II. Die Karolinger.
Vom Anfang des achten bis zum Anfang des zehnten Jahrhunderts.
§ 1. Neue Anfänge der Geschichtschreibung. Fredegars Fortsetzer. [[←]]
Ausgaben mit Fredegars Chronik. Uebersetzung von O. Abel ebend. und von 735 an bei Einhards Annalen; vereinigt u. nach der neuen Ausg. v. Krusch berichtigt 1888. — Cauer, De Carolo Martello, Berl. 1846. Breysig, De continuato Fredegarii scholastici chronico, Berl. 1849. Oelsner, De Pippino rege, Vratisl. 1853. p. 24-34 De Chronico Fredegarii continuato. Breysig, Karl Martell S. 112. Hahn, Einige Bemerkungen über Fredegar, Arch. XI, 805-840. G. Monod, Revue crit. 1873, I, 153. Br. Krusch, NA. VIII, 495-515.
Das Haus der Karolinger bewies von Anfang an seine Berechtigung zur Herrschaft dadurch, daß es allein im Stande war, das Reich herzustellen, dem weit vorgeschrittenen Verfall Einhalt zu thun und auf neuen Grundlagen ein neues Zeitalter zu begründen. Auch das Wiedererwachen der Geschichtschreibung knüpft sich an sein Auftreten: mit dem Jahre 687, mit dem entscheidenden Siege Pippins, beginnen die Annalen von St. Amand.
Fredegars Chronik war in Burgund, das Buch von den Thaten der Franken in Neustrien geschrieben, in Austrasien fanden beide ihre letzte Bearbeitung und Fortsetzung. Viel ist über die Beschaffenheit dieser, über die Arbeit der verschiedenen dabei thätigen Personen geschrieben worden; ich halte mich jetzt an die Resultate von Br. Krusch, welcher genauer, als zuvor geschehen war, namentlich auch in Bezug auf die Sprache, die Prüfung durchgeführt hat.
Als unter Pippin das Frankenreich in seiner neuen Gestaltung glänzend befestigt war, unternahm es sein Oheim Childebrand, auch für das dauernde Andenken dieser merkwürdigen Begebenheiten zu sorgen. Er ließ ein Exemplar der alten Chronik des Fredegar sorgfältig abschreiben, aber er oder der von ihm Beauftragte begnügte sich nicht mit einfacher Abschrift: er ließ den Liber generationis weg, und setzte an dessen Stelle den Hilarianus de cursu temporum ein, welchen er in seiner Vorlage an anderm Orte fand, und erweiterte die Stammsage im Hieronymus durch ein Excerpt aus Dares Phrygius. An den Fredegar knüpfte er einen Auszug von cap. 43 bis 52 der Gesta Francorum nebst ihrer 736 geschriebenen Fortsetzung; recht mangelhaft gearbeitet und voll chronologischer Verwirrung, aber bereichert mit Zusätzen, welche das Haus der Arnulfinger hervorheben, während er manches wegließ, was das Haus der Merowinger betraf, das ihn nicht mehr kümmerte; anfangs dürftig, dann von erheblichem Werthe. Das ist die sog. erste Fortsetzung (cap. 1-17) bis zur Mitte von cap. 109, an welche bis cap. 117 incl. die zweite (cap. 18-33) sich reiht, innerhalb welcher stilistische Gründe einen Wechsel des Schreibers (nach cap. 109) annehmen lassen. So weit, bis 752, war unter Childebrands Leitung das Werk geführt, da übernahm dessen Sohn Nibelung[1] die weitere Fortsetzung (cap. 34-54), welche uns in noch schlechterem Latein einen schon ausführlicheren, nach Jahren genau geordneten und wohl theilweise gleichzeitig aufgezeichneten Bericht über die königliche Herrschaft Pippins darbietet.
Als vereinzelte sehr schätzbare Notiz reiht sich an diese Fortsetzer des Fredegar eine Aufzeichnung aus Saint-Denis über die Königsweihe Pippins und seiner Söhne (754) durch Pabst Stephan II[2], welche sich am Schluß einer Handschrift von Werken Gregors von Tours befindet, von anderer Hand mit blasserer Dinte geschrieben und offenbar aus einer älteren Handschrift herübergenommen, und Clausula de Pippino genannt wird[3].
So wie das ganze Reich von den Merowingern an die Karolinger überging, so wurde auch die einzige Chronik der Franken zu einer Familienchronik des karolingischen Hauses. Sie gewinnt dadurch gewissermaßen einen officiellen Charakter und damit eine gewisse Glaubwürdigkeit; andererseits leidet sie aber auch an den Mängeln solcher amtlicher Aufzeichnungen. Je näher die Verfasser den Karolingern standen, je besser sie unterrichtet waren, um so mehr hüteten sie sich auch etwas aufzunehmen, was den Machthabern unangenehm war. Es genügt in dieser Beziehung den einen Umstand hervorzuheben, daß die bedeutenden und gefährlichen Unruhen, welche Grifo, Karl Martels Sohn von der Swanhilde, nach des Vaters Tod erregte, und welche dem Verfasser doch unmöglich unbekannt geblieben sein konnten, hier mit gänzlichem Stillschweigen übergangen werden. Ebensowenig ist andererseits von der ganzen Wirksamkeit des Bonifatius und überhaupt von den kirchlichen Angelegenheiten die Rede. Eine vollständige und unparteiische Uebersicht der Begebenheiten darf man daher bei diesen Fortsetzern des Fredegar nicht suchen[4].
Ebenso wenig unparteiisch, zur Verherrlichung der Arnulfinger geschrieben und namentlich in den ältesten Theilen irreführend, übrigens aber aus guten Quellen geschöpft, reichhaltig auch über Grifo, ist die Geschichte von 687 bis 692, welche den Anfang der Annales Mettenses bildet[5], wo bis 768 eine Compilation aus Fredegar u. a. Annalen sich anschließt. Früher gering geschätzt, ist sie von L. Ranke nachdrücklich in Schutz genommen und ihr Werth ins Licht gestellt[6]. Es kommt hinzu, daß das Fragmentum de Pippino duce[7], welches Bonnell für ein schlechtes Excerpt aus den Mettenser Annalen erklärt hatte, in dem Cod. Arundel. 375 saec. XI. des Brit. Museum aufgefunden ist[8] und, da es nun als Quelle anerkannt ist, ein höheres Alter dieser Darstellung verbürgt.
Natürlich ist es, daß man bei fortschreitender litterarischer Bildung bald sowohl an der rohen Form des Fredegar und seiner Fortsetzer, als auch an dem dürftigen Inhalt dieser Aufzeichnungen Anstoß nahm. Zu Karls d. Gr. Zeit entstand eine Compilation, in welcher die Chronik des Beda verbunden ist mit Zusätzen aus Hieronymus, Orosius, Fredegar und seinen Fortsetzern, den Gestis Francorum und Jahrbüchern, die mit den Lorscher große Aehnlichkeit haben, bis 741. Wir werden auf dieses sowie auf andere ähnliche Arbeiten später zurückzukommen haben.
Mit dem kriegerischen Ruhme vereinigte das karolingische Haus, wie es zu einer hervorragenden Stellung damals fast unerläßlich war, auch den kirchlichen. Klosterstiftungen und klösterlich frommer Lebenswandel schmücken ihren Stammbaum mit Heiligen, wie Gertrud und Begga, und auch dem Ahnherrn, Bischof Arnulf von Metz, wurde mit gutem Recht die dankbare Verehrung der Nachkommen zu Theil. Sein Leben ist auch von einem Zeitgenossen beschrieben worden, und was hier über ihn berichtet wird, ist werthvoll, aber dem Verfasser[9], einem der Mönche, welche den h. Romarich nach Metz begleiteten, als er den weltmüden Bischof 629 nach seiner Einsiedelei in Remiremont abholte, hatte begreiflicher Weise wesentlich den Zweck und Gesichtspunkt, seine kirchlichen Tugenden zu preisen[10].
Als Werk eines Zeitgenossen und Augenzeugen schätzbar ist auch das Leben der h. Gertrud, Pippins I Tochter, der Stifterin des Klosters Nivelle, wo sie am 17. März 659 starb. Ganz ohne Grund von Bonnell verdächtigt, ist ihre Lebensbeschreibung von Friedrich in ihrem Werth erkannt, und von Krusch nach einer Handschrift des achten Jahrhunderts herausgegeben[11].
Einige gute Nachrichten enthält auch das noch zu König Pippins Lebzeiten geschriebene Leben des Stifters des Klosters Laubach oder Lobbes, Ermino († 737) vom Abt Anso[12]. Die schon für diese Zeit nicht unwichtige Lütticher Litteratur werden wir später noch zu berühren Anlaß haben.
Ganz unverändert werden uns ausser diesen sehr wenige Legenden erhalten sein; dafür ist ihre Form zu glatt, zu abweichend von den authentischen Denkmälern. Zum Vorlesen bestimmt und gebraucht, mußten sie der zunehmenden Bildung angepaßt werden, und leicht verbanden sich damit Zusätze und Aenderungen, welche auch den Inhalt berührten.
[1] Cap. 117 (34): „Usque nunc inluster vir Childebrandus comes, avunculus praedicto rege Pippino, hanc historiam vel gesta Francorum diligentissime scribere procuravit. Abhinc ab inlustre viro Nibelungo, filium ipsius Childebrando itemque comite, succedat auctoritas.“
[2] Auf dessen Reise „Roma salvanda“ starb m. Dec. ind. VII (753) der primicerius notariorum Ambrosius in Saint-Maurice; er wurde nach 6 Jahren in St. Peter bestattet mit einem rühmenden rhythmischen Epitaph. Rossi, L'inscription du tombeau d'Hadr. I (Mél. d'Archéol. et d'hist. VIII) p. 20.
[3] Mab. Dipl. p. 384. SS. Meroving. I, 465 mit Schriftprobe. MG. SS. XV, 1 (vgl. p. 574a) als De unctione Pippini regis nota. Diese Nachricht wurde später mit der fabelhaften Revelatio facta S. Stephano papae verbunden, mit welcher sie von Regino abgeschrieben, und bei Sur. V. p. 658 (740 ed. II) zuerst gedruckt ist. Hierdurch habe ich mich früher verleiten lassen, die Clausula als unglaubwürdig zu bezeichnen. Vgl. Oelsner, K. Pippin S. 155. Das Schreiben Stephans II, welches B. Simson, Forsch. XIX, 180, als die Quelle betrachtet, ist in der neuen Ausg. von Jaffé's Reg. Pont. n. 2316 von P. Ewald mit Recht als unecht bezeichnet. Ebenso in der Ausgabe jenes, von Hilduin seinen Acta Dionysii angehängten Stückes von Waitz, SS. XV, 2. — Benutzt ist die Clausula in einem (unechten?) Breve Clemens II für Romainmôtier, NA. XI, 590.
[4] Zu vergleichen ist für diese Zeit noch der Libellus de Majoribus domus, Bouq. II, 699 aus Du Chesne SS. II, 1, der nicht vor dem neunten Jahrhundert geschrieben ist, wie B. Simson bemerkt, nahe verwandt dem Chron. Adonis, vielleicht ein Auszug. Ferner das von Wilthem excerpirte Fragmentum historicum ex libro aureo Epternacensi über die Jahre 714 u. 715, aus unbekannter Quelle, herausgegeben von Reiffenberg im Bulletin de l'Académie de Bruxelles (1843) X, 2. 264, und Monuments de Namur etc. VII, 209; jetzt MG. SS. XXIII, 59. Rätselhaft ist der Dionysius, welchen Gobelinus Persona als Chronisten von Prosper bis Einhard (455-741) anführt, vgl. Hagemann: Ueber die Quellen des G. P. (Diss. Hal. 1874) S. 32. Er ist aber nicht zusammenzubringen mit der Erwähnung der Cyclen des Dionysius Exiguus bei Regino z. J. 741, wo er nur von der Incongruenz der verschiedenen Berechnungen spricht; allerdings scheint er in seinem Exemplar eine annalistische Bemerkung zu 741 gehabt zu haben.
[5] MG. SS. I, 316-321.
[6] Weltgesch. V, 2, S. 294 ff.
[7] Freher, Corpus SS. Franc. p. 168-170; am Schluss unvollständig.
[8] Arch. VIII, 759.
[9] Ueber die 4 von ihm verfaßten Vitae s. die Diss. von Dony in den von G. Kurth 1888 herausg. Dissertations académiques.
[10] Neue Ausg. v. Krusch, SS. Merov. II, 426-446. Die Hs. schrieb Karl Martels neunjähr. Sohn Hieronymus ab. Uebers. Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 131-140, nach Fredegar. Der angebl. Name des Vfs. der werthlosen 2. Vita Umno ist ein Lesefehler: „Exhortatione plurimorum commonitus Umno Dei gratia praeventus“ statt immo.
[11] Vita S. Geretrudis, SS. Meroving. II, 447-74 mit den noch im 8. Jh. hinzugefügten Wundern.
[12] Mab. III, 1, 564.
§ 2. Die Angelsachsen. [[←]]
Die zahlreichen Missionen der irischen Mönche vermochten doch nichts dauerndes zu schaffen, und auch in der Heimath konnte diese alte vereinzelte Kirche sich der römisch-englischen Uebermacht nicht erwehren. Sie unterlag überall, aber nicht etwa der äußern Uebermacht allein; in jeder Weise wurden die Angelsachsen ihrer alten Lehrer Meister. In den großen Weltchroniken des Mittelalters finden wir kaum eine Erwähnung von Irland; die Reiche der Angelsachsen aber treten auffallend in den Vordergrund für lange Zeit. Das ist der Einfluß des Beda († 735), dessen Schriften diese Angaben entnommen wurden. Einen Mann wie diesen Beda hat die gesammte irische Kirche nicht hervorgebracht; er war der Lehrer des ganzen Mittelalters. Durch mathematische Kenntnisse haben gerade die Schottenmönche sich ausgezeichnet, auf ihren Unterricht mag ein bedeutender Theil der Gelehrsamkeit Beda's sich, wenn auch nur mittelbar, zurückführen lassen, ihm aber war es vorbehalten, durch die Gediegenheit und Faßlichkeit seiner Lehrbücher für Jahrhunderte in jedem Kloster die Anleitung zu den nöthigen astronomischen Kenntnissen zu geben; wo man es verschmähte, tiefer einzudringen, benutzte man wenigstens seine Ostertafeln als unentbehrliches Hülfsmittel der kirchlichen Zeitrechnung, in welcher durch ihn die für leicht übersichtliche Chronologie so förderliche dionysische Era üblich wurde. Sein Martyrologium ist die Grundlage aller späteren Umarbeitungen; seine kleine Chronik von den sechs Weltaltern (bis 726) war überall bekannt, und die Kirchengeschichte Englands (bis 731) wurde um so eifriger gelesen, weil man hierin den Ursprung der eigenen Kirche erkannte, sowie sie andererseits das Bewußtsein dieser Verbindung wach erhielt[1]. Hatten die irischen Missionare nicht durch Frömmigkeit allein, sondern auch durch mancherlei Kenntnisse und Gelehrsamkeit die Bewunderung der Franken erregt, so überragten doch nun die Angelsachsen noch in weit höherem Maße alles, was man bis dahin gekannt hatte.
Ein älterer Zeitgenosse des Beda, ein Northumbrier aus dem Kloster Streoneshalch (Whitby), an Bildung und Wissen ihm weit nachstehend, hat seiner Verehrung für den Begründer des Christenthums in England, Pabst Gregor den Großen, ein merkwürdiges Denkmal gestiftet, indem er, so gut er es vermochte, eine Lebensbeschreibung desselben verfaßte, mit nicht unwichtigen Nachrichten über die Bekehrung seiner Heimath Wundergeschichten und den Preis der Werke Gregors verbindend. Dieses merkwürdige Werkchen ist erst durch P. Ewald in einer alten Sanctgaller Handschrift entdeckt, der wesentliche Inhalt mitgetheilt, und mit grossem Scharfsinn nachgewiesen, dass dieses die von Beda, Paulus Diaconus und Johannes Diaconus benutzte angelsächsische Legende ist[2].
Schon vor Beda hatte auch die angelsächsische Mission begonnen, welche sich hauptsächlich den stammverwandten Sachsen und Friesen zuwandte. Ein charakteristischer Unterschied dieser Mission von der irischen liegt in ihrem Verhältniß zum römischen Stuhl: seitdem S. Augustin, von Gregor dem Großen gesendet, die englische Kirche begründet hatte, war diese in der engsten Verbindung mit Rom geblieben, und von da aus geleitet, wurde die Kirchenverfassung fest und sicher organisirt. Dadurch gewann diese Mission einen ganz anderen Boden, und war nicht der Vereinzelung und der daraus folgenden Verwilderung ausgesetzt, welche den Erfolg der Schottenpredigt auf einzelne Klosterstiftungen beschränkte.
An zuverlässigen Lebensbeschreibungen der älteren unter diesen Glaubensboten fehlt es freilich auch, und ihre Wirksamkeit würde uns in nicht minder zweifelhaftem Dämmerlichte erscheinen, als die der Schottenmönche, wenn nicht die englische Kirche, von der sie ausgingen, in helleren Umrissen vor uns stände, und vor allem Beda uns so manche sichere Nachricht aufbewahrt hätte.
Augustin, der erste Erzbischof von Canterbury, starb um das Jahr 604. Schon sein Schüler Livin soll in Friesland gepredigt haben, seine Lebensbeschreibung aber ist ein späteres betrügliches Machwerk. Da sie fälschlich dem Bonifatius zugeschrieben wird, findet sie sich in der Sammlung seiner Schriften[3].
Auch Wilfrid, Erzbischof von York, der im J. 709 gestorben ist, hat unter den Friesen gepredigt, als er auf einer Reise nach Rom 678 an ihrer Küste landete, um den Nachstellungen des Hausmeiers Ebroin zu entgehen[4]. Besonderes Verdienst um die Mission erwarb sich aber Egbert, der Abt des Klosters Hy, in welchem er die bis dahin dort herrschende irische Weise durch die siegreiche römisch-englische verdrängte. Er entsandte zum Friesenfürsten Radbod den Wigbert[5], und nach dessen Heimkehr im Jahre 690 Willibrord mit elf Gefährten. Dieser, 695 in Rom zum Bischof geweiht, begründete 698 das Kloster Echternach, aber nicht allein als Stätte eines stillen beschaulichen Lebens, sondern als Ausgangspunkt für seine Thätigkeit, und mit Karl Martels Hülfe gelang ihm sodann auch die Stiftung des Bisthums Utrecht, wo er im Jahre 738 als erster Bischof verstorben ist. Sein Leben ist erst lange nach seinem Tode von Alcuin aus fast ausschließlich erbaulichem Gesichtspunkt beschrieben worden[6]; die ältere Lebensbeschreibung, welcher er gewiss wesentlich folgte, von einem Schottenmönch rustico stilo verfaßt, wie die älteste Vita des h. Gallus, ist leider, wie diese verloren, aber sie wurde noch benutzt von Thiofrid, Abt von Echternach (1083-1110), dessen Werk deshalb nicht ohne Werth ist[7].
Gleichzeitig mit ihm predigte auch Suitbert, der Stifter von Kaiserswerth, von dem jedoch nur wenig bekannt ist. Als das merkwürdigste Andenken, welches er uns hinterlassen hat, sehr bezeichnend für die höhere und feinere Bildung, welche diese Angelsachsen in der Heimath pflegten und von da ins Frankenreich verpflanzten, galt bisher die schöne Handschrift des Livius, welche er mitgebracht haben sollte, und die jetzt zu den kostbarsten Schätzen der Wiener Hofbibliothek gehört. Doch wird die Inschrift jetzt richtiger anders gelesen, die Bedeutung der Handschrift aber ist nicht geringer, wenn sie aus der Utrechter Schule stammt[8]. Suitberts Biographie dagegen, angeblich von Liudgers Genossen Marchelm oder Marcellinus verfaßt, ist ein grober Betrug späterer Zeit[9].
Unter den Sachsen predigten der weiße und der schwarze Ewald, deren Lebensbeschreibung aus Beda entnommen, aber völlig sagenhaft ist[10]. Später folgte ihnen Liafwin, jedoch erst um 770, nachdem vielleicht schon mancher Glaubensbote vergeblich, und ohne das Andenken seines Namens zu hinterlassen, versucht hatte, das starre Heidenthum der alten Sachsen zu überwinden. Das Leben Liafwins, von Hucbald von St. Amand, ist nicht ohne Werth, aber doch erst in viel späterer Zeit, im zehnten Jahrhundert verfaßt[11].
In Franken finden wir Burchard, den Bonifaz zum ersten Bischof von Würzburg weihte, wo S. Kilian mit seinen Genossen den Boden bereitet hatte. Auch seine Lebensbeschreibung aber ist erst im 9. Jahrh. von einem Würzburger Cleriker verfaßt und völlig werthlos; die wenigen Thatsachen, welche darin berichtet werden, sind theils entstellt, theils mit oder ohne Absicht erfunden[12].
Die erste wirklich gleichzeitige Lebensbeschreibung besitzen wir von Winfrid, dem Stifter der neuen fränkischen Kirche, der alle die einzelnen Pflanzungen seiner Vorgänger zusammenfaßte in eine mächtige Organisation, und ihnen dadurch die Kraft zum dauernden Bestehen gab, der zugleich die alte verfallene fränkische Landeskirche emporrichtete, und so im Verein mit den karolingischen Herrschern das gewaltige Gebäude aufführte, in dem die neu hervorsprießende geistige Bildung für viele Jahrhunderte eine gesicherte Stätte finden sollte, mitten unter allen Stürmen und Drangsalen der kampferfüllten Zeiten. Allein die Schilderung seines Lebens und seiner Wirksamkeit liegt unserer Aufgabe fern; wir müssen uns hier begnügen, auf die ausführliche Darstellung Rettbergs I, 331 ff. zu verweisen, wo auch genauere Nachweisungen über seine Biographen zu finden sind[13].
Sein kirchlicher Name war Bonifatius, ohne Zweifel von bonum fatum abzuleiten, aber nach einer richtigen Bemerkung von Loofs scheinen die Zeitgenossen den Namen vielmehr von bonum fari hergeleitet zu haben[14]. Er besaß eine für jene Zeit hervorragende Bildung, und wir besitzen noch von ihm eine Grammatik und Metrik[15], und nicht ohne Geschick und Gewandtheit verfaßte Gedichte mit der Vorliebe für Akrostichen und andere Spielereien, welche der Zeit und besonders seinen Landsleuten eigen ist[16].
Von weit größerem Werthe für uns ist die Sammlung von Bonifazens eigenen Briefen und den päbstlichen Schreiben an ihn[17]; aber auch die bald nach seinem Tode, vielleicht noch zu Pippins Lebzeiten[18], sicher vor 786 verfaßte Biographie enthält schätzbare Nachrichten, und erhebt sich weit über die früheren Leistungen der Art. Der Verfasser war ein Priester Namens Willibald, wohl ein Landsmann, der bei der Kirche St. Victor bei Mainz lebte, und auf Veranlassung der Bischöfe Lullus von Mainz und Megingoz von Würzburg seine Arbeit unternahm. Lullus besonders versah ihn mit Nachrichten, so wie auch andere Schüler Winfrids, den Willibald selbst nicht gekannt hatte. Dieser ist freilich hinter einer genügenden Behandlung seiner großen Aufgabe zurückgeblieben; anfangs sorgfältig und genau, scheint er bei der großartigen Entfaltung der Wirksamkeit seines Helden, bei den verwickelteren politischen Verhältnissen unter Pippins Regierung zu ermatten, er wird verwirrt und ungenau, übergeht gänzlich die wichtigsten Vorfälle und eilt weiter zu dem Märtyrertode des Bonifaz[19], bei welchem er in frommem Phrasenschwall verweilt. Aehnliche Erscheinungen sind auch in Biographien der späteren Zeit häufig; wo ein Bischof aus dem engen Kreise der Ascetik und bescheidener Pastoraltugenden heraustritt, wo er als Staatsmann zu schildern war, entzieht er sich dem Gesichtskreis seines Biographen. Hier aber ist der Abstand der §§ 30-32 von Anfang und Ende so auffallend, namentlich auch der Mangel aller bestimmten Angaben über Bonifatius Erhebung auf den Mainzer Stuhl, die plötzlich als fertige Thatsache erwähnt wird, sowie über die Stiftung des Klosters zu Fulda so unerklärlich, daß der Verdacht, Lullus Censurstriche möchten hier verwirrend und verstümmelnd eingewirkt haben, kaum abzuweisen ist[20]. Auch der Streit über die Beerdigung des Märtyrers in Mainz oder in Fulda ist mit keinem Wort berührt. Willibalds Sprache ist noch weit entfernt von der Reinheit der karolingischen Latinität, aber er bezeichnet doch schon den Anfang einer besseren Zeit; er hat in der Schule seine Classiker gelesen, und sein Hauptfehler besteht darin, daß er es zu gut machen will, daß er im Streben nach einem gewählten Stil in Verkünstelung verfällt, während er doch in den Grundregeln der Grammatik noch keineswegs sicher ist[21].
Von Lullus, Bonifatius Schüler und Nachfolger, besitzen wir ebenfalls eine Biographie, in welcher kürzlich Holder-Egger ein Werk Lamberts erkannt hat, und welche deshalb als solche später zu erwähnen sein wird. Ihr geschichtlicher Werth ist unbedeutend[22].
Dagegen ist als ein merkwürdiges Denkmal dieser Zeit noch das Leben der beiden Brüder Willibald und Wynnebald zu nennen[23], verfaßt von einer Nonne des Klosters Heidenheim, welches Wynnebald um 751 gestiftet hatte und bis zu seinem Tode (19. Dec. 761) leitete, während Willibald 741 von Bonifaz zum ersten Bischof von Eichstedt geweiht war. Wie diese Brüder, so stammte auch die Verfasserin, welche mit ihnen verwandt war, aus England, von wo sie erst nach Wynnebalds Tod nach Heidenheim kam. Ihr Werk zeigt uns, was auch aus Bonifatius Briefsammlung hervorgeht, wie sehr lebhaft dort auch die Nonnen an den gelehrten Studien Antheil nahmen. Freilich wurde auch sie, wie es leider so häufig vorkam, durch ihre Gelehrsamkeit zu einer sehr gezierten und schwülstigen Schreibart verleitet und vor fehlerhaftem Ausdruck nicht bewahrt; ja der Ausdruck ist, wie er in der neuen Ausgabe nach der ältesten Handschrift hergestellt ist, sogar in unglaublichem Maaße barbarisch, aber gelehrt barbarisch, d. h. mit griechischen und anderen seltsamen Worten beladen. Den Hauptinhalt und den werthvollsten Theil bildet in dem Leben Willibalds der Bericht über seine Pilgerfahrt nach dem gelobten Lande, welcher darin besonders hervortritt und den größten Raum einnimmt. Er ist offenbar nach den Mittheilungen Willibalds am 23. Juni 778 über seine Pilgerfahrten und die daran sich schließenden Umstände aufgezeichnet.
Nach Wynnebalds Tod übernahm seine Schwester Waldburga die Leitung des Klosters zu Heidenheim, von welcher nur im neunten Jahrhundert Wolfhard von Herrieden in dem Werk über ihre Wunder etwas berichtet[24].
Zu diesem Kreise gehören ferner noch Wigbert, den Bonifaz in Fritzlar als Abt einsetzte, Sualo oder Solus, und Leobgyth oder Lioba, die Aebtissin von Bischofsheim[25], deren Biographen Lupus von Ferrières und Rudolf von Fulda später zu erwähnen sein werden.
[1] Ueber die Schreibart Baeda (die eben damals veraltende) s. H. Zimmer, NA. XVI, 599-601. Vgl. über ihn Ebert S. 634-650. Karl Werner, Beda der Ehrwürdige und seine Zeit, Wien 1875. Cantor, Gesch. d. Mathematik I, 707-712. Schöll in Herzogs Real-Encyclopädie. — Opera ed. Giles, Lond. 1843 ff. 12 Bände. Bd. 1-4 die historischen Schriften. Chron. VI, 270 als c. 66. 67. von De temporum ratione. Opera historica ed. Stevenson, 1841, 2 Bände; cura R. Hussey, Ox. 1846. Mon. hist. Brit. (1848) p. 83-102 (Sexta aetas), p. 103-289 (Hist. eccl.). Migne XC-XCV. Hist. eccl. ed. Holder 1882. Auszüge, Geschichtschr. VII, 1 bei Isidor, von Coste. G. Wetzel, Die Chroniken des Beda (über seine Quellen und die Art ihrer Benutzung), Diss. Hal. 1878. Ueber die Continuatio Bedae von 731 bis 766, H. Hahn, Forsch. XX, 553-569. Die Annales chronographi vetussi. SS. XIII, 716, schreibt Krusch ihm zu. NA. XI, 633.
[2] P. Ewald, Die älteste Biographie Gregors I. Hist. Aufsätze dem Andenken an G. Waitz gewidmet (1886), S. 17-54.
[3] Vgl. Rettberg II, 509. Die Unechtheit der ihm zugeschriebenen Verse an den Genter Abt Florbertus mit dem Epitaphium S. Bavonis[←], mit Anklängen an Boethius, hat Holder-Egger nachgewiesen, Waitz-Aufsätze S. 623-665. NA. XVI, 623.
[4] Rettberg II, 511. Daß jedoch Wilfrid nicht wider Willen an diese Küste verschlagen wurde, bezeugt sein Schüler und Biograph Aedde, genannt Stephanus, bei Mab. IV, 1, 671. Wenn aber Alberdingk Thijm. H. Willibrordus S. 84 (deutsch S. 57) auch in der Missionspredigt unter den Friesen einen tief angelegten Plan sieht, so findet das in den Quellen keine Bestätigung. Dagegen auch Moll, Kerkgeschiedenis van Nederland, I, 87.
[5] Rettberg II, 513.
[6] Alcuini Vita S. Willibrordi ed. Wattenbach, nach Jaffé's Vorarbeit den älteren, früher nicht benutzten Handschriften folgend, Bibl. VI, 32-79. Das metr. 2. Buch auch bei Dümmler, Poet. Carol. I, 197-220. Ebert II, 25 bemerkt, daß das hexametr. Gedicht über Willibrord nach XXXIII, 3 u. XXXIV, 32 schon früher verfaßt war. Die eigenhändige Aufzeichnung Willibrords vom J. 728 über seine Weihe (ib. p. 46) ist im Pariser cod. Lat. 10837 (Suppl. 1680). NA. II, 293. Facs. einer Schriftseite des Martyrol. Acta SS. Apr. II, Propyl. Tab. II. Auch das Evangeliar Suppl. lat. 693 soll von ihm mitgebracht sein, Waagen, Kunstwerke in Paris S. 241, Facs. Hist. de l'Imprimerie (Livre d'or des métiers) p. 12. Alberdingk Thijm, H. Willibrordus, Apostel der Nederlanden, Amsterd. und Brüssel 1861 (Deutsch mit Zusätzen von Dr. Troß in Hamm, Münster 1863) sucht einen Gegensatz zwischen Willibrord als Vorkämpfer der auf Errichtung einer unabhängigen deutschen Kirche gerichteten Politik der Päbste, und den egoistischen fränkischen Missionsbestrebungen nachzuweisen im Anschluß an Gfrörer, wofür ich in den Quellen keine Begründung finden kann. Vgl. Moll I, 95-118. Hauck I, 396-409.
[7] MG. SS. XXIII, 30-38, Auszüge aus dem prächtigen, dem Erzb. Bruno von Trier (1102-1124) gewidmeten Codex, jetzt in Gotha (diese Stelle S. 11). Die metr. Bearbeitung ist von R. Decker im Progr. d. k. Gymn. zu Trier 1880/1, und mit Benutzung d. Goth. Hs. von K. Roßberg, L. 83 herausgegeben.
[8] Mommsen et Studemund, Analecta Liviana (1873) p. 7 et tab. IV. Gitlbauer de cod. Liv. Vindobonensi, Vind. 1876.
[9] S. Rettberg II, 396. Bouterwek, Swidbert der Apostel des Bergischen Landes, Elberf. 1859.
[10] Rettberg II, 397. Ueber den Ort des Todes Dr. Troß bei Alberdingk Thijm, S. 217-223. Lohoff, Krit. Untersuchungen der Geschichte der beiden Ewalde unter bes. Berücksichtigung der Aplenbecker Tradition (Beiträge z. Gesch. Dortmunds, I, 1875).
[11] Rettberg II, 405; vgl. unten [→ § 15.] III, [→ § 10.]
[12] Rettberg II, 314. Ausg. Mab. III, 1, 700. Acta SS. Oct. VI, 573. MG. SS. XV, 43-50 mit Auszügen aus der jüngeren Vita, von Holder-Egger.
[13] Dazu kommen nun u. a. die Jahrbücher des fränk. Reichs unter Pippin v. Hahn u. Oelsner. Vgl. C. Will, Regesten d. Mainzer Erzbb. I. Ebert S. 650-659. Hauck I, 410-546. Die schöne Charakteristik bei Moll I, 141 berührt wohlthuend, gegenüber den zur Mode gewordenen unwürdigen und unhistorischen Angriffen auf ihn. — Opera ed. Giles, Lond. 1844, 2 Bde. Külb, Sämmtl. Schriften übers. u. erl. 1859. 2 Bde. Nürnberger, Zur handschr. Ueberlieferung d. Werke, NA. VIII, 299-325. Aus der litt. Hinterlassenschaft des h. Bon. u. des h. Burchard. 24. Bericht d. Philomathie in Neisse, 1888. Beitr. zu d. Schriften des h. Bon. Röm. Quartalschrift V, 28 ff. Vielleicht von Bonif. Hand sind die Glossen zur Ep. Jacobi im Cod. Fuld. ed. E. Ranke 1868, cf. dess. Specimen Cod. Fuld. zum Berl. Jubil. 1860. (Facs. der Glossen). Gegen die Echtheit der Sermones Scherer, Denkmäler (1864) S. 144. H. Hahn. Forsch. XXIV, 583-625; für dieselbe Nürnberger, NA. XIV, 109-134. Steinmeyer, 3. Ausg. II, 328, f. d. Unechtheit.
[14] C. Will, Hist. pol. Bl. LXXVIII, Heft 4. Regesten S. V. W. Schmitz, Beitr. z. Lat. Sprach-u. Litt.-Kunde (1877) S. 141. Loofs, Zeitschr. f. Kirchengesch. V, Heft 4.
[15] Ars gramm. bei A. Mai, Auctt. class. VII, 475-548; vgl. Bursian in d. Münch. SB. 1873 S. 457-460.
[16] Hierüber s. Dümmler, NA. IV, 98-101, und die Ausg. Poet. Carol. I, 1-19, vgl. II, 687.
[17] Diese überaus wichtige, auch über B.'s Zeit hinausreichende Sammlung liegt jetzt in der ersten kritischen Ausgabe von Jaffé vor, Bibl. III, 8-315; eine neue von Dümmler ist bald zu erwarten. Vgl. Forsch. X, 397-426 gegen die chronolog. Behauptungen Dünzelmanns in seiner Gött. Diss. von 1869. Dieser hält jedoch einen Theil derselben, und vorzüglich die grundsätzliche Annahme willkürlicher Zufügung der Daten, aufrecht, und erklärt einige der Briefe für Stilübungen, Forsch. XIII, 1-32. H. Hahn, Noch einmal die Briefe und Synoden des Bonifaz, Forsch. XV, 43-124. Ein übersehener Brief des P. Zacharias, NA. I, 580-583, berichtigt von Loewenfeld, ib. IV, 173-175. Hahn, Ueber einige Briefe d. Bonif. Sammlung mit unbest. Adr. Forsch. XXI, 383-400. Hahn, Bonifaz u. Lul. Ihre angels. Correspondenten, 1883. Loofs, Zur Chronol. der auf d. fränk. Synoden bezügl. Briefe, Leipz. Diss. 1881, vgl. NA. VII. 418. P. Ewald üb. die Fragmente in d. Brit. u. a. Canonensammlungen, NA. V, 284-295. Nürnberger, Verlorene Hss. der Briefe, NA. VII, 353-381. Die Bonif. Litt. der Magdeb. Centuriatoren ib. XI, 9-41. P. Ewald, Susanna u. Brannlinde, Deutung der chiffrirten Namen, NA. VII, 196-198. Dagegen Diekamp in d. Beschr. d. Wiener Hs. ib. IX, 9-28. Hahn, Die Namen der Briefe im Liber eccl. Dunelm. NA. XII, 109-127.
[18] Dagegen L. Oelsner, Jahrb. S. 490.
[19] Nach der seit Rettberg herkömmlichen Annahme am 5. Juni 755. Sickels und Oelsners Meinung, daß 754 das richtige Jahr sei, wird mit sehr erheblichen Gründen bekämpft von C. Will in d. Tüb. theol. Quartalschrift 1873 S. 510-533, worauf er auch in den Regesten der Mainzer Erzbischöfe S. 30 verweist.
[20] Vgl. die Einleitung B. Simsons zur Uebersetzung. Die Feindschaft zwischen den Fuldern und Lull, dem Gründer von Hersfeld, ist bekannt; bei Arndt, zur Uebersetzung der V. Bonif. S. 130, ist das Privilegium des Pabstes Zacharias für Fulda aus der Bonifazischen Briefsammlung mitgetheilt und wahrscheinlich gemacht, daß aus dem Mainzer Exemplar dasselbe ausgeschnitten ist. Ohne Kenntniß hiervon erweist Th. Sickel die Echtheit jener Bulle in den Beiträgen zur Diplomatik IV, 47-73. Vgl. Bibl. III, 228. Oelsner, Jahrbb. S. 487. Hahn, Forsch. XV, 87. Ewald, Regesta Pontiff. 2293. — Im Prolog hat Willibald die Epistola Victurii benutzt nach Br. Krusch, NA. IV, 171.
[21] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 331-353. Uebersetzungen von H. E. Bonnell, Berl. 1856. 8. Külb, Sämmtliche Schriften des heiligen Bonifacius übersetzt, Regensb. 1859; von B. Simson und von W. Arndt, 1863 (diese Geschichtschr. 13. VIII, 2. in neuer Ausgabe), beide mit berichtigter Abtheilung der Capitel, jene mit sorgfältigem Commentar, Arndt mit Benutzung der ältesten Münchener (Freisinger) Handschrift. Nach dieser, grammatisch fehlerhaftesten, und der einsichtig corrigirten Reichenauer von Reginbert, hat Jaffé seine neue Ausgabe gemacht, Bibl. III, 422-471. Es folgen hier noch die Mainzer Passio und Auszüge aus Othloh und dem Presb. Ultraiectinus. Eine verkürzte Ueberarbeitung, irrig für älter gehalten, ist in den Analecta Bollandiana abgedruckt, s. Waitz, NA. VIII, 169-171. Eine interpolierte Legende, deren Angabe über die Stiftung der Kirche zu Hameln mit neuen Erweiterungen in die Hämelsche Chronik des Johann von Pohle übergegangen ist, hat O. Meinardus in der Zeitschr. d. hist. V. f. Niedersachsen 1882 herausgegeben. Nürnberger, Disquisitt. crit. im Progr. d. Bresl. Matthias-Gymn. 1892.
[22] S. über ihn vorzüglich das oben angeführte Werk von Hahn, Bonif. u. Lull, 1883. Ueber ein vielleicht von ihm selbst verfaßtes Epitaphium Forsch. XXII, 423; NA. VIII, 225. Ein nach der in Marburg wiedergefundenen Hs. wesentlich verbesserter Text Forsch. XXV, 177.
[23] So die authentische Form. Die älteren Ausgaben sind unbrauchbar neben der neuen von Holder-Egger, SS. XV. 80-117.
[24] Excerpta ed. Holder-Egger, SS. XV, 535-555.
[25] Nach Link im Klosterbuch der Diöcese Würzburg (1876) II, 538 bis 545 unzweifelhaft Tauberbischofsheim.
§ 3. Die Annalen. [[←]]
In dem Abschnitte, bei welchem wir jetzt verweilen, in den Anfängen der karolingischen Periode, beginnt zuerst ein Zweig der Geschichtschreibung ans Licht zu treten, welcher sich aus den unscheinbarsten Anfängen zu einer wahren Kunstform entwickelte, und dem wir großentheils die festen Grundlagen der älteren Geschichte des Mittelalters verdanken, nämlich die Jahrzeitbücher oder Annalen. Augenscheinlich durch die Mission veranlaßt, kommen sie jetzt an verschiedenen Orten zum Vorschein. Es bedurfte eben keiner neuen Erfindung, um Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse gleichzeitig mit wenigen Worten aufzuzeichnen; wir haben ähnliches schon aus der römischen Zeit zu erwähnen gehabt, und es mag auch hin und wieder im merowingischen Reiche geschehen sein, aber erhalten haben sich keine Beispiele davon. Einst hatten die Verzeichnisse der Consuln den passendsten Raum dazu dargeboten, jetzt waren es die überall verbreiteten Ostertafeln, deren Rand schon von selbst dazu aufforderte, neben der Jahreszahl kurze Nachrichten einzutragen. Wir finden diese Aufzeichnungen zuerst in England, und die Missionare, denen Beda's Ostertafeln wohl selten fehlten, behielten die heimische Sitte bei. Mit den Ostertafeln selbst wurden nun auch die Randbemerkungen abgeschrieben, und gingen so von einem Kloster ins andere über; bald fing man an darauf Werth zu legen, schrieb die noch ganz kurzen und mageren, völlig formlosen Annalen auch abgesondert ab, setzte sie fort, verband sie mit anderen, und machte sich endlich auch an die Arbeit, die dürftige Kunde über die frühere Vorzeit durch Benutzung anderer Quellen, aus Schriftstellern aller Art, aus der Sage und gelehrter Berechnung zu ergänzen.
Daraus ergiebt sich nun, wie verschiedenartig, von wie ungleichem Werthe der Stoff ist, welchen diese Jahrbücher uns darbieten. Vielfache Fehler konnten schon beim Abschreiben nicht ausbleiben. Der Rand der Ostertafeln hatte häufig nicht ausgereicht; dann waren Bemerkungen unten, oben, an verschiedenen Stellen nachgetragen[1], durch Zeichen auf das betreffende Jahr bezogen, und oft ist es selbst, wenn das Original noch erhalten ist, schwer sich darin zurecht zu finden. Gedankenlose Abschreiber haben dann nicht selten die allergrößte Verwirrung angerichtet, zuweilen gar die Jahreszahlen ganz fortgelassen[2].
Um diese Annalen also mit Sicherheit benutzen zu können, um an ihnen wirklich eine zuverlässige Grundlage für die Zeitrechnung zu gewinnen, kommt natürlich alles darauf an, ihre Herstammung und Abkunft zu erforschen, spätere Zusätze auszuscheiden, ihrem Ursprung so nahe wie möglich zu kommen, wenn man nicht das Original selbst noch aufzufinden vermag.
Das ist es, was für die gesammte Masse der Annalen aus karolingischer Zeit zum ersten Male von Pertz im ersten Bande der Monumenta geleistet worden ist, und zwar in so ausgezeichneter Weise und mit so umfassender Benutzung des bis dahin bekannt gewordenen handschriftlichen und gedruckten Materials, daß hier für alle weiteren Forschungen die sicherste Grundlage gegeben ist[3].
Es ist jedoch gleich hier auf eine Unterscheidung hinzuweisen, welche erst durch die fortgesetzte Beschäftigung mit dieser eigenthümlichen Form der Geschichtschreibung sich immer deutlicher herausgestellt hat. Zu allgemein hat man anfangs, von späteren Zuständen rückschließend, die Klöster für die Ursprungstätte dieser Aufzeichnungen angesehen; man suchte in allen Annalen nach localen Andeutungen, welche in irgend ein Kloster führen. Auch giebt es wirklich viele Annalen, welche sich dazu eignen; sie verbinden in buntem Gemisch die Hausgeschichte mit Vorfällen von allgemeinerer Bedeutung, die aber in diesem Falle keine zusammenhängende Folge darstellen. Findet sich dagegen eine Reichsgeschichte, welche, wenn auch noch so dürftig, doch das Bestreben nach vollständiger Mittheilung dessen zeigt, was vom Mittelpunkt aus gesehen das ganze Reich betrifft, so wird man den Ursprung schwerlich in einem Kloster zu suchen haben, und wenn hin und wieder eine locale Notiz sich findet, ist sie wahrscheinlich, oft nachweisbar, einer Abschrift zugesetzt. Den Klöstern lag ein solcher Gesichtspunkt ursprünglich ganz fern, während der Hof damals noch wirklich den lebendigen Mittelpunkt des Reiches bildete, an dessen Bewegungen und Heerfahrten auch die Bischöfe mit ihren Caplänen fortwährend sich betheiligen mußten. Die Aebte aber, welche in denselben Strudel hineingezogen wurden, waren entweder geradezu Laienäbte, oder sie entfremdeten sich doch durch solch unklösterliches Leben der Genossenschaft der Mönche. Es hat freilich neuerdings H. v. Sybel für die klösterliche Herkunft von neuem das Wort ergriffen[4], und namentlich behauptet, daß man, was in den sog. Königsannalen steht, im Kloster Lorsch recht gut in Erfahrung bringen konnte. Ich gebe das gerne zu, kann mir aber nicht vorstellen, daß schon im achten Jahrhundert der Sinn der Mönche in so hohem Grade den weltlichen Dingen zugewandt war, was doch auch später nur ausnahmsweise der Fall gewesen ist. Nur für wenige Klöster hatten die jährlichen Feldzüge ein unmittelbares Interesse.
Es hatte nun wohl den Anschein, als ob man die allmähliche Entstehung der geschichtlichen Ueberlieferung aus den unscheinbarsten Anfängen, die Verbindung verschiedener Aufzeichnungen und ihre nun schon besser gelungene Fortführung deutlich vor Augen habe; man glaubte eben jene ersten Anfänge in ursprünglicher Gestalt zu besitzen, und bezweifelte, daß es in jener Zeit des wenig federfertigen achten Jahrhunderts viel mehr und bessere Aufzeichnungen gegeben habe, als uns noch jetzt vorliegen. Allein die fortgesetzte Beschäftigung mit diesen Annalen zeigt in so hohem Grade Uebereinstimmung derselben in vielen Notizen, während doch andere Sätze sich nur in dem einen Exemplar, zugleich jedoch in anderen ganz entlegenen Annalen finden, auch Spuren alter guter Ueberlieferung, die plötzlich in jüngeren Compilationen auftauchen, daß hier, wie in manchen Fällen aus späterer Zeit, kein anderer Ausweg möglich zu bleiben scheint, als die Annahme verlorener Aufzeichnungen, aus welchen nur Excerpte uns vorliegen; wir besitzen nur Bruchstücke einer einst vorhanden gewesenen reicheren Litteratur, die wir uns aber doch hüten müssen, uns zu bedeutend vorzustellen. Große Vorsicht ist hier nothwendig, und eben diese Vorsicht vermisse ich bei Is. Bernays[5], dessen Zusammenstellungen häufig gerade den entgegengesetzten Eindruck machen, indem nur die notorischen Thatsachen übereinstimmen, im Ausdruck aber die größtmögliche Verschiedenheit geradezu aufgesucht sein müßte. Weit vorsichtiger dagegen ist R. Arnold[6] verfahren, und doch scheint auch dessen Annahme von Hofannalen von 771 oder 772 an eine unbegründete zu sein, indem ihr von Waitz[7] die erheblichsten Gründe entgegengestellt sind. Ein solches Werk müßte deutlichere Spuren hinterlassen haben, und als Regel werden wir doch festzuhalten haben, daß man mühsam die dürftigen Aufzeichnungen zusammen arbeitete, und mit einer uns oft unbegreiflichen Sorglosigkeit häufig einzelne Sätze aus einer zugänglich gewordenen Quelle herübernahm, andere bedeutendere Nachrichten aber unberührt ließ.
Als erste Quellen dieser Art können wir zwar nicht mehr die Ann. S. Amandi und Ann. Mosellani, wie sie uns vorliegen, betrachten, aber doch die etwas reichere Quelle der Ann. S. Amandi bis 769 und die Aufzeichnungen, welche den wesentlichen Inhalt der Mosellani ausmachen, bis 764 (oder 760?) annehmen. Nach Arnolds Ansicht wären diese in oder bei Metz (Gorze?) compiliert und im siebenten Jahrzehnt des achten Jahrhunderts mit eigenen, ziemlich reichhaltigen Zusätzen vermehrt, die bis c. 771 reichten. Dieses nicht mehr vorhandene Werk betrachtet Arnold als die gemeinsame Quelle der Annales Petaviani, die nebenbei bis 737 noch ein Exemplar der Ann. S. Amandi oder ihrer Quelle benutzten, und seit 760 einen officiellen Charakter tragen, der Annales Maximiniani, die nebenher noch andere Quellen benutzten, und wieder eines verlorenen Werkes, das im ersten Theile durch Notizen über Angelsachsen vermehrt war, und fast ganz rein vorliegt in den Ann. Mosellani und den Ann. Laureshamenses. Doch hat in Betreff der Annales Maximiani G. Waitz dieser Annahme sehr entschieden widersprochen und dadurch das ganze künstliche Gebäude erschüttert.
Die Annales S. Amandi[8] haben diese Benennung von Pertz erhalten, weil 782 und 809 Beziehungen auf das Kloster Saint-Amand vorkommen; dem früheren Theile fehlen sie und der Inhalt ist durchaus reichsgeschichtlich. Die Ursprünglichkeit ihrer jetzt vorliegenden Form ist angegriffen, eine verlorene Quelle oder etwas reichere Form angenommen, aber als ein ziemlich treues Abbild dieser eben beginnenden Annalistik werden wir sie doch betrachten dürfen.
Vom ersten Anfang an sind diese Annalen karolingisch. Sie beginnen mit der dauernden Festsetzung dieses Hauses im Besitz der Macht, mit der Begründung einer neuen Ordnung der Dinge, der Morgendämmerung einer besseren Zeit, welche wieder Hoffnungen erweckte und die Seelen nicht mehr mit dem trostlosen Gedanken von dem nahe bevorstehenden Untergange der Welt erfüllte.
Die am Eingang stehende Nachricht von der Schlacht bei Tertri 687 ist nachträglich zugesetzt; die regelmäßig fortgesetzten Aufzeichnungen beginnen erst 708, und auch von da an möchte ich noch nicht behaupten, daß gleich von Anfang an alles gleichzeitig eingetragen wäre; die Form der kurzen und noch sehr dürftigen Bemerkungen, wenn man z. B. zu dem Jahr 708, wo Ostern auf den 15. April fiel, an den Rand schrieb: (Das war damals) als Drogo im Frühjahr starb[9] — deutet eher auf ein späteres Besinnen und Ueberdenken der Vergangenheit. Auch ist das ganz natürlich; so lange der Eindruck noch frisch ist, fühlt man kein Bedürfniß ihn künstlich festzuhalten, und erst später macht sich das Verlangen geltend, die verschiedenen Erinnerungen aus einander zu halten und zu ordnen. Wenn aber nun eine Reihe solcher Aufzeichnungen beisammen ist, dann ändert sich der Gesichtspunkt, man legt Werth auf diese Zusammenstellung und setzt sie um ihrer selbst willen fort, trägt Jahr für Jahr die wichtigsten Begebenheiten ein, um für spätere Zeiten ein Denkmal zu hinterlassen. Jene Annalen nun, welche in ihrer Fortsetzung bis 810 deutliche Beziehungen zu Saint-Amand enthalten, entbehren in ihrem früheren Theile bis 771 und noch darüber hinaus jeder Hinweisung auf dieses Kloster oder dessen Umgegend; sie verzeichnen nur die großen Reichsbegebenheiten, die Feldzüge jedes Jahres und zuweilen einen Todesfall oder einen anderen merkwürdigen Vorfall, so kurz, daß die eigentliche Kenntniß von den Dingen vorausgesetzt wird; an Erzählung ist kein Gedanke, nur an chronologische Ordnung der Erinnerungen. Giesebrecht hält die Aufzeichnung dieser Notizen im Cölnischen für sehr wahrscheinlich und möchte den Schottenmönchen zu St. Martin, Pippins von Heristal Stiftung in Cöln, dieses Verdienst zuschreiben. Allein daß 713 Suitberts Tod, 716 Radbots Vordringen bis nach Cöln erwähnt wird, daß 753 gerade wie in den Annales Mosellani der Tod des Bischofs Hildegar von Cöln, auf dem Feldzug gegen die Sachsen angemerkt wird, das berechtigt uns noch nicht zu einer bestimmteren Annahme über die Herkunft dieser Jahrbücher. Vorzüglich in den Klöstern Belgiens weit verbreitet, sind sie durch Zusätze und Fortsetzungen immer mehr angewachsen, bis sie endlich Sigebert von Gembloux zur Grundlage seiner gewaltigen Chronik dienten, aber in ihren Anfängen weist nichts nach einer bestimmten Gegend. Nichts tritt dagegen so sehr in den Vordergrund, wie die Familie der Hausmeier, und man kann sie daher wohl mit besserem Rechte, als irgend einem Kloster, einem Mitglied der Hofgeistlichkeit zuschreiben.
Ganz denselben Charakter tragen auch die gleichzeitigen Annales Mosellani[10], deren Entdeckung in Petersburg durch Lappenberg ein unerwartetes Licht auf das Verhältniß der ältesten Annalen zu einander geworfen hat, vorzüglich nachdem Giesebrecht in seiner scharfsinnigen Abhandlung über die fränkischen Königsannalen[11] die Folgerungen, welche dem ersten Herausgeber noch entgangen waren, daraus gezogen hat. Weiter ist dann, wie schon oben erwähnt, durch R. Arnold das gegenseitige Verhältniß der Annalen eingehend untersucht.
An der Spitze der Annales Mosellani (welche nach Arnold, wie sie uns vorliegen, schon aus einer Vermischung mit denen von St. Amand hervorgegangen sind) stehen von 704 bis 707 irische Namen. Diese bilden den Uebergang von Bedas kleiner Chronik in der Schrift de temporibus, an welche sie sich anschlossen, zu der Nachricht von Drogo's Tod 708, die auch hier die fränkischen Eintragungen eröffnet. 713 ist der Tod einer englischen Prinzessin, eines Königs von Ostangeln bemerkt, 726 und 729 unbekannte irische Namen. Erwähnt wird ferner 726 der Tod Martins, welcher nach den Ann. Petav. ein Mönch von Corbie und Karls Beichtvater war, 736 Audoins des Bischofs von Constanz, dessen Name so wenig etwas für die Herkunft der Annalen beweisen kann, wie 728 die Erwähnung Haldulfs von Cambrai, der zugleich Abt von St. Vaast war. Dagegen finden sich von 761 an Beziehungen zu Chrodegang von Metz, dessen hervorragende Stellung im Reiche ganz geeignet war, die Abschrift solcher, vielleicht in Metz ursprünglich entstandener Aufzeichnungen und ihre Fortführung zu veranlassen, war er doch am Hofe Karl Martels aufgewachsen und hatte 742 von Pippin das Bisthum erhalten[12]. Pückert hat darauf hingewiesen, daß sein Bruder Gundeland Abt von Lorsch war, was auf das in Lorsch so früh hervortretende Interesse für Geschichte eingewirkt haben mag.
