetzt wohl als festgestellte Thatsache betrachten, wie es denn auch von Mommsen angenommen ist, daß der ganze wesentliche Inhalt dieses Werkes mit Einschluß des gelehrten Apparats von Cassiodor herrührt[10]. Außerdem finden sich in der Sammlung seiner Briefe mehrere Aeußerungen, welche sich auf sein Geschichtswerk beziehen; so legt er gleich in der Vorrede einem Freunde die Worte in den Mund[11]: „Du hast in zwölf Büchern die Geschichte der Gothen in einer Blüthenlese ihrer glücklichen Thaten niedergelegt“. Varr. XII, 20 wird eine Stelle über die Einnahme Roms durch Alarich daraus angeführt, welche beweist, daß auch die Geschichte der Westgothen darin behandelt war.

Wichtiger aber und lehrreicher sind die Worte des Königs Athalarich in dem Schreiben (Varr. IX, 25), durch welches er dem römischen Senat Cassiodors Erhebung zum Praefectus praetorio für das Jahr 534 anzeigt. Nicht damit habe er sich begnügt, heißt es da, die lebenden Herren zu loben: „auch in das Alterthum Unseres Geschlechtes ist er hinaufgestiegen und hat durch Lesen erkundet, was kaum noch in dem Gedächtniß unserer Altvorderen haftete. Er hat die Könige der Gothen, welche lange Vergessenheit barg, aus den Schlupfwinkeln der Urzeit hervorgezogen. Er hat die Amaler mit dem vollen Ruhm ihrer Herkunft wieder ans Licht gestellt, indem er klärlich nachwies, daß Wir bis in die siebenzehnte Generation von königlichem Stamme sind. Er hat die Herkunft der Gothen zu einer römischen Geschichte gemacht, und die Blüthenkeime, welche bis dahin auf den Gefilden der Bücher hier und dort zerstreut waren, in einen einzigen Kranz gesammelt[12]. Bedenkt, welche Liebe zu euch er durch Unser Lob bewiesen hat, da er nachwies, daß eueres Herrschers Stamm von Uranfang her wunderbar gewesen ist, so daß, wie ihr von eueren Vorfahren her immer für edeler Art gegolten habt, so nun auch ein altes Königshaus über euch die Herrschaft führt[13].“ Und weiterhin wird Cassiodor gerühmt, weil er gleich den Anfang von Athalarichs Herrschaft gleichmäßig mit den Waffen und mit gelehrter Thätigkeit (litteris) gefördert habe; von der tiefen Ruhe litterarischer Beschäftigung aufgescheucht[14], habe er ohne Zaudern zu den Waffen gegriffen.

Cassiodor selbst ist es, der diesen Brief verfaßt hat, und klar genug hat er darin Zweck und Absicht seines Werkes ausgesprochen. Der übergroße Abstand zwischen dem kräftigen, aber noch den Römern als barbarisch geltenden Gothenvolke und den auf ihre Geschichte und Bildung stolzen Römern sollte ausgeglichen werden, das war der leitende Gedanke in Cassiodors ganzer Thätigkeit. Dazu mußte ihm nun auch seine Gelehrsamkeit dienen; daß Gothen und Geten dasselbe Volk wären, war eine längst geläufige Annahme[15], aber noch hatte niemand es versucht, den Zusammenhang nachzuweisen. Cassiodor that es und zwar, wie jetzt durch das von Holder entdeckte Fragment bekannt geworden ist, im Auftrag des Königs Theoderich, doch erst nach dem Tode desselben gelang ihm die Vollendung[16]. Er verflocht zu diesem Zwecke, was er über die Gothen wußte und bei Ablavius las, mit dem, was er bei Römern und Griechen über die Geten vorfand, und da diese wie jene von den Griechen häufig Skythen genannt wurden, zog er auch die ganze Urgeschichte der Skythen heran, und machte sogar die Amazonen ohne Bedenken zu gothischen Weibern. So erschienen die Amaler, deren Glanz die gothische Sage verkündete, nun als unmittelbare Nachfolger des Zamolxis und Sitalkes, und die Römer konnten darin einen Trost finden für die Bitterkeit der fremden Herrschaft[17]. Es war das ein Gedanke, der wohl Anerkennung verdient, wenn auch der Zweck unerreicht blieb, die Grundlage irrig war, wenn auch zur Verherrlichung der Amaler er ihren Stammbaum selbst mit freier Dichtung über alle Gebühr verherrlicht haben mag[18].

Als Cassiodor oder Senator, denn das war sein eigentlicher Name, alle seine Bestrebungen vereitelt sah, als das Gothenreich dem Angriff der Mächte, mit welchen er es hatte aussöhnen wollen, unterlag, da zog er sich, vermuthlich nach Vitigis Sturz (um 540) von der Welt zurück und gründete ein Kloster (monasterium Vivariense) in Bruttien, wo er das Ende seines Lebens in stiller Beschaulichkeit und schriftstellerischer Thätigkeit als hochbetagter Greis erwartete. Hier ließ er unter seiner Aufsicht die im Mittelalter vielgelesene Kirchengeschichte[19] zusammenstellen und übersetzen; hier schrieb er in seinem 93. Jahre eine Abhandlung über die Orthographie, zum Frommen seiner Mönche, denen er die Vervielfältigung der Bücher durch Abschriften ganz besonders zur Pflicht machte. Er zuerst hat die wissenschaftliche Arbeit grundsätzlich in die Klöster eingeführt und dadurch einen weitreichenden segensreichen Anstoß gegeben[20]. Ist er, wie Thorbecke annimmt, erst um 570 gestorben, so erlebte er noch die neue Verwüstung Italiens durch die Langobarden, sah er, wie die blutigen Lorbern Justinians fruchtlos hinwelkten.

Von vorzüglichem Werthe für uns sind unter seinen erhaltenen Werken[21] die 538 verfaßten zwölf Bücher seiner Briefe (Variae), in welchen er die Kanzleiformen der Zeit und viele auch durch ihren Inhalt wichtige Briefe aus der königlichen Kanzlei der Gothen aufbewahrt hat. Das Zureden seiner Freunde, sagt er in der Vorrede, habe ihn zu dieser Sammlung veranlaßt, welche einen Vorrath fertiger Formeln darbieten und zugleich zur Bildung junger Staatsmänner dienen sollte, während sie auch das Andenken der von ihm gelobten trefflichen Männer der Nachwelt erhalte. Alles habe er hier vereinigt, was er aus der Zeit seiner Quästur, seines Magisteriums und seiner Präfectur in den öffentlichen Actenstücken von ihm herrührend habe finden können. Doch nicht selten sei es ihm begegnet, daß er wegen übergroßer Eile bei der Ertheilung von Würden und Ehren hastige und schmucklose Schreiben erlassen habe: davor wolle er nun andere bewahren, und deshalb habe er die, im sechsten und siebenten Buche enthaltenen Formulare für die Verleihung aller Würden nun mit Sorgfalt überarbeitet[22]. Denn reden können wir alle ohne Unterschied; nur der Schmuck ist es welcher den Gelehrten vom Ungelehrten unterscheidet[23].

Das war der Grundsatz und die Richtschnur der damaligen Schulen, und demgemäß hat denn auch Cassiodor den oft geringfügigen Inhalt seiner Briefe unter einem solchen Wortschwall und so vielem Zierrath der gesuchtesten Phrasen verborgen, daß es häufig nicht leicht ist, ihn herauszufinden.

Im höchsten Grade trifft dieser Vorwurf auch die Schriften des Ennodius, Bischofs von Pavia[24], unter denen besonders sein Panegyricus auf Theoderich geschichtlich wichtig ist[25].


[1] Papencordt, Geschichte der vandalischen Herrschaft in Afrika, S. 295.

[2] So nach der Etymologie, während die handschriftliche Autorität mehr für Boetius spricht.

[3] O. Jahn: Ueber die Subscriptionen in den Handschriften römischer Classiker. Berichte über die Verhandlungen der königl. Sächs. Ges. der W. Phil. hist. Classe, III, 327. 1851.

[4] Th. Mommsen, Ueber die Ravennatische Kosmographie, SB. der k. Sächs. Ges. der W. Phil. hist. Classe, III, 80-117, 1851. Bock, Lettre à Mr. Bethmann, Annuaire de la Bibl. Royale de Belgique, Vol. XII. 1851. Rec. von Waitz, GGA. 1851, N. 121. Ravennatis Anonymi Cosmographia et Guidonis Geographia. Ex libris manuscriptis edd. M. Pinder et G. Parthey, Berol. 1860. — Guido Pisanus excerpirte das ältere Werk des siebenten Jahrhunderts um 1119. Während Mommsen und de Rossi (Giornale Arcadico CXXIV p. 259-281, 1851) sammt vielen anderen seiner Autoritäten auch die gothischen Philosophen für erfunden halten, sehen Bock und Pallmann I, 9-12. II, 139, in ihnen Zeitgenossen Theoderichs.

[5] De orig. Gett. c. 4. 14. 23. Vgl. Sybel, De fontibus Jord. p. 34-37. Schirren S. 36-44. Koepke S. 80. Gutschmid S. 129, 130. Sybel, Königthum, S. 193. Mommsen, Praef. Jord. p. XXXVII. — Daß um 1200 jemand Blavius de gestis Gothorum aus der Bibliothek des Klosters Tegernsee verlangte (Pez, Thes. VI, 2, 53), erklärt sich wohl einfach aus der Lectüre des Jordanis. Die Meinung von P. Buchholz, daß Flavius Blondus den A. gekannt habe, widerlegt Mommsen.

[6] Diese Form wird man nach dem Veroneser Cod. saec. VII. der Complexiones vorziehen müssen, mit Maffei und Reifferscheid, SB. XLIX, 49. Auch Mommsen braucht sie (doch jetzt nicht mehr), während F. Rühl, Jahrb. f. Philol. 1880, S. 564, sich dagegen erklärt.

[7] Die Chronik des Cassiodorus Senator vom Jahre 519. Nach den Handschriften herausgegeben von Th. Mommsen. Abhandl. der königl. Sächs. Ges. der Wiss. VIII. 1861. — Zugesetzt sind die Consuln 520-559. Benutzt ist die Chronik nur von Hermanus Contractus aus der Reichenauer, von Marian und den Ann. S. Dysibodi aus der Mainzer Handschrift.

[8] Holder-Egger, NA. I, 247-250.

[9] Vgl. Thorbecke S. 43. Ueber ein ähnliches Verfahren in der Gothengeschichte s. G. Kaufmann, Forschungen VI, 464.

[10] Auch H. v. Sybel, der in seiner Abhandlung die entgegengesetzte Ansicht durchgeführt hatte, gab 1858 in der Hist. Zeitschr. II, 515 die Wahrscheinlichkeit der Beweisführung von Schirren und Koepke zu. Ihm folgt darin auch Bessell. Nur die Benutzung des Orosius hält Mommsen für Eigenthum des Jordanis, während er auf die von H. v. Sybel (Königth. S. 193) aufgestellte Behauptung, daß J. selbst die Reihe der Gothenkönige aus Ammian ergänzt habe, nicht Rücksicht nimmt. — Nach F. Rühl kannte auch Aethicus das Werk Cassiodors.

[11] „XII libris Gothorum historiam defloratis prosperitatibus condidisti.“ Bessells Deutung (Forschungen I, 639-643) „mit auserlesenem Glück geschrieben“, scheint mir unhaltbar, trotz Thorbecke's Zustimmung.

[12] Gutschmid S. 140 bemerkt, daß Cassiodor in diesen Worten Justins Vorrede nachgeahmt zu haben scheine.

[13] Tetendit se etiam in antiquam prosapiam nostram, lectione discens quod vix majorum notitia cana retinebat. Iste reges Gothorum longa oblivione celatos latibulo vetustatis eduxit. Iste Amalos cum generis sui claritate restituit, evidenter ostendens in decimam septimam progeniem stirpem nos habere regalem. Originem Gothicam historiam fecit esse Romanam, colligens quasi in unam coronam germen floridum, quod per librorum campos passim fuerat ante dispersum. Perpendite quantum vos in nostra laude dilexerit, qui vestri Principis nationem docuit ab antiquitate mirabilem, ut sicut fuistis a majoribus vestris semper nobiles aestimati, ita vobis regum (so statt rerum zu schreiben, scheint mir mit Gutschmid selbstverständlich) antiqua progenies imperaret.

[14] A litterarum penetralibus ejectus. Bessell S. 115 bemerkt richtig, daß damit seine Thätigkeit in der k. Kanzlei nicht wohl bezeichnet sein kann.

[15] S. Schirren S. 54. Koepke S. 209. Die von J. Grimm vertheidigte Identität kann als antiquirt betrachtet werden; ich begnüge mich, auf die Anm. v. Waitz zu verweisen, Verfassungsgesch. II, S. XIII, 2. u. 3. Ausg. I, S. 5.

[16] Mommsen, Praef. Jord. p. XLI.

[17] Diesen Gedanken hat R. Koepke lichtvoll entwickelt, Forsch. S. 89 ff. Die Art der Verknüpfung, das chronologische System von Cassiodors Gothengeschichte weist Gutschmid S. 141 ff. nach, nachdem er S. 133-140 den Stammbaum der Amaler behandelt hat. Er hält mit Schirren den Eutharich für keinen wirklichen Amaler und sieht in dessen Stammbaum einen Hauptzweck des Werkes; aber weshalb wurde dann Eutharich aus Spanien geholt, wenn nicht, weil er ein Amaler war? Dafür auch Thorb. S. 18-20. — Waitz, Nachrichten 1865 S. 101 vermuthet, daß Cassiodors Geschichte sich auf Theoderichs Regierung nicht erstreckte. Ihm stimmt Thorb. S. 45 bei.

[18] Das hat vorzüglich H. v. Sybel nachgewiesen und eben deshalb angenommen, daß die nicht als Amaler bezeichneten Gothenkönige erst von Jordanis eingeschoben sind.

[19] Die Historia tripartita, durch Epiphanius. Ueber dieses sehr mangelhafte Werk s. Ad. Franz S. 104-120.

[20] Thorb. S. 29-31. Sehr ausführlich Franz S. 35 ff.

[21] Sehr lehrreich sind auch seine Institutiones divinarum et saecularium litterarum. Ueber die verschiedenen Texte des zweiten Buches s. Laubmann in d. Münch. SB. 1878, II, S. 71-96.

[22] Diese bestimmte Angabe macht es bedenklich, Schirrens Vermuthung zu folgen, der auch in den übrigen Büchern eine bedeutende Ueberarbeitung, zum Theil neue Abfassung annimmt. Er hätte ja das nicht nöthig gehabt zu verschweigen.

[23] „Dictio semper agrestis est, quae aut sensibus electis per moram non comitur aut verborum minime proprietatibus explicatur. Loqui nobis communiter datum est: solus ornatus est qui discernit indoctos.“ Die Erlasse in seinem eigenen Namen, als Präfect, aus den Jahren 534, 535, 537, 538 finden sich im elften und zwölften Buche; in den früheren schreibt er im Namen des Königs. Vgl. über die Variae Thorb. S. 50-60. Horst Kohl, Zehn Jahre ostgoth. Gesch. (526-536), Leipzig 1877. Hasenstab, Studien zur Variensammlung des C. S. Progr. d. Max. Gymn. zu München 1883. Tanzi, Cronologia dei libri Var., Triest 1887. Ueber eine Abh. v. Gaudenzi s. Mommsen, NA. XIV, 437.

[24] Ennodii Opera ed. Sirmond, Paris 1611. Hartel im Wiener Corpus VI, 1882. Rec. v. Krusch, HZ. LI, 100-102. MG. Auctt. antt. VII von Fr. Vogel 1885. Fertig, Magnus Felix Ennodius und seine Zeit. 1. Abth. Passau 1855, 4. Pallmann II, 190-192. Ebert 432-440. Rinaudo p. 19-24. Zur Chronologie Hasenstab, Progr. d. Münch. Luitpoldgymn. 1889/90. Tanzi, s. NA. XV, 425. Auf die Bedeutung seiner Vita Epiphanii ed. Ticin. weist Binding hin: Das Burgundisch-roman. Kgr. I, 97. Seine Briefe sind culturgeschichtlich wichtig. — Ueber die schon früh sagenhaft entstellte Geschichte Theoderichs, aus welcher geschichtliche Thatsachen nicht zu entnehmen sind, findet sich eine sorgfältige, auf Untersuchung der Handschriften begründete Abhandlung bei A. Thorbecke: Ueber Gesta Theoderici, Herbstprogr. des Heidelb. Gymn. 1875. Ausg. v. Krusch, SS. Meroving. II, 200-214.

[25] Dafür H. v. Schubert: Die Unterwerfung der Alamannen (Strassb. 1874) S. 67-89. Er wurde nach Cipolla dem König schriftlich zugesandt; s. darüber NA. IX, 244. XII, 205.

§ 5. Jordanis. [[←]]

Baehr S. 249-260. Teuffel § 477. Ebert S. 556-562. Dahn, A. D. B. XIV, 522-526. Rinaudo p. 31-36. Balzani p. 19-21. S. d. neuere Litt. zu § 4. Anstatt der älteren Ausgaben genügt es jetzt, die Ausgabe der MG. von Mommsen zu nennen, Berl. 1882, 4. (Auctorum antiquiss. V, 1.) Rec. von Schirren, Deutsche LZ. 1882, S. 1420-1424, von L. Erhardt, GGA. 1886, S. 669-708. Bemerkungen v. Manitius, NA. XIII, 212. 213. — Ausg. der Getica v. Holder 1882 mit selbständ. Benutzung d. Heidelb. Hs. 1882. 3. Ausg. v. Closs 1889. Emendationen v. Fröhner, Philologus, Suppl. V, 55 (1884). Uebers. v. W. Martens, 1884, Geschichtschr. 5 (VI, 1).

An jene Vertreter der antiken Bildung, welche Theoderich an seinem Hofe versammelte, reiht sich nun der erste und einzige gothische Schriftsteller, dessen Werke wir besitzen, Jordanis; denn so wird sein Name in den besten Handschriften geschrieben, mit so überwiegender Autorität, daß die durch Peutingers Ausgabe von 1515 gebräuchlich gewordene Form Jornandes sich dagegen nicht behaupten kann. Jakob Grimm freilich hat sie sehr nachdrücklich in Schutz genommen, und unmöglich ist es nicht, daß in der entscheidenden Stelle (Cap. 50) ursprünglich gestanden hat: Jordanis sive Jornandes. Dann wäre nach Grimms Vermuthung der kriegerischer lautende gothische Name Jornandes d. i. Eberkühn, beim Eintritt in den geistlichen Stand mit dem griechisch-römischen Namen Jordanis vertauscht worden[1]. Wie dem nun auch sein möge, sicher gestellt ist allein der letztere, durch das ganze Mittelalter gebräuchliche Name, den wir deshalb auch hier vorgezogen haben.

Jordanis rechnet sich selbst zum gothischen Volke[2]. Er stammte aus einem sehr angesehenen Geschlechte, das mit den Amalern verschwägert war; sein Großvater war Notar oder Kanzler des Alanenkönigs Candac in Mösien, er selbst ebenfalls Notar: leider wissen wir nicht wo und unter welchen Verhältnissen[3]; später ist er in den geistlichen Stand eingetreten. Seiner, wie es scheint, alanischen Abkunft entsprechend, zeigt er für dieses Volk eine deutliche Vorliebe[4], während er die Vandalen nicht leiden kann[5].

Die eigentliche grammatische Bildung der Schule war ihm fremd, wie er selbst sagt, doch konnte es ihm nicht schwer fallen, griechische und lateinische Schriftsteller zu lesen, und damit hat er sich denn auch, wohl besonders in der späteren Zeit seines Lebens, eifrig beschäftigt, wenn gleich die umfassende Belesenheit, welche seine Gothengeschichte zu zeigen scheint, nur als erborgtes Gut gelten kann.

Seine Schreibweise ist entstellt durch den gesuchten, sententiösen Charakter der Zeit, doch nur da, wo er seiner cassiodorischen Vorlage folgt; er selbst drückt sich ungeschickt und unbehülflich aus und klammert sich ängstlich an seine Quellen; die volle Barbarei der damals gewöhnlichen Schreibweise einer Bevölkerung, welche fast alles Gefühl für grammatische Formen verloren hatte, bis dahin nur aus den im Original uns erhaltenen Urkunden bekannt, ist nun auch bei ihm nach den ältesten und besten Handschriften hergestellt[6].

Die Vorrede seiner Getica hat Jordanis mit geringen Aenderungen wörtlich von Rufin entlehnt[7]. Natürlich eignete er sich auch die römisch christliche Weltanschauung an; dahin führte ihn sein Stand, dahin auch die ganze Richtung seines Volkes. Vollkommen theilt er die Verehrung des Kaiserthums, und wenn er es unternahm, die Folge der Weltreiche in gedrängter Uebersicht darzustellen, so konnte ihm doch der Gedanke niemals nahen, daß etwa auch das römische Reich sein Ende erreicht habe und andere an seine Stelle treten würden. Eben war er, wie er uns berichtet, mit der Abfassung eines solchen Handbuches beschäftigt, als sein Freund Castalius oder Castulus ihn aufforderte, Cassiodors Geschichte der Gothen in einen Auszug zu bringen[8]. Diese Aufgabe, sagt er, sei für ihn um so schwieriger gewesen, da ihm das Werk nicht einmal vorliege, sondern er es nur einmal in früherer Zeit auf drei Tage zum Lesen erhalten habe. Doch glaube er sich des wesentlichen Inhalts noch vollständig zu erinnern[9]. Damit habe er nun verschiedenes aus griechischen und lateinischen Geschichten verbunden, den Anfang und das Ende aber, wie auch mehreres in der Mitte von seinem Eigenen dazu gethan. Später, im Verlauf der Geschichte, nennt er den Cassiodor nie, ebenso wenig aber auch den gegen das Ende benutzten Marcellinus. Es unterliegt nun wohl kaum noch einem Zweifel, daß er, wie schon Cassel angenommen hatte, bis auf wenige unbedeutende Zusätze eben nur den Cassiodor ausgezogen hat, was ihm ja auch aufgetragen war, und die Ungenauigkeit der gelehrten Citate bestätigt, daß auch sie mit herüber genommen sind[10]. Man muß also annehmen, daß er sich schon früher schriftliche Auszüge gemacht hatte, die er jetzt, ohne das Werk selbst wieder einsehen zu können, verarbeitete, eine in der That schwierige Aufgabe, welche wohl von einer zu harten Beurtheilung des ungeschulten Gothen abhalten sollte. Doch läßt sich freilich nicht leugnen, daß seine Benutzung der Annalen des gleichzeitigen Marcellinus Comes[11] nicht befriedigender ausgefallen ist. Denn nach diesem Führer erzählt er mit auffallender Kürze von den Siegen Belisars, und die Vergleichung mit den knappen aber genauen und zuverlässigen Angaben dieses Schriftstellers fällt nicht günstig für unseren Autor aus, der sich offenbar mit größerer Vorliebe den alten Ueberlieferungen zuwendet, und wie das bei den Anfängen einer gelehrten Geschichtschreibung so häufig ist, gerne eine unverdaute Gelehrsamkeit auskramt, von der sorgsamen Gewissenhaftigkeit aber, welche die Nachwelt am höchsten schätzt, kaum einen Begriff hat. Indem er nun hierin gegen gleichzeitige und spätere Annalen zurücksteht, zeichnet er sich dagegen vor den einfachen Chronisten aus durch das Festhalten eines leitenden Gedankens, welcher die Darstellung beherrscht. Man hat Jordanis eine gänzliche Entfremdung von seinem Volke zum Vorwurf gemacht. Nicht zum Ruhme der Gothen, sagt er schließlich, habe er dieses geschrieben, sondern um den Ruhm des Siegers zu erhöhen. Allein darauf darf man nicht zu viel Gewicht legen. Die Liebe zu seinem Volke, der Stolz auf die Tapferkeit der Gothen, auf die Herrlichkeit der Amaler, treten vielmehr mit großer Lebhaftigkeit überall hervor, und eben deshalb hielt Jordanis es für nöthig, durch eine solche Wendung in der damaligen Zeit des Krieges dem Argwohn der Herrscher zu begegnen. Denn als er dieses schrieb, war der Krieg noch keineswegs beendigt, sondern vielmehr mit neuer Wuth entbrannt. Jordanis aber hatte allerdings für diesen letzten Todeskampf der Gothen keine Theilnahme; dem stand in ihm theils seine politische Ansicht, theils das Blut der Amaler entgegen, welches mächtiger war als das Volksbewußtsein. Er setzte seine Hoffnungen auf Germanus, den Gemahl der Matasuinth, dem ja auch von seinen Landsleuten so viele sich zuwandten, und nach dessen frühem Tode auf den letzten Sprossen der Amaler, auf das Kind Germanus: der sollte sein Volk wieder sammeln und beherrschen, im engsten Anschluss an das Römerreich, so wie einst Theoderich. An drei Stellen gedenkt er dieses Kindes, und an der letzten spricht er ausdrücklich die Hoffnungen aus, welche er an diesen Erben der vereinigten Anicier und Amaler knüpft.

Denn das ist eben, wie Sybel nachgewiesen, und Stahlberg weiter ausgeführt hat, der leitende Gedanke des Jordanis, daß er, was ja auch richtig war, nur in der friedlichen Einfügung des Gothenvolkes in das römische Reich die Möglichkeit und Hoffnung einer gedeihlichen Zukunft für dasselbe erkennt. Ihm konnte es nur als ein hoffnungsloses und frevelhaftes Unternehmen erscheinen, wenn die letzten Gothenfürsten, die dem Stamm der Amaler fremd waren, sich dem letzten Weltreich gegenüber feindlich behaupten wollten, um so mehr, da er katholisch war, und dadurch im Gegensatze zu seinen arianischen Volksgenossen mit der Einheit der Kirche auch die Einheit des weltlichen Reiches erstreben mußte. Daher legt er überall besonderes Gewicht auf die friedlichen Beziehungen der Gothen zum Ostreiche, und seine Theilnahme und Hoffnung konnten sich nur dem Germanus zuwenden. Dieser Auffassung konnte sich damals niemand entziehen, der in den Bildungskreis der römischen Kirche eingetreten war, und sie blieb herrschend, bis die Franken stark genug waren, um sich selbst als die wahren Träger des erneuten römischen Reiches betrachten zu können. Vollkommen zutreffend bezeichnet daher L. v. Ranke[12] sein Werk als eine „zwar auf historische Vorstudien basierte, aber zugleich auf den Moment angelegte politisch-historische Arbeit über die Geschichte der Gothen“. Auch ist es richtig, daß er ganz im Sinne Cassiodors geschrieben hat, aber wenn dann die Vermuthung hinzugefügt wird, dass Cassiodor selbst als der intellectuelle Urheber des Werkes zu betrachten sei, so läßt sich das weder mit den Verhältnissen vereinigen, noch ist zu erklären, weshalb Jordanis das so sorgfältig hätte verbergen sollen.

Von großer Wichtigkeit aber ist es, festzustellen, wo und unter welchen Verhältnissen Jordanis sein Werk geschrieben hat. Da finden wir nun bei Mommsen die Behauptung, dass er als Mönch in einem mösischen oder thracischen Kloster gelebt und geschrieben habe. Er beruft sich auf seine besonders genaue Kenntniß des unteren Donaulaufes und der benachbarten Gegenden, und daß er bei dem Auszug aus Cassiodor gerade, was sich auf Mösien und Thracien bezog, bevorzugt habe, was sich indessen durch die Angaben über seine Herkunft leicht erklären läßt. Weit wichtiger ist die Frage, ob aus den Worten „ante conversionem meam“ mit Nothwendigkeit zu schließen ist, daß er Mönch geworden sei. Das wird behauptet, aber ich finde keinen Beweis dafür, daß nicht auch der Eintritt in den geistlichen Stand so bezeichnet werden könne. Wir haben ja aus späterer Zeit Mönche genug, welche geschichtliche Werke geschrieben haben, aber aus diesen Jahrhunderten ist mir keiner bekannt. Ihre Stellung zur Welt hat sich im Laufe der Zeit und vorzüglich durch die eigenthümliche Entwickelung der Kirche im Abendland völlig verändert. Wer damals in ein Kloster eintrat, zog sich in vollem Ernst aus der Welt zurück und erfuhr, wie noch jetzt orientalische Mönche, sehr wenig von ihr. Cassiodor zuerst scheint seine Mönche überhaupt auf litterarische Beschäftigung hingewiesen zu haben. Ich halte es für vollkommen undenkbar, daß ein Mönch in einem Kloster in Mösien ein solches Werk hätte zu Stande bringen, daß er das neueste Annalenwerk hätte erhalten und über die politischen Angelegenheiten der Gegenwart hätte schreiben können.

Deshalb halte ich fest an der Entdeckung Jakob Grimms, der in dem Vigilius, welchem Jordanis sein zweites Werk gewidmet hat, den damaligen römischen Pabst erkannt und mit überzeugenden Gründen nachgewiesen hat[13]. Schon früher hatte Cassel auf einen Jordanis, Bischof von Kroton, aufmerksam gemacht, welcher in einem Schreiben des Pabstes Vigilius erwähnt wird; seine Vermuthung, daß er mit unserm Autor identisch sei, fand Zustimmung. Es erklärt sich nun dadurch leicht, daß er von dem Verwalter der unfern gelegenen Güter Cassiodors dessen Werk auf kurze Zeit erhielt, auch daß er sich nicht selbst im Gothenreiche befand, als er schrieb. Schirren freilich hat einen anderen Jordanis vorgezogen, den Pabst Pelagius in einem Schreiben vom Jahre 556 als Defensor der römischen Kirche erwähnt; allein mit Recht hat Bessell hervorgehoben, daß doch nur ein Bischof den römischen Pabst frater anreden könne, und daß auch der ganze Inhalt des Trostschreibens nur für einen Amtsbruder angemessen sei. Auch bezeichnen ihn als solchen nicht geringe Handschriften[14]. Noch erheblicher aber ist der Umstand, daß nach jenem Schreiben des Vigilius Jordanis von Kroton sich im Jahre 551 mit ihm in Constantinopel befand, daß er also zu denjenigen gehörte, welche ihn in seinem Exil (547 bis 554) begleiteten. Dasselbe nimmt auch Schirren von dem Defensor Jordanis an, und hat deshalb die Vermuthung, welche auch Stahlberg wahrscheinlich fand, ausführlich begründet, daß nämlich Jordanis seine Gothengeschichte 551 in Constantinopel verfaßt habe[15]; darin stimmen Bessell und Gutschmid mit ihm überein, und in der That ist die Wahrscheinlichkeit dafür so groß, daß sie fast zur Gewißheit wird. Nun erklärt es sich sehr einfach, weshalb Jordanis sich Cassiodors Buch nicht wieder verschaffen konnte, während Marcellins Annalen ihm zugänglich waren; man begreift, daß Vigilius und seine Anhänger eines Buches bedurften, welches ihnen die gothische Geschichte kurz und übersichtlich vorführte, die ältere vorzüglich, weil die Ereignisse der letzten Jahrzehnte noch in frischem Gedächtniß waren. Die Worte Jordanis, in welchen er seinen Freund Castalius als Nachbar der Gothen (vicinus genti) im Gegensatz zu seiner eigenen Lage bezeichnet, sind nun nicht mehr auffallend, und der politische Standpunkt, die ängstliche Behutsamkeit des Verfassers, seine geringe Kenntniß der Kämpfe in Italien, der Mangel an Theilnahme für die neue Erhebung unter Totila, die lebhafte Hoffnung, welche er an den Sprößling der Anicier und Amaler knüpft, so wie die Vertrautheit mit den in Byzanz getroffenen Maßregeln und erst begonnenen Unternehmungen, alles das tritt in ein helleres Licht, so daß an der Richtigkeit dieser Annahme kaum zu zweifeln ist.

Bald nach der Vollendung der Gothengeschichte konnte Jordanis auch dem Vigilius seine Chronik überreichen, die, wie er selbst sagt, im 24. Jahre Justinians (welches am 1. April 551 begann)[16], beendigt war. Die erneuten Kämpfe der Gothen sind hier mit sichtlicher Abneigung gegen Totila berührt, die letzte Katastrophe aber war noch nicht zur Kenntnis des Verfassers gekommen. Uebrigens ist dieses Werk, welches gewöhnlich De regnorum successione genannt wird, richtiger (nach Mommsen) De summa temporum vel origine actibusque gentis Romanorum betitelt wird, eine unbedeutende und ungeschickte Compilation; es ist großentheils aus Florus entlehnt, so wörtlich, daß die neuesten Herausgeber desselben, Jahn und Halm, aus Jordanis den Text des Florus bedeutend berichtigen konnten; später benutzt er den Eutrop, Orosius und andere, welche in der Ausgabe von Mommsen nachgewiesen sind. Wichtig ist diese Schrift fast nur als höchst charakteristisch für den Standpunkt des Verfassers, denn die Weltgeschichte ist ihm eben nur die römische, angeknüpft an die aus der Chronik des Hieronymus entlehnten Generationen des alten Testaments und die Regentenreihen der früheren Weltreiche; er beruft sich ausdrücklich auf die Prophezeiung des Daniel, daß diesem Reich die Herrschaft bis ans Ende der Welt beschieden sei.


[1] Für Jornandes kämpft Dietrich, Ueber die Aussprache des Gothischen, Marburg 1862. Mommsen schreibt Jordanes; ich folge auch hier der überlieferten Form, welche sich der Aussprache anschließt.

[2] De rebus Get. am Schluß: „Nec me quis in favorem gentis praedictae quasi ex ipsa trahentem originem aliqua addidisse credat“.

[3] Ib. c. 50: „Scyri vero et Sadagarii et certi Alanorum cum duce suo nomine Candac Scythiam minorem inferioremque Moesiam acceperunt. Cujus Candacis Alanovijamuthis patris mei genitor Paria, id est meus avus, notarius quousque Candac ipse viveret fuit, ejusque germanae filio Gunthicis (l. Gunthigis, p. 150) qui et Baza dicebatur mag. mil. filio Andages fili Andele, de prosapia Amalorum descendente, ego item quamvis agramatus Jordanis ante conversionem meam notarius fui.“ Die nach den Hss. hergestellte Form dieser Stelle macht ihre Bedeutung noch unsicherer. Ueber die Namen Grienberger, Germania XXXIV, 406 (NA. XV, 615).

[4] Mommsen, Praef. p. X.

[5] ib. p. VII.

[6] Immerhin giebt es zu denken, daß auch bei Orosius, wenn der cod. Laurent. nicht erhalten wäre, aus der Donaueschinger Hs. dieselbe Barbarei herzustellen sein würde.

[7] Aus Rufini presb. praefatio in explanationem Origenis super ep. Pauli ad Romanos, wie H. v. Sybel nachgewiesen, in Schmidts Zeitschrift für Gesch. VII, 288. Ueber den am Eingang seiner Rom. angeführten Jamblichus s. Mommsen, NA. VIII, 352.

[8] Der Titel beider Werke scheint gelautet zu haben: De origine actibusque Getarum.

[9] „Ad triduanam lectionem dispensatoris eius beneficio libros ipsos antehac relegi, quorum quamvis verba non recolo, sensus tamen et res actas credo me integre retinere.“ — Zu den drei Tagen bemerkt Mommsen „si credis“.

[10] G. Kaufmann, Krit. Unters. der Quellen z. Gesch. Ulfilas, handelt von d. Gothi minores (c. 51) im Gegensatz zu Bessell, u. bemerkt S. 243, daß, wenn auch Jordanis den Orosius selbständig benutzt habe, doch im Cap. 25 u. 26 die Vermischung seiner Angaben mit Amm. Marc. 31, 3 ihm von Cassiodor herzurühren scheine.

[11] Oder dessen Vorlage, s. oben S. 56, [Anm.→2].

[12] Weltgeschichte IV, 2. Abth. S. 313-327.

[13] Ueber Jornandes S. 12. Ebert S. 535 bekämpft die Annahme, weil die Sprache des Schreibers nicht hinlänglich respectvoll sei. Mir scheint das bei der damaligen Sachlage und der durchaus nicht imposanten Persönlichkeit des Pabstes unerheblich. Noch weniger kann ich in den Worten: „quatinus diversarum gentium calamitate comperta ab omni aerumna liberum te fieri cupias et ad Deum convertas, qui est vera libertas“ eine Aufforderung sehen, Mönch zu werden, wie sich dagegen auch Schirren erklärt. — In der 2. Ausg. S. 561, Anm. 3, ist Ebert dabei geblieben.

[14] „episcopum eum dicit librorum ordo primus in titulo Romanorum“. Mommsen p. XIII.

[15] Oder in Chalcedon, wohin Vigilius um Weihnachten 550 flüchtete, und wo er bis zum Frühjahr 553 blieb.

[16] Mommsen p. XIV.

§ 6. Die Westgothen. Isidor. [[←]]

Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827. Lembke, Geschichte von Spanien, Hamb. 1831. F. Dahn, die Könige der Germanen, Abth. V. 1870. Teuffel § 487.

Spanien gehörte, wie Gallien, in den letzten Zeiten des römischen Reiches zu den blühendsten Provinzen und war von der römischen Bildung der damaligen Zeit vollkommen durchdrungen. Unendlich viel ging hier zu Grunde in den verheerenden Kriegen des fünften Jahrhunderts, wo Spanien unausgesetzt der Kampfplatz verschiedener deutscher Völkerschaften war; die Westgothen aber, welche allmählich ihr Reich dort befestigten, zeigten sich der römischen Bildung ebenso wenig abgeneigt wie die Ostgothen, und während sie die unterworfenen Romanen mit großer Milde behandelten, erhielt sich auch unter ihnen noch ein Nachklang des wissenschaftlichen Lebens der besseren Zeit; sie selbst jedoch haben nicht in namhafter Weise an dieser Thätigkeit Theil genommen.

Den Anfang der barbarischen Heimsuchung Spaniens erlebte noch Orosius, der Augustins Geschichte des Reiches Gottes auf dessen Wunsch die Schilderung des Elendes dieser Welt zur Seite stellte. Er wollte darin nachweisen, daß nicht das Christenthum, wie die Heiden behaupteten, das Elend über die Welt gebracht habe, sondern daß es zu allen Zeiten viel Trübsal und Leiden gegeben: eine Auffassung, welche in den Zeiten des Unglücks und der Verwirrung überall Anklang fand und großen Einfluß auf die Ansichten der mittelalterlichen Geschichtschreiber geübt hat, ganz besonders auf Otto von Freising, dessen Chronik sich unmittelbar an Augustin und Orosius anschließt. Für uns mindert die unhistorische Auffassung des Orosius, die dadurch bedingte einseitige Benutzung und Entstellung seiner Quellen, und sein ziemlich leichtfertiges Verfahren, den Werth, welchen sein Werk sonst durch die Benutzung jetzt verlorener Schriften, namentlich des Livius, haben würde. Im Anfang legt auch er den Eusebius in der Bearbeitung des Hieronymus und des Rufin zu Grunde, schreibt dann vorzüglich den Justin aus und geht endlich zu einer ganz überwiegenden Darstellung der römischen Geschichte über. Das römische Reich ist ihm nach der erst kurz zuvor, wenn auch nicht zuerst, von Hieronymus aufgestellten Deutung die vierte Weltmonarchie; als die vorhergehenden aber sieht er, abweichend von den späteren Chronisten, das babylonische, macedonische und karthagische Reich an. Am Schlusse seines Werkes giebt Orosius die Geschichte seiner Zeit bis 417, in welchem Jahre er seine Geschichte schrieb, und dieser Abschnitt hat, obschon dürftig und ganz erfüllt von dem engherzigen Geiste der pfäffischen Hofpartei, welcher so eben der Sturz des großen Stilico gelungen war, doch selbständigen Werth, und enthält namentlich gute Nachrichten über Spanien und die Geschichte der Westgothen[1].

Unter der westgothischen Herrschaft entstanden ferner mehrere jener wortkargen annalistischen Aufzeichnungen, welche sich an die Chronik des Hieronymus anschlossen, und in den späteren Weltchroniken regelmäßig den Uebergang vom Hieronymus zum Beda bilden, weshalb eine Zeit lang westgothische, später angelsächsische Namen vorherrschen. Die wichtigste dieser Chroniken, für viele Begebenheiten unsere einzige Quelle, ist das Werk des Aquitaniers Tiro Prosper, wie er an einigen Stellen genannt wird, oder kurzweg Prosper, wie er gewöhnlich heißt[2]. Um 400 geboren, hat Prosper sich eine für jene Zeit hervorragende Bildung erworben, und zwar haben ihn, obgleich er Laie war und blieb[3], ganz vorzüglich theologische Studien beschäftigt. Als eifriger Verehrer und Bewunderer Augustins kämpfte er wacker gegen Pelagianer und andere Ketzer, und erwarb sich als Schriftsteller einen angesehenen Namen. Im Jahre 440 scheint er den Pabst Leo nach Rom begleitet zu haben; er wird als Verfasser von Briefen genannt, welche Leo's Namen tragen, und blieb fortan, vermuthlich als Notar, am römischen Hofe, wo er die Angst vor Attila und den Schrecken der vandalischen Eroberung erlebte. Hier, wie es scheint, hat er sein Chronicon geschrieben, oder doch vollendet, welches in erster Redaction bis 445 reicht[4], in zweiter bis 455 fortgeführt ist[5]. Er beginnt mit der Erschaffung der Welt, beschränkt sich aber im ersten Theile ganz auf einen grundschlechten Auszug aus Hieronymus, welcher dessen eigenthümlichen Vorzug, die chronologische Bestimmtheit und Uebersichtlichkeit, ganz zerstört. Von Christi Tod an beginnt bei ihm das Verzeichniß der Consuln, welches er einem Exemplare der Ravennatischen Fasten entlehnte. Auch finden sich Zusätze, welche sich vorzüglich auf die verschiedenen Ketzereien beziehen und aus Augustins Schriften entlehnt sind. Weiterhin sind auch andere Quellen benutzt, darunter die Geschichte des ihm geistesverwandten Orosius. Spätestens von 425 an berichtet er als Zeitgenosse, und zwar über einen Zeitraum, aus welchem andere Quellen fast ganz mangeln. Flüchtig und nachlässig, in dürftiger Kürze berichtet er auch hier, aber werthvoll ist in hohem Grade, was er mittheilt. Dem Interesse des römischen Stuhles zeigt er sich überall eifrig ergeben, und verändert sogar Nachrichten des Hieronymus in solcher Tendenz.

Verständiger Weise hat man schon früh den ersten Theil bis 378 als werthlos fortgelassen, und nur den zweiten als Fortsetzung mit der Chronik des Hieronymus verbunden. In dieser Gestalt wurde die Chronik als bequemstes Handbuch der Weltgeschichte schon sehr früh allgemein benutzt, und noch im 16. Jahrhundert häufig gedruckt, jedoch mit Zusätzen, welche den ursprünglichen Text verdunkeln. Man verband damit die Fortsetzung des Matthaeus Palmerius bis 1449, die weitere des Matthias Palmerius bis 1482, und fügte noch eine Fortführung bis zum Druckjahre hinzu, weil man den praktischen Gebrauch im Auge hatte.

Eine Ueberarbeitung der Chronik des Prosper bis 445, mit einer römischen Fortsetzung bis 451, die noch Verwandtschaft mit dem Text des Prosper zeigt, ist in Afrika, wahrscheinlich in Karthago, verfaßt und bis 457 fortgeführt, mit Benutzung der Consularfasten. Hinzugefügt ist eine Uebersicht der Geschichte des vandalischen Reiches von der Einnahme von Karthago bis zum Untergang des Reichs 533[6].

Irrthümlich Prosper zugeschrieben ist das Chronicon imperiale oder Pithoeanum (379-455), welches am Anfang und am Ende mit Prosper übereinstimmt, übrigens aber in Form und Inhalt ganz verschieden ist. Als Zeitrechnung dienen hier die Regierungsjahre der Kaiser. Verfaßt ist es, wahrscheinlich vom Autor selbst, als Fortsetzung des Hieronymus; wenigstens findet es sich nur mit diesem verbunden. Geschrieben ist es auf Grundlage der Consularfasten mit Benutzung des Rufinus und anderer unbekannter Quellen im südlichen Gallien, vielleicht in Marseille, mit besonderer Verehrung des Klosters Lerins. In scharfem Gegensatz zu Prosper erscheint der Verfasser zwar auch von lebhaftem kirchlichen Interesse erfüllt, aber Augustin abgeneigt und semipelagianistisch gesinnt. Holder-Egger vermuthet, daß die Chronik vielleicht unvollendet blieb und von anderer Hand aus Prosper ergänzt wurde, um den Uebergang zum Marius zu bilden. Benutzt ist es nur von dem sog. Severus Sulpicius und später von Sigebert, durch den es allgemein bekannt und verbreitet wurde. Es ist voll von chronologischen Irrthümern, aber enthält wichtige Nachrichten über die Geschicke der germanischen Völker in Gallien[7].

Von erheblichem Werthe und namentlich durch gute Nachrichten über die Sueven und Westgothen sehr schätzbar ist die Chronik des galizischen Bischofs Idatius oder Hydatius (gebürtig aus Lamego, daher Lemicensis), welcher den Hieronymus fortsetzte, und nach seiner eigenen Angabe bis 427, in welchem Jahre er Bischof wurde, aus Büchern und den Berichten der Zeitgenossen schöpfte, von da an bis 467 aus eigener Erfahrung von den Begebenheiten berichtete, in welchen er als angesehener Bischof eine nicht unbedeutende Rolle spielte[8].