Kaum waren diese ersten Versuche geschichtlicher Thätigkeit gewagt, so begann man auch schon ihren Werth sowohl wie ihre Unvollkommenheit zu empfinden; man copirte sie und bereicherte sie zugleich durch Verbindung der verschiedenen Exemplare, ohne sich jedoch noch eine redigirende Thätigkeit zu erlauben, welche das nothdürftigste Maß überschritten hätte. Diese Gewissenhaftigkeit sowohl wie die ersten Regungen einer combinierenden wissenschaftlichen Thätigkeit liegen uns, wenn wir Arnold glauben dürfen, nicht mehr in dem ursprünglichen Product vor, wohl aber in verschiedenen Ableitungen, vorzüglich in den Annales Petaviani, welche von dem früheren Besitzer der Handschrift ihren Namen haben[13]. Sie verbinden nämlich bis 771 die beiden bisher betrachteten Annalen, an welche sich von da an eine schon wirklich erzählende, völlig gleichzeitige und zuverlässige[14] Fortsetzung bis 799 anschließt, die bei dem Mangel aller localen Färbung wiederum nur für den Königshof, den Mittelpunkt aller Unternehmungen, in Anspruch genommen werden kann. Eine Abschrift, welche nur bis 796 reicht (Cod. Masciacensis), gewährt Zusätze, welche aus dem Martinskloster zu Tours zu stammen scheinen, während die beiden anderen specielle Angaben über die karolingische Familie hinzufügen[15]. Arnold freilich (S. 28) bestreitet die Richtigkeit jener Bezeichnung als gleichzeitig und zuverlässig, weil der Verfasser schlechtes Latein schrieb, worin ich einen Gegengrund nicht zu erkennen vermag. Erheblicher sind einige Ungenauigkeiten, welche er nachweist, und mehr noch die Uebereinstimmung in manchen Angaben und Ausdrücken mit den Ann. Laureshamenses. Aehnliche Spuren in anderen Annalen führen ihn zu der Annahme von verlorenen Hofannalen (S. 52), welche 771 oder 772 nach dem Beginn der Alleinherrschaft Karls angefangen, etwa bis 803 (Ende der Lauresham.) oder 801 (Ende der Guelferbyt.) fortgeführt wurden, ziemlich umfangreich waren, und deshalb in sehr verschiedener Weise ausgenutzt wurden, ihre Spuren aber in vielen Annalen hinterlassen haben. Vielleicht durch die überwiegende Autorität und Verbreitung der sog. Königsannalen (Laurissenses) wäre das ältere Werk in den Hintergrund gedrängt und endlich verloren. Einen geradezu officiellen Charakter und Ursprung will Arnold nicht annehmen, wohl aber Entstehung am Hofe, welche auch mir unzweifelhaft ist. Als Auszug aus diesen Annalen hätten wir also auch den letzten Theil der Petaviani zu betrachten, welcher durch ceremonielle Ausdrucksweise deutlich höfischen Ursprung zeigt. Beginnt diese schon 760, so kann sie auf diese Strecke durch Ueberarbeitung übertragen sein. Doch wird, wie schon erwähnt, von Waitz die Existenz solcher Hofannalen bestritten, und wir werden wenigstens nur mit großer Vorsicht von einem solchen Werke reden dürfen.
Neben dieser Fortführung der Annales Petaviani wurden nun auch jene Ann. Mosellani in gleicher Weise fortgesetzt, ebenfalls schon von dem ersten Hauch der karolingischen Zeit berührt und von räthselhaften Notizen zur Erzählung übergehend; doch lassen auch hier auffallende Uebereinstimmungen anstatt ganz selbständiger gleichzeitiger Aufzeichnung vielmehr Benutzung einer gemeinsamen Quelle voraussetzen. Wenn nun in diesem Theile zweimal der Tod eines Abtes von Lorsch erwähnt wird, so darf das nicht auffallen bei einem Kleriker, der etwa im Gefolge des Bischofs von Metz dem Hoflager folgte; ein Mönch aber hätte wohl schwerlich so ausschließlich seinen Blick auf den König und die allgemeinen Reichsbegebenheiten richten können. Nach dem Jahre 785 sind diese Annalen wiederum durch Abschriften verbreitet; diejenigen, welche Pertz wegen einiger localer Zusätze Annales Laureshamenses genannt hat[16], eine aus gemeinsamer Quelle stammende Nebenform der Mosellani, erhielten von da ab zwei verschiedene ausführliche Fortsetzungen bis 803 und 806; in den Annales Mosellani aber fehlen die Jahre 786 und 787, und die weitere Fortsetzung bis 798 ist um ein Jahr verschoben, also da sie doch offenbar gleichzeitig verfaßt ist, erst nachträglich hier eingetragen.
Eine andere Fortsetzung von 786 bis 796 hat G. Waitz nachgewiesen in den Annalen von 741 bis 811, welche nach dem Fundort der Handschrift von dem ersten Herausgeber, Baron von Reiffenberg, Maximiniani genannt sind[17].
Auch diese hat Arnold als Auszug aus den von ihm angenommenen Hofannalen in Anspruch genommen und gerade auf sie großes Gewicht gelegt; er glaubte nicht, daß dieser Annalist so viele verschiedene Annalen, wie Waitz annahm, benutzt und doch wieder so viele wichtige Dinge, die auch darin standen, übergangen haben könne. Allein hier ist ihm Waitz scharf entgegengetreten, indem er nachwies, daß die Ableitung aus verschiedenen Elementen sich durch das Verhältniß zu anderen Quellengruppen mit voller Sicherheit darthun läßt. Aufgeklärt wurde die ganze Sachlage freilich erst durch die neue von Waitz gegebene Ausgabe und die Sonderung der Annalen von der Chronik bis 741, an welche sie sich anschließen und zu deren Fortsetzung sie bestimmt zu sein scheinen. Diese, schon oben S. 129 kurz erwähnt, wird später zu besprechen sein. Die Annalen sind eine um oder bald nach 811 verfaßte Compilation, zu welcher die Gesta Pontificum Romanorum (doch noch nicht die Vita Leonis III) mit verschiedenen Annalen in ziemlich freier Weise, mit einigen willkürlichen Zusätzen, verbunden sind. Als solche hier benutzte Annalen sind nachgewiesen die Mosellano-Laureshamenses, d. h. die gemeinsame Quelle beider, und die Petaviani noch 778, vielleicht 779, dann die Laurissenses mit Zusätzen aus einer unbekannten Quelle, bis 811, wo ein Abschnitt derselben, das Ende einer Bearbeitung, wahrscheinlich ist. Eigenthümlich aber ist von 786 bis 796 die Benutzung von Annalen, welche wegen besonders hervortretender Berücksichtigung von Baiern dort geschrieben zu sein scheinen, und welche wie B. Simson zuerst bemerkt, ebenfalls und ebensoweit in den Annales Xantenses benutzt sind. Ebensoweit reicht auch die von Arnold nachgewiesene Verwandtschaft mit den Juvavenses minores, welchen die Mos. Laur. fremd sind; sie tritt aber auch schon früher, schon 743, und überall da hervor, wo nicht die Mos. Laur. Quelle sind, so daß also die Existenz einer anderen, den Laurissenses majores verwandten Redaction fränkischer Annalen anzunehmen ist, an welche die Fortsetzung von 786 bis 796 sich anschloß. Berührung ist auch mit den Ann. Juvav. maj. und S. Emmerammi maj. vorhanden, welche nach Waitz von den Maximiniani direct oder mittelbar abhängig sind[18]. Wir werden auf dieses Werk noch zurückkommen.
Andere gleichzeitige Aufzeichnungen, welche nach dem Fundort der Handschrift Guelferbytani genannt werden, beginnen erst mit Pippins Regierung 741. Sie weisen durch die Folge der Aebte deutlich auf das 727 gegründete Kloster Murbach in den Vogesen, und verfolgen die Reichsbegebenheiten nicht so gleichmäßig wie jene anderen Annalen, welche wir mit ihnen gemischt bis 768 in den Annales Alamannici und Nazariani wiederfinden, deren Anfang von 708 an ebenfalls den Annales Mosellani entnommen ist. Von 771 bis 790 folgt hier eine weitere Fortsetzung, von ganz allgemeinem Charakter, welche in den Annales Nazariani am vollständigsten erhalten, im Wolfenbüttler Codex allein noch bis 805 weitergeführt ist[19], während die Annales Alamannici eine selbständige Fortsetzung 790 bis 799 erhielten[20]. Diese Annalen verbreiteten sich weithin durch die Klöster Schwabens und gelangten auch nach Hersfeld, wo an diesen Anfang Lamberts Geschichtswerk sich anlehnte, während auf den aus gleicher Quelle stammenden Reichenauer Annalen Hermann der Lahme seine Chronik erbaute.
Besonders merkwürdig sind die von Pertz in einer Handschrift des Klosters St. Germain-des-Prés entdeckten Annalen[21], welche im Anfang des neunten Jahrhunderts aus einer älteren Handschrift abgeschrieben sind, und wie gewöhnlich zur Eintragung der dortigen Annalen benutzt wurden. An der Spitze stehen hier ganz kurze Annalen von Lindisfarne (643-664), einem Bisthum auf einer der kleinen Inseln an der Ostküste von Northumberland, jetzt Holyisland bei Berwick, welches von Hy aus begründet war. Darauf folgen von 673 bis 690 Notizen aus Canterbury. Nach Pertz' Vermuthung war es Alcuin, welcher diese Handschrift mit sich an Karls Hof brachte, wo er von 782 bis 787 (792) die Namen der Orte eintrug, an welchen Karl in diesen Jahren das Osterfest feierte. Daran haben nun die Mönche von St. Germain ihre eigenen Annalen gefügt[22], als deren Grundlage jetzt Annalen von Saint-Denis bis 887, mit einer Fortsetzung 919-997 erkannt sind[23]. Jene Notizen über die Osterfeier von 782 bis 787 aber finden wir auch in einer anderen Handschrift wieder, jedoch ohne die Bemerkungen aus Canterbury. Dieses Exemplar nämlich hat Arn, der Freund Alcuins, nach Salzburg mitgenommen; die Orte der Osterfeier sind hier bis 797 genannt, und dann schließen sich Salzburger Nachrichten daran[24]. In Salzburg selbst hatte man damals aber bereits einheimische ältere Annalen, deren Spuren sich in den späteren Jahrbüchern vorfinden[25]. Scheinbar bieten sich uns in diesen viel reichere und vollständigere Aufzeichnungen dar, allein es läßt sich mit Bestimmtheit nachweisen, daß diese erst im zwölften Jahrhundert nach Vermuthungen und gelehrter Berechnung zusammengestellt wurden, um die Dürftigkeit der alten Annalen zu ergänzen. Wie bedeutende alte Quellen aber verloren, und so lange sie noch vorhanden waren, unbeachtet geblieben sind, zeigen uns die von Riezler nachgewiesenen, sehr wichtigen Fragmente, welche Aventin aus einem Buch von „Herzog Thessels Kanzler mit Namen Crantz“ gerettet hat[26].
Namen aus Lindisfarne finden wir auch an der Spitze der Jahrbücher von Fulda und von Corvey; letztere stammen aus der angelsächsischen Stiftung Werden oder aus Münster, aber die 809 beginnenden Notizen reihen sich den alten Namen des siebenten Jahrhunderts nur ganz äußerlich an[27]. Anders in Fulda, wo diese irischen und angelsächsischen Namen nur in zwei Abschriften an die Spitze gestellt sind, im Original aber schon um 760 der Rand der Ostertafel mit den leider fast ganz erloschenen Notizen von angelsächsischer Hand versehen wurde, welche seit 790 von anderen Händen fortgeführt von 742-822 reichen. In einer anderen, jetzt Casseler Handschrift, finden sich diese Annalen bis 814 angereiht an einen Kaiserkatalog, dem auch jene altenglischen Annalen eingefügt sind; diese, ohne die Kaiser, und eine Fortführung bis 833 hat auch die dritte, jetzt Münchener Handschrift aus St. Emmeram[28]. Hier also, wie in so vielen ähnlichen Fällen, sehen wir recht deutlich, wie auch die mangelhaftesten Aufzeichnungen sich verbreiteten und als werthvoll betrachtet wurden, bessere also, auch nachdem sie schon in größerer Anzahl vorhanden waren, doch wenig Verbreitung gefunden haben müssen.
Die weitere Entwickelung dieser Annalen gehört einem späteren Abschnitte an; hier waren, wenn auch manchmal schon vorgegriffen wurde, vorzüglich nur die ersten Anfänge zu betrachten, welche noch im höchsten Grade dürftig und armselig sind, wie sie denn auch in ihrer ursprünglichen Gestalt als Randbemerkungen zu Ostertafeln durchaus nicht den Anspruch machen für litterarische Erzeugnisse zu gelten. Erst der lichteren Zeit des großen Karl gehört der Gedanke an, diese Notizen mit anderen Nachrichten zu einem Ganzen zu verbinden, und sie dann mit Absicht und Bewußtsein als gleichzeitige Aufzeichnung der Geschichte weiter zu führen.
[1] Vgl. die Schriftprobe der Annales Corbejenses, MG. SS. III. Tab. 1. Sickel in den Forschungen IV, 451 und ib. 454-461 über die älteste im Original erhaltene Fulder Ostertafel mit Annalen.
[2] So bei den Ann. Ottenb. MG. SS. V, 1.
[3] S. den Bericht von Pertz im Archiv VI, 258 ff.
[4] Hist. Zeitschr. XLII, 265. Kleine hist. Schriften III, 1 ff.
[5] Zur Kritik Karolingischer Annalen, Straßb. 1883. In einem dadurch veranlaßten Aufsatz HZ. LIV (1885) S. 55-70 bestreitet G. Kaufmann überhaupt den Nutzen solcher Untersuchungen und die Möglichkeit gesicherter Erfolge.
[6] Beiträge zur Kritik Karolingischer Annalen, Diss. Lips. 1878. Für Hofannalen von 785-803 ist E. Seraphim eingetreten. Quellenkritische Untersuchungen der kleineren Karol. Annalen. Progr. d. livländ. Landesgymn. Fellin 1887.
[7] Neues Archiv V, 497 ff.
[8] Annales Sancti Amandi a. 687-810, MG. I. 6-11. Die nach dem Besitzer der Handschrift genannten Ann. Tiliani (ib. p. 6-8) sind von 708 bis 737 nach Arnold, S. 53-55, aus der Quelle der Ann. S. Amandi geflossen, in ihrem zweiten Theil 741 bis 807 (S. 219-224) aus den Ann. Lauriss. entnommen. Zu erkennen sind die Notizen bis 771 auch in den dürftigen Ann. Sangallenses Baluzii p. 63, e cod. 124. [←] welche nach Arnold, S. 42-47, aus der von ihm angenommenen Compilation stammen, weiterhin aus den Hofannalen. Ausg. v. Henking, Sanctgaller Mitth. XIX, 224-265; nach S. 340 stammen sie bis 764 aus gleicher Quelle mit d. Ann. S. Amandi u. sind auch weiterhin ein Auszug, nicht Original. Die Ann. Laubac. SS. I, p. 7-12. 15. 52, und ihre Gruppe behandelt Arnold, S. 55-61. Er erkennt in den Laubac. bis 814 eine mit einigen Zusätzen versehene Umarbeitung der Ann. S. Amandi, welche kürzer in den Ann. Auscienses, Augienses brevissimi, S. Germani minores, vielleicht ebenso in den Ann. S. Amandi breves (SS. II, 184, von 742-855) und Ann. Bawarici breves benutzt, auch im Chron. Lausonense nicht zu verkennen sei. Verwandt, aber ganz unbedeutend, sind die Ann. S. Amandi brevissimi, 760 bis 796, SS. XIII, 38. und Ann. Regum Sangallenses, 687-855, SS. XIII, 717 u. NA. V, 428. Vgl. über die Laubac. auch B. Simson, Forsch. XXV, 375-377. Seraphim S. 8-12, der sie von ursprünglich reicheren Ann. S. Amandi ableitet. — Ann. 759-805 im Cod. Vat. Christ. 213, Arch. XII, 270, vgl. Waitz, HZ. XXVIII, 200, sind das Fragm. Chesnianum der Ann. Laureshamenses, NA. II, 329.
[9] Quando Droco mortuus fuit in vernale tempore.
[10] Von 703 bis 797, SS. XVI, 491-499. Den Namen wählte Lappenberg wegen der Beziehungen zu Klöstern an der oberen Mosel, welche sich darin finden.
[11] Münch. Hist. Jahrb. (1865) S. 185-238; vgl. hier vorzüglich S. 224 bis 226.
[12] Seine Regula Canonicorum hat W. Schmitz herausgegeben mit Facs. der zum Theil in tironischen Noten geschriebenen Handschrift, Hann. 1889.
[13] Ann. Petav. (697) 708-799, MG. SS. I, 7-18; cf. III, 170. Arch. VII, 271. Ohne Zusätze, ex codice Vat. Christ. 520, olim Corbejensi, deinde Petri Danielis, in A. Mai's Spicil. Rom. VI, 181-190. Auch die Angabe über Karls Geburt 747 (= Laubac.) fehlt hier.
[14] Diese Ausdrücke sind natürlich nur relativ gemeint. Seraphim, S. 26-31, sieht in diesen Ann. nur ein „schlechtes Excerpt der Hofannalen“.
[15] S. Hahn. Sur le lieu de naissance de Charlemagne p. 76. Da Remedius Pippins Halbbruder war, ist kein Grund, mit Giesebrecht wegen der Notiz über ihn an eine Aufzeichnung in Rouen zu denken.
[16] Annales Laureshamenses MG. I, 22-39, bis 768 neben den Ann. Alam. Guelferbyt. und Nazar. gedruckt. Die damals in St. Paul vergeblich gesuchte Hs. ist von Dr. Holder gefunden, und von Katz im Jahresbericht des Stifts 1889 herausgegeben, vgl. NA. XV, 425. Ueber das Fragmentum Chesnianum, eine abweichende Form dieser Annalen s. Dünzelmann, NA. II, 511, u. Katz. Die zweite Fortsetzung ist 791-806 identisch mit den Laurissenses. Ueber eine weitere Fortsetzung 803-818 s. unten [§ 10 →1] zum Chron. Moissiacense. Gerade bis 785 (731-753 mit Verschiebung der Jahreszahlen) finden sich die Ann. Mosell. auch excerpirt in den Annales Flaciniacenses, einer chronologischen Compilation von 816 (doch vgl. Waitz im NA. V, 484) und von da an gleichzeitig fortgesetzt bis 879. Dazu geschrieben sind die Annales Lausonenses, Lausanner Notizen bis 968. 985. MG. SS. III, 150; neue berichtigte Ausg. von Jaffé in Mommsens Cassiodor p. 684-689; vgl. dazu Waitz, NA. V, 484. Vollständiger finden sich die Ann. Laus. in dem sog. Chronicon Laus. Chartularii (ed. Gingins, Mém. et Doc. de la Suisse Romande (1851) VI, 5-10; Cibrario e Promis, Documenti p. 326-331; Waitz, SS. XXIV, 774-810), in dem sich vorher die Ann. Weißenburgenses benutzt finden, nebst Spuren gleichzeitiger Annalen saec. IX. Einzelne ältere Notizen 592. 688 ff. sind vorgesetzt, eine Fortsetzung bis 1056 enthält fast nur die Folge der Bischöfe.
[17] Compte-rendu des séances de la Commission roy. d'histoire, VIII (1844) 307-322; vgl. Gött. Nachrichten 1871, S. 307-322. Ausg. von Waitz SS. XIII, 19-25, und Abhandlung darüber im NA. V, 475-501.
[18] Diese Ansicht bekämpft wieder Seraphim, S. 66, indem er S. 61 bis 73 ausführlich von den kleinen bair. Ann. handelt.
[19] Für die Jahre 802-805 nach Heigel Auszug einer ausführlicheren Version der Königsannalen, welche in den Ann. Mett. erhalten ist. S. Heigel: Ueber die aus den alten Murbacher Annalen abgeleiteten Quellen. Forsch. V, 397-403; zustimmend, gegen Arnold, Waitz, Forsch. XX, 391. Seraphim S. 32-61. — Der von Pertz im Arch. VII, 1018 angeführte Murbacher Bibliothekskatalog saec. IX vel X ist gedruckt bei Senebier. Cat. de la bibl. de Genève S. 77; vollständig von H. Hagen, Neue Jahrbb. f. Philol. CXVI (1877), 865-871. Doch bemerkt schon Pertz, Arch. VIII, 257, daß er nach Reichenau zu gehören scheine. Geschichtlich ist darin nur Greg. Turon. und Vita et gesta Caroli.
[20] Ann. Guelferbyt. 741-790, MG. I, 22-31; 40-44 neben den Alam. und Nazariani; dann folgen die weiteren Fortsetzungen der Guelf. und Alamannici. Neue Ausg. der Alam. nach dem in Zürich wiedergefundenen Original von Henking, Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, S. 224-265. Arnold, S. 37-42, leitet die Forts. 771-790 und 790-799 von den Hofannalen ab; desgl. Seraphim S. 32-39. Nach Dünzelmann wären die Alam. erst um 800 compilirt u. schöpften aus den Lauresh. u. Guelferbytanis, NA. II, 511. Untersuchung von Henking a. a. O. S. 347 ff. Danach ist bis 799 noch eine gemeinsame Quelle kenntlich, Fortsetzung der vorhergehenden, welche theils in Gorze, theils in Murbach überarbeitet wurde. Vgl. über die weitere Verbreitung dieser Annalen Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 51.
[21] MG. SS. IV, 2, Ann. Alcuini. Ein ähnliches Exemplar bis 792, mit Verbesserungen, aus Saint-Benôit-sur-Loire, bei Delisle, Catal. du Fonds Libri, p. 70.
[22] Ann. S. Germani minores 642-919, im Anfang des zehnten Jahrhunderts geschrieben, den Murbacher und besonders den Ann. Aug. brevissimi (SS. III, 136) verwandt (vgl. Seraphim S. 73-75), von geringer Bedeutung; die Fortsetzung 923-1146 sehr dürftig. Die Annales S. Germani Parisiensis 466-1061, III, 166-168, sind im elften Jahrhundert geschrieben und meist localen Inhalts, a. 987 ist, wie Dümmler bemerkt, captum irrig in Capetus verändert. Die Translatio S. Germani (755) bei Mab. III, 2, 104-118, Acta SS. Mai. VI, 788-796, beschreibt die Translation, bei welcher Pippin geholfen und Palaiseau geschenkt haben soll. Daß die Erzählung Karl dem Gr. in den Mund gelegt wird, hielt ich für Fiction, sie wird in Schutz genommen von Oelsner, Pippin S. 501, und jetzt auch von Waitz, Ex translationibus et miraculis S. Germani Excerpta, SS. XV, 5-9. B. Simson, Jahrb. Karls I, 9, verhält sich skeptisch, um so mehr, da Aimoin die Schrift nicht kennt.
[23] Annales S. Dionysii, ed. E. Berger, Bibl. de l'École des chartes XL (1879), 261-295; SS. XIII, 718-721 von Waitz die Annalen mit der in die Ann. S. Germ. min. übergegangenen Fortsetzung; aus den weiteren Fortsetzungen nur Auszüge.
[24] Ann. Juvavenses majores 550-855, 976, leider mit einer großen Lücke in der wichtigsten Zeit, MG. I, 87 nach Eckhardt. Benutzung der Ann. S. Amandi, wie Giesebrecht a. a. O. S. 228 meint, scheint mir zweifelhaft. Ann. Juvavenses minores 742-814 (I, 88) sind 816 geschrieben; über eine darin benutzte Quelle s. oben [S. 147.] Nach Auffindung der Handschrift in Würzburg sind diese beiden Annalen leider nicht neu abgedruckt, [←1] sondern SS. III, 122 mit keineswegs erschöpfenden Berichtigungen und Supplementen versehen. — Ann. Salisb. 499-1049 (I, 89) von 784 an gleichzeitig, der Anfang saec. XII ergänzt, vorherrschend local. — Annales S. Emmerammi majores 748-823. minores 732-1062, MG. I, 92 bis 94. [←2] Wiederholt bei Karl Roth, Verzeichniß der Freisinger Urkk. von Corb. bis Egilbert (München 1855) S. 89-92 nach der Handschrift; minores jetzt auch SS. XIII, 47. Ann. Bawarici breves 684-811, MG. SS. XX, 8, ohne Grund in zwei Stücke getheilt, zu derselben Gruppe gehörig; vgl. Arnold S. 50.
[25] Den Ann. S. Rudberti, MG. SS. IX, 758.
[26] Ein verlorenes baierisches Geschichtswerk des 8. Jahrhunderts, Münch. SB. 1881, I, 247-291, vgl. S. 389. Einige Verbesserungen von W. Meyer: Philol. Bemerkungen zu Aventins Annalen (Abh. d. Münch. Ak. I. Cl. XVII, III) S. 762. Ders. weist S. 752 den Titel nach: „Vita Thessaloni III scripta a Creontio, qui Thessalono fuit ab epistolis, inc. ab a. Chr. 771 usque ad a. 796“ unter den von Aventin benutzten Quellen. — Spuren davon in den Annales Salisb. cod. Monac. SS. XIII, 237. Die Möglichkeit eines in der Form von „Crantz“ wenig verschiedenen Namens zeigt v. Oefele, HZ. LI, 154. Zustimmend Riezler im Nachwort zur Ausgabe von Aventins Werken III, 577.
[27] S. die Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 32.
[28] Annales Fuldenses antiqui, ed. Pertz, MG. SS. III, 116, in Verbindung mit Sickels Untersuchung der Wiener Handschrift, Forschungen IV, 454-461. Neue Ausgabe von Fr. Kurze, Ann. Fuld. p. 136-138.
§ 4. Karl der Große. Allgemeines. [[←]]
Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Arch. X, 247-334. C. F. Baehr, De litterarum studiis a Carolo Magno revocatis ac schola palatina instaurata, Heidelb. 1855, 4. Desselben Geschichte der römischen Litteratur im Karol. Zeitalter, Carlsr. 1840. Phillips, Karl der Grosse im Kreise der Gelehrten, im Almanach der Kais. Akad. d. Wiss. 1856. S. 173-221. (Vermischte Schriften III, 93 ff. 415 ff.) F. Dahn, Urgeschichte der germ. u. rom. Völker IV (1889). Litteratur unter Karl d. Großen. Dümmler, Gedichte aus dem Hofkreise Karls des Großen in Haupts Zeitschrift XII, 446 bis 460. S. auch Waitz in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 48 ff. Bernhardy, Grundriß der römischen Litteratur § 61. Wilh. Scherer, Ueber den Ursprung der deutschen Litteratur, Berl. 1864, vgl. Centralblatt Sp. 572. M. Büdinger, Von den Anfängen des Schulzwanges, Zür. 1865. Ger. Meyer von Knonau, Ueber die Bedeutung Karls d. Gr. f. d. Entwicklung der Geschichtschreibung im 9. Jahrh. Züricher Probevorlesung 1867. — Jahrbücher des Fränk. Reichs unter Karl d. Gr. I. v. S. Abel 1866 (2. Ausg. v. Simson 1888). II. von B. Simson 1883. Dümmler, Poetae Latini aevi Carolini, I. 1881, II. 1884.
Eine lange Zeit der Finsterniß liegt hinter uns. Nur geringe und dürftige Spuren haben uns Zeugniß gegeben, daß auch in diesen traurigen Jahrhunderten das Bedürfniß historischer Aufzeichnungen nicht ganz erstorben war; wir haben gesehen, daß mit der beginnenden besseren Ordnung der Dinge, der Herstellung des Reiches durch die karolingischen Hausmeier, auch einiges Leben auf diesem Felde sich regte, daß lebensfähige Keime zum Vorschein kamen. Aber noch ist fast alles namenlos; seit Venantius Fortunatus und Gregor von Tours ist uns nirgends eine bedeutende Persönlichkeit entgegengetreten. Das Frankenreich stand noch immer an Bildung weit zurück hinter seinen Nachbarn, als Karl der Große zum Throne gelangte, und die erste Hälfte seiner Regierung war auch noch viel zu sehr vom Kriegeslärm erfüllt, als daß er seine Aufmerksamkeit viel nach dieser Seite hin hätte wenden können. Doch hat er in Italien schon im Jahre 776 den Grammatiker Paulinus[1] mit einem Landgut beschenkt, und wir finden diesen an seinem Hofe in Gemeinschaft mit Petrus von Pisa, befreundet mit Alcuin, der Angilbert als ihren gemeinsamen Zögling bezeichnet. Wahrscheinlich 787 wurde er zum Patriarchen von Aquileja erhoben. Verschiedene Gedichte kirchlichen Inhalts haben sich von ihm erhalten und ein Buch der Ermahnung, das er an den trefflichen Herzog Herich von Friaul richtete, welcher mit ihm in treuer Freundschaft verbunden war und dessen Tod 799 er eine tiefgefühlte Todtenklage widmete. Am 11. Januar 802 ist er selbst gestorben.
Ohne Zweifel hat der Aufenthalt in Italien die Veranlassung gegeben, daß Karl aufmerksam wurde auf die unverkennbare Ueberlegenheit, welche den Italienern ihre höhere geistige Bildung verlieh; er faßte den Entschluß seine Franken von dem Joche der Unwissenheit zu befreien, und von da ab finden wir ihn unablässig bemüht, mit allen Mitteln nach diesem Ziele zu streben[2]. Der feste Grund geordneter äußerlicher Verhältnisse und einer neu gekräftigten, von sittlichem Eifer erfüllten Kirche war bereits vorhanden, und auf diesem Boden gediehen die Pflanzungen Karls mit dem überraschendsten Erfolge.
Schon regte sichs auch im Frankenreich. Adam, Haynhards Sohn aus dem weinreichen Elsaß, Abt von Masmünster, copirte 780 zu Worms des alten Grammatikers Diomedes Werk de oratione et partibus orationis, und widmete es dem Könige in Versen, die metrisch freilich mangelhaft, übrigens aber leidlich sind[3]. Im folgenden Jahre 781, als Karl das Osterfest in Rom feierte, und Pabst Hadrian seinen Sohn Pippin aus der Taufe hob, begann Godesscalc jenes Wunderwerk der Kalligraphie, das auf Purpurpergament mit Uncialschrift ganz in Gold und Silber geschriebene Evangeliarium, welches Karl und Hildegard zum dauernden Andenken dieser Feier anfertigen ließen. Providus ac sapiens, studiosus in arte librorum heißt Karl in den Versen, durch welche Godesscalc seinen Namen verewigt hat[4].
In diesem denkwürdigen Jahre traf auch Karl in Parma mit Alcuin zusammen, den er schon früher als Boten des Yorker Erzbischofs kennen gelernt hatte, und veranlaßte ihn an seinen Hof zu kommen; von demselben Heereszuge brachte er Paulus Diaconus und den Grammatiker Peter von Pisa mit nach Frankreich[5]; er lehrte am Hofe Grammatik, unter welcher Bezeichnung die ganze Beschäftigung mit der lateinischen Litteratur verstanden wurde. In Freundschaft mit Paulus wechselte er scherzhafte Verse mit ihm, und Karl selbst genoß seinen Unterricht und bediente sich seiner, wenn er an diesem poetischen Verkehr theilnahm. Aus Spanien flüchtig, wie es scheint, kam Theodulf zu Karl, dessen geistreiche und formgewandte Dichtungen das lebhafteste Bild von Karls Hof gewähren, während er als Staatsmann und Bischof von Orléans eine bedeutende Wirksamkeit entfaltete. Sein Gedicht an Karl nach dem Sieg über die Avaren 796 gewährt uns die eingehendste Schilderung des Hofes[6], während das lange und ausführliche Gedicht an die Richter[7] für die Zustände der Zeit ungemein lehrreich ist, und sein Capitulare[8] die Ermahnungen und Vorschriften für die Geistlichkeit seines Sprengels enthält, welche uns die reformatorischen Bestrebungen dieser Zeit zeigen. Unter Ludwig in Ungnade gefallen und der Theilnahme an Bernhards Aufstand beschuldigt, verlor er sein Bisthum und ist um 821 gestorben.
Eine etwas sagenhafte Nachricht über Computisten und Grammatiker, welche Karl aus Rom in sein Reich berief, giebt Ademar von Chabanne (SS. IV, 118). Schotten aus Irland hat er, wenn wir dem Mönch von St. Gallen glauben dürfen, schon früher an sich gezogen[9]; hervorragend unter ihnen ist Dungal, der unter Waldo's Obhut zu Saint-Denis lebte, und 810 an den Kaiser über die Sonnenfinsterniß dieses Jahres schrieb, vielleicht derselbe, welcher 825 in Pavia lehrte und 827 gegen Claudius schrieb[10]; einer von ihnen lebte am Hofe in heftiger Feindschaft mit Theodulf und Angilbert. Joseph, schon in England Alcuins Schüler und mit Liudger befreundet, richtete an Karl als König einige sehr gekünstelte Verse mit Akrostichen[11]. Er ist vor Alcuin, also vor 804, gestorben.
Vielleicht gehört zu ihnen auch Dicuil, in dessen 825 verfaßter Schrift de mensura orbis terrae[12] der von Harun an Karl geschenkte Elephant erwähnt wird. Er verfertigte auch Verse grammatischen Inhalts und ein poetisches Handbuch der Astronomie in 4 Büchern, welches er in den Jahren 814 bis 816 vollendete und Kaiser Ludwig überreichte. Dieses ist bis jetzt noch ungedruckt geblieben.
Auch Baiern hatte unter den Agilolfingern, in enger Verbindung mit Italien, bereits einen höheren Grad der Bildung erreicht. Herzog Odilo hatte Cassinenser Mönche nach Mondsee berufen, und Reichenauer nach Nieder-Altaich; von hier entnahm Tassilo den ersten Vorsteher seiner herrlichen Stiftung Kremsmünster. Vor allem aber glänzte Freising unter seinem Bischof Arbeo oder Aribo (764 bis 783) durch die Pflege der Wissenschaft[13]. Aribo selbst verfaßte in ungelenker und schwülstiger, aber von angestrengtem Studium zeugender Schreibart die Lebensbeschreibungen der alten Glaubensboten Emmeram und Corbinian, deren wir oben ([S. 123]) schon gedachten; als Diaconen aber finden wir an seiner Kirche Arn und Leidrad, und auch diese folgten einem Rufe des großen Frankenkönigs. Arn erscheint in den Freisinger Urkunden zuletzt 778; 782 erhielt er die Abtei von St. Amand. Leidrad schrieb noch 782 eine Urkunde für Tassilo[14], dann finden wir auch ihn im Frankenreiche wieder, wo er neben Theodulf das Amt eines königlichen Sendboten verwaltete, und von 799 bis 813 dem Bisthum zu Lyon vorstand, welches er dann seinem Schüler Agobard überließ, um sich in das Kloster des h. Medardus zurückzuziehen, wo er am 28. Dec. 816 gestorben ist. In Lyon war Claudius bei ihm und begann seinen Commentar zur Genesis, den er an des jungen Ludwigs Hof in Aquitanien vollendete, in Casanolio palatio bei Poitiers, wo 811 Faustinus das Buch abschrieb[15].
So zog also Karl um das Jahr 782 von allen Seiten die Träger wissenschaftlicher Bildung an sich und arbeitete von nun an unablässig und unverwandt hin auf eine Wiederherstellung der antiken Cultur, deren Herrlichkeit seinen Geist erfüllte[16]. Wie er die alten Kunstwerke nach Aachen führte und seine Bauten nach den Regeln des Vitruv und den Mustern der Kirchen zu Ravenna und Rom ausführen ließ, so ließ er auch die alten Schriftsteller nach den alten Handschriften mit der sorgsamsten Genauigkeit abschreiben. Staunend bewundern wir die Prachtwerke seiner Kalligraphen, und nichts ist vielleicht so charakteristisch für das was man damals erstrebte, wie diese Handschriften[17] mit ihrer Uncialschrift, ihren vollkommen nach antiken Mustern nachgeahmten Verzierungen und Bildern. Ja so wie Eigil von Fulda Modelle der antiken Säulen sich verschafft hatte, welche Einhard benutzte, so wurden auch Sammlungen alter Inschriften mit größter Sorgfalt zusammengestellt und die Siglen der Juristen gesammelt und erklärt[18].
Am Hofe hatte sich aus alter Zeit immer eine Hofschule erhalten[19]. Diese wurde durch Karl neu belebt; er selbst, seine Kinder, seine Hofleute, nahmen an dem Unterrichte und den Uebungen Theil. Es erwuchs daraus neben der eigentlichen Schule eine förmliche Akademie, welche Karl und seine vertrauteren wissenschaftlichen Freunde zu regelmäßigen Sitzungen vereinigte[20]. In ähnlicher Weise wie an den arabischen Höfen dieser Zeit, wurden hier poetische Episteln gewechselt, wissenschaftliche Aufgaben gestellt und beantwortet, Räthsel aufgegeben und gelöst. Alle führten hier Namen aus der Vorzeit, in denen heidnische und christliche Erinnerungen in seltsamer Mischung erscheinen. So hieß Karl selbst David, Alcuin Flaccus, Einhard Beselecl nach dem kunstreichen Erbauer der Stiftshütte, Riculf Damoetas, Beornrad von Sens Samuel, Angilbert Homer; Audulf der Seneschalk und der Kämmerer Meginfrid führten die idyllischen Namen Menalcas und Thyrsis. Naso nannte sich selbst ein Dichter Modoin oder Muadwin, der von 815 bis nach 840 Bischof von Autun gewesen ist. In sehr ungelenken Idyllen feierte er David, den Kaiser, als Friedensfürsten und bewarb sich um dessen Gunst[21]. Die Standesverschiedenheiten der Gegenwart wurden durch solche Verhüllung auf diesem Gebiete in den Hintergrund gestellt. Nicht zu bezweifeln ist, daß Karl selbst eine für jene Zeit nicht unbedeutende Bildung sich angeeignet hatte, aber Einhards ausdrückliches Zeugniß, daß es ihm nicht mehr gelingen wollte, schreiben zu lernen, dürfen wir doch auch nicht unterschätzen. Seine gelehrten Briefe an Alcuin schrieben, gewiß nach seiner Anweisung, die palatini pueri[22].
Man wird durch dieses Treiben erinnert an die platonische Akademie zu Florenz, allein es ist zwischen beiden doch ein großer Unterschied. Karl lag der Gedanke fern, die Litteratur nur wie einen Gegenstand des Luxus zu seinem Vergnügen zu pflegen; sein Briefwechsel mit Alcuin zeigt uns, daß seine Akademie auch praktisch wichtige Fragen behandelte, und oft einem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten ähnlich wird. Der Herstellung des alten Glanzes und der Reinheit der Kirche mußten alle seine gelehrten Freunde mit ernstlicher Arbeit dienen[23]. Allein das war doch auch wieder nur eine Seite der Bestrebungen des Königs; ihm war es voller Ernst, sein ganzes Volk auf eine höhere Stufe der Bildung zu heben, und deshalb legte er überall Schulen an, und sorgte unermüdlich für die Pflege und Hebung derselben[24]. Sogar von Alcuin trennte er sich aus diesem Grunde, und verlieh ihm 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, wo er von nun an als Leiter einer blühenden Schule wirkte. Fast alle bedeutenderen Bisthümer und Abteien des Frankenreiches erhielten von hier aus ihre Vorsteher, und wo in der nächsten Folgezeit von litterarischer Thätigkeit etwas zu melden ist, da können wir mit Sicherheit darauf rechnen, einen Schüler Alcuins zu finden. Weit genug erstreckte sich der Wirkungskreis dieser Schule; doch errichtete Karl für die entfernteren Theile seines Reiches auch eigene Mittelpunkte, welche von seinem Scharfblick Kunde geben, wie alles was er gethan. In Italien besaß Pavia schon von Alters her gefeierte Lehrer, und diese Schule erhielt jetzt neuen Glanz durch den Schotten Dungal[25]; ihr Fortleben und bleibendes Gedeihen bezeugt der erst später durch Bologna verdunkelte Ruhm der Rechtschule von Pavia.
Ein echt karlischer Gedanke war die Stiftung des Erzbisthums Hamburg an der Nordgrenze seines Reiches, die jedoch erst unter seinem Nachfolger zu Stande kam; aber gerade in den fernsten Osten ließ er Alcuins ebenbürtigen Freund, Arn, den Abt von St. Amand, ziehen, dem Tassilo 785 das Bisthum Salzburg verlieh[26]. 798 errichtete er hier dann ein Erzbisthum, welches bestimmt war, ein fester und segensreicher Mittelpunkt in politischer, kirchlicher und litterarischer Beziehung zu werden. Arn erfüllte seine Mission in vollem Maße; aus den Urkunden wie aus den Briefen Alcuins an ihn[27] tritt uns das Bild des bedeutenden, nach allen Richtungen thätigen Staatsmannes und Kirchenfürsten klar entgegen, und wenn ihm auch zu schriftstellerischer Thätigkeit kaum Zeit blieb, so zeugen doch seine Bemühungen für die Sammlung eines Bücherschatzes durch Abschriften von seiner Sorge für Schule und Lehre[28], wobei ihm von 797 bis 801 Alcuins Schüler Wizo hülfreich zur Seite stand. Die feindliche Erhebung des mährischen, dann des ungrischen Reiches, die Errichtung selbständiger Metropolen im Osten, haben Salzburg nicht zu seiner vollen Entwickelung gelangen lassen, doch auch in dieser Beschränkung ist die Stiftung des bairischen Erzbisthums von den bedeutendsten Folgen gewesen.
Ein wunderbarer Erfolg krönte diese Bemühungen Karls, und er hatte das Glück, die Früchte seiner Mühen noch selbst zu erleben. Wie ein Phänomen in dunkelster Nacht erscheint plötzlich die Litteratur des neunten Jahrhunderts; nicht nur Geistliche, auch Laien schrieben Bücher, was seit Jahrhunderten nicht vorgekommen war, und Jahrhunderte lang nicht wieder vorkommt[29].
Denn von Dauer war dieser Glanz nicht; er verschwand fast eben so plötzlich wie er gekommen war, aufs neue bedeckte Finsterniß das Land, aber gerade in dieser Finsterniß bewährte sich die feste Begründung von Karls Schöpfungen. So viel auch wieder verloren ging, es blieb noch immer genug übrig, um als Grundlage für alle Folgezeit zu dienen. Wir haben schon oben bemerkt, daß Karl sein Werk nicht erst begann, daß er den Boden vorbereitet fand durch die Befestigung und Ordnung des Staates, durch die Herstellung der Kirchenzucht, und daß er nur dadurch im Stande war, so fest zu bauen. Es regten sich auch bereits einige Keime litterarischer Thätigkeit, als er auftrat, aber ihre rasche und glänzende Entfaltung ist doch ganz sein Werk, und nicht mit Unrecht sagte man im Mittelalter von ihm, daß er den Sitz der Studien von Rom nach Paris verpflanzt habe[30]. Zu einer Zeit, wo die Pariser Universität als der Mittelpunkt der Wissenschaft betrachtet wurde, galt er für den Stifter derselben. In dieser Form sprach sich der richtige Gedanke aus, daß Karl der Stifter einer neuen Culturperiode gewesen war.
[1] „Venerabilis artis grammaticae magister.“ Er schrieb später gegen Felix, nahm an den verschiedenen Synoden dieser Zeit Theil, und starb am 11. Jan. 802. Opera ed. Madrisi 1737. Migne XCIX. Vgl. Ebert II, 87-91. Dümmler, NA. IV, 113-118; Poetae I, 123-148, darunter der Rhythmus de Herico duce Forojul. S. 131, und die wohl nicht von ihm herrührende Klage um Aquileja S. 142.
[2] Einen vermehrten Eifer, neue umfassende Maßregeln weist Scherer nach dem folgenden italienischen Feldzug 787 nach. Ueber die Zusendungen von Werken Gregors I durch Hadrian zu kirchlichem Zweck, aber doch auch litterarisch anregend, s. P. Ewald im NA. III, 440.
[3] Keil, Grammatici Latini I, p. XXIX; Delisle, Cabinet des Manuscrits I, 3. Dümmler, NA. IV, 147; Poetae I, 93. Erst 30 Jahre alt, hatte er durch Karls Güte die Abtei Masmünster (Masunuilare) erhalten, doch wohl zur Belohnung und Förderung seiner Studien.
[4] Früher in Saint-Sernin de Toulouse, jetzt Bibl. Nat. s. Bibl. de l'École des chartes XXXV, 85. Die Gemälde sind nach antiken Mustern, die Randverzierungen jedes Blattes theils ebenfalls römischen, theils irisch-englischen Ursprungs. Vgl. Piper, Karls des Großen Kalendarium S. 36. Bastard, pl. 81-86. Dümmler, Poet. I, 94. Benutzung der Schreiberverse der Mensuratio orbis nachgewiesen von Traube, Münch. SB. 1891, S. 406.
[5] Diesen Petrus hörte Alcuin schon vor Karls Zeit in Pavia mit einem Juden disputiren: „Idem Petrus fuit qui in palatio vestro grammaticam docens claruit.“ Alc. ep. ap. Jaffé, Bibl. VI, 548; cf. Einh. V, Caroli c. 25. Damals (799) war er schon todt. Gedichte von Angilbert u. Karl an ihn nach seiner Heimkehr nach Italien hat Dümmler herausgegeben, Zeitschr. f. D. Alt. XVII, 141. 146; Poet. I, 75. 76. Wohl von ihm ist die lat. Grammatik eines Petrus Grammaticus bei H. Hagen, Anecdota Helvetica (Suppl. ad Keilii Gramm. lat.) S. 159-171. vgl. XCVI-XCVIII; Dümmler, Poet. I, 73. Seine Gedichte sind bei Dümmler S. 48-56 mit denen des Paulus Diac. verbunden, vgl. S. 29.
[6] Dümmler, Poet. I, 483; II, 694-697. Ich begnüge mich jetzt, auf diese so lange schmerzlich vermißte neue Ausgabe seiner Gedichte, mit dem Vorwort, zu verweisen, S. 437-581; ein Nachtrag NA. VII, 401. Vgl. Ebert II, 70-84, Traube, Karol. Dichtungen (1888) S. 66. 67. De Rossi bemerkt, daß I, 557 das Epit. Damasi papae, von ihm selbst verfaßt, irrthümlich unter Th's Gedichte gerathen ist. (NA. XI, 213). Anklänge an ältere Dichter bei ihm, Manitius, NA. XI, 561. Ein franz. Werk von Cuissard über ihn war mir nicht zugänglich.
[7] Poet. I, 493. Neue Ausg. v. H. Hagen in einem Berner Univ.-Progr. v. 1882, vgl. NA. VIII, 422.
[8] Theodulfi Opera ed. Sirmond, p. 1-28.
[9] Cap. 1. Ueber Donat, 816 Bischof von Fiesole, nachdem er vorher als Lehrer gewirkt hatte, s. Ozanam, Documents inédits p. 48-57. Seine Vita vollständig Acta SS. Oct. IX, 655-662.
[10] Ueber ihn und den Hibernicus exul, welcher ein leider sehr fragmentarisch erhaltenes Gedicht auf Tassilo's Abfall an Karl richtete, s. Dümmler, NA. IV, 142. 254-256; Poet. I, 393-413. II. 664. Traube, „O Roma nobilis“ (Abb. d. Münch. Ak. I Cl. XIX, 2, S. 332-337). [←]
[11] Zuerst in H. Hagen's Carmina Medii Aevi (Bernae 1877) p. 116 bis 124; jetzt bei Dümmler, Poet. I, 149-159. Einige Anklänge nachgewiesen von Manitius, NA. XI, 558.
[12] Ausg. von G. Parthey, Berl. 1870. Benutzung der Mensuratio orbis, Traube, Münch. SB. 1891 S. 407. Vgl. Dümmler, NA. IV, 256 u. Poet. I, 666; auch Zimmer: Ueber die frühesten Berührungen der Iren mit den Nordgermanen, Berl. SB. 1891 S. 279 ff.
[13] Er erscheint von 754-760 als Schreiber in der bischöflichen Kanzlei; als Freund der Franken fiel er gegen das Ende der Regierung Tassilo's bei ihm und Liutbirg in Ungnade, s. Graf Hundt, Ueber die Bayr. Urkunden aus der Zeit der Agilolfinger, Abh. d. Ak. III. Cl. XII, 182. 186, und was aus seinem Nachlaß im 44. u. 45. Jahresbericht des hist. Vereins von Oberbayern (1883) S. VII-XVII aus einer unvollendeten Abhandlung über Arbeo mitgetheilt ist. — Fabelhaft und von dürftigem Inhalt ist die Vita Gamulberti, eines Gutsherren und Pfarrers aus Pippins Zeit in Michelsbuch, unweit des Einflusses der Isar in die Donau, Acta SS. Jan. II, 591-595, doch dürfte vielleicht aus den alten Hss. in München und Admunt eine bessere Form zu gewinnen sein.
[14] Ueber beide s. Meichelbecks Historia Frisingensis; über Leidrad Baehr S. 361, Graf Hundt a. a. O. S. 181; seine Schriften gesammelt bei Migne XCIX, 853-886. Giesebrecht erinnert dabei auch an jenen alten Agilolfinger Wicterb, Bischof und Abt von St. Martin zu Tours, der 754 jam senex, puto nonagenarius aut supra, dolentibus membris et caliginantibus oculis ein geistliches Werk für einen Regenten, doch wohl Tassilo, abschrieb und unermüdet weiter schrieb, bis er 756 starb. Rettberg II. 269. Daß er Abt zu Tours war, darf nach der Notiz im Cod. Masciac. der Ann. Petav. (MG. SS. III, 170) nicht bezweifelt werden; auch hatte damals dieses Kloster seinen eigenen Bischof (Gallia christ. XIV, 153), so daß er unter die Regensburger Bischöfe wohl nur durch Mißverständniß gerathen ist, und durch ein ähnliches Mißverständniß auch an die Spitze des erst spät zusammengestellten Verzeichnisses der Aebte von Groß Sanct Martin in Coeln. — Ein merkwürdiges Schreiben eines (Irländers?) Clemens an Tassilo, den bair. Episcopat u. Adel in Bezug auf die Eroberung und Bekehrung der Carantanen hat Zierngibl in d. Neuen hist. Abh. d. baier. Akad. I, 246 herausgegeben, und Riezler, Gesch. Baierns I, 155, zuerst benutzt.
[15] Epistola ad Dructeramnum abb. (von St. Chaffre) als Vorrede. Delisle, Cab. des Manuscrits I, 4, Anm. 11.
[16] „Quippe qui omnium regum avidissimus erat sapientes diligenter inquirere, et ut cum omni delectatione philosopharentur excolere. Ideo regni a Deo sibi commissi nebulosam, et ut ita dicam paene caecam latitudinem, tocius scientiae nova irradiatione et huic barbariei ante partim incognita luminosam reddidit Deo illustrante.“ Walafridi Praef. ad Einhardi Vitam Karoli, Jaffé Bibl. IV, 507.
[17] Ohne Zweifel auch profane, die sich aber aus Karls Zeit nicht erhalten haben.
[18] Notae juris aus Probus und einer jüngeren Sammlung sind im Cod. Einsidlensis. Schon Karl dem Großen selbst aber überreichte Magno, Erzbischof von Sens (801-818), eine Zusammenstellung der bei den Alten in juristischen Schriften gebräuchlichen Abkürzungen, zusammengestellt aus zwei anderen, die ihm in die Hände gekommen waren. Mommsen, Laterculus notarum in Gramm. Latt. ed. Keil IV, 285, 315. Ueber eine durch ihn veranlaßte Formelsammlung Zeumer, NA. VI, 79. Karls Sorgfalt für die Berichtigung verderbter Abschriften preist der Schreiber Winidharius im Wiener Codex 743:
Qui sternit per bella truces fortissimus heros,
Rex Carolus nulli cordis fulgore secundus,
Non passus sentes mendarum serpere libris,
Et bene correxit studio sublimis in omni.
(Dümmler, Poet. I, 89.)
[19] Für Pippins Zeit nachgewiesen von Léon Maitre, Les écoles episcopales (Paris 1866) S. 34-37. Vgl. Rud. Sohm: Die fränkische Reichs- u. Gerichtsverfassung S. 342 über das commendare ad regem. Simson II, 570 ff.
[20] Oebeke, De Academia Caroli Magni. Aachener Gymn.-Progr. 1847.
[21] Diese früher ganz unbekannten Dichtungen sind durch E. Dümmler zuerst bekannt geworden, Poet. I, 382-392, und nach Entdeckung der Darmst. Hs. wieder NA. XI, 75-91 herausgegeben; vgl. Ebert II, 64-68. Trotz der sehr fehlerhaften Form sind die Gedichte nicht unbeachtet geblieben, und wurden von Ermanrich stark ausgebeutet.
[22] Ep. Alcuini, Jaffé Bibl. VI, 459.
[23] Ueber die Libri Carolini, welche uns ferner liegen, bemerke ich nur, daß ihre Echtheit durch Auffindung des Cod. Vat. festgestellt ist, s. Reifferscheid im Ind. lectt. Vrat. hib. a. 1873. Vgl. Leibn. Ann. Imp. Occ. ad. a. 794. H. Reuter, Gesch. d. relig. Aufklärung im Mittelalter I (1875) S. 10 bis 13. Abdr. Migne XCVIII. [←]
[24] Ebert II, 8 über Karls Verordnungen. Simson II, 567 über das Sendschreiben an Baugulf. Diekamp im Hist. Jahrb. V, 259 gegen die unbegründete Verdächtigung desselben durch Harttung, Dipl. hist. Studien, S. 319. 338 ff.
[26] Karls Zustimmung war ohne Zweifel erforderlich, um so mehr, da Arn die Abtei Saint-Amand behielt. Zu A. Huber: Ueber das Vorleben Arno's im Arch. d. W. Akad. XLVII, 197-217, ist zu bemerken, daß in der Urk. v. 779 (Meich. n. 57) dd David und nicht archidiaconus bedeutet, der Diakon Arn ein anderer ist, und daß in d. Urk. v. 776 (Meich. n. 48) nobis auf den Aussteller Bisch. Aribo geht, und also für die Verwandtschaft Arns nichts austrägt. Vgl. auch Graf Hundt a. a. O. S. 187.
[27] Leider sind uns keine Briefe von Arn an Alcuin erhalten, Bibl. VI, 870 ein hübscher Brief von ihm an Cuculus, wie ein leichtfertiger Schüler Alcuins, wahrscheinlich Dodo, genannt wurde. Wichtige urkundliche Quellen aus seiner Zeit sind Indiculus Arnonis und Breves notitiae Salzburgenses, nach den bekannten und bisher unbenutzten Handschriften herausgegeben und mit Erläuterungen versehen von Friedrich Keinz, München 1869; vgl. meine Anzeige in d. Heidelb. Jahrbb. 1870 S. 20-25.
[28] Mehr als 150 Bücher ließ er nach Angabe des Necrologs schreiben, MG. SS. IX, 770; vgl. Alcuins Brief Frob. 76. Bibl. VI, 525. Darunter ein Formelbuch, herausgegeben von Rockinger, Quellen zur bayerschen Geschichte, Bd. VII, von De Rozière, Revue hist. de droit français et étranger, 1859, nach der Münchener und Kopenhagener Handschrift. Ueber Arn Büdingers Oesterreichische Geschichte I, 147 ff., über Wizo 149; Allg. D. Biogr. I, 573. Zeißberg, Alcuin und Arno, Zeitschrift für österreichische Gymnasien, 1862, S. 85-98. Derselbe, Arno, erster Erzbischof von Salzburg, Wiener SB. (1863) XLIII, 305-381. W. Giesebrecht, Königsannalen S. 199-202; vgl. unten § 9.
[29] Zu warnen ist vor dem immer wieder (noch von Prantl und L. Maitre) angeführten unechten Diplom über die Errichtung griechischer und lateinischer Schulen in Osnabrück, dessen Unechtheit zuletzt wieder von R. Wilmans, Kaiserurkunden d. Provinz Westfalen, s. besonders S. 368, und Sickel, Acta Carol. II, 428 nachgewiesen ist. Auch Bass Mullinger wiederholte S. 70 unbekümmert die alte Fabel, hat sich aber in der Revue hist. X, 183 selbst berichtigt.
[30] Zuerst bei Jordanus de praerogativa Romani imperii, ed. Waitz p. 70. In Vincentii Bellovac. Speculo hist. XXIII, 173 und daraus bei Mart. Oppav. wird Alcuin die Verlegung des Studiums von Rom nach Paris beigelegt. Vgl. auch G. Paris, Hist. poétique de Charlemagne p. 66.
§ 5. Alcuin. [[←]]
Alcuini Opera ed. Frobenius (Froben Forster, Fürst-Abt zu St. Emmeram), 4 Bände, fol. Ratisb. 1777. Danach bei Migne, C. CI. Neue Ausgabe der Briefe u. hist. Schriften nach Jaffé's Vorarbeit von Dümmler und Wattenbach, Bibl. VI. 1873. Alcuins Leben von F. Lorentz, Halle 1829. Monnier, Alcuin et Charlemagne, Paris 1853. 1863. J, Bass Mullinger, The schools of Charles the Great and the restoration of education in the ninth century, London 1877. A. F. Théry, l'École et l'Académie Palatines. Alcuin, Amiens 1878. Dümmler, Art. Alcuin, Allg. D. Biogr. I, 343-348. K. Werner, Alcuin u. sein Jahrh. 2. Ausg. 1881. Ganz fabelhafter Brief über die Herkunft der Beneventaner unter Alcuins Namen NA. I, 169-172. — Vgl. Ebert II, 12-36. Cantor, Gesch. f. Mathematik I, 712-721. Hauck II, 119-145.
Alchuine, wie die ursprüngliche Form lautete, oder Alcuin, nannte sich gern in mehr lateinisch klingender Form Albinus. Verwandt mit Willibrord, dessen Leben er auch beschrieben hat, wurde er um das Jahr 735 in York geboren. Seine Bildung verdankte er der ausgezeichneten Domschule in seiner Vaterstadt unter der Leitung Egberts, der seit 732 Erzbischof war, und Aelberts, der Alcuin mit sich nach Rom nahm, als er nach der Sitte dieser Angelsachsen dahin reiste, um Handschriften auf dem dortigen Markte zu erwerben, der noch immer bedeutend und damals wohl der einzige im Abendland war. Im Jahre 766 wurde Aelbert zum Erzbischof erhoben, und Alcuin folgte ihm in der Leitung der Domschule. Der Auftrag, für Eanbald das erzbischöfliche Pallium vom päbstlichen Hofe zu holen, führte ihn 781 wieder nach Rom, und auf dieser Reise war es, wo er zu Parma mit Karl zusammentraf, an den er schon früher einmal eine Botschaft gebracht hatte[1], und von ihm die Einladung erhielt, welche ihn vermochte, im folgenden Jahre mit seinen Schülern Wizo[2], Fridugis[3] und Sigulf[4] an Karls Hof zu kommen; die Einkünfte der Abteien zu Ferrières und des heiligen Lupus zu Troyes sicherten ihm hier eine ansehnliche Stellung, während er in der Hofschule vor alten und jungen Zuhörern seine Vorträge hielt. Auch hier war es durchaus nicht allein auf dilettantische Belehrung der Hofleute abgesehen, sondern die vielen Söhne vornehmer Franken, welche nach alter Sitte zur Erziehung an den Hof gebracht wurden, erhielten hier allen Ernstes ihre Ausbildung zu Staatsmännern und Bischöfen. Nach Alcuins eigener Angabe war sein vorzüglichster Beweggrund nicht etwa wissenschaftlicher Eifer, sondern die Sorge für Aufrechterhaltung der kirchlichen Orthodoxie im Frankenreiche[5], wie denn überhaupt der kirchliche Standpunkt bei ihm durchaus maßgebend ist.
Im Jahre 789 kehrte Alcuin nach England zurück; aber die heftigen Streitigkeiten über Adoptianismus und Bilderverehrung veranlaßten Karl, ihn von neuem dringend einzuladen, und die inneren Unruhen, welche England zerrissen und Alcuin sogleich wieder in die ihm verhaßten politischen Händel verflochten hatten, machten diesen geneigt, seine Heimath zu verlassen. Er erschien 794 auf dem zu Frankfurt gegen Felix und Elipand versammelten Concil als Abgesandter der englischen Kirche und bewährte sich durch mehrere Schriften als tapferer Streiter gegen die Irrlehren[6]; noch zog es ihn zurück in sein Vaterland, aber die Ermordung Ethelreds 796 verleidete ihm die Heimkehr, und von nun an widmete er sich ganz dem Frankenreiche. Nach Iterius Tod erhielt er 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, der er bis zu seinem Tode, am 19. Mai 804, vorstand. Dem unruhigen Getreibe des Hofes fern, entfaltete er hier die segensreichste Thätigkeit und bildete eine außerordentliche Zahl von Zöglingen, welche im ganzen weiten Reiche Karls neue Stätten wissenschaftlicher Thätigkeit begründeten. Seinen Schüler Wizo schickte er nach England, um Bücher zu holen, die er zu Tours durch zahlreiche und sorgfältige Abschriften vervielfältigen ließ. Zugleich aber blieb er in fortwährender Verbindung mit Karl, der ihm das größte Vertrauen schenkte. Als unschätzbares Denkmal ist uns seine Briefsammlung erhalten, welche zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte dieser Zeit gehört, wenn gleich der stoffliche Inhalt geringer ist, als wir wünschen möchten. Die größte Masse ist aus den letzten Jahren, in welchen Alcuins Frömmigkeit immer mehr überhand nahm, und fromme Ermahnungen sind in hohem Grade vorherrschend. Eben diese gaben in jenen Zeiten Anlaß, sie als Vorbilder zu sammeln und abzuschreiben; es zeugt aber von der hohen Bedeutung des Mannes, daß nicht wie bei anderen Briefsammlungen, die Hauptmasse einem Conceptbuch des Verfassers entstammt, sondern wie Sickel nachgewiesen hat, seine Schüler und Verehrer, ein Arno, Adalhard, Angilbert, dazu Angelsachsen es gewesen sind, welche die ihnen zugänglichen Briefe sammelten und dadurch vor dem Untergang bewahrten[7].
Viel und gern versuchte Alcuin sich auch in Gedichten, welche freilich sehr incorrect, aber doch nicht ohne Leichtigkeit im Ausdruck und gefällige Anmuth sind[8]. Sie bieten uns manchen Einblick in die Zustände der Zeit, und das umfangreichste darunter, über die Bischöfe der Kirche zu York, reich an schönen Stellen und belebt durch die warme Liebe zur Heimath, gewährt mannigfache Belehrung über die Stiftschule zu York und Alcuins Leben vor seiner Berufung nach Frankreich[9]. Seine übrige schriftstellerische Thätigkeit dagegen war mehr auf Theologie, Philosophie[10] und Grammatik[11] gerichtet als auf Geschichte. Sein lateinischer Stil, der noch sehr fehlerhaft ist und von seinen eigenen Schülern bald übertroffen wurde, fand bei seinen Zeitgenossen hohe Bewunderung; und auf Bitten Angilberts bearbeitete er das Leben des h. Richarius, auf den Wunsch des Abtes Rado[12] das Leben des h. Vedastus. Bei beiden beschränkte er sich auf Glättung und Ausschmückung der überlieferten Darstellungen, und der erbauliche Zweck ist die Hauptsache, wie nicht minder auch in dem schon oben ([S. 132]) erwähnten Leben des h. Willibrord. Daß man ihm auch ein Leben Kaiser Karls zugeschrieben hat, beruht auf einer Verwechselung mit Einhard.
In seinen alten Tagen versank Alcuin mehr und mehr in Frömmelei, und das Studium Vergils, den er selbst einst eifrig nachzuahmen gestrebt hatte, verwarf er später als höchst gefährlich, wenigstens für Mönche[13].
Fast zwanzig Jahre waren schon seit Alcuins Tod vergangen, als auf den Wunsch eines Abtes, wahrscheinlich des Abtes Alderich von Ferrières, der unter Alcuin dort Mönch geworden war, und 829 das Erzbisthum Sens erhielt, nach Benedicts von Aniane Tod (11. Feb. 821), ein Schüler Sigulfs, dem nach Alcuins Tod die Abtei zugefallen war, es unternahm, das Leben Alcuins zu beschreiben. Gesehen hatte er selbst ihn nicht mehr, aber Sigulf hatte ihm viel erzählt, und das ist, außer dem Briefwechsel über den Adoptianismus, seine einzige Quelle. Daher ist es nicht zu verwundern, daß wir hier viel von Alcuins Frömmigkeit, von Askese und von Wundern finden, keineswegs aber ein Bild seiner fruchtreichen Thätigkeit in den Jahren seiner Kraft. Erbauung für Mönche ist der Zweck des Büchleins, und dem entspricht es leider nur zu sehr. Doch finden sich darin auch manche nicht unwichtige Nachrichten vorzüglich über seine Jugendzeit, welche wir dankbar annehmen müssen. Die Sprache ist im damaligen Schulgeschmack gesucht und mit frommem Schmuck überladen[14].
[1] Vita c. 6. Dass der 773 von Karl an den Pabst geschickte Albinus Alcuin gewesen wäre, wie Jaffé p. 144 n. 1 annimmt, scheint mir unmöglich. Leibniz Ann. Imp. I, 40 hält ihn nach Albericus für den Bischof von Angers.
[2] Genannt Candidus, von 797-801 bei Arn in Salzburg.
[3] Genannt Nathanael, von 819-832 Kanzler; wahrscheinlich führte er das bessere Latein in die Kanzlei ein und veranlaßte vielleicht die Sammlung der Carpentierschen Formeln in tiron. Noten, jetzt MG. Formulae p. 285 als Formulae imperiales e curia Lud. Pii: vgl. Sickel Acta Kar. I, 89-95 u. 160, B. Simson, Ludw. d. Fr. II, 235-238. Max Ahner, Fredegis von Tours, Leipz. 1878. Ueber seine Schrift de nihilo et de tenebris Prantl, Gesch. d. Logik im Abendland II, 17-19; Reuter, Gesch. d. relig. Aufklärung im Mittelalter I, 274; Ebert II, 221. Er war Alcuins Nachfolger als Abt von St. Martin, wo Canoniker an die Stelle der Mönche traten und die Schule verfiel; wenigstens ist in schroffem Gegensatz gegen Alcuins Zeit kein Schüler bekannt. Bei Herolds Taufe in Mainz erscheint er mit seinen Schülern. Bücher schrieb unter ihm und für ihn Adalbaldus presb., der sich artifex nannte, Delisle, Notice des Mss. de Tours, p. 81-83; L'école calligr. de Tours p. 20. Desnoyers u. Delisle in Comptes rendus des Séances de l'Acad. des Inscr. 1886 mit Monogramm. Album pal. pl. 21. Ein sehr schlechtes Andenken hinterließ er in St. Bertin, wo er gleichfalls Abt war, s. Folcwini Gesta abb. S. Bert. MG. SS. XIII, 614, und daraus in Folcards V. S. Bertini und bei Bovo, De elevatione S. Bertini. Nach seinem Tode 834 folgte in St. Martin Adelard, unter dem durch Amalrich, der 849 Erzb. v. Tours wurde, die Schule wieder aufblühte (vgl. unten [§ 20 →1]). Dann folgt 845 Graf Vivian als erster Laienabt.
[4] Genannt Vetulus, später als Alcuins Nachfolger Abt von Ferrières und Stifter der dortigen Schule. Er räumte seinen Platz Adalbert, der die Bened. Regel einführte, und wurde selbst unter ihm Mönch: dann folgt Alderich bis 829, Odo, der abgesetzt wird, an dessen Stelle 22. Nov. 842 Lupus tritt.
[5] Ep. 35 u. 140 bei Jaffé, Bibl. VI, 255 u. 541, u. daraus Vita c. 5, p. 16.
[6] Ueber seine Bekämpfung des Adoptianismus s. Größler, Die Ausrottung des Adopt. im Reiche Karls d. Großen, Progr. d. Gymn. zu Eisleben 1879. Ob die libri Carolini (oben [→ S. 157]) von ihm verfaßt sind, ist zweifelhaft; vgl. die Anm. von Dümmler, Bibl. VI, 222. Ueber den ganzen Gegenstand Hauck II, 283-299.
[7] Neue Ausgabe Bibl. VI, 132 ff. Vgl. Sickel, Hist. Zeitschr. XXXII, 355-365, u. Alcuinstudien I, Wiener SB. LXXIX, 461 ff. Ein Facs. aus Harl. 208 in Thompson's Catal. of ancient Lat. mss. (1884) pl. 51, Beschr. S. 86; S. 87 von Reg. 8. E. XV. Einen Brief über Felix, vermuthlich an Theodulf gerichtet, hat Loewenfeld gefunden und Bibl. de l'École des chartes XLII herausgegeben (s. NA. VII, 242). — Dümmler, Alchvinstudien, Berl. SB. 1891, S. 495-523 als Vorbereitung der neuen Ausgabe.
[8] Ausg. von Dümmler, Poet. Lat. I, 160-351, cf. II, 690-693. Die S. 692 nachgetragenen sind aber von Prosper, s. Manitius. NA. XI, 553; von dems. ib. S. 558 Anklänge in Alcuins Gedichten. Vgl. Traube, Karol. Dichtungen, S. 47-51, 61-110. A. Largeault, Inscriptions métr. composées par et pour les monastères de St. Hilaire de Poitiers et de Nouaillé (Poitiers, Guillois 1885); darüber u. dazu Traube, NA. XIX, 447. J. B. de Rossi: L'inscription du tombeau, d'Hadrien I (von Alcuin) Extr. des Mél. d'archéol. et d'hist. publ. par l'École franç. de Rome, 1888, mit Berichtigungen zu A.'s Gedichten. Vgl. NA. XIV, 447.
[9] Bibl. VI, 80-131; Poet. Lat. I, 169-206.
[10] Vgl. Prantl, Gesch. d. Logik II, 14-17.
[11] Jos. Zechmeister: Scholia Vindobonensia ad Horatii Artem, Vind. 1877, glaubt diese Alcuin oder seiner Schule zuschreiben zu können, aber der Stil erscheint mir sehr verschieden. S. 15, 23 l. colantes culices, nicht volantes.
[12] Für diesen, Karls Kanzler (Sickel I, 80), ist auch die jetzt in Wien verwahrte Biblia Radonis geschrieben.
[13] Diese Ansicht bekämpft Ebert II, 345, allein mir erscheinen die Angaben der Vita c. 10 zu bestimmt und zuverlässig überliefert, als daß wir sie verwerfen dürften.
[14] Neue Ausg. Bibl. VI, 1-34. MG. SS. XV, I, 182-197, von Arndt.
§ 6. Paulus Diaconus. [[←]]
Sein Leben ist erst genauer bekannt geworden durch die von Lebeuf entdeckten und in der Dissertation sur l'histoire de Paris 1739 herausgegebenen Gedichte. Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Archiv X, 247-334. Bethmann, Die Geschichtschreibung der Langobarden, ib. 335-414. Langob. Regesten, nach Bethmanns Nachlaß bearb. v. Holder-Egger, NA. III, 225-318. L. Ranke, P. D. Ges. Werke LI, 77-92. F. Dahn, Des Paulus D. Leben u. Schriften, 1876 (die Gedichte in sehr schlechten Texten). Vgl. die Anz. von G. Waitz, GGA. 1876 S. 1513-1523. Ebert II, 36-56. Bursian, Gesch. d. Philol. I, 19. Balzani S. 66-90. Pasq. Del. Giudice 1880, wiederholt in: Studi di storia e diritto (1890) S. 1-43. — Die Gedichte Poet. Lat. I, 27-86, vgl. NA. IV, 102-112. 573. X, 165. XVII, 397-401. Traube, Karol. Dicht. S. 62. 63. NA. XV, 199 (Die Verse „Multa legit“ zu streichen). Ein grammat. Gedicht Poet. lat. I, 625-628, vgl. II, 698. Der Lobgesang auf den h. Mercur kann nach Dümmler nicht von P. D. herrühren, vgl. Dahn S. 17.
Wie die Gothen, so bewahrten auch die Langobarden ihres Volkes Urgeschichte, die alten Sagen, die Großthaten der Väter, besonders aber, worauf sie den größten Werth legten, die Folge und Verwandtschaft der Geschlechter, in ihren Liedern, die sich mündlich vom Vater auf den Sohn vererbten. Sie aufzuzeichnen, keine leichte Arbeit, mochte überflüssig erscheinen, so lange sie noch im Volke lebten; doch gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts, um 670 hat ein Langobarde aus ihnen die Geschichte seines Volkes entnommen, und der Langobarden Herkunft, wie man davon sagte und sang, in kurzen und schlichten Worten berichtet; in Umrissen nur, nicht in ausführlicher Erzählung, aber was er uns giebt, ist unberührt von der fremden Gelehrsamkeit, welche die gothischen und fränkischen Sagen entstellt hat[1]. Man hatte darin doch etwas mehr als in dem kahlen Königsverzeichniß, welches König Rothar 643 seinem Gesetzbuch vorangestellt hatte; des Volkes Aelteste, welche das Recht sprachen und das Andenken der Vergangenheit festhielten, trugen darum auch dieses Schriftchen in ihr Rechtsbuch ein, wie wir das so häufig wiederfinden in den Handschriften des Mittelalters, bei den Gesetzen der Westgothen und Franken so gut wie beim Sachsenspiegel.
Es gab freilich damals bereits auch eine andere Geschichte der Langobarden, verfaßt von dem Knechte Gottes Secundus, Abt in Trient († 612), aller Wahrscheinlichkeit nach, wie R. Jacobi bemerkt, demselben, welcher in Pabst Gregors I Briefe vorkommt[2]; wir kennen sie aber nur, weil Paulus ihrer gedenkt, und sie scheint wenig Verbreitung gefunden zu haben. Ein so frommer Mann römischer Abkunft erzählte schwerlich von Wodan und Freia, und mit der römischen Bildung haben die Langobarden sich nur sehr langsam befreundet. Ein Römer scheint es auch gewesen zu sein, der im Jahre 641 die oben [S. 84] erwähnte Fortsetzung des Prosper verfaßte. Von litterarischer Thätigkeit im langobardischen Reiche finden sich weiter keine Spuren, man müßte denn etwa des Abtes Jonas von Susa Schriften, deren wir schon oben ([S. 118]) gedachten, dazu rechnen, der aber auch ein Romane war. Sonst liegt noch ein um 698 verfaßtes rhythmisches Gedicht in rohester Form vor, in welchem ein Magister Steffan den König Kunincpert feiert, der das Schisma von Aquilegia beendigt hatte; auch seiner Vorfahren, die Arianer und Juden verfolgten, wird rühmend gedacht[3]. Nicht minder roh in der Form ist eine bald nach 738 verfaßte rhythmische Beschreibung von Mailand, worin König Liutprand und Bischof Theodor gepriesen werden[4].
Die Grammatiker jedoch, welche trotz aller Ungunst der Zeiten ihre Thätigkeit in Italien immer fortgesetzt hatten, fanden allmählich auch unter den Langobarden Schüler, und als deren Herrschaft sich ihrem Ende nahte, da hatten sie dem fremden Volke bereits seinen Geschichtschreiber erzogen, der, wie Jordanis, nach dem Sturze des Reiches wenigstens das Andenken desselben für die Nachwelt bewahrte.
Paulus, des Warnefrid Sohn, aus einem edlen Langobardengeschlechte, das im Friaul begütert war, um 720 geboren, wurde wahrscheinlich nach alter deutscher Sitte am Hofe des Ratchis (744-749) zu Pavia erzogen; als seinen Lehrer nennt er den Grammatiker Flavianus, dessen er noch in seinem hohen Alter mit Liebe gedenkt[5]. Auch dem König Desiderius soll Paulus lieb und werth gewesen sein, und wenn auch die Zeugnisse dafür unzuverlässig sind, so ist es doch an sich sehr wahrscheinlich, daß er in der königlichen Kanzlei Beschäftigung fand und eben dadurch in ein so nahes Verhältniß zu der Herrscherfamilie trat. Im J. 763 verfaßte er rhythmische Verse über die sechs Weltalter, welche akrostichisch die Worte Adelperga pia enthalten[6], den Namen der Tochter des Desiderius, welche seine Schülerin war; dieser und ihrem Gemahl Arichis war er mit der wärmsten Anhänglichkeit und Freundschaft ergeben, und an ihrem Hofe zu Benevent fand er eine Zuflucht nach dem Falle des Reiches von Pavia, wenn er nicht schon früher die Königstochter dahin begleitet hatte. Für sie verfaßte er hier seine Römische Geschichte bis auf Justinian, deren wir schon oben ([S. 52]) gedachten[7]. Er hatte der wißbegierigen Königstochter den Eutrop zu lesen gegeben, in welchem sie aber jede Erwähnung der jüdischen und christlichen Geschichte vermißte. Deshalb versah er das Werk mit Zusätzen und mit einer Fortsetzung aus verschiedenen Quellen, und das Geschick nebst der umfassenden Litteraturkenntniß, womit er diese Arbeit ausführte, hat lebhafte Anerkennung bei Th. Mommsen gefunden, auf dessen Anordnung die Ausgabe von H. Droysen die Gestalt von Zusätzen zum Eutrop erhalten hat[8]. Den zusammenhängenden Text des Paulus dagegen finden wir in der Octavausgabe.
Um diese Zeit dichtete Paulus auch für Arichis die Inschriften, womit dieser seine glänzenden Bauten zu Salerno schmückte, und die Grabschrift auf die Königin Ansa[9], welche 774 nach Frankreich abgeführt war, und deren Todesjahr unbekannt ist. Noch feiert er darin Adelchis als die Hoffnung der Langobarden.
Wann Paulus in den geistlichen Stand eingetreten ist, dem er seinen Beinamen Diaconus verdankt, wissen wir nicht; ebenso wenig, wann er in dem großen Mutterkloster des Abendlandes zu Montecassino das Mönchsgelübde abgelegt hat; vielleicht führte ihn dorthin die Anhänglichkeit an König Ratchis, der hier als Mönch seinen Weinberg baute, vielleicht die Noth nach der Confiscation der Güter seiner Familie. Das stille Klosterleben aber gewann bald einen solchen Reiz für Paulus nach den traurigen Zeiten, die er durchlebt hatte, daß er die heilige Stätte wohl nicht wieder verlassen haben würde, wenn nicht die politischen Ereignisse ihm auch hier keine Ruhe gelassen hätten.
Im Jahre 776 nämlich war im Friaul ein Aufstand gegen die Franken ausgebrochen, dem vielleicht Paulus selbst nicht fremd war, und wohl ohne Zweifel war dies die Veranlassung, weshalb sein Bruder Arichis gefangen fortgeführt wurde und sein Vermögen verlor. Lange scheint sich Paulus jeder Annäherung an die Franken enthalten zu haben; als aber Karl 781 nach Rom gekommen war, und in der Ordnung der italischen Verhältnisse seine Mäßigung und Milde bewährt hatte[10], da richtete Paulus, sechs Jahre nach jenem Ereigniß, eine Elegie an den König, worin er ihn um Gnade für seinen Bruder bat[11]. Damit begab er selbst sich zum Könige, und schrieb am 10. Januar 783 von den Ufern der Mosel einen Brief an seinen Abt Theudemar[12], worin er noch den festen Entschluß ausspricht, in sein Kloster, nach welchem lebhafte Sehnsucht ihn erfüllte, heimzukehren, sobald er den Zweck seiner Fürbitte erreicht habe. Er rühmt aber sehr die gute Aufnahme, welche er gefunden habe. Es war gerade die Zeit, in welcher Karl die Gelehrten aller Länder an seinem Hofe versammelte, und Paulus ließ sich doch bestimmen, einige Jahre an dieser ersten frischen Entfaltung litterarischer Thätigkeit sich zu betheiligen. Noch haben sich Verse erhalten, welche in Karls Namen Peter von Pisa an ihn richtete[13], wo in scherzhafter Uebertreibung seine Gaben und Kenntnisse gefeiert werden. Eben wolle er seine Tochter nach Griechenland verheirathen, sagt Karl, und Paulus solle ihre Begleiter in dieser Sprache unterweisen. Bescheiden und aufrichtig lehnt Paulus die Lobsprüche und den Auftrag ab, und ebenso wenig wird er, was ihm in ähnlicher Weise zugemuthet wurde, die Bekehrung des Dänenkönigs Siegfried versucht haben. Einige Kenntniß der griechischen Sprache, welche man bei der Nachbarschaft nicht gut entbehren konnte, hatte er, wie er selbst sagt, in der Schule erworben, aber weit wird dieselbe nicht gereicht haben. Er dichtete aber Grabschriften für die Königin Hildegard († 783) und für deren so wie für Pippins Töchter, und verfaßte auf Karls Befehl die Homiliensammlung, welche der Unwissenheit der Geistlichen in wirksamer Weise zu Hülfe kam[14]. Diese wird er jedoch, wie Dahn nachgewiesen hat, erst in Montecassino ausgearbeitet haben.
In eben dieser Zeit schrieb Paulus auch auf Bitten des Bischofs Angilram von Metz die Geschichte von dessen Vorfahren auf dem Stuhl des heiligen Clemens[15]. „Mit besonderer Ausführlichkeit behandelte er darin die Familie und die Ahnen Karls des Großen, vielleicht,“ wie Bethmann sagt, „auf dessen eigenen Wunsch oder wenigstens ihm zu Gefallen, und nicht undeutlich blickt die Absicht durch, die Thronbesteigung der Karolinger zu rechtfertigen und sie als ein durch Heilige gleichsam legitimes Herrscherhaus darzustellen.“ Doch hat gegen diese Auffassung Bonnell[16] nicht unerhebliche Gründe geltend gemacht, und nur die Verherrlichung des Ahnherrn Arnulf im Anschluß an dessen ältere Lebensbeschreibung bestehen lassen.
Paulus gab in diesem Werke das erste Beispiel und Vorbild der Bisthumsgeschichten. Auch eine Biographie Gregors des Großen hat Paulus nach seiner eigenen Angabe geschrieben[17]; daß er aber auch derjenige Paulus gewesen wäre, welcher eine kritisch verbesserte Auswahl aus Gregors Briefen an Adalhard schickte, ist mindestens sehr unsicher[18]. Dagegen bemerkt Dümmler, daß er wohl der in einem Schreiben Hadrians I (Bibl. IV, 274) erwähnte Paulus grammaticus sein könne, welcher Gregors I Sacramentar für Karl von ihm erbeten hatte.
So wahrhaft und innig auch die Liebe gewesen zu sein scheint, welche den langobardischen Mönch mit dem Besieger seines Volkes verband, auf immer ließ er sich doch nicht am Hofe fesseln. Die immer zunehmende, endlich bis zum Kriege gesteigerte Feindschaft zwischen Arichis und Karl mag ihm wohl zuletzt den Aufenthalt daselbst vollends verleidet haben, obwohl sein persönliches Verhältniß zum Könige auch durch diese Vorfälle nicht gestört wurde. Doch finden wir ihn 787 wieder in Montecassino, wo er die schöne Grabschrift für den am 25. August verstorbenen Fürsten Arichis verfaßte[19]. Den Abend seines Lebens widmete er von nun an in ungestörter Ruhe frommen Betrachtungen und der Geschichte seines Volkes. Er schrieb eine ausführliche Erläuterung der Klosterregel[20] und verfaßte die sechs Bücher seiner Geschichte der Langobarden[21], die er leider unvollendet hinterlassen hat. Er erfüllte damit das schon in der Widmung der Römischen Geschichte der Adelperga gegebene Versprechen, sie bis auf seine Zeit fortzusetzen.
Als einen bedeutenden Historiker können wir Paulus freilich nicht betrachten. Die Sprache weiß er in seinen Gedichten mit Leichtigkeit und Anmuth, wenn auch nicht fehlerfrei, zu behandeln[22] und in der Erzählung zieht uns ihre schmucklose Einfachheit an. Von der gesuchten Gelehrsamkeit und Ueberkünstelung so wie von der barbarischen Rohheit des siebenten Jahrhunderts ist er frei, und für sein Zeitalter ist seine gelehrte und sprachliche Bildung außerordentlich hoch anzuschlagen[23]. Allein historische Kunst oder tiefere Auffassung dürfen wir bei ihm nicht suchen. In der Geschichte der Bischöfe von Metz berichtet er anfangs die fabelhafte Localtradition, ohne ein Urtheil darüber auszusprechen, als Sage, dann schöpfte er seine Nachrichten aus Gregor, Fredegar und dem Leben Arnulfs; was er aus der neueren Zeit hinzufügt, ist wenig bedeutend, wie denn auch dieses ganze Werk über einen ihm fernliegenden Gegenstand, auf den Wunsch seines Gönners verfaßt, zu keinen höheren Ansprüchen berechtigt.
Anders verhält es sich mit der Geschichte der Langobarden. Leider reicht sie nur bis zum Tode Liutprands (744), und es fehlt uns also die Darstellung der Zeit, welche der Verfasser selbst durchlebt hat. So weit er aber mit seiner Arbeit gekommen ist, finden wir auch hier nur einfache Erzählung, zusammengesetzt aus der mündlichen Ueberlieferung und schriftlichen Quellen, wie der Origo, Gregor von Tours, Beda, den Leben der Päbste u. a. m.[24]. Aus diesen nimmt er ganze Stücke auf, ohne sie eigentlich zu einem Ganzen zu verarbeiten; in der Kritik, sogar in der Sorgfalt und Genauigkeit bei Benutzung seiner Gewährsmänner erscheint er schwach, höchst verwirrt in der Chronologie, und obwohl seine eigentliche Aufgabe die Volksgeschichte der Langobarden ist, nimmt er ohne rechtes Maß doch auch fernerliegendes auf. Läßt er aber demnach als gelehrter Geschichtschreiber viel zu wünschen übrig, so entschädigen uns doch dafür andere sehr wesentliche Vorzüge, die einfache Klarheit seiner Darstellung, die lautere Wahrheitsliebe, die ihn von allem in ungeschminkter Geradheit berichten läßt, die Wärme des Gefühls für sein Volk, welche sich auch ohne ruhmredige Verherrlichung besonders in der Aufzeichnung der alten Sagen kundgiebt. Sehen wir nun aber vollends auf den materiellen Werth seiner Geschichte, so ist derselbe unbedenklich als ganz unschätzbar anzuerkennen, wir verdanken ihm eben die Bewahrung jenes reichen, durch keine spätere Gelehrsamkeit verfälschten Sagenschatzes, und über die Geschichte der Langobarden, was er aus dem Secundus von Trident und anderen verlorenen Quellen schöpfte sowohl wie die Aufzeichnung mündlicher Ueberlieferung: rettungslos würde alles dieses nach dem Sturze des Reiches dem Untergang verfallen sein, wenn nicht des alten Mönches Hand es mit treuer Liebe aufgezeichnet hätte.
[1] Origo Gentis Langobardorum, zuerst in: Edicta regum Langobardorum ed. opera et studio Caroli Baudi di Vesme, Aug. Taur. 1855, vgl. p. LXXI bis LXXXII. Ausg. v. F. Bluhme mit Chron. Goth. 1868 in MG. Legg. IV, 641-647. Ausg. v. Waitz, SS. Lang 1-6 (verwirft die früher mit Baudi de Vesme angenommene erste Abfassung unter Rothari). — Uebersetzung von Abel bei P. D. S. 1-8; vgl. Bethmann S. 351-365 und über die Sagen im Allgemeinen S. 335-349. Hieraus geschöpft, aber erweitert auch mit Benutzung des Isidor, und mit einer Lobrede auf Karl und Pippin versehen ist das c. 810 geschriebene sog. Chron. Gothanum, d. h. aus der einst Fulder, jetzt Gothaer Handschr. der Volksrechte, in sehr barbarischer Form und Sprache; als Historia Langobardorum codicis Gothani bei Waitz S. 7-11. Fragm. aus einer and. Hs. bei Calligaris, s. unten. Platner, Forsch. XX, 172, vermuthet erste Abfassung der Origo im 6. Jahr Agilulfs (597), weil nur so weit im Chron. Goth. benutzt. Mommsen, NA. X, 74 ff. sieht in der Origo einen Auszug aus dem Werke des Secundus mit einer Fortsetzung, aus diesem habe auch Paulus geschöpft; aber mir erscheinen die Gegengründe von Waitz ib. S. 421 überwiegend. Für Mommsen L. Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (Diss. Lips. 1885), NA. XIII, 236. 391-394.
[2] R. Jacobi, Quellen der Langobardengeschichte, S. 63-84, stellt zusammen, was er von Paulus Werk für Secundus in Anspruch nehmen zu können glaubt, und bekämpft Bethmanns Meinung, daß der Contin. Prosperi Havn. ihn gekannt habe. L. Schmidt hält sein Werk für eine annalistische Fortsetzung des Prosper.
[3] Aus 2 Hss. aus Bobio bei Oltrocchi, Eccl. Medol. hist. Ligustica (1795) II, 536. 579. 624 mit ausführlichem Commentar. Waitz, SS. Lang. p. 189-191. Paulus D. hat es nicht gekannt. Manitius S. 397.
[4] Neu herausgeg. v. L. Traube, Karol. Dicht. S. 119-122. Manitius S. 398.
[5] Diesen vermuthet Luc. Müller in einem oft angeführten Grammatiker, Neue Jahrbb. f. Philol. XCIII (1866), 561. Dem aber widerspricht sehr entschieden H. Hagen, Anecdota Helv. p. CLXIII.
[6] Waitz l. l. p. 13. Poet. Lat. I, 35.
[7] Wie Del Giudice S. 25 f. nachzuweisen sucht, war er schon Mönch und das Langobardenreich gefallen.
[8] Von geringem Werth ist die Bearbeitung und Fortführung bis 813 von einem unbekannten Landulfus Sagax um das Jahr 1000, für die spätere Zeit fast ausschließlich aus der Kirchengeschichte des Anastasius geschöpft, bekannt als Historia miscella. (Ausg. v. Fr. Eyssenhardt, Berl. 1869). Seine Originalhs. hat Heinrich II dem Kl. Corvey geschenkt (Cod. Vat. pal. 909). — Eutropi Breviarium ab U. C. cum versionibus Graecis et Pauli Landolfique additamentis, rec. H. Droysen, MG. Auctt. antiq. II. 1878, 4. Pauli Historia Romana in usum schol. recusa, Berl. 1879, 8. Vgl. Waitz, GGA. 1879, S. 583-602. H. Droysen, Zusammensetzung der H. R., Forsch. XV, 167-180. Mommsen, NA. V, 53.
[9] Neue Ausgabe von Waitz, SS. Lang. S. 191; Dümmler, Poet. Lat. I, 45.
[10] „Quod raro fieri adsolet, clementi moderatione victoriam temperavit.“ Pauli Gesta epp. Mett. p. 268.
[11] Versus ad regem precando, wiederholt bei Waitz, S. 15; Poet. Lat. I, 47.
[12] Wiederholt bei Waitz, S. 16.
[13] Bei Waitz S. 17; Poet. Lat. I, 48.
[14] Bethmann, Arch. X, 296 u. 301; Poet. Lat. I, 68, und die schönen Widmungsverse eines Exemplars von Ebrard an den h. Germanus, Poet. Lat. I, 432. G. Loeck: Die Homiliensammlung des P. D. als unmittelbare Vorlage des Otfridischen Evangelienbuches, Kieler Diss. 1890.
[15] Gesta episcoporum Mettensium ed. Pertz, MG. SS. II, 260-270. Im Auszuge übersetzt bei O. Abel, Einhards Jahrbücher S. 1-8. Ueber die von Freher benutzte Hs. (jetzt in Bremen) Dümmler, NA. III, 187. Andere nachgewiesen im Catal. des Mss. des Départ. V, p. LXII. Die nach Bethmanns Vermuthung im Arch. X, 294 von ihm herrührenden Versus de episcopis Mettensibus bis auf Angilram, Poet. Lat. I, 60. SS. XIII, 303-305. — Durch weitere Ausführung mißverstandener Worte des Paulus entstand aus den Gesten mit Benutzung des Fredegar und seiner Fortsetzer unter Ludwig dem Frommen die Domus Carolingicae genealogia, MG. SS. II, 308, XIII, 243 von Waitz als Genealogia regum Francorum, welche nach Bonnell, Die Anfänge S. 6 ff. mit Ludwigs aquitanischem Königreich in Verbindung steht, indem sie ihm romanische Ahnen giebt und an südfranzösische Heilige anknüpft. Ueber die Leipz. Hs. Rethfeld, NA. XIII, 243. Die Genealogia S. Arnulfi ib. ist eine Fälschung von Vignier, NA. XI, 631. Waitz hat ausser dieser andere ähnliche Stücke hinzugefügt, welche in Geneal. d. franz. Könige u. Grafen von Flandern übergehen. S. 726-729 Historiae Francorum Steinveldenses. SS. XXV, 381-384 Genealogia Carolorum Mettensis von 1164 ed. Heller; daran anschliessend Geneal. ducum Brabantiae, p. 385-413. Durch dieselbe Genealogie ist als später entstanden kenntlich der Libellus de Maioribus domus. Mit der Gen. sind in der Ausgabe von Pertz verbunden die Versificirung derselben zu Ehren Karls des Kahlen: Origo et exordium gentis Francorum (wiederholt Poet. Lat. II, 141) und Regum Merowingorum genealogia et catalogus, p. 307; cfr. III, 19. 214. X, 138, und dazu die Bemerkung von Ermisch, Die Chronik des Regino S. 22; weitere Catalogi regum et imperatorum SS. XIII, 264-271. 742.
[16] Die Anfänge des Karolingischen Hauses, S. 45.
[17] S. darüber Bethmann im Arch. X, 303; NA. XII, 603 über die neue Ausgabe von Grisar, Zts. f. kath. Theol. XI, 162-172, worin mit den Interpolationen auch alle Andeutungen auf den Aufenthalt des Vfs. in Rom fortgefallen sind. Die Autorschaft des P. D. ist ganz ungewiss.
[18] S. Ewald, NA. III, 472 ff. 484. 624. u. NA. VI, 246 über die in Petersburg wiedergefundene Handschrift.
[19] Poet. Lat. I, 66.
[20] Gedr. Bibl. Casin. IV. Floril. p. 1-173. Der Brief an Karl im Namen des Abts Theudemar ist facs. bei der Beschreibung des cod. 179 p. 39-41. Ueber diesen Commentar u. die Epit. Festi s. K. Neff: De Paulo D. Festi epitomatore. Diss. Erl. 1891.
[21] Die lange erwartete neue Ausgabe ist von Waitz vollendet: SS. Rer. Langob. et Ital. saec. VI-IX. ed. G. Waitz 1877. 4; S. 193-197 Epitomae, S. 198-220 Continuationes, von geringer Bedeutung. Anz. v. Bishop im Dublin Review, Apr. 1879, von Monod, Revue crit. 1879, I, 272-276. Uebersehene Hs. der Classe D. Christ. 597, NA. X, 165. 231. Cod. 96 = 105 ist jetzt in Paris Nouv. acquis. lat. 1602. Ueber die umgearbeitete Bamberger Hs., welche Spruners Uebersetzung zu Grunde liegt, s. Waitz im Arch. IX, 673-703, über eine verwandte in Oxford R. Pauli im NA. II, 161-168. G. Calligaris über eine Hs. in Turin im Bull. dell'Istituto stor. Ital. n. 10, S. 31 ff. u. Studien zur Kritik des Paulus in Mem. della R. Deputazione di storia patria per la Venezia 1890 (NA. XVII, 224). — Uebers. v. O. Abel 1849, 2. A. v. Reinh. Jacobi 1878, Geschichtschr. 15 (VIII, 4). — Ueber den Weg, auf welchem die Lang. gekommen, Virchow in Verh. d. Berl. Anthropol. Ges. v. 17. Nov. 1888, S. 508-532 (NA. XV, 211). Chroust, Ortsbestimmung, nach Pogatschnigg, NA. XV, 585.
[22] Die von Dümmler NA. X, 165 nachgetragenen Verse sind in scherzhafter Absicht, im Anschluß an vorhergehende ähnlicher Art, mit Vernachlässigung aller metrischen Regeln gemacht.
[23] Waitz: Ueber die handschriftliche Ueberlieferung und die Sprache der H. Langobardorum, NA. I, 533-566. Die Ausgabe bietet doch nicht die barbarische Sprache, welche die ältesten Handschriften enthalten. Es kommen allerdings grobe grammatische Fehler vor, und zwar in den letzten Büchern zunehmend. Da ist in Anschlag zu bringen, daß das Werk unvollendet blieb.
[24] Bethmann, Archiv X, 314. R. Jacobi: Die Quellen der Langobardengeschichte des P. Diaconus, Halle 1877. Controverse über den von ihm benutzten Catalogus provinciarum und verlorene annalistische Quellen, auch im Cont. Havniensis, zwischen Mommsen u. Waitz, NA. V, 51-103 u. 417-424. XI, 633. K. Neff, NA. XVII, 204-208 gegen Waitz. Mommsen Auctt. antt. IX, 527. — Die auch von P. benutzten hist. Stellen aus Gregors Dial. SS. Lang. p. 524-540. — Benutzung des Fredegar, von Waitz geleugnet, behauptet Monod, Revue crit. 1879, I, 276. Ueber die Quelle von HL. I, 25 über Justinians Gesetzgebung s. Th. Mommsen u. Fitting, NA. III, 185. 399-402. Zu III, 9. 31. Malfatti im Arch. stor. per Trieste, l'Istria e il Trentino II, fasc. 4, 1883. Zu VI, 54 W. Martens Polit. Gesch. d. Langobardenreichs unter K. Liutprand, Heidelb. Diss. 1880, Excurs S. 66-71.
§ 7. Angilbert. [[←]]
Angilberti Carmina ed. Dümmler, Poet. Lat. I, 355-381; vgl. NA. IV, 140-142. Die älteren Drucke, gesammelt bei Migne XCIX, 849-854, dadurch veraltet. Herm. Althof: Angilberts Leben und Dichtungen (übersetzt). Wiss. Beilage z. Progr. des Realprogymn. u. Progymn. zu Münden. Bes. Abdr. Hann. Münden 1888. Traube, O Roma nobilis (Abh. d. Münch. Akad. I. CI. XIX, 2) S. 326-331. Verz. seiner Gedichte. Ein Abt Angilbert von Corbie zugeschriebenes Gedicht ihm zugesprochen. Ders., Karol. Dicht. I, 51-60 gewinnt Gedichte Angilberts aus denen des Bernowin (Poet. Lat. I, 413-425), der sich als Plagiator A.'s Gedichte angeeignet hat.
Wie Paulus am langobardischen, so war Angilbert, der ebenfalls aus vornehmem Geschlechte stammte, am fränkischen Hofe aufgewachsen[1]. Wohl wenig jünger als Karl selbst, war er mit diesem durch innige Freundschaft verbunden und stand zu der ganzen königlichen Familie im vertraulichsten Verhältniß. Er scheint sich schon früh mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt und eine ansehnliche Stellung in Karls Kapelle erlangt zu haben. Als Alcuin an den Hof kam, ergriff er mit demselben Eifer, wie sein königlicher Freund, die Gelegenheit zu höherer Ausbildung; er wurde ein Schüler Alcuins, des Paulinus und Peters von Pisa, und nahm an der Akademie den lebhaftesten Antheil; hier erhielt er wegen seiner poetischen Begabung den Namen Homer. Aus dieser frühen Zeit der achtziger Jahre haben sich einige, in der Form zum Theil noch sehr unvollkommene Gedichte erhalten, welche Dümmler kürzlich aus einer gleichzeitigen Handschrift herausgegeben hat[2]. In dem einen, welches aus versus serpentini besteht, grüßt Angilbert mit seinen Genossen Angelram und Riculf den nach Italien heimgekehrten Lehrer Peter von Pisa, und sendet zugleich ein von ihm erbetenes Gedicht Karls des Großen an ihn. In dem Gedicht eines räthselhaften Fiducia an Angelram werden Angilbert und Theodulf als divini poetae erwähnt. Diese Verse scheinen früher angesetzt werden zu müssen, als Angilberts Sendung nach Italien, wo ihm, gewiß ein Zeichen hohen Vertrauens, eine bedeutende Stellung am Hofe des Kindes Pippin in dem neugewonnenen italienischen Königreiche anvertraut wurde. Auch war er mit Alcuin schon vorher befreundet[3].
Zurückgekehrt trat Angilbert wieder in den Kreis seiner alten Freunde ein, und genoß in hohem Grade Karls Vertrauen, der ihn 796 in einem Briefe an Leo III manualem nostrae familiaritatis auricularium, in dem an ihn selbst gerichteten Brief seinen auricularius nennt[4]. Er gehörte zur königlichen Kapelle, und auch seine Würde am italienischen Hofe war vielleicht schon eine geistliche[5]. Wie bedeutend und einflußreich seine Stellung gewesen ist, zeigen die wichtigen Gesandtschaften an den römischen Pabst, welche ihn noch dreimal (792, 794, 796) nach Italien führten; auch soll er im Jahre 800 den König nach Rom geleitet haben, und im Jahre 811 unterzeichnete er Karls Verfügung über seinen Schatz zu Gunsten der Kirchen seines Reiches.
Noch hatte sich am fränkischen Hofe aus Karl Martels Zeit die Sitte erhalten, daß die Einkünfte reicher Abteien zum Unterhalt der Hofleute verwandt wurden, und auch Angilbert war 790 Abt von Centula oder Saint-Riquier in der Picardie geworden[6]. Er betrachtete aber diese Würde nicht als eine bloße Pfründe, sondern stellte es sich vielmehr zur Aufgabe, dieses Kloster so herrlich wie möglich auszustatten. Unterstützt durch Karls fürstliche Freigiebigkeit, mit Hülfe königlicher Baumeister und Künstler, baute er es von Grund aus neu, und auch hierher kamen antike Säulen und Marmorstücke aus Italien. Angilbert selbst hat darüber einen Bericht geschrieben, der fast vollständig in Hariulfs Chronik aufgenommen ist[7]. Die vollendete Kirche schmückte er in glänzendster Weise mit jedem Zubehör des prachtvollen Kirchendienstes; namentlich ließ er sich, wie Arn, die Pflege der Bibliothek angelegen sein und bereicherte diese mit 200 Büchern. Vielleicht das köstlichste unter diesen für die Mönche von Centula war das Leben ihres Stifters, des h. Richarius, welches auf Angilberts Bitten sein Freund Alcuin nach den gesteigerten Anforderungen der Zeit neu bearbeitete[8]. Im Jahre 800 hatte Angilbert die Freude, seinen königlichen Freund in den Mauern seines Klosters als Gast zu empfangen, der bei ihm am 19. April das Osterfest feierte, und wie er diesem Zeit seines Lebens in treuester Freundschaft zugethan war, so folgte er ihm auch am 18. Februar 814 im Tode nach.
Daß Angilbert nach solchen Verdiensten um das Kloster später daselbst als Heiliger verehrt ward, versteht sich von selbst[9]; Anscher, sein Biograph im zwölften Jahrhundert, weiß auch viel von seinem strengen und erbaulichen Wandel zu erzählen, allein das war gleichfalls so unvermeidlich, wenn man nach Jahrhunderten über das Leben des Stifters berichtete, daß darauf durchaus kein Gewicht zu legen ist. Einem Staatsmanne Karls des Großen stand mönchische Askese übel an, und Angilberts Thätigkeit scheint mehr auf eine tüchtige praktische Wirksamkeit gerichtet gewesen zu sein; unmöglich ist es aber nicht, daß er in seinen alten Tagen sich getrieben fühlte, für ein früher allzu freies Leben Buße zu thun. Hatte er sich doch schon von Alcuin einreden lassen, daß die Schauspiele, an denen er so viele Freude hatte, sündlich wären, und wenn auch Alcuin seinen Wandel im übrigen würdig und angemessen nennt[10], so wissen wir doch von einem Verhältniß, welches den mönchischen Sittenpredigern nicht gefallen konnte, so wenig es auch an Karls Hofe auffallen und Anstoß erregen mochte. Denn Angilbert war der glückliche Geliebte von Karls schöner Tochter Bertha, die ihm zwei Söhne, Nithard und Harnid, geboren hat: ein Verhältniß, welches vielleicht durch eine naheliegende Verwechselung Anlaß gegeben hat zu der bekannten Sage von Eginhard und Emma[11]. Die Thatsache ist unzweifelhaft; Nithard, der eigene Sohn, erzählt sie, und wir haben Einhards ausdrückliches Zeugniß dafür, daß Karl sich nicht entschließen konnte, eine von seinen Töchtern zu verheirathen. Daß er ihnen dafür um so größere Freiheit gestattete und daß manches anstößige Verhältniß an seinem Hofe geduldet wurde, ist ebenfalls bekannt genug. Wie Hariulf, der 1088 seine lehrreiche Chronik von Centula vollendete, diesen Umstand behandelt hat, wissen wir nicht, da gerade hier zwei Blätter aus der Handschrift ausgeschnitten sind; der Interpolator sagt kurz, daß Angilbert die Bertha zur Ehe erhalten habe und mit ihr den Ducat des Küstenlandes[12]. Wahrscheinlich aber war die Darstellung hier ähnlich wie in der zweiten Biographie, welche nebst drei Büchern Mirakel von dem Abt Anscher verfaßt ist, um die Canonisation Angilberts zu erwirken. Im Jahr 1110 hatten die Wunder an dem vergessenen Grabe Angilberts neu begonnen, und Anscher überreichte das Werk dem Erzbischof Radulf von Reims, vielleicht auch dem Pabste, um die Heiligsprechung zu erreichen. Ungeachtet dieses Zweckes aber erzählt er unbefangen, gewiß alter Ueberlieferung folgend, daß Bertha in heißer Liebe zu Angilbert, der schon zum Priester geweiht war und ein Bisthum erhalten sollte, entbrannte; ungern habe Karl nachgegeben. Angilbert aber, ausgestattet mit dem Ducat, den Anscher schon nach den Begriffen seiner Zeit als ein Herzogthum auffaßt, schlägt die Dänen[13] mit S. Richarius Hülfe, wird dann Mönch und führt zur Buße das strengste Mönchsleben, während Bertha ebenfalls zu Saint-Riquier den Schleier nimmt. Das ist nicht richtig, noch bei der Zusammenkunft Karls mit Pabst Leo zu Paderborn 799 erscheint Bertha in voller weltlicher Herrlichkeit, und hat nach Einhards Zeugniß bis zu des Kaisers Tod den Vater nicht verlassen; auch 826 bei der Ankunft des h. Sebastian finden wir sie bei ihrem Bruder in Soissons. Da sie ferner erst um 780 geboren ist[14], war Angilbert schon Abt, als sie sich in ihn verliebte, und daß er auch noch viel später, noch im J. 800 nach Karls Osterfeier in St. Riquier, sein Familienleben am Hofe nicht aufgegeben hatte, zeigt uns das anmuthige Gedicht, welches zuerst von Docen an dem Dichternamen Homer als ein Werk Angilberts erkannt ist[15], ein Gruß an Karl und den engeren Kreis der Seinen aus der Ferne. Hier gedenkt er nach der Schilderung der königlichen Pfalz und ihrer Bewohner, zuletzt auch seines nahe gelegenen Hauses mit dem Garten, in welchem seine Knaben spielen; die zärtlichste Liebe und Sorge spricht sich darin aus, aber von der Mutter ist keine Rede. Dagegen begrüßt er unter Karls Töchtern Bertha mit besonderer Verehrung[16], und die Weise, wie er den König als seinen süßen David, dessen Kinder als seine Lieben grüßt, deutet auf ein sehr vertrauliches Verhältniß.
Aehnlicher Art wie dieses ist ein anderes Gedicht Angilberts, verfaßt als er 796 nach Italien eilend, dem siegreichen jungen Könige Pippin in Langres begegnete; er schildert die Freude des Wiedersehens, die ungeduldige Erwartung am Hofe, und voraus schauend die zärtliche Begrüßung des jungen Helden im Kreise der Seinen[17].
Geglaubt hat man, daß uns auch noch aus einem größeren Werke Angilberts ein Bruchstück erhalten sei. Sein Dichtername Homer, den ihm Karl selbst 796 beilegt, in dem Briefe, welcher die wichtigsten Aufträge für seine römische Gesandtschaft enthält[18], deutet auf große Erwartungen, die sich an ihn knüpften, die Erwartung, daß er Karls Thaten in einem Epos feiern werde. Wenn wir daher einem solchen Epos wirklich begegnen, so ist wohl die Vermuthung gerechtfertigt, daß kein anderer als Angilbert der Verfasser sein könne. Hegewisch hat deshalb bereits diese Vermuthung ausgesprochen, und Pertz das Gedicht unter Angilberts Namen herausgegeben[19]. Allein der Abstand von Angilberts Werken in der Beherrschung der Sprache und der Behandlung des Verses zu Gunsten dieser Dichtung ist doch zu groß, um beide demselben Verfasser zuschreiben zu können. Auffallend ist es, da wir doch im Ganzen über diese Zeit so genau unterrichtet sind, von einem so bedeutenden Werke gar keine Erwähnung zu finden. Vermuthlich ist es unvollendet geblieben, und deshalb weder vollständig erhalten, noch hinlänglich beachtet, um von anderen genannt zu werden. Doch würde Angilberts Dichtername Homer wenigstens eine Hindeutung enthalten, die für andere, wie Theodulf, den Dümmler vermuthungsweise genannt hat, gänzlich fehlt. Ein Citat freilich ist uns jetzt bekannt geworden: in der oben S. 156 angeführten Ecloge des Naso wird ein Dichtergreis eingeführt, den er Micon nennt, und dieser verwendet einen Vers aus jenem Epos zum Preise des Kaisers (p. 389, v. 74). Doch kann er ihn sich ebenso wie so manchen Vergilvers angeeignet haben. Vorher spricht Naso von dem Dichterruhm des Alcuin, Theodulf, Einhard, und setzt hinzu: "Nam meus ecce solet magno facundus Homerus Carminibus Carolo studiosis saepe placere." Daß aber nun dieser Homer eben der Micon sei, darauf deutet nichts, und wir dürfen es kaum annehmen. Wir ersehen hieraus nur, daß schon wenige Jahre nach der Kaiserkrönung das Gedicht vorhanden war. Sicher war der Verfasser ein Mann von ungewöhnlichem Geiste und großer dichterischer Begabung, der sich den Unterricht der Hofschule mit bestem Erfolge zu Nutze gemacht hat. Dafür zeugt die fleißige, man muß wohl sagen übermäßige, Benutzung des Vergil, Ovid, Lucan, und wie B. Simson nachgewiesen hat[20], Venantius Fortunatus, zu denen Manitius noch mehrere hinzugefügt hat, welche ihm an sich so wenig zum Vorwurf gemacht werden kann, wie Einhard die Nachahmung des Sueton, und bei seinen Zeitgenossen gewiß eher Bewunderung als Tadel erregte, wenn er auch in übergroßem Eifer nach dem Vorbild von Karthago sogar von Hafenbauten bei Aachen dichtete. Auch zu Karls Akademie muß der Dichter gehört haben, da er ihn immer David nennt, was ein anderer sich gewiß nicht hätte erlauben dürfen, und die lebendige Schilderung verräth sowohl den Augenzeugen als auch einen Mann, der Karls Hofe nicht fern stand, was freilich bei einem so ausgezeichneten Dichter ohnehin mit voller Sicherheit anzunehmen ist.
Erhalten ist uns der Anfang des dritten Buches oder vielleicht das ganze, 536 Verse, vermuthlich ein Stück, welches seiner besonderen Schönheit wegen einzeln in eine Blumenlese aufgenommen war, denn es steht mitten zwischen anderen Bruchstücken. Die Geschichte der Gegenwart episch zu behandeln, ist stets ein Mißgriff, und immer werden es die einzelnen Schilderungen sein, welche einem solchen Werke seinen Reiz verleihen. Aber auch die Anlage ist hier doch sehr geschickt entworfen. In voller Pracht wird Karls Hofhaltung uns vor Augen geführt; eine Lobrede auf den großen König eröffnet das Buch, dann werden die Bauten zu Aachen und eine große Jagd mit reichen Farben und lebendiger Anschaulichkeit geschildert: mit besonderer Vorliebe verweilt der Dichter bei den Töchtern Karls, zu denen wohl kein anderer Dichter der Zeit in so nahem Verhältniß stand wie Angilbert. In der Nacht läßt dann der Dichter den König im Traume die Mißhandlung erblicken, welche der Pabst Leo 799 in Rom erfuhr; er weicht darin von der Wirklichkeit ab, aber wenn man einmal die Geschichte episch behandeln will, so ist eine solche Wendung geschickt genug, um ohne lange Vorbereitungen die Hauptereignisse einander nahe zu rücken[21]. Ohne von den umständlichen Gesandtschaften, welche in der Wirklichkeit dazwischen lagen, berichten zu müssen, gelangt so der Dichter sogleich zu der Zusammenkunft Karls mit dem Pabste im Lager bei Paderborn, welche den eigentlichen Gegenstand seiner Darstellung bildet.
Niemand wird dieses Fragment aus der Hand legen, ohne zu bedauern, daß uns von diesem Werke nicht mehr erhalten ist; es weht uns darin gleichsam die frische Luft jenes kraftvollen Lebens an, und wir fühlen uns auf einen Augenblick entrückt aus der einförmigen Atmosphäre der geistlichen Chronisten, ja selbst der seelenlosen Schulpoesie. Ueber den Verfasser aber werden wir uns bescheiden müssen, unsere Unwissenheit zu bekennen.
[1] Qui paene ab ipsis infantiae rudimentis in palatio vestro enutritus est, schreibt Pabst Hadrian 794 an Karl (Bibl. VI, 245). Er muß aber als primicerius palatii bei dem unmündigen Pippin schon in reifem Alter gewesen sein. Doch nennt Alcuin ihn wiederholt filius und in dem Briefe n. 82 bei Jaffé, Bibl. VI, 358 vom J. 797 genauer: filius eruditionis meae; Karl noch 796: Homeriane puer. Bibl. IV, 354.