Eine grundschlechte, doch durch ihren Inhalt wichtige Chronik schrieb Victor, Bischof der unbekannten Stadt Tunnuna in der afrikanischen Proconsularprovinz. Er scheint von der Schöpfung begonnen zu haben, aber erhalten ist sein Werk nur als Fortsetzung des Prosper (444-566)[9]. An dasselbe schließt sich die Fortsetzung eines Gothen, Johannes von Biclaro, der aber in Constantinopel seine Bildung erhalten hatte, bis zum Jahre 590. Er stiftete 586 das Kloster Biclaro am Fuße der Pyrenäen, wo er auch seine Chronik geschrieben hat; 591 ist er Bischof von Gerona geworden[10].

Eine Fortsetzung des Prosper bis 581 schrieb in Burgund der Bischof Marius von Avenches, auf welchen wir noch zurückkommen. Eine eigenthümliche Umgestaltung des Textes mit werthvollen Zusätzen und Fortsetzung bis 641 bietet uns der Continuator Prosperi Havniensis, so genannt, weil die Handschrift 1836 von G. Waitz in Kopenhagen entdeckt wurde. Lange nur durch spärliche Mittheilungen bekannt, wurde sie endlich von G. Hille abgeschrieben und 1866 in einer Berliner Dissertation herausgegeben. Der Verfasser schrieb im Langobardenreich, vielleicht in Mailand, gehörte aber der romanischen Bevölkerung an. Er versah schon Hieronymus und Prosper mit Zusätzen aus Isidor, einem Pabstkatalog und den Consularfasten; auch hat er gallische Annalen benutzt. Der Fortsetzung fehlen die Jahre 458-474. Beim Jahre 523 hört die Rechnung nach Consuln auf, und die Regierungen der Kaiser treten an die Stelle, wie bei Isidor, welcher von nun an dem Verfasser als Leitfaden dient[11].

Näher auf diese Werke einzugehen, deren Werth nur in ihrem materiellen Inhalt besteht, würde hier nicht am Orte sein; sie durften nicht ganz übergangen werden, weil sie den Uebergang zu den späteren Chronisten bildeten, denen vorzüglich Prosper und Idatius ganz allgemein als Grundlage für diese Zeiten dienten: die weiteren Quellen der westgothischen Geschichte aber dürfen wir hier wohl unbedenklich bei Seite lassen[12]. Dagegen haben wir noch eines Mannes zu gedenken, der, wie jene Vertreter der alten grammatischen Bildung am Hofe von Ravenna, alles was von der überlieferten Schulbildung noch übrig war, in sich aufgenommen hatte, und durch seine Schriften einer der einflußreichsten Lehrer des Mittelalters geworden ist, nämlich Isidor von Sevilla[13].

Isidor war der Sohn des Severian, eines Provinzialen aus dem District von Karthagena. Er folgte seinem Bruder Leander auf dem bischöflichen Stuhle von Sevilla, und starb 636. Außer vielen anderen Werken, brachte er die Summe aller Kenntnisse, welche er sich vermittelst der damals noch vorhandenen Hülfsmittel erworben hatte, in ein Compendium, die 20 Bücher Originum sive Etymologiarum, welche eine außerordentliche Verbreitung erlangten und allgemein gelesen und benutzt wurden[14]. Heut zu Tage ist man geneigt diese Bestrebungen gering zu schätzen, ja ihnen zu zürnen, weil dadurch die älteren und besseren Werke verdrängt wurden. Allein es war damals schwer sich eine Bibliothek zu sammeln; nur wenige von denen, welche sich mit Wissenschaften überhaupt beschäftigten, konnten sich die umfangreichen Handschriften der alten Classiker verschaffen, und deshalb gewannen die leicht zugänglichen Auszüge eine so rasche Verbreitung. Es ist sehr fraglich, ob sich die reineren Quellen besser erhalten haben würden, wenn auch niemand Auszüge daraus verfaßt hätte; diese dagegen setzten auch unbemittelte Schüler in den Stand, wenigstens etwas zu lernen.

In jenem umfassenden Werke, welches freilich auch die mäßigsten Ansprüche unbefriedigt läßt, ist nun auch eine kurze Chronik oder chronologische Uebersicht, liber de discretione temporum, enthalten, ein Auszug aus der zwölf Jahre früher verfaßten Chronik, welche in gedrängtester Kürze eine Uebersicht der Begebenheiten von der Erschaffung der Welt bis zum fünften Jahre des Heraklius, dem vierten des Sisebut (615) giebt[15]. Eigenthümlich ist Isidor die Eintheilung nach den sechs Weltaltern, entsprechend den sechs Schöpfungstagen; das letzte beginnt mit Christi Geburt und Augusti Kaiserthum. Es ist das ein bei Augustin wiederholt vorkommender Gedanke[16], welcher hier zuerst chronistisch verwerthet wurde und später durch Beda allgemeine Verbreitung fand.

So sehr nun auch Isidor von der kirchlichen Auffassung der Geschichte erfüllt war, so hatte er doch auch ein lebhaftes Gefühl für sein Land und für das Volk der Westgothen, von deren Milde und Menschenfreundlichkeit er ein schönes Zeugniß ablegt. Denn nachdem er die Einnahme Roms durch Alarich und die dabei geübte Schonung beschrieben hat, fügt er hinzu: „Deshalb lieben auch bis auf den heutigen Tag die Römer, welche im Reiche der Gothen leben, die Herrschaft derselben so sehr, daß sie es für besser halten, mit den Gothen in Armuth zu leben, als unter den Römern mächtig zu sein und die schwere Last der Abgaben zu tragen.“ Das steht in der Volksgeschichte der Westgothen, welche er verfaßt hat, kurz zwar und dürftig für uns, die wir nach eingehenderer Darstellung verlangen, aber doch nicht ohne Geschick zusammengefaßt und mit Wärme erzählt. Kurze Geschichten der Vandalen und der Sueven schließen sich daran. Vorangeschickt aber ist ein überschwengliches Lob Spaniens, das jetzt von dem blühenden Volke der Gothen in Reichthum und glücklicher Sicherheit beherrscht werde. Dieses Stück fehlt jedoch in den meisten Handschriften und ist nicht von Isidor[17].

Außerdem aber haben wir endlich noch ein Werk des Isidor zu erwähnen, welches ebenfalls große Verbreitung gefunden und manchen zur Nachahmung gereizt hat. Das ist sein litterarhistorisches Buch De scriptoribus ecclesiasticis. Er selbst folgte darin dem Vorgange des Hieronymus und des Gennadius, eines Marseiller Priesters im fünften Jahrhundert. Ihm schloß sich dann zunächst Ildefons von Toledo an und darauf nach langem Zwischenraume im zwölften Jahrhundert Sigebert, Honorius, Petrus Diaconus und der ungenannte Mönch, welcher nach dem Fundort der Handschrift von Melk (Anonymus Mellicensis) genannt wird[18], aber dem Inhalt nach vielmehr nach Regensburg gehört, alle dürftig und mager, aber schätzbar durch einige nur von ihnen aufbewahrte Nachrichten. Im dreizehnten Jahrhundert folgte ihnen Heinrich von Gent[19] und endlich am Schlusse des Mittelalters der vielbelesene, aber unzuverlässige Johann von Trittenheim[20]. Denselben Gegenstand behandelte im 12. Jahrhundert Conrad von Hirschau in seinem Dialogus super auctores[21], und im Jahre 1380 Hugo von Trimberg, Lehrer zu St. Gangolf in Bamberg, in Versen, in seinem Registrum multorum auctorum, dessen nicht eben reicher Ertrag von M. Haupt geprüft ist, in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie 1854, S. 142 ff.; vollständig herausgegeben von Joh. Huemer[22].


[1] Th. de Mörner, De Orosii vita eiusque Historiarum libris VII adversus paganos. Berol. 1844. 8. Vgl. Papencordt, Geschichte der Vand. 337-340. 365. Büdinger in Sybels Zeitschrift VII, 113. Pallmann II, 236-245. (Gegen dessen Vermuthung einer Fortsetzung unter dem Titel De Placidia et moribus ejus, Waitz, Gött. Nachr. 1865, S. 113. Zangemeister in der kl. Ausg. v. 1890 Praef. p. XXI.) Ebert S. 337-344. Ausgabe von Zangemeister im Wiener Corpus V, 1882. Rec. von Krusch, HZ. L, 472-476, darin S. 475 über das Jahr 417, nach Orosius Rechnung 419.

[2] S. über ihn die Abhandlung von Holder-Egger im NA. I, 13-90, welche ich hier zu Grunde lege.

[3] Holder-Egger S. 55, bes. auf Gennadius gestützt. Mommsen freilich nimmt geistlichen Stand an, weil er in dem Schreiben an Augustin einen Diaconus seinen frater nennt. Das ist jedoch schon von den alten geistlichen Herausgebern als irrelevant zurückgewiesen.

[4] Chronicon vulgatum genannt, weil es zuerst, als Fortsetzung des Hieronymus, bekannt wurde, in allen Drucken mit Interpolationen. Ueber die älteste Ausgabe s. oben S. 9 [Anm.→5]. Erste und beste kritische von Pontacus: Chronica trium illustrium auctorum. Burdigalae 1604. Mommsen nimmt wegen der abschliessenden Berechnung eine erste Ausgabe bis 433 an, eine zweite bis 443, an welche Victor Tonnenensis (so schreibt M.) sich anschloss.

[5] Chronicum integrum ed. Labbe, Bibl. nova Manuscriptorum, Paris 1657, I, 16-55. Jetzt allein brauchbar die Ausgabe von Mommsen u. d. T. Epitoma chronicon. Auctt. antt. I, 341-485, woran sich verschiedene Additamente schliessen. (So weit konnte ich diesen Band benutzen.)

[6] Das sog. Chronicon Canisianum, auch Ulricianum und Augustanum nach dem Fundort der HS. in St. Ulrich u. Afra. Diese und die zweite Pariser HS. stammen aus der Sammlung des Reichenauer Reginbert. Ausg. Canis. I, 148 u. 306 ed. II. Bibl. Max. Patr. Col. V pars III. Lugd. VIII. Ronc. I, 677-704. S. Holder-Egger im NA. I, 24. 37-47. 278 u. S. 280 bis 291 über den vat. Auszug mit Forts. bis 466 u. Auctarium Prosperi e cod. Vat. Christ. 2077.

[7] Holder-Egger im NA. I, 91-120. Ausg. von Pithou 1588 etc. Roncall. I, 739-760.

[8] Ronc. II, 1-54. Sirmondi opera varia II. Ausg. von De Ram, Brux. 1845. Migne LI. Vgl. Baehr S. 208-212. Papencordt, Gesch. d. Vandalen S. 352-355. Ebert S. 443. Krusch, NA. VII, 475-478. Ueber sein Verhältniß zu den Consularfasten. Mommsen, Auctt. antt. IX, 201 (oben [S. 58]).

[9] Ronc. II, 337. Migne LXVIII. Vgl. Baehr S. 217. Papencordt S. 359-365. Ebert S. 586. Holder-Egger im NA. I, 298-300. Scaliger benutzte dieselbe Abschrift Schotts, s. darüber C. Frick, Rhein. Mus. f. Philol. N. F. XLIV, 369-373.

[10] Ausg. von Canisius mit Victor Tunnunensis 1600 etc. Baehr S. 218. Ebert S. 587. Zu warnen ist vor den von Papencordt benutzten und durch ihn weiter gelangten, gefälschten Fragmenten des angeblichen Victor Cartenensis.

[11] Bethmann im Arch. X. 380. Waitz, Nachr. 1865 N. 4. Holder-Egger im NA. I, 259-268. Theilweise Auctt. antt. IX in den Consularia Ital. herausgegeben.

[12] Hervorzuheben ist noch des B. Julian von Toledo Historia Wambae regis über den Aufstand des Herzogs Paulus von Narbonne und den Sieg des Königs 674. Duchesne I, 821 etc. Migne XCVI. Ebert S. 604. Ein gefeierter Schriftsteller, Apostel der Sueven in Gallicien, war der Pannonier Martin, gest. 580 als Bischof von Bracara (Braga). Seine culturhistorisch wichtige Schrift De correctione rusticorum hat 1883 Caspari mit gründlicher Einleitung über sein Leben herausgegeben. Vgl. Krusch, HZ. LII, 128-130. Ueber die neue Ausg. und die Hss. der Chronik des Isidorus Pacensis aus dem 8. Jahrh. s. P. Ewald, NA. X, 604.

[13] Isidori Hispalensis Opera ed. Arevalo, 1790-1803. 7 Bände in quarto. Vol. VII enthält die historischen Schriften. Migne LXXXI bis LXXXIV. Baehr, S. 221. Ebert S. 588-602.

[14] Ausg. von Arevalo, Vol. III. IV, von Otto in Lindemanns Corpus Grammatt. Vol. III. 1833. Migne LXXXII. Ueber die Quellen eine Gött. Diss. von Dressel, 1875. Die Benutzung der Prata Suetons (Suetonii Reliquiae ed. Reifferscheid 1860) ist stark überschätzt. Vgl. L. Traube, Commentationes Wölfflin. p. 198 ff.

[15] Bis era 654. Den Ursprung dieser spanischen, 38 a. C. beginnenden Zeitrechnung findet Joh. Heller in dem Anfangsjahr der Ostercyclen, Hist. Zeitschr. XXXI, 13-32. — Kurze Fortsetzung bis 877 MG. SS. XIII, 725.

[16] Gegen Büdinger, welcher Isidor für den Urheber derselben hielt, nachgewiesen von Ebert S. 233 u. 599, u. von H. Hertzberg in seiner Abh. über die Chroniken des Isidor, Forsch. XV, 289-360, wo auch die Quellen derselben nachgewiesen sind.

[17] Auch nicht die Recapitulatio, nach Hugo Hertzberg: Die Historien des Is. (Gött. Diss. 1874) mit genauer Analyse der Quellen, zu welchen vorzüglich auch die verlorene Geschichte des Bisch. Maximus von Zaragoza bis c. 620 gehört, aus welcher auch die Randglossen zum Victor Tunnunensis stammen (S. 65-72). Vgl. NA. IX, 244. Uebers. d. Volksgeschichten von D. Coste 1887, Geschichtschr. 10 (VII, I).

[18] Ueber die viel bessere gleichzeitige Handschrift in Admunt s. NA. II, 421.

[19] Der Name beruht nur auf der Ausgabe von Suffridus Petri 1580. Sicher ist er verschieden von dem bekannten Philosophen des Namens, s. Hauréau, Mém. de l'Acad. des Inscriptions XXX, II, 349-357.

[20] Alle zusammen gedruckt in J. A. Fabricius Bibliotheca ecclesiastica. Vgl. Baehr S. 228-245. Die gänzlich unzuverlässigen, zum Theil geradezu erfundenen Angaben des Trithemius sind lange Zeit ohne Prüfung angenommen und werden noch jetzt häufig unvorsichtig nachgeschrieben. Adolf Helmsdörffer in seinen Forschungen zur Geschichte Wilhelms v. Hirschau (Gött. 1874) S. 35 ff. weist sehr gut nach, wie Trithemius in seinen eigenen Schriften sich nicht gleich bleibt, die erfundenen Schriftsteller seiner Annales Hirsaug. in den älteren Verzeichnissen selbst nicht kennt. (Vgl. auch Silbernagel, Trith. 1885, über die Zusätze der Würzb. Hs. zu seinem Catalogus illustrium virorum.) Er verweist auf ein ungedrucktes Werk des Abts Andreas von Michelsberg Opus canonisatum de Ordine S. Benedicti, welches in Verbindung mit ihm steht (s. Arch. XI, 421-424). Nicolaus de Siegen in Erfurt in seinem Chronicon ecclesiasticum (ed. Wegele, Thür. Geschichtsquellen II, 1855) scheint ihn schon benutzt zu haben. Ein Congestus virorum illustrium Ordinis S. Benedicti von Petrus Gallus Wagner 1487 in St. Ulrich und Afra verfaßt, ist noch ungedruckt und scheint unabhängig zu sein. Das (werthlose) von Radulfus de Diceto seiner Chronik vorausgeschickte Verzeichniß seiner Gewährsmänner s. in der Ausg. von W. Stubbs, Lond. 1876, NA. III, 208.

[21] Entdeckt und herausgegeben von G. Schepss im Progr. des alten Gymn. in Würzburg 1889.

[22] Wiener SB. CXVI, 145-190. Ueber eine zweite von A. Ebner gefundene Hs. NA. XVI, 203.

§ 7. Die Franken. [[←]]

Histoire Littéraire de la France, 1733 ff. Guizot, Histoire de la Civilisation en France depuis la chute de l'Empire Romain, zuerst 1830 erschienen. Ampère, Histoire Littéraire de la France avant le douzième siècle. 3 Vol. 1839, 1840. Aug. Thierry, Récits des temps Mérovingiens, 1840. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit, 1839. Zweite Ausg. 1869. Ozanam, Études Germaniques, 1845-1849; 3. Ausg. 1861. Junghans, Die Gesch. d. Fränk. Könige Childerich u. Chlodevech, 1857. Diss. traduite par M. Gabriel Monod, augmentée d'une introduction et de notes nouvelles, 1879. G. Monod, Bibliographie de l'histoire de France, 1888.

Die Gothen waren ohne Zweifel ein wohlbegabter, bildungsfähiger Stamm und ihre Anfänge vielversprechend; aber die Westgothen zeigen nach Isidor keine fortschreitende Entwickelung in der Litteratur, und der Ostgothen Reich war in vollster Auflösung begriffen, als es den Feldherren Justinians erlag. Keines der deutschen Reiche, welche auf römischem Boden errichtet wurden, vermochte die innere Festigkeit und Ordnung zu gewinnen, welche allein die Grundlage einer dauernden und fortschreitenden Geistesbildung und litterarischen Entwickelung darbieten kann. Einen ganz ähnlichen Verlauf der Dinge sehen wir auch bei den Franken: auch sie finden einige Reste der alten Bildung vor, welche sich eine Zeit lang kümmerlich erhalten; in der Kirche regt sich dann einige litterarische Thätigkeit, aber zuletzt droht doch alles in der allgemeinen Auflösung und Verwirrung rettungslos unterzugehen, und es bedarf einer Neubelebung der fast ganz erstorbenen Keime, um ein besseres Zeitalter herbeizuführen auf der Grundlage festerer staatlicher Bildungen.

Hochberühmt waren in den letzten Jahrhunderten der Kaiserherrschaft die Schulen der Grammatiker und Rhetoren in Gallien, die französischen Schriftsteller gefallen sich darin, das Bild dieser Zeiten auszumalen, und es tritt uns in den Werken von Guizot und Ampère lebendig entgegen. Diese Studien, welche noch in den letzten Jahrzehnten des Reiches so eifrig betrieben wurden, waren aber, wie sich das bei dem Charakter dieser Zeiten nicht anders erwarten läßt, dem wirklichen Leben gänzlich entfremdet, und bewegten sich nur auf dem Boden der Schule. Die Prosa war bis auf einen unerträglichen Grad verkünstelt; die gesuchte, kaum verständliche Schreibart, deren wir schon bei Ennodius und Cassiodor gedachten, ist hier auf die Spitze getrieben. Die Poesie war vorherrschend epigrammatisch und diente fast nur dem Zeitvertreib der vornehmen Welt; durch Gelegenheitsgedichte suchten die Poeten die Gunst hoher Gönner, oder diese griffen auch selbst zur Feder, und bewiesen ihre feine Bildung durch allerhand poetisches Spielwerk, wie Ausonius aus Bordeaux, der nach der Verwaltung bedeutender Staatsämter in Muße der Litteratur lebte und bald nach 392 gestorben ist[1]. Weniger glücklich als dieser, sah sich Apollinaris Sidonius schon verdammt, unter den Barbaren zu leben, und deshalb sind seine Gedichte und Briefe von um so größerem Werthe für uns: sie zeigen uns nicht nur den damaligen Zustand der Schulen und des Lebens in Gallien, sondern gewähren auch manche Kunde von den Burgunden und Westgothen, denen er mit seiner Kunst dienen mußte. Innigst verabscheut er diese Barbaren, und bei mancher Gelegenheit spricht er das unverhohlen aus, aber bewundern und feiern ließ er sich doch recht gerne von ihnen. Auch das große Hochzeitsfest der Franken, bei welchem diese von Aëtius überfallen wurden, hat Sidonius zum Preise des Siegers geschildert. Zuletzt wandte er sich der Kirche zu, welche allein noch einen sicheren Hafen darbot, wurde 471 Bischof von Clermont in der Auvergne und starb bald nach 484[2].

Einst hatte Constantin die fränkischen Gefangenen den wilden Thieren vorwerfen lassen, weil sie ihm zu wild und treulos erschienen, um sich wie andere Barbaren zum Anbau des Landes, zum Kriegsdienst oder als Sclaven verwenden zu lassen: nur der Schrecken, meinte er, vermöge sie zu bändigen. Aber die vielfache, wenn auch feindliche Berührung mit den Römern milderte allmählich ihre Wildheit; bald finden wir Franken in ansehnlichen Aemtern bei den Römern, und schon am Ende des vierten Jahrhunderts war der Franke Arbogast Befehlshaber der Heeresmacht im westlichen Reiche. In der Mitte des fünften Jahrhunderts sind die salischen Franken von den Römern abhängig, sie führen ihre Kriege und schlagen ihre Schlachten. Mit den Römern verbündet, durchzieht der König Childerich ganz Gallien nach allen Seiten; er besiegt mit ihnen die ketzerischen Westgothen, die britischen und sächsischen Seeräuber, die plündernden Alamannen. Obgleich noch Heide, ist Childerich mit seinen Franken doch bereits dem ganzen Lande wohlbekannt, aber nicht mehr als der wildeste aller Feinde, sondern als Retter und Beschützer. Man freute sich des alten Hünen, wo man ihn sah, hoch zu Roß, in reicher und prächtiger Rüstung: der Königsmantel, in welchem seine Getreuen ihn zu Tournay bestattet haben, bestand aus purpurner golddurchwirkter Seide, wahrscheinlich besetzt mit den goldenen Bienen, die man in so großer Zahl in seinem Grabe fand und die Napoleon von ihm entlehnt hat. Natürlich war das alles von römischer Arbeit, auch sein Siegelring führte die lateinische Inschrift: CHILDIRICI REGIS[3].

Da ist es denn nicht zu verwundern, daß auch daheim im Salierlande schon Römer wohnen konnten, als Gäste und Hausgenossen des Königs, ja daß auch die Salier selbst ihr eigenes Volksrecht in lateinischer Sprache aufzeichneten — denn noch wagte oder verstand man es nicht, die fränkische zur Schriftsprache zu machen, und erst an eben dieses Rechtsbuch lehnten die ersten noch unbeholfenen Versuche sich an[4] — und andererseits erklärt es sich auch, wie bald darauf die Vermischung der Franken mit den schon halb barbarisch gewordenen Provinzialen so leicht und rasch von Statten gehen konnte; war man doch beiderseitig schon längst daran gewöhnt, mit einander zu leben und zu verkehren.