[2] Zeitschrift f. Deutsches Alterthum XVII, 141-146. Poet. Lat. I, 75.
[3] Alcuini ep. 22 Frob. 5 Jaffé, Bibl. VI, 149, von Jaffé 783-785 angesetzt. In der Anrede heißt er venerabilis u. primicerius; in der Aufschrift in 2 Handschriften primicerius palatii Pipini regis. B. Simson, Karl d. Gr. II, 435, Anm. 6, verwirft diese Angabe gänzlich; ich sehe den Grund nicht recht ein, wenn auch die Unsicherheit zuzugeben ist.
[4] Bibl. IV, 353 u. 355.
[5] Ministrum capellae nennt ihn Hadrian 794. Docen macht darauf aufmerksam, daß in seinem Gedichte an Karl primicerius aulae der Erzkaplan ist. Vgl. auch Leibniz, Ann. Imp. I, 168.
[6] Jaffé Bibl. VI, 173.
[7] Angilberti abbatis de ecclesia Centulensi libellus, MG. SS. XV, 173-179. In ders. Hs. ist von ihm eine Institutio de diversitate officiorum.
[8] Gedruckt Mabillon II, 189; die ältere ist verloren. Daran schließen sich Miracula von 814-865 (Auszug SS. XV, 2, 915-919), Historia relationis S. Richarii a. 981 ib. p. 696-698, viell. aus Hariulf, die Vita metr. vom Abt Angelram oder Ingelram, einem Schüler Fulberts von Chartres († 1045), weitere Mirakel von Hariulf, dem Verfasser der Chronik (Auszug ib. 919. 920). Ein Rhythmus mit den Namen der Aebte, von Angelram, SS. XV, 181. Dieser hatte das Leben und die Wunder metrisch in 4 Büchern bearbeitet.
[9] So in seiner Stiftung Cysoing bei Tournai Markgraf Eberhard von Friaul, Gemahl von Ludw. d. Fr. Tochter Gisla, einer der litterarisch gebildeten Laien dieser Zeit, s. Dümmler im Jahrbuch für vaterländische Geschichte (Wien 1861) S. 171-179, Gesta Berengarii p. 17 und die in der Translatio S. Callisti Cisonium a. 854 durch Eberhard, Acta SS. Oct. VI, 444, ausgelassenen Stellen NA. III, 405-407. Vollst. Ausgabe dieser von Holder-Egger SS. XV, 1, 418-422. Zu solcher Verehrung genügte die bloße Existenz des Grabes eines vornehmen oder bekannten Mannes aus alter Zeit, wie recht deutlich die Verehrung Zwentibolds in Süstern zeigt, und die des Meingold in Huy; über dessen ganz fabelhafte und historisch unbrauchbare Vita [←1] [←2] (Acta SS. Feb. II, 191-196, MG. SS. XV, 556-563) s. Dümmler, De Arnulfo p. 201-204. Von den Helden der Sage wurden Waltharius in Novalese, Otger in St. Faron-les-Meaux, Tegernsee und Groß St. Martin zu Cöln verehrt und ihre Geschichte mönchisch gestaltet. Gar wunderbar ist die Geschichte von dem Haimonskinde Reinold (Vita S. Reinoldi, Acta SS. Jan. I, 385-387 und in lateinischen Versen im Annuaire de la Bibliothèque Royale de Bruxelles XII, 239-281), der in Cöln, für seine Sünden büssend, als Steinträger bei einem Kirchenbau arbeitete u. von seinen mißgünstigen Genossen erschlagen wurde; seine angeblich von dort geholten Knochen thaten in Dortmund Wunder. Abh. darüber nebst Abdr. v. Floss, Niederrhein. Ann. XXX (1876) S. 174-203. Gleicher Art ist die von Giesebrecht zur Passio Adalberti beschriebene V. Hugonis aus Jumièges, über die auch schon Ravaisson, Rapports p. 125, Mittheilung gemacht hat; vgl. Gesch. d. Kaiserzeit II, 601.
[10] Alcuini epp. 144 et 213 Froben, 116 u. 177 Jaffé.
[11] S. O. Abel, Kaiser Karls Leben von Einhard, S. 56-62; vgl. Lorentz, Alcuins Leben, S. 183, A. 32.
[12] „Cui etiam ad augmentum palatini honoris totius maritimae terrae ducatus commissus est.“ Hariulfi Chron. Centul. in d'Achery's Spicil. ed. II. II, 291 sq. Vgl. das daraus mit Benutzung der Handschrift gegebene Leben Angilberts bei Mab. IV, 1, 108-122, worauf Anschers Werk folgt. Hier fehlt der Eingang, weshalb es zweifelhaft ist, ob Anscher auch diese Vita verfaßte. Ein Fragment ders. SS. XV. 180.
[13] Auch das ist wohl Anticipation späterer Zustände. Nach Hariulf III, 9 wurde Rudolf, der Bruder der Kaiserin Judith, unter Karl dem Kahlen zugleich Laienabt und comes maritimae provinciae.
[14] S. Leibniz, Ann. Imp. I, 107.
[15] Neuer litterarischer Anzeiger 1807 N. 6. Daß dieses Gedicht schon unter Alcuins Namen bei Froben II, 614 gedruckt ist, fand Docen selbst später. Aretins Beiträge VII, 523. Poet. Lat. I, 360.
[16] „Virginis egregiae Bertae nunc dicite laudes, Pierides, mecum, placeant cui carmina nostra. Carminibus (cunctis) Musarum digna puella est.“ Da hier nicht, wie in dem sonst sehr ähnlichen Gedichte Theodulfs, die Königin Liudgard erwähnt wird, so ist dieses wohl erst nach deren Tod, 4. Juni 800, geschrieben. Althof a. a. O. S. 14 bemerkt, dass hier noch Thyrsis (der Kämmerer Meginfrid) als lebend erwähnt wird, der damals auf einem Zug Pippins gegen Benevent starb.
[17] Poet. Lat. I, 358. Ueber die chronologischen Schwierigkeiten Simson, Karl d. Gr. II, 126.
[18] Bibl. IV, 353.
[19] MG. II, 391-403. Orelli, Helperici sive ut alii arbitrantur Angilberti Carolus magnus et Leo III, 1832, nach der von ihm wiederaufgefundenen Handschrift. Dagegen Pertz im Archiv VII, 363. — Poet. Lat. 1, 366-381. M. Manitius, NA. VIII, 9-45 für Angilbert als Autor. Dagegen Ausfeld, Forsch. XXIII, 609-615. Die Unsicherheit anerkennend Manitius, NA. IX, 614-617; XI, 555. 556 über Benutzung älterer Dichter bei ihm. Traube verwirft seine Autorschaft.
[20] Forsch. XII, 567-590, vgl. XIV, 623-626, sehr ungünstig über den Vf. urtheilend, den dagegen Ebert, Deutsche Rundschau III, 9, 407 (vgl. Lit. des MA. II, 58-63) lebhaft anerkennt. Aehnlich auch Althof.
[21] Dieser dem Vergil entlehnte Kunstgriff ist freilich nicht selten, sonst würde es für Angilberts Autorschaft sprechen, daß auch in seinem Gedichte auf Pippins Ankunft ein Traum auf ähnliche Weise angewandt wird.
§ 8. Einhard. [[←]]
Pertz, MG. SS. II, 426-430. Baehr S. 200-216. O. Abel, Kaiser Karls Leben von Einhard, S. 1-18. Eug. Bacha bei Kurth: Dissertations acad. Liège 1888. Opera ed. Teulet, Par. 1840, 1843, 8. 2 Bände. Jaffé, Bibl. IV, 487-506; vgl. die zweite Ausgabe der Vita Caroli M. cur. W. Wattenbach, 1876. Vita Caroli ed. Waitz, 1880. Ebert II, 92-104. Bursian, Gesch. d. Philol. S. 21. M. Manitius, Einharts Werke und ihr Stil, NA. VII, 517-568. Nachtrag VIII, 193. XI, 64-73.
Dem Kaiser Karl wurde das Glück zu Theil, so lange die Herrschaft zu führen, daß er noch selbst den Erfolg seiner Bestrebungen und Einrichtungen erlebte. Haben wir bisher mit den Männern uns beschäftigt, welche er als Gehülfen seiner Thätigkeit an sich zog, seinen gleichaltrigen Zeitgenossen, so haben wir dagegen jetzt in Einhard den ersten der jüngeren Generation zu betrachten, der schon ganz unter dem Einfluß von Karls Zeitalter erwachsen war, und selbst den schönsten Beweis gab für den gesegneten Erfolg dieses Strebens. Kein mittelalterlicher Schriftsteller ist den classischen Vorbildern, welchen sie nacheiferten, so nahe gekommen; er erfreut sich deshalb eines guten Namens und findet selbst vor philologischen Augen Gnade.
Und doch zeigt sich auch gerade darin wieder eine Gefahr der damaligen Richtung; so viel anziehendes Einhard auch hat, es fehlt ihm die frische Natürlichkeit anderer, er schreibt fast wie Sueton, aber es war nicht das richtige Ziel des Mittelalters, zu schreiben wie Sueton, so wenig wie am Beginn der neueren Zeit diejenigen das Höchste erreicht haben, welche fast wie Cicero schrieben.
Man hätte in die Gefahr kommen können, nichts als ein mattes Abbild der römischen Kaiserzeit darzustellen, wenn nicht doch dagegen das widerstrebende Element der Kirche immer geschützt hätte, welches sich in dieser Form nicht fesseln lassen konnte, und das unvertilgbare frische Leben der Völker, welches nicht ruhte, bis es sich seine eigenen neuen Formen geschaffen hatte.
Für das Leben Einhards haben wir die werthvollste Bereicherung unserer Kenntniß dem Prologe Walahfrids zu Kaiser Karls Leben zu danken, dessen früher bezweifelte Echtheit durch die Auffindung der Kopenhagener, einst Kirschgarter Handschrift gesichert ist; daraus ist er fehlervoll Arch. VII, 372, correcter von Jaffé herausgegeben[1], und mit Benutzung desselben hat Jaffé in sorgfältigster Weise Einhards Leben neu bearbeitet. Eine zweite Handschrift in Freiburg i. Br. hat B. Simson entdeckt und die Varianten mitgetheilt[2].
Einhard — denn so, nicht Eginhard, wird der Name von seinen Zeitgenossen urkundlich geschrieben[3] — ist um das Jahr 770 in Ostfranken im Maingau von edlen Eltern[4] geboren, und erhielt seine früheste Erziehung im Kloster Fulda[5], zu dem er auch immer in freundschaftlicher Beziehung blieb: noch bewahren sechs von ihm unter Abt Baugulf (779-802) geschriebene Urkunden, wenn gleich nicht im Original erhalten, das Andenken an jene Zeit. Darunter ist eine Schenkung der Ehegatten Einhart und Engilfrit, höchst wahrscheinlich seiner Eltern; zwei vom 19. April 788 und vom 12. September 791 dienen zur Zeitbestimmung[6]. So sehr zeichnete er sich durch seine Fähigkeiten und Fortschritte aus, dass Abt Baugulf ihn an den Hof des Königs schickte, denn dieser, das wußte Baugulf, trachtete eifrigst danach, die fähigsten und gelehrtesten Männer aus dem ganzen Reiche um sich zu versammeln. In der Hofschule also vollendete er seine Ausbildung, und erwarb sich bald die Anerkennung, welcher beim ersten Anblick seine kleine Gestalt hinderlich war. Homuncio nennt ihn deshalb Walahfrid, nam statura despicabilis videbatur. Und Theodulf sagt 796 in dem oben erwähnten Gedicht an Karl v. 155 ff. von ihm:
Nardulus huc illuc discurrat perpete gressu:
Ut formica tuus pes redit itque frequens,
Cujus parva domus habitatur hospite magno,
Res magna et parvi pectoris antra colit.
Et nunc ille libros operosus[7], nunc ferat et res,
Spiculaque ad Scotti nunc paret apta necem.
Denn von der Bissigkeit dieses Schottenmönchs (vgl. oben [S. 153]) hatte er nicht minder als Alcuin und Theodulf selbst zu leiden. Alcuin aber verfaßte folgende scherzhafte Verse als Inschrift auf Einhards Haus:
Parva quidem res est oculorum cerne pupilla,
Sed regit imperio vivacis corporis actus.
Sic regit ipse domum totam sibi Nardulus istam:
Nardule, dic lector pergens, tu parvule salve!
Und für seine Hausthür:
Janua parva quidem et parvus habitator in aede est.
Seine volle Anerkennung für Einhard aber spricht er in diesem hübschen Epigramm aus:
Non spernas Nardum, lector, in corpore parvum,
Nam[8] redolet nardus spicato gramine multum:
Mel apis egregrium portat tibi corpore parvo.
Als schon in späteren Jahren 829 Walahfrid Kaiser Ludwigs Hof schilderte, schrieb er von Einhard (mit dem Lemma de Einharto magno)[9]:
Nec minor est magni reverentia patris habenda
Beseleel, fabre[10] primum qui percipit omne
Artificum praecautus opus: sic denique summus
Ipse legens infirma deus, sic fortia temnit. (I. Cor. 1, 27.)
Magnorum quis enim majora receperat umquam,
Quam radiare brevi nimium miramur homullo?
Daß aber auch Einhard zu den Dichtern des Hofes gehörte, erfahren wir erst aus jenem Gedicht des Naso, wo es zugleich mit hoher Anerkennung seiner hervorragenden Stellung von ihm heißt:
Aonias avide solitus recitare Camenas
Nardus ovans summo praesenti pollet honore.
Durch seine Klugheit und Gelehrsamkeit, sowie durch seine Rechtlichkeit und Treue erwarb sich Einhard das vollste Vertrauen Karls, der fast keinem seiner Räthe so rücksichtslos seine geheimsten Gedanken mittheilte; den jüngeren Mann liebte er wie einen Sohn, und Einhard erwiderte diese Zuneigung mit der hingebendsten Verehrung[11]. Ganz besonders zeichnete sich Einhard auch durch seine Kunstfertigkeit aus, durch seine Kunde der Baukunst, welche er durch eifriges Studium des Vitruv und der alten Denkmäler auszubilden suchte, und durch Geschicklichkeit in mancherlei Arbeit. Er erhielt deshalb unter den Hofgelehrten den Beinamen Beseleel, nach dem kunstreichen Werkmeister der Stiftshütte, und wurde vom Kaiser zum Aufseher seiner großartigen Bauten ernannt[12]. Auch in anderen wichtigen Angelegenheiten bewies ihm der Kaiser sein Vertrauen; er sandte ihn im Jahre 806 an den Pabst, um dessen Zustimmung zu seiner Anordnung über die Reichstheilung zu erlangen, und 813 war es Einhard, dessen Rath und Bitte Karl bestimmt haben soll, seinen Sohn Ludwig zum Kaiser zu ernennen. Da ist es denn nicht zu verwundern, daß er auch bei diesem sehr in Gunst stand; die großen Bauten hörten auf, aber nun wurde dem kunstreichen und gelehrten Manne eine ganze Reihe der ansehnlichsten Abteien übertragen. Allein mehr als diese zog ihn der abgelegene und einsame Fleck Landes zu Michelstadt im Odenwald an, den er 815 für sich und seine Gemahlin Imma vom Kaiser zum Geschenk erbat. Mehr und mehr zog er sich hierin zurück, und nachdem er sich im Jahre 827 den nach den Begriffen der Zeit unschätzbaren Besitz der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus und Petrus verschafft hatte, gedachte er hier ein Kloster zu gründen; doch veranlaßte eine Vision ihn, die Reliquien nach Mühlheim am Main zu führen, wo er ihnen eine stattliche Kirche erbaute, und die Abtei stiftete, welche den Namen des Ortes allmählich in Seligenstadt verwandelte.
Noch konnte Einhard sich nicht ganz den Staatsgeschäften entziehen, deren unruhiges und kriegerisches Getreibe allen denen, welche sich zu litterarischer Beschäftigung hingezogen fühlten, unerträglich war[13]. Im Jahr 817 gab ihn Ludwig dem jungen Kaiser Lothar als Rathgeber, und 830 finden wir ihn eifrig bemüht, den Ausbruch der Empörung zu verhindern, die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn zu bewirken; Walahfrid rühmt ganz vorzüglich die Klugheit, mit welcher Einhard weder vorzeitig den alten Kaiser verlassen, noch auch sich ohne Nutzen ins Verderben gestürzt habe. Als aber die inneren Zustände des Reichs immer unheilbarer wurden, auch niemand mehr auf seinen weisen Rath achtete, da zog er sich ganz in seine Waldeinsamkeit zurück. Noch war ein harter Schlag des Schicksals ihm vorbehalten, der Tod seiner innig geliebten Gemahlin Imma, die nach Jaffé's scharfsinniger Vermuthung eine Schwester des Bischofs Bernhar von Worms war[14]. Sie starb im Jahre 836; der alte Kaiser hat ihn damals in seiner Zurückgezogenheit aufgesucht, um ihm seine Theilnahme zu bezeugen, und Lupus, der sich gerade seiner Studien wegen in Fulda aufhielt, wo er eben mit lebhafter Bewunderung die Vita Caroli gelesen hatte, schrieb ihm in herzlichem Mitgefühl einen Trostbrief[15]. Nicht lange darnach, am 14. März 840, starb er selbst[16]; eine schöne Grabschrift von Hrabans Hand zierte seine Ruhestätte[17]. In der Abtswürde folgte ihm sein Schüler Ratleik, einst sein Schreiber, jetzt Ludwigs des Deutschen Kanzler[18].
Eine reiche Quelle für die Geschichte des letzten Jahrzehnts von Ludwigs des Frommen Regierung, leider nicht für die frühere Zeit, bieten uns die Briefe Einhards und anderer an ihn, oder die auf irgend eine Weise in seinen Besitz gekommen waren[19], welche in seinem Genter Kloster als Muster gesammelt wurden; die Eigennamen wurden als überflüssig meistens beseitigt. Die Handschrift kam mit den vor den Normannen flüchtenden Mönchen nach Laon, wo sie in stark beschädigtem Zustande geblieben ist, bis Pertz sie 1827 dort entdeckte, worauf sie wenig später nach Paris gebracht wurde. Nachdem zuerst Teulet die Handschrift wieder benutzt hatte, liegt nun von Jaffé eine zu bequemem Gebrauche kritisch bearbeitete Ausgabe vor[20].
Einhards berühmtestes und vollendetstes Werk ist:
Das Leben Karls.
Ausgabe von Pertz MG. SS. II, 426-463. Besonderer Abdruck, 3. Ausgabe 1863, mit einem Anhang von Gedichten. Ueber später gefundene Handschriften NA. VI, 195. Cod. Monac. 17134 aus Scheftlarn mit Interpolationen aus den Annalen über Tassilo, s. Graf Hundt in d. S. 154 angef. Abh. S. 191. Cod. Paris 4937 ist mit dem Fonds Barrois wieder erworben. Eine Hds. im Catalog von 1412 des Kl. Amelungsborn, Dürre im Progr. d. Gymn. zu Holzminden 1876 S. 22. Ideler: Leben und Wandel Karls des Großen von Einhard (Text mit Commentar und Beilagen), 2 Bde. 1839. Ausg. von Jaffé, Bibl. IV, 487-581, und bes. Abdruck, 1867; 1876 cur. W. Wattenbach. Ed. Waitz. 1880; A. Holder 1881. Uebers. v. O. Abel, Geschichtschr. 16 (IX, 1) 1850, 1880. Verbesserungen von Fröhner, Krit. Analecten, Philologus, Suppl. Bd. V, S. 93. Fr. Schmidt De Einhardo Suet. imitatore, Progr. 1880. Manitius, Anklänge an Vergil, NA. IX, 617, an Sulpicius Severus, Vellejus u. Curtius ib. XII, 205. 206; an Justin XIII, 213. E. Bernheim, Waitz-Aufsätze S. 73-96, über das Verhältniß zu Sueton und zu den Ann. Einhardi, die er benutzt habe, vgl. NA. XII, 427.
„Einhard“, sagt Ranke zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten S. 416[22], „hatte das unschätzbare Glück, in seinem großen Zeitgenossen den würdigsten Gegenstand historischer Arbeit zu finden; indem er ihm, und zwar aus persönlicher Dankbarkeit für die geistige Pflege, die er in seiner Jugend von ihm genossen, ein Denkmal stiftete, machte er sich selbst für alle Jahrhunderte unvergeßlich.“
„Vielleicht in keinem neueren Werke tritt nun aber die Nachahmung der Antike stärker hervor, als in Einhards Lebensbeschreibung Karls des Großen. Sie ist nicht allein in einzelnen Ausdrücken und der Phraseologie, sondern in der Anordnung des Stoffes, der Reihenfolge der Capitel, eine Nachahmung Suetons. Wie auffallend, daß ein Schriftsteller, der eine der größten und seltensten Gestalten aller Jahrhunderte darzustellen hat, sich dennoch nach Worten umsieht, wie sie schon einmal von einem oder dem anderen Imperator gebraucht worden sind. Einhard gefällt sich darin, die individuellsten Eigenheiten der Persönlichkeit seines Helden mit den Redensarten zu schildern, die Sueton von Augustus, oder Vespasian, oder Titus, oder auch hie und da von Tiberius gebrauchte. Er hat gleichsam die Maße und Verhältnisse nach dem Muster der Antike eingerichtet, wie in seinen Bauwerken: aber damit noch nicht zufrieden, wendet er wie in diesen, auch sogar antike Werkstücke an. Wenn wir auch überzeugt sind, daß hiebei die Wahrheit nicht verletzt wurde, so konnte doch die ganze Originalität der Erscheinung auf diese Art nicht wiedergegeben werden. Ueberhaupt suchen wir in der Geschichte nicht allein Schönheit und Form, sondern die exacte Wahrheit, deren Ausdruck die freieste Bewegung fordert und dadurch eher erschwert wird, daß man sich ein bestimmtes Muster vor Augen stellt.“
„Ohne Zweifel war die Absicht Einhards mehr auf eine angenehm zusammenfassende Darstellung, als auf strenge Genauigkeit in den Thatsachen gerichtet. Das kleine Buch ist voll von historischen Fehlern.“
„Nicht selten sind die Regierungsjahre falsch angegeben, z. B. bei Karlmann, der nur zwei Jahre regiert haben soll, während er doch über drei Jahre als König neben Karl dem Großen lebte; über die Theilung des Reiches zwischen den beiden Brüdern wird eben das Gegentheil von dem behauptet, was wirklich stattgefunden hat: Schlachten, die ohne besondere Wirkung vorübergingen wie die an der Berre, werden als entscheidend bezeichnet; Namen der Päbste werden verwechselt, die Gemahlinnen sowohl, wie die Kinder Karls des Großen nicht richtig aufgeführt; es sind so viele Verstöße zu bemerken, daß man oft an der Aechtheit des Buches gezweifelt hat, obwohl sie über allen Zweifel erhaben ist.“
So weit Ranke, zu dessen scharfer Charakteristik ich nur wenig hinzuzufügen habe. Gerade in diesem Werke tritt die Eigenthümlichkeit der karolingischen Bildung am deutlichsten hervor; unmöglich kann der fränkische Volkskönig in diesen suetonischen Ausdrücken zur vollen Erscheinung kommen. Nur darf man auch nicht vergessen, dass Einhard eben den Volkskönig kaum noch kannte, sondern hauptsächlich nur den alternden Kaiser, der selber nach der Wiederbelebung des antiken Wesens trachtete, dessen Streben in vieler Hinsicht auf die Herstellung des alten Imperatorenreiches gerichtet war, und der, wenn ihm auch die Einführung der staatlichen Formen jener Zeit fern lag, doch durch seine große persönliche Ueberlegenheit so ehrfurchtgebietend dastand, und so sehr die Seele der ganzen Herrschaft war, daß es nicht so ganz unpassend war, ihn dem Augustus zu vergleichen und die Farben des Bildes von dem Biographen der Imperatoren zu borgen. Auch dankt er, und wir mit ihm, dem Sueton mehr als nur die Ausdrücke. Keine Biographie des Mittelalters stellt uns ihren Helden so vollständig und plastisch nach allen Seiten seines Wesens dar. Das ist die Frucht der Kategorien, welche Einhard bei seinem Vorbilde fand. Indem er diesen gewissenhaft folgte, wurde er, wie Jaffé (S. 501) richtig bemerkt, veranlaßt viele Umstände zu erwähnen, welche er sonst wahrscheinlich übersehen haben würde.
Daß Einhard sich bei diesem Werke nicht eine eigentliche geschichtliche Darstellung zur Aufgabe gewählt hatte, bemerkt auch Ranke; er wollte ein Lebensbild entwerfen, eben nach der Weise des Sueton, und diesen Zweck hat er vollständig erreicht. Er verfaßte dieses Werk unmittelbar nach des Kaisers Tod; schon 821 finden wir es im Reichenauer Bibliothekskatalog genannt[23], um 830 von einem Zeitgenossen erwähnt und benutzt. Noch stand das Bild seines väterlichen Freundes in voller Frische vor seinem Geiste, und die etwas kalte Eleganz der Form wird durchwärmt von der kindlichen Verehrung und Anhänglichkeit, von welcher der Verfasser ganz erfüllt ist, und die sich überall ausspricht, ohne daß doch das Lebensbild in eine Lobrede ausartete. Vielmehr tritt die ruhige Mäßigung, welche Einhards Charakter eigen ist, auch hierin deutlich hervor, und seine reine Wahrheitsliebe ist unverkennbar, wenn er auch die Schwächen seines Helden mit leichter Hand berührt.
Ein Werk, welches diesem an Vollendung der Form, wie an ansprechendem Inhalte zu vergleichen wäre, hatten die germanischen Nationen noch nicht hervorgebracht, und so ist es denn auch nicht zu verwundern, daß es rasch die größte Verbreitung fand und Jahrhunderte lang zu den beliebtesten und gelesensten Büchern gehörte; bald nach seiner Vollendung wird es von dem jungen Lupus, der es in Fulda gelesen hatte, mit warmer Begeisterung gepriesen (oben [S. 183]); Walahfrid theilte es in Capitel und schrieb dazu jenen so werthvollen Prolog, dem wir die wichtigsten Lebensnachrichten über Einhard verdanken. Noch jetzt sind mehr als 80 Handschriften davon uns bekannt, und seit den Biographen Ludwigs des Frommen sind die Chronisten nicht müde geworden, es auszuschreiben.
Nachdem die Vita Caroli schon 1521 (oben [S. 5]) und dann sehr häufig gedruckt war, hat Pertz 1829 mit übergroßer Fülle von Varianten eine Ausgabe gegeben, deren Text nicht überall den Vorzug vor den älteren Ausgaben verdient[24]. Jaffé hat in seiner neuen Ausgabe 1867 eine früher übersehene Pariser Handschrift zu Grunde gelegt, und endlich Walahfrids Prolog damit verbunden, welchen Pertz mit der ihm eigenen Starrheit auch noch in der neuesten Ausgabe unberücksichtigt gelassen hatte[25]. Doch hat auch diese Grundlage sich nicht zu bewähren vermocht. Waitz hat die Ueberschätzung der nicht mustergültigen Pariser Hs. nachgewiesen, und endlich mit Benutzung neuer Hülfsmittel, und Unterscheidung verschiedener Recensionen, die vielleicht an Einhard selbst hinanreichen, einen neuen besser gesicherten Text hergestellt.
Häufig finden sich in Handschriften das Leben Karls und die Reichsannalen als erstes und zweites Buch mit einander verbunden; als drittes tritt dann die Schrift des Mönches von St. Gallen[26] hinzu, in welchem man jetzt Notker den Stammeler erkannt hat[27], der im Jahre 883, veranlaßt durch Kaiser Karl III, den reichen Schatz von Erzählungen und Sagen aufzeichnete, welche sich im Munde des Volkes an Karl, an seinen Sohn und den Enkel, Ludwig den Deutschen, knüpften. Da ist nun nichts mehr von Einhards klassischer Form zu finden, die Sprache ist roh und unbehülflich und der Inhalt keine Geschichte; nur selten und mit großer Vorsicht ist ein Vorfall, der hier erzählt wird, als wirkliche Thatsache hinzunehmen.
Aber um keinen Preis möchten wir doch diese Sammlung entbehren. Sie zeigt uns das Bild des großen Kaisers, wie es im Volke lebte und bis dahin sich gestaltet hatte, und mancher höchst charakteristische Zug hat sich nur hier erhalten. Der gute alte Mönch, der uns so lebendig mitten unter das Volk und seine Erzählungen führt, hat deshalb den größten Anspruch auf unsere Dankbarkeit, und wir müssen sehr bedauern, daß er sein Werk, wie es scheint, nicht vollendet hat.
Der Uebersetzer dieser Schrift hat sich bemüht, die Anfänge karolingischer Sage weiter zu verfolgen, und die Spuren davon zu sammeln; ihm war dabei in der ersten Ausgabe eine merkwürdige Stelle entgangen, die Angabe in dem Leben der Königin Mahthild, daß der Krieg zwischen Karl und Widukind durch einen Zweikampf beider entschieden sei: nach langem Widerstand besiegt, habe Widukind sich taufen lassen[28].
Mit den Kreuzzügen artete die Karlssage aus und verlor allen geschichtlichen Inhalt; besonders die Aachener Reliquien brachten die Erzählung von Karls Kreuzfahrt zu allgemeiner Geltung, und fortan treten die Lügen des falschen Turpin an die Stelle von Einhards treuer Schilderung. Wie daneben im Munde der fahrenden Sänger das Andenken Karls sich erhielt und umwandelte, darüber genügt es, auf das schöne Werk von Gaston Paris Histoire poétique de Charlemagne (Paris 1865) zu verweisen.
Eine Schrift Einhards bleibt uns noch zu erwähnen, sein Bericht nämlich von der Uebertragung der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus und Petrus von Rom nach Seligenstadt[29]. Im Jahr 827 geschah die Ueberbringung, und 830 verfaßte Einhard die sehr anziehend geschriebene Darstellung derselben. Wir sehen darin, wie er sich mehr und mehr von dem weltlichen Leben abwandte und der kirchlichen Richtung hingab, wundergläubig in hohem Grade und ganz mit der Pflege seiner Pflanzung im Odenwald beschäftigt; ganz vorzüglich betrübte ihn, daß bei der Krankheit seiner geliebten Imma die Zuversicht auf die Wunderkraft der Reliquien ihn so völlig getäuscht hatte. Diese hohe Verehrung der Reliquien theilte er mit allen seinen Zeitgenossen, und eben wegen dieser Verehrung haben die zahlreichen Uebertragungen solcher Gebeine für uns auch geschichtlichen Werth. Auf ihnen beruhte großentheils der Einfluß der Kirchen; besonders verehrte Reliquien verschafften ihnen unermeßlichen Zulauf: der Ruf von geschehenen Wundern verbreitete sich weithin, und ohne Zweifel wurde dadurch die Ausbreitung des Christenthums, z. B. in Sachsen, sehr wesentlich befördert. Aus den genauen Beschreibungen der Reise, wie aus den Erzählungen von den Wundern, ist zugleich vieles für die Sittengeschichte wie für die Topographie nicht unwichtige zu entnehmen, wie das namentlich in Bezug auf die damalige Art zu reisen, aus Einhards Werk kürzlich von W. Matthaei nachgewiesen ist[30]. Merkwürdig ist auch die Unverschämtheit, womit man im 11. Jahrh. im Medarduskloster versucht hat, mit entsprechender Verfälschung von Einhards Schrift sich die Leiber der hh. Tiburtius, Marcellinus und Petrus anzueignen[31].
Ob nun auch die in rhythmischer Form bearbeitete Passio der Märtyrer Einhard zuzuschreiben sei, wie Teulet meint, und wie eine aus Fleury stammende Handschrift angiebt, ist zweifelhaft, da seine ganze Richtung der antiken Form zugewandt war. Es wäre jedoch nicht gerade unmöglich, und Dümmler hält es für wahrscheinlich, daß er für diesen Gegenstand die mehr populäre Form vorgezogen hätte[32].
Es bleibt uns nun noch die Besprechung der Annalen übrig, wobei zu bemerken ist, daß F. Kurze, während er die Autorschaft der großen Reichsannalen Einhard entschieden abspricht, dagegen der Meinung ist, er habe für sein Genter Kloster die sog. Annales Sithienses, für Fulda die Fuldenses verfaßt.
[1] Bibl. IV, 507-508, doch ist S. 508 n. b. wohl mit Unrecht debere in prebere geändert. In der 4. Ausg. von Waitz p. XX.
[2] Zts. f. Gesch. d. Oberrh. N. F. VII, 314-319.
[3] Er selbst schrieb Einhart, Zeitgenossen wechseln, und neben Bernhard erscheint Einhard für uns als die natürlichere Schreibart.
[4] Wegen der falschen Lesart minus statt munus nahm man früher das Gegentheil an.
[5] Irrthümlich sah O. Abel in den Worten Walahfrids sub pedagogio sancti Bonifacii martiris einen Anachronismus; nicht der lebende Bonifaz, sondern der Schutzpatron ist gemeint.
[6] S. Jaffé S. 488, der diese Urkunden aus Dronke's C. D. Fuld. zuerst verwerthet hat.
[7] Jaffé's Conjectur operosas mit vorhergehendem Komma kann ich nicht billigen.
[8] Nam statt Jam, und im folg. Vers Mel apis statt Me lapis sind Verbesserungen von Jaffé. Diese Verse sind als n. 242 bei Frob. II, 231 unpassend mit den vorhergehenden verbunden. Poet. Lat. I, 248.
[9] Poet. Lat. II, 377.
[10] Diesen Ausdruck (ich vermuthete fabri) rechtfertigt Dümmler a. a. O. durch Hinweis auf Exod. 31, 4. 35, 33. 36, 1.
[11] Dass er auch als Geheimschreiber thätig gewesen sei, was nicht unwahrscheinlich ist, sucht E. Bacha nachzuweisen.
[12] Nach einer von Pertz in d. 3. Sep. Ausg. d. V. Caroli, von Jaffé, Bibl. IV, 536 mitgetheilten Notiz war Meister Odo der Architekt des Aachener Münsters; Einhard scheint die oberste Leitung aller Bauten gehabt zu haben. Wenigstens heißt es in der Chronik von St. Wandrille vom Abt Ansegis: „exactor operum regalium in Aquisgrani palatio regio sub Heinhardo abbate, viro undecunque doctissimo, a domno rege constitutus est.“ Und Hraban sagt in der Grabschrift:
Quem Carolus princeps propria nutrivit in aula,
Per quem et confecit multa satis opera.
Waitz fügt dazu die Stelle des Odilo in der Transl. S. Tiburtii, wo E. „palatii regalis domesticus“ genannt wird. Verfassungsgesch. III (2. Aufl.) S. 528 Anm. 1.
[13] In einer, wie es scheint, an Ludw. d. Fr. gerichteten theol. Abhandlung heißt es: „Einharde, si haec legas, non mireris, si forte invenias errantem.“ Forsch. VI, 122.
[14] Das bezweifelt B. Simson, Ludw. d. Fr. II, 160 Anm. 2, und es ist zuzugeben, daß die Vermuthung unsicher ist.
[15] Lupi epp. 1 u. 4 ed. Baluze. Diese Briefe sind wiederholt bei Ideler, Leben Karls d. Gr. II, 138 ff. Einhard widmete ihm eine Schrift de adoranda cruce, welche E. Dümmler, NA. XI, 231-238 herausgegeben hat.
[16] Das Jahr 840 hat Jaffé den Fulder Todtenannalen (Dronke Traditt. p. 168, jetzt SS. XIII, 174) entnommen, und da er darin billig vorkommen muß, dürfen wir den ohne jede nähere Bezeichnung gesetzten Namen wohl auf ihn beziehen. Die Ann. S. Bavonis (MG. II, 187), welche 844 (Chron. S. Bavonis bei De Smet, Corp. I, 483 auch d. 25. Juli) geben, sind eine ganz unzuverlässige späte Compilation. Den 14. März geben die Necrologien von Lorsch u. Fulda (Leibn. SS. III, 762; bei Schannat u. Boehmer fehlt Einhards Name) u. eine Aufzeichnung saec. IX im Cod. Vat. Pal. 1448 bei Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 76; den 21. März das Würzburger bei Eckhardt, Comm. II, 320, u. Dümmler, Forsch. VI, 116.
[17] Poet. Lat. II, 237. Einige Bücher aus seinem Besitz, wie es scheint, Vergil, Persius, Arator, Boethius, befanden sich im 11. Jahrh. in St. Evre zu Toul, Becker, Catal. S. 152, worauf mich Manitius aufmerksam machte.
[18] S. über ihn Dümmler Ostfr. II, 432.
[19] Der Brief an den Kaiser über den Kometen von 837 (Bibl. IV, 459) ist einzeln vollständiger erhalten, NA. I, 585, vgl. II, 450.
[20] Bibl. IV, 437-486; vgl. Dümmler im Lit. Centralbl. 1867 Sp. 1268. Es fehlen ein Brief der Gemeinde von Sens an E. s. Simson I, 302 Anm. 2, und ein nicht unwichtiger, doch nicht von E. kommender Brief an Lothars Gemahlin Hermengard, Teulet II, 146 (Du Chesne II, 710. Mab. Ann. I. 28 n. 48).
[21] Ges. Werke LI. LII, S. 96. S. 121-124 sind hier weitere Bemerkungen hinzugefügt über die Ungenauigkeit im ersten Theil, während für die zweite Hälfte werthvolle Nachrichten gegeben werden.
[22] Neugart, Ep. Constant. I, 1, 540.
[23] S. Jaffé in der Bibl. IV, 504.
[24] Beigegeben ist dagegen hier eine schlecht gezeichnete Abbildung des Commoduskopfes, mit welchem Karl siegelte, die Pertz irrig für Karls Porträt hielt.
[25] Monachus Sangallensis ed. Pertz, MG. SS. II, 726-763. Neue Ausg. von Jaffé, Bibl. IV, 619-700 mit Benutzung der abweichenden Zwiefalter (Stuttg.) und Wiblinger (St. Flor.) Handschriften, welche jedoch, wie Gerold Meyer von Knonau zu Ratperti Casus S. Galli S. 255 nachgewiesen hat, durch spätere Ueberarbeitung und Interpolation verändert sind, weshalb der Text nicht nach ihnen hätte gestaltet werden sollen. Auch Zeumers entgegengesetzter Ansicht kann ich mich nicht anschließen. Eine aus Tegernsee stammende unvollst. Hs. ist für die Pariser Bibl. erworben, Nouv. acq. lat. 310. Uebersetzung von W. Wattenbach, Berlin 1850, 1877, 1890 (Geschichtschr. 26. IX, 11). Zu dem Spielmannsreim auf Udalrich I, 13, vgl. Steinmeyer, Zeitschr. f. D. Alt XX. Anz. S. 147. Ueber benutzte Schriften Simson, Karl d. Gr. II, S. 612-615.
[26] Zeumer in den Waitz-Aufsätzen, S. 97-118. Zu demselben Resultat kam Graf Zeppelin: Wer ist d. Mon. Sangallensis? Schriften d. Vereins f. Gesch. d. Bodensees XIX, S. 33 ff.
[27] MG. SS. X, 576. Zu erwähnen ist noch die nach der Mitte des neunten Jahrhunderts in Mainz aufgezeichnete Visio domni Caroli, [←] gegen die Ausbeutung der Kirchengüter durch seine Nachfolger gerichtet, bei Graff, Althochdeutscher Sprachschatz III, 855, übersetzt bei Abel, Kaiser Karls Leben S. 63; jetzt auch Bibl. IV, 701; Gengler, Germ. Rechtsdenkmäler (1875) S. 237. Vgl. Falk, NA. XI, 617. Eine ganz andere aus einer Londoner Hs. erwähnt NA. IV, 379. Ferner das von Pertz SS. III, 708 mitgetheilte Haager Fragment über Karls Expeditio Hispanica (wiederholt bei G. Paris, Hist. poét. de Charlemagne, S. 465, vgl. 50 und 89, und größtentheils in Hexameter zurückgeführt in den Münch. SB. 1871 S. 328 bis 342 von Hofmann, der es dem Sagenkreise von Wilh. von Orense zuweist) und die Sagen des Chron. Novaliciense. Auch die Vita S. Arnoldi, Acta SS. Jul. IV, 449-452, ist geschichtlich unbrauchbar, enthält aber eine sagenhafte Geschichte von einem Leierspieler, der sich von Kaiser Karl den Wald bei Arnsweiler im Jülichschen für die umliegenden Dörfer erbittet; vgl. Rettberg I, 548. Die aus Petrus Damiani zum Mon. Sangall. S. 101 mitgetheilte Geschichte findet sich, auf den Maurenkönig übertragen, bei Turpin wieder. Ein wirkliches Denkmal der Schlacht bei Roncevaux, deren Tag (15. Aug. 778) allein dadurch bekannt wird, ist das Epitaphium Aggiardi (Karls Truchseß Eggihard), von Dümmler mitgetheilt in Haupts Zeitschr. XVI, 279; vgl. S. 436, u. Gaston Paris in der Zeitschrift Romania II, 146-148, der im Anschluß daran im Turpin ein vielleicht echtes Epitaphium Rutlandi nachweist. Beide jetzt Poet. Lat. I, 109; doch bemerkt Dümmler S. 110, Anm. 2, dass letzteres aus Venantius Fortunatas zusammengestoppelt und schwerlich alt ist.
[28] Translatio et Miracula SS. Marcellini et Petri ed. G. Waitz, SS. XV, 238-264. Ib. p. 265-273 Ex Miraculis S. Quintini ed. O. Holder-Egger, nebst einer Translationsgesch. s. XI, worin verlorene Annalen von Saint-Quentin benutzt sind.
[29] Translatio SS. M. et. P. in kulturgeschichtlicher Beziehung. Programm.
[30] Translatio SS. Tiburtii. Marcellini et Petri ad S. Medardum ed. Holder-Egger SS. XV, 391-395.
[31] Neue Ausg. mit Eintheilung in dreizeilige Strophen, von Dümmler, Poet. Lat. II, 125-135.
§ 9. Die Reichsannalen. [[←]]
MG. SS. I, 124-218; besonderer Abdruck 1845. Cod. Steinveld. (9) ist jetzt Brit. Mus. Add. 21109. Frese, De Einhardi Vita et Scriptis Specimen, Diss. Berol. 1845 (gegen die Autorschaft Einhards). O. Abel, Einhards Jahrbücher, Berl. 1850. 1880 (Geschichtschr. 17, IX, 2). L. Ranke, Zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten, Abh. der Berliner Akademie 1854 S. 415-435; vermehrt Ges. Werke LI-LII. G. Waitz, Zu den Lorscher und Einhards Annalen, Goett. Nachrichten 1857 S. 46-52. B. Simson, De statu questionis: sintne Einhardi necne sint quos ei ascribunt, Annales Imperii, Diss. Regiom. 1860. W. Giesebrecht, Die fränkischen Königsannalen und ihr Ursprung, im Münchener Hist. Jahrb. (1864) S. 186-238. G. Monod, Revue Crit. 1873 N. 42. Fr. Ebrard, Reichsannalen 741-829 u. ihre Umarbeitung, Forsch. XIII, 425-472. E. Dünzelmann, Beiträge zur Kritik der Karol. Annalen, NA. II, 475-537. H. v. Sybel, HZ. XLII, 260-288 (Kl. Schr. III, 1 ff). Entgegnung Simsons, Forsch. XX, 205-214. Replik von Sybel, HZ. XLIII, 410. Duplik v. Simson, Karl d. Gr. II, S. 604-611. Harnack, Das Karol. u. das byz. Reich (1880), Excurs. Manitius, Die Ann. Sithienses, Lauriss. min. u. Enharti Fuld. (Diss. Lips. 1881). Manitius, Einhards Werke u. ihr Stil, NA. VII, 517-568. Is. Bernays, Zur Kritik Karol. Annalen. Straßb. 1883. Dorr, NA. X, 241-305. Nachwort v. Sybel S. 305 bis 307. Dorr, (Ann. Laur. 796-829 doch von E.) XI, 475-488. Sybel dagegen S. 489. Horst Kohl (Ueberblick) in G. Richters Ann. d. Deutschen Gesch. II. Abth. S. 697-714 (1887). B. Simson, Karl d. Gr. I (1888) S. 1-5, 657-664. Progr. v. Seraphim, Fellin 1887 s. NA. XIII, 654. Bemerkungen von Manitius, Mitth. d. Inst. X, 417 ff. (NA. XV, 211); ib. XIII, 225-238. Facs. d. Wiener Hs. v. Ann. Einh. in E. Berners Gesch. d. pr. Staats, I. 1890.
Die Bestrebungen der gelehrten Männer an Karls Hofe richteten sich vorzugsweise theils auf das Studium der älteren Litteratur und die formelle Ausbildung, theils auf theologische und philosophische Probleme; mit geschichtlichen Forschungen beschäftigten sie sich wenig. Dem Kaiser jedoch entging die Wichtigkeit derselben nicht, er sorgte wenigstens dafür, das Andenken seiner eigenen Zeit zu erhalten. Er verordnete, daß die Gesetze und die Beschlüsse der Reichstage seiner Zeit in mehreren Exemplaren an verschiedenen Orten sorgfältig aufbewahrt werden sollten; die Schreiben der Päbste und der griechischen Kaiser an ihn, seinen Vater und Großvater ließ er, im vollen Bewußtsein der überwiegenden Wichtigkeit dieser Verhältnisse, in einem eigenen Buche zusammenfassen, dem Codex Carolinus, dessen erster Theil uns noch erhalten, und eine der wichtigsten Geschichtsquellen ist[1]. Außerdem aber vergaß er auch nicht die Fürsorge, welche, wie wir oben ([→ S. 126]) sahen, das karolingische Haus schon in früherer Zeit der Aufzeichnung seiner Haus- und Landesgeschichte gewidmet hatte. Wie Paulus Diaconus in seiner Geschichte der Bischöfe von Metz den Ahnherrn der Arnulfinger verherrlichte, ist schon erwähnt. Dagegen finden wir keine Spur davon, daß etwa die Fredegarische Chronik weitere Fortsetzungen erhalten hätte, sie scheint vielmehr damals fast vergessen zu sein. Es hatte aber inzwischen die anfangs so gar dürftige annalistische Aufzeichnung schon begonnen, sich zu einer Art von Reichsgeschichte auszubilden; es waren nach der § 3 entwickelten Ansicht hauptsächlich die Bischöfe, vielleicht auch weltliche Große, welche bei der Pflicht regelmässiger Theilnahme an den Reichstagen und Heereszügen das Bedürfniß empfanden, die Reihenfolge der Begebenheiten übersehen zu können, und deshalb ihre Kleriker zu Aufzeichnungen veranlaßten, die nach und nach zusammenhängende Gestalt gewannen und aus anderen Annalen auch in ihrem älteren Theile ergänzt wurden. Vorzüglich Chrodegang von Metz (742 bis 766) scheint zu solcher Thätigkeit angeregt zu haben. Unter den Annalen dieser Art zeichnen sich aber in ganz besonderer Weise die sogenannten Annales Laurissenses majores[2] aus, welche in gedrängter Kürze freilich, aber doch mit vollständiger Uebersicht aller Begebenheiten die ganze Regierung Karls begleiten; schrieb man früher ihren Ursprung dem Kloster Lorsch zu, wo die älteste Handschrift gefunden ist, so können sie doch unmöglich dort oder überhaupt in der stillen Zurückgezogenheit eines Klosters entstanden sein. L. Ranke ist es, welcher zuerst mit sicherem Scharfblick dieses Verhältniß erkannte, und jene Annalen zum Gegenstand einer eindringenden Untersuchung machte, deren Resultate seitdem nicht nur fast allgemeine Zustimmung gefunden, sondern auch in hohem Grade anregend auf die weitere Forschung gewirkt haben. Aus der Abhandlung, welche einen wichtigen Fortschritt für unsere Kenntniß der mittelalterlichen Geschichtschreibung bezeichnet, erlaube ich mir die betreffende Stelle wörtlich auszuheben[3]. Ranke sagt nämlich in Bezug auf diese Jahrbücher: „Bei dem alten Annalisten fällt nun zweierlei auf, einmal, was wir eben berührten, daß er große Unglücksfälle verschweigt; auch von den inneren Stürmen, den dann und wann auftauchenden Verschwörungen giebt er keine oder nur ungenügende Nachricht, — sodann aber, daß er über das, was er berührt, ausnehmend gut unterrichtet ist. Ein Mönch in seinem Kloster konnte unmöglich die Dinge so genau erkunden, wie sie hier beschrieben sind; wir haben Kloster-Annalen dieses Landes, aus derselben Zeit, allein wie sehr sind sie verschieden! Sie berichten nur das ganz Allgemeine der auffallendsten Thatsachen. Hier aber haben wir einen Autor vor uns, der die Züge der Heere, ihre Zusammensetzung und Führung, die einzelnen Waffenthaten kurz aber sicher angiebt, und der auch von den Unterhandlungen bis auf einen gewissen Grad zuverlässige Kenntniß hat. Niemand konnte über die Unternehmungen gegen Benevent und Baiern so gute Nachrichten mittheilen, der nicht dem Rath des Kaisers nahestand. Diese beiden Eigenschaften zusammen, gute Kunde und große Zurückhaltung, scheinen fast auf eine officielle Abfassung zu deuten, die aber freilich von einem Geistlichen herrühren müsste: jede Phrase bezeichnet einen solchen. Es würde ein in den Weltgeschäften erfahrener, und mit dieser Thätigkeit vielleicht speciell beauftragter Geistlicher gewesen sein, der diese Notizen am Hofe selbst aufgesetzt hätte; in rohem Stil, wie ihn die Zeit, welche der Einrichtung der Hofschule voranging, wohl erlaubte; ein Mann der alten Art und Weise, die sich hier durch die Nachwirkung der Ereignisse allein höher erhob als je zuvor.“
Ranke hat in diesen Worten eine Ansicht, die er mündlich bereits weiter ausgeführt hatte, nur leicht angedeutet; die Ansicht, daß nicht nur diese, sondern auch ein Theil der späteren Reichsannalen amtlicher Natur waren, daß auf Veranlassung des Hofes die Zeitgeschichte officiell verzeichnet wurde, und daraus die ungemein rasche und bedeutende Entwickelung der Annalistik sich erklärt, welche später auch anderen zum Vorbild diente, die nur aus eigenem Antrieb die Ereignisse, welche sie erlebten, darzustellen versuchten.
Diese Thatsache selbst in ihrer Allgemeinheit, die Thatsache, daß nach dem Vorgange Childebrands und Nibelungs auch Karl für eine zuverlässige Aufzeichnung der Begebenheiten Sorge trug, daß daraus die Jahrbücher entstanden, welche wie die Vorzüge, so auch die Fehler und Schwächen aller officiellen Geschichtschreibung aufweisen, habe ich früher geglaubt als erwiesen und anerkannt betrachten zu dürfen, allein diese Auffassung hat seitdem in H. v. Sybel einen gefährlichen Gegner gefunden. Er leugnet die Bedeutung der Reticenzen, die man auch ebenso gut nur einem allzu lebhaften und loyalen Patriotismus zuschreiben könne, und findet, daß der Verfasser doch nur sehr oberflächlich unterrichtet gewesen ist. Er findet eben nichts darin, was nicht ein Mönch des Klosters Lorsch mit Leichtigkeit habe in Erfahrung bringen können. Das möchte auch ich nicht gerade leugnen, nur habe ich von dem Klosterleben der damaligen Zeit eine andere Vorstellung und kann nicht glauben, daß ein Mönch so anhaltend und in so gleichmäßiger Weise durch viele Jahre hindurch der Erforschung und Darstellung der weltlichen Vorgänge seine Aufmerksamkeit zugewandt haben sollte. Und mit Recht bemerkt Bernays, daß er ja für diese Annalen eine gleichzeitige Aufzeichnung vor 788 nicht annehme, und daß für die vergangenen Jahrzehnte besagter Mönch doch schwer die Kunde der Begebenheiten sich habe verschaffen können[4]. Am Hofe, das möchte ich auch jetzt zuversichtlich behaupten, müssen die Annalen geschrieben sein; was aber den amtlichen Charakter betrifft, so muß vor allen Dingen betont werden, daß wir durchaus den unwillkürlich stets sich einschleichenden Gedanken an Zustände und Verhältnisse unserer Zeit zu verbannen haben, wo jedes officielle Wort sorgsam geprüft und gesichert wird. In solcher Weise amtlich sind die Lorscher Annalen gewiß nicht gewesen, und in dieser Beziehung kann ich H. v. Sybel u. Bernays[5] vollkommen zustimmen. Wenn wir aber doch wissen, daß Pippins nächste Angehörige dergleichen Aufzeichnungen veranlaßten, und daß eine Annalistik dieser Art im Westfrankenreiche unzweifelhaft bestand, wenn wir lesen, daß Smaragd, der 843 gestorben ist, von der uralten und bis auf seine Zeit bestehenden Sitte der Könige redet, die Begebenheiten ihrer Zeit aufzeichnen zu lassen[6], so kann ich mir nicht vorstellen, daß Karl nicht ebenfalls dafür Sorge getragen habe. Darunter verstehe ich aber nur, daß er einen solchen Auftrag ertheilte, und daß man nun ein Buch hatte, welches in der Kanzlei verwahrt und gelegentlich vom Könige selbst angesehen wurde, wie wir durch einen Brief Hinkmars wissen, daß Karl der Kahle die Annalen des Prudentius bei sich hatte, wie später auch Friedrich I die ihm übersandte Chronik des Otto von Freising benutzte. Es ist dabei durchaus nicht ausgeschlossen, daß nicht einmal Jahre lang die Arbeit liegen blieb und der betreffende Autor auch manchmal nachlässig und flüchtig arbeitete. Eine amtliche Nachprüfung seiner Arbeit wird nicht stattgefunden haben. Hinkmar sagt ausdrücklich, daß die Jahrbücher des Prudentius schon in vieler Menschen Hände gekommen seien, und da eine Einwirkung auf die öffentliche Meinung beabsichtigt war, wird an Geheimhaltung nicht zu denken sein.
Sicher ist es nicht dieses Buch gewesen, welches der Verfasser der Vita Rigoberti meinte, als er über Karl Martell schrieb: „De hoc etenim, non rege sed tyranno, ita legitur ad locum in Annalibus diversorum regum: Iste Karlus omnibus audacior episcopatus regni Francorum laicis hominibus et comitibus primum dedit, ita ut episcopis nihil potestatis in rebus ecclesiarum permitteret[7]“. Diese Stelle ist bisher nur nach dem Auszug in Flodoards Hist. Rem. II, 12 angeführt und deshalb gänzlich mißverstanden worden. Der Verfasser stand der Zeit, über welche er schrieb, schon sehr fern, und kann nicht sehr viel älter sein, als Flodoard selbst; er wird vermuthlich eine jüngere Compilation benutzt haben.
Anders verhält es sich mit der von Simson (S. 33) aus Hincmar de villa Novilliaco angeführten Stelle über den Beginn der Regierung Karls und Karlmanns „sicut in annali regum scriptum habemus“. Sie findet sich wörtlich in den Ann. Lauriss. mit Ausnahme eines Satzes, der aus der Cont. Fred. mit Leichtigkeit zu entnehmen war. Hincmar kann also eine der Bearbeitungen der Lauriss. vor sich gehabt haben, und ob er hier eine amtliche Quelle hat bezeichnen wollen, ist ganz zweifelhaft. Abgesehen also von der Frage, ob und wie weit den Ann. Lauriss. ein amtlicher Charakter beizulegen ist, bleibt die Frage, ob es noch außerdem, wie Bernays behauptet, Hofannalen, ein Werk von viel größerer Bedeutung und Zuverlässigkeit, gegeben habe, eine ungelöste und vermuthlich unlösbare; mir wenigstens scheint der Beweis der Existenz nicht geführt, wenn ich auch nicht mit H. v. Sybel den bekannten Worten Einhards am Eingang seiner Biographie über den Mangel einer Aufzeichnung der Thaten Karls ein solches Gewicht beilegen möchte, daß er nicht einmal die Ann. Lauriss. gekannt haben dürfte. Dem Versuch aber, die in ihnen nicht enthaltenen Nachrichten, welche hier oder da einmal auftauchen, für dergleichen Hofannalen in Anspruch zu nehmen, vermag ich eine ernsthafte Bedeutung nicht beizumessen; meiner Meinung nach hätte ein solches Werk, wenn es wirklich vorhanden war, deutlichere Spuren hinterlassen müssen.
Indem ich nun also an einer gewissen Beziehung der Lauriss. oder Königsannalen zum Hofe festhalte, habe ich jetzt der Frage über ihre Abfassung näher zu treten. Schon L. Giesebrecht[8], dann B. Simson haben den Beweis geführt, daß die Annales Laurissenses, wie sie uns jetzt vorliegen, nicht gleichzeitig Jahr für Jahr entstanden sind, was Pertz nur für den ersten Theil bis 768 zugab, und W. Giesebrecht hat in der angeführten Abhandlung diesen Punkt als sichergestellt angenommen, die Abfassung des ganzen zusammenhängenden ersten Theils um das Jahr 788 behauptet und dafür allgemeine Zustimmung gefunden[9]. Er knüpft daran die Frage nach der Veranlassung zu einem solchen Werke, und findet dieselbe in dem eben damals eingetretenen, für Karls Reich hochwichtigen Ereigniß, der Entsetzung des Baiernherzogs Tassilo, dessen Verhalten gegen die Franken durchweg mit auffallender Ausführlichkeit behandelt ist; er glaubt deshalb auch die Entstehung des Werkes in Baiern suchen zu müssen und erkennt den Urheber in dem Bischof Arn von Salzburg, dem am meisten daran gelegen sein mußte, diese Vorfälle aufzuklären und sein früheres Verhalten, sowie seinen Anschluß an die Franken zu rechtfertigen, während kaum ein anderer so vollständig in diese Verhältnisse eingeweiht war. Auch die noch rohe und fehlerhafte Sprache kann bei ihm oder bei einem Geistlichen seiner Umgebung nicht auffallen, während sie am Hofe auch damals schon befremdlich wäre.
Diese Beweisführung Giesebrechts ist allerdings sehr gewinnend, und daß der Sturz des bairischen Herzogs zu dieser officiösen Darstellung der Reichsgeschichte den Anstoß, einem guten Theil derselben die Färbung gegeben, scheint einzuleuchten; auch ist die dienstbeflissene Gesinnung des Schreibers, seine durchgängige Verherrlichung des Königs augenscheinlich. Allein die Autorschaft Arns vermag ich weder mit dem Bericht über seine Sendung nach Rom 787 zu vereinigen, noch kann ich glauben, daß jemand, der auch über lange vergangene Dinge so gut unterrichtet war, nicht zu den älteren Räthen des Königs gehört haben sollte. An solchen Materialien, wie Giesebrecht sie für Arn nachzuweisen sucht, den Ann. S. Amandi und Petaviani nebst dem Verzeichniß der Orte, wo Karl Ostern gefeiert, hätte Arn wenig Anhalt gefunden; ein alter Hofbeamter aber, dessen Gedächtniß noch in Pippins Zeit reichte, konnte dergleichen zum chronologischen Leitfaden benutzen, und daneben verwerthen, was von allerhand Aufzeichnungen in der Kanzlei doch vorhanden gewesen sein muß; denn das Gedächtniß allein wird kaum ausgereicht haben. Mit Recht hebt M. Manitius[10] die Vertrautheit des Autors mit der Rechts-und Urkundensprache, die vielen romanischen Wörter, die Benutzung von Actenstücken hervor, wodurch sich auch irrige Angaben über angesagte, später aber verlegte Festfeiern erklären. Denken könnte man z. B. an Angilram von Metz (769-791), welcher Paulus Diaconus zur Bischofsgeschichte von Metz, den Diacon Donatus zur Abfassung der Lebensbeschreibung des h. Trudo veranlaßte und jetzt Erzkaplan des Königs war[11]. Ihn könnte man sich in ähnlicher Stellung zu dem gewiß nicht leichten Unternehmen vorstellen, wie einst Childebrand und Nibelung. Daß ihm dabei die Fortsetzungen Fredegars fehlten, ist auffallend, wäre es aber für Arn, wenn ihm doch sonst so gute Quellen zu Gebote standen, nicht minder. Auch fällt das Hauptgewicht bei diesen Annalen offenbar auf Karls eigene Regierung. Ihm also glaube ich die Anregung zu diesem Werke, welchem wir die eingehende Kunde von seiner Thätigkeit wesentlich verdanken, nach Ranke's Vorgang vindiciren zu müssen; als Privatarbeit in Salzburg kann es nicht entstanden sein. Das ältere Material aber, was hier verarbeitet ist, wird eben durch diese bequeme Zusammenfassung, die späterhin auch sprachlich und stilistisch noch zeitgemäß überarbeitet wurde, bald verdrängt und in Vergessenheit gebracht sein, besonders wenn es nur in der königlichen Kanzlei vorhanden war, während sich hin und wieder in Domstiftern und Klöstern zufällig auch viel unbedeutendere Sachen erhielten.
Abweichend hiervon hat Dünzelmann versucht nachzuweisen, dass um das Jahr 780 eine Compilation entstanden sei, welche auf einer Combination Fredegars mit eigenartigen Nachrichten beruhe, und für die Zeit Pippins von nicht unbedeutendem Werthe sei; diese verlorene Quelle sei uns in den Annales Mettenses zum großen Theil erhalten, und in den Ann. Lauriss. majores und minores benutzt[12]. Indem er vorzugweise nach sprachlichen Gesichtspunkten die Annalen untersucht, findet er, daß der erste Abschnitt derselben von 741-791 reiche, der zweite von 792-796, wo in fast allgemeiner Uebereinstimmung ein Abschnitt angesetzt wird. Doch behauptet wieder Bernays, daß nur bei 789 und 801 ein Wechsel der Verfasser anzunehmen sei.
In der leider verlorenen Lorscher Handschrift schloß sich nun eine Fortsetzung bis 793 an, die nur ein Bruchstück aus den Ann. Laureshamenses ist. In den übrigen Handschriften sind die nächsten Jahre zum Theil auffallend kurz, übrigens aber in wenig veränderter Weise und vermuthlich von demselben Autor behandelt[13], die Verschwörung Pippins 792 ist in derselben höfischen Weise, die wir aus dem ersten Theile kennen, ganz verschwiegen. Manitius findet hier noch dieselbe Ausdrucksweise, wie im früheren Theile, und auch noch Spuren derselben compilatorischen Thätigkeit, welche er für den Anfang nachweist. Dann tritt mit dem Jahre 796 ein völlig veränderter Stil, eine neue Art der Auffassung ein, und diese Fortsetzung fließt nach der Ansicht von Pertz allmählich so vollständig zusammen mit Einhards Werk, daß seine Hand auch im Anfang nicht zu verkennen sei. „Nachher, sagt auch Ranke, mußte die Historiographie in litterarisch geschicktere Hände kommen, wie die Einhards waren, der die alten Annalen überarbeitete und neue abfaßte, wie es scheint im Palast zu Aachen in eben den Jahren, von denen er handelte.“ Während der Arbeit selbst schritt er an Bildung und namentlich an Gewandtheit in der Sprache und Darstellung weiter vor, und fand zuletzt die alten rohen Jahrbücher und seine eigene Arbeit so ungenügend, daß er sie noch einmal überarbeitete. Ueber die Art wie dies geschah, genügt es, auf Ranke's Untersuchung zu verweisen. Nicht die tief eindringende Kenntniß der früheren Geschichte war es, die ihn auszeichnete, oder die ihn zu dieser Arbeit veranlaßte; seine Arbeit war vorzugsweise stilistisch, und nicht selten hat er dadurch auch beachtenswerte Züge des älteren Annalisten verwischt: ja er hat an einigen Stellen eine unrichtige Auffassung der Ereignisse hineingetragen, weil er die ihn erfüllende Vorstellung von der alles andere überragenden Hoheit des Kaisers unwillkürlich auch schon auf die früheren Zeiten übertrug. Wichtig aber ist uns dennoch auch seine Ueberarbeitung nicht nur wegen einzelner Zusätze, und weil es für uns Werth hat, auch seine Auffassung kennen zu lernen, sondern auch deshalb, weil er so wenig zu ändern fand; die alten Lorscher Annalen, sagt Ranke, erhalten dadurch eine nicht geringe Beglaubigung, daß Einhard, was die Sache anbelangt, nur eine und die andere Einschaltung über ein Paar einzelne merkwürdige Begebenheiten beizubringen hatte.
Einhards eigene selbständige Arbeit reicht nach Ranke bis zum Jahre 829, bis zu der Zeit, wo er sich vom Hofe zurückzog, voll Trauer über die zunehmende Verwirrung und Auflösung des Reiches. Für solche Zeiten war weder er selbst noch seine Feder geeignet. Mit ruhiger Würde hatte er, so lange das Reich nach den kriegerischen Zeiten des achten Jahrhunderts für immer befestigt schien, und durch den gewaltigen Kaiser auch noch von seinem Grabe aus zusammengehalten wurde, Jahr für Jahr die Ereignisse registrirt: den helleren feiner gebildeten Zeiten verlieh sein reines fehlerfreies Latein den angemessenen Ausdruck, und kurz und gedrängt zwar, aber doch vollständig in allem wesentlichen liegt die Reichsgeschichte in seinen Jahrbüchern vor uns, in edler Einfachheit, frei von aller Leidenschaft und Parteilichkeit. Als es unmöglich wurde, inmitten der heftig erbitterten Feinde in solcher Weise fortzufahren, da überließ er anderen die Fortsetzung seines Werkes.
Ich habe diese Stelle aus der ersten Ausgabe unverändert gelassen, weil sie die durch Pertz herrschend gewordene Ansicht ausdrückt, und weil die Autorschaft Einhards, wenn auch nicht gesichert und durch wiederholte Angriffe zweifelhaft gemacht, doch nicht mit Sicherheit widerlegt ist, wie denn auch Ebrard es nicht unwahrscheinlich findet, daß Einhard die Fortsetzung verfaßt habe. Neuestens haben Monod und Dünzelmann, H. v. Sybel und Bernays in entschiedenster Weise die Möglichkeit von Einhards Autorschaft geleugnet, während Manitius und Dorr auf sprachliche Untersuchung gestützt sich dafür aussprechen. Dabei fällt vorzüglich die Frage ins Gewicht, ob der nach dem Muster der Alten gebildete Stil und der im Verhältniß zum achten Jahrhundert so sehr viel reichere Wortschatz ausschließlich für Einhard Zeugniß ablegen und als sein besonderes Werk zu betrachten sind, und ich kann mich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß durch die Untersuchungen von Dorr und Manitius fast bis zu voller Evidenz nachgewiesen ist, nur in diesen Annalen und im Leben Karls finde sich dieser, aus einer großen Anzahl alter Autoren mit unvergleichlicher Sorgfalt gesammelte Wortschatz, diese Mannigfaltigkeit der Satzbildung. Es ist aber auch bei dieser Untersuchung niemals außer Acht zu lassen, daß Einhard nicht eigentlich Historiker, seine Aufmerksamkeit in weit höherem Grade der Formvollendung, als der geschichtlichen Bedeutung der Thatsachen zugewendet war, wie wir es ähnlich auch bei Lambert beobachten können.
Daß Einhard der Verfasser dieser Annalen sei, hatte zuerst Du Chesne behauptet, gestützt auf eine Stelle in der Translatio S. Sebastiani, wo Einhard ausdrücklich als Verfasser eines Annalenwerks unter dem Titel: Gesta Caesarum Caroli Magni et filii ipsius Hludowici genannt und eine Stelle daraus angeführt wird, welche sich in unseren Annalen beim Jahre 826 wiederfindet[14]. Dieses Zeugniß aus dem zehnten Jahrhundert schien bedeutend genug, um die dagegen geltend gemachten kleinen Widersprüche zwischen den Annalen und Einhards Vita Caroli übersehen zu können: man darf von jener Zeit nicht die Genauigkeit der Arbeit und des Ausdrucks verlangen und findet sie auch nicht, welche heutiges Tages gefordert wird. Auch wurde für keinen anderen Namen auf dieses bedeutende, seit alter Zeit bekannte und viel benutzte Werk Anspruch gemacht; Stil und Auffassung schienen für Einhard wohl zu passen. Auch in der neuesten Untersuchung von W. Giesebrecht ist dieses zugegeben; die ruhige völlig objectiv gehaltene Darstellung, in welcher die bis dahin stets wiederholten preisenden Beiwörter Karls verschwinden, die an Einhards Werke erinnernde Reinheit der Sprache, scheinen auch ihm die Autorschaft desselben wahrscheinlich zu machen, allein bei dem Tode des Kaisers ist nach seiner Ansicht eine Unterbrechung eingetreten, die weitere Fortsetzung von der vorhergehenden zu scheiden. Fragen wir nach der Begründung dieser Behauptung, so beschränkt sich dieselbe wesentlich darauf, daß die fragmentarische Handschrift Christ. 617 mitten in der Erzählung des Jahres 813 abbricht[15] und in dieser unfertigen Gestalt einmal abgeschrieben worden ist, während ein anderer Schreiber sich auf das Leben Karls des Großen beschränkte, gerade so wie Pithou das zweite Buch von Ademars Chronik abgesondert vorfand und als Leben Karls vom Monachus Engolismensis herausgab. Allerdings soll auch im Ausdruck eine Verschiedenheit bemerklich sein, die aber wenig bedeutend ist; es fällt ferner auf, daß die Wunder des h. Sebastianus im Medarduskloster zu Soissons sehr gepriesen, die von Einhard so hoch geschätzten Reliquien seiner Heiligen kaum genannt werden. Die chronologischen Schwierigkeiten jedoch, welche sich an diese Uebertragung der hh. Marcellinus und Petrus anknüpfen, hat Giesebrecht selbst zu beseitigen versucht, und der Bescheidenheit Einhards, vielleicht auch seiner so gerühmten Klugheit gegenüber dem mächtigen Hilduin, mochte jene kurze und doch immer rühmende Erwähnung um so eher genügen, da er gerade mit einer besonderen Schrift über diesen Gegenstand beschäftigt war.
Auch jetzt kann ich, wie gesagt, nicht umhin, die Gründe für Einhards Autorschaft als überwiegend anzusehen; die Verschiedenheit einzelner Theile kann durch eingetretene Unterbrechung und flüchtigere Arbeit Erklärung finden. Dünzelmann meint, daß die vortreffliche Darstellung von 797 bis zur Mitte des Jahres 801 von Einhard herrühren, die Ueberarbeitung der Annalen bis dahin in den ersten Jahren des neunten Jahrhunderts von ihm verfaßt sein müsse, weil nur er so habe schreiben können und wir von ihm kein anderes Werk vor der Vita Caroli kennen, die nicht sein Erstlingswerk sein könne.
In der Mitte des Jahres 801 aber setzt er, und hierin hat er allgemeine Zustimmung gefunden, einen Abschnitt an[16]; nur so weit waren die Annalen dem Poeta Saxo bekannt, und nur so weit reicht auch die Ueberarbeitung. Die folgende dritte, erheblich schlechtere Fortsetzung reicht nach Dünzelmann bis 806, eine vierte bis 815, die fünfte bis 820, worauf der Schluß bis 829 wieder von anderer Hand sei; Bernays dagegen will zwischen 801 und 829 keinen Wechsel zugeben. Müßten wir in der That auf die Kenntniß der Persönlichkeit verzichten und andererseits doch den höfischen Ursprung festhalten, so scheint mir mit dieser Unterscheidung sehr wenig gewonnen zu sein.
Von der Ueberarbeitung, den sogenannten Annales Einhardi, war schon oben S. 197 die Rede; es konnte nicht anders sein, als daß der Anfang der alten Annalen dem feiner entwickelten Sprachsinn geradezu unerträglich erschien. Es hat aber Dünzelmann wohl richtig bemerkt, daß diese Bearbeitung nur bis 801 reicht und auch damals ausgeführt sein wird; die Uebereinstimmung mit einzelnen Stellen in Einhards Vita Caroli wird dann einfach durch Benutzung der Annalen in dieser zu erklären sein[17]. Bei dieser Bearbeitung haben sich einige Mißverständnisse eingeschlichen, es sind aber auch nicht unbedeutende neue Thatsachen hinzugekommen und es ist wahrscheinlich, daß hierfür auch schriftliches Material benutzt ist[18], wozu Pückert (S. 157 ff.) das gleich zu erwähnende verlorene Werk bis 805, Kurze die bis 796 reichende Quelle desselben rechnet. Pückert (S. 167 ff.) hebt die seltsame Eigenheit des Verfassers hervor, die Ereignisse in ganz unzulässiger Weise als übermäßig beschleunigt darzustellen, und ferner, daß in höherem Maaße, als es den Thatsachen entspricht, Karl als der stets allein wissende und handelnde hervortritt.
Wir sehen also hier, wie man schon von der einfachen und schmucklosen, nur auf den sachlichen Inhalt gerichteten Aufzeichnung der Zeitbegebenheiten fortschritt zu litterarischer Bearbeitung. Natürlich mußte, da die Reichsannalen erst mit 741 begannen, der Wunsch lebendig werden, auch für die vorhergehende Zeit, über welche nur ein sehr ungenügendes und schwer genießbares Material vorlag, ein Handbuch zu gewinnen, welches den Zusammenhang mit der Weltgeschichte herstellte. Gerade auch um das Jahr 801 ist ein solches verfaßt[19], und da es nur bis 741 reicht, liegt die von Waitz ausgesprochene Vermuthung nahe, daß es zur Ergänzung der Reichsannalen bestimmt war. Doch finden wir es handschriftlich nicht mit ihnen verbunden; es scheint keine große Verbreitung gefunden zu haben, da das schwierige Unternehmen doch nur sehr unvollkommen gelang und die Sprache des Verfassers durch ihre Unbehülflichkeit und Fehlerhaftigkeit verräth, daß er der früheren Barbarei wohl entwachsen, aber doch von der höheren Bildung eines Einhard noch weit entfernt war. Doch verdient er ohne Zweifel Beachtung und Anerkennung: es ist, wie Waitz bemerkt, die erste Weltchronik, die seit Fredegar im fränkischen Reich geschrieben wurde. Dieses Werk, dessen wir oben ([S. 129]) schon kurz gedachten, ist in zwei Handschriften erhalten, welche stark von einander abweichen, und es scheint, daß der Verfasser selbst sein Werk überarbeitet und mit weiteren Zusätzen aus seinen Quellen vermehrt hat. Er legte die kurze Chronik des Beda zu Grunde, in welche er Auszüge aus Hieronymus, Orosius, Fredegar mit den Fortsetzungen und den Gesta Francorum einschob, weiterhin benutzte er auch Isidor, den Liber pontificalis, und die Annales Mosellani et Laureshamenses. Die wenigen ihm eigenthümlichen Stellen zeigen Verwandtschaft mit den Annales Flaviniacenses, welche sich in derselben Hs. befinden, und da hierzu auch die Nachricht von der Zerstörung der Stadt Autun durch die Sarracenen 725 gehört, so ist die Vermuthung gerechtfertigt, daß der Verfasser im Sprengel von Autun, vielleicht eben in Flavigny, lebte.
Diese Chronik bildet in einer Hs. den Anfang der schon oben S. 146 erwähnten Annales Maximiani, welche jedoch keine innerliche Verbindung mit ihr haben, und ist in ihrer älteren Form großentheils aufgenommen in das Chronicon Moissiacense.
Eine andere, im J. 805 oder vielleicht 806 abgeschlossene Compilation ist uns nicht im Original erhalten, aber aus verschiedenen Ableitungen nach und nach mit wachsender Sicherheit kenntlich geworden. In Beziehung dazu stehen verschiedene, erst in neuerer Zeit zum Vorschein gekommene Bruchstücke von Bearbeitungen der Reichsannalen. Dazu gehören die Wiener Blätter von 784 und 785[20], welche nebst einem aus Werden stammenden Fragment in Düsseldorf von 759 bis 762, von Pertz, der sie irrig für ursprüngliche Aufzeichnungen hielt, SS. XX, 1-15 als Fragmenta Werthinensia gedruckt sind. Hiermit verwandt ist ein anderes in Bern von Gerold Meyer von Knonau gefundenes Fragment von 783 bis 785[21]. Diesen beiden Versionen muß schon eine ältere zu Grunde gelegen haben, und diese glaubt Giesebrecht (Forsch. XIII, 627 bis 633) gefunden zu haben in einem Bruchstück von 769 bis 772, welches J. Bächtold im Anzeiger für Schweizerische Geschichte 1872 S. 245-246 veröffentlicht hat. Es enthält die Capitelzahlen 56 bis 59, woraus Giesebrecht auf ein größeres Werk schloß, welches bis 714 rückgreifend, mit Benutzung des Fredegar im J. 802 ausgearbeitet, auch in den Annales Mettenses benutzt wurde, und mit einer in diesen erhaltenen eigenthümlichen Fortsetzung von 803 bis 805 versehen war. Wegen einiger Beziehungen auf Reichenau vermuthete Giesebrecht in Haito den Verfasser dieses Werkes, aber diese Stellen gehören nur den Annales Mettenses an und sind aus Regino entlehnt. Dagegen ist durch weitere Untersuchung festgestellt, daß dieses Werk, in seinen älteren Theilen auf den Fortsetzungen des Fredegar beruhend, weiterhin aus den Reichsannalen geschöpft ist, aber durch einige Zusätze und namentlich durch die Fortsetzung sehr werthvoll. Pückert[22], welcher sich sehr eingehend damit beschäftigt hat, hebt namentlich (S. 165) die Nachrichten über Grifo hervor, welche seiner Ansicht nach von hier in die Annales Einhardi übergegangen sind. Er sucht den Ursprung in Saint-Denis nachzuweisen, und nimmt eine Ueberarbeitung in Metz um 900 mit Zuziehung der Vita Caroli an, welche den Ann. Mett. und auch dem Poeta Saxo zu Grunde liege. Benutzung dieses Werkes ist außer in den Mettenses nachgewiesen in den Ann. Lauriss. minores, Lobienses, Guelferbytani, im Chron. Vedastinum und Moissiacense, Fontanellense, und Waitz hat SS. XIII, 26-33, die erwähnten Fragmente nebst dem betreffenden Abschnitt der Annales Mettenses herausgegeben[23].
Neuestens hat nun Fr. Kurze[24], an diese Ergebnisse anschließend, hervorgehoben, daß aus den uns bekannten Bruchstücken dieser Compilation sich doch nicht alle Nachrichten in den Ableitungen belegen lassen, namentlich nicht in den Fulder Annalen, weshalb man genöthigt war, eine unwahrscheinliche Heranziehung verschiedener Quellen anzunehmen. Er kommt dadurch zu der Schlußfolgerung, daß schon um 796 aus den Fortsetzungen des Fredegar, den Reichsannalen und anderen Quellen, der Vita Bonifatii, dem Pabstbuch, ein ausführlicheres werthvolles Werk zusammengestellt sei, welches in der Compilation von Saint-Denis nur auszugsweise enthalten sei. Es ist nach Kurze kein anderes, als das schon [S. 146] erwähnte, in den Ann. Maximiani kenntliche, welches auch den Ann. Sithienses zu Grunde liegt. Als ein Stück dieses verlorenen Werkes betrachtet er auch das Fragmentum Chesnii, als eine Ableitung die Continuatio Romana der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus. Indem wir nun den Scharfsinn des Verfassers dieser Untersuchungen vollkommen anerkennen, können wir ihm doch durchaus nicht folgen, wenn er (S. 128) in diesem, seiner Ansicht nach sehr bedeutenden Geschichtswerk das oben ([S. 149]) erwähnte verlorene Werk des Crantz erkennen will, da Aventins Angabe über den Inhalt desselben durchaus nicht dazu paßt.
Vermissen wir nun hier irgend eine gesicherte locale Anknüpfung, so werden wir dagegen bestimmt nach Lorsch gewiesen durch die Annales Laurissenses minores, welche jedoch Waitz jetzt als die kleine Lorscher Frankenchronik bezeichnet hat[25], ein mageres, nach Regentenjahren geordnetes Compendium der Geschichte des Frankenreiches, an Beda sich anlehnend und ganz aus der oben erwähnten Compilation bis 805 geschöpft, mit Ergänzungen aus den Ann. Laureshamenses und einigen Erweiterungen und Zusätzen; nach Kurze bis 789 aus der von ihm angenommenen Quelle. Nur das Jahr 806 gehört nach Waitz dem Verfasser, wenn er nicht doch vielleicht auch dieses schon in der Compilation fand. Die als Regierungsjahre betrachteten, überaus ungenauen Zahlen hält Pückert für Abschnitte, die vielleicht schon in der Vorlage gewesen, wodurch der Vorwurf großer chronologischer Verwirrung beseitigt würde[26]. Er hebt ferner die ausserordentlich starke, gegen die Vorlage noch sehr verstärkte kirchliche Färbung, die Betonung der geistlichen Autorität und Leitung hervor, was der Strömung der Zeit entspricht. — Von 807 an beginnt eine sehr magere Fortsetzung bis 817, während ein anderes nach Fulda gekommenes Exemplar dort eine andere mit deutlich localer Färbung, ebenfalls bis 817, erhielt[27].
Die lebhaft erwachende Thätigkeit in dieser Richtung bezeugen ferner die Chronik der sechs Weltalter, welche bis 810 reicht, von einem ungenannten Verfasser[28], ein mageres chronologisches Gerippe, ohne selbständigen Werth, die oben [S. 146] erwähnten Ann. Maximiani von 710 bis 811, die Fulder bis 814 ([S. 150]) und die Flaviniacenses von 816 ([S. 146]).
Bis 818 reicht das Chronicon Moissiacense[29], eine große unverarbeitete Compilation, welche aus der vorher erwähnten Chronik bis 741, der Compilation bis 805, den Reichsannalen und anderen bekannten Werken geschöpft ist, deren Bekanntschaft, wie Pückert bemerkt, Abt Benedict von Aniane vermittelt haben kann, aber doch hin und wieder auch eigenthümliches aus jetzt verlorenen Quellen hat; darunter hat Dorr[30] Aquitanische Annalen und ein Chronicon Aquitanicum ohne genaue Chronologie auszuscheiden und zu sammeln versucht. Der Verfasser ist so unselbständig und schreibt so gewissenhaft seine Vorlagen wörtlich ab, daß ihm auch der werthvolle letzte Theil der Chronik von 813 bis 818 nicht zuzutrauen ist. Dieser schließt sich vielmehr in der ganzen Weise der Erzählung so genau den bis dahin benutzten Ann. Laureshamenses (s. oben [S. 145]) an, daß wir mit L. Giesebrecht annehmen müssen, es habe dem Schreiber der Handschrift ein vollständigeres Exemplar vorgelegen, dessen Schluß uns nur hier erhalten ist. Die Herkunft der Chronik ist südfranzösisch, es sind aber, wie G. Monod[31] bemerkt, von ihr zwei ganz verschiedene Bearbeitungen vorhanden, von denen die eine aus Moissac stammt, ihr fehlen die Jahre 716-777. Die andere stammt aus Aniane und hat Zusätze, in denen die Geschichte ganz willkürlich behandelt wird, z. B. 779 und 780 spanische Namen an die Stelle der sächsischen gesetzt sind. Zu einer mit diesen verwandten Chronik gehört nach der wichtigen Entdeckung von Pückert[32] die sog. Notitia de servitio monasteriorum, welche überall arglos benutzt ist, hier aber als eine spätere Fälschung, vermuthlich aus Aniane, nachgewiesen wird.
So stellt sich uns also eine lebhafte litterarische Thätigkeit dar, bei welcher zunächst die Sorge für die bis dahin in so hohem Grade vernachlässigte Form der Darstellung in den Vordergrund tritt, mit welcher sich aber nicht minder auch das Streben nach Ergänzung der geschichtlichen Thatsachen verbindet. Am Ende des Jahrhunderts werden die Annalen bis 801 von dem sog. Poeta Saxo sogar in Verse gebracht.
Die Fortführung der Annalen bis 829 ist vom höchsten Werthe und gewährte ein noch lange befolgtes klassisches Vorbild der gleichmäßigen Darstellung der Zeitgeschichte. Hatte schon Einhard den früheren Theil der Annalen für sein Leben Karls zu Rathe gezogen, so finden wir den folgenden Abschnitt von 814 an zu einer Biographie Ludwigs verwandt, nicht unbedeutend verändert, aber nicht verbessert, mit Einhards Werk gar nicht zu vergleichen[33].
[1] Sehr verdienstliche Ausgabe von Jaffé, Bibl. IV, 1-306, mit den Briefen Leo's III S. 307-334. Es folgt noch eine Sammlung Karolinischer Briefe S. 335-436. Phototypie einer Seite des Cod. bei O. v. Heinemann, Wolfenb. Hss. I, S. 214. Neue Ausg. von Gundlach MG. Epp. III, 469 bis 657, vgl. NA. XVII, 526-566.
[2] Früher auch plebei und Loiseliani genannt, 741-829, ed. Pertz SS. I, 134-218. Hs. 7, von Pertz nicht benutzt, ist Paris. 5941 A (NA. IV, 244); Hs. 8, früher dem Baron de Crassier gehörig, ist jetzt Paris. 10911; nahe verwandt damit eine Petersburger, Lat. F. Otd. IV, 4. NA. VII, 228.
[3] Abhandlungen der Berliner Akademie aus dem Jahre 1854, S. 434.
[4] Zur Kritik karol. Annalen S. 171. Waitz machte gegen den Lorscher Ursprung auch geltend, dass der dort schreibende Vf. der Laur. min. sie nicht gekannt habe, aber das bestreitet wieder Pückert.
[5] S. 169 ff.
[6] Smaragdi Praef. V. S. Bened. Anian. angeführt von Dümmler, Ostfr. I, 877: „Perantiquam siquidem fore consuetudinem hactenus regibus usitatam, quaequae geruntur acciduntve annalibus tradi posteris cognoscenda, nemo ut reor ambigit doctus.“ Ueber Eckharts verfehlte Vermuthung, daß die Annalen von den Kanzlern verfaßt wären, während er den officiösen Ursprung richtig erkannte, s. Sickel Acta Karol. p. 83.
[7] Acta SS. Jan. I, 177.
[8] Wendische Geschichten III, 283.
[9] Doch behauptet Manitius, Mitth. d. Inst. XIII, 225-232, die Abfassung im J. 795.
[10] Mitth. d. Inst. X, 417 ff., vgl. Bresslau, NA. XV, 211. Auch Mitth. XIII, 225-232.
[11] Ueber ihn vgl. L. Oelsner in der Deutschen Allg. Biogr. I, 460. Nimmt man die Abfassung erst 795 an, so ist natürlich diese Vermuthung hinfällig.
[12] Diese Annahme ist von Waitz gebilligt, aber mit der wichtigen Modification, daß es bis 805 reichte und aus den Lauriss. maj. geschöpft war, s. unten.
[13] So Waitz und W. Giesebrecht, während Pertz schon 788 die Fortsetzung Einhards beginnen läßt, Dünzelmann eine zweite Fortsetzung 792 bis 796 annimmt. Gegen Giesebrecht bemerke ich, daß 792 nicht von einer Brücke über die Donau, sondern von beweglichen Pontons für den Feldzug die Rede ist.
[14] „Agenardus cognomento Sapiens, ea qui tempestate habebatur insignis, huius reverentissimi coelicolae mentionem in Gestis Caesarum Caroli Magni et filii ipsius Hludowici faciens, inter alia quae annotino cursu dictabat, non inoperosum duxit mortalia acta immortali astipulatione roborare ita dicens“ etc. — Diese bestimmte Angabe gerade aus dem Medarduskloster darf man doch nicht zu gering anschlagen, sie kann recht wohl auf wirklicher Tradition beruhen. Der Verfasser Odilo widmet sein Werk (Mab. Actt. IV, 1, 383-410), welches freilich schwülstig und nicht allzu zuverlässig, aber doch für die Zeit Ludwigs des Frommen nicht unwichtig ist und auf der älteren Schrift des Probstes Rodoin beruht, dem Decan Ingramnus, der nach Flod. 932 Bischof von Laon wurde. Ein Brief von ihm an Hucbald, worin er der Mir. S. Seb. gedenkt, bei Mart. Coll. I, 266. Auch die Autorschaft des Prudentius und Hincmar für die späteren Annalen beruht auf je einem Zeugniß, womit ich nicht, wie man mich mißverstanden hat, sagen will, daß sie zweifelhaft sei, sondern daß auch hier nur ein ausdrückliches Zeugniß sich erhalten hat. Auszüge aus der Translatio S. Sebastiani von Odilo giebt Holder-Egger, SS. XV, 377-391; dann S. 391-395 aus der früher irrig ebenfalls dem Odilo zugeschriebenen Translatio SS. Tiburtii, Marcellini et Petri, die er als betrügliches Machwerk des 11. Jh. nachweist. — Annales S. Medardi a. 497-987 und Auszüge aus der Fortsetzung bis 1249 ed. Waitz, SS. XXVI, 518-522.
[15] Nach der Beschreibung MG. I, 129 scheint es, daß die Handschrift am Schluß wie am Anfang unvollständig ist und einst weiter reichte.
[16] Monod läßt hier überhaupt erst einen neuen Autor eintreten und ist nicht abgeneigt, Angilbert darin, etwa bis 813, zu erkennen, da dessen Name wiederholt genannt werde.
[17] S. die Zusammenstellung bei B. Simson, De statu etc. p. 44-52. Derselbe weist Forsch. XIV, 136 Benutzung des Livius nach. Fr. Kurze, NA. XVII, 125, nimmt Bearbeitung erst um 820 u. also Benutzung der Vita in den Annalen an.
[18] W. Giesebrecht a. a. O. S. 216. Die Benutzung des fortgesetzten Fredegar 759, 760 vermag ich aber nicht zu erkennen. Vgl. auch Bernays S. 151. — Manitius, Mitth. XIII, 232-238, unterwirft einige Stellen einer für Einhard ungünstigen Kritik.
[19] Chronicon universale bis 741, ed. Waitz, MG. SS. XIII, 1-19. Vgl. B. Simson: Die überarbeitete und bis 741 fortgesetzte Chronik des Beda, Forsch. XIX, 97-135. Waitz, Weltchronik bis 741, NA. V, 475-491.
[20] Cod. 334, zuerst in der zweiten Ausgabe dieses Buches S. 540 gedruckt.
[21] Forsch. VIII, 631-633. Dagegen sind die 6 Blätter des Cod. Vat. Christ. 263 (Arch. XII, 272) irrthümlich hierher gezogen, sie gehören zu Ademar, s. NA. II, 330.
[22] Ueber die kleine Lorscher Frankenchronik, ihre verlorene Grundlage u. d. Ann. Einh. (Ber. d. Sächs. Ges. d. Wiss. 1884).
[23] Annalium veterum fragmenta, partim ex Mettensibus desumpta, 769 bis 805. Früher waren von Pertz nur Stücke der Mett. als Zusätze zum Text der Laur. maj. abgedruckt, irreführend, weil dort auch schon Regino benutzt ist. Vgl. Heigel: Ueber die aus den alten Murbacher Ann. abgeleiteten Quellen, Forsch. V, 397-403. Waitz: Ueber das Verhältniß der Ann. Mett. zu anderen Annalen, Forsch. XX, 385-394. Simson: Ueber die verlorene Quelle der Ann. Mettenses, ib. S. 395-400, nebst der gleich anzuführenden Abhandlung von Waitz. Bernays, S. 69 ff., der auch den Poeta Saxo und natürlich die Hofannalen heranzieht, und weitere Fortsetzung vermuthet. Waitz nahm SS. XIII, 26, Anm. 6, Benutzung der Lauriss. nur bis 788 an, erstreckt sie aber in der Abh. über die Lauriss. min. S. 408, mindestens auf 789. Ranke, Weltgesch. V, 2, 292-306, hebt sehr nachdrücklich den Werth der in den Ann. Mett. enthaltenen Nachrichten über die Arnulfinger hervor, wenn sie auch für die älteste Zeit sagenhaft gefärbt sind.
[24] Ueber die Ann. Fuldenses, NA. XVII, 117 ff.
[25] Ueber die kleine Lorscher Frankenchronik, SB. d. Berl. Akad. 1882, S. 399-415, mit Ausgabe des Textes bis 806. Bernays, der auch Benutzung der Lauriss. und Hofannalen nachzuweisen sucht, berichtigt S. 74, daß die Berner Hs. für St. Remigius (in Hautvillers nach Pückert) geschrieben ist, aber aus einer Vedaster Hs. (mit der Abtsreihe) entnommen. Eine ganz magere Regentenfolge bis auf Karl u. Karlmann, und fortgeführt bis auf Ludwig d. Fr. hat aus Sanetgaller u. a. Hss. Waitz als Chronicon breve Alamannicum herausgegeben, SS. XIII, 260 u. 724.
[26] Sie fehlen ganz im Pal. 243 aus Lorsch, s. NA. X, 232.
[27] MG. I, 121-123. Vgl. SS. III, 18 über die Münchener Handschrift, NA. X, 232 über die Vaticanische Hs. Pal. 243 aus Lorsch.
[28] Chronica de sex aetatibus mundi, bei Kollar, Anal. Vindob. p. 602. Das Ende allein MG. SS. II, 256, vgl. Arch. VII, 272. Die unter Ludwig d. Fr. verfaßte, unter dem falschen Namen des Claudius Taurin. bei Labbe, Bibl. nova I, 309-315 gedruckte Chronik ist vollends nur ein chronologischer Versuch.
[29] Bis auf Honorius ungedruckt: von da an MG. I. 280-313; vgl. II, 257, wo die Jahre 804 bis 813 nach einer neugefundenen Hs. verbessert sind. Pückerts oben erwähnte Abh. enthält viele beachtungswerthe Bemerkungen darüber.
[30] De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regiom. 1861) p. 39-48. Die von ihm hier zuerst nachgewiesene Compilation von 805 ist seitdem genauer bestimmt, s. oben S. 202. Herstellung des Chron. Aquit. von Witiza bis 812, S. 43-48. Vgl. Waitz, NA. V, 483, über die Zusammensetzung des Berichts von 725 aus 2 Quellen; 711, 737, 752 sind jener Compil. zu überweisen, Forsch. XX, 393. Nach B. Simson, Forsch. XIV, 134, sind verwandte Nachrichten in Labbe's Chron. S. Victoris, jetzt als Ann. S. Victoris Massil. gedr. SS. XXIII, 1-7. Er vermuthet Benutzung des Chron. Moissiac. in diesen. Ein späteres kurzes Chron. Aquitanicum (eigentlich Annales) 830-886. 930. 1025, MG. II, 252.
[31] Revue critique 1873, II, 262.
[32] Bericht der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1890, S. 45-74.
[33] Der Einsiedler Codex einer Compilation über Karls Leben ist nach B. Simson, Forsch. XIV, 135 auf eine Benutzung des Regino zurückzuführen.
§ 10. Ludwig des Frommen Zeit. [[←]]
Funck, Ludwig der Fromme, Frankfurt a. M. 1832. B. Simson, Jahrbücher des Fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen. 2 Bde. Leipz. 1874. 1876.
Ein Jahrhundert lang hatte das karolingische Haus daran arbeiten müssen, das zerfallende merowingische Reich wieder zur Ordnung und Festigkeit zu bringen, bevor Karl daran denken konnte, auch den Wissenschaften hier eine neue Heimath anzuweisen. Als dann Ludwigs ungeschickte Hände den stolzen Bau im Laufe weniger Jahre in seinen Grundfesten erschütterten, als von neuem Raub und Gewaltsamkeit aller Art ungehindert geübt wurden, da wurde auch diese zarte Blüthe geknickt. Es half nichts, daß Ludwig persönlich litterarischen Bestrebungen geneigt war[1], daß er die Klosterzucht herstellen half, was auch den Schulen zu Gute kam; wir wollen ihm nicht den Ruhm schmälern, das schöne altsächsische Gedicht des Heliand veranlaßt zu haben, aber unter dem Waffenlärm konnte die Wissenschaft nicht gedeihen, und über ihre Mißachtung wird schon bald nach Karls Tod geklagt[2]. Schon 829 baten die zu Worms versammelten Bischöfe dringend um die Errichtung von mindestens drei öffentlichen Schulen, um dem Verfall Einhalt zu thun: die Ausführung wird bei der wachsenden Zerrüttung des Reiches unterblieben sein[3].
Die Hofschule blieb jedoch bestehen, der Ire Clemens und andere Lehrer wirkten daran, und unter Karl dem Kahlen gewann sie noch einmal einen glänzenden Aufschwung. Auch die Reichsannalen wurden nicht unterbrochen, sondern in gleichmäßiger Weise weiter fortgeführt. Es sind die nach ihrem Fundort genannten Bertinianischen Annalen, deren Schreibart den amtlichen Charakter nicht verkennen läßt; wir werden auf dieselben noch später zurückzukommen haben. Alle die traurigen Vorfälle der Zeit werden hier mit möglichster Schonung berührt; der Herr Kaiser erscheint stets in seinem Rechte, aber auch gegen die Gegner, welche ja ebenfalls seinem Hause angehörten, wird anständige Mäßigung beobachtet. Im Jahre 835 übernahm der Bischof Prudentius von Troyes die Fortsetzung, und führte sie bis zum Jahre 861, wo der Erzbischof Hinkmar die Arbeit aufnahm; schon war nicht mehr der königliche, sondern der erzbischöfliche Hof zu Reims der wahre Mittelpunkt des Reiches. Der genaue Zusammenhang der karolingischen Reiche aber tritt in diesen Jahrbüchern noch deutlich hervor, indem auch die italienischen und die deutschen Begebenheiten sorgfältig berücksichtigt werden.
Der vornehmen Kürze der Reichsannalen treten für die frühere Zeit Ludwigs die Gedichte des Ermoldus Nigellus[4] zur Seite; schmeichlerische Lobgedichte, die zwar als solche kaum zu den eigentlichen Geschichtsquellen gerechnet werden können, aber doch von mancher Einzelheit uns Kunde geben, und durch ihre Schilderungen vielerlei Aufschluß gewähren über Zustände und Personen der Zeit. Aquitane von Geburt, war Ermold ein Günstling des Königs Pippin; er geleitete ihn, obwohl Mönch, auf der Heerfahrt des Jahres 824 gegen die Bretonen mit Schild und Speer: doch scherzt er darüber selbst, und sein Herr lachte ihn aus. Der Kaiser aber gab ihm Schuld, daß er Pippin verführe, und verbannte ihn deshalb nach Straßburg, wo Bischof Bernald ihn unter seine Aufsicht nahm. Hier nun schrieb er seine vier Bücher, in Distichen, über die Thaten des Kaisers, mit Ludwigs aquitanischem Königthum beginnend bis auf Heriolds Taufe 826, und es liegt in der Natur der Dinge, daß er ihm sowohl wie der Kaiserin Judith um so ärger schmeichelte, je mehr er sich seiner Verbindung mit ihren Gegnern bewußt sein mochte; er erreichte jedoch seinen Zweck nicht, und sandte deshalb noch zwei Elegien an König Pippin, deutlich Ovid nachahmend, hinter dem er doch in Sprache und Versbau unendlich weit zurückbleibt[5]. Seine Befreiung aber mag er wohl dem Siege der Verschworenen im Jahre 830 verdankt haben[6].
Kaum minder lobrednerisch für Ludwig, als die Verse Ermolds, sind die beiden Lebensbeschreibungen, welche wir von ihm besitzen. Die eine, welche nur bis 835 reicht, ist schon zu seinen Lebzeiten verfaßt, von Thegan oder Degan, einem vornehmen Franken und Landbischof der Trierer Kirche, auch Probst des Cassiusstifts in Bonn, von welchem sonst nichts bekannt ist, als sein freundschaftlicher Verkehr mit Walahfrid und einigen anderen, den ein Paar noch erhaltener Briefe und Verse bezeugen. Er ist von ganz besonderem Eifer gegen die aus unfreiem Stande erhobenen und dann übermüthig gewordenen Bischöfe erfüllt, von denen er jedoch nur Ebo von Reims nennt; man vermuthet deshalb, daß er vielleicht in dessen Sprengel ansäßig war und persönlich von ihm zu leiden gehabt hat. Walahfrid rühmt (um 825) seine stattliche Erscheinung, seine gigantische Statur, und seine Gelehrsamkeit. Jene Schrift nun ist vielleicht durch Einhards Werk über Karl angeregt, verfolgt aber, wie es B. Simson wahrscheinlich macht, einen bestimmten politischen Zweck, indem wohl nicht ohne Absicht neben scharfem Tadel Lothars und seiner Anhänger die Verdienste Ludwigs des Deutschen sehr hervorgehoben werden. In der Form sehr unvollkommen, und größtentheils in magerer annalistischer Weise verfaßt, gewährt sie uns doch einige gute Nachrichten; der Aufgabe einer wirklichen Biographie aber konnte der Verfasser schon deshalb nicht genügen, weil er von Leidenschaftlichkeit gegen Ludwigs Gegner, vorzüglich gegen Ebo von Reims, erfüllt war, und die wahren Ursachen der Unruhen und inneren Kriege verschweigt[7]. Walahfrid freilich, ein ebenso eifriger Anhänger Ludwigs, lobt, indem er die Mängel des Ausdrucks mit der seelsorgerischen Thätigkeit des Mannes entschuldigt, gerade die Wahrhaftigkeit desselben; er theilte das Büchlein in Capitel und versah diese mit Ueberschriften, um sich und andere an den Thaten des Kaisers Ludwig, heiligen Andenkens, um so besser und häufiger erbauen zu können.
Mit geringerer Heftigkeit, doch mit nicht minderer Parteilichkeit für Ludwig, ist die zweite größere Lebensbeschreibung desselben[8] geschrieben, welche ein unbekannter Geistlicher vom Hofe bald nach dem Tode des Kaisers verfaßt hat; man pflegt ihn den Astronomen zu nennen, wegen einiger Bemerkungen, welche sich auf diese Wissenschaft beziehen. Tiefere geschichtliche Einsicht dürfen wir bei einem Anhänger Ludwigs überhaupt nicht suchen, und auch der Stil dieses Biographen ist entstellt durch übertriebenes Streben nach phrasenhaftem Schmuck. So hat er in dem mittleren Theile seines Werkes von 814 bis 829 fast nur die Reichsannalen ausgemalt und durch seine Schönrednerei entstellt[9]. Schätzbarer ist der erste Abschnitt, wo Ludwigs Jugendzeit nach den Erzählungen oder, wie Ebert vermuthet, nach einer schriftlichen Aufzeichnung des Mönches Adhemar geschildert ist, der mit dem Kaiser auferzogen war. Im letzten Theile endlich giebt der Verfasser aus eigener Kenntniß Nachricht von dem was er erlebt, und wenn auch seine Darstellung wenig zu loben, die Chronologie sehr verwirrt ist, so ist doch der Inhalt von großem Werthe für uns.
Diesen Schriften reihen wir noch das Leben des Abtes Benedict an, des Stifters des Klosters Aniane († 821), der das Vertrauen des Kaisers in so hohem Grade besaß; zuletzt Abt des für ihn erbauten Klosters Inden oder Cornelimünster, wurde er zugleich Obervorsteher aller Klöster im Frankenreich, und entfaltete eine große Wirksamkeit für die Reform des Mönchswesens und Herstellung der Schulen. Sein Leben wurde ein Jahr nach seinem Tode (821) von Ardo, genannt Smaragdus, seinem Nachfolger als Abt von Aniane, in anschaulicher Weise liebevoll geschildert, mit besonders genauer Kenntniß der früheren Zeit, wie er, damals Witiza genannt, ein edler Gothe, Sohn des Grafen von Maguelonne, ein tapferer Kriegsmann, Mönch wurde und sich zuerst einer ganz übertriebenen Askese hingab, bis das Leben ihn erzog, und nun seine reformatorische Thätigkeit weithin wirksam wurde. Auch die Bekehrung des Grafen Wilhelm von Toulouse wird darin berichtet, dessen Leben später fabelhaft ausgeschmückt ist[10].
Ein merkwürdiges Denkmal aus dieser Zeit ist der liber manualis Dodanae, die von Dhuoda, der Witwe des Grafen Bernhard von Septimanien, im J. 841 für ihren Sohn Wilhelm verfaßten Rathschläge und Unterweisungen, woraus einst Mabillon und Baluze Auszüge gegeben haben, welche jetzt mit Benutzung einiger neugefundenen Fragmente von E. Bondurand neu herausgegeben sind[11].
In einer Zeit der erbittertsten Parteiungen konnte die Geschichtschreibung nicht den Charakter ruhiger, unparteilicher Schilderung bewahren, den wir in den Reichsannalen wahrnehmen; jede Erzählung nimmt eine bestimmte Farbe an nach dem Standpunkt des Verfassers, und es treten nun auch die politischen Streitschriften hinzu, in welchen die Gegner ihr Verfahren zu rechtfertigen, die Widersacher anzuschuldigen sich bemühen. Dahin gehört aus dieser Zeit namentlich das beredte Manifest des Erzbischofs Agobard von Lyon, welches das Auftreten der Söhne gegen ihren Vater rechtfertigen sollte[12], und von der anderen Seite die Klage des Herrn Kaiser Ludwig, angeblich von ihm selbst verfaßt, in Wahrheit aber doch wohl nur eine Stilübung aus dem Kloster des h. Medardus[13].
Den Tod des Kaisers und die darauf folgende Zwietracht beklagte in einer Elegie Florus, der bekannte Diakonus von Lyon[14].
[1] Aus den Kanzleiformeln der Urkunden verschwanden unter ihm die herkömmlichen Barbarismen, oben S. 160.
[2] Walahfridi Praef. ad Einh. V. Caroli: „Nunc relabentibus in contraria studiis, lumen sapientiae quod minus diligitur, rarescit in plurimis.“ Lupus an Einhard: „Nunc oneri sunt, qui aliquid discere affectant.“ Ep. 1 ed. Baluze. Auch bei Ideler, Leben Karls d. Gr. II, 138. Die ganze Stelle ist lesenswerth. Aehnliche Stellen von Claudius Taurinensis (über ihn s. Ebert II, 222-224; Laville, Claude de Turin. Essai sur le protestantisme du IX. siècle (Thèse). Toulouse, Chauvin.) giebt Reuter, Gesch. d. Aufkl. I, 267. Dümmler, Ostfr. III, 649-652, wo die Hofschule ausführlich behandelt ist. Ueber diese auch B. Simson II, 255-260.
[3] „Similiter etiam obnixe et suppliciter vestrae celsitudini suggerimus, ut morem paternum sequentes, saltim in tribus congruentissimis imperii vestri locis scholae publicae ex vestra auctoritate fiant, ut labor patris vestri et vester per incuriam quod absit labefactando non depereat.“ MG, Legg. I, 339. Der Vorschlag kam von der Pariser Synode.
[4] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 464-523. Migne CV, 551-640 nach Bouquet. Dümmler, Poet. Lat. II, 1-92. Verbesserungen von Traube, Karol. Dicht. S. 65. Uebersetzung von Pfund, Berl. 1856. 1889 (Geschichtschr. 18. IX, 3). Henkel: Ueber den hist. Werth der Gedichte des Ermoldus Nigellus, Progr. der höheren Bürgerschule zu Eilenburg 1876. Ebert II, 170-178. Simson, Karl d. Gr. II, 258 ff. Theilw. übers. v. Th. Reinhart im Jahrb. f. Gesch., Sprache u. Litt. Elsass-Lothr. II. 1886.
[5] Anklänge an Vergil, das allgemeine Schulbuch, fehlen natürlich auch nicht, zuerst gesammelt von Dorr, De bellis Francorum cum Arabibus gestis, Diss. Regim. 1861, p. 53-55, dann vollständiger bei Dümmler, nebst anderen, besonders auch an Theodulf u. Naso, vgl. NA. XI, 80. 554.
[6] Die früher vermuthete Identität mit einem Abt Hermold 834 u. dem Abt Ermenald von Aniane kann als beseitigt gelten; vielleicht aber war er der Hermold, der 838 als Pippins Kanzler erscheint.
[7] Am Schluß folgen noch Nachrichten über die Jahre 836 u. 837, in welchen die Uebertragung des h. Castor nach Coblenz (daraus entnommen, doch mit richtigem Datum, Anal. Boll. I, 119, vgl. NA. XII, 603) auffallend hervortritt. Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 585-604. Uebersetzung von Jasmund, 1850. 1889 (Geschichtschr. 19. IX, 4). Ebert II, 359-361. Eine Erwähnung unter dem Namen Theganbert in der Transl. Chrysanti et Dariae a. 844; Urkk. v. 842 u. 847 NA. XIII, 154, 157, wo er Theigenbert heisst. Obitus Thegani ep. im Necrol. S. Maximini zum 20. März. Ueber Walahfrids Vorrede in derselben Kopenhagener Handschrift, welche auch dessen Vorrede zu Einhards Vita erhalten hat, s. Archiv VII, 373; im St. Galler Catal. s. IX. erscheint das Buch als ‚De bonitate Hludouuici imp. in quaternulis‘. Weidm. S. 400. Vgl. B. Simson: Ueber Thegan, Forsch. X, 325-352. Benutzt ist die Vita in der Domus Carolingicae Genealogia (SS. II, 309, vgl. Forsch. X, 338), den Ann. Lobienses und Flodoardi Hist. Remensis.
[8] Mg. SS. II, 604-648. Uebers. mit Thegan. Ebert II, 361-364. Ueber die Steinfelder Handschrift, jetzt Mus. Brit. 21 109, Archiv VII, 365; über die Petersburger NA. V, 221. Ueber stilistische Anklänge Manitius, NA. XI, 70-73.
[9] Zuletzt hat G. Meyer von Knonau in d. Abh. über Nithard ausführlich nachgewiesen, S. 132-135, wie der Astr. c. 23-43 die Ann. Lauriss. 814-829 benutzend sie entstellt; S. 129-132. 135, wie er c. 59-62 Nithard c. 6-8 in ähnlicher Weise behandelt hat, dessen Benutzung mir jedoch zweifelhaft ist; S. 129-132 ist die Verwirrung der Chronologie c. 54-61 beleuchtet. Für den hohen Werth des ersten Theils ist daher das Hauptverdienst Adhemar zuzuschreiben. Diesen hält Dorr, De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regim. 1861) p. 51, nach einer Vermuthung Giesebrechts für den wiederholt genannten Heerführer Hadhemar, der im Alter Mönch geworden sei. Allein die verschiedene Schreibart in demselben Buch, der Mangel jeder Hindeutung darauf und die Häufigkeit des Namens in Aquitanien sprechen dagegen. B. Simson, Lud. d. Fr. II, 294-301 behandelt das Werk ausführlich und vermuthet, daß es unvollständig überliefert sei. Benutzte Verse von Vergil weist Manitius nach, NA. IX, 618, andere Anklänge XI, 70-73.
[10] Mab. IV, 1, 191. S. XV, 198-220 von Waitz. mit Exc. der Vita Willelmi monachi Gellonensis. Ebert II, 346-348. Hauck II, 528-545. Ueber das Leben des Adalhard und Wala s. unten [→ § 16.]
[11] L'Éducation caroline. Le manuel de Dhuoda. Paris 1887.
[12] Apologeticus pro filiis Ludovici Pii imp. adv. patrem, Bouq. VI, 248 u. a. m. Eigentlich zwei verschiedene Schriften, s. B. Simson I, 398. II, 67, u. als solche SS. XV, 274-279 ed. Waitz als: Libri duo pro filiis et contra Judith uxorem Lud. Pii. Er war einer der bedeutendsten theologisch-politischen Schriftsteller, und seine Schriften (ed. Baluze 1666, Migne CIV) berühren vielfach die Zeitverhältnisse. S. über ihn Baehr S. 98. 383-388. C. v. Noorden, Hinkmar S. 39. B. Simson I, 397-399. Reuter, Gesch. d. Aufklärung I, 24-41. Ebert II, 209-222. Dümmler, NA. IV, 263, und die Gedichte an ihn, Poet. Lat. II, 118. 356. J. F. Marcks, Die politisch-kirchliche Wirksamkeit A. Progr. d. Realprogym. zu Viersen 1888. Enge, De Agobardi cum Judaeis contentione, Lips. 1888. Er starb 840 Juni 6, Ann. Lugdun. MG. I, 110.
[13] Sie findet sich in der Translatio S. Sebastiani ([S. 199]), ist aber auch unter dem Titel Conquestio domni Chludovici imperatoris et augusti piissimi de crudelitate et defectione et fidei ruptione militum suorum et horrendo scelere filiorum suorum in sui dejectione et depositione patrato abgesondert überliefert. Ausg. v. Holder-Egger SS. XV, 388. — Dahin gehört auch die gegen Ebo gerichtete, von Flodoard aufgenommene Visio Raduini, [←] NA. XI, 262.