In lateinischer Sprache ist auch das älteste uns erhaltene Denkmal einheimischer Poesie der Franken verfaßt, der Prolog zum Volksrecht der Salier, wo das Volk der Franken hoch gepriesen wird, das schöne, kluge, tapfere und treue, das jetzt auch den katholischen Glauben empfangen habe und von jeder Ketzerei rein sei. Die frühere Abhängigkeit von den Römern erschien ihnen in der Erinnerung als die härteste Knechtschaft, deren Joch sie mit ihrer gewaltigen Kraft abgeworfen hätten, und voll Stolzes rühmen sie sich der reichen Gaben an die Kirchen der heiligen Märtyrer, gegen welche die Römer einst mit Feuer und Schwert gewüthet hätten.

Dieser letzte Satz, welcher erst lange nach der Bekehrung geschrieben sein kann, hat aber nicht mehr die rhythmische Form, welche für den Anfang dieses Prologs zuerst von Bethmann-Hollweg nachgewiesen hat[5], und dieser erste Theil, in welchem die neulich geschehene Bekehrung des Volkes erwähnt wird, scheint älterer Zeit anzugehören. Doch ist das sehr unsicher und die genauere Zeitbestimmung des Prologs viel umstritten.

So wie die Franken das Christenthum sogleich mit dem orthodoxen Eifer ergriffen, welcher sich in jenen Worten ausspricht, so waren sie auch der übrigen römischen Bildung durchaus nicht feind; ja Chlodovechs Enkel Chilperich, der auch für byzantinischen Hofstaat und römische Staatseinrichtung große Vorliebe zeigte, versuchte sogar das lateinische Alphabet durch Erfindung neuer Buchstaben zu verbessern, und machte selbst lateinische Verse nach dem Vorbilde des Sedulius, aber wie Gregor von Tours berichtet, wollte es ihm mit der Metrik nicht recht gelingen[6].

Höchst charakteristisch für diese erste Zeit der Vermischung des Alten und Neuen ist die Persönlichkeit des Venantius Fortunatus[7]. Noch in den alten Rhetorenschulen gebildet, ist er einer der letzten Repräsentanten jener verkünstelten Schulgelehrsamkeit. Er stammte aus Italien und kam um das Jahr 565 nach Gallien, an König Sigiberts Hof, wo man viel Gefallen an dieser Poesie fand. Ueberall bei den fränkischen wie bei den römischen vornehmen Herren und Bischöfen war er ein gern gesehener Gast und auf ein Lobgedicht von ihm legte man den größten Werth. Aber mehr als alles dieses fesselte ihn die Freundschaft der heiligen Radegunde, die ihn zuletzt bewog, in den geistlichen Stand einzutreten und sich ganz nach Poitiers zurückzuziehen. Hierhin hatte Radegunde, aller Herrlichkeit der Welt entsagend, sich begeben, um ihr Leben in dem von ihr gestifteten Kloster bei den Werken der Frömmigkeit und Demuth zu beschließen, sie, einst die Gemahlin Chlothars, den sie aber nach der Ermordung ihres Bruders, des letzten Sprossen der thüringischen Königsfamilie, verlassen hatte. Nur ein Vetter von ihr war noch übrig, der in Constantinopel lebte, und an diesen schrieb nun Fortunat in ihrem Namen eine wahrhaft schöne poetische Epistel, in welcher er den Untergang des thüringischen Reiches in ergreifender Weise schildert. Ebenso schön ist ein zweites langes Gedicht über das traurige Geschick der Galswintha, Tochter des Westgothenkönigs Athanagild, der Schwester der Königin Brunhilde, die mit König Chilperich vermählt, aber bald nach der Hochzeit auf Anstiften der Fredegunde ermordet wurde[8].

Wo Fortunat in solcher Weise einen bedeutenden Gegenstand aus dem wirklichen Leben zu behandeln unternimmt, zeigt er wahres Gefühl und ungewöhnliches Talent. Aber bei weitem die Mehrzahl seiner Gedichte bewegt sich ganz in der spielenden Weise seiner Zeit; er bedichtet jede gute Mahlzeit, die Radegunde ihm zukommen läßt, und widmet jedem kleinen Vorfall ein Epigramm. Vollends unerträglich ist seine Prosa, schwülstig, geziert, kaum verständlich; nur in den von ihm verfaßten Heiligenleben redet er einfach und natürlich. Das findet sich überhaupt fast durchgehends, nur wenige derselben sind in dem gesuchten Stil der Schule geschrieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie zur Erbauung, zum Vorlesen bestimmt waren, und deshalb allgemein verständlich sein mußten.

In den Heiligenleben, die Fortunat verfaßte, herrscht übrigens der moralisch-theologische Zweck und Standpunkt zu sehr vor, als daß sie einen bedeutenden historischen Werth haben könnten; am anziehendsten und am lehrreichsten ist das Leben der Radegunde († 13. Aug. 587), worin das Klosterleben der damaligen Zeit anschaulich geschildert wird, doch waren auch hier so bedeutende und für das Kloster wichtige geschichtliche Vorgänge ganz übergangen, daß schon von der damaligen Aebtissin Dedimia der Nonne Baudonivia die Abfassung einer zweiten Biographie aufgetragen wurde, was sie gewissenhaft, wenn auch in ungeschickter Weise, bald nach 600 ausgeführt hat[9].

Wie nun die Legenden sich schon durch ihre einfache Sprache als dem Leben näherstehend bewähren, so zeigt es sich überhaupt bald, daß die kirchliche Litteratur die einzige wahrhaft lebensfähige war. In die Kirche flüchteten sich alle, welche noch Sinn und Neigung für litterarische Bildung hatten, die in dem wilden Getümmel des weltlichen Lebens keine Stätte mehr fand. Das sahen wir an Ennodius, der auch im südlichen Gallien geboren und in den dortigen Rhetorenschulen gebildet war, an Cassiodor, Jordanis, Apollinaris Sidonius, und auch Fortunat wurde in seinem hohen Alter noch Bischof von Poitiers, wo er zu Anfang des siebenten Jahrhunderts gestorben ist.

Jene innerlich leblose gekünstelte Litteratur der Grammatiker starb mit ihren letzten, von den Franken noch vorgefundenen Repräsentanten ab, und nur die Kirche bewahrte von nun an die Keime des geistigen Lebens, welche sie naturgemäß für ihren Dienst verwandte. Freilich konnte auch sie dem Druck dieser Zeiten nicht unversehrt widerstehen; die früher in Gallien sehr bedeutende speculativ-theologische Thätigkeit hörte gänzlich auf, da man zu gewaltsam vom Drange des praktischen Lebens ergriffen wurde; aber in diesem bewahrte die Kirche eine bedeutende Stellung. Politisch war die Macht der Bischöfe im fränkischen Reiche bald größer, als sie je gewesen war, und wenn sie auch von der immer mehr überhand nehmenden Verwilderung stark ergriffen wurden, so ging der tiefere sittliche Gehalt in der Kirche doch niemals völlig verloren, und mitten in dem allgemeinen Verderben erschienen immer aufs neue einzelne Männer, welche durch Reinheit der Gesinnung und durch rückhaltlose Hingabe ihrer eigenen Person für die Gebote des Evangeliums die Verehrung ihrer Zeitgenossen und die Bewunderung der Nachwelt erzwangen. Zu keiner Zeit nach den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche finden wir eine größere Zahl von Heiligen als gerade damals, Männer und Frauen, großentheils von hervorragender äußerer Stellung, die durch Entsagungen aller Art, durch aufopfernde Wohlthätigkeit, durch unerschrockenes Auftreten gegen die Verbrechen der Großen und Mächtigen, sich die dankbare Verehrung des Volkes erwarben. Das äußere Leben nahm gebieterisch alle ihre Kräfte in Anspruch; für wissenschaftliche Bestrebungen war kein Raum in dieser Zeit, und die geringe litterarische Thätigkeit, welche noch Statt findet, beschränkt sich auf Predigten, moralische Schriften und Legenden, die ebenfalls als Vorbilder zum Zweck der unmittelbaren Einwirkung auf die Zeitgenossen verfaßt wurden.

Auf diesem Felde schloß sich an Sulpicius Severus eine reiche Litteratur an, und auch der Mann, mit dem wir uns zunächst zu beschäftigen haben, der bedeutendste Schriftsteller der merowingischen Zeit, Gregor von Tours, wandte der Legende seine Thätigkeit hauptsächlich zu.


[1] Neue Ausg. v. C. Schenkl, MG. Auctt. antiquiss. V, 2. 1883; von Peiper 1886, Leipz. Teubner. Mosella mit frz. Uebers. und Anm. von H. de la Ville de Mirmont, Bordeaux 1889. Manitius, Gesch. d. christl. lat. Poesie (1891), S. 105-111.

[2] Teuffel § 460. Fertig, Apollinaris Sidonius und seine Zeit, in 3 Würzburger und Passauer Programmen 1845. 46. 48. Georg Kaufmann, Die Werke des C. Sollius Apollinaris Sidonius, Gött. Diss. 1864. Derselbe, Ueber Leben und Charakter des Sidonius, im Neuen Schweizer Museum, 1865. Von demselben: Rhetorenschulen und Klosterschulen oder heidnische und christliche Cultur in Gallien während des 5. und 6. Jahrhunderts, in Raumers hist. Taschenbuch IV, 10 (1869) S. 1-94. St. Sidoine Apollinaire et son siècle par l'abbé Chaix, 1867; besser als das Buch ist die Recension von G. Kaufmann, GGA. 1868, S. 1001-1021. Ebert I, 419 ff. Manitius a. a. O. S. 218-224. Mommsen, S. A. am westgoth. Hof, Berl. SB. 1885, S. 215-223. Büdinger, A. S. als Politiker, Wiener SB. XCVII, 915-954. Aufsatz von Sandret über ihn als Historiker in d. Revue des questions hist. LXIII, 210 (Juli 1882). Ausg. von Grégoire und Collombet in 3 Bänden, Lyon 1836: v. Baret, Paris 1879: v. Luetjohann MG. Auctt. antt. VIII. Migne LVIII. E. Chatelain über den cod. Vat. 3421, Mélanges Graux, S. 321-327.

[3] J. J. Chifflet, Anastasis Childerici I illustrata, Antv. 1655, 4. L'abbé Cochet, Le Tombeau de Childéric I. Paris 1859.

[4] Ungeachtet anderer entgegengesetzter Ansichten scheint mir diese Auffassung dem ganzen Bildungsgang der Franken nicht nur, sondern auch anderer Völker in gleicher Lage besser zu entsprechen.

[5] Schmidts Zeitschrift für Geschichte IX, 49. Vgl. Waitz, Das alte Recht der salischen Franken, S. 36 ff. und jetzt ausführlicher in d. 3. Aufl. d. Verfassungsgesch. II, 1, 122 ff. Der Schluss des Prol. aus d. Pariser Hs. Lat. 2294 bei L. Delisle, Sacramentaires p. 187.

[6] S. darüber Gregor von Tours V, 45, und die Uebersetzung Giesebrechts I, 287. Das ihm zugeschriebene Epitaphium S. Germani bei Aimoin III, 16 scheint nicht wirklich von ihm zu sein.

[7] Baehr S. 145-161. Teuffel § 483. Ebert I, 518 ff. Manitius S. 438-470. Vgl. über ihn besonders die Werke von Guizot und Ampère. Opera poetica ed. Fr. Leo, MG. Auctt. antiquiss. IV, 1. 1881; Op. pedestria ed. Krusch ib. 2. 1886. Vgl. auch Böcking: Moselgedichte des Ausonius u. Ven. Fortunatus, Bonn 1845 (Jahrbuch der Alterthumsfreunde im Rheinland, Band VII). Fr. Leo, V. F. der letzte röm. Dichter, Deutsche Rundschau XXXII, 414-426. Sehr häufige Benutzung im MA. hat Manitius nachgewiesen.

[8] Beide Gedichte schreibt Ch. Nisard der Radegunde, Ven. nur Retouche zu, hat aber nur Widerspruch gefunden, s. NA. XIV 437. W. Lippert, Zts. f. Thür. Gesch. N. F. VII, 16-38.

[9] De vita S. Radegundis libri II, ed. Krusch, SS. Meroving. II, 358-395. Vgl. Dümmler: Radegunde von Thüringen (Im neuen Reich 1871, S. 641 bis 656). Die Kehrseite zeigen die höchst ärgerlichen und anstößigen Zustände im Kloster gleich nach Radegundens Tod, Greg. Tur. IX, 39-43. X, 15-17.

§ 8. Gregor von Tours. [[←]]

Opera ed. Ruinart, Paris 1699, fol. Migne LXXI. SS. Meroving. I. 1885 (Hist. Fr. ed. W. Arndt, de miraculis S. Andreae ed. M. Bonnet, die übr. Schriften v. Br. Krusch). Rec. v. Bonnet, Revue crit. 1885 N. 9 (vgl. NA. X, 603), 1886 N. 8 (vgl. NA. XI, 632). Differenzen zw. Krusch u. Bonnet NA. XII, 309-314. XVI, 432. XVII, 199-203. Krusch: Chlod. Sieg über die Alamannen, gegen Vogel, NA. XII, 289-302; zu Greg. de cursu stell. NA. XII, 303-314.

In Not. et Doc. publ. p. la Soc. de l'hist. de France (1884) giebt H. Omont S. 1-18 Nachricht von einem durch L. Delisle in Kopenhagen entdeckten Fragment e. Hs. d. Hist. in Uncialen u. einer zweiten saec. IX. Auch sind die Leid. u. Vat. Fragmente (A2 bei Arndt) abgedruckt. — L. I-VI e cod. Corb. mit den Zusätzen d. 2. Ausg. v. H. Omont 1886. Album pal. pl. 12 codd. Belvac. Corb. pl. 13 Camerac. mit von Bethmann übersehenen Correcturen.

Uebersetzung der Gesch. mit vortrefflicher Einleitung von W. Giesebrecht. Berlin 1851, 2. Aufl. 1878 (Geschichtschr. 8. 9. VI, 4. 5). Kries, De Greg. Tur. vita et scriptis, Vratisl. 1838. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit, Leipzig 1839, 1869. Haeusser S. 8-17. R. Koepke in der Allg. Monatsschrift, 1852 Sept. S. 775-800. Kl. Schr. S. 289 ff. Waitz in den Gött. Gel. Anz. 1839, S. 781-793, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 44. Dazu jetzt die vortreffl. Monographie von G. Monod: Études critiques sur les sources de l'hist. Mérovingienne (Bibl. de l'Écol. des hautes études, 8 Fasc. 1872) p. 21-146 (vgl. seine oben [S. 39] angeführte Recension), rec. v. Dümmler, Lit. Centr. 1872, 819; v. Waitz, GGA. 1872, 903-909; v. W. Arndt, Hist. Zeitschr. 23, 415-422. Ebert S. 566-579. Alfred Jacobs, Géographie de Grégoire de Tours et de Frédégaire, Paris 1861, u. bei der Ausg. von Guizots Uebersetzung. Longnon, Géographie de la Gaule à l'époque de Gr. de T. 1878. Le Mire, Études archéolog. sur Gr. de T. Lons-le Saulnier 1879. Bonnet, Le Latin de G. de T. Paris 1890.

Gregor von Tours stammte aus einer sehr vornehmen römischen Familie, der fast alle Bischöfe von Tours und viele Heilige angehörten. Um das Jahr 540 in Clermont-Ferrand (Arverni) geboren, erhielt er nach seinem Vater und seinem Großvater die Namen Georgius Florentius; Gregor hat er sich erst später genannt, nach seinem mütterlichen Ahnherrn, dem heiligen Gregorius, Bischof von Langres. Seinen Vater scheint er früh verloren zu haben; erzogen wurde er an seinem Geburtsort von seinem Oheim, dem heiligen Bischof Gallus, und nach dessen Tode von dem Priester Avitus, der im Jahre 571 ebenfalls Bischof von Clermont wurde. Er selbst nennt nur diesen, der ihn nicht in weltlicher, sondern in kirchlicher Wissenschaft unterwiesen habe. Doch hat er natürlich in der Schule einige Kenntniß des Vergil und Sallust bekommen, weiß auch von Marcianus Capella, aber seine Citate beschränken sich auf das erste Buch der Aeneide und den Prolog des Catilina, wie G. Kurth nachgewiesen hat, welcher daraus den Schluß zieht, daß eine Chrestomathie dieser Art damals im Schulgebrauch gewesen sei[1].

Im Jahr 573 erhielt Gregor von König Sigebert das Bisthum Tours, und Fortunat versäumte nicht, sein Gedicht dazu zu machen; Gregor, der ihm nahe befreundet war, hat ihn später sogar mit einem Landgütchen beschenkt.

Der Bischof von Tours, der Nachfolger des heiligen Martin, war eine der ansehnlichsten Personen im fränkischen Reiche, ein Kirchenfürst von bedeutender Macht, und mehr noch wegen der ungemeinen Verehrung des heiligen Martin ein Mann, auf den die Blicke vieler Menschen gerichtet waren und dessen Stimme bei allen Staatshändeln von Gewicht war. Bei den inneren Kriegen unter den Merowingern konnte es daher nicht fehlen, daß Gregor sehr bald in schwierige Verwickelungen hineingezogen wurde, und gleich anfangs sah er sich in sehr gefährdeter Lage, als Chilperich die Stadt Tours seiner Herrschaft unterwarf. Er benahm sich aber stets mit Klugheit und Festigkeit, und wußte sich selbst gegen erbitterte und mächtige Feinde zu behaupten. Nach Chilperichs Tode (584) stieg sein Ansehen, und von nun an war er einer der einflußreichsten Männer im Reiche. Allgemein geachtet starb er am 17. Nov. 594, und hinterließ ein dankbares Andenken in seinem Sprengel, für den er in jeder Beziehung mit unermüdlichem Eifer thätig gewesen war; man verehrte ihn sogar als einen Heiligen. Seine im zehnten Jahrhundert in Tours verfaßte Biographie hebt nur diese Seite hervor, und gewährt fast keine neue Belehrung über ihn[2].

Vieles hatte Gregor erlebt und gesehen, von seiner Kindheit an, wo die Auvergne der Schauplatz des Kampfes zwischen Chlothar und Childebert war, bis zu dem blutigen Streite der Königinnen Brunhilde und Fredegunde; seitdem er zu den Bischöfen des Reichs gehörte, konnte kein bedeutendes Ereigniß eintreten, ohne ihn unmittelbar zu berühren; von allem erfuhr er, und an vielen wichtigen Staatsgeschäften nahm er persönlich Theil; einen großen Theil des Reiches kannte er aus persönlicher Anschauung. Da erwachte in ihm der Wunsch, die Kunde dieser Dinge auch der Nachwelt zu überliefern, und während er das Leben der Heiligen beschrieb und reiche Sammlungen von Wundergeschichten verzeichnete, arbeitete er zugleich unablässig an dem Geschichtswerke, welchem wir fast allein unsere Kenntniß von dem Reiche der Merowinger verdanken. Noch trägt es die Spuren seiner allmählichen Entstehung, man erkennt spätere Nachträge, und es fehlt ihm die letzte Vollendung. Um so größer ist deshalb die Glaubwürdigkeit der letzten Bücher, in welche er den Ereignissen gleichzeitig die Zeitgeschichte eintrug.

Häufig nennt man dieses Werk die Kirchengeschichte der Franken, und in manchen Handschriften trägt es nach dem Vorbild des Beda diesen Titel (Historia ecclesiastica Francorum). Allein so sehr auch dem Charakter der Zeit entsprechend das kirchliche Element vorwiegt, der Inhalt zeigt doch, daß jene Ueberschrift den Grundgedanken des Werkes nicht ausdrückt und also nicht von Gregor herrühren kann. Richtiger nennt man es: Zehn Bücher fränkischer Geschichten.

Gregor hatte bereits Vorgänger gehabt; er selbst, und nur er allein, hat uns (II, 8. 9) Namen und Bruchstücke von zwei verlorenen Historikern aufbewahrt, von Renatus Profuturus Frigeridus[3], dessen zwölftes Buch der Geschichten er anführt, und Sulpicius Alexander. Aber diese scheinen beide noch den Zeiten der letzten Kaiser angehört zu haben, und niemand versuchte mehr das Andenken dieser trüben Zeiten aufzuzeichnen. Mit der Klage darüber beginnt Gregor sein Werk. Jetzt, da die Pflege der schönen Wissenschaften in den Städten Galliens vernachlässigt, ja sogar gänzlich in Verfall gerathen sei[4], so lauten die inhaltsschweren Worte, jetzt finde sich kein Gelehrter, dem die Kunst der Rede zu Gebote stände[5], der in Prosa oder Versen die Begebenheiten der Gegenwart der Nachwelt aufbewahre. Laut klage das Volk: Wehe über unsere Tage, daß die Pflege der Wissenschaften bei uns untergegangen ist und niemand sich findet, der, was zu unsern Zeiten geschehen, berichten könnte! Deshalb also, weil kein anderer auftrete, habe er es auf sich genommen, das Gedächtniß dieser Tage den Nachkommen zu überliefern.

Die Geschichte seiner Zeit also ist sein Gegenstand; aber um dafür eine chronologische Grundlage zu gewinnen, schickt er im ersten Buche eine Uebersicht der Weltgeschichte, hauptsächlich der biblischen, seit der Schöpfung voran[6]; die Erzählung von der Stiftung der gallischen Kirchen, zuletzt von seinem Schutzheiligen Sanct Martin, giebt dann den Uebergang zur fränkischen Geschichte. Allein er führt doch auch noch einen anderen Grund an für die Berechnungen, mit denen er sein Werk beschließt, nämlich damit diejenigen, welche wegen des herannahenden Endes der Welt in Sorgen sind, genau wissen möchten, wie viele Jahre seit der Erschaffung der Welt verflossen wären. Denn diese Vorstellung beherrschte auch ihn, so wie alle, die auf das untergehende römische Reich, das letzte Weltreich, ihre Blicke gerichtet hatten. Und in der That bot diese Zeit kaum etwas anderes dar, als Zeichen des Verfalles und des Unterganges; Keime neuen Lebens mußten dem Frankenreiche in Gallien erst von außen wieder zugetragen werden, für die Neugestaltung des Staates von Austrasien, für die Kirche von den britischen Inseln.

Vor allem findet nun Gregor es durchaus nothwendig, sein Glaubensbekenntniß an die Spitze des Buches zu stellen, damit kein Leser an seiner Rechtgläubigkeit zweifeln könne; denn ein Hauptgegenstand seines Werkes würden die Kämpfe der Kirche mit den Ketzern sein. Höchst charakteristisch ist dies für eine Zeit, die seit Jahrhunderten von dem Gegensatze der Katholiken und Arianer erfüllt war, wo der Name des Orthodoxen der höchste Ehrentitel der Fürsten war, und die Franken ihren größten Stolz darin fanden, von jeder Ketzerei frei zu sein. Das gesteht ihnen auch der Mönch Jonas im Leben des Columban zu; den katholischen Glauben finde man bei ihnen, nur leider von den Werken auch gar keine Spur.