[14] Querela de divisione imperii post mortem Ludovici Pii, bei Mab. Anal. I, 388, ed. II p. 413. Bouq. VII, 301. Poet. Lat. II, 559-564. Vgl. über ihn Ebert II, 268-272. Dümmler, NA. IV, 296-301. 581. 630. Poet. Lat. II, 507-566. Ueber seine Canonensammlung M. Conrat, Gesch. d. Quellen u. Litt. d. Röm. Rechts (1889) I, 253; vgl. auch NA. XI, 436.
§ 11. Der Streit der Söhne. Nithard. [[←]]
Nithardi Historiarum libri IV. ed. Pertz, MG. SS. II, 649-672. Besonderer Abdruck Hann. 1839; 2. Ausg. mit neuer Benutzung der Pariser Handschrift, sonst ohne Zusatz, 1870; von Holder mit wiederholter Benutzung derselben 1880. Uebersetzung von Jasmund, Berl. 1851. 1889 (Geschichtschr. 20. IX, 5; S. 67 l. fünften statt 15). — Die Eidesformeln jetzt auch bei Müllenhoff und Scherer S. 197 (3. Ausg. I, 231), vgl. S. 479 (II, 365). Brakelmann in Hoepfners und Zachers Zeitschr. f. d. Philol. III, 85-95. Arbois de Jubainville: Le Text Franc etc. Bibl. de l'École de chartes XXXII, 321-340. Facs. bei G. Paris: Les plus anciens Monuments de la langue Française (1875) pl. 1. Chr. Pätz, De vita et fide Nithardi, Diss. Hal. 1865. Gerold Meyer von Knonau, Ueber Nithards 4 Bücher Geschichten, Leipz. 1866, 4. O. Kuntzemüller, Nithard u. sein Geschichtswerk, Diss. Jen. 1873. Ebert II, 370-374. Die Handschrift stammt aus Saint-Magloire in Paris, Hist. Zeitschr. XXXI, 220. Delisle, Note sur le Catalogue général p. 37. Manitius, Parallelstellen, NA. IX, 618. XI, 69-73.
Wir haben schon früher gesehen, wie am Anfang des Mittelalters diejenigen Männer, welche sich durch litterarische Bildung auszeichneten, wenn sie auch ihre Bildung noch nicht der Kirche verdankten, doch zuletzt dieser sich zuwandten, und dasselbe wiederholt sich auch in Karls Zeit. Die fränkischen Ritter verschmähten jede gelehrte Bildung, und die Bemühungen Karls in dieser Beziehung blieben ohne dauernde Wirkung. Die Kirche war gar bald wieder alleinige Hüterin des Griffels und der Feder. Auch Einhard hatte sich klösterlichem Leben zugewandt, wenn er auch nicht in den geistlichen Stand getreten war, und kriegerische Waffen hatte er nie geführt. Auch Angilbert, wenn er jemals, wie man später erzählte, ein Kriegsheld gewesen war, zog doch die Kutte an; sein Sohn Nithard aber bietet uns das einzige Beispiel eines vornehmen und tapferen Streiters, der wirklich das Schwert aus der Hand legte, um auch mit der Feder die Sache seines Herrn zu vertheidigen. Freilich hat seine Rede nicht mehr den Wohlklang von Angilberts Muse; man fühlt ihr die Zeit an, wo schon über den Verfall der Schulen geklagt wird, sie ist rauh und hart, aber dafür entschädigt der tüchtige Sinn des Mannes, seine Einsicht und Kenntniß der Dinge. Daß auch seine Schrift durchaus parteiisch ist, versteht sich von einem Manne, der mitten in den heftigsten Kämpfen stand, von selbst; es konnte nicht anders sein[1].
Nithard war ein eifriger Anhänger Karls des Kahlen, und theilte mit ihm alle Wechselfälle des Kriegs. Im Jahre 840 übernahm er eine Gesandtschaft an Lothar, und als diese vergeblich blieb, zog er mit Karl dem Heere Lothars entgegen; da, als sie eben im Begriff waren, in Châlons-sur-Marne einzureiten, gab Karl ihm den Auftrag, die Geschichte seiner Zeit zu schreiben, um sein Recht aller Welt darzulegen. Doch war ihm zunächst noch Nithards Schwert wichtiger, als seine Feder; am 25. Juni 841 wurde die Entscheidungsschlacht bei Fontenoy geschlagen, wo auch Nithard, wie er selbst erzählt, tapfer kämpfte. Dann griff er wieder zur Feder; im ersten Buch stellte er einleitend die Ereignisse dar, welche zu diesen Kämpfen geführt hatten, die Reichstheilungen, und die Verwirrung, welche daraus entstanden war, zweckmäßig und übersichtlich erzählt[2]. Mit Ludwigs Tode hebt im zweiten Buch die ausführliche Darstellung an; das Unrecht Lothars und die Verwerflichkeit seines Benehmens gegen die Brüder sind der vorzügliche, auch in dem an Karl gerichteten Vorwort ausdrücklich bezeichnete Gegenstand. Die Schilderung des entscheidenden Kampfes, mit dem das Buch schließt, unterbricht Nithard durch die Bemerkung, daß eben jetzt, während er schreibe[3], am 18. October desselben Jahres, die Sonne sich verfinstere. Das dritte beginnt er voll Unmuth: er habe gar nicht weiter schreiben wollen, weil es ihn schmerze und ihm zuwider sei, von seinem Volke schmähliches zu berichten; doch damit nicht etwa jemand sich erkühne, die Sachen anders zu berichten als sie sich ereignet hätten, habe er sich entschlossen, noch ein drittes Buch hinzuzufügen über dasjenige, woran er selber Theil genommen, die Verhandlungen nämlich, die ihn fortwährend in Anspruch nahmen. Mit ähnlichen Worten beginnt er auch das vierte Buch, das letzte, welches leider nur bis zum Anfange des Jahres 843 reicht; dann scheint er in sein Kloster zurückgekehrt zu sein, vermuthlich eben deshalb, weil es ihm als Laienabt verliehen war. Ich hatte früher ganz bezweifelt, daß er Abt gewesen sei, allein da die Grabschrift wirklich von dem Zeitgenossen Mico zu sein scheint, so müssen wir ihm glauben, daß Nithard kurze Zeit (paucissimis diebus sagt Hariulf) Abt gewesen und als solcher im Kampf gefallen sei. Da schon im Sept. 844 Ludwig Abt ist, so muß er vor diesem eingeschoben werden, und es mag die Vermuthung von Traube richtig sein, daß Richbod, nachdem er noch 842[4] die feierliche Erhebung Angilberts besorgt hatte, ihm den Platz hat räumen müssen, was in diesem Kloster mehrmals vorkam. Wir hören nichts weiter von ihm, als daß im elften Jahrhundert, als Angilberts Grab in St. Riquier eröffnet wurde, man darin die Leiche Nithards fand, in Salz gelegt, in dem hölzernen, mit Leder bedeckten Sarge, worin er einst vom Schlachtfelde heimgetragen war, an seinem Haupt die Wunde, welche ihm den Tod gegeben. Damals hat man ihn als Abt gemalt, und der Klosterdichter Mico verfaßte dazu ein Epitaph[5]. Als Todestag wird XVIII. Kal. Jun. angegeben, was richtiger durch Id. Mai bezeichnet wäre. Dümmler schlägt deshalb vor, Jul. zu setzen, und so kämen wir auf den 14. Juni. Merkwürdiger Weise aber ist nach Prudentius der Abt Richbodo von St. Riquier am 14. Juni 844 am Agout gefallen, und ist auch dieser ein Enkel Karls des Großen gewesen. Leider fehlt es uns an jeder zuverlässigen Nachricht zur Aufklärung dieser Verhältnisse; wenn Nithard mit ihm zugleich gefallen wäre, so muß man doch annehmen, daß er sicherlich auch hätte erwähnt werden müssen. Wir beschränken uns also darauf, das Epitaph hier mitzutheilen. Es lautet:
EPYTAFIUM.
Hic rutilat species Nithardi picta sagacis,
Nomen rectoris qui modico tenuit,
Eheu! quod subito in bello rapuit gemebundo
Mors inimica satis seu furibunda nimis:
Invidia siquidem multatus hostis iniqui,
Qui primus nocuus perstitit innocuis.
Astu nam belli viguit quasi fortis Asilas[6],
Nec non ex sophia floruit ipse sacra.
Extitit elatos rigidus mites humilisque
Contra commissum pacificusque gregem.
Cujus de Caroli genio[7] processit origo
Nobilis ac celsa caesaris egregii.
Occubuit Junii octavo decimoque Kalendas
Hostili gladio: hac requiescit humo.
Hos quicumque legis versus, miserere suique
Dic: Animae ipsius det veniam Dominus,
Jam quia sublatus terris regione locatus
Sit, precibus, sancta, hocque frequens rogita.
Donec e tumulo salient cineres quoque vivi,
Corpore suscepto quo reparatus eat
Ad loca sanctorum, fultus hinc inde maniplis
Angelicis sanctis cum patribus reliquis.
Ungern trennen wir uns von diesem Büchlein, dem Werke eines wackern Kriegshelden und einsichtigen Staatsmannes, welcher so recht aus der Mitte der Begebenheiten mit Ernst und Wahrheitsliebe berichtet, was er selbst durchlebt, woran er selbst den bedeutendsten Antheil genommen hat. Unwillkürlich knüpft sich daran der Gedanke, wie ganz anders die Geschichtschreibung sich hätte entwickeln können, wenn die Laien der folgenden Jahrhunderte es nicht verschmäht hätten zu schreiben, wenn nicht die Feder ausschließlich der Geistlichkeit überlassen wäre, der wir zwar viel schöne und treffliche Werke zu danken haben, die aber mit Nothwendigkeit ihre kirchliche Auffassung in alle Verhältnisse übertrug. Wir möchten ihre Werke nicht missen, aber gar gerne hätten wir daneben auch die Stimmen einsichtiger Laien.
Doch ist Nithard nicht der einzige von den Kämpfern in der Schlacht bei Fontenoy, dessen Worte uns vorliegen; auch von Lothars Seite ist uns eine Schilderung der Schlacht erhalten in dem Klagelied jenes Angilbert, der, im ersten Treffen kämpfend, von Vielen allein übrig geblieben war. Voll tiefen Grames sind seine Worte, nirgends tritt uns so lebendig der bittere Schmerz entgegen über diese allzu harte Nacht, in welcher die Tapfersten gefallen sind, die Kundigsten des Krieges[8]. Die Form dieser Verse ist rhythmisch, die Sprache diejenige, welche uns schon aus der merowingischen Zeit bekannt ist, lateinisch wie es ein Romane sprechen und schreiben konnte, ohne es schulmäßig erlernt zu haben. Daher haben wir auch dergleichen Dichtungen nur aus Frankreich[9] und Italien[10], aus Deutschland nur Kunstpoesie gelehrter Geistlicher[11]. Daneben sang das Volk seine deutschen Lieder, die wohl gelegentlich erwähnt werden, die aber niemand aufschrieb. Nur der Ludwigsleich, gedichtet auf die Normannenschlacht bei Saucourt (881), bildet davon eine Ausnahme[12].
Ein höchst eigenthümliches Product jener traurigen Zeiten, wo durch die Zwietracht der Brüder alle Ordnung gestört war und besonders die Kirchen fortwährender Beraubung und Mißhandlung ausgesetzt waren, wo dann auch Karl der Kahle die anfangs noch an ihn geknüpften Hoffnungen in zunehmender Weise täuschte, sind die Schriften und vorzüglich die Revelationen des Audradus Modicus aus dem Martinskloster zu Tours, der 847 vom Erzbischof Wanilo zum Landbischof von Sens eingesetzt wurde, im Nov. 849 aber mit seinen meisten Collegen diese Stelle wieder verlor. Im März 849 überreichte er seine gesammelten Schriften in Rom dem Pabst Leo IV, welcher sie im Archiv von St. Peter niederlegte; die angeblichen Visionen aber setzte er noch bis 853 fort. Diese nur fragmentarisch erhaltenen Schriften sind kürzlich durch neugefundene Fragmente verständlicher geworden und von L. Traube in scharfsinniger Weise erläutert; sie enthalten nicht unbedeutende Beiträge zur Geschichte der Zeit[13].
[1] Kuntzemüller bekämpft diese Auffassung, allein es war gar nicht anders möglich und ist, da seine Wahrheitsliebe allgemein anerkannt ist, auch kein Vorwurf.
[2] Gegen Pertz haben Pätz und G. Meyer v. Knonau Benutzung des Nithard beim Astronomus nachzuweisen gesucht, die mir doch noch zweifelhaft ist.
[3] Wahrscheinlich im Lager Karls zu St. Cloud, s. Funck S. 274, Dümmler, Ostfr. I, 169.
[4] Am 24. Oct. nach Meyer v. Knonau, Anm. 292, dem Traube (für den 5. Nov.) ohne Angabe von Gründen widerspricht.
[5] Jetzt auch Poet. Lat. III, 310 von Traube herausgegeben.
[6] Der in Verg. Aen. IX, 571 u. X, 175 gefeierte Held und Weissager.
[7] Diese Correctur von Dümmler statt gemino hat Traube angenommen mit Hinweis auf den ähnlichen Ausdruck im Carm. CL, 2.
[8] „Ubi fortes ceciderunt, proelio doctissimi.“ Anf. Aurora cum. Gedruckt in der Octavausgabe des Nithard S. 55 f. und sonst häufig. Coussemaker, Hist. de l'harmonie (1852) 86 u. Facs. pl. I, 3. Erste vollständige Ausg. (2 neue Strophen) bei Dümmler in den philol. Abh. zu Ehren Th. Mommsens, 1877. Poet. Lat. II, 138. Die Verse fangen nach der Reihe mit den Buchstaben des Alphabets an, reichen aber nur bis P. Eine Uebersetzung mit Erläuterungen bei Meyer von Knonau S. 139, und nebst anderen im Anhang zu dessen Schrift: Die schweizerischen hist. Volkslieder des 15. Jahrh. (Zürich 1870) S. 66. Ebert II, 313.
[9] Bei Duméril, Poésies populaires Latines antérieures au douzième siècle finden sich S. 251 ein Klagelied um den Tod des Abtes Hugo 844 Hug dulce nomen (auch bei Coussemaker 92 mit Facs. pl. II, 2, Poet. Lat. II, 139; s. über ihn Sickel, Acta Karol. I, 96), S. 253 eine Klage Gotschalks in seiner Verbannung (846 oder 847 O quid jubes, Couss. 49 u. pl. II, 3; vgl. Dümmler, NA. IV, 320. Ebert II, 166), S. 255 Verse auf die Zerstörung des Klosters Montglonne oder Saint-Florent-le-Vieil durch die Bretonen 853, Dulces modos (neue Ausgabe nach dem MS. von Midlehill von Dom Pitra, Archives des Missions scientifiques IV, 182 a. 1856; Poet. Lat. II, 147), S. 266 Sigloards Klagelied um Fulko von Reims O Fulco (900). Anderer Art sind Theodulfs Oden auf Ludwig des Frommen Ankunft in Orléans und in Tours, Poet. Lat. I, 529. 578.
[10] Rhythmische Beschreibung von Verona aus Pippins Zeit, von Rather mitgebracht und nebst einem Stadtplan von Verona in eine (verschollene) Handschrift des Klosters Lobbes eingetragen, Magna et praeclara, Poet. Lat. I, 119. Traube, Karol. Dicht. S. 122-129. Verse auf K. Pippins Sieg über die Avaren 796 (Omnes gentes) in Pertz' Octav-Ausgabe von Einhards V. Caroli p. 35, Poet. Lat. I, 116. Paulinus Klage über Herzog Erichs Tod (799 Mecum Timavi) ib. p. 37, Duméril S. 241, Coussemaker, S. 87 u. Facs. pl. I, 4. Sinner, Catal. Bern. I, 148-157 mit Erläuterungen, Poet. Lat. I, 131. Planctus Caroli (814, A solis ortu) vermuthlich aus Bobio, bei Einhard S. 41, Duméril S. 245, Coussemaker S. 91 mit Facs. pl. II, 1, Poet. Lat. I, 435; darauf bezieht sich, wie Dümmler bemerkt, Thietm. VIII, 15, indem er den darin als Patron des Klosters angeredeten Columban für den lebenden Abt zu halten scheint. Ganz verschieden davon ist das viel jüngere oft gedr. Kirchenlied Urbs Aquensis, welches auch auf Zürich und Frankfurt angewandt ist. — Klage um Aquileja, Ad flendos, Paulinus zugeschrieben, Poet. Lat. I, 142. Spottverse auf dasselbe, Aquilegia gloriosa, ib. II, 150. Ueber Ludwigs II Gefangenschaft (871, Audite omnes) Duméril S. 264. Poet. Lat. III, 404; ib. p. 405 sein Epitaph Hic cubat. Das Wächterlied aus Modena während der Belagerung durch die Ungarn 904 O tu qui bei Duméril S. 268; vgl. Dümmler, NA. IV, 559; Joh. Merkel NA. I, 572 hält es für älter. — Das von Baronius auf Lothar (855) bezogene Epitaphium Caesar tantus eras ist von Dümmler NA. I, 179 auf Heinrich III bezogen, auf Lothar wieder von De Rossi, Inscriptt. christ. II, 1, 302, u. von Traube, der den Vf. für einen Nachahmer des Sedulius hält, mit Beziehung auf Poet. Lat. III, 158 u. 234.
[11] Ueber diese rhythmische Poesie überhaupt s. Ebert II, 311-328.
[12] Müllenhoff und Scherer I, 24, vgl. II, 71 ed. III, übersetzt bei Dümmler, Ostfr. III, 155. Denselben Ludwig feierte nach Mabillon in lateinischen Versen Abt Angilbert von Corbie bei Uebersendung einer Abschrift von Augustin de doctrina christiana, aber Traube hat dieselben für Angilbert von St. Riquier u. Ludwig d. Fr. in Anspruch genommen, O Roma nobilis, S. 322 ff.
[13] Audradi Modici Carmina ed. Traube, Poet. Lat. III, 67-122. Ders. O Roma nobilis, p. 374-391, wo die Revel. gesammelt u. erläutert sind. Bedeutende Fragmente hat Albricus gerettet. S. 377, 1 l. judicat statt indicat.
§ 12. Frechulfs Weltchronik. [[←]]
Wir haben oben [§ 10 →2] die ersten, noch recht unvollkommenen Versuche betrachtet, die fast verlorene Verbindung mit der Vergangenheit herzustellen. Die Ereignisse der Gegenwart nahmen zunächst die Aufmerksamkeit in Anspruch und mit ihrer Aufzeichnung begann man; doch regte sich auch bald das Bedürfniß in den größeren Zusammenhang einzutreten und einen Ueberblick über die Weltgeschichte zu gewinnen. Bei der raschen Ausbildung formaler Gewandtheit konnten die in der Form noch halb barbarischen und innerlich unverarbeiteten Compilationen sehr bald nicht mehr genügen, und es ist begreiflich, daß man sich dieser großen und schwierigen Aufgabe von neuem und mit besserem Erfolge zuwandte.
Ganz anderer Art nun, als jene Compilationen, und das Werk eines wirklich bedeutenden Mannes ist die Weltchronik des Bischofs Frechulf von Lisieux. Unbekannter Herkunft nennt er Helisachar, den vielvermögenden Kanzler Kaiser Ludwigs[1], seinen Lehrer, und die Freundschaft, welche ihn mit Hraban verband, wird wohl schon damals geschlossen sein, als dieser zu Alcuins Füßen saß[2]. Vermuthlich aus dem Kreise der Hofgeistlichkeit wurde Frechulf auf den Bischofstuhl erhoben; in Lisieux fand er eine in tiefe Unwissenheit versunkene Herde zu weiden, und einen solchen Büchermangel, daß nicht einmal die Bibel vorhanden war. Er wandte sich deshalb an seinen Freund Hraban, seit 822 Abt von Fulda, mit der Bitte um einen Commentar zum Pentateuch, der die Erklärungen der alten Kirchenlehrer mit Beifügung ihrer Namen enthalten sollte, und Hraban erfüllte seine Bitte. Wohl bald nachher sandte der Kaiser ihn 824 an den Pabst Eugen II wegen des damals lebhaft geführten Streites über den Bilderdienst; bis 852 wird noch seine Theilnahme an verschiedenen Synoden erwähnt[3], 853 aber erscheint sein Nachfolger Eirard.
Ohne Zweifel hat Frechulf seine Verbindungen und wohl auch die Reise nach Rom benutzt, um dem Büchermangel abzuhelfen, so daß er bald im Stande war, auf Helisachars Wunsch und Antrieb mit einer für die damalige Zeit nicht unbedeutenden Gelehrsamkeit und Kunst ein Werk über die alte Geschichte zu Stande zu bringen, in welchem die ausgehobenen Stellen der benutzten Autoren zu einer ausführlichen Darstellung nicht ungeschickt verbunden sind. Zu diesem ersten Theile fügte er bald noch einen zweiten, welcher die Geschichte des römischen Reiches von Christi Geburt bis zur Vertreibung der römischen und gothischen Obrigkeiten aus Gallien und Italien und der Aufrichtung völlig selbständiger Reiche durch die Franken und Langobarden fortführt; die Geschichte der christlichen Kirche fand ihren Abschluß durch Gregors des Großen Pontificat. Diese zweite Abtheilung seines Werkes überreichte er 830 oder etwas früher der Kaiserin Judith, deren Gelehrsamkeit auch von Hraban und Walahfrid gepriesen wird[4], um davon für den Unterricht des noch zarten Knaben Karl Gebrauch zu machen. Ueberaus merkwürdig ist es, daß Frechulf hierdurch die sonst so ängstlich festgehaltene Continuität des römischen Reiches gänzlich aufgab, daß er es wagte, die neuen Reiche auf römischem Boden als etwas wirklich neues, ihre Stiftung als den Beginn einer neuen Zeit zu betrachten[5]. Nachfolger hat diese Abweichung von dem herrschenden Systeme nicht gefunden; nur Notker, der Mönch von St. Gallen (I, 1) ist kühn genug, die Bildsäule als zertrümmert, das römische Reich als vergangen zu betrachten, und Kaiser Karl als den Herrscher eines neuen Weltreichs hinzustellen.
In dem herkömmlichen Geleise blieb auch Ado, Erzbischof von Vienne († 874), der Verfasser des Martyrologiums, welcher sich auch an einer Weltchronik versuchte[6]. Er verband zu diesem Zwecke mit der Chronik des Beda Auszüge der gewöhnlichen Quellen, die er jedoch stilistisch zu einer zusammenhängenden Erzählung überarbeitete. Den Faden für die Verbindung des Ganzen gab ihm die Folge der Kaiser; an Constantin und Irene knüpft sich unmittelbar Karl der Große, dann Ludwig, Lothar, Ludwig II: so wird der Gedanke der Einheit des römischen Reiches durchaus festgehalten. Die Erhebungen der Söhne gegen Ludwig den Frommen erscheinen nur als unberechtigte Revolutionen; dann wird Karl der Kahle als trefflicher und weiser Regent gepriesen, alle aber überstrahlt die Hoheit des Pabstes Nikolaus. Es ist die Geschichte vom Standpunkte der Autorität und der vorgefaßten Meinungen, der sie so lange beherrscht hat und eine unbefangene Auffassung der Ereignisse unmöglich machte.
Auch eine Volksgeschichte der Franken liegt uns vor, wahrscheinlich aus dem Jahre 816, die einem übrigens unbekannten Erchanbert, doch ohne genügende Sicherheit, zugeschrieben wird[7]. Doch ist kein großer schriftstellerischer Ruhm daran zu verlieren oder zu gewinnen; sie beruht ganz und gar auf den Gesta Francorum, und der angehängte Schluß ist über alle Maßen dürftig; nur die sagenhafte Erzählung über die Beseitigung des letzten Merowingers zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, weil sie uns zeigt, wie früh sich eine, der Wirklichkeit nicht entsprechende, stark kirchlich gefärbte Auffassung ausbildete.
Die Localgeschichten, welche später zu so bedeutender Entwickelung gelangten, zeigen sich in dieser Zeit noch kaum in ihren ersten Anfängen. Wir erwähnten schon des Paulus Diakonus Geschichte der Bischöfe von Metz; außerdem ist nur noch die Geschichte der Aebte von St. Wandrille zu nennen[8], bis zum Jahre 833, mit einer Fortsetzung bis zum Jahre 850. Sie enthält mancherlei merkwürdiges, z. B. über Einhards Stellung als Aufseher der königlichen Bauten, und ist besonders ausführlich über die Thätigkeit des Abtes Ansegis, jenes bedeutenden Mannes, dessen Capitulariensammlung so großes Ansehen gewann.
[1] Ueber diesen s. Sickel, Acta Karol. I, 86-88. Simson II, 234. Ein Brief von ihm über Verbesserung des Antiphonars NA. XI, 564-568.
[2] Daß Frechulf ein Sachse und Mönch in Fulda gewesen sei, beruht allein auf dem Trithemischen Meginfrid von Fulda, und ist, da dieser erdichtet ist, wohl nur ein Schluß aus dem Freundschaftsbund mit Hraban. Die Briefe beider enthalten aber nicht die geringste Hindeutung darauf.
[3] 852 erwähnt bei Quantin, Cartulaire de l'Yonne I, 64.
[4] Dümmler, Ostfr. I, 41. Acrostichische Verse ihr zu Ehren bei H. Hagen, Carmina Medii Aevi p. 126-128, Poet. Lat. II, 165, von Hraban.
[5] Vgl. Büdinger, Hist. Zeitschrift VII, 115. Ebert II, 381-381. Die gründlichste Untersuchung über Frechulfs Werk mit genauer Analyse desselben nach den von ihm benutzten Quellen hat Emil Grunauer aus Winterthur gegeben in seiner Diss. de fontibus historiae Frechulphi ep. Lixoviensis, 1864. Frechulph und Frechulf ist die Schreibart der ältesten und besten (St. Galler) Handschrift, aus welcher hier nebst Facs. die in den Ausgaben fehlenden Capitel mitgetheilt sind. Sein Todestag (October 8. Frehholfi. ep.) im Würzb. Necrol. ed. Dümmler, Forsch. VI, 117. Eine unvollständige und dem Julius Florus zugeschriebene Hs. in Avranches 2428, s. Ravaisson, Rapport sur les bibl. de l'Ouest (1841) p. 20; die Widmung an Judith S. 361. Vgl. unten [§. 20 →2] über die Translatio Ragnoberti. — Die von Fr. Haase im Breslauer Ind. lectt. hiem. 1860 gedruckte Widmung einer Abschrift des Vegetius an einen König (wiederholt Veget. ed. Lang p. XXIII) kann doch wohl nur von Frechulf sein, nach den Worten: post libros ab inicio mundi usque ad regna Francorum in Gallia a parvitate mea congestos ex hagiographorum sive gentilium historiis, und das wird, wie Dümmler bemerkt, durch übereinstimmende Ausdrücke bestätigt. Der König ist dann Karl der Kahle. Vgl. auch Dümmler, Ostfr. I, 404, und in Haupts Zeitschr. XV, 451, wo 443 bis 450 ein von Hraban für Lothar, wahrscheinlich II, im J. 855 verfaßter Auszug aus Vegetius, mit einigen Notizen über fränkische Sitten, mitgetheilt ist. Den lebhaften praktischen Gebrauch des Vegetius bezeugt auch Salimbene S. 197. [←]
[6] Auszüge, und von 814 an vollständig MG. SS. II, 315-323; die beiden unbedeutenden Fortsetzungen S. 324. 325. Eine weitere, ebenfalls unbedeutende Fortsetzung aus dem elften Jahrhundert S. 326. Die erste Fortsetzung ist großentheils entnommen aus der kurzen Francorum Regum historia 840-869, fortgesetzt bis 885 (gedr. MG. II, 324. 325) u. aus den Ann. Floriacenses; benutzt von Folcuin im Chartul. Sith. nach B. Simson, Ludw. d. Fr. I, 192 Anm. 8. Series episcoporum Vienn. ed. Waitz, SS. XXIV, 811, wo auch die früher ausgelassenen Stellen aus Ado über die ältesten Vienner Bischöfe nachgetragen sind. — Ebert II, 384.
[7] Erchanberti Breviarium Regum Francorum ed. Pertz, MG. SS. II, 327; nur der letzte Theil ist abgedruckt nach Ussermann. Uebers. bei dem Mönch von St. Gallen. Die Handschrift (MG. Legg. I, 267. III, 9) ist jetzt in Stuttgart Cod. Jur. qu. 134, s. Haenel in den Berichten der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1865.
[8] Gesta abbatum Fontanellensium, ed. Pertz (nach Dachery) MG. SS. II, 270-301, nebst einem Fragmentum Chronici Font. 841-859 S. 301 bis 304. Ebert II, 377. Nach der lange vermißten Hs. im Hâvre neue Ausg. von S. Loewenfeld, Hann. 1886; vgl. dens. Forsch. XXVI, 193-215, u. über die Mängel der Ausg. Holder-Egger, NA. XVI, 602-606. Ueber das Verhalten zu Fredegars Fortsetzern Breysig, Karl Martell, S. 114 u. oben S. 203. Im Münchener historischen Jahrbuch 1865 von P. Roth benutzt, um seine Ansicht über die Säcularisation unter den Karolingern zu unterstützen. Auch die der Vita S. Wandregisili (oben S. 107) angehängten Miracula (Mab. II. 547. Acta SS. Jul. V, 281) von verschiedenen Verfassern bis nach 895 fortgeführt, sind nicht unwichtig; Ausz. SS. XV, 1, 406-409.
§ 13. Deutschland unter den Karolingern. Reichsannalen. [[←]]
Mit dem äußersten Widerstreben hatten die deutschen Stämme sich der Herrschaft der Franken unterworfen, welche von ihrer niederrheinischen Heimath aus sowohl am Oberrhein wie am Main festen Fuß faßten und in größeren Massen sich ansiedelten, während einzelne Herren dieses herrschenden Stammes überall im ganzen Lande zu finden waren. Mit ihnen kam die fremde, römische Kirche, und die rein deutsche, ureigne Entwickelung wurde durch das Uebergewicht der fremden Bildung erdrückt. Doch ist es fraglich, ob wir überhaupt berechtigt sind, hier von einer Entwickelung zu sprechen; so lange wir von den Deutschen Nachricht haben, ist eine solche, wo sie unberührt blieben, kaum wahrzunehmen, und gerade das am spätesten unterworfene sächsische Heidenthum ist völlig starr und jeder Veränderung widerstrebend; das waren Zustände, die ungestört viele Jahrhunderte ohne merkliche Entwickelung fortbestehen konnten.
Gewaltsam wurden die Schwaben, Baiern, Sachsen dem Frankenreiche einverleibt; aber nachdem bei ihnen die Kirche durch Bonifatius sicher gegründet und durch Karls feste Hand auch über Sachsen ausgebreitet war, nahmen sie nun auch an dem Leben innerhalb derselben, an der Entwickelung aller der durch Karl gelegten und gepflegten Keime, den lebhaftesten selbstthätigsten Antheil. Als das große Reich zerfiel, hatte diese Pflanzung bereits so tiefe Wurzeln bei ihnen geschlagen, daß die Trennung keinen nachtheiligen Einfluß darauf äußerte; auch blieb ja die Einheit der Kirche, welche die einzelnen Glieder schützte gegen das Schicksal jener alten, in ihrer Vereinzelung verkommenden Gemeinden der irischen Glaubensboten.
Ludwig dem Deutschen fehlte es nicht an Bildung[1]; er fand Freude und Geschmack daran und scheint namentlich auch, wie sein Vater, den Wunsch gehabt zu haben, den Deutschen das Christenthum durch Werke in der Volkssprache näher zu bringen. Ihm selber glaubt man die Aufzeichnung des deutschen Gedichtes vom Jüngsten Tage in einer ihm gewidmeten Handschrift zuschreiben zu dürfen[2]; ihm übersandte auch Otfrid um 865 sein Evangelienbuch. Nicht minder nahm aber auch Ludwig, wie sein Vater und seine Brüder, lebhaften Antheil an den Fragen und Untersuchungen, welche die gelehrten Theologen seiner Zeit beschäftigten, in so eingehender Weise, wie es nur bei der gründlichen Schulbildung der Karolinger möglich war. Der Erzbischof Adalram von Salzburg (821-836) übersandte ihm die Abschrift einer Predigt des heiligen Augustin, dieselbe, welcher die eben erwähnten deutschen Verse beigefügt sind; ein Priester Regimar mehrere Schriften des h. Ambrosius[3]. Besonders aber stand er in lebhaftem Verkehr mit Hraban, der ihm mehrere seiner Werke theils aus eigenem Antriebe, theils auf ausdrückliche Aufforderung des Königs überreicht hat; im Prolog zum Daniel erwähnt er peritissimos lectores an seinem Hofe[4]. Auch zu der Unterredung mit seinem Bruder Karl im Jahre 865 führte Ludwig den Bischof Altfrid von Hildesheim mit sich und benutzte die Anwesenheit des gelehrten Hinkmar, um diesen beiden Männern einige schwierige Stellen der heiligen Schrift zur Erklärung vorzulegen. Dadurch veranlaßt, verfaßte Hinkmar seine Auslegung des 17. Verses des 103. Psalmes, welche er dem Könige übersandte[5]. Auch fehlte es am ostfränkischen Hofe wohl nicht ganz an einer Hofschule für die vornehmen Jünglinge, welche nach alter Sitte dort sich auszubilden suchten. Erzkanzler war von 829-833 der gelehrte Abt Gozbald von Nieder-Altaich, welcher später (841-855) das Bisthum Würzburg erhielt. Ihn nennt Ermanrich von Ellwangen seinen Lehrer, vorzüglich aber kann er nicht Worte genug finden zum Preise des weisesten der Lehrer, des Erzkaplans Grimald, der noch an Karls Hofe gebildet war, man sagte sogar, daß er noch Alcuins Unterricht genossen habe, dann in der Reichenau höhere Ausbildung suchte, und von 833 bis 870, wenngleich nicht ohne Unterbrechung, der Kanzlei, bald auch der Kapelle Ludwigs vorstand. Mit drei Abteien, Weissenburg, St. Gallen und Ellwangen[6] bedacht, hielt er sich doch noch immer vorzüglich am Hofe auf, wo die wichtigsten Geschäfte ihm anvertraut wurden. Er war ein Neffe des Erzbischofs Hetti von Trier, und der Bruder von dessen Nachfolger Thietgaud[7]. Zu den bedeutendsten Gelehrten der Zeit stand er in freundschaftlichen Beziehungen; so übersandte Hraban ihm sein Martyrologium mit einer poetischen Widmung[8], und nie versäumte Grimald über den Staatsgeschäften die Pflege der Wissenschaft. Veranlaßt war Hraban zu jenem Werke durch Ratleik, einst Einhards Schreiber, dann dessen Nachfolger als Abt von Seligenstadt und von 839 bis 853 Kanzler an Grimalds Stelle[9]. Auch Witgar, Abt von Ottobeuern, der von 858-860 Kanzler war, dann Bischof von Augsburg wurde, zeichnete sich durch Liebe zu gelehrten Studien aus; nicht minder auch Grimalds Nachfolger Liutbert, der Erzbischof von Mainz[10].
Allein der Königshof war doch nicht mehr wie in Karls Zeit der Mittelpunkt aller litterarischen Bestrebungen, welche sich nun vielmehr an die Orte anschlossen, wo die bedeutendsten Lehrer der Zeit wirkten, und namentlich bei dem bald nachher eintretenden Verfall des Reiches kann man es nur als eine glückliche Entwickelung betrachten, dass diese Studien in voller Unabhängigkeit an den verschiedensten Orten feste Wurzeln getrieben hatten. Naturgemäß verbreiteten sie sich im ganzen Reiche, erblühten bald hier bald da zu reicher Entfaltung, und folgten so derselben Richtung der Vereinzelung und Absonderung, welche im deutschen Reiche sich überall und immer von neuem geltend macht. Daher ergiebt sich denn auch die Betrachtung nach landschaftlichen Gruppen als die einzige für die deutsche historische Litteratur anwendbare.
Aber wie überhaupt die Zeit der deutschen Karolinger sich aufs genaueste den Zuständen des Frankenreichs anschließt, so finden wir auch unter Ludwig und seinen Söhnen noch eine Fortsetzung der alten Reichsannalen. Denn wenn auch die Annalen von Fulda[11] aus einem Kloster hervorgegangen sind und diesen localen Ursprung nicht verleugnen, so umfaßt doch auch ihr Gesichtskreis das ganze Reich, und die Klostergeschichte erscheint ganz als Nebensache. Die Verfasser müssen in naher Verbindung mit dem Hofe gestanden, unter dem Einfluß desselben geschrieben haben, wenn sich auch kein Zeugniß dafür beibringen läßt; sie zeigen sich außerordentlich gut unterrichtet und beobachten auch als officielle Reichshistoriographen dieselben Rücksichten, welche schon in den Fortsetzungen des Fredegar und in den Lorscher Annalen wahrzunehmen sind. Uebrigens haben sie vortrefflich geschrieben in jener schon an Karls Hofe festgestellten Weise; dieselbe, in ruhiger Würde völlig objectiv gehaltene Darstellung, von Jahr zu Jahr fortschreitend, mit der deutlichen Absicht, der Nachwelt Kunde von den Ereignissen zu hinterlassen und zugleich ihr Urtheil zu bestimmen. Nicht jedes Jahr ist daran geschrieben, aber doch immer ziemlich bald nach den Ereignissen, und deshalb haben wir an ihnen eine unschätzbare Quelle ersten Ranges, bei der wir nur die Absichtlichkeit der Darstellung nicht außer Acht lassen dürfen. Die Form ist anspruchslos, und doch muß man bei näherer Betrachtung die Kunst anerkennen, welche dazu gehörte, in diesen wirren Zeiten alles im Auge zu behalten, sich durch Nebensachen nicht abwenden zu lassen, und mit knapper Beschränkung das Wichtigste übersichtlich zusammen zu stellen.
Ein allem Anschein nach fuldischer Mönch war es, der zuerst die Aufgabe übernahm, die 829 abgebrochenen Königsannalen für Ludwigs Reich weiter zu führen. Er besaß jedoch dieselben, wie es scheint, nicht vollständig, sondern wie in der Wiener Handschrift 612 (hist. prof. 989, cod. 6 bei Pertz) nur von 771 an; dazu die Laurissenses minores von 714 an und die Sithienses 741 bis 823. Gewiß war es wünschenswerth, hieraus ein übersichtliches Handbuch zusammen zu stellen, und zu diesem Zwecke empfahlen sich ihm vorzüglich die Sithienses durch ihre knappe und nicht incorrecte Form: die für ihn nothwendige Aufgabe, die alten Lorscher Annalen zugleich zusammen zu ziehen und ihrer rohen Gestalt zu entkleiden, war hier bereits erfüllt; nur für den Anfang hatte er es noch nachzuholen. Der übergroßen Kürze und Dürftigkeit wurde durch Zusätze aus der kleinen Lorscher Frankenchronik, von 771 an überwiegend und bald ausschließlich aus den Reichsannalen abgeholfen; diesen vertraut er sich nun ganz an, ohne doch bis 823 die Führung der Sithienses völlig zu verlassen. Als weitere Quellen weist Kurze sowohl die von ihm construirte Chronik bis 796, wie die nach Saint-Denis benannte Compilation bis 805 nach, der vielleicht schon eine Fortsetzung sich anschloß; auch die Annales Bertiniani zieht er heran. Aus der Translatio SS. Marcellini et Petri (826 und 828) ist einiges zugesetzt[12]; vorzüglich aber verfehlte er nicht, die Hausgeschichte seines Klosters mit Hülfe der alten Annalen in die Reichsgeschichte zu verflechten. Die wenig reichhaltige Fortsetzung bis 838 berührt jedoch nur die allgemeinen Angelegenheiten, aber von einer Einwirkung des Hofes ist noch nichts zu spüren, ein eigenes Urtheil nur leise angedeutet. Der Verfasser hatte wohl nur die Belehrung seiner Klosterbrüder im Auge, und nachdem einmal die völlig ausgebildeten Annalen vorlagen, mußte auch ohne einen äußeren Antrieb überall, wo man eine Abschrift besaß, der Wunsch sich geltend machen, diese werthvolle Quelle wichtiger Belehrung weiter zu führen. Für diese Zeit und in einem Kloster von hervorragender Bedeutung war eine solche Arbeit auch für Mönche nicht mehr zu schwierig.
Das Verhältniß zu den Annales Sithienses, wie es hier angenommen ist, beruht auf dem von B. Simson gegebenen Nachweis, daß den Annales Sithienses gerade alles dasjenige fehlt, was die Annales Fuldenses wörtlich den Laurissenses minores entnommen haben, da doch unmöglich angenommen werden kann, daß gerade alle diese Zusätze bei einem Auszuge weggelassen wären; zugleich weist der Zusatz zu der Notiz über die Rinderpest 810 auf einen Zeitgenossen im letzten Theile[10].
Ich sehe mich hier leider wieder genöthigt, wie schon in den früheren Ausgaben, von dem sonst immer so schwerwiegenden Urtheil von Waitz abzuweichen, obgleich sich derselbe Forsch. XVIII, 354 ff. speciell an mich gewandt hat, um mich von der entgegengesetzten Sachlage zu überzeugen. Es war auch bei mir nicht etwa eine aus Simsons Paralleldruck hervorgegangene „Täuschung des Auges“; ich hatte mir vielmehr selbst den Text der Fulder Annalen für diesen ganzen Abschnitt in seine Elemente zerlegt, und war dadurch zu demselben Resultate gekommen, welches Simson gewonnen hat, und welches durch Is. Bernays von neuem mit großer Schärfe begründet ist. Die Ueberspringung so vieler sicher aus den Lauriss. min. entnommener Stellen in den Sithienses scheint mir unleugbar, und mit der Annahme, daß diese aus den Fuldenses excerpirt wären, unvereinbar. Die vorhandenen Schwierigkeiten müssen deshalb auf andere Weise erklärt werden, wie es in mehreren Fällen Bernays mit Erfolg versucht hat. Fr. Kurze, welcher sich diesem Standpunkt durchaus angeschlossen hat, vermuthet die Benutzung einer besseren und vielleicht etwas reichhaltigeren Handschrift, welche auch weiter fortgesetzt sein konnte. Uebrigens ist die ganze Frage sachlich ohne Bedeutung.
Die Annales Sithienses haben diesen Namen nur deshalb erhalten, weil sie von Mone in einer Handschrift des Klosters Sithiu oder Saint-Bertin entdeckt und daraus veröffentlicht sind[11]. Locale Beziehungen aber fehlen durchaus. Sie beginnen mit Königsnamen von 548 bis 726; von 741 bis 823 liegen fortlaufende Reichsannalen vor, von welchen schon Mone richtig bemerkte, daß sie anfangs zum Theil auf den Ann. Petav. beruhen, übrigens aber durchgehende Verwandtschaft mit den Ann. Lauriss. und Einhardi zeigen. Der Text schwankt zwischen beiden Texten. Das aber, und der Anklang an verschiedene andere Quellen wird von Kurze zurückgeführt auf die Benutzung der oft erwähnten Compilation bis 796. Der Auszug ist nicht ohne Geschick gemacht, aber sehr dürftig, so daß der Fulder Annalist, wie bereits erwähnt, aus anderen Quellen sich reicheren Stoff verschaffte.
Ueber die kühnen Hypothesen Dünzelmanns glaube ich jetzt weggehen zu dürfen, da seine Ansicht von einer Theilung der Annales Fuldenses in einen schon um 793 verfaßten und einen späteren Theil widerlegt wird durch die zweifellose Benutzung der Lauriss. min. und den von Waitz geführten Beweis, daß diese erst um 806 verfaßt sind.
Ueber den Verfasser dieser Annalen nun werden wir belehrt durch eine Randnote in dem um 900 geschriebenen Schlettstadter Codex zum Jahre 838: hucusque Enhardus. Daß hiermit kein anderer gemeint ist, als der berühmte Einhard, können wir als sichergestellt betrachten; ein Mönch Enhard ist weder in den Fulder Todtenannalen noch im Reichenauer Nekrolog zu finden. Für seine Autorschaft hat sich nun in bestimmtester Weise Kurze erklärt[12], indem er sich besonders darauf stützt, daß zum Jahre 836 in das Itinerar des Kaisers die Angabe eingeschoben ist, derselbe sei „ad sanctos Marcellinum et Petrum“ gekommen. Darum müßten die Annalen in Seligenstadt geschrieben sein. Allein ich denke, der Ruf dieser Heiligen und ihrer Wunderthaten müßte damals weit verbreitet und auch in Fulda wohlbekannt gewesen, der Besuch des Kaisers auch da als sehr denkwürdig erschienen sein. Deshalb erscheinen mir Pückerts (S. 158) Gegengründe gegen die Fulder Ueberlieferung doch überwiegend, die Abfassung nur in Fulda selbst anzunehmen. Und daß derselbe Mann nun auch noch die Ann. Sithienses für seine Genter Mönche verfaßt haben sollte, damit scheint mir ihm wirklich zu viel zugemuthet zu werden. Sieht man in ihm den Verfasser der großen Reichsannalen, so kann man vollends diese annalistische Vielgeschäftigkeit nicht glaubhaft finden.
Von der Fortsetzung der Annalen war schon längst erkannt worden, daß sie nicht aus dem Kloster Fulda herstammen können, obgleich der Verfasser der ersten Fortsetzung (838-863) Rudolf uns als Mönch des Klosters bekannt ist; wir werden noch auf ihn zurückkommen. Er ist aber so sehr in die Denkweise, die Gesichtspunkte und Absichten des Hofes eingeweiht, so gleichmäßig unterrichtet über die wichtigeren Begebenheiten in allen Theilen des Reiches, daß ein näheres Verhältniß zum König nicht zu verkennen ist; er stellt denselben stets in das günstigste Licht, und zählt z. J. 858 sich selbst zu den „consiliorum regis conscii“. Aber andererseits findet sich doch keine Spur eines Aufenthaltes am Hofe, etwa der Zugehörigkeit zur Kanzlei, und wir finden ihn auch später wieder im Kloster. Hatte nun schon Duchesne bemerkt, daß Einige den Mainzer Ursprung dieser Annalen behaupten, und in der That tritt die Beziehung zu Mainz oft sehr stark hervor, so hat doch erst A. Rethfeld in seiner scharfsinnigen Abhandlung[13] die richtige Lösung gefunden. Nachdem eine Urkunde vom 27. Jan. 849 (Mühlb. 1350), worin Rudolf vom König als sein Beichtvater, zugleich aber auch als Vorsteher der Schule zu Fulda bezeichnet ist, schon längst als unecht beseitigt war, zeigen uns die Urkunden des Klosters, daß Rudolf in denselben zwar häufig vorkommt, aber nur bis 841. Unzweifelhaft, dürfen wir wohl sagen, hat er in der Folgezeit sich lange auswärts aufgehalten, und es ist höchst wahrscheinlich, daß Hraban 847 bei seiner Erhebung zum Erzbischof ihn nach Mainz mit sich nahm. Aber für die Zwischenzeit fehlt jeder Anhalt. Kurze hat jedoch auf den Bericht der Annalen von dem Aufenthalt K. Ludwigs 838 in Frankfurt hingewiesen, welcher schon auf eine vertrauliche Beziehung hindeutet: es scheint, daß Rudolf selbst anwesend war, und schon damals nach der löblichen Sitte der älteren Könige den Auftrag erhielt, Reichsannalen zu schreiben. Durch seine gelehrte Bildung, einen lateinischen Stil, der sich mit Einhard wohl vergleichen läßt, und eine besonnene und billige Denkweise war er dazu besonders geeignet; möchten wir allerdings gern sehr viel mehr von ihm erfahren, so darf man nicht vergessen, daß seine Aufgabe eine knappe und übersichtliche Darstellung, verbunden mit vorsichtiger Discretion erforderte. Setzte nun sein Aufenthalt am erzbischöflichen und öftere Berührung mit dem königlichen Hofe ihn in den Stand, vielerlei Nachrichten zu erfahren, so mag ihm doch oft auch die Ruhe zur Ausarbeitung gefehlt haben, denn man brauchte seine Feder auch für andere Aufgaben; nicht jedes Jahr schrieb er seine Fortsetzung, und Kurze hat wahrscheinlich gemacht, daß er gerade, wenn er sich einmal wieder in Fulda aufhielt, seine Notizen sorgfältig ausgearbeitet hat, so 853, wo er die seit 849 gelassene Lücke ausfüllte. Zuletzt 860 zog er sich, wohl durch seine Kränklichkeit veranlaßt, ganz nach Fulda zurück.
Vermuthlich von dem Fortsetzer rühren die Randnoten her, welche Enhard und Rudolf als Verfasser der früheren Theile nennen; ihn selbst kennen wir nicht, aber es ist höchst wahrscheinlich, daß es Meginhard war, der auch Rudolfs anderes unvollendetes Werk vollendete und mit einer gleichlautenden Randbemerkung versah. Die Gegengründe von Pertz sind durch Rethfeld und Kurze widerlegt. Er schrieb ganz in derselben Weise und in demselben Geiste, wie sein Vorgänger, wenn auch mit geringerer Kunst des Ausdrucks, gleichmäßig die Reichsgeschichte nach allen Richtungen verfolgend, auch nicht minder beflissen, die Könige in günstigem Lichte erscheinen zu lassen. Einen merkwürdigen Gegensatz bildet daher eine, wie es scheint, besondere Aufzeichnung, nicht das Fragment eines größeren Werkes, über Ludwigs des Jüngeren Krieg gegen die Söhne Ludwigs des Stammlers, welches Boehmer auf dem letzten Blatt einer aus Augsburg stammenden Handschrift saec. IX. in München fand[14]. Daß Meginhard in Mainz seine Annalen geschrieben hat, ist vollkommen klar; 869 erscheint er zuletzt in den Urkunden von Fulda; 870 wurde der Erzbischof Liutbert Erzkaplan, und damals wird er Meginhard den Auftrag gegeben haben, die Annalen, welche seit Rudolfs Tod liegen geblieben waren, fortzusetzen. Er besorgte zu dem Zweck eine Abschrift von Rudolfs Werk, worin drei Stellen geändert, die nach Rudolfs Tod 864 und 865 in Fulda gemachten Zusätze freier überarbeitet sind, und verfaßte nun den Bericht, über die Zwischenzeit, welcher dürftig und lückenhaft, auch nicht fehlerfrei ausgefallen ist; dann aber schrieb er von Jahr zu Jahr und zeigt sich vollkommen gut unterrichtet. Liutberts Persönlichkeit steht durchaus im Vordergrunde, allein als 882 Ludwig der Jüngere starb, behielt Karl III seinen früheren Erzkaplan Liutward, und Liutbert mußte zurücktreten; das Original der noch immer als königlich betrachteten Reichsannalen wird abgegeben sein. Nun besorgte sich Meginhard, von dem wir wohl als erwiesen ansehen können, daß auch die weitere Fortsetzung von ihm ist, eine Abschrift, in welcher fünf größere Stellen geändert sind (Red. II. bei Kurze), und schrieb weiter, jetzt aber ohne alle höfische Rücksicht, mit scharfem Tadel des Königs und seiner Räthe, vorzüglich Liutwards. Im Jahre 887 wurde dieser gestürzt, aber auch Arnulf hatte schon seinen Erzkaplan, den Erzbischof Theotmar von Salzburg, und Liutbert wurde wieder in den Hintergrund gedrängt. Da ist die Mainzer Annalistik erlahmt; Meginhard selbst starb 888 und im folgenden Jahr auch Liutbert.
Aber auch Karl blieb bei dem alten Herkommen, und auch er fand einen Historiographen, der sich kein tadelndes Wort über den Kaiser entschlüpfen läßt, und ihm schließlich seine Belohnung im Himmel anweist. Auch die Absetzung des Kaisers wird von ihm noch mit loyalem Unwillen berichtet, Arnulf jedoch mit großem Geschick geschont, und von dem Augenblicke seiner Erhebung an tritt dieser in die gebührende Stellung des rechtmäßigen Königs ein. Der Verfasser, dem bei dem raschen Verfall der Schulen bereits alles Gefühl für grammatische Correctheit abhanden gekommen ist, muß dem Hofe nahe gestanden haben, seine Heimath aber scheint Baiern zu sein. Ueber dieses Land sind seine Nachrichten ausführlich und genau, die Mährer trifft sein leidenschaftlichster Haß. Ungeachtet der rohen Sprache, der Mangelhaftigkeit der Darstellung, wird doch von ihm, und den 897 eintretenden Fortsetzern, so lange Arnulf lebt, die Würde der Reichshistoriographie ungemindert aufrecht gehalten. Man versuchte sogar auch unter dem Kinde Ludwig in alter Weise fortzufahren, allein bei der rasch überhand nehmenden Zerrüttung verschwand auch diese Erbschaft aus dem Reiche des großen Karl, und mit dem Jahre 901 erlischt die Fackel, welche bis dahin unserem Wege so treulich leuchtete. Adam von Bremen hatte eine bis 911 reichende Handschrift, führt jedoch aus dem letzten Theile nichts mehr an.
Dieser letzte Theil ist uns nur in einer aus dem Kloster Niederaltaich stammenden Handschrift erhalten, welche von 897 ab Autograph zu sein scheint. Hier hat merkwürdigerweise der ältere Theil eine ganz besondere Beschaffenheit (Red. III), indem die ursprüngliche Aufzeichnung Rudolfs, welche vielleicht nach Kurze's Vermuthung bei einem Besuch des Klosters Fulda im August 897 dem Hofe bekannt geworden war, mit der 2. Redaction verbunden ist, so daß wir an einigen Stellen nur hieraus den alten Text erkennen können. Da diese Handschrift Pertz noch unbekannt war, konnte mit Hülfe derselben Fr. Kurze seine Ausgabe auf einer besser gesicherten Grundlage ausarbeiten.
[1] S. Dümmler, Ostfr. II, 417 ff.
[2] Schmeller, Muspilli, München 1832. Wackernagel, Litteraturgesch. S. 56. Vgl. über die vermuthlich auch ihm gewidmete Wiener Handschrift 552 von Karajan in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie XXVIII, 311. Ein wahrscheinlich 850 an ihn gerichtetes theol. Gutachten NA. XI, 457.
[3] Cod. S. Galli 98. S. Dümmler, Ostfr. II, 418. Poet. Lat. II, 480.
[4] Kunstmann, Hrabanus Maurus, S. 212.
[5] Dümmler II, 418. Wenn dieser S. 434 die Existenz einer Hofschule für Laien schon unter Ludwig bestreitet, so ist zuzugeben, dass kein Zeugniss davon vorhanden ist; doch möchte ich glauben, dass für die dem König commendierten Jünglinge einiger Unterricht nicht gefehlt haben wird.
[6] Fast zweifellos nach Bossert, Württemb. Vierteljahrshefte 1889, S. 142-144.
[7] In der Grabschrift seiner Tante Warentrudis, Aebtissin von Pfalzel. Schwester Hetti's, heißt es von Thietgaud: „Cujus germanus vir clarus in omnibus extat, Nomine Grimaldus, ore et honore potens.“ Poet. Lat. II, 661.
[8] Dümmler, Poet. Lat. II, 169; St. Gall. Denkmale (Mitth. der Antiqu. Ges. XII, 6) S. 215; S. 248-250 über Gozbald und Grimald oder Grimold [←], und über diesen Ostfr. I, 92. II, 434-438. Die Bedenken von L. Delisle, Sacram. p. 258, gegen die ihm beigemessene Fortführung des Sacram. scheinen mir nicht begründet.
[9] An ihn ist eine zweite Widmung gerichtet, verbess. Abdr. Forsch. XXV, 198, vgl. Dümmler, Ostfr. II, 432. Auch Lupus von Ferrières war mit ihm in litterarischem Verkehr, ep. 60 ed. Bal. und sein Epitaph von Hraban (ib. p. 398; Poet. Lat. II, 240) erwähnt, daß er die Schreiber unterwieß und daß er jung starb.
[10] Dümmler. Ostfr. II, 438. Rethfeld, Urspr. d. Fuld. Ann. S. 36.