Es ist aber dieser Standpunkt für die Beurtheilung von Gregors Werk sehr wichtig; seine ganze Auffassung Chlodovechs beruht darauf. Nicht nach schriftlichen Aufzeichnungen schildert ihn Gregor; für die ersten Zeiten hat er wohl die schon erwähnten Autoren und den Orosius benutzt, auch einzelne annalistische Notizen und Heiligenleben, vorzüglich das Leben des Remigius, nebst Briefen und Aktenstücken[7]; aber seine Hauptquelle für die Urgeschichte der Franken, und bald seine einzige, ist doch die lebendige Ueberlieferung, und die Darstellung Chlodovechs sowie seiner nächsten Nachfolger ist darum schon durchaus sagenhaft; in diesem Abschnitt hat man sich sehr zu hüten, Gregors Autorität nicht zu überschätzen[8].

Chlodovech ist ihm der Streiter der Kirche, ihr Vorkämpfer gegen die Arianer; als solchen faßt er ihn vorzugsweise auf, und deshalb kann er auch (II, 40) von ihm sagen: „Gott aber warf Tag für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und vermehrte sein Reich, darum, daß er rechten Herzens vor ihm wandelte, und that was seinen Augen wohlgefällig war“.

Unmittelbar vorher hat Gregor erzählt, wie sich Chlodovech durch Mord und Verrath des ripuarischen Reiches bemächtigte, und man hat ihm daher jenen Ausspruch sehr zum Vorwurf gemacht. Diese Worte fassen aber den Inhalt nicht des einen Capitels allein, sondern auch der vorhergehenden zusammen, in welchen die Bekämpfung der arianischen Westgothen erzählt ist, der Kreuzzug, welchen die Kirche als Chlodovechs größtes Verdienst betrachtete. Ein feines Gefühl für Recht und Unrecht darf man freilich bei den Schriftstellern dieser Zeit nicht suchen; wie bei den Italienern des fünfzehnten Jahrhunderts war durch die täglich sich wiederholenden Greuelthaten das Gefühl dafür abgestumpft worden. Mord und Hinterlist waren so gewöhnliche Werkzeuge geworden, daß wer sie nicht selber anwandte, ihnen zum Opfer fiel; es kam daher für die Beurtheilung nur noch darauf an, ob sich ein lobenswerther Zweck damit verband, oder ob sie bloß der Selbstsucht und anderen schlechten Leidenschaften dienten. So erzählt denn auch Gregor zahlreiche Geschichten derart mit einer Kälte, die uns unheimlich berührt, ohne irgend etwas von dem Abscheu zu äußern, welcher den heutigen Leser dabei ergreift. Eben dadurch aber gewinnt er um so mehr an Glaubwürdigkeit; ganz in seiner Zeit stehend, gewährt er uns das treueste Bild derselben, und indem er nur einfach berichtet, was geschehen war, verdient er ohne Zweifel vollen Glauben, so weit seine eigene Kenntniß der Begebenheiten reicht, und so weit nicht etwa leidenschaftliche Erregung, so weit nicht seine eifrig kirchliche Denkungsart, sein Haß gegen die Ketzer, sein Urtheil trüben, oder seine übergroße Leichtgläubigkeit ihn irre führt. Sehr mit Unrecht hat man ihm absichtliche Entstellung Schuld geben wollen; von Flüchtigkeit und Ungenauigkeit dagegen ist er im ersten Theile seines Werkes nicht frei, und daran wird es auch wohl in den späteren Abschnitten, wo es unsere einzige Quelle ist, nicht fehlen.

Die Darstellung Gregors ist einfach und kunstlos; er selbst bittet um Entschuldigung deshalb: „Ich bitte die Leser vorher um Verzeihung,“ sagt er, „wenn ich im großen oder geringen gegen die Grammatik fehlen sollte, denn ich bin nicht recht bewandert in dieser Wissenschaft.“ Die Schulgelehrsamkeit der Zeit mangelte ihm, und das ist ein Glück für uns, ebenso wie bei Eugippius. Gregor selbst sagt darüber nicht ohne Ironie, daß er sich zu dieser Arbeit entschlossen habe, weil kein Gelehrter sie auf sich nehme, und weil er häufig verwundert habe vernehmen müssen, daß einen Schriftsteller von gelehrter Bildung nur wenige verständen, des schlichten Mannes Rede aber viele[9]. Einige Stellen seines Werkes, wo er sich in dieser Schreibart versucht hat, zeigen uns die Gefahr, vor welcher sein Mangel an Schulbildung uns bewahrt hat. In der Regel aber ist seine Schreibart diejenige, welche sich damals für die Legende ausgebildet hatte, und nach und nach allgemein herrschend wurde; schlicht und einfach, weil sie allgemein verständlich sein mußte, und erfüllt von biblischen Ausdrücken und Anspielungen, dem Standpunkt der Verfasser und dem Zweck ihrer Werke angemessen, da sie ja sämmtlich Geistliche sind und auch in der Darstellung der Geschichte die kirchliche Bedeutung derselben fast überall vorherrscht; dabei dem verfallenen Zustand der damaligen Umgangsprache entsprechend, erfüllt von den ärgsten grammatischen Verstößen; das Gefühl für die Bedeutung der Flexionsendungen hatte sich fast ganz verloren[10].

Die kunstlose, einfache Sprache Gregors, seine behagliche, memoirenartige Erzählung, welche Geschichten aller Art, die größten Staatsbegebenheiten und unbedeutende Vorfälle des gewöhnlichen Lebens bunt durch einander mischt, das ist es eben, was seinem Werke einen so großen Reiz verleiht, und es zu einem so treuen Spiegel seiner Zeit macht, daß ihm in dieser Hinsicht kein zweites zu vergleichen ist.

Vorzüglich zeigt uns Gregors Werk auch, wie besonders Loebell schlagend nachgewiesen hat, die völlige Verschmelzung der fränkischen und der romanischen Bevölkerung; von einem feindlichen Gegensatze beider Elemente ist nichts darin wahrzunehmen, und die römische Abkunft des Verfassers hat durchaus keinen Einfluß auf seine Darstellung ausgeübt.

Was er hörte, was er sah, das erzählte er, ohne weiteren Zweck, als das Andenken der Dinge zu erhalten; er dachte keineswegs gering von dieser Aufgabe und dem Werthe derselben, denn ausdrücklich beschwört er am Ende des letzten Buches seine Nachfolger auf dem Stuhle des heiligen Martin, sie unverkürzt und unversehrt der Nachwelt aufzubewahren, und nichts daran zu ändern. Und wenn auch nicht durch ihr Verdienst, so ist uns doch wirklich Gregors Werk in seiner ursprünglichen Gestalt überliefert worden, und seit Jahrhunderten hat man diese ungeschminkte Darstellung einer fernen Zeit hoch geschätzt und in Ehren gehalten. Wir können ihm keine hohe Stelle unter den Geschichtschreibern einräumen, denn ihm fehlen die wesentlichsten Eigenschaften, welche dazu gehören, die Beherrschung des Stoffes, das tiefere Eindringen in den Zusammenhang der Dinge; aber um so mehr ist es auch dankbar anzuerkennen, daß er nicht versucht hat, was ihm nicht gelingen konnte, sondern sich in Bescheidenheit begnügte, eine reiche Fülle des mannigfaltigen Stoffes in seinen Werken zusammenzufassen. Von vorzüglichstem Werthe ist darunter für uns seine Geschichte der Franken, doch enthalten auch seine Wundergeschichten und Heiligenleben viele für die Charakteristik der Zeit wichtige Züge.

In seinen letzten Jahren, als die blutigen Stürme, die das Frankenreich zerrissen hatten, eine Weile ruhten, als Childebert und König Gunthram den Frieden aufrecht hielten, hat Gregor seine Erzählung fortgeführt bis zum Jahre 591; am Ende fügte er noch eine kurze Geschichte der Bischöfe von Tours[11], und zuletzt einen Abriß seines eigenen Lebens hinzu: ein Schlußwort, welches Monod als Epilog zu allen seinen Werken, nicht zur Geschichte allein betrachtet. Dann begann er, wie es scheint, sein Werk noch einmal zu überarbeiten; die sechs ersten Bücher enthalten Einschiebungen, welche um diese Zeit geschrieben sind, und diese sechs Bücher sind denn auch, so scheint es, zuerst allein bekannt geworden; nur sie finden sich in der ältesten Handschrift, und sie allein wurden später in einen Auszug gebracht.

Bei weitem nicht mehr in dem Grade wie Isidor, hatte Gregor in sich aufgenommen, was von der alten Bildung noch übrig war; doch war sie auch auf ihn nicht ohne Einfluß geblieben; hoch überragt er die nun folgende Zeit der tiefsten Barbarei, wo kaum noch einzelne Funken litterarischen Lebens zu finden sind, wo die aus der alten Welt herübergenommene Bildung fast vollständig abstarb, während zugleich politisch die ärgste Verwilderung und Auflösung eintrat: im siebenten Jahrhundert, sagt O. Abel, nach Brunhilde und Fredegunde verliert im merowingischen Königshause auch das Laster seine Größe, in wachsender Jämmerlichkeit schleppt sich das entartete Geschlecht noch anderthalb Jahrhunderte durch die Geschichte.

Erwähnt habe ich vorher ([S. 97]), daß Gregor auch annalistische Notizen benutzt habe, welche im Anfang seiner Geschichte sehr deutlich zu erkennen sind. Mit diesen hat man sich neuerdings sehr eingehend beschäftigt[12]. Schon oben [S. 57] ist der Annalen von Arles gedacht worden, welche mit Consularfasten verbunden sind. Holder-Egger hat ihre Benutzung nachgewiesen in einer Weltchronik, welche fälschlich den Namen des Severus Sulpicius trägt[13], und bis 511 reicht, nach seiner Ansicht aber wahrscheinlich erst 733 in Südgallien verfaßt ist; nicht unwichtig für die westgothische Geschichte von 450 bis 500. Er findet außerdem ihre Spuren bei Isidor, Marius, Jordanis, und in Verbindung mit den Ravennater Fasten bei Gregor[14] und in der Fortsetzung des Prosper bis 641. Gregor hat außerdem noch Annalen benutzt, welche wahrscheinlich aus Angers stammen, und burgundische, welche auch Marius hatte, und deren Verwerthung bei beiden ihre Uebereinstimmung erklärt, wie W. Arndt nachgewiesen, und Monod, welcher früher Benutzung des Marius bei Gregor angenommen hatte, ihm zugegeben hat.

Der Bischof Marius von Avenches, ein Zeitgenosse Gregors, ist zu erwähnen, als Verfasser einer Fortsetzung des Prosper, oder vielmehr des Chronicon imperiale (oben [S. 82]) bis 581. Marius scheint ein vortrefflicher Mann und exemplarischer Bischof gewesen zu sein, dazu ein geschickter Goldschmidt, welcher kunstreiche Geräthe für seine Kirche selbst verfertigte. Im Jahre 530 oder 531 aus edlem Geschlecht im Sprengel von Autun geboren, wurde er 574 Bischof der alten Römerstadt Avenches, welche sich von der Zerstörung durch die Alamannen niemals recht erholt hatte, und deshalb verlegte er den Sitz des Bischofs nach Lausanne, wo er am 31. December 594 gestorben ist[15].

In seiner Schulbildung stand er nicht höher als Gregor. Es verdient Anerkennung, daß er in dieser Zeit den Versuch machte, die Weltchronik fortzusetzen, aber dürftig genug ist der Versuch ausgefallen. Er besaß ein Exemplar der Ravennater Fasten, mit annalistischen Notizen aus Arles vermehrt, und benutzt, ihnen folgend, die Consulreihe, zu welcher er die Indictionen hinzufügt, später die Jahre p. c. Basilii und die Regierungsjahre Justins II und Tiberius II, als einzige brauchbare Chronologie; inmitten der vorübergehenden und durch innere Kriege erschütterten neuen Reiche ist ihm die „res publica“ das einzig bleibende, und ganz außerhalb ihres Bereiches, scheint er doch die Kaiser als die wahren Herren der Christenheit zu betrachten. Uebrigens berichtet er doch vorzüglich die ihn näher berührenden Vorgänge des burgundischen und des fränkischen Reiches, und was er mittheilt, hat für uns großen Werth. Bis 467 lassen sich bei ihm (nach W. Arndt) die Annalen von Arles, bis 526 die Ravennater verfolgen. Vom Jahre 500 an schöpft er aus burgundisch-fränkischen Annalen, vielleicht bis 570 oder 571. Endlich nimmt Arndt noch „byzantinische, wohl in Mailand verfaßte Annalen“ an, welche bis 568 nachweisbar wären, und auch von Marcellin benutzt.

Verbunden mit diesen Annalen ist ein Anhang von 581 bis 624, welcher mit Unrecht von Brosien verdächtigt[16], von G. Monod in Schutz genommen ist[17], in Uebereinstimmung mit G. Kaufmann[18] und H. Hertzberg[19]. Nach letzterem ist der erste Theil desselben aus Isidor entnommen; der zweite ist original, erzählt in fließender Darstellung, und geht bald völlig in die fränkische Geschichte über. Dieser Anhang wäre benutzt in der Fortsetzung des Isidor bis 636 im Cod. Urbinas, und diese wieder in der Fortsetzung des Prosper bis 641. Vollständig aufgenommen ist er in der Fortsetzung des Isidor von 1017 (MG. SS. XIII, 261).

Im burgundischen Reiche ist ebenfalls schon in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts die Vita sanctorum abbatum Agaunensium (von St. Maurice im Wallis) geschrieben, welche W. Arndt nach einer Abschrift des Jesuiten P. Fr. Chifflet herausgegeben hat[20]. Ist hier nun auch der Text vielleicht etwas geglättet, so zeigt doch der ganze Periodenbau noch eine anspruchsvolle Schulbildung, und sowohl die halb in Prosa aufgelöste Grabschrift des Tranquillus c. 10, wie die Distichen auf Ambrosius c. 12 zeigen metrisches Verständniß[21], während die Verse auf Probus S. 3 geradezu jeder Metrik hohnsprechen. Demselben Jahrhundert gehört das Leben eines Einsiedlers an, des Hostianus, welcher ein Verwandter des Königs Sigismund war; geschichtliche Thatsachen sind aber nicht daraus zu entnehmen[22].

Nach Gregor versiecht im Frankenreich die geschichtliche Aufzeichnung der Begebenheit fast völlig, und nur in Burgund entstehen noch Schriften, welche uns über die folgenden Zeiten dürftige Kunde gewähren[23].


[1] Godefroy Kurth: Saint Grégoire de Tours et les études classiques au VI. siècle. Revue des questions historiques, Oct. 1878.

[2] Die darin von ihm erzählte Reise nach Rom ist erfunden, s. Monod p. 37. Als Verfasser ist von Ruinart ohne Grund der Abt Odo von Cluny genannt, ib. p. 25.

[3] J. Grimm, Ueber Jornandes S. 17, erklärt den letzten Namen für gothisch. Beide Namen kommen bei Ammian XXXI, 7 vor. Schirren, De Jord. p. 7, vermuthet in dem Profuturus ep. Braccarensis, an welchen Pabst Vigilius 538 schreibt, den Autor.

[4] Decedente atque immo potius pereunte ab urbibus Gallicanis liberalium cultura litterarum.

[5] Peritus dialectica in arte grammaticus.

[6] Libuit etiam animo, ut pro supputatione annorum ab ipso mundi principio libri primi poneretur initium.

[7] s. Monod S. 81 ff. und über die Vita Aniani G. Kaufmann, Forsch. VIII, 130 ff. Dazu jetzt die Vorrede von Arndt. G. Kurth, Revue des Questions hist. XXIII, S. 385 ff. untersucht seine Quellen für die Gesch. Chlodwigs, nimmt Ann. Turonenses an und eine verlorene Vita Remigii. Letzteres bekämpft Hans v. Schubart: Die Unterwerfung der Alamannen unter die Franken (Strassb. 1884) und macht dagegen aus einer freilich fehlervollen Hs. in Montpellier eine bald nach Vedasts Tod (um 540) geschriebene Vita Vedasti bekannt, welche in Betreff der Bekehrung Chlodwigs Gregor benutzt hat, wenn er nicht aus derselben Quelle mit ihr schöpfte. — Die von Gr. benutzte, später von Hincmar interpolierte, Ven. Fort. mit Unrecht zugeschriebene, sehr magere Vita Remedii (= Remigii) Auctt. antt. VI, 2, 64-67.

[8] Neuerdings sind seine Nachrichten in diesem Sinne geprüft von Junghans, Die Geschichte der fränkischen Könige Childerich und Chlodovech kritisch untersucht, Gött. 1857, u. in der Bearbeitung von Monod; und von Ad. Gloël, Zur Geschichte der alten Thüringer, Forsch. IV, 195-240; dagegen L. Hoffmann, Zur Geschichte des alten Thüringerreiches, im Jahresber. d. höh. Bürgerschule zu Rathenow 1872, 4. — Die Vita Basini regis. ed. Guil. Cuper, Acta SS. Jul. III, 701, des Gründers von Trunchinium oder Dronghen bei Gent (vgl. Herm. Müller, Lex Salica, S. 128. Holtzmann, Ueber das Verhältniss der Malb. Glosse, S. 22) ist geschichtlich ganz unbrauchbar; erst sehr spät ist von ihm, u. als König noch später die Rede. s. H. W. Lippert, Beiträge zur ältesten Gesch. d. Thüringer, Zeitschr. d. Vereins f. thür. Gesch. XI, S. 292-302. XII, S. 91-96.

[9] „Quia philosophantem rhetorem intelligunt pauci. loquentem rusticum multi.“ Auch bei den Griechen war eine rhetorische Kunstsprache üblich; im Anfang des siebenten Jahrh. drang die vulgärgriechische Umgangsprache durch kirchlichen Einfluss in die Litteratur ein. Gelzer, HZ. LXI, 9.

[10] Ueber seine Bildung und Sprache vgl. Monod S. 110 ff. u. Bonnet. Die neue Ausgabe von W. Arndt läßt mit größerer Sicherheit seine Sprache erkennen, obgleich leider die ältesten Hs. nicht vollständig sind. Diese zeigen einen hohen Grad von Barbarei, welche sowohl alte Abschreiber als neuere Herausgeber bei Gregor und in den Heiligenleben fortwährend abgeglättet haben. Es mag noch in Betracht kommen, daß der Frankengeschichte die letzte Hand fehlt: doch bleibt es andererseits auch immer noch zweifelhaft, was gerade die ältesten Abschreiber schon angerichtet haben mögen.

[11] Die Grabschrift eines sonst unbekannten „Ebracharius heros“, der zur Zeit des etwas späteren Bischofs Chrodobertus 4 Klöster stiftete, bei De Rossi, Inscriptt. urbis Romae christ. II, 1, 69.

[12] W. Arndt HZ. XXVIII. O. Holder-Egger in der S. 57 angeführten Schrift. Rec. von J. J. M. im Lit. Centralbl. 1875 Sp. 1380, von W. Arndt, Jen. LZ. 1875 N. 48. Arndts Vorr. S. 22, wo auch noch annalistische Notizen aus der Auvergne und aus Poitiers vermuthet werden. Ueber Annalen von Tours s. oben [S. 97.]

[13] Florez, Esp. sagr. IV, 430-456; vom J. 379 an wieder abgedruckt bei Holder-Egger.

[14] Vgl. Holder-Egger im NA. I, 276-278.

[15] W. Arndt, Bischof Marius von Aventicum. Sein Leben und seine Chronik. Nebst einem Anhang über die Consulreihe der Chronik. Leipz. Habilitationsschrift 1875. Die falsche Jahreszahl 593 auf S. 13 hat der Verfasser selbst berichtigt. — Hierin ist die jetzt allein brauchbare Textausgabe nach der einzigen HS. enthalten, welche einst in St. Trond war, jetzt Brit. Mus. 16,974. Facs. in Arndts Schrifttafeln 16.

[16] Krit. Untersuchung der Quellen zur Geschichte Dagoberts I (Gött. 1868) S. 5.

[17] Revue Critique 1873 N. 42.

[18] Forsch. XIII, 418-424.

[19] Forsch. XV, 317-324. Vgl. das Facs. bei Arndt, Schriftt. 16.

[20] Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit, Hann. 1874. Acta SS. Nov. I mit neuen Hülfsmitteln verbesserte Ausgabe von De Smedt, auch mit der vorher noch fehlenden Chronologica Series, vgl. Krusch, HZ. LXIII, 102. A. Jahn, Gesch. der Burgundionen (1874) II, 504-512 giebt den ältesten Text der ebenfalls in Agaunum im Anf. d. 8. Jahrh. geschriebenen Passio Sigismundi regis und erweist S. 513-518 den Unwerth der von Lütolf, Glaubensboten der Schweiz S. 172 mitgetheilten Passio SS. Victoris et Ursi nebst der Translatio. Die Passio Sigism., welche einige Umstände aus der Tradition und die Translationsgesch. bietet, ed. Krusch, SS. Meroving. II, 329-340.

[21] Das c. 13 über Probus besteht aus rhythmischen Versen.

[22] Analecta Bolland. II, 355-358; vgl. NA. IX, 444.

[23] Völlig unbekannt sind die „regnorum libri diversarum gentium, quos pretiosissimo dictamine et in luculento sermone insignis historiographus edidit Roterius“, angeführt in der Vita Severi (Agath. Acta SS. Aug. 25). Er soll zu Zeiten K. Reccareds, also gegen 600, geschrieben und über die Verheerung gallischer Städte, spec. Agde, durch Attila berichtet haben.

§ 9. Fredegar. [[←]]

Ausgabe v. Br. Krusch, MG. SS. Rer. Merov. II. 1888, vgl. Br. Krusch, Die Chronicae des sog. Fredegar, NA. VII, 247-351. 421-516. Auszug des fünften Buches in Giesebrechts Uebersetzung des Gregor. II, 265-281. Die Chronik-Fredegars (Buch 6) und der Frankenkönige übersetzt von Otto Abel, Berl. 1849. 1876. 1888 mit d. Forts. (Geschichtschr. 11. VII, 2). Ebert S. 606. Palacky, Ueber den Chronisten Fredegar und seine Nachrichten von Samo. Jahrb. des Böhm. Museums I, 387-413. Herm. Brosien, Kritische Untersuchung der Quellen zur Gesch. Dagoberts I, Gött. 1868. Alfr. Jacobs, Géographie de Frédégaire, de ses Continuateurs et des Gesta Francorum, Paris 1859. G. Monod, Revue Crit. 1873 N. 42. Ders. Du lieu d'origine de la chronique dite de Frédégaire, im 3. Bd. d. Jahrb. f. Schweiz. Gesch. 1878. Ders. Sur un texte de la compilation dite de Fr. relatif à l'établissement des Burgundions dans l'empire Romain, in: Mélanges publiés par l'École des hautes études, 1878 (NA. IV, 418), Abdr. des cod. 10910, von Monod besorgt, Bibl. de l'École des hautes études. fasc. 63. Paris 1885. Facs. v. Harl. 5251 im Catal. of anc. Mss. pl. 52; des cod. Clarom. im Album pal. pl. 13, wo H. Omont 678 berechnet.