[11] Annales Fuldenses ed. Pertz MG. SS. I, 337-415. Neue Ausg. von Fr. Kurze. Hann. 1891, vgl. dessen Abh. NA. XVII, 83-158. Uebersetzt von Rehdantz, Berl. 1852; 1889 (Geschichtschr. 23. IX, 8). Spuren von Benutzung der Ann. Fuld. 769 bis 814 im Cod. E der angelsächs. Chronik nachgewiesen von R. Pauli, GGA. 1866, S. 1416. Zum Sprachgebrauch M. Manitius, NA. XI, 68. 73. Die Fulder Fortsetzung der Laur. min. bis 817 ist oben S. 205 erwähnt, die Ann. Fuldenses antiqui S. 150. Eine schon um 830 in Fulda entstandene Compilation, welche im Anschluss an eine Vermuthung von Waitz H. Lorenz wegen der Uebereinstimmung der Ann. Hersfeld, mit Marianus Sc. annimmt, ist, wie G. Buchholtz, HZ. LXV, 141, bemerkt, unwahrscheinlich, weil sich in d. Ann. Fuld. keine Spur davon findet, und deshalb eher mit Kurze eine Arbeit des 10. Jh. anzunehmen.
[12] B. Simson bemerkt Ludw. d. Fr. II, 300 mit Recht, daß die vorhandenen Anklänge an den sog. Astronomus nicht auf Benutzung desselben beruhen können, weil er jünger ist.
[13] Vgl. Waitz in Pertz Archiv VI, 739. Simson, Ueber die Ann. Enhardi Fuld. und Ann. Sithienses, Jenaer Habilitationsschrift 1863. Waitz, Gött. Nachr. 1864, N. 3. Simson, Forschungen IV, 575. Waitz, Forsch. VI, 653. Nachr. 1873, S. 587-599. Simson, Ludw. d. Fr. I, 400-404. Waitz, Forsch. XVIII, 354-361. Simson ib. S. 607-611. Bernays, Zur Kritik karol. Ann. S. 109 ff. Simson, Karl d. Gr. I, 655. Holder-Egger NA. XIV, 206. Eine Anzahl abgerissener Sätze ist wörtlich wiederholt in den Ann. Blandinienses.
[14] Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit (1836) V, 5-11. Neue Ausg. von Waitz SS. XIII, 34-38.
[15] NA. XVII, 133-138.
[16] Ueber den Ursprung des 2., 3. u. 4. Theiles der sog. fuldischen Annalen v. 838-887, Hall. Diss. 1886. Vgl. dazu Fr. Kurze, NA. XVII, 138-146.
[17] Cod. lat. Monac. 3851. Gedr. MG. SS. III, 159.
§ 14. Fulda, Hersfeld, Mainz. [[←]]
Kunstmann, Hrabanus Magnentius Maurus, Mainz 1841. Rettberg I, 370-374. 605-633.
Die litterarische Thätigkeit der Mönche zu Fulda beschränkte sich nicht auf die Reichsannalen; sie ist umfangreich genug, um einen eigenen Abschnitt in Anspruch zu nehmen, und die Bedeutung des Klosters für die Anfänge gelehrter Bildung auf deutschem Boden ist so groß, daß wir auch seiner Geschichte eine etwas umständlichere Betrachtung widmen müssen.
Die Gründung Fuldas wurde veranlaßt durch Bonifaz, welcher sich seine Ruhestätte dort erwählte, und wohl auch noch bei Lebzeiten sich dahin zurückgezogen hätte, wenn nicht schon früher die Märtyrerkrone ihm zu Theil geworden wäre. In schmuckloser, aber ausführlicher Erzählung wird uns mit anmuthiger Schlichtheit die Geschichte der ersten Gründung berichtet in dem Leben des ersten Abtes Sturmi, der, von Geburt ein Baier, schon als Jüngling Bonifaz übergeben, in Fritzlar von Wigbert unterwiesen war, und nach dreijähriger Wirksamkeit als Pfarrer, von der Sehnsucht nach dem klösterlichen Leben in der Einsamkeit ergriffen wurde. Bereitwillig förderte Bonifaz sein Streben, und sandte ihn, nachdem in Fulda die neue Stiftung begründet war, nach Italien, um an der Quelle die rechte Einrichtung des Klosterlebens kennen zu lernen; er hielt sich deshalb längere Zeit in Montecassino auf[1], welches als des Abendlandes Mutterkloster von fränkischen Pilgern häufig aufgesucht wurde. Unter königlichen und päbstlichen Schutz gestellt und bald auch durch den Leib des hochverehrten Apostels der Deutschen geheiligt, gewann das Kloster Fulda rasch eine kräftige Entwickelung und nahm zu an Glanz und Reichthum. Sturm vertheidigte, nach manchen Wechselfällen doch zuletzt mit glücklichem Erfolge, die Freiheit und Unabhängigkeit des Stiftes gegen den Erzbischof Lull; sein Nachfolger Baugulf (779-802) schmückte es mit Bauwerken, und erst jetzt begann auch das wissenschaftliche Leben in seinen Mauern sich zu entwickeln, obwohl es an einer Schule von Anfang an nicht gefehlt hatte. Alcuin hat damals Fulda besucht, und Karls berühmtes Rundschreiben über die Nothwendigkeit gelehrter Bildung für die Geistlichen ist uns gerade in der an Baugulf gerichteten Ausfertigung erhalten; er ist es auch, der Einhards glückliche Anlagen früh erkannte, und ihn deshalb an des Königs Hof sandte. Die ältesten Fulder Annalen (oben [S. 150]) beginnen mit angelsächsischen Namen und in ihren Handschriften begegnen uns die Schriftzüge der Angelsachsen; es kann nicht ohne günstigen Einfluß geblieben sein, daß diese höher gebildeten Mönche gerne bei den Reliquien ihres gefeiertsten Landsmanns weilten, und auch gelehrte Schotten fanden sich schon bald, des alten Gegensatzes ihrer Kirche vergessend, an Winfrids Grabe ein, wie Probus, der Freund des Lupus und Walahfrids. Baugulfs Nachfolger Ratgar (802-817) sandte die fähigsten Mönche seines Stiftes zu den berühmtesten Lehrern der Zeit, Hraban und Hatto nach Tours zu Alcuin, Brun zu Einhard, Modestus nebst mehreren anderen zu dem Schotten Clemens[2]. Vielleicht schon dieser Zeit gehört der Johannes Fuldensis didasculus an, welcher in ungeschickten Versen als grämlicher Alter gegen den Heiden Vergil eiferte und dagegen des Arator christliches Gedicht pries[3].
Es zeigt sich uns hier der Gegensatz, in welche die der Geistlichkeit zu ausschließlicher Pflege überwiesene Gelehrsamkeit zu dem ursprünglichen Zweck des Klosterlebens trat, und nicht minder litt die stille Beschaulichkeit desselben durch den fürstlichen Hofhalt, den Fremdenverkehr, die Unruhe und den Lärm der Bauten. Ratgar warf man ungemessene Baulust, Härte und Hoffart vor; heftige innere Zerwürfnisse waren die Folge[4], und der Frieden kehrte erst wieder, als 817 Ratgar abgesetzt wurde. Es war das Jahr, in welchem der Kaiser sich ernstlich der Reform der Klöster annahm und auf der Aachener Versammlung die Kapitel verordnete, welche lange Zeit fast gleiches Ansehen mit der Regel selber genossen. Zwei westfränkische Mönche, Aaron und Adalfrid, führten diese Reform auch in Fulda ein; als sie sich hinlänglich befestigt hatte, erlaubte der Kaiser eine neue Wahl, und Eigil übernahm die Leitung des Stiftes. Dieser, den wir aus Einhards Briefen als dessen Freund kennen lernen, war noch ein Schüler Sturms; ein Baier, wie er, und sein Verwandter, war er schon als Kind nach Fulda gebracht und der Klosterschule übergeben: über 20 Jahre hatte er unter Sturms Zucht gelebt, und in dankbarer Erinnerung schrieb er das Leben seines Meisters[5], auf Bitten der Angildruth, vielleicht einer Nonne von Bischofsheim, dem ebenfalls von Bonifaz gestifteten großen Nonnenkloster. Die Sprache Eigils ist nicht frei von Germanismen, sie trägt noch den Stempel der älteren, vor Alcuins Wirksamkeit liegenden Zeit. Doch verletzt sie nicht mehr durch die groben Fehler der merowingischen Zeit, und reichlich entschädigt für die Mängel des Stils der einfach fromme Sinn des Mannes, seine ansprechende und ungesuchte Erzählung dieser Begebenheiten, welche er theils noch selbst erlebt, theils aus dem Munde der älteren Brüder und seines Meisters erfahren hatte. Nach seiner Anordnung wurde diese Legende jährlich an Sturms Gedenktage (17. Dec.) während der Mahlzeit den Mönchen vorgelesen.
Das Leben des zweiten Abtes Baugulf schrieb, durch Eigil veranlaßt, Bruun, mit dem Beinamen Candidus, wohl derselbe, den Ratgar zu Einhard gesandt hatte, noch in seiner ersten, guten Zeit, als er erst kürzlich in wunderbarer Einigkeit von den Brüdern zum Abt erwählt war, wie Bruun berichtet. Leider ist dieses Leben Baugulfs verloren[6]; erhalten aber ist uns das Leben Eigils[7], von demselben Verfasser auf Hrabans Veranlassung geschrieben, als dieser noch Abt war, also vor 842. Der Verfasser war schon hochbetagt, 845 ist er gestorben. Er befand sich auf einer einsamen Pfarre, und Hraban hatte ihn ermahnt, sich im Lesen zu üben und etwas Nützliches zu schreiben. Die Lebensbeschreibung ist nicht ohne Geschick verfaßt, und wenn auch nicht fehlerfrei, lässt sie doch in der anspruchsvolleren Form den Schüler Einhards wohl erkennen. Besonders gelungen ist die sehr lebensvolle Schilderung der Bewegung, welche die Abtswahl im Kloster hervorruft; die Ansichten und Aeußerungen der verschiedenen Wortführer werden in der gewöhnlichen Umgangsprache wiedergegeben, und ein Kampf der Meinungen und Wünsche, wie er sich ohne große Veränderungen noch heutiges Tages bei solcher Gelegenheit beobachten läßt, stellt sich uns mit großer Lebendigkeit dar. Darauf versucht sich der Verfasser in langen Reden, die man nun einmal nach dem Vorbilde des Alterthums als nothwendig betrachtete, wenn man schön schreiben wollte, Reden des Kaisers und des Erzbischofs von Mainz, in denen Bruun die Betrachtungen niedergelegt hat, zu welchen ihn Ratgars Amtsführung und die dadurch hervorgerufenen Wirren veranlaßten. Zu Grunde gelegt sind hier nach Eberts Ansicht wirkliche Ansprachen des Kaisers. Der Verfasser sagt es im Vorwort, und auch, daß er sie so, wie sie gehalten wurden, doch nicht wiederzugeben vermöge. Vollkommen zutreffend hat aber dagegen Waitz bemerkt, daß eine solche Rede voll gelehrter Citate der Kaiser nicht halten konnte, daß ferner Bruun nicht zugegen und Jahrzehnte seitdem vergangen waren. Den Hauptinhalt dessen, was er dann von Eigils eigener Thätigkeit berichtet, bilden wiederum dessen Bauten, namentlich die noch jetzt stehende achteckige Rotunde, die uns wieder an die Freundschaft mit Einhard erinnert; Bruun, Einhards Schüler, nahm selbst an diesen Arbeiten Theil: die Apsis über dem Grabe des h. Bonifaz hatte seine Hand mit Gemälden geschmückt.
Der prosaischen Biographie schließt sich eine zweite in Hexametern an, welche früher geschrieben zu sein scheint[8]; der Inhalt ist fast ganz derselbe, und die Form giebt ein neues Zeugniß von der im früheren Mittelalter so sehr verbreiteten Fertigkeit in dieser Kunst, deren wir schon bei Karls Zeitgenossen häufig zu gedenken hatten. In jeder Schule bildete die Hebung im Versemachen einen stehenden Theil des Unterrichts, und dadurch entstand die Vorliebe für die poetische Einkleidung, die so oft dem inneren Gehalte nachtheilig geworden ist.
Zugeeignet hat Candidus oder Bruun sein Werk dem Modestus, oder mit deutschem Namen Reccheo, der die Unthaten des Ratgar, des Einhorns, welches in die fromme Herde eingebrochen war, durch beigefügte Zeichnungen noch anschaulicher machte; leider ist die Handschrift verloren und wir kennen nur die Abbildungen in Brauers sehr dankenswerthem Buch[9].
Am 15. Juni 822 starb Eigil; ihm folgte sein Freund Hraban, der bis dahin der Klosterschule vorgestanden hatte, einer der größten Gelehrten seiner Zeit[10], dessen Ruhm sich schon durch das ganze Frankenreich verbreitet hatte. Man bewunderte namentlich auch seine Verse, obgleich sie gegen diejenigen mancher Zeitgenossen sehr zurückstehen, arm an Inhalt sind, und voll von grammatischen und metrischen Fehlern, wie man sie bei ihm nicht erwarten sollte, voll auch von Plagiaten, die er u. a. auch an seinem Lehrer Alcuin verübt hat. Er war ein Schüler Alcuins; Ratgar hatte ihn, wie oben erwähnt, nach Tours gesandt, nachdem er im Jahre 801 zum Diaconus geweiht war[11]; und kurze Zeit genügte, um ein warmes Freundschaftsband zwischen ihm und dem allverehrten Lehrer zu knüpfen. Alcuin nannte ihn Maurus nach dem Lieblingsjünger des heiligen Benedict, und nach seiner Heimkehr schrieb er ihm einen Brief, in welchem er erwähnt, dass er einst (olim) eine Schrift unter seinem und seines Mitschülers Samuel Namen verfaßt habe[12]: sehr bald darauf (19. Mai 804) muß Alcuin gestorben sein. Mit Hatto, seinem Nachfolger als Abt, damals seinem Mitschüler in Tours, noch erfüllt von Verehrung gegen Alcuin, der auf dem Widmungsbild für den h. Martin segnend neben ihm steht, verfaßte Hraban in seinem dreißigsten Jahr sein Werk zum Preise des h. Kreuzes, dessen versbildliche Spielereien im Mittelalter viel bewundert wurden. In Prachthandschriften schickte er es dem Pabste, Erzbischof Otgar u. a. und es haben sich deren mehrere erhalten[13]. Als Alcuin ihm zuletzt schrieb, stand Hraban bereits der Klosterschule in Fulda vor, welche nun eine Pflanzstätte gelehrter Bildung für ganz Deutschland wurde, denn ungestört durch die Bedenklichkeiten seines alternden Lehrers erklärt Hraban in seiner Schrift de institutione clericorum auch das Studium der heidnischen Autoren für unentbehrlich zum Verständniß der heiligen Schrift; bei Lupus und in den Annalen von Fulda findet sich nach Vogel zuerst wieder nach langer Zeit Bekanntschaft mit den Schriften Sallusts, welche jetzt einen rasch wachsenden Einfluß auf den Stil gewannen[14]. Auch durch die Ungunst der Zeiten unter Ratgar wurde die Schule nur theilweise in ihrer segensreichen Wirksamkeit gehemmt. Fuldische Mönche finden wir bald in den angesehensten Stellungen; so wurde Baturich (817-848) Bischof von Regensburg und Erzcaplan, Haimo (840-853) Bischof von Halberstadt; Hrabans Schüler war Otfrid, der Mönch von Weißenburg, mit seinen Gefährten Werinbert und Hartmut aus St. Gallen[15]. Einhard sandte ihm den Vussinus, den er seinen Sohn nennt, doch vielleicht nur in kirchlichem Sinn; Alderich, Abt von Ferrières, später (829-841) Erzbischof von Sens[16], den Lupus, der später als Abt von Ferrières im Sprengel von Sens einen großen Namen gewann, und von dem eine Briefsammlung[17] voll reicher Belehrung sich erhalten hat; auf seine Bitte schrieb Hraban ein Collectarium in epistolas Pauli. Auch Frechulf von Lisieux war mit Hraban befreundet, doch vermuthlich schon seit seiner Lehrzeit in Tours (oben [S. 217]). Ermanrich von Ellwangen übersandte seinem Lehrer Rudolf, der Hraban zur Seite stand, das von ihm verfaßte Leben des heiligen Solus. Vor allem aber glänzt unter Hrabans Schülern Walahfrid, der Abt von Reichenau, der bald selbst das Haupt einer neuen Schule wurde. Auch Bernhard, der unglückliche König von Italien, war ihm zur Erziehung übersandt worden. Nicht zu den unbedeutendsten Schülern des Hraban gehört endlich auch der Mann, der ihm und der ganzen Reichsgeistlichkeit in der Folge so viel zu schaffen machte, der Mönch Godschalk, der ungeachtet seines Standes den Muth hatte, eine unabhängige Ueberzeugung auszusprechen und zu verfechten[18].
Wie glückliche Erfolge für das eigene Kloster Hrabans Wirksamkeit hatte, haben wir schon an den Verfassern der Annalen gesehen. Unter seinen eigenen Werken sind keine geschichtliche, wenn man nicht etwa das schon früher erwähnte Martyrologium so bezeichnen will; wohl aber enthalten seine Vorreden, Widmungen[19] und Gedichte viele schätzbare Nachrichten über sein Kloster und über seine mitstrebenden Zeitgenossen, und mehrere seiner Schriften stehen in Verbindung mit den Zerwürfnissen der kaiserlichen Familie. Nach Eigil wurde er Abt des Stifts; da er aber dem Kaiser Ludwig treu ergeben, Lothar befreundet war[20], verließ er 842 sein Kloster, wo statt seiner Hatto, genannt Bonosus, einst sein Mitschüler in Tours, erwählt wurde, und widmete sich nun ungestört seinen wissenschaftlichen Arbeiten, die ihm ohnehin mehr zusagten. Mit den Fuldern blieb er in freundschaftlichem Verkehr, und söhnte sich bald auch mit König Ludwig aus, der ihn gegen seine Neigung nach Otgars Tod zum Erzbischof von Mainz (847-856) erhob. Wie diese Beförderung den Reichsannalen zugute gekommen ist, haben wir oben schon gesehen.
In hohem Grade theilte Hraban das eifrige Streben der deutschen Geistlichkeit, den an solchen Schätzen noch armen Boden dieses Landes mit Gebeinen der Heiligen zu bereichern; die italienischen Reliquienkrämer hatten an ihm ihren besten Kunden. Seit alter Zeit bewahrte Fulda den Leib der heiligen Lioba oder Leobgyth; diesen ließ Hraban nach dem Petersberge bringen, und veranlaßte schon vorher Rudolf, ihr Leben zu beschreiben[21]. Ihm standen dazu die Aufzeichnungen des fünf Jahre vorher (831) verstorbenen Priesters Mago zu Gebote, welche die Erzählungen von Schülerinnen der Heiligen enthielten. Anderes hatte sich noch in mündlicher Tradition erhalten. Leobgyth war eine Verwandte des Bonifaz, und von ihm aus England berufen, um in dem Kloster Bischofsheim (oben [S. 137]) einen Mittelpunkt geistlicher Belehrung für Nonnen zu errichten; auch ihnen waren die lateinische Sprache und mancherlei andere Kenntnisse unentbehrlich zum Verständniß der heiligen Schriften und des Gottesdienstes. Rudolfs Nachrichten geben daher eine erwünschte Ergänzung für die Kenntniß von der Wirksamkeit des Bonifaz; später war Leobgyth auch mit der Königin Hildegard befreundet. Diese Nachrichten sind nun verbunden mit einer Fülle von Wundergeschichten; so wenig in Rudolfs Annalen der kirchliche Standpunkt hervortritt, so sehr zeigt er sich hier von der die Zeit beherrschenden Richtung erfüllt. In noch höherem Grade tritt das hervor in seiner Schrift über die Wunder der unter Hraban nach Fulda gebrachten Reliquien[22], welche auch einige geschichtliche Nachrichten enthält, übrigens aber eine Fülle jener sich immer und überall in ermüdendster Eintönigkeit wiederholenden Wundergeschichten, welche nur durch die Namen der Personen und Ortschaften und gelegentliche Angaben über Sitten und Gebräuche der Zeit einigen Werth erhalten. Die Zeit der berichteten Geschichten fällt in die Jahre 835 bis 838; geschrieben ist das Buch zwischen 842 und 847, als Hraban in seiner Zelle auf dem Petersberge lebte; vielleicht jedoch etwas später, da die Schilderung von Hrabans litterarischer Thätigkeit daselbst im letzten Capitel im Praeteritum gehalten ist, und der letzte Schluß fehlt.
Dieses Werk Rudolfs war es wohl, welches Waltbraht, den Enkel Widukinds, der im Jahre 851 den Leib des h. Alexander von Rom nach Wildeshausen brachte, zu dem Wunsche und der Bitte veranlaßte, daß Rudolf auch diesen Gebeinen eine ähnliche Schrift widmen möchte[23]. Aber erst, als er im Alter sich wieder in sein Kloster zurückzog, kam er zur Ausführung. Die Art, wie er diese Aufgabe erfaßte, zeigt seinen geschichtlichen Sinn; erfüllt davon, daß hauptsächlich diese Uebertragungen von Reliquien das Christenthum unter den Sachsen ausbreiteten und befestigten, ging er zurück auf die alte Heidenzeit, um zu zeigen, von welchen Irrthümern das Volk durch die Einführung des Christenthums befreit sei. Er begann mit einem kurzen Abriß der Stammsage, die Widukind von Corvey ausführlicher erhalten hat; dann aber entlehnt er die näheren Angaben über Glauben und Sitten der Sachsen aus der Germania des Tacitus[24]. Das ist ein guter Beweis für die gelehrten Studien der Fuldischen Klosterschule; zugleich aber ist es auch charakteristisch für Rudolf nicht allein, sondern für die mittelalterlichen Gelehrten überhaupt, daß er in Fulda, wo doch noch kürzlich das Hildebrandslied aufgeschrieben war, über das sächsische Heidenthum nichts aus eigener Kunde und Beobachtung mittheilt, sondern sich genau an die Worte des Tacitus hält.
Rudolf fügte noch eine kurze Uebersicht der Bezwingung der Sachsen durch Karl den Großen nach Einhard hinzu; dann rief ihn der Tod am 8. März 865 ab von dem wohlangelegten Werke. In den Annalen ist ihm ein kurzer Nachruf gewidmet, wo er als Historiker und Dichter gefeiert wird, und man vermuthet, daß auch der Maler Rudolf, dessen Werk Hraban in einem Epigramm rühmt, kein anderer gewesen ist. Die Fortsetzung des begonnenen Werkes übernahm sein Schüler Meginhard. Die Taufe Widukinds, mit der Rudolfs Erzählung abbricht, gab diesem den Uebergang auf dessen Enkel Waltbraht, der, an Lothars Hofe erzogen, sich mit vollem Eifer dem Christenthume zuwandte, und um das Christenthum in Sachsen besser zu befestigen, auszog, um aus Rom Reliquien zu holen. Die Empfehlungsbriefe, welche ihm Kaiser Lothar mitgab, hat Meginhard vollständig aufgenommen, hält sich dann aber bei den Vorfällen der Reise nicht lange auf, sondern geht bald zu seinem eigentlichen Gegenstande, den Wundern, über. Eine zweite Schrift ähnlicher Art, über den heiligen Ferrutius und dessen Uebertragung von Castel nach Bleidenstadt, nördlich von Wiesbaden, durch den Erzbischof Lull[25], ist eine Predigt und hat deshalb einen ganz überwiegend erbaulichen Charakter; eine große Fülle von Phrasen verdeckt den Mangel an geschichtlichem Inhalt, der nur aus den Inschriften von Bleidenstadt stammt.
Meginhard, der sich in der Widmung einer theologischen Abhandlung an den Erzbischof Gunther von Coeln als Schulmeister bezeichnet[26], ist, wie wir schon oben sahen, ohne Zweifel auch der Fortsetzer der Reichsannalen gewesen. Nur aus diesen sehen wir, daß die litterarische Thätigkeit in diesem Kloster noch nicht ganz erstarb. Nur aus dem Anfange des folgenden Jahrhunderts haben wir noch eine kurze Geschichte der Aebte von Fulda[27], einen sehr kurzen und gedrängten, aber recht hübsch geschriebenen Bericht, der jedoch nur mit Vorsicht zu benutzen ist, da er durchaus panegyrischer Natur und keineswegs geschichtlich wahrhaftig ist. Der Abt Huoggi (891-915) erlangte von Kaiser Arnulf die berühmte, noch jetzt erhaltene Evangelienhandschrift, deren Randglossen Bonifatius zugeschrieben werden[28]. Sonst aber ist von litterarischer Thätigkeit in diesem Kloster nichts auf uns gekommen. Es hat jedoch schon Waitz[29] erkannt, daß den Hersfelder Annalen bis in die Mitte des neunten Jahrhunderts eine in Fulda verfaßte Compilation zu Grunde liegt, welche aus den ältesten Lorscher Annalen, der kleinen Frankenchronik (Lauriss. min.) und einheimischen Aufzeichnungen zusammengesetzt war, und auch von Marianus Scotus benutzt wurde. H. Lorenz hat das weiter ausgeführt und glaubte das Endjahr zwischen 830 und 840 ansetzen zu können[30], wogegen G. Buchholz[31] geltend machte, daß dann der Mangel einer Verwandtschaft mit dem älteren Theil der sog. Ann. Fuld. nicht zu erklären sei. Fr. Kurze bemerkte, daß die Uebereinstimmung mit Marianus sich noch weiter erstrecke, und andererseits, daß für die erste Hälfte des zehnten Jahrhunderts dem Fortsetzer des Regino eine Fulder Quelle vorgelegen habe; beide schienen zusammen zu gehören[32]. So kommen wir auf eine Fulder Compilation des ausgehenden neunten oder des zehnten Jahrhunderts mit annalistischer Fortsetzung, Klosterannalen, in denen, wie es bei diesen Jahrbüchern der Fall zu sein pflegt, einzelne geschichtliche Nachrichten mit Begebenheiten aus der Hausgeschichte verbunden waren. Dafür wird der erste Theil der Annales S. Bonifacii von 716 bis 830 in Anspruch genommen[33]. Eine ausführlichere Geschichte des Klosters, die spurlos verschwunden ist, erwähnt und lobt Lambert in der Vorrede zu seiner Hersfelder Geschichte, SS. V, 137.
Litterarische Thätigkeit finden wir auch in dem nahe gelegenen, ebenfalls hessischen Kloster Hersfeld, welches um 770 von Lullus begründet wurde, als Fulda mit Erfolg seine Selbständigkeit gegen ihn behauptete, und bald zu kräftiger Entwickelung gelangte[34]. Auch von seiner Schule, seinen gelehrten Mönchen würde wohl manches zu berichten sein, wenn nicht die Ueberlieferungen dieses Klosters ein besonders ungünstiges Geschick betroffen hätte; die Hersfelder Annalen, Lamberts Geschichte von Hersfeld, sind verloren, und auch von Lamberts Jahrbüchern ist keine alte Handschrift vorhanden; da mag noch anderes spurlos für uns verschwunden sein. Der Abt Balthard († 796) kann vielleicht derselbe sein, an welchen zwei Briefe seiner Schwester Berthgyth in der Bonifazischen Sammlung sich erhalten haben[35]. Abt Bun bewog 836 den gelehrten Lupus, ein Leben Wigberts zu schreiben[36], den Bonifaz als Abt von Fritzlar eingesetzt hatte; seine Gebeine waren nach Hersfeld übertragen, und in den Wundergeschichten finden sich einige geschichtliche Nachrichten. Eine Handschrift, welche leider verschollen ist, enthielt auch eine poetische Bearbeitung dieser Vita in sehr barbarischer Sprache, von einem Hersfelder Mönch, welcher sie Buns Nachfolger Brunwart (843-875) gewidmet hatte[37]. Dieser Brunwart war befreundet mit Hraban, welcher an ihn, als er noch Chorepiscopus war, Verse richtete[38]. Die Annalen, welche von besonderer Wichtigkeit für uns sind, gehören erst der folgenden Periode an.
Beide Klöster, Fulda und Hersfeld, blieben in engster Verbindung mit dem Erzbisthum Mainz; ihr Theil war die Pflege der Wissenschaft, während die Metropole zu sehr in die politischen Händel verwickelt wurde, um in litterarischer Beziehung eine hervorragende Stelle einzunehmen, wenn wir von den Reichsannalen absehen. Auf Lulls Nachfolger Riculf (786 bis 813), den der Mönch von St. Gallen als dumm und hochmüthig schildert, wohl übertreibend, da er unter dem Namen Damoetas zu Karls Hofgelehrten gehörte[39], folgte zuerst Lulls Schüler Haistulf (813-825), dann bis 847 Otgar, ein Verwandter Riculfs und eifriger Parteimann. Er ist es, welcher den Diaconus Benedict zur Ergänzung der Capitulariensammlung des Ansegis veranlaßt haben soll, und man hat ihn deshalb für den Mitschuldigen der hierin enthaltenen Fälschungen gehalten, eine Ansicht, welche jetzt von P. Hinschius als unbegründet widerlegt ist, da Benedicts Werk erst nach Otgars Tod vollendet worden ist, und die ganze Notiz ist vielleicht nur betrüglich erfunden. Zu verdanken haben wir ihm wahrscheinlich den Abschluß der Mainzer Briefsammlung, in welcher der Correspondenz des Bonifatius Briefe von Lull und Otgar sich anschließen[40]. Für seine Metropole brachte Otgar von seiner Gesandtschaft an Lothar nach Pavia 836 die Reliquien des h. Severus, Bischofs von Ravenna, nebst Frau und Tochter heim; ein französischer Speculant, der solch kostbare Waare durch Lug und Trug sich diebischer Weise zu verschaffen und dann theuer zu verkaufen pflegte, fand an Otgar einen Kunden, denn um so heiligen Besitz zu gewinnen, galt auch den frömmsten Männern Meineid und Diebstahl für zulässig[41]. Groß war die Freude in Mainz und in Erfurt, wohin zur Beförderung des Christenthums in Thüringen S. Severus abgelassen wurde, allein man hatte noch keine Kunde von dem Leben des Heiligen, bis der Priester Liudulf eine Pilgerfahrt nach Rom mit einem Besuche in Ravenna verband, und die dort gewonnene Auskunft mittheilte; hinzugefügt ist von ihm die geschichtlich nicht ganz unwichtige Erzählung von der Erwerbung der Reliquien durch Otgar[42]. Er schrieb unter Hrabans Nachfolger Karl (856-863), dem aquitanischen Prinzen, von dessen gelehrten Studien nichts bekannt ist. Die Bedrängniß der Kirchen durch die Vertheilung ihrer Güter an Kriegsleute veranlaßte einen Mainzer Geistlichen zur Aufzeichnung der Visio Caroli (S. 188), welche er noch mündlich von Hraban erfahren haben wollte. Nach Karl verwaltete Liutbert 26 Jahre lang das Erzbisthum, ein wohlgesinnter und nicht ungelehrter Herr, der sich auch der Reichsannalen wieder annahm, aber die wirren Zeiten, die immer schrecklicheren Einfälle der Normannen, drängten alle wissenschaftliche Beschäftigung in den Hintergrund: im Kampfe gegen diese Unholde verlor 891 Liutberts Nachfolger Sunderold oder Sunzo nach kurzer Amtsdauer das Leben, ein Fulder Mönch, dem einst, da er noch einfacher Priester war, Meginhard die Erzählung von der Uebertragung des h. Alexander gewidmet hatte. An seiner Statt erhob Kaiser Arnulf Hatto, den Abt von Reichenau, berühmt durch seine Klugheit und Thatkraft, auch wegen seiner kirchlichen Gelehrsamkeit hoch gefeiert, aber die äusseren Sorgen für Kirchenzucht und Reichsregierung nahmen ihn vollständig in Anspruch; diesen Zwecken diente auch das Werk de synodalibus causis, welches Regino ihm gewidmet hatte[43].
[1] Ruodolfi V. Liobae c. 10. Libellus supplex § 10.
[2] Catalogus abbatum in Böhmers Fontes III, 162; MG. SS. XIII, 272. Clemens wird als Lehrer an Ludwigs des Frommen Hofe erwähnt, er widmete in recht guten Versen dem jungen Lothar ein grammatisches Werk, Grammatici Lat. ed. Keil I p. XXI; cf. Dümmler, Ostfr. II, 649, Hauréau, Singularités p. 23. Keil, de grammaticis quibusdam latinis inf. aet. (Erlanger Univ.-Progr. 1868), p. 9-17. Dümmler, NA. IV, 258; Poet. Lat. II, 670.
[3] MG. Poet. Lat. I, 392. Trithemius nennt als Schüler Hrabans (Vita I, cap. 3): „Joannes monachus Fuldensis, patria Francus orientalis, poeta et musicus insignis; qui et plura scripsit et cantum ecclesiasticum primus apud Germanos varia modulatione composuit.“ Angef. v. Gerbert, De cantu et musica sacra I, 282. Leider eine ganz unzuverlässige Quelle. — Caspar Barth, Advers. l. XXXII, c. 12, col. 1486, führt die Verse an: „Felicitatis regula Hac fine semper constitit“ von einem Fulder Mönch Erinfrid „a. 806 ut vita ejus testatur“. Die Hs. „e bibl. Martispurg.“ enthielt „alia talia“ u. Briefe. Leider habe ich keine weitere Spur davon finden können.
[4] Libellus supplex Monachorum Fuldensium, Carolo Magno Imperatori porrectus. Broweri Antt. Fuld. p. 212. Schannat, Cod. Probb. p. 84. Mab. IV, I, 260-262. Vgl. über diese Vorgänge B. Simson, Lud. d. Fr. I, 371 bis 374. Die S. 373 Anm. 9 angef. Stelle des Libellus kann ich aber nur darauf beziehen, daß keine Acte weltlicher Gerichtsbarkeit und kein Marktverkehr auf dem Klosterplatz stattfinden sollen. Die Worte des Cod. Fuld. Ann. Lauriss. min. a. 807: ‚Aufugiunt pueri puerorum et pessime custos Consiliis pravis‘ sind, wie Simson bemerkt, vielleicht aus einem verlorenen Gedicht.
[5] Vita S. Sturmi ed. Pertz MG. SS. II, 365-377. Bei Migne CV, 421-444 nach Mabillon. Uebersetzt von W. Arndt mit dem Leben des heiligen Bonifatius; von K. Schwartz mit beachtenswerthen Erläuterungen in 2 Fulder Programmen, 1856 und 1858. Ebert II, 104-106. Die vermißte Bamberger Hs. ist in Würzburg, Arch. VII, 109.
[6] Waitz bezweifelt, ob es überhaupt vollendet war. Vgl. O. Cl. Th. Richter: Wizo u. Bruun, 2 Gelehrte im Zeitalter Karls d. Gr. und die ihren gemeinsamen Namen Candidus tragenden Schriften, Progr. d. Leipz. städt. Realgymn. 1890.
[7] Vita Eigilis, Broweri Sidera Germaniae, Schannat, Cod. Probb. 88 bis 114. Daraus Mab. IV, 1, 217-246; Migne CV, 381-422. Waitz (nur die Prosa) SS. XV, 221-233, aber auch ohne handschriftliche Hülfsmittel. Uebers. v. Grandaur 1888, Geschichtschr. 25 (IX, 10). Ebert II, 330. In der Würzb. Bibliothek ist eine von Bruun geschriebene Regula S. Benedicti, Forsch. VI, 119.
[8] Auch bei Dümmler, Poet. Lat. II, 94-117.
[9] Daraus wiederholt bei Jul. v. Schlosser: Eine Fulder Miniat. Hs. d. Hofbibl. Jahrb. d. kunsthist. Sammlungen d. A. H. Kaiserh. XIII. mit Studien über die Fulder Kunstschule.
[10] Kunstmann I. l. Wackernagels Litteraturgeschichte S. 52. Bach, Hrabanus Maurus der Schöpfer deutschen Schulwesens, Zimmermanns Zeitschrift für Alt. II, 636. Ebert II, 120-146. Hauck II, 562 ff. Will, Regesten d. Mainzer Erzbb. I, p. XIX-XXIV. Opera ed. Colvener. 1627. Migne CVII-CXII. Seine Gedichte, unter denen manche von geschichtlicher Bedeutung, gab Chr. Brower 1617 als Anhang zum Venantius Fortunatus; daraus schöpften die Späteren; jetzt Poet. Lat. II, 154-258. Vgl. NA. IV, 286-294. 581. Dümmler, Ostfr. I, 315-320. 404-410. Allg. D. Biogr. XXVII, 66-74. Derselbe über eine verschollene Fuld. Briefsammlung des neunten Jahrhunderts, Forsch. V, 369-395 (Nachtr. XXIV, 421-425), eine Sammlung der von den Magd. Centuriatoren erhaltenen Fragmente einer wichtigen Fuldischen Briefsammlung von c. 818 bis 870. S. auch oben [→ S. 219] über Vegetius. — Ueber die von Koeberlin bekannt gemachte Würzb. Hs. seines Comm. zum Matthaeus s. L. Traube, NA. XVII, 458. Ueber seine Briefe an Hinkmar Schepss, NA. XI, 130.
[11] Dieses Datum der Ann. Laur. min. in der Fulder Handschrift stimmt gut zu seiner Absendung durch Ratgar, denn daß dieser schon 802 Abt wurde, müssen wir doch wohl den Ann. Fuld. und ant. Fuld. glauben, und also in den Urkunden bei Dronke S. 100. 101 vom 1. und 5. Mai 803, welche noch Baugulf nennen, einen Fehler annehmen; sie sind aus dem Elsaß, wo man vielleicht den Wechsel noch nicht erfahren hatte. Ebert glaubt annehmen zu müssen, daß er schon vorher lange Zeit bei Alcuin gewesen sei.
[12] Daß dieser Brief an Hraban gerichtet sei, beruht freilich auf Vermuthung, s. Bibl. VI, 876. Sicher an ihn ist gerichtet der Brief Frob. 111, Bibl. VI, 801, mit Jaffé's Anmerkung. Samuel wird, was Dümmler jetzt selbst vorzieht, der unter diesem Namen vorkommende Erzbischof Beornrad von Sens ein. Hraban richtet (Poet. Lat. II, 188) mehrere Gedichte an den Presb. Samuel, seinen sodalis. Das mag der Abt von Lorsch, 841 Bischof von Worms sein, der, wie Pf. Falk bemerkt, im Chron. Lauresh. „a puero ibidem educatus“ heißt, und ohne Grund für Fulda in Anspruch genommen ist. Er starb nicht 859, wie Schannat nach den Urkunden Reg. Kar. 773, 774, 777 annahm, aber die Urkk. sind unecht, s. Sickel, Wiener SB. XXXVI, 396. Das Chron. Lauresh. hat 855, Ann. Fuld. steht die Notiz am Rande bei 856 am Ende des Jahres, Ann. necrol. cod. 2 (SS. XIII, 177) 856. Als Todestag wird der 6. u. 7. Feb. bezeichnet.
[13] S. die oben angef. Abh. von J. v. Schlosser, mit schönen Abbildungen. Er hält Hatto für den ausschmückenden Künstler.
[14] Fr. Vogel, Acta sem. Erlang. II, 416. Manitius, NA. VII, 197, sucht auch bei Einhard die Bekanntschaft nachzuweisen.
[15] Von den beiden letzteren ist es freilich zweifelhaft, ob sie auch in Fulda waren. Otfrid bezeichnet als seinen Lehrer, vielleicht in Fulda, auch Salomon I von Constanz, s. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 138. Vgl. auch Meyer v. Knonau, Die Beziehungen O.'s zu St. Gallen, Forsch. XIX, 187-191.
[16] Er war Lehrer der Hofschule unter Ludwig dem Frommen nach seiner Vita, Mab. IV, 1, 568-575. Acta SS. Jun. I, 753-758. Vgl. oben S. 154 und Sickel, Acta Kar. I, 84.
[17] Servati Lupi Opera ed. Baluzius, Par. 1664, Antv. 1710. Lettres de Servat Loup. Texte, notes et introd. par Desdevises du Dezert, Paris 1888 (Bibl. de l'École des hautes ét. T. 77). Er verfaßte 836 auf den Wunsch des Abts Bun von Hersfeld die Vita Wigberti (s. unten). Ferner 839 auf Bitten des Abts Waldo (wahrsch. von Schwarzach im Straßb. Sprengel, der 861 entsetzt wurde, 869 als Abt von St. Maximin vorkommt) die Vita S. Maximini. Er war Jugendfreund des Abts Hilduin von Saint-Denis, ep. 97 (über dessen V. Dionysii s. Ebert II, 348). Nach der Rückkehr aus Deutschland wurde er 837 Sept. 22 durch die Kaiserin Judith dem Kaiser vorgestellt, 842 erhielt er nach Odo's Absetzung die Abtei Ferrières und ist nach 861 gestorben. Nach ep. 93 hat er K. Karl Imperatorum gesta brevissime comprehensa überreicht, wobei er vorzüglich auf Trajan und Theodosius hinweist. Vgl. Dümmler, NA. IV, 314. Ebert II, 203-209. Sprotte, Biographie des S. L. Regensb. 1880. Ueber die Vermuthung Langens, der ihm den Ps. Isidor zuschreibt, s. NA. VIII, 412. Ueber seine philologischen Studien L. Traube, Münch. SB. 1891, S. 389 ff. Sein und Haimons Schüler war Herich von Auxerre.
[18] S. über ihn Dümmler, Ostfr. I, 327-336. 405-409. NA. IV, 320. Ebert II, 166-169.
[19] Ein Bericht von ihm über die am 1. Nov. 819 vollzogene Einweihung der Fulder Kirche steht in Broweri Antiq. Fuld. p. 110-112; vgl. NA. IV, 260, 290.
[20] Ihm widmete er sein Werk über Jeremias; ein auf Anordnung des Abts Majolus von Cluni geschriebenes Exemplar ist im Brit. Mus. Add. 22,820, nach Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV, 530. Catal. p. 739. Facs. in Libri's Mon. inédits pl. XVI. Verse an die Kaiserin Irmingard vor dem Commentar zu Judith u. Esther u. Begleitbrief des letzteren e cod. Darmst. 749, Poet. Lat. II, 167. Lothar II widmete er ein Gegenstück gegen die 'Coena Cypriani' zur Uebung für Schulzwecke, wo alle Anspielungen auf den Kreis der h. Schrift beschränkt sind, ed. H. Hagen 1884 in Hilgenfelds Zts. f. wiss. Theol. XXVII, 164-187; vgl. NA. IX, 657. Auch der Verf. der Visio Caroli (oben [→ S. 188]) beruft sich auf eine Mittheilung Hrabans.
[21] Rudolfi Vita S. Leobae, ed. Waitz, SS. XV, 118-131. Sie starb nach dem Necrol. Fuld. (SS. XIII, 167) am 23. Sept. 780, nach d. Vita am 28. Sept. u. wird urkundlich noch 782 als lebend erwähnt. Im Auszug übersetzt von W. Arndt hinter der V. Bonifatii. Zell, Lioba u. die frommen angels. Frauen, Freib. 1860. Hahn, Bonifaz u. Lull, S. 131 ff.
[22] Schannat, Cod. Probb. p. 117-132 aus Browers Antiquitates Fuldenses, der einzigen Originalausgabe, da die Handschrift verloren ist. Unter dem falschen Titel V. Rabani auch bei Mab. IV, 2, 1. Acta SS. Feb. I, 500. SS. XV, 328-341, von Waitz, als Miracula Sanctorum in Fuldenses ecclesias translatorum.
[23] Translatio S. Alexandri ed. Pertz, SS. II, 673-681. Uebers. von Richter, 1856, 2. Ausg. 1889 (Geschichtschr. 21. IX, 6). Vgl. dazu R. Wilmans, Kaiserurkunden der Prov. Westf. I, 388 ff. Ohne Grund verdächtigt von Wetzel: Die Tr. Al. Kiel 1881, aber mit einem wichtigen Nachtrag zum Text; vgl. NA. VII, 228 u. Waitz, GGA. 1831, Juni. — Ein Brevier saec. XV. viell. aus Wildeshausen, NA. XV, 208.
[24] Die einzige nachweisbare Benutzung derselben im Mittelalter, nach Waitz, Forsch. X, 602.
[25] Sermo de S. Ferrutio, bei Surius zum 28. October, Acta SS. Oct. XII. 538-542. Exc. ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 148-150. Vgl. C. Will, Mon. Blidenstat. Innsbr. 1874, 4. Dümmler, Poet. Lat. I, 431. II, 225.
[26] in Caspari's Kirchenhist. Anecd. (1883), S. 251.
[27] Acta vetusta Abbatum Fuldensium a. 744-916. Schannat, Cod. Probb. 1-3. Böhmers Fontes III, XXVIII und 161-164 aus Dronke, Traditt. Fuld. p. 162-164. MG. SS. XIII, 272 als Catalogus abb. Fuldensium. Das kurze Verzeichniß SS. III, 117 n. ist berichtigt XIII, 340. — Acta abb. bis ins 15. Jahrh. und auch annal. Aufzeichnungen bei Brouwer sind nachgewiesen von Pflugk-Harttung, Forsch. XIX, 397-442.
[28] Schannat, Vind. lit. I, 226. Codex Fuld. ed. E. Ranke, Marb. et Lips. 1868.
[29] Archiv VI, 681.
[30] Die Annalen von Hersfeld, S. 70.
[31] HZ. 65, 141.
[32] Die Hersfelder u. die größeren Hildesh. Jahrbücher bis 984, S. 8.
[33] MG. SS. III, 117; der zweite Theil 910-1024 ist fast ganz identisch mit den Ann. Lobienses. Berichtigungen e cod. Lugd. Bat. von Dümmler, Forsch. XVI, 169. — Ann. S. Bon. brevissimi 936-1011 ib. S. 118. Notae dedicationum Fuldenses 812-1168, SS. XV, 2, 1287.
[34] Rettberg I, 602-605. Hafner, Die Reichsabtei Hersfeld, 1889.
[35] Bibl. III, 312.
[36] Vita Wigberti, ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 36-43.
[37] So berichtet der Jesuit Busaeus, erster Herausgeber der V. Wigberti, s. Hincmari epp. ed. Busaeus, Mog. 1602. NA. IV, 314.
[38] Poet. Lat. II, 184; vgl. p. 111.
[39] Vgl. Dümmler NA. IV, 150. Poet. Lat. I, 431. 432 u. II, 694.
[40] H. Hahn, Forsch. XV, 113.
[41] Diese Aeußerung ist wiederholt gerügt worden, zuletzt Katholik 1875 S. 443, aber sie ist wahr; ich habe einige Beispiele in d. SB. d. Berl. Akad. vom 4. Dec. 1884 zusammengestellt.
[42] Vita et Translatio S. Severi auct. Liudulfo presbytero, Acta SS. Feb. I, 88-91. Jaffé, Bibl. III, 507-517. MG. SS. XV, 289-293, ed. L. v. Heinemann.
[43] S. über Liutbert und Sunzo Dümmler, Ostfr. III, 328-331; über Hatto S. 352. 497. Vgl. auch desselben S. 234 angeführte Abhandlung über die Fulder Briefsammlung, und die betr. Abschnitte in Will's Regesten.
§ 15. Sachsen. Münster, Bremen, Hamburg. [[←]]
Als Sturm zuerst in Hersfeld sein neues Kloster gründen wollte, verwarf Bonifaz diesen Vorschlag wegen der Nähe der heidnischen Sachsen. Karl aber zog auch dieses Volk in den Kreis der christlichen Bildung, und so gewaltsam auch die neue Pflanzung begründet wurde, sie schlug doch bald kräftige Wurzeln, und die Söhne der Bekehrten gaben sich bereits mit regem Eifer der neuen Lebensrichtung hin. Lange schon hatten die Angelsachsen sich danach gesehnt, hin und wieder auch versucht, ihren alten Stammesbrüdern das Evangelium zu bringen; jetzt drangen sie unter dem Schutze Karls vor, und pflanzten den Baum der neuen Lehre, der in dem frischen Erdreich bald kräftig und segensvoll gedieh.
Einer der hervorragendsten unter ihnen war Liudger, von Geburt zwar ein Friese, aber ein Schüler der angelsächsischen Glaubensboten. Er selbst hat uns in dem Leben seines Lehrers, Gregor von Utrecht[1], die Werkstatt geschildert, wo ein großer Theil der Lehrer für das Sachsenvolk ausgebildet wurde; ergänzt werden seine Nachrichten durch seine eigene Lebensbeschreibung von Altfrid.
Liudgers Großvater Wursing, ein reicher und vornehmer Friese, hatte sich, von Radbod vertrieben, zu den Franken geflüchtet und die Taufe angenommen; als dann Karl Martell nach der Besiegung des Landes das Bisthum Utrecht begründete, siedelte er auch Wursing mit den Seinen dort an, und an ihnen fand Willibrord die kräftigste Stütze. Nach Willibrords Tode nahm Bonifaz sich des verwaisten Bisthums an; dann ward es der Pflege Gregors übergeben, der lange Zeit ein treuer Begleiter und Gehülfe seines Lehrers Bonifaz gewesen war und nun als Abt dem Martinstifte vorstand. Die bischöflichen Geschäfte versah neben ihm der Angelsachse Aluberht. Dieser war wie so viele seiner Landsleute zur Mission gekommen, und kehrte auf Gregors Wunsch mit Utrechter Geistlichen heim nach York, wo er 767 vom Erzbischof Aethelberht ad Ealdsexos zum Bischof geweiht wurde, mit ihm Liudger zum Diaconus. Durch diese Verbindung sind, wie R. Pauli nachgewiesen hat, Nachrichten über Karls des Großen Sachsenkriege, dann auch durch Alcuin andere nicht unwichtige Angaben, in die nordenglischen Annalen gekommen[2].
Liudger hatte sich, wie mehrere von Wursings Nachkommen, der Kirche gewidmet, er genoß schon damals Alcuins Unterweisung, und kehrte später dieses Unterrichtes wegen noch einmal nach York zurück, bis ihn nach drei Jahren und sechs Monaten ein Streit zwischen den Friesen und Angeln nöthigte, nach Utrecht heimzukehren, wo Gregor zahlreiche Schüler aus allen deutschen Stämmen, nach Liudgers Angabe auch Sachsen, um sich versammelte. Unter Gregors Neffen und Nachfolger Alberich war die Leitung dieser Schule in solcher Weise vertheilt, daß abwechselnd Alberich selbst, Liudger, Adalgar und Thiatbrat[3], jeder ein Vierteljahr, derselben vorstanden. Die übrige Zeit verwandten sie auf die Seelsorge und die weitere Ausbildung des Volkes. Der Aufstand der Sachsen unter Widukind 782 brachte auch in Friesland das Heidenthum wieder zum Siege, und Liudger begab sich damals nach Montecassino, dessen klösterliche Einrichtung er später auf seine Stiftung Werden übertrug. Karl der Große aber vertraute ihm die geistliche Leitung von fünf friesischen Gauen an und verband damit im Anfange des neunten Jahrhunderts das neu errichtete Bisthum Mimigardeford in Westfalen, für welches seit dem 11. Jahrh. der Name Münster üblich wurde. Am 30. März 804 geweiht[4], wirkte er hier für die Befestigung der neuen Lehre bis zu seinem Tode am 26. März 809.
Die von ihm verfaßte Biographie Gregors ist in dem gewöhnlichen Legendenstil geschrieben, aber die stereotypen Phrasen sind hier von wirklicher Wärme erfüllt, von inniger Liebe zu seinem Lehrer und einer kindlichen Demuth, wo er seines eigenen Wirkens gedenkt. Es finden sich darin einige schätzbare Nachrichten über Bonifaz sowie über das Bisthum Utrecht; geschichtlicher Sinn zeigt sich jedoch wenig, es kommen arge Fehler vor, und auch die Sprache ist schwerfällig und gesucht. Als Geschichtsquelle ist Liudgers eigenes Leben von Altfrid[5] weit vorzuziehen, obgleich auch dieses von dem Verfasser, Liudgers Verwandtem und zweitem Nachfolger (839-849), auf Bitten der Mönche von Werden zunächst zum Zweck der Erbauung geschrieben wurde. Die Darstellung ist einfach und ansprechend, und die ganze Missionsthätigkeit tritt hier mit besonderer Anschaulichkeit uns entgegen. Noch in demselben Jahrhundert wurden in Werden zwei neue Bearbeitungen derselben verfaßt. Auch von Altfrids Vorgänger Gerfrid hat man eine Biographie gehabt, von welcher aber eine Erwähnung in der Bisthumschronik die einzige Spur ist[6]. Altfrids Nachfolger Liutbert, ein geborner Lothringer († 871), war vielleicht der Bischof Leutbert, welchem Sedulius eine sapphische Ode gewidmet hat[7].
Dem Kreise dieser Männer gehört auch Liafwin oder Lebuin an, ein Angelsachse, der zu Gregor nach Utrecht kam und sich, nachdem er eine Zeit lang an der Yssel gewirkt hatte, nach Sachsen begab, wo er auf dem Landtage zu Marklo unerschrocken das Christenthum verkündete. Seine Legende, welche besonders durch die Nachricht über diese Landtage und die Verfassung der Sachsen merkwürdig ist, wurde jedoch erst am Anfange des zehnten Jahrhunderts von Hucbald von St. Amand verfaßt, nicht in Münster, dessen wir nach diesen so viel versprechenden Anfängen nicht wieder zu gedenken haben werden[8].
Ueber die Stiftung des Klosters Werden an der Ruhr ist eine eigenthümliche Aufzeichnung vorhanden, welche trügerisch zwei Begleitern Liudgers in den Mund gelegt, in den wesentlichen Thatsachen aber richtig, und in ihrem ältesten Theil vielleicht schon um die Mitte des 9. Jahrhunderts geschrieben ist, als nach Altfrids Tod die Familie des Stifters vom Bisthum abkam und die Unabhängigkeit des Klosters bedroht war[9].
Ein anderer Angelsachse war Willehad aus Northumberland, der ebenfalls seine Missionsthätigkeit in Friesland begann und 780 von Karl dem Großen über den Gau Wihmodia gesetzt wurde. Auch ihn vertrieb der Aufstand Widukinds 782, dem ein großer Theil seiner Schüler und Gehülfen zum Opfer fiel. Er selbst flüchtete nach Friesland und pilgerte nach Rom; dann lebte er eine Zeit lang in stiller Zurückgezogenheit in Echternach; Karl aber rief ihn nach der Besiegung der Sachsen zu seiner früheren Thätigkeit zurück, und erhob ihn 787 zum Bischof von Bremen, wo er am 8. November 789 gestorben ist. Sein Leben[10] ist in einer kurzen und einfachen Darstellung beschrieben, welche von seinem berühmteren Nachfolger Anskarius, dem Apostel des Nordens, verfaßt sein soll, wie Adam von Bremen berichtet. Doch hat G. Dehio[11] darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Bücher (Vita und Miracula) nicht von einem Verfasser sein können, und nur das zweite von Anskar sein wird. Er hat ferner nachgewiesen, daß die einzigen chronologisch bestimmten Nachrichten 787 und 789 wörtlich ebenso im Chron. Moissiacense stehen, einige Worte über Widukind aber nicht nur da, sondern auch in den Ann. Laureshamenses. So ergiebt sich auch hieraus, daß dem Chron. Moissiac. ein vollständigerer Text der Ann. Lauresham. vorgelegen hat; die Herkunft der speciellen sächsischen Nachrichten aber vermuthet Dehio in einer Aufzeichnung, welche auch in den von Adam angeführten liber donationum Bremensis ecclesiae aufgenommen sein möchte, ein Buch, welches nach V. Ansk. c. 41 von Anskar angelegt sein dürfte. Doch vermuthet Simson, Forsch. XIX, 134, einfach die Lauresham. in vollständigerer Form als Quelle.
Wir gedachten schon oben der großartigen Idee Kaiser Karls, an den äußersten Grenzen seines Reiches Metropolen zu errichten, welche das Christenthum weit über die Marken hinaus tragen und den geistlichen Einfluß des Kaiserthums dahin erstrecken sollten, wo man seine Waffen nicht mehr fürchtete. Das Heidenthum war der christlichen Kirche unversöhnlicher Feind, es hing genau zusammen mit der alten freien Gemeindeverfassung, und aus beiden entsprangen die unablässigen Raubzüge, von denen die germanischen Nationen jetzt abgelassen hatten, vor denen sie nun aber in ihren gefährdeten Grenzen keine Ruhe fanden, bis die Ausbreitung des Christenthums dem alten Unwesen ein Ende machte.