Das einzige Geschichtswerk, welches uns aus dem siebenten Jahrhundert aufbewahrt ist, trägt den Namen des Scholasticus Fredegar; aber dieser Name findet sich nur bei J. Scaliger im Jahre 1598 und in den Antiquités Gauloises et Françoises von Claude Fauchet 1599, in den uns erhaltenen Handschriften dagegen nirgends[1]. Doch ist es zweckmäßig ihn beizubehalten, wie ja auch allgemein üblich ist. Allein durch die scharfsinnigsten Untersuchungen hat Bruno Krusch, gestützt auf die früher noch nicht bekannt gewordenen Kapitel des Liber generationum, der ganzen Untersuchung über den räthselhaften Schulmeister eine neue Wendung gegeben, und unter seinem kritischen Messer hat das scheinbar einheitliche Werk sich in ganz verschiedene Bestandtheile aufgelöst.

Zunächst treten uns Annalen entgegen, die in Burgund, im „pagus Ultrajoranus“, vielleicht in Avenches, von wo Marius nach Lausanne fortgezogen war, bis in den Anfang des 7. Jahrh. fortgeführt wurden, und deutlich zu erkennen sind in der Compilation eines Aventicensers, welcher im J. 613 dieselben bis auf seine Zeit fortsetzte[2], und um den Zusammenhang der Weltgeschichte zu gewinnen, den im J. 235 von Hippolyt verfaßten Liber generationis[3] und einen Auszug aus Hieronymus und Idacius voranstellte[4]. Seine Arbeit reicht bis zum 39. Cap. des sog. Fredegar, und dieser Anfang gewinnt also durch diese Entdeckung bedeutend an Gewicht. Der eigentliche Fredegar aber, von welchem man bisher allgemein annahm, daß er vor dem J. 660 nicht geschrieben haben könne, nahm, wie Krusch jetzt das ganz überzeugend nachgewiesen hat, im J. 642, bis wohin er seine Arbeit geführt hat, das ältere Werk vor; auch er war in derselben Gegend heimisch. Er versah die beiden ersten Bücher mit Anhängen, und fügte einen Auszug aus den, ihm allein bekannt gewordenen, sechs ersten Büchern des Gregor von Tours hinzu[5], nicht ohne Einmischung von allerlei Fabeln, namentlich im dritten Buche nach dem wirklichen Idatius jene über die Vorzeit der Franken, von welchen Gregor noch frei ist, die uns aber von nun an aller Orten begegnen, und bald weiter ausgesponnen wurden: Erzeugnisse einer kindischen Gelehrsamkeit und kecker Erfindung, echter Sage völlig fremd, die aber nach und nach bei Halbgelehrten und Ungelehrten Eingang fanden[6].

Für die Fortführung der Geschichte benutzte Fredegar eine Relation über das inhaltreiche Jahr 613, wie man wegen des genauen Berichtes Cap. 40-44 annehmen muß, und erzählte treu, wenn auch mit geringem Geschick, was er erlebt hatte.

Dasselbe nun, was Fredegar, für seine Zeit und Bildung gut genug, geleistet hatte, versuchte um 658 ein dritter Bearbeiter, ein Austrasier, den Krusch vermuthungsweise nach Metz setzt; er ergänzte das Werk durch einen Auszug der Vita Columbani, und fügte verschiedene Supplemente über austrasische, westgothische, oströmische Geschichte, auch über Samo hinzu; von ihm muß auch der Absatz vom Schluss des Cap. 84-88 mit entschieden austrasischem Charakter herrühren. Seine Zuthaten sind es, welche früher zu der Annahme führten, das ganze Werk könne nicht vor 660 geschrieben sein. Eine weitere Fortsetzung aber hat er nicht zu Stande gebracht.

Wie nun später diese Sammlung fortgesetzt, vermehrt und umgestaltet ist, werden wir noch zu betrachten haben. Unbehülflich und dürftig war diese Schriftstellerei, aber es kommt auch Fredegar gar nicht in den Sinn, große Ansprüche zu machen; er empfindet lebhaft den traurigen Zustand der Zeit, und sieht nach der damals herrschenden Vorstellung das Ende der Welt als nahe bevorstehend an. „Wir stehen jetzt im Greisenalter der Welt, sagt er; darum hat die Schärfe des Geistes nachgelassen, und niemand vermag es in dieser Zeit den früheren Schriftstellern gleichzukommen.“ Sich selbst legte er nur einen bäurischen und ganz beschränkten Sinn bei[7], und diese rührende Bescheidenheit sollte wohl den Spott über den ehrlichen Mann entwaffnen, welcher mit aller Anstrengung geleistet hat, was er vermochte, und der sich dadurch um die Nachwelt ein unsterbliches Verdienst erworben hat.

Merkwürdig wäre es allerdings, wenn Fredegar wirklich einer Schule vorgestanden hätte; denn seine und seiner Genossen Kenntniß des Lateinischen war unglaublich gering, seine Sprache ist über die Maßen barbarisch, aber freilich nicht verschieden von derjenigen, welche wir auch in den Urkunden der Zeit, und in Italien bis ins elfte Jahrhundert finden. Entschieden falsch ist es, wenn man diese Sprache als die des romanischen Volkes bezeichnet, sie kann nie gesprochen worden sein. Alle Flexionsendungen sind nämlich darin vorhanden, sie werden aber nur noch aus Convenienz gebraucht, da das Gefühl für ihre Bedeutung sich fast ganz verloren hat[8]. Das Volk wirft in solchem Falle die Endungen ab, und bildet sich neue; nur wer gelehrt scheinen will, braucht sie noch, ohne aber ihre Bedeutung recht zu kennen. Treffend vergleicht einmal Kausler diese Schreibart mit schriftlichen Aufsätzen, die einer aus der niederen Klasse in der Sprache der Gebildeten, welcher er nicht recht mächtig ist, niedergeschrieben hat. Wir finden sie deshalb nur da, wo die Volksprache der lateinischen noch nahe genug stand, daß man lateinisch schreiben konnte, ohne es schulgemäß erlernt zu haben, besonders in Italien, wo sich ein solches Kauderwelsch bei den Notaren am längsten erhielt. Dort zeigt es sich auch deutlich, daß die Schreiber weit davon entfernt waren, in der Volksprache schreiben zu wollen, denn mitten in solchen Urkunden kommen Zeugenaussagen in ausgebildetem Italienisch vor.

Fredegar stand übrigens mit seinem Latein durchaus nicht allein unter der fränkischen Geistlichkeit des siebenten Jahrhunderts; das zeigt uns das Leben des um 665 verstorbenen Wandregisil, des Stifters von Fontenelle, welches W. Arndt genau nach der schönen Uncialhandschrift hat abdrucken lassen, die der Abfassung sehr nahe stehen muß und gewiß mit aller Sorgfalt geschrieben ist[9]. Hat doch jetzt G. Waitz nachgewiesen, daß auch noch Paulus Diaconus nicht viel anders schrieb, und Jordanis und Gregor von Tours scheinen ebenfalls schon auf diesen Weg geführt zu haben.

Wiederum verging nach Fredegar mehr als ein halbes Jahrhundert, in dem, außer einigen Heiligenleben, unter denen jedoch mehrere nicht gering anzuschlagen sind, das ganze Frankenreich keine Spur von Geschichtschreibung darbietet. Erst in den letzten Zeiten der Merovinger, als in Austrasien schon die ganze litterarische Thätigkeit dem aufstrebenden Geschlecht der Hausmeier sich zugewandt hatte, wurde in Neustrien ein Werk verfaßt, welches sich Gregor und Fredegar anschließt, und in seiner Armseligkeit dem Zustande des absterbenden Reiches vollkommen entspricht. Es ist daher auch kaum möglich anzunehmen, daß bei den darin Cap. 44 angeführten scriptores, wie Krusch S. 217 annimmt, an wirkliche Geschichtschreiber zu denken ist; mit Recht hebt Kurth hervor, daß mit dem ganz unbedeutenden Chlodwig II sich nicht mehrere Geschichtschreiber beschäftigt haben werden, dagegen in Saint-Denis, wo er ihrem Heiligen einen Arm genommen hatte, verschiedentlich über ihn geschrieben sein mag.


[1] Vgl. über den Namen G. Monod, Études crit. p. 256.

[2] Dieser ist nach Krusch der im Prolog als quidam sapiens bezeichnete.

[3] Darüber s. Krusch, NA. VII, 456; vgl. oben [S. 54.]

[4] G. Kurth, welcher in der Revue des Questions hist. 1890, S. 60 ff. die Geschichte Chlodwigs nach Fredegar behandelt, weist den Theil der Chronik von Chilperichs Tod bis 613 dem zweiten Compilator zu, indem er bestreitet, dass der erste überhaupt etwas originales geschrieben habe (NA. XV, 615).

[5] Die auch abgesondert vorkommende sog. Historia epitomata in 93 Kapiteln. Gegen L. v. Ranke's Ansicht (Weltgesch. IV, 2, 328-368), daß sie nicht als Auszug aus Gregor zu betrachten sei, hat sich Waitz sehr entschieden erklärt, Praef. Greg. Tur. p. VIII. NA. IX, 650.

[6] Vgl. hierüber Zarncke, Ueber die Trojanersage der Franken, in den Berichten der k. Sächs. Ges. d. Wiss. 1866 S. 257-285, nebst dessen Anzeige der Schrift von Wormstall: Die Herkunft der Franken von Troja, Münster 1869, im Lit. Centr. 1869, 381, und G. Waitz zu Jord. Osnabrug. S. 13. A. Dederich, Der Frankenbund, Hann. 1873. A. Thorbecke: Ueber Gesta Theoderici (1875) S. 9-13. Lüthgen: Die Quellen u. der hist. Werth der fränk. Trojasage, Diss. Bonn. 1875. Die Entstehung der Fabelei ist jetzt lichtvoll nachgewiesen von Krusch, NA. VII, 473. Die in den mit Fortsetzungen versehenen Hss. eingeschobene Historia Daretis Frigii de origine Francorum ist nach Fred. S. 194-200 von Krusch herausgegeben.

[7] Rusticitas et extremitas sensus mei.

[8] Krusch hat die Eigenthümlichkeiten dieser Sprache sorgfältig zusammengestellt, S. 486-494. Ganz ungrammatisch sind auch die Reliquienzeugnisse: 'Authentiques de Reliques de l'Époque Mérov. découvertes à Vergy. Par L. Delisle' (École de Rome 1884). Welches entsetzliche Latein man noch 754 schrieb, zeigt die Unterschrift des Gundobin, Bibl. de l'École des chartes VI, 4, 217. Vgl. auch Sickel, Urkk. der Karolinger I, 137 ff., dem ich aber darin nicht beistimmen kann, wenn er dieses Kauderwelsch als sermo plebejus bezeichnet. Eine ähnliche Erscheinung bietet das ausgehende 15. Jahrh. in dem Diarium Nepesinum, Arch. della Soc. Rom. di Storia patria, Vol. VII.

[9] Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit, Hann. 1874.

§ 10. Die Thaten der Frankenkönige. [[←]]

Gesta Francorum, Bouquet II, 580. Migne XCVI, 1421 aus Duchesne. Neue Ausg. unter dem Titel Liber historiae Francorum von Br. Krusch, SS. Merov. II, 215-328. Vgl. Cauer, De Karolo Martello, Berol. 1841, p. 11-28. Brosien p. 41-44. Breysig, Karl Martell S. 112. G. Monod, Les Origines de l'historiographie à Paris (Mémoires de la Société de l'histoire de Paris et de l'Ile de France, Tome III, p. 219-240). G. Kurth, Etude crit. sur le Gesta Rerum Francorum, Bull. de l'Acad. r. de Belg. 3 sér. t. XVIII (1889) p. 261-291. Auszugsweise Uebersetzung des ersten Theils von W. Giesebrecht, hinter Gregor von Tours II, 282-302. Vollständig von 639 an, von Abel, hinter Fredegar, s. oben [→ S. 104.]

Die Anfänge, die Herkunft und die Thaten des Frankenvolkes und seiner Könige will ich erzählen — so beginnt nicht ohne Kühnheit der Verfasser sein Werk, aber genannt hat er sich nicht, und obgleich er für seine Zeit außerordentliches leistete und im ganzen Mittelalter sein Buch viel gelesen wurde, so hat doch niemand seinen Namen uns überliefert. Ohne Zweifel war er ein Neustrier. E. Cauer glaubte, wegen der besonderen Verehrung, mit welcher er des heiligen Bischofs Audoenus gedenkt, daß er der Kirche zu Rouen angehört habe[1], und dieser Ansicht hat auch Krusch sich angeschlossen, und einige Stellen für seinen Aufenthalt in dieser Gegend geltend gemacht. Die von G. Monod aufgestellte Vermuthung, daß der Verfasser ein aus Spanien geflüchteter westgothischer Mönch in Paris gewesen sei, kann wohl als ausreichend widerlegt betrachtet werden, aber seine Beziehungen zu Paris sind auch von Kurth wieder schärfer betont; er hält ihn für einen Mönch von Saint-Denis. Seine Heimath vermuthet er in der Gegend von Laon und Soissons, von wo er allerlei zu berichten und Oertlichkeiten zu nennen weiß.

Neustrien ist das Land, von dem der Verfasser des liber historiae berichtet; Austrasien erwähnt er nur gelegentlich, er liebt es nicht, und von dem Neuen, was sich dort bildet, ist er unberührt; während man in Austrasien wenig mehr von den Merovingern weiß, sie in den Annalen kaum noch nennt, stehen sie bei ihm überall im Vordergrunde. Er gehört ganz der alten Zeit an, und bezeichnet durch seine den Fredegar weit übertreffende Dürftigkeit und Armuth den fortgehenden Verfall, wenn auch sein Latein weniger barbarisch ist. Dafür aber fehlt ihm auch die gelehrte Belesenheit Fredegars. Er hat für die alte Zeit, außer dem Prologus legis Salicae[2], nur eine Quelle, die ersten sechs Bücher Gregors, und hierauf gestützt unternahm er es im sechsten Jahre Theuderichs IV d. i. im Jahre 727[3], die Geschichte seines Volkes zu schreiben. Mit mageren Auszügen aus Gregor verbindet er wie Fredegar die halb volksthümlichen, halb gelehrten Sagen über die Anfänge der Franken; dann fährt er selbständig fort, nicht Jahr für Jahr berichtend, sondern in kurzen Umrissen, wie sie sich allenfalls durch mündliche Ueberlieferung erhalten konnten. Fredegars Chronik war ihm nicht bekannt, und soweit diese reicht, ist sein Werk kaum zu benutzen; dann aber ist es für lange Zeit die einzige zusammenhängende Erzählung, welche wir besitzen, und wie er seiner eigenen Zeit näher kommt, wird seine Darstellung, wenn sie gleich immer dürftig bleibt, doch zuverlässig. Die besseren Heiligenleben, aus denen einzelne Abschnitte sich ergänzen lassen, bestätigen seine Angaben.

Wenige Jahre nachher, noch bei Lebzeiten Theuderichs IV, der 737 gestorben ist, hat ein Austrasier eine neue Bearbeitung dieses Buches (B) unternommen, welches er für ein Werk Gregors von Tours hielt und dem er daher den Titel gab „Liber sancti Gregorii Toronis episcopi gesta regum Francorum“. Daher der gewöhnliche Titel, an welchem man als an einem gewohnten und allgemein verständlichen wohl auch ferner festhalten wird. Der Verfasser ergänzte einiges aus Gregors Geschichte, auch aus Isidor; schon 736 wurde dazu eine Fortsetzung geschrieben, welche wir nur in überarbeiteter Gestalt als erste Fortsetzung des Fredegar kennen.

Damit ist nun die Zahl der merovingischen Historiker erschöpft, denn die Thaten Dagoberts[4] sind eine unzuverlässige Compilation aus dem neunten Jahrhundert, von einem Mönch zu Saint-Denis verfaßt, um das Kloster und seinen Stifter zu verherrlichen, mit Benutzung sowohl mündlicher Tradition als auch der vorhandenen Urkunden, unter welchen schon falsche sich befanden. Hat man früher sie in das Ende des neunten Jahrhunderts gesetzt[5], so weist dagegen Krusch (S. 396) nach, dass sie 835 schon vorhanden war. Entschiedener hat Julien Havet ihre Glaubwürdigkeit in Schutz genommen, natürlich abgesehen von den nur wiedererzählten Fabeln, vorzüglich in Bezug auf die Thatsache, daß wirklich Dagobert I, wenn auch bei Lebzeiten seines Vaters, das Kloster gestiftet hat, während Mabillon eine viel frühere Stiftung annahm[6].

Der so viel benutzte und oft angeführte Aimoin aber ist gar erst aus dem Anfange des elften Jahrhunderts und ohne allen Werth. Es war die Roheit der Form, welche zur neuen Bearbeitung trieb, wie Aimoin ausdrücklich sagt, und aus demselben Grunde zog man später diese Bearbeitungen vor. Für geschichtliche Untersuchungen aber darf man sich auf Aimoin so wenig wie auf den noch späteren Rorico berufen[7].

Actenstücke, Gesetzbücher und Formeln[8] liegen unserer Aufgabe fern, aber gedenken müssen wir doch der Briefe, welche theils einzeln und ihrer besonderen Wichtigkeit wegen, theils, und vorzüglich, in Sammlungen, die als Muster gebraucht wurden, sich erhalten haben. Für diesen Zeitraum schließen sie sich an die berühmten Namen der Bischöfe Avitus von Vienne, Remigius von Reims, Desiderius von Cahors[9]. Von besonderer Wichtigkeit ist die Sammlung der Epistolae Austrasicae, welche, mit einigen Schreiben des Remigius beginnend, in großer Zahl amtliche Correspondenzen der Könige Sigebert und Childebert II (bis 585) enthält, und zwar nach Concepten, so daß die Entstehung nothwendig in der königlichen Kanzlei zu suchen ist. Hier hatte der von Fortunat besungene Gogo gewirkt, gefeiert als ein neuer Cicero wegen seiner Beredsamkeit, Vorsteher der Hofschule und aus weiter Ferne aufgesuchter Lehrer; zweimal wird er als Concipient genannt. In der kritisch gereinigten Ausgabe von Gundlach, der ersten seit Freher, werden diese Briefe erst recht benutzbar sein[10].

Sehr eigenthümlicher Art ist die Correspondenz zwischen einem Bischof Frodebert, vermuthlich von Tours, und Importunus von Paris (um 666), welcher jenem u. a. vorwirft, daß er des Hausmeiers Grimoald Frau entführt habe. In höchst barbarischem Latein verfaßt, aber durchgehends gereimt, können diese Schmähschriften unmöglich als wirkliche Briefe betrachtet werden, sind aber um so merkwürdiger als ein boshaftes Pasquill des 7. Jahrhunderts[11].


Von jenen halb verklungenen, halb durch Zuthaten der Schulgelehrsamkeit entstellten Stammsagen der Franken finden sich Spuren auch in dem schon früher ([S. 90]) erwähnten Prolog des Salischen Gesetzes, und an diesen erinnert ein seltsames Werk des siebenten Jahrhunderts, die poetische Weltbeschreibung eines ungenannten Verfassers, der in ganz ähnlicher Sprache und Weise einige Capitel des Isidor in Verse brachte, und nur über die Franken einige selbständige Zusätze anbrachte, in denen sich das stolze Selbstgefühl jenes Prologs wieder erkennen läßt[12]. Es sind dreizeilige Strophen mit sehr ungenauen Endreimen, rhythmische Langzeilen von 15 Silben mit einer Caesur nach der achten Silbe, eine in jener Zeit häufige Form. Für den Verfasser dieses Kunstwerkes hält Dümmler denselben Theodofridus, welcher ein anderes, nicht minder rohes Gedicht über die 6 Weltalter verfaßt hat; beide sind von demselben Winitharius abgeschrieben; auch einen dritten, chronologischen Rhythmus vom J. 718 fügt er hinzu. In Theodofrid aber erkennt er den ersten, bald nach 657 aus Luxeuil gekommenen Abt von Corbie, welcher um 681 Bischof wurde, wahrscheinlich von Amiens[13].

Höchst eigenthümlich ist eine andere Dichtung, die vielleicht ebenfalls noch dem siebenten Jahrhundert angehört, nämlich ein Lied, welches sich auf Chlothars II Sieg über die Sachsen i. J. 622 (?) bezog, wovon uns aber leider nur ein kleines Bruchstück erhalten ist. Es bestand ebenfalls aus je drei gereimten Zeilen, die aber iambischen Rhythmus haben und je vier Hebungen enthalten. Der eigentliche Held des Liedes ist der heilige Faro, Bischof von Meaux, welcher die Gesandten der Sachsen gegen die beabsichtigte Ermordung von Seiten des Königs beschützt hatte, und ihm zu Ehren wurde nach dem Zeugniß des Biographen des h. Faro, Bischof Hildegars, der zu Karls des Kahlen Zeit schrieb, dieses Lied allgemein von Männern und Frauen zum Tanze gesungen[14].

Ein anderes, noch weit merkwürdigeres Lied glaubte Lenormant entdeckt zu haben[15], ein historisches Volkslied des sechsten Jahrhunderts zur Feier von Childeberts I Feldzug gegen Saragossa i. J. 542. Dieses sollte nämlich paraphrasiert sein in dem Leben des h. Droctoveus, ersten Abtes von St. Germain-des-Prés, einer Stiftung jenes Childebert, und sich daraus zum Theil wieder herstellen lassen. In der That erinnern Ausdrücke darin, wie torrens pulchritudinis[16], an jene alte fränkische Poesie, und es ist nicht unmöglich, daß wirklich die Spur eines alten Liedes darin zu erkennen ist; im übrigen aber ist die Erzählung von der angeblichen Erwerbung der Stola des h. Vincenz auf jenem Feldzuge ganz den „Thaten der Franken“ entnommen, und deshalb die Herstellung jenes Liedes aus den Worten der Lebensbeschreibung ein verfehltes Unternehmen.


[1] l. c. p. 14.

[2] Was Kurth, der vielmehr den Prolog für jünger hält, m. E. ohne Grund bekämpft. Ausserdem hat Monod in c. 38 u. 40 eine Verwandtschaft mit dem Anhang zu Marius Avent. nachgewiesen.

[3] Nicht 725, wie man früher annahm, s. Br. Krusch, NA. X, 94, wo die Chronologie der letzten Merovinger berichtigt ist.

[4] Gesta Dagoberti, Ausg. Bouquet II, 580. Migne XCVI, 1395 aus Duchesne. Krusch, SS. Merov. II, 396-425, vgl. Forsch. XXVI, 161-191.

[5] So Monod, Rev. crit. 1873, II, S. 258, welcher die Vermuthung ausspricht, daß die Flucht der Mönche vor den Normannen nach Reims, die wahrscheinlich mit dem Verlust von Urkunden verbunden war, nach ihrer Rückkehr 888 zu dieser trügerischen Arbeit den Anlaß gegeben habe.

[6] Questions Mérov. V. Les origines de Saint-Denis (Bibl. de l'École des chartes LI (1890) p. 5-62.) Derselben Zeit schreibt Havet S. 38 die Passio SS. Dionysii, Rustici et Eleutherii zu, die aber nach seiner Ansicht in Aquitanien geschrieben ist. Sie ist gedr. Auctt. antt. IV, 2, 101-105, als fälschlich Venantius Fortunatus zugeschrieben.

[7] Aimoin, von dem noch unter III § 10 die Rede sein wird, war Mönch von Fleury und widmete sein Werk dem Abt Abbo († 1004). Er wollte die Geschichte bis auf Karls des Großen Vater Pippin beschreiben, sein Werk reicht aber nur bis 653. Rorico schrieb in sehr geziertem Stil und reicht bis 511. Ueber seine Person ist nichts bekannt, nur weisen einige Umstände nach Amiens; mit Unrecht hat man aus der idyllischen Einkleidung geschlossen, daß er die Schafe gehütet habe. Vgl. A. Thorbecke über Gesta Theodorici (Heidelb. Progr. 1875) S. 13-18. In der Chronikensammlung von St. Denis, welche man der Veranlassung Sugers zuschreibt, wurde Aimoin mit den Gesta Dagoberti, Gesta Francorum, den Fortsetzern des Fredegar etc. verbunden, später die Chronik amtlich fortgeführt und im dreizehnten Jahrhundert alles ins Französische übersetzt. Ausgabe bei Bouquet III. Die darin benutzte Forts. aus Saint-Germain-des-prés 1125-1167 (= Hist. Lud. VII) theilweise MG. SS. XXVI, 151. — Den Anfang einer eigenthümlichen Ueberarbeitung der Gesta Francorum, welchen Ekkehard benutzt hat, theilt Waitz aus einer Bamberger Handschrift mit, Forschungen III, 145-147; vgl. 607.

[8] Ueber diese genügt es, auf die Abh. v. Zeumer. NA. VI, 9-115 u. die Ausg. MG. Legum Sectio V zu verweisen. Den Bischof Landerich, welcher Marculfs Sammlung veranlaßte, hält Z. für den Bischof von Meaux. c. 700.

[9] Gesammelt bei Duchesne I, Bouq. IV. u. jetzt MG. Epp. Tom. III.

[10] Gundlach, NA. XIII, 365-387.

[11] S. Zeumer im NA. VI, 75 u. die Ausg. Formulae p. 220-226.

[12] Versus de rota mundi, ed. Pertz: Ueber eine fränkische Kosmographie des siebenten Jahrhunderts, Abh. der Berl. Ak. 1845, S. 253. Wright, Anecd. p. 101-104; aus Clm. 903. Dazu kommen noch die Handschriften Cod. S. Galli 213 u. Vat. Pal. 1357, Arch. XII, 354. Vgl. Huemer, Untersuchungen über die ältesten lat. christ. Rhythmen (Wien 1879) S. 63-65. Manitius, Gesch. d. christl. lat. Poesie S. 474. — Ueber eine alte fränk. Völkertafel, die er um 520 ansetzt, Müllenhoff, Abh. d. Berl. Akad. 1863. S. 520. Für erheblich jüngeren Ursprung Ad. Bachmann, Wiener SB. XCI, 864. In welche Zeit und Verbindung die fabelhafte Kosmographie des Aethicus gehört, welche bei der Trojanersage eine Rolle spielt, ist noch dunkel; Krusch bemerkt, „dass darin die Fassung der Gesta Francorum von 736 benutzt und er also erheblich jünger ist, als man ihn gewöhnlich ansetzt. Auf die erste Hälfte des 9. Jahrh. weist auch seine Verwandtschaft mit der Hist. Daretis, welche der erste Fortsetzer des Fredegar in den Hieronymus einschob: beide haben die Fabel von Francus u. Vassus, beide gleichen sich im Stil (z. B. gignarus für gnarus).“ Das Gegentheil behauptet freilich K. Plath, Die Königspfalzen (Berl. Diss. 1892) These 2.

[13] Zeitschr. f. D. Alterth. XXII, 423. XXIII, 280. Manitius S. 476.

[14] Mab. Acta SS. O. S. B. II, 617. Hildegar war aus dem Kloster St. Denis. Brosien S. 53 schlägt die Glaubwürdigkeit dieser Vita sehr gering an. Manitius, S. 474 hält das Lied für Uebersetzung eines fränkischen.

[15] Bibliothèque de l'École des chartes I, 1, 321.

[16] Vgl. V. Eligii auct. Audoeno I, 14: rex Dagobertus torrens pulcher et inclytus.

§ 11. Fränkische Heiligenleben. [[←]]

Außer den bis jetzt erwähnten Geschichtswerken ist uns aus der Zeit der Merowinger noch eine bedeutende Menge von geschichtlichem Material erhalten in den Legenden der Heiligen, deren Zahl in diesen Zeiten außerordentlich groß ist. Die meisten von ihnen sind kirchliche Würdenträger und dadurch auch in die weltlichen Händel verflochten; ihre Lebensbeschreibungen würden unschätzbar sein, wenn sie nicht erstlich zu ausschließlich bloße Lobreden wären, und namentlich die weltlichen Beziehungen der Heiligen nur ganz oberflächlich berührten, zweitens auch zum größten Theile in späterer Zeit verfaßt wären[1]. Auch wo eine wirklich gleichzeitige Aufzeichnung vorhanden war, besitzen wir doch häufig nur eine spätere Ueberarbeitung; noch weit häufiger aber hat man das Leben des Heiligen erst später nach unsicherer Ueberlieferung beschrieben und wenige bekannte Züge zu einer ausführlichen Geschichte ausgemalt. Natürlich wurden dann die Vorstellungen der späteren Zeit auf diese schon weit entlegene Vergangenheit übertragen, und die unkritische Benutzung solcher Quellen trägt einen großen Theil der Schuld an den falschen Ansichten, welche bis auf die jüngste Zeit über die Zeit der Merowinger herrschend waren.

Der 5. Ausgabe dieses Buches war ein alphabetisches Verzeichniß aller dieser Legenden mit möglichst vollständigem Nachweis der Litteratur, von Br. Krusch, beigegeben; schon ein Blick darauf genügt, um zu zeigen, wie fern die große Mehrzahl unserm Zwecke liegt, während allerdings für vollständige Durchforschung der Merowingerzeit alle wenigstens geprüft werden müssen. Auch für die MG. kann nur eine Auswahl in Betracht kommen, und jede Berührung zeigt, wie viel hier noch für die Kritik zu thun ist. Br. Krusch hat die von Venantius Fortunatus herrührenden Legenden herausgegeben und die ihm fälschlich zugeschriebenen damit verbunden; SS. Meroving. II blieb noch Raum für die Heiligen, welche der königlichen Familie angehören. Derselbe ist gegenwärtig mit systematischer Durchforschung des übrigen Vorraths beschäftigt, und bevor die Ergebnisse dieser außerordentlich großen und mühsamen Arbeit bekannt werden, ist es besser, sich auf die Hervorhebung einiger der wichtigsten Heiligenleben zu beschränken.

Eine der geschichtlich wichtigsten, die Vita Vedasti († 540) ist schon oben [S. 97] erwähnt; das Leben von Chlodwigs Gemahlin Chrothildis[2] († 548) ist aus den Gestis Francorum geschöpft, kaum vor dem zehnten Jahrhundert geschrieben und geschichtlich unbrauchbar. Von Chlodovald (Saint Cloud, † c. 550), einem Sohne Chlodomirs, den seine Großmutter vor dem Schicksal seiner gemordeten Brüder bewahrte und der dann ein frommer Priester wurde, giebt es eine ganz aus Gregor geschöpfte Lebensbeschreibung; eine zweite, im zehnten Jahrhundert in St. Cloud verfaßte[3] ist werthlos. Nicht so inhaltlos, wenn auch hauptsächlich Wundergeschichten berichtend, ist das von Fortunat beschriebene Leben des Bischofs Germanus von Paris[4] († 576). Des Lebens der h. Radegunde († 587) wurde schon oben [S. 92] gedacht. Von der Passio des Bischofs Desiderius von Vienne († 608) ist erst kürzlich die älteste Fassung aus dem siebenten Jahrhundert bekannt geworden[5]. Durch ziemlich gleichzeitige Entstehung und noch unverfälschte Ueberlieferung ausgezeichnet ist die erst kürzlich wieder aufgefundene älteste Lebensbeschreibung des Bischofs Gaugerich von Cambrai († zw. 623 u. 629), welche manche culturgeschichtlich wichtige Züge und auch geschichtlich brauchbare Nachrichten bietet[6]. Arnulf und Gertrud werden weiter unten noch zu erwähnen sein. Zu den geschichtlich wichtigsten gehört wegen der Gleichzeitigkeit und der hervorragenden Bedeutung des Mannes das Leben des Bischofs Desiderius von Cahors († 654)[7].

Von ausgezeichnetem Werth sind die Lebensbeschreibungen von drei Männern, welche in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts auch politisch bedeutend hervortreten, Eligius (St. Eloy, † zw. 659 und 665), zuletzt Bischof von Noyon, besonders hervorragend als kunstreicher Goldschmidt, und deshalb auch Schutzpatron dieser Künstler[8], Audoenus (St. Ouen, † 683), Bischof von Rouen, sein Freund und Biograph[9], Leodegar (St. Léger, † 678), Bischof von Autun[10], nur ist der kritische Zustand dieser Werke bis jetzt noch ein wenig befriedigender. Zu diesen nicht gering zu schätzenden Leistungen des siebenten Jahrhunderts gehört auch noch das Leben der Balthildis, der Gemahlin Chlodwigs II[11] († c. 680), der Stifterin von Corbie an der Somme und von Chelles, wo wahrscheinlich diese Schrift zur Feier ihres Andenkens verfaßt ist. Wie elend dagegen das in viel späterer Zeit im Kloster Sathonay geschriebene Leben Dagoberts III[12] († 716), den aber der Verfasser für den Zweiten hält, ausgefallen ist, das möge man in dem Vorwort von Krusch nachlesen. Es hat nur dadurch eine relative Bedeutung, dass es von Theofrid von Echternach und von Alberich als Quelle benutzt worden ist. In Betreff des Lebens der h. Odilia († c. 720) ist nur zu warnen vor den als Fragmente eines angeblich ältesten Lebens veröffentlichten Fragmenten, welche eine Fälschung Vigniers sind, während die echte Vita doch auch nicht älter als das zehnte Jahrhundert ist und geringen Werth hat[13]. Von den Lütticher Heiligen Hubert und Lambert wird weiter unten die Rede sein.

Zunächst aber wollen wir uns hier noch einer Betrachtung derjenigen Legenden zuwenden, welche eine nähere Beziehung auf Deutschland haben und die erneute Pflanzung des Christenthums auf deutschem Boden berühren.

Die Franken haben sich damit nicht viel befaßt; es kümmerte sie wenig, daß so viele ihrer Landsleute noch Heiden waren; im alten Frankenlande an der Schelde fand noch im siebenten Jahrhundert Amandus viel Heidenthum auszurotten[14]. War doch bei den christlichen Franken selbst nicht viel mehr als die äußere Form der Rechtgläubigkeit übrig geblieben; fromme Männer fanden zu Hause Spielraum genug für ihre Thätigkeit. Die Mission finden wir daher in diesen Jahrhunderten fast ausschließlich in den Händen Schottischer, d. h. nach dem Sprachgebrauch des früheren Mittelalters Irländischer Mönche, welche damals alle Länder durchzogen. In dieser Insel, welche allein ihre keltische Bevölkerung ungemischt bewahrt hatte, die allen fremden Welthändeln ferne lag, war das Christenthum mit dem hingebendsten Eifer aufgenommen worden, und hier war bald nicht nur die strengste, mönchische Frömmigkeit, sondern auch eine ernstliche wissenschaftliche Thätigkeit zu Hause; während im ganzen Abendland die gelehrte Bildung unterzugehen und zu verschwinden drohte, fand sie hier sorgsame Pflege[15] freilich nur im Dienste der Kirche. Man schrieb die heiligen Schriften ab, man lernte, um sie zu verstehen, lateinisch und griechisch, man beobachtete die Sterne, um die kirchlichen Feste berechnen zu können, man übte die Musik für den Gottesdienst, baute Kirchen und Glockenthürme, man schmückte die Bücher der Kirchen mit kunstreicher Malerei und ihre Altäre mit köstlichen Gefäßen. Doch auch die profanen Schriftsteller erschienen hier nicht, wie in Italien, gefährlich; freilich sind die Columban zugeschriebenen Gedichte, worin die alten Dichter viel benutzt und angeführt werden, von zweifelhafter Echtheit. Vorzugsweise aber äußerte sich die Frömmigkeit dieser Mönche in weiten Pilgerfahrten, in dem Verlassen der Heimath, um in entlegener Fremde als Einsiedler zu leben oder Klöster zu gründen, um unter Christen und Heiden das Evangelium zu predigen[16]. Das Frankenreich war erfüllt von ihnen: was gäben wir darum, wenn sie aufgeschrieben hätten, was sie sahen; wenn sie uns über ihre Thätigkeit und ihre Schicksale zuverlässige Berichte hinterlassen hätten! Allein das lag ihnen ferne; sie, die Meister im Schreiben, hatten für geschichtliche Aufzeichnungen keinen Sinn, und nur wo sie so bedeutend wirkten, daß dauernde Gründungen ihr Gedächtniß bewahrten, hat ihr Andenken sich erhalten. Aber in völlig nebelhaften Umrissen würde ihr Bild uns verschwimmen, wenn nicht glücklicher Weise einer von ihnen, und wohl von allen der hervorragendste, in Italien einen Biographen gefunden hätte. Das ist S. Columban, der Stifter von Bobio[17].

Nach der Gewohnheit dieser Schottenmönche zog Columban, gebürtig aus Leinster, gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts[18] mit zwölf Gefährten aus von dem Kloster Benchuir oder Bangor; staunend und tief ergriffen lauschte das Volk im Frankenreiche ihrer feurigen Beredsamkeit, die entartete Geistlichkeit aber scheute die strengen Bußprediger und fürchtete ihren Einfluß auf die Menge. Die Könige dagegen nahmen sie willig auf, ihr Eifern gegen die ganz verfallene Kirchenzucht war ihnen willkommen und auf Childeberts Wunsch ließ Columban sich mit seinen Begleitern in den Vogesen nieder; zahlreiche Schüler strömten ihnen zu, und bald erhoben sich Klöster in der Wildniß, vor allem Luxeuil. Es waren dies nicht großartige Gebäude, wie in der späteren Zeit, sondern wie einst S. Severins Ansiedelungen Haufen unscheinbarer Hütten, in deren Mitte eine kleine Kirche sich erhob; neben ihr der runde Thurm, der die Glocken trug, und im unteren Geschoß, von der Erde nur auf Leitern zugänglich, eine Zuflucht in Zeiten der Gefahr darbot.

Aber Columbans Feuereifer schonte auch der Könige nicht; keine menschliche Rücksicht konnte ihn bestimmen, zu dem sittenlosen Treiben des burgundischen Hofes zu schweigen, und furchtlos trat er den Ausschweifungen Theuderichs entgegen. Den Bischöfen war er längst zuwider; schon die bloße Anwesenheit dieser Mönche im Lande veranlaßte zu Vergleichungen ihres ascetisch strengen Lebens mit dem lockeren Wandel der merowingischen Prälaten. Die Abweichung der irischen Kirchengewohnheiten von den gallischen und die Unabhängigkeit der Klöster von bischöflicher Aufsicht, welche nach irischer Weise in Anspruch genommen wurde, boten eine Waffe dar; man erklärte sie für ketzerisch, und so vertrieb denn endlich um 610 Brunhilde, deren Zorn er verachtet hatte, den Columban sammt seinen Genossen. Ueber Nantes sollten sie nach Irland geschafft werden, aber ein Sturm warf sie wieder an die Küste; Chlotar II und Theudebert nahmen sie ehrfurchtsvoll auf; hier wählte er zu seinem Aufenthalt Bregenz in Alamannien, wo ungeachtet der Frankenherrschaft und der Bestimmungen des Volksrechts doch das Heidenthum noch stark war. Drei Jahre lang blieb Columban zur Bekämpfung desselben in Bregenz. Dann aber verließ er das Frankenreich gänzlich und wanderte in das Langobardenreich, wo Theudelinde, die Freundin Gregors des Großen, ihn mit Freuden aufnahm. Hier stiftete er nun das Kloster Bobio zur Vertilgung der Reste arianischer Ketzerei, und noch jetzt zeigen die zerstreuten Handschriften dieses Klosters die alten irischen Schriftzüge und Erinnerungen an die Heimath wie die Versiculi familiae Benchuir[19]. Mit vollem Eifer überließen sie sich hier ihrer Lieblingsneigung zum Schreiben, die unverständlich gewordenen Ueberbleibsel der gothischen Litteratur und Fragmente von alten Prachthandschriften der Klassiker benutzten sie, um auf das reingewaschene Pergament die Werke der rechtgläubigen Kirchenväter zu schreiben[20]. Sie retteten jene Pergamentblätter dadurch vom Untergang, und es war auch nicht etwa ein fanatischer Haß gegen die heidnischen Schriftsteller, welcher sie zur Vertilgung derselben antrieb. An Handschriften derselben war damals noch kein Mangel, und sie selber benutzten dergleichen zur Erlernung der Sprache; finden wir doch unter den Schulbüchern zu Bobio auch den Ovid.

Am 21. November, wahrscheinlich im J. 615, ist Columban gestorben. Drei Jahre nach seinem Tode kam Jonas aus Susa in das Kloster Bobio. Dieser beschrieb zuerst, noch auf Veranlassung des Abtes Bertulf, das Leben des Columban, welchem er das Leben seiner Schüler Eustasius und Attala, die ebenfalls als Missionare von Luxeuil ausgingen, folgen ließ; dann des Bertulf, Abtes von Bobio, und der Burgundofara, welche Columban zur Nonne geweiht hatte. Jonas verräth seine italische Herkunft und den Unterricht der Grammatiker durch seine unerträglich schwülstige Schreibart, aber er hat uns außerordentlich schätzbare Nachrichten aufbewahrt. Auf den Wunsch der Königin Balthilde ist er, der inzwischen irgendwo Abt geworden war, auch nach Chalon-sur-Saone gekommen, und hat im Nov. 659 im Reomaenser Kloster auf Verlangen des Abts das Leben des 540 gestorbenen Gründers des Klosters Johannes beschrieben[21].

Einer von jenen ursprünglichen zwölf Gefährten, die mit Columban von Bangor auszogen, war Gallus, in älterer Form Callo, Gallunus, der in Alamannien zurückblieb, als sein Meister über die Alpen zog, und zuerst die Bekämpfung des Heidenthums am Bodensee fortsetzte, später aber als Einsiedler in das wildeste Gebirge sich zurückzog, wo er um die Mitte des siebenten Jahrhunderts gestorben ist. Als dann nach seinem Tode das Grab des Heiligen immer häufiger von irischen Pilgern aufgesucht wurde und immer mehrere von ihnen, sowie auch von den Alamannen, sich hier niederließen, erwuchs aus dem unscheinbarsten Anfang das Kloster St. Gallen, und so wie die kleine Zelle des Gottesmannes der Kern und Anfang dieser reichen Stiftung ist, so schloß sich in gleicher Weise an die Lebensbeschreibung des Stifters[22] die später so bedeutende Litteratur von St. Gallen. In ihrer ursprünglichen Form ist uns diese aber nicht erhalten; sie war nach einer alten Aufzeichnung a Scotis semilatinis corruptius scripta, und enthielt nach Walahfrids Zeugniß häufig die Form Altimannia, welche in der uns erhaltenen ältesten nicht vorkommt[23]. Der Verfasser dieser Biographie war ein Alamanne, welcher die alte barbarisch geschriebene überarbeitet hat; sein Name ist uns aber erst jetzt bekannt geworden[24], indem Fr. Bücheler in dem unglaublich barbarischen metrischen Prolog das Acrostichon erkannte: Cozberto patri Wettinus verba salutis. Wetti also ist es, der 824 nach seiner bekannten Vision gestorben ist, und dem Abt Gozbert (816-837) sein Werk widmete. Es ist daher noch bedeutend jünger als man früher annahm, wenn man auch schon erkannt hatte, daß es erst nach 771 geschrieben war. Mancher merkwürdige, namentlich culturgeschichtlich bedeutende Zug ist darin aufbewahrt, aber erst fast zwei Jahrhunderte nach dem Tode ihres Helden geschrieben, darf diese Biographie, wenn auch eine alte Grundlage vorhanden war, doch nur mit Vorsicht benutzt werden. Vorzüglich auf die Wunder, überhaupt aber auf Verherrlichung des Stifters ist das Bestreben des Verfassers gerichtet; im Anfang benutzt er das Leben Columbans, später nur die Tradition nicht ohne erhebliche chronologische Verstöße. Seine Sprache zeigt gegen die frühere Zeit einen erheblichen Fortschritt, doch ist sie für karolingische Zeit recht roh und fehlerhaft; hin und wieder fällt rhythmischer Klang mit Reimen auf.

Von Columbans Stiftung Luxeuil ging auch das Kloster Granval im Baseler Sprengel aus, und das Leben des ersten Abtes Germanus[25], der um die Mitte des siebenten Jahrhunderts erschlagen ist, wurde bald nachher von Bobolen beschrieben.

Noch andere Klöster Alamanniens und des Elsasses führten ihren Ursprung auf irische Mönche zurück und haben es auch nicht an Lebensbeschreibungen ihrer Stifter fehlen lassen, die aber erst später entstanden und völlig unbrauchbar sind. Merkwürdig ist, daß man in späterer Zeit in diesen Gegenden so gewohnt war, die Begründer der Klöster aus der merowingischen Zeit als Schotten zu betrachten, daß man sie in den Legenden unbedenklich dafür ausgab, wenn auch gar kein Grund dazu vorhanden war; auch Franken, wie Arbogast[26], Trudpert und Landelin[27], erscheinen da als Schotten, und sogar S. Rupert, der Apostel der Baiern, wird ihnen zugezählt.

Freilich sind in Baiern ebenfalls Schotten thätig gewesen, obwohl hier die namhaftesten Missionare Franken waren. Die Kirchengründungen aber entstanden nach irischer Weise in der Form von Klöstern, deren Aebte auch zugleich das bischöfliche Amt verwalteten. So war es in Salzburg, Regensburg und Freising, und die Rivalität zwischen den Bischöfen und den Klöstern von St. Emmeram und St. Peter zieht sich fort bis in die neueste Zeit.

Es ist kaum glaublich, daß nicht im Laufe des siebenten Jahrhunderts einzelne Missionare, Franken und Iren, in Baiern sollten thätig gewesen sein; das Christenthum war äußerlich durch die Frankenkönige eingeführt, aber wenig ins Volk eingedrungen und nach der Lockerung des staatlichen Bandes völlig verfallen, die Herzogsfamilie selbst, heißt es, ungetauft[28]. Da berief der Herzog Theodo i. J. 696 den Bischof Rupert von Worms zu sich, um das kirchliche Wesen einzurichten[29]. Er wurde der Begründer des nun fest und bleibend gepflanzten Christenthums in Baiern, der Stifter von St. Peter in Salzburg, von wo sein Nachfolger Virgil (743 als Abt, als Bischof 767 bis 784), ein Irländer, das Evangelium auch zu den karantanischen Slaven trug[30].

Auch ein fränkischer Bischof, Emmeram von Poitiers, verließ, vermuthlich im Anfang des achten Jahrhunderts, seine Heimath, um auf diesem Felde zu wirken, und sein Grab wurde der Grundstein der Regensburger Kirche; Corbinian, ebenfalls ein Franke, legte den Grund zu der Freisinger Kirche.

Unsere Nachrichten über diese Begebenheiten sind aber leider sehr unzulänglich; für den zuverlässigsten galt der kurze Bericht über S. Rupert, welcher den Eingang der Schrift über die Bekehrung der Baiern bildet, ihm schienen alte Aufzeichnungen zu Grunde zu liegen[31]. Und diese, nämlich die ursprüngliche Form der Vita, glaubte Franz Martin Mayer in einer Grazer Hs. gefunden zu haben, worin freilich von Sprache und Stil des 8. Jahrh. nichts zu spüren ist[32]. Hiergegen aber hat sich J. Friedrich erhoben[33], und aus alten Salzburger liturgischen Büchern nachgewiesen, daß man noch lange im 9. Jahrh. kein Leben Ruperts besaß und daß man den 24. Sept. als seinen Todestag feierte[34]. Nur durch ein Mißverständniß hielt man später den Sonntag, an welchem er gestorben, für den Auferstehungstag. Die Grazer Vita erklärt Friedrich für die aus der Conversio entnommenen Lectionen, beiden aber spricht er allen historischen Werth ab, worin er denn doch wohl etwas zu weit gehen möchte. Denn so frei man auch in der Ausschmückung, ja Erfindung von Legenden verfuhr, man machte doch nicht leicht seinen Heiligen zum Bischof von Worms und setzte seine Ankunft in ein bestimmtes Jahr eines ganz verschollenen Königs, wenn dafür nicht Notizen vorlagen.

Die Legenden von Emmeram[35] und Corbinian[36] sind zuerst vom Bischof Aribo von Freising[37] (764-783), letztere auf Ansuchen des Bischofs Virgil von Salzburg, nach der mündlichen Ueberlieferung verfaßt und von sehr geringem Werthe. Ein anstößiger Umstand darin ist die Reise der beiden Missionare nach Rom; denn erst die Angelsachsen hielten es für nothwendig, sich von dort die Vollmacht zur Missionsthätigkeit zu holen, während vorher den Franken wie den Iren ein solcher Gedanke ganz fern lag, ja selbst Bonifaz noch zu seiner ersten Mission unter den Friesen eine solche Vollmacht nicht eingeholt hat. Später aber galt diese Erlaubniß für so unerläßlich, daß die Legendenschreiber sie auch für die ältere Zeit ganz unbedenklich als selbstverständlich annahmen. Sie erzählen daher eine solche Reise als Thatsache, und nennen den Pabst, der nach ihrer Berechnung der Zeitverhältnisse damals regiert hatte. Die neueren Gelehrten haben dann wieder umgekehrt nach dem Namen des Pabstes die Zeit des Heiligen bestimmt und dadurch die Verwirrung vollständig gemacht; ein Fehler, von dem auch Rettberg nicht frei ist. Daß die Sache sich aber wirklich so verhielt, zeigt sich deutlich an den Legenden, die in ihrer älteren noch erhaltenen Form nichts von einer solchen Reise nach Rom wissen, während sie in den späteren Bearbeitungen eingeschoben ist. Das ist der Fall bei dem heiligen Patricius, bei S. Rupert; auch Gregor von Tours läßt sein späterer Biograph nach Rom reisen.

Denselben Umstand finden wir auch im Leben des heiligen Kilian[38], des ersten bekannten Missionars unter den Ostfranken. Auch er war gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts mit mehreren Begleitern aus Irland gekommen, und seine Wirksamkeit ist bezeugt durch die hohe Verehrung seines Namens; wie an S. Gallus Grabe, so scheinen sich auch in Würzburg seine Landsleute zahlreich eingefunden zu haben, und noch jetzt finden wir ihre Spuren in den irischen Schriftzügen der dortigen Handschriften. Die Lebensbeschreibung aber ist erst im zehnten Jahrhundert verfaßt und fast ganz werthlos.

Diese irischen und fränkischen Missionare bereiteten den Boden vor für die Angelsachsen, mit deren Auftreten ihr Stern erlischt. Ihre Pflanzungen waren zu vereinzelt, um sich erhalten zu können, es fehlte ihnen die feste Organisation, durch welche jene so stark waren, und die vereinzelten Mönche konnten sich von Entartung und Verwilderung nicht freihalten. Ihre Eigenthümlichkeiten in Lehre und Gebräuchen brachten sie bald in Streit mit den Angelsachsen, und es ist ferner nicht mehr die Rede von ihnen. Nur als Pilger erscheinen sie noch, geschätzt wegen ihrer strengen Entsagung, wegen ihrer Fertigkeit im Schreiben, und häufig auch noch wegen ihrer Gelehrsamkeit; aber als Missionare finden wir sie nur zur Zeit der Merowinger genannt.

Geschichtliche Nachrichten aus dieser Zeit haben sie selbst uns durchaus nicht überliefert; man sollte meinen, daß ihnen der Sinn für historische Aufzeichnung der Begebenheiten gänzlich fehlte. In der Heimath aber verfaßten sie doch Jahrbücher, deren Anfänge sehr alten Zeiten zugeschrieben werden, und sie mögen wohl nicht ganz ohne Einfluss auf die Entstehung der jetzt im Frankenreiche aufkommenden Klosterannalen gewesen sein, da wir an der Spitze derselben hin und wieder irische Namen finden, doch ist eine irgend erhebliche Betheiligung von Schottenmönchen an den weiteren Aufzeichnungen nicht nachweisbar. Andere Annalen gehen auf Lindisfarne zurück, eine britische Stiftung in England; aber diese sind nicht unmittelbar, sondern über Canterbury ins Frankenreich gekommen, wie denn überhaupt diese Annalen von den Angelsachsen, nicht von den Irländern ihren Anfang nehmen.

Die Schotten stehen in der genauesten Beziehung zu der alten fränkischen Kirche, und gehören mit dieser wesentlich der merowingischen Periode an; sie haben manche Keime gelegt und anregend gewirkt, aber eine neue frische Entwickelung war im merowingischen Reiche und auf dem alten Boden nicht mehr möglich; schon in den letzten Zeiten der Merowinger knüpft sich alles wirklich lebensfähige an das neue Geschlecht der Arnulfinger, und wir beginnen deshalb mit seinem Auftreten einen neuen Zeitraum.


[1] Vgl. Brosien, Quellen Dagoberts S. 47 ff.

[2] SS. Meroving. II, 341-348.

[3] ib. 349-357.

[4] Auctt. antt. IV, 2, 11-27.

[5] Anal. Bolland. IX. fasc. 3.

[6] Analecta Bolland. VII, 387, vgl. Krusch, NA. XVI, 225-234.

[7] Labbe, Bibl. nova I, 699 u. App. vgl. Krusch, Forsch. XXII, 466.

[8] D'Achery Spicil. V, 156. Hall. Diss. v. O. Reich, 1872. Uebers. im Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 160-173.

[9] Acta SS. Aug. IV, 805, vgl. NA. XII, 603. Verse zu einem Lobe von seinem Nachfolger Ansibert NA. XIV, 171.

[10] Ueber das Bruchstück einer gleichzeitigen Vita, die Fälschungen des Ursinus, die Compilation des Anonymus aus beiden, Krusch, NA. XVI, 563-596. Die Vita metrica (nicht von Walahfrid) Poet. Lat. III, 1-37. Uebers. des Anon. Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 141-156.

[11] SS. Meroving. II, 475-508. Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 157-159.

[12] ib. S. 509-524.

[13] Vgl. NA. XVII, 223.

[14] Ueber ihn und seine Biographen Baudemund und Milo s. Rettberg I, 554. Brosien S. 49.

[15] Eine seltsam sagenhafte Aufzeichnung in einem Leidener Cod. s. XII läßt die röm. Lehrer vor den Hunnen und andern Barbaren nach Irland flüchten, mitgeth. v. Luc. Müller, Neue Jahrbb. f. Philol. XCIII, 389.

[16] Vgl. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen Manuscripten der schweizerischen Bibliotheken (Mittheilungen der Antiquarischen Gesellsch. in Zürich VII, 3) 1851. Wattenbach, die Congregation der Schottenklöster in Deutschland, in der Archäologischen Zeitschrift von Otte und von Quast, Heft 1 und 2. Hauréau. Écoles d'Irlande, Singularités hist. (1861) p. 1 bis 36. Arbois de Jubainville, Introduction à l'étude de la litt. Celtique. Die seltsamen Ansichten Ebrards über die Culdeer in der Zeitschr. f. hist. Theol. XXXII u. XXXIII (Die Irische Missionskirche 1873. Bonifatius, der Zerstörer des Columbanischen Kirchenthums auf dem Festlande, 1882) kann ich nur erwähnen, um davor zu warnen. Hier ist Friedrichs Polemik durchaus zutreffend. Auch O. Reich bekämpft sie. Jetzt kann verwiesen werden auf Loofs, Antiquae Britonum Scotorumque ecclesiae quales fuerint mores etc. Lips. 1882. Keledei, verheirathete Anachoreten, kommen erst im 8. Jahrh. auf, nach R. Pauli's Anz. von Skene, Celtic Scotland II, GGA. 1878. S. 1015 ff.

[17] Vgl. Rettberg II, 35. G. Hertel, Ueber des h. Columba (so schrieb er selbst seinen Namen) Leben u. Schriften, bes. über seine Klosterregel. Zeitschr. f. hist. Theol. 1875. III, 396-454. Hauck I, 240-276. Vita S. Columbani auct. Jona abb. Bobiensi, Mab. Actt. II, 5. Im Ausz. übers. von Abel, hinter Fredegar. Daran schließt sich als zweites Buch die V. Attalae abb. Bob. (Mab. II, 123) und Eustasii (S. 116); die Vita Burgundofarae oder Gesta in coenobio Ebroicensi (S. 439) und V. Bertulti abb. Bob. (S. 160). Ueber die aus der Vita Eustasii schöpfenden Biographen des Agilus und der Salaberga s. Büdinger, SB. der Wiener Akad. XXIII, 372-383. Brosien S. 51. Columbans Schüler, der Ire Deicolus, stiftete Lutra (Lure oder Saint-Diey), welches nach gänzlichem Verfall mit Otto's I Hülfe hergestellt wurde durch Baltram, dem sein Neffe Werdolf folgte (Dümmler Otto I S. 309). Dieser veranlaßte die Aufzeichnung der Vita S. Deicoli, Acta SS. Jan. II, 199 bis 210. Mab. II, 102-116. Weil Lutra an Waldrada gekommen war, finden sich darin sagenhafte Nachrichten über Lothar II. — Versus de Bobuleno abbate, einen alphabetischen Rhythmus auf Bertulfs Nachfolger in Bobio, nicht gleichzeitig u. ohne viel Inhalt, hat Dümmler herausgegeben, NA. X, 334.

[18] Im J. 590 nach G. Hertel, Anm. z. Gesch. Columba's, Zeitschr. f. Kirchengesch. III, 145-150. — Ueber C. Briefe s. Krusch, NA. X, 84-88; Gundlach ib. XV, 497-526; Seebass ib. XVII, 243-259 u. Entgegnung v. Gundlach S. 425-429. — E. Dümmler, NA. X, 190, wo er das Ruderlied En silvis caesa herausgiebt, vermuthet einen jüngeren irischen Dichter Columban, spätestens aus der ersten karoling. Zeit, der mit Horaz und Vergil vertraut war. Manitius, Gesch. d. christl. lat. Poesie, S. 390 für unsern Columban.

[19] In dem Antiphonarium monasterii Benchorensis, ed. Muratori, Anecdota Bibl. Ambros. IV, 121-159 (Verbesserungen von A. Peyron, Ciceronis Orationum Fragmenta, 1824, Anhang S. 224-226). Vgl. Manitius S. 482. Bei demselben Antt. III, 817 der wichtige Catalog der Bob. Bibliothek saec. X. Sacramentarium Gallicanum aus Bobio in Halbuncialschrift saec. VII, ed. Mabillon, Mus. Ital. I, 2, 273-397. Von Luxeuil aus ist c. 657 Corbie durch die Königin Balthilde gestiftet, daher Notizen von dort im Calend. Corbeiense, gedr. NA. X, 91.

[20] Möglich, daß Columban selbst noch die arianischen Schriften sammelte, um sie zu widerlegen, wie Krafft, De fontibus Ulfilae Arianismi p. 18-20 annimmt, weil alle gothischen Reste von da stammen. Ob man sie aber damals noch verstand? Nicht lange nachher begann man sicher zu rescribiren. Ebrard in der Zeitschr. f. hist. Theol. XXXII, 403 giebt die merkwürdige Inschrift des Cod. Erlang. von Hieron. de viris ill. (mit dem üblichen Lesefehler quum st. quoniam), wonach es scheint, als sei unser Text durch Columban aus einer beschädigten Handschrift auszugsweise hergestellt.

[21] Vita S. Johannis Reomensis. Nach Fr. Stöber, Wiener SB. CIX, 319-398 ist es die unvollständig erhaltene des cod. Fossatensis, die anderen Versionen jüngere Bearbeitungen. Das. S. 330 (gegen A. Jahn) der Nachweis, dass die V. Romani abb. Jur. keine Fälschung, sondern echt und alt ist.

[22] MG. SS. II, 1-21 von Ild. v. Arx nach der von ihm wieder aufgefundenen Handschrift zuerst herausgegeben. Daraus Acta SS. Oct. VII, 860. Vgl. Stälins Wirt. Gesch. II, 167, Rettberg II, 40. Uebersetzung von Potthast, Geschichtschr. 12 (VIII, 1) 1888. Neue Ausg. von G. Meyer v. Knonau, in den Mitth. z. vaterl. Gesch. (S. Gallen 1870) XII, 1-61. Nach einem älteren Irrthum von Arx ist S. 16 die Feldflasche ascopa mit der Reliquiencapsel verwechselt. Der metr. Prolog bei Dümmler, Poet. Carol. II, 476, cf. 701.

[23] S. Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S. 485. Gust. Scherer, Verzeichniß der Handschriften S. 172-175.

[24] Schon Jodocus Metzler vermuthete ihn, doch ohne einen Beweis dafür zu geben; vgl. auch Mab. Anal. IV, 640.

[25] Mabillon, Acta SS. II, 511 aus Acta SS. Feb. III, 263.

[26] Mit Arbogast, Theodat und Hildulf soll Florentius zu Dagoberts Zeit aus Irland gekommen und Bischof von Straßburg geworden sein, das Kloster Haslach gegründet haben. Die Namen sind nichts weniger als irisch, die Legende, deren Wunder von anderen bekannten copirt sind, sehr jung und völlig unbrauchbar. Neue Ausgabe der Vita Florentii bei Ch. Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas de Strasbourg (1860), p. 283. Vgl. Rettberg II, 65. — Ueber das ganz unbrauchbare Leben Trudperts s. [Anm.→2] auf S. 122.

[27] Ich rechnete hierhin früher auch Fridolin, glaube aber jetzt, daß dies ein fränkisch umgemodelter Schottenname ist, da es von Columban Verse an einen Fedolius giebt, und auch Petrus Damiani Opp. II, 9 den Fredelinus in Poitiers als Schotten bezeichnet. Die Legende (Mone, Quellens. I, 1-16, alte Uebers. 99-111) aber gewinnt dadurch wenig, sie soll von Balther, einem Seckinger Mönch in einem unfindbaren Kloster Helera ad Musellam, auch einer Stiftung Fridolins zu Ehren des h. Hilarius, entdeckt und wegen Mangels an Pergament und Dinte auswendig gelernt, dann in Seckingen aufgeschrieben und mit einem zweiten Theil aus localer Tradition versehen sein. Ich kann darin nur eine Erfindung sehen, wie sie ähnlich auch sonst zur Einführung erdichteter Legenden vorkommen, und halte auch Balthers Namen und die Widmung an einen Notker für Fiction. Vgl. Rettberg II, 29. Stälin I, 166. — Von den Versuchen, die Legende ganz oder theilweise zu retten, erwähne ich Lütolf: Die Glaubensboten der Schweiz vor Gallus (Luc. 1871), S. 267 ff. Die Erwähnung einer Vita Fredelini in Poitiers bei Petrus Dam. Opp. II, 9, worauf hier Gewicht gelegt wird, ist merkwürdig; aber was von diesem gesagt wird, stimmt wenig zu unserer Legende. Seine Existenz und Herkunft sind allerdings jetzt besser festgestellt. Gegen G. Heer, der einen hist. Kern retten will (NA. XIV, 627), G. Meyer v. Knonau im Anz. f. Schw. Gesch. 1889, S. 377.

[28] Vgl. S. Riezler: Ueber die Entstehungszeit der Lex Bajuwariorum, Forsch. XVI, 409-446.

[29] Vgl. die Abhandlung von Blumberger: Ueber die Frage vom Zeitalter des heiligen Rupert, im Archiv der W. Ak. X, 329-368. Gegen die immer wiederholten Bemühungen, Rupert dem 6. Jahrh. zuzuweisen, habe ich mich in den Heidelb. Jahrbb. 1870 S. 24 ausgesprochen; mir zustimmend Riezler a. a. O. S. 418; auch Zillner, Streifzüge, in den Mitth. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde 1878. Vgl. auch Hauck I, 337-342.

[30] Die Nachricht aus irl. Annalen von einem Fergil oder Feirgil, genannt der Geometer, der Abt von Aghaboe gewesen war, und im 30. Jahre seiner Bischofswürde in Deutschland 789 gestorben, ist ungenau. Zimmer, NA. XVII, 211.

[31] MG. SS. XI, 4. 5. Doch konnte ich dem von Büdinger Oest. Gesch. I, 101 geltend gemachten Grunde für die Abfassung des ersten Theils unter Virgil nicht beistimmen. Auch hat Blumberger: Ueber die Frage, ob der heilige Rupert das Apostelamt in Baiern bis an sein Lebensende geführt habe, im Archiv der Wiener Akademie XVI, 225-238, mich nicht von Ruperts Rückkehr nach Worms überzeugt, da es mir unglaublich ist, daß die Translation der Gebeine vergessen oder unerwähnt geblieben sein könnte. Andere Gründe dagegen bei Al. Huber: Das Grab des h. Rupert, Arch. d. W. A. XL, 275-321. — Unbrauchbar ist das nach der Elevation von 816 geschriebene Leben Trudperts, den man wohl nur wegen der Aehnlichkeit des Namens zu einem Bruder Ruperts machte, bei Mone, Quellens. I, 19. Vgl. Stälin I, 167. Rettberg II, 48. Potthast S. 913. Facs. aus den Actis bei Herrgott, Geneal. I, p. XVIII.

[32] Die Vita S. Hrodberti in älterer Gestalt. Arch. d. W. Ak. LXIII, 595 bis 608. Hauck II, 380 für Veranlassung dieser Vita durch Virgil. [←]

[33] Münch. SB. 1883. S. 509-547.

[34] So auch in dem aus Regensburg stammenden Veroneser Sacramentar (Saltisburgo). Delisle, Sacram. p. 194.

[35] Acta SS. Sept. VI, 474. Vgl. Rettberg II, 189. Hauck I, 342. Nach Hugo Graf Walderdorff, Regensburg (3. Aufl.) S. 137, ist die ursprüngliche Form Heimraban, in einem Kalend. saec. VIII. Emhram. Vgl. Riezler, Forsch. XVIII, 528, über den Ort seines Todes. Neue Ausg. v. B. Sepp, Anal. Bolland. VIII, 211-240 u. Sep. Ausg. 1890. Nach Riezler muss es eine Ueberarbeitung sein.

[36] Meichelbeck Hist. Fris. I, 2 p. 3. Acta SS. Sept. III, 281. Vgl. Rettberg II, 213, Hauck I, 345, und über beide M. Büdinger, Zur Kritik altbaier. Geschichte, Wiener SB. XXIII. Darin wird auch die früher herrschende Ansicht von der Anwesenheit des Eustasius und Agilus in Baiern bekämpft, welche jetzt G. Waitz, Gött. Nachr. 1869 S. 136, Friedrich, Münch. SB. 1874, I, 358, Riezler, Forsch. XVI, 417, wieder in Schutz nehmen. Büd. Oest. Gesch. I, 85, 94, und über Aribo S. 141. Aelteste Form der V. Corbiniani im Cod. Mus. Brit. 11880, her. von Riezler, Abh. d. Münch. Akad. III. Cl. XVIII, 1 (1888). Die Bearbeitung ist nach ihm wahrscheinlich von Hrotrohc, einem Mönch von Tegernsee, dem eine V. Corb. zugeschrieben wird, saec. IX. X. Vgl. auch Dr. David Schönherr: Ueber die Lage der angeblich verschütteten Römerstadt Maja, Innsbr. 1873. Corpus Inscr. Lat. III, 707. V, 543.

[37] Er nennt sich auch Cyrinus nach der Deutung des Namen Cyrus als haeres bei Hieronymus de nominibus Hebraeorum.

[38] Canis III, 1, 180. Mab. II, 991. Acta SS. Jul. II, 612. Vgl. Stälin I, 167. Rettberg II, 303. Das älteste Zeugniß für Kilians Martyrium ist im Necrolog. Wirzib. s. IX. bei Eckhardt, Comm. de or. Francia I, 831. Dümmler, Forsch. VI, 116. 118. Piper, Karls d. Gr. Kalend. S. 26. Ueber die in Kilians Grab gefundene Bibel in Uncialschrift Eckhardt Franc. Or. I, 451, Schepss, Die ältesten Evangelienhss. der Univ.-Bibl. (1887) S. 6. Facsim. bei Zangemeister u. Wattenbach, Exempla tab. LVIII. Irische Handschriften in Würzburg: Archiv VII, 106; Catalogue of Manuscripts in the British Museum, New Series I. 1843 fol. Tab. 1, 3; Zeuß, Grammatica Celtica, p. XX.