Hamburg war dazu bestimmt, der kirchliche Mittelpunkt des Nordens zu werden[12]. Ludwig achtete nicht auf den unausgeführt gebliebenen Gedanken seines Vaters; als aber der flüchtige Dänenkönig Harald die Taufe verlangte und Anskarius oder Ansgarius, der ihn als Lehrer der Seinen begleitete, bald auch auf Schweden seine Wirksamkeit ausdehnte, da wurde der alte Plan wieder aufgenommen und Anskar 831 zum Erzbischof von Hamburg geweiht. Doch fehlte Karls starke Hand zum Schutze der neuen Schöpfung, welche dem in Dänemark und Schweden neu erstarkten Heidenthume gegenüber keine erhebliche Wirksamkeit gewinnen konnte. Die Reichstheilung entzog Anskar die Einkünfte der ihm angewiesenen Zelle Turholt in Flandern, und 845 wurde Hamburg selbst von den Dänen verwüstet. Da vereinigte Ludwig der Deutsche 847 das erledigte Bisthum Bremen mit dem Erzbisthum und sicherte dadurch dessen Bestand. Anskarius konnte nun mit ausreichenden Mitteln seine Wirksamkeit fortsetzen und starb nach einem Leben voll rastloser Thätigkeit am 3. Febr. 865. Einst hatte er in seiner Zelle Turholt in Flandern einen Knaben bemerkt, der ihm besonders hoffnungsreich erschien: es war Rimbert, den er zum Geistlichen erziehen ließ, und der dann bald als sein treuester und liebster Jünger sein unzertrennlicher Gefährte, zuletzt sein Nachfolger wurde. Dieser ist es, der mit einem andern Schüler Anskars zusammen[13] in Hamburg das Leben des Meisters bald nach dem Tode desselben geschrieben hat[14], voll warmer und inniger Liebe, zugleich aber reicher an Inhalt als die Mehrzahl der übrigen Biographieen ähnlicher Art. Anskars Leben gehört ohne Frage zu den bedeutendsten Quellenschriften des Mittelalters; die ganze reiche Wirksamkeit des glaubensstarken Erzbischofs, das volle Bild seiner großartigen, kindlich demüthigen und doch so verständigen Persönlichkeit tritt uns lebensvoll darin entgegen, und über die Zustände des Nordens verbreiten die einfachen und zuverlässigen Aufzeichnungen Rimberts das erste Licht. Daß auch Träume, Visionen, Wunder einen großen Raum darin einnehmen, liegt in der Natur der Verhältnisse; geschrieben wurde das Buch für die Mönche des Klosters Corbie, aus dem Anskar hervorgegangen war, dessen Mönche ihn begleitet hatten, und diesen lag mehr daran, ihren großen Klosterbruder als einen Heiligen geschildert zu sehen, als von den nordischen Heiden genaue Nachrichten zu erhalten. Man darf es bei der Beurtheilung dieser Litteratur nie vergessen, daß, was wir am meisten darin zu finden wünschen, gewöhnlich von den Verfassern wie von den Lesern als Nebensache betrachtet wurde.
Hier aber brachte es die ganze Art der Thätigkeit Anskars mit sich, daß auch die äußeren Verhältnisse, in denen er sich bewegte, geschildert werden mußten, und uns zum Glück hat Rimbert vieles von dem, was er berichtet, selbst mit durchlebt und gesehen. Darum reiht sich dieses Leben dem früheren Severins, dem späteren des Otto von Bamberg an. Unbedeutend dagegen ist des wackeren Rimbert eigene Lebensbeschreibung[15], von unbekanntem Verfasser. Geschrieben ist sie zu Lebzeiten seines Nachfolgers Adalgar, der von 888 bis 909 Erzbischof war.
[1] Erste kritische Ausgabe von Holder-Egger, SS. XV, 63-79. Uebers. v. Grandaur, Geschichtschr. 14, nach V. Willibrordi. — Vgl. Ebert II, 106 bis 108. Hauck II, 313-315. — Die Liudger bei Rettberg I, 333, zugeschriebene V. Bonifacii ist Mißverständniß der Stelle V. Liudg. II, 6 über die in der V. Gregorii enthaltenen Nachrichten von Bonifaz.
[2] S. R. Pauli: Karl d. Große in northumbrischen Annalen, Forsch. XII, 137-166. 441. Vgl. L. Theopold, Krit. Untersuchungen über die Quellen zur angels. Gesch. d. 8. Jahrh. (Lemgo 1872) S. 102. R. Pauli hat in d. Gött. Nachr. 1878, S. 1-15, neben den nordengl. Nachrichten andere aus Winchester nachgewiesen; nach der Eroberung sind auch die Sanct-gallisch-Cölner Annalen über die Normandie nach England gekommen. — Gegen Hahns Hypothesen, Forsch. XX, 553-569, W. Diekamp, ib. XXII, 425-432.
[3] Dieser scheint der Besitzer des später nach Lorsch gekommenen Wiener Livius gewesen zu sein, nach der Inschrift: „Iste codex est Theatberti episcopi de Dorostat“. Nach Gitlbauer wäre er Vorsteher der Kirche zu D. gewesen und nach dem damals noch schwankenden Gebrauch Bischof genannt, weil er bischöfliche Rechte übte. Denselben hält G. für den Nachfolger Alberichs, der Theodard genannt wird. Gitlbauer de cod. Liv. (Vind. 1876) p. 2-21.
[4] Diekamp im Hist. Jahrbuch V, 257. Ueber Liudger vgl. Hauck II, 317 ff.
[5] V. Liudgeri auct. Altfrido ed. Pertz, MG. II, 403-425 mit Zusätzen und Mirakeln aus den späteren Biographieen. Vitae S. Liudgeri ed. Diekamp, 4 Bd. der Geschichtsquellen d. Bisth. Münster, 1881, mit Benutzung des von Pertz nicht verglichenen Cod. Vossianus. Uebersetzung in: Hüsing, Der h. Liudger, Münster 1878, S. 174-200, und Pingsmann, Der h. Ludgerus, Freiburg 1879, S. 199-228; von Grandaur bei V. Willibrordi. Vgl. Ebert II, 338. — Catal. abb. SS. XIII, 288.
[6] Diekamp. Vitae Liudgeri, p. XXI. Anm. 1. Zu unterscheiden ist ein älterer Gerfrid, welcher eine Bibel schreiben ließ, deren Widmungsverse sich erhalten haben, Poet. Lat. I, 285.
[7] Dümmler, Sedulii Scotti Carmina XL p. 28. Poet. Lat. III, 219.
[8] Zu diesem Kreise gehört auch die Legende über die Stiftung des Klosters Freckenhorst oder Vita S. Thiadildis, ed. Jo. Gamans, Acta SS. Jan. II, 1156-1160 (Kindlinger, Münst. Beitr. II, 9; deutsch in Dorows Denkm.), welche aber erst im 15. Jahrh. aufgezeichnet und von geringem Werth ist. Vgl. Wilmans, Kaiserurkunden der Provinz Westfalen I, 416. W. Diekamp, Forsch. XXIV, 629-653.
[9] Fundatio monasterii Werthinensis bei Ficker, Die Münsterischen Chroniken (1851) S. 352-355. Diekamp, Vitae Liudgeri, p. 286-294, mit neuen Hülfsmitteln; vgl. Al. Schulte, Mittheil. II, 637. Diekamp in d. Zts. f. Westf. Gesch. u. Alt. XLI, 148-164, u. Erläuterung einer Urk. K. Arnulfs. Mitth. d. Inst. V. 622. Ausg. v. Waitz MG. SS. XV, 164-168. — Eine von Liudgers Neffen Hildegrimus diaconus, 853-888 Bischof von Halberstadt, geschriebene Hs. NA. X, 336.
[10] V. Willehadi auct. Anskario ed. Pertz, MG. SS. II, 378-390. Uebersetzt von Laurent, 1856. 1888. Geschichtschr. 14 (VIII, 3). Hs. in einem alten Sanctgaller Catalog, NA. X, 169. Ebert II, 340. Hauck II, 318 bis 320.
[11] G. Dehio, Gesch. des Erzb. Hamburg-Bremen bis zum Ausgang der Mission (Berl. 1877) Ib S. 51-53. Alcuin läßt 789 „dilectissimum meum Uilhaed episcopum“ grüßen, ep. 13 Jaffé.
[12] Rimberts bestimmte Angaben über Karls Absicht zu bezweifeln, sehe ich keinen Grund, wenn auch zuzugeben ist, daß sie keine völlig genügende Sicherheit gewähren.
[13] Diese Angabe der V. Rimb. c. 9 bekämpft Koppmann: Die mittelalterlichen Geschichtsquellen in Bezug auf Hamburg (1868) S. 25. 36-38. Doch scheint mir der Verfasser jener Vita noch eine bestimmte Ueberlieferung gehabt zu haben, und eine Ungleichheit im Stil braucht deshalb nicht hervorzutreten.
[14] V. Rimb. c. 9. Adam Br. I, 36. V. Anskarii, MG. II, 683-725, herausgegeben von Dahlmann, der in den Anmerkungen leider noch das unechte Chron. Corbejense benutzt hat. Octavausgabe v. Waitz 1884; vgl. die Bemerkungen von Kunik, Forsch. XXIV, 191-197. Uebersetzt von Laurent, 1856. 1889. Geschichtschr. 22 (IX, 7). Ueber die neueren Bearbeitungen s. H. A. Schumacher im Brem. Jahrbuch II, 444-468, und jetzt ausführlich über diese und über A. überhaupt G. Dehio a. a. O. Ebert II, 341-343. Anskars Pigmenta (Gebete zu den Psalmen) hat Lappenberg herausgegeben, Ztschr. f. Hamb. Gesch. II, 1 ff. Vgl. Koppmann, Allg. D. Biogr. I, 480-483. Hauck II, 617 ff.
[15] V. Rimberti ed. Pertz, MG. II, 764-775. Ausg. von Waitz mit der V. Anskarii. Uebersetzt von Laurent 1856. 1889 mit Anskars Leben. Brief von Ratramnus an Rimbert über die Hundsköpfe in Hilgenfelds Zts. f. wiss. Theol. 1881. Ein zweiter bei Wilmans Kaiserurkk. I, 566.
§ 16. Fortsetzung. Corvey. Gandersheim. [[←]]
In Fulda, wie in Friesland, in Münster und Bremen, waren es Angelsachsen, welchen die Grundlagen der neuen Entwickelung verdankt wurden; bei Anskar aber war ein solcher Einfluß nicht nachzuweisen. Von Kindheit an im Kloster Corbie an der Somme erzogen, übernahm er dort schon früh die Leitung der Klosterschule und wurde dann der erste Vorsteher der Schule in dem neu gegründeten Tochterkloster Corvey in Sachsen.
Diese Stiftung war eine Frucht der nicht bloß äußerlich durch Zwang und Eroberung, sondern auch innerlich vollzogenen Einigung des fränkischen und des sächsischen Stammes. Schon König Pippins Bruder Bernhard hatte eine sächsische Gemahlin und Bernhards Söhne, Adalhard und Wala, nahmen sich eifrigst der Bekehrung und Belehrung ihres Volkes an.
Adalhard hatte Karls Hof verlassen, als dieser die Tochter des Königs Desiderius verstieß, war in Corbie Mönch geworden, und weil hier die Besuche seiner vornehmen Verwandten die klösterliche Ruhe störten, nach Montecassino entwichen. Aber Karl rief ihn von da zurück; er wurde Abt von Corbie und mußte von neuem an den Reichsgeschäften Theil nehmen. Namentlich hat er längere Zeit hindurch eine sehr bedeutende Stellung in Italien eingenommen. Wala aber war, als Karl starb, über Sachsen gesetzt.
Karl wünschte aus den Sachsen selbst Lehrer des Christenthums zu erziehen, und deshalb hatte er gefangene und als Geiseln übergebene Sachsenknaben in verschiedene Klöster vertheilt; viele derselben waren Adalhards Obhut in Corbie übergeben, und dieser gedachte in Sachsen selbst ein Kloster zu gründen, aber seine Sendung nach Italien verhinderte die Ausführung. Als Ludwig zur Regierung kam und mit dem kleinlichsten Hasse die Staatsmänner seines Vaters verfolgte, wurde Adalhard nach Noirmoutiers verbannt[1], Wala aber Mönch in Corbie. Dieser betrieb nun mit dem größten Eifer die Stiftung eines Klosters unter dem Volke, dem er durch seine Mutter angehörte; schon 815 wurde zu Hethis im Solling[2] eine Celle erbaut, aber der Ort war ungünstig und das neue Kloster fing erst an zu gedeihen, als Adalhard wieder Einfluß gewonnen hatte und Kaiser Ludwig 822 die Stiftung und den Neubau auf dem Königshofe Höxter gestattete[3]. Hier erblühte nun die neue Corbeja, wohin auch Ansgar damals als Lehrer ging, rasch und kräftig; nach Adalhards Tod (2. Januar 826) wurde Warin[4] zum Abt erwählt. Auch er hatte bereits das Schwert geführt und erst im späteren Alter mit der Mönchskutte vertauscht. Im Jahre 830 empfing er in seinem Kloster einen vornehmen Gast, Hilduin, den Abt von St. Denis, der nach Corvey verbannt war. Die liebevolle Aufnahme, welche dieser bei Warin fand, dankte er ihm später nach seiner Rückkehr durch ein kostbares Geschenk, den Leib des heiligen Veit, der 836 nach Corvey gebracht und hinfort als der Hort und Schutz des sächsischen Volkes betrachtet wurde.
Ueber diese Ereignisse berichtet uns ein ungenannter Mönch von Corvey in der Erzählung von der Uebertragung des heiligen Veit[5], der er selbst beigewohnt hatte. Es kann wohl, obgleich Jaffé es nicht gelten lassen wollte, nicht zweifelhaft sein, daß dem Bericht von der Uebertragung und den Wundern die Erzählung der Stiftung des Klosters erst nachträglich vorangestellt ist, doch vermuthlich von demselben Verfasser oder mindestens einem Zeitgenossen. In Corbie dagegen schrieb Radbert, mit dem Beinamen Paschasius, einer der bedeutendsten unter den gelehrten Theologen dieser Zeit[6], das Leben der Brüder Adalhard und Wala, jedoch so überladen mit rednerischem Schmuck, daß die Thatsachen nur mühsam herauszufinden sind. Adalhards Leben[7] ist bald nach seinem Tode, noch bei Lebzeiten des Wala geschrieben; es ist eigentlich nur eine Todtenklage, nach Traube's Vermuthung mit dem Rotulus an die verbrüderten Klöster versandt, und nachträglich, als Wala nicht, wie er gewünscht, Abt von Corvey geworden war, mit Zusätzen versehen. Die hinzugefügte Egloga, ein Wechselgesang der alten und der neuen Corbeja, ist ohne die Vita unverständlich und gehört nothwendig dazu. Schwülstiger und schwer verständlich ist das Leben des Wala[8] († 836), welches in Nachahmung des Cicero[9] in Gesprächsform verfaßt und aus Furcht vor dem Kaiser und Karl dem Kahlen in absichtliche Dunkelheit gehüllt ist; außerdem war der Verfasser nichts weniger als unbefangen und folgte zur Verherrlichung seines Helden und zur Erbauung seiner Leser, wie billig, kirchlichen Gesichtspunkten, politische lagen ihm fern.
Natürlich begannen schon unter Adalhard Schenkungen dem neuen Kloster zuzuströmen; diejenigen Traditionen, über welche eigene Urkunden nicht ausgestellt waren, was damals noch selten geschah, wurden bis 1037 auf eine Rolle geschrieben und von dieser durch den Bruder Johannes abgeschrieben. Es begegnete ihm aber dabei das Unglück, daß er mit der Rückseite anfing, weshalb die ältesten Traditionen unter Adalhard erst § 225 beginnen[10].
Verloren sind uns leider Adalhards Briefe, und nur in einem Auszuge Hinkmars erhalten seine Schrift über die Hofordnung Karls des Großen[11], welche auch so noch zu den lehrreichsten Denkmälern dieser Zeit gehört, deren Zuverlässigkeit aber durch die Ueberarbeitung ungewiß geworden ist. Hinkmar war nämlich damals aus seiner einflußreichen Stellung verdrängt und sehr unzufrieden; er kämpfte vergeblich für die Unabhängigkeit der Bischofswahlen und klagte über den ungeordneten Einfluß von Günstlingen. Deshalb stellte er hier Karlmann, dem Sohne Ludwigs des Stammlers, 882 ein ideales Bild der guten alten Zeit vor Augen. Mit der Wahrheit nimmt Hinkmar es auch sonst nicht eben genau, und Vorsicht ist daher dringend geboten. Im allgemeinen aber entspricht die Darstellung den wirklichen Verhältnissen, wie sie uns, freilich unvollkommen genug, aus Karls Zeit bekannt sind.
Das Andenken Wala's hat sich, wie R. Wilmans sehr scharfsinnig nachgewiesen hat, in dem Nonnenkloster Herford, einer von derselben Familie ausgegangenen Stiftung, erhalten. Man nannte ihn Walder oder Waltger, und Wigand, ein Landpfarrer, vielleicht von Kirchdornberg, schrieb im 13. Jahrh. seine Legende, in welcher freilich von der wirklichen Geschichte nur noch schwache Spuren geblieben sind[12].
Das Leben der Ida, der Mutter Warins (welche Verwandtschaft aber sehr zweifelhaft ist), ist erst auf Anlaß ihrer Erhebung 980 durch den Bischof Dodo von Münster unter Abt Liudolf von Uffing, einem Werdener Mönche, geschrieben und erscheint wenig glaubwürdig[13].
Einige Nachrichten über diese ersten geistlichen Stiftungen im Sachsenlande sind uns ferner noch erhalten in den Berichten über die Erwerbung und Uebertragung der Reliquien, welche zu ihrem Gedeihen nun einmal unerläßlich waren; so erhielt Herford 860 die heilige Pusinna[14], Paderborn schon 836 aus Le Mans den h. Liborius[15]; die Erzählungen davon sind aber erst gegen das Ende des neunten Jahrh. verfaßt, die letztere durch den Bischof Biso, einen Zeitgenossen des Kaisers Arnulf veranlaßt, während die Uebertragung ein Werk des Bischofs Badurad war. Ein gleiches Verhältniß beider Bischöfe begegnet uns darin, daß zu Badurads Zeit Mainulf, ein vornehmer Sachse, Canonicus in Paderborn geworden war und das Nonnenkloster Boeddeken gestiftet hatte, Biso aber dessen Leib feierlich erheben ließ, vermuthlich auch eine Lebensbeschreibung veranlaßte. Diese ist jedoch verloren; wir besitzen nur eine Ueberarbeitung, welche von dem Verfasser Sigeward einem nicht näher bezeichneten Albinus zugeeignet ist. Der Herausgeber C. Byeus vermuthet in jenem den Abt von Fulda (1039 bis 1043) vor seiner Erhebung zur Prälatur, wofür, wie Holder-Egger bemerkt, keinerlei Gründe vorhanden sind, in Albin den berühmten Lehrer Albwin von Hersfeld, welcher 1043 Abt von Nienburg wurde. Die Sprache ist jener Zeit angemessen, Reimprosa mit übertriebenem Streben nach Schönrednerei, mit Brocken aus Horaz und Vergil geschmückt; es war nicht des Verfassers Schuld, daß ihm geschichtliche Thatsachen fast gar nicht vorlagen, und die Wundergeschichten, welche er zu berichten hatte, noch alberner waren als gewöhnlich[16]. Auch das Leben der heiligen Liutbirg[17], einer Klausnerin bei Halberstadt, die bis zu den Zeiten König Ludwig des Jüngeren (876-882) lebte, giebt Kunde von dem Eifer, mit welchem die Neubekehrten sich der Kirche zuwandten, und ist merkwürdig durch die darin enthaltenen Angaben über die Nachkommen jenes Hessi, des Fürsten der Ostfalen, welcher sich 775 Karl dem Großen unterworfen hatte.
Aus Corvey aber sind uns noch Ostertafeln erhalten, im achten Jahrhundert von angelsächsischer Hand geschrieben und mit wenigen Bemerkungen versehen, zu welchen die Mönche des Klosters im Laufe der Zeiten andere hinzugefügt haben; als Geschichtswerk kann man diese kurzen Notizen nicht betrachten, und auch der materielle Inhalt ist für die vorliegende Periode fast ohne Bedeutung[18]. Dagegen hat der Abt Bovo (879-890), ein Neffe Warins, oder nach Wilmans' Vermuthung vielmehr Bovo II (900-916) ein Werk geschrieben, aus welchem Adam von Bremen (I, 41) ein werthvolles Bruchstück über die Normannenschlacht von 884 erhalten hat[19]. Er führt es ein mit den Worten: „de sui temporis actis scribens non reticuit dicens“, und danach möchte man an ein Werk über die Geschichte seiner Zeit denken, doch fällt es auf, daß nirgend sonst sich eine Spur davon findet, auch Adam nur diese eine Anführung hat. Die Hauptsache ist das Verdienst des Erzbischofs Rimbert, von welchem ein Brief über denselben Vorfall in die Fulder Annalen aufgenommen war, aber leider in unserer Handschrift ausgelassen ist. Adam bezeichnet den Vorgang als ein Wunder, und vielleicht waren Wundergeschichten der Inhalt des Werkes. Derselbe Bovo II zeichnete sich durch seine Kenntniß des Griechischen aus, und erregte allgemeines Erstaunen, als er dem König Konrad ein griechisches Schreiben auszulegen vermochte, vermuthlich 913, als der König das Kloster besuchte[20]. Wir besitzen aber noch ein Werk von ihm, welches durch Gelehrsamkeit und vortreffliche Latinität der besten karolingischen Schule vollkommen würdig ist, und auch griechisch geschriebene Wörter enthält, welche Kenntniß der Sprache zeigen, nämlich einen Commentar zu Boeth. de consol. phil. III metr. IX. Diesen schrieb er auf den Wunsch des Bischofs Bovo, seines viel jüngeren Blutsverwandten, der unter ihm in Corvey Mönch geworden[21], und jetzt durch weite Länderstrecken (longinqua nimis terrarum intercapedine) von ihm getrennt war; er schrieb ihm trotz schwerer Sorgen, „inter miserias et aerumnas, quas inter civilia bella et paganorum, ut prophetice loquar, velociores aquilis incursiones sine cessatione patimur“[22].
Begreiflich ist es, daß bei noch wachsender Bedrängniß auch hier die Feder ruhen mußte, daß von Bovo's Ruhm und seinen Werken nur eine dunkle Erinnerung blieb, und daß eine neue Zeit erst anbrach, als die Thaten der Ottonen neuen Anstoß zu schriftstellerischer Thätigkeit gaben.
Dasselbe war der Fall in einem andern Kloster, welches den Ludolfingern noch näher stand als Corvey, in Gandersheim, wo Graf Ludolf selbst um 850 eine ältere Stiftung erneuert hatte und Prinzessinnen seines Hauses als Aebtissinnen walteten. Die erste, bis zum Jahre 874, war Ludolfs Tochter Hathumod, deren Leben von ihrem Bruder Agius beschrieben wurde, der nach einer Vermuthung von Pertz wahrscheinlich Mönch in dem nahe gelegenen Kloster Lammspring war, aber, wie Dümmler bemerkt, ebenso gut Corvey angehört haben kann. In der Form ahmte er, wie Traube bemerkt[23], das Vorbild des Paschasius Radbertus nach, indem er zu der in Prosa geschriebenen Biographie Elegieen hinzufügte, die eine tiefgefühlte rührende Todtenklage enthalten[24]. Sowohl die reine und fehlerfreie Sprache, die gewandte Ausdrucksweise, der fließende, wenn auch nicht ganz correcte Versbau, wie das zarte und sinnige Gemüth des Verfassers, den die innigste Liebesgemeinschaft mit seiner Schwester verbunden hatte, verleihen diesen Schriften einen ganz besonderen Reiz; die mancherlei Nachrichten über die verschiedenen Mitglieder dieser zahlreichen und ausgezeichneten Fürstenfamilie geben ihnen außerdem noch einen größeren Werth für den Geschichtsforscher.
Pertz hat die Vermuthung ausgesprochen, daß wohl derselbe Agius jener sächsische Dichter sein möge, welcher Einhards Jahrbücher metrisch bearbeitete. Dieselben Vorzüge des Ausdruckes finden sich darin wieder, und die einzige vorhandene Handschrift stammt aus dem Kloster Lammspring[25]. Doch ist sie kein Original, und jene Annahme nicht ohne Bedenken. Deutlich aber bezeichnet der ungenannte Dichter sich als einen Sachsen, den in den ersten Jahren der Regierung Königs Arnulfs die Dankbarkeit gegen den großen Sachsenbekehrer, welchem er nicht allein den Glauben, sondern auch die litterarische Bildung allein verdankte, zu dem Unternehmen getrieben habe, Karls Leben und Thaten in Versen zu verherrlichen. Er hält sich dabei ganz genau an die Einhardischen Annalen und an das ausdrücklich citirte Leben Karls von Einhard, welchem das letzte, in Distichen verfaßte Buch entnommen ist; nur wenige Schilderungen aus eigener Kenntniß beleben die reizlose Paraphrase. Von 801 an haben ihm jedoch, wie Bernhard Simson nachgewiesen hat, jene Annalen nicht mehr vorgelegen, sondern dürftigere, den Hersfelder verwandte, vermuthlich Halberstädter Annalen, aus welchen die falsche Angabe über den 803 zu Salz mit den Sachsen abgeschlossenen Frieden sich erklärt[26]. Pückert (S. 172 bis 180) nimmt Benutzung des verlorenen Werkes (oben [S. 226]) in einer Metzer Bearbeitung und Angehörigkeit des Verfassers zu St. Arnulf in Metz an.
[1] Dort ließ er die Historia tripartita abschreiben: „Hic codex Hero insula scriptus fuit jubente sancto patre Adalhardo dum exularet ibi“. Mab. de re dipl. tab. V. Jetzt ist die Hs. in Petersburg, NA, V, 248; eine andere S. 252. — Ein prächtiges, auf Befehl Rodrads von Corbie 853 für B. Hilmerad von Amiens geschriebenes Sacramentar beschreibt Delisle, Sacram. p. 123.
[2] Dahin gehört das in Pfeiffers Germania e cod. Vat. gedr. Mönchsverzeichniß s. IX, nach Enck in der Zts. f. vat. Gesch. Bd. 37, Münster 1879.
[3] So Simson, Ludw. d. Fr. II, 266. Wilmans Kaiserurkunden I, 463 ff., scheint der V. Adalhardi zu viel Glauben geschenkt zu haben, und überschätzte Alter und Autorität der Fundatio Corbejensis, gedr. ib. I, 507. Vgl. Rodenberg, Die Vita Walae, S. 97-104. Gegen beide verwirft Holder-Egger in der neuen Ausg. SS. XV, 2, 1013-1045, die Annahme einer älteren Gründungsgeschichte, er sieht in der 2. Form nur eine Erweiterung der ersten. Diese, kurz vor 1158 geschrieben, wurde zu den Zusätzen zu Thietmar benutzt, welche der Annalista Saxo aufnahm.
[4] Ihm widmete Paschasius Radbertus zwei seiner Schriften, Ebert II, 232. 235. NA, IV, 304.
[5] Historia Translationis S. Viti ed. Papebroch, Acta SS. Jun. II, 1029 bis 1037. Pertz MG. II, 576-585 wiederholte die ältere Ausgabe Mabillons, welcher der Prolog fehlt; Handschriften fehlen. Neue kritische Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 1-26. Uebers. v. Grandaur 1888 nach V. Eigilis. Vgl. Enck: De S. Adalhardo abb. (Diss. Monast. 1873) S. 60: Translatio S. Viti quo tempore scripta quaeque ei fides tribuenda esse videatur. Ebert II, 336-338. Der Verfasser hat die V. Adalhardi schon benutzt. Späten Ursprungs und kaum brauchbar ist S. Justini translatio Roma Corbejam 891, wozu 949 sein Kopf von Magdeburg kam, ed. Meibom SS. I, 769; cfr. Acta SS. Aug. I, 33.
[6] Ueber ein Citat aus Senecas ludus de morte Claudii s. F. Jonas im Hermes VI, 126. Dümmler, NA. IV, 301-305. Ebert II, 230-244; ib. 244-247 über Ratram, Mönch von Corbie. Epitaph des Abts Ratold (986) NA. V, 622. — V. Pascasii Radberti aus d. 12. od. 13. Jahrh. ed. Holder-Egger, SS. XV, 452-454.
[7] Acta SS. Jun. I, 96-111. Mab. IV, 1, 308-344. Excerpte MG. II, 524-532. Die Egloga mit anderen Versen Radberts ed. Traube, Poet. Lat. III, 38-53; vgl. dens. O. Roma nob. S. 310-312.
[8] Mab. IV, 1, 455-522. Excerpte MG. II, 533-569. Vgl. Himly, Wala et Louis le Débonnaire, Paris 1849. C. Rodenberg: Die Vita Walae als hist. Quelle, Gött. 1877. Dass I, 9 unter „Virgilius ille tuus“ Ausonius zu verstehen sei, hat B. Simson nachgewiesen, s. NA. XII, 428. — Gedichte des Engelmod von Corbie ed. Traube, Poet. Lat. III, 54-66.
[9] Nach Traube, Poet. Lat. III, 42.
[10] Nachgewiesen von H. Dürre: Ueber die angebliche Ordnungslosigkeit und Lückenhaftigkeit der Traditiones Corbejenses, im Progr. d. Gymn. in Holzminden, 1877, und Zts. f. Westf. Gesch. Bd. 36. Ausgabe von Wigand 1843.
[11] Hincmari epistola de ordine palatii, gedr. u. a. in Walters Corp. Jur. Germ. III, 761-772. Gengler, Germ. Rechtsdenkmäler, S. 692. Migne CXXV. Ausg. v. Prou, Bibl. de l'École des hautes études 58. 1884. Vgl. Pernice, De Comitibus palatinis (1863) p. 47-50. C. v. Noorden, Hinkmar S. 385. Waitz, Verfassungsgesch. III, 412.
[12] Vita Waltgeri, im Auszug bei Heinrich von Herford. Neue, erste krit. Ausg. bei R. Wilmans Kaiserurkk. 488-501; dazu S. 275-318 wichtige Untersuchungen über die merkwürdige Familie und ihre Stiftungen.
[13] Erste zuverlässige Ausgabe von R. Wilmans a. a. O. 409-488. Vgl. Hüsing, Genealogie der h. Ida, Zts. f. vaterl. Gesch. 38, Münster 1880.
[14] Translatio S. Pusinnae, in berichtigtem Abdruck bei Wilmans a. a. O. 541-546. Auszug SS. II, 681. Bei Henr. de Hervordia ed. Potthast p. 59 sind noch mehr Wunder.
[15] Translatio S. Liborii, MG. SS. IV, 149-157. Uebers. von Grandaur bei V. Eigilis. Vgl. Conr. Mertens: Der h. Liborius. Sein Leben, seine Verehrung u. seine Reliquien. Paderborn 1873.
[16] Vita S. Mainulfi ed. Corn. Byeus, Acta SS. Oct. III, 209-216. Dann folgt die neue Bearbeitung, welche von Gobelinus Persona verfaßt ist, wie Holder-Egger durch die Trierer Hs. sichert. Ausg. d. älteren Vita SS. XV, 411-417.
[17] Bei A. Lang, De Sanctis O. S. Benedicti. B. Pez Thes. II, 3, 146. MG. SS. IV, 158-164 im Auszuge.
[18] Annales Corbejenses, MG. SS. III, 1-18; berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 28-65, wo 7 Notizen 809-840 als Ann. aut Monasterienses aut Werthinenses ausgeschieden sind. Von anderer Hand sind Ann. Corb. 822-879 eingetragen, dann gleichzeitige Fortsetzungen 880-1117. Vgl. oben S. 150. Zu warnen ist vor der Verwechselung mit dem unechten Chron. Corbejense. Ueber die werthvolle ausführlichere Eintragung zu 1046 s. Steindorff, Heinrich III, I, 480. Größeres Facs. mit den Veränderungen der Schrift vom 7. bis 12. Jahrh. in Wigands Arch. f. Gesch. Westf. V.
[19] Abgesondert als Bovonis de sui temporis actis fragmentum, herausgegeben von Jaffé, Bibl. I, 27, vgl. Wilmans a. a. O. S. 304.
[20] „Qui Graecas litteras coram Cuonrado rege legendo factus est clarus.“ Cod. Steinveld. ad Widuk. III, 2.
[21] Nach dem sehr werthvollen, vom Beginn des Klosters bis 1146 fortgeführten Verzeichniß der Aebte und der unter jedem aufgenommenen Mönche, neu herausgegeben bei Jaffé, Bibl. I, 66-72, MG. SS. XIII, 274. Bovo war wahrscheinlich Bischof von Châlons-sur-Marne, † 947, Bruder der Königin Frideruna, Oheim des B. Berengar von Cambrai, s. MG. SS. VII, 431, im Necr. Merseb. zu Dec. 20, Neue Mitth. XI, 250.
[22] Herausgegeben von A. Mai, Class. Auct. III, 332-342. Der Abt ist nur durch B. bezeichnet, kann aber kaum ein anderer sein.
[23] O Roma nobilis, S. 310.
[24] Agii Vita Hathumodae ed. Pertz, MG. SS. IV, 165-189. Uebersetzung von Rückert, Stuttg. 1845, von Grandaur bei Vita Eigilis. Benutzung des Fortunat, NA. IV, 527; in der Prosa der V. Martini ib. XIV, 166. — Ausg. des Dial. von Traube, Poet. Lat. III, 2, 369-388.
[25] Die nachträglich gefundene Brüsseler Handschrift (Archiv III, 379) scheint der Lammspringer zu entstammen, wenigstens hat sie dieselben Lücken. Zur Zeit des Probstes Gerhard u. der Aebt. Judith (1178-1191) schrieb hier die Nonne Ermengarde einige Schriften des h. Augustin ab, Cod. Helmst. 204, s. O. v. Heinemanns Wolfenb. Catalog I, S. 185.
[26] Poetae Saxonis Annales de Gestis Caroli magni imperatoris, ed. Pertz, MG. I, 225-379. Wieder abgedruckt bei Migne XCIX, 683-736. Jaffé, Bibl. IV. 542-627. Ebert III, 125-129. Simson, Der Poeta Saxo und der Friede zu Salz, Forschungen I, 301-326. Pannenborg vermuthet, daß der Verfasser der Gesta Heinrici IV dieses Werk gekannt und nachgeahmt habe. Brieden, Geschichtl. Werth des Poeta Saxo. [←] Progr. d. Laurentianums zu Arnsberg, 1878.
§ 17. Lothringen. [[←]]
Richbod von Trier (795-804) ist als Schüler Alcuins bekannt, und wird als ein Mann von gründlicher Gelehrsamkeit und Bildung gerühmt; Alcuin warf ihm vor, daß er die Aeneide besser kenne, als die Evangelien. Ohne Zweifel wird er sich um die Schulen in seinem Sprengel verdient gemacht haben. Auch Amalarius (809 bis 814) machte sich als Schriftsteller bekannt[1]; an seinen Nachfolger Hetti (814-847) schickte Einhard mit einem freundschaftlichen Briefe (ep. 10, bei Jaffé 23) einen Theil seiner kostbaren Reliquien, vermuthlich für die von ihm gestiftete und 836 eingeweihte Castorkirche zu Koblenz. Von ihm hat sich eine Anleitung zum kirchlichen Unterricht in Gesprächform erhalten[2]; ihm zur Seite stand als Landbischof Thegan, der schon erwähnte Biograph Ludwigs des Frommen. Sein Neffe und Nachfolger war Thietgaud (847-863), Grimalds Bruder, aber sehr unvortheilhaft bekannt durch seine Mitschuld an Lothars II Scheidungsgeschichte. Am Ende des Jahrhunderts, nach der entsetzlichen Verheerung durch die Normannen 882, war Ratbod Erzbischof (883-915), welcher den vertriebenen Abt von Prüm, Regino[3], zu gelehrten Arbeiten veranlaßte.
Dieser Regino war von Jugend auf im Kloster Prüm erzogen, wo schon unter dem Abte Markward (829-853) litterarische Thätigkeit bemerkbar wird. Verwandt mit Lupus, war nämlich auch Markward in Ferrières Mönch geworden, wo damals Alderich, später Erzbischof von Sens, Abt war, und nach Markwards Erhebung zum Abt von Prüm folgte sein Klosterbruder Ado, der als Erzbischof von Vienne seine Neigung zur Geschichtschreibung bewährt hat, der Einladung, eine Zeit lang in Prüm zu wirken. Markward selbst war Hüter und Lehrer Karls des Kahlen gewesen, als dieser 833 nach dem Siege Lothars nach Prüm verwiesen war[4]; Lupus (ep. 85) sendet ihm Grüße von demselben und schickte ihm Knaben zur Ausbildung. Schon bevor er Abt wurde, hatte Lupus 839 das Leben des h. Maximin verfaßt und seinem Freunde Waldo gewidmet, vielleicht demselben, welcher später Abt von St. Maximin wurde (oben S. 236).
In Prüm verfaßte auf Markwards Veranlassung Wandalbert (geb. 813) 839 die geschichtlich nicht ganz unwichtigen Wunder des heiligen Goar, welche er zu der Ueberarbeitung der alten Legende hinzufügte; den Schluß bildet ein ausführlicher Bericht über die Erwerbung der Cella S. Goaris durch Verleihung Pippins und Bestätigung Karls des Großen[5]. Auch besitzen wir von Wandalbert das schon oben ([S. 60]) erwähnte metrisch bearbeitete Martyrologium, welches er auf Antrieb eines sonst nicht bekannten Otricus begann, als er sich in Cöln aufhielt, und nachdem es vollendet war, mit einer Commendation an Lothar versah, 5 lustra nachdem dieser Kaiser geworden, also 848. Die künstlichen Versmaße der dazu gehörigen Gedichte zeugen von seiner Gelehrsamkeit, und während die Hauptmasse ihrer Natur nach fast reine Prosa ist, bieten uns namentlich die Beschreibungen der Monate anziehende Schilderungen ländlicher Beschäftigung in leicht fließenden Versen[6]. Markward aber übertrug im Jahre 844 die Gebeine der heiligen Chrysanthus und Daria nach Münstereifel, welches damals zu Prüm gehörte; Theganbert oder Thegan war es, der sie hier am 25. October feierlich beisetzte, und der Abt versäumte nicht, für die Aufzeichnung dieser Begebenheit zu sorgen oder, wie Holder-Egger vermuthet, sie selbst aufzuzeichnen[7]. Unter Abt Eigil (853-860) brachte der Tod des Kaisers Lothar in der Kutte eines Prümer Mönches dem Kloster hohen Ruhm und reiches Gut; Eigil selbst, ein gelehrter Mann, an den Hraban eine Abhandlung gerichtet hat, entsagte 860 seiner Würde, vielleicht, wie Mabillon vermuthete, weil er die Entscheidung gegen Thietberga unterzeichnet hatte. Er folgte dann einer Einladung Karls des Kahlen und erhielt die Abtei Flavigny, wohin er 864 von Alise-Sainte-Reine die h. Regina übertrug; die Geschichte der Uebertragung sammt den Wundern ließ er aufzeichnen, nachdem er 865 Erzbischof von Sens geworden war[8].
Auch Annalen sind um diese Zeit in Prüm geschrieben; anfangs aus älteren Annalen ausgezogen, bringen sie locale Nachrichten bis 860, bis zu welchem Jahre sie in Stablo ausgeschrieben sind, und wurden dann in Prüm bis 922 fortgeführt; damals hat sie, wie es scheint, der zum Bischof von Lüttich erhobene Abt Richarius nach Lüttich mitgenommen, wo sie weiter fortgesetzt wurden. Aus der Chronik des Regino sehen wir, daß es ein ausführlicheres Exemplar dieser Annalen gegeben haben muß, welches Regino benutzte[9].
Allein im Jahre 882 und noch einmal 892 erlag auch dieses herrliche Kloster den räuberischen Dänen; der Abt Farabert legte nach der Zerstörung desselben sein Amt nieder, und zu seinem Nachfolger wurde Regino gewählt. Aber die Parteikämpfe, welche damals Lothringen zerrissen, ließen auch ihm keine Ruhe; er mußte 899 seinen Gegnern weichen, und fand eine Zuflucht in Trier, wo er im Kloster St. Maximin 915 bestattet ist[10]. Der Erzbischof übergab ihm das ebenfalls von den Normannen verwüstete Martinskloster, welches unter seiner Leitung hergestellt sein soll[11]; vorzüglich aber scheint er sich seiner Gelehrsamkeit bei der Verwaltung seines kirchlichen Amtes bedient zu haben. Oft, sagt Regino, habe er gesehen, wie der Erzbischof sich erzürnt habe über den unmelodischen und fehlerhaften Gesang in den Chören seiner Sprengel, zu welchen er ihn also vermuthlich auf Visitationsreisen begleitet hat. Und wie er diesem Mangel durch seine Schrift de harmonica institutione[12] abzuhelfen suchte, so verfaßte er auf Ratbods Wunsch sein umfassendes und lehrreiches Werk über die Kirchenzucht zu dem praktischen Zwecke, bei Visitationen, welche wegen der argen Verwilderung der Geistlichkeit wie der Laien dringend nothwendig waren, alle erforderlichen Vorschriften des canonischen Rechtes in mäßigem Umfang darzubieten[13]. Diese um 906 unternommene Schrift widmete er Hatto von Mainz, dem damaligen Regenten des Reichs; an den Erzieher des jungen Königs, den gelehrten Bischof Adalbero von Augsburg, sandte er 908 seine Chronik von Christi Geburt bis zum Jahre 906. Dieses Werk verdient unsere Beachtung als einer der frühesten Versuche die Weltgeschichte in einer ziemlich ausführlichen Erzählung zusammenzufassen, eine Aufgabe, an welche sich damals nicht leicht jemand wagte und deren Schwierigkeiten außerordentlich groß waren. Die Ausführung ist freilich auch sehr mangelhaft geblieben und namentlich die Chronologie in der höchsten Verwirrung; auch versucht er gar nicht wie Frechulf eine Verarbeitung seiner Quellen, sondern begnügt sich mit wörtlichem Ausschreiben, was von nun an immer mehr üblich wurde. Beda, die Thaten der Frankenkönige, und andere bekannte Quellen bilden die Grundlage seines Werkes, welches anfangs nach den Regierungen der Kaiser angeordnet ist; weiterhin geht er, der Natur seiner Quellen folgend, in die annalistische Form über und fährt auch selbst in dieser Weise fort. Darin ist seine Chronik den auch von ihm benutzten Reichsannalen ähnlich, aber sie unterscheidet sich sehr wesentlich dadurch, daß er nicht gleichzeitig mit den Begebenheiten schrieb und deshalb auch gerade in der chronologischen Anordnung derselben wenig zuverlässig ist[14].
In dieser Beziehung hat bei ihm wie bei manchem anderen das Vorbild der Annalen nachtheilig gewirkt; denn für die Aufzeichnung unbestimmt gewordener Ueberlieferungen ist die annalistische Form nicht nur hinderlich, sondern die scheinbare Bestimmtheit verleitet auch dazu, den Angaben mehr Gewicht beizulegen, als ihnen zukommt. Bis zum Jahre 814 hat Regino die Lorscher Annalen benutzt; von da an aber fehlten ihm außer den oben erwähnten kurzen Annalen seines Klosters schriftliche Hülfsmittel, was wohl nur durch die Verheerungen der Normannen zu erklären ist, und er mußte sich zur Ausfüllung der großen Lücke von Karls des Großen Tode bis auf seine Zeit allein auf die so unsichere mündliche Tradition verlassen; nur über die Händel, welche Lothars II ärgerliche eheliche Verhältnisse veranlaßten, standen ihn Urkunden zu Gebote[15].
Auffallend und für die Stellung Lothringens charakteristisch ist es dabei, wie wenig Regino von dem Ostfrankenreiche zu sagen weiß, während er von den Westfranken viel und eingehend erzählt, und namentlich die Bretagne besonders berücksichtigt, ein Umstand, den Dümmler durch die dort gelegenen Besitzungen der Mönche von Prüm erklärt. Ueber das, was er selbst mit erlebt hat, giebt Regino sodann ausführliche und schätzbare Nachrichten. Daß er von den entfernteren Ereignissen nur unsichere Kunde erhalten hat, wird man ihm nicht zum Vorwurfe machen; über Lothringen aber war er genau und zuverlässig unterrichtet, und würde gewiß noch tiefer in die dortigen Verhältnisse blicken lassen, wenn ihn nicht die Besorgniß vor dem Zorne der Machthaber verhindert hätte, die ganze Wahrheit zu sagen. Als diesen Machthaber, welchen er fürchtet, hat Harttung mit Wahrscheinlichkeit Karl den Einfältigen nachgewiesen, der nach einer Angabe des Trithemius seine Absetzung veranlaßte, weil er ein Anhänger von K. Odo's Bruder Robert war. Sein Rival war Richar, der Bruder von Gerhard und Matfrid, später Bischof von Lüttich; durch verleumderische Angaben über schlechte Verwaltung soll er ihn verdrängt haben, nach Inhalt eines Briefes von Regino, der den Magdeburger Centuriatoren noch bekannt und wahrscheinlich in einem Exemplar der Chronik abgeschrieben war. Zur Zeit aber, als Regino seine Chronik schrieb, gehörte Lothringen zu Karls Reich[16]. Seine Zurückhaltung hat Regino jedoch nicht davor schützen können, daß aus seinem Werke z. J. 892 ein bedeutendes Stück, in welchem er von seinen eigenen Schicksalen erzählte, ausgeschnitten und vernichtet wurde.
Seine Schreibart ist einfach und dem Gegenstande angemessen, und wenn es ihm auch keineswegs gelungen ist, die Weltgeschichte in wirklich historischer Weise zu bearbeiten, so zeigt er doch für die ihm näher liegenden Zeiten und Verhältnisse einen freien Blick und gesundes Urtheil; die eigenen Erfahrungen und die freundschaftliche Beziehung zu einem hochstehenden Kirchenfürsten erhoben ihn über die gewöhnlichen Annalisten, und sein Werk steht am Ende der karolingischen Zeit als eine bedeutende Erscheinung da, der sich wohl weitere Fortschritte angeschlossen haben würden, wenn nicht gerade jetzt die äußere Noth für lange Zeit alle wissenschaftlichen Bestrebungen erdrückt hätte.
Als die bei allen ihren Mängeln doch bei weitem beste umfassende Behandlung der Weltgeschichte ist Regino's Chronik bis ins zwölfte Jahrhundert viel benutzt worden und hat große Verbreitung gefunden, wobei denn auch seine großen chronologischen Irrthümer manchen irre geleitet haben.
Man kann wohl nicht bezweifeln, daß Lothringen mit seinen bedeutenden Kirchen und Klöstern noch manches andere Geschichtswerk hervorgebracht hat, welches in den furchtbaren Verheerungen des Landes durch Normannen und Ungarn zu Grunde gegangen ist; die blühendsten Klöster verödeten und kamen in Laienhände, so daß eine Periode tiefer Dunkelheit eintrat, welche später der kecken Erdichtung freien Spielraum darbot. Merkwürdig sind auch in dieser Beziehung die Annalen von Xanten[17], weil sie nirgends erwähnt oder benutzt sind, und völlig spurlos verschollen sein würden, wenn nicht Pertz sie 1827 in einer angebrannten Handschrift der Cottonschen Bibliothek entdeckt hätte. So war auch dieser vereinzelte Rest der höheren Ausbildung jener Periode dem gänzlichen Untergange schon ganz nahe gewesen. Nach Xanten sind diese Annalen benannt, weil die Zerstörung des Stiftes durch die Normannen 863 ausführlich erzählt ist, aber sonst ist gar nicht von Xanten die Rede, und auch hier findet sich die falsche Jahreszahl 864, wie überhaupt eine Verschiebung der Jahreszahlen, welche annehmen läßt, daß nur eine Compilation uns vorliegt. Einem Auszug aus den Reichsannalen schließt sich hier eine selbständige Fortsetzung von 831 bis 873 an, von verschiedenen Verfassern gleichzeitig aufgezeichnet, hin und wieder ziemlich ausführlich. Reichsgeschichte zu geben war die Absicht, aber es fehlte die Verbindung mit dem Hofe; Zusammenkünfte der Könige werden erwähnt, aber die Beschlüsse bleiben dem Schreiber unbekannt; zu gleichmäßiger Berichterstattung fehlen ihm die Hülfsmittel. Viel ist von Himmelserscheinungen, Ueberschwemmungen, Heuschrecken die Rede, vom Elend der Zeiten sind die Verfasser sehr erfüllt. Der Cölner Sprengel wird vorzüglich berücksichtigt, daneben der benachbarte von Münster. Vielleicht hat einer der vertriebenen Xantener Chorherren, die nach Cöln flüchteten, dort Aufzeichnungen vorgefunden und fortgesetzt.
In Cöln hat Karls des Großen Erzkaplan Hildebald[18], der von Theodulf unter dem Namen Aaron gefeiert wird, wissenschaftliche Studien begründet. Er ließ die vom Pabst an Karl geschickten Manuscripte für seine Kirche abschreiben; viele davon sind noch vorhanden und jetzt dem Cölner Domcapitel zurückgegeben[19]. Es sind auch kurze Annalen daraus gewonnen[20]. Die Erzbischöfe Hilduin (842-849) und Gunthar (863 entsetzt) werden von Sedulius gepriesen, Gunthar machte selbst Verse und bei ihm erhielt sein Neffe Radbod, später Bischof von Utrecht, den ersten Unterricht[21]. Willibert (870-889) ließ für sich den Codex Carolinus abschreiben[22], und sorgte auch für die Aufbewahrung der Correspondenz, welche durch Gunthars Entsetzung und die folgenden Ereignisse veranlaßt war[23]. Aber von litterarischen Erzeugnissen, wozu jene kleinen Annalen kaum zu rechnen sind, ist nichts auf uns gekommen, wenn nicht vielleicht die Xantener Annalen hierher gehören.
Etwas mehr hat sich aus Lüttich erhalten, dessen später so berühmte Schule in ihren ersten schwachen Anfängen schon jetzt hervortritt. Noch war es ein unbedeutender Ort, als ihm der Leib des um 672 erschlagenen Bischofs Theodard von Mastricht, welchen sein Nachfolger Landebert oder Lambert dort bestatten ließ, ein höheres Ansehen gab. An seinem Grabe wurde Lambert selbst 708 (?) erschlagen: er hatte Pippin und seiner Concubine Alpais Vorwürfe gemacht, Pippin war erschüttert und dachte daran, seine rechtmäßige Gemahlin Plectrudis wieder zu sich zu nehmen, da vollbrachte Dodo, der Bruder der Alpais, die Blutthat. Nachdem eine Kirche dort erbaut und die Gebeine des Märtyrers feierlich erhoben waren, mußte eine Legende geschrieben werden, aber noch fehlte es an geeigneten Kräften. Der Autor, welcher die Ausführung nach dem Maße seiner schwachen Kräfte in barbarischem Latein unternahm, griff zur Vita Eligii und brachte mit starker wörtlicher Ausnutzung derselben sein Werk zu Stande[24]. Der erbauliche Zweck ist durchaus vorherrschend. Aber noch regierte Karl Martell, der Sohn der Alpais, und aus Furchtsamkeit verschwieg er den wahren Anlaß des Todes. Auch Godesscalc, ein Lütticher Domherr, welcher auf Befehl des Bischofs Agilfrid sein Werk um 770 überarbeitete, folgt einfach seiner Vorlage und beschränkt sich auf stilistische Verbesserung. Aber im Volke erhielt sich die Erinnerung der That, und Ado in seinem Martyrologium hat sie kurz berichtet, vielleicht kannte er schon eine Aufzeichnung, deren später Anselm von Lüttich gedenkt, und deren Inhalt durch ihn überliefert, nun auch in die späteren Bearbeitungen überging; auch schon der Verfasser einer poetischen Version im Anfang des 10. Jahrh. deutet darauf hin. Lange Zeit ist der Hergang in entgegengesetzter Weise aufgefaßt; man glaubte hier ein recht deutliches Beispiel davon zu haben, wie die Legenden mit der Zeit wachsen und tendenziös entstellt werden, bis God. Kurth in, wie mir scheint, durchaus schlagender Weise, gestützt auf den aus einer neugefundenen Handschrift ergänzten Text des Anselm[25], den richtigen Sachverhalt nachgewiesen hat[26]. Dieselbe Reticenz finden wir auch in der Vita Theodardi, obgleich sie erst um die Mitte des 8. Jahrhunderts geschrieben wurde[27].
Lambert aber wurde nun der Schutzheilige von Lüttich, wohin von Mastricht der Sitz des Bisthums verlegt wurde. Auch das Leben seines Nachfolgers, des 727 verstorbenen Bischofs Hugbert oder Hubert, ist von einem Zeitgenossen beschrieben und noch in seiner ursprünglichen, sehr barbarischen Form vorhanden[28], nebst dem Bericht über seine erste Translation 743. Wie darin die Vita Arnulfi und Vita Lamberti ausgeplündert sind, haben Demarteau und Krusch gezeigt.
Bischof Waltcaud (810-831) übertrug 825 den h. Hubert nach dem neugestifteten Kloster Andagium, später Saint-Hubert in den Ardennen, und nun bedurfte man einer Biographie, welche den gesteigerten Anforderungen der karolingischen Zeit genügte. Dazu gelang es ihm, den Bischof Jonas von Orléans zu bewegen, der zugleich auch diese neue Translation beschrieb[29]. In der Widmung sagt Jonas zu ihm: cum assit vobis palatina scolasticorum facundia. Doch ist das vielleicht nur Phrase, oder bezieht sich, wie Dümmler, Ostfr. III, 650 annimmt, auf die Hofschule. Lüttich war eine Station für die nach Rom pilgernden Irländer, und es haben sich noch Bittschreiben solcher Wanderer erhalten[30]. Wenn aber in dem einen der Bittsteller, auf die Empfehlung des Kaisers, vermuthlich Karls des Kahlen, sich berufend, mit bitterer Klage über die allzu schmale Kost, den Brüdern der Kirche gleichgestellt zu werden wünscht, so ist auf einen dauernden Aufenthalt und Verwendung der gelehrten Fremdlinge für den Unterricht zu schließen.
Schon Bischof Hartgar (840-854), der Erbauer eines neuen, mit Gemälden schön geschmückten Bischofshofes, nahm in Lüttich den Iren Sedulius und mehrere seiner Landsleute auf; wir werden sie oder ihre Genossen in Mailand wiederfinden, und vielleicht machten sie unterwegs Station in Salzburg. Sedulius, der Verfasser verschiedener theologischer Werke und eines Fürstenspiegels[31], war nicht ohne mancherlei Gelehrsamkeit und metrische Gewandtheit, des Griechischen kundig, aber doch incorrect, oft schwülstig und dunkel, ein Freund willkürlich neugebildeter Worte. Seine adulatorische Hofpoesie, der es zuweilen nicht an ergötzlichem Humor fehlt, feiert Hartgar und seinen Nachfolger Franco (854-901), Gunther von Cöln, bei dem er sich auch einige Zeit aufgehalten hat, Adventius von Metz, den gelehrten Markgrafen Eberhard von Friaul und andere Zeitgenossen; auch Kaiser Lothar und dessen Familie. Ohne Zweifel gebührt ihm und seinen Genossen ein Antheil an der späteren Blüthe der Lütticher Schule, aber auch an der gesuchten und verkünstelten Schreibart, welche dort lange herrschend blieb[32].
Bischof Franco erhob in Eika (Alteneyk bei Maaseyk) die ersten Aebtissinnen Harlindis und Reinila, welche angeblich von Willibrord und Bonifatius geweiht waren, deren Leben bald darauf, noch vor der Verwüstung durch die Normannen, beschrieben ist, und für den Mangel an geschichtlichem Inhalt durch culturhistorische Züge entschädigt[33].
Einen merkwürdigen Mann finden wir in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts in der Brüderschaft der Klöster Stablo und Malmédy, Christian, nach Sigebert aus Aquitanien stammend, einen würdigen Vertreter karolingischer Bildung. Mit umfassender Gelehrsamkeit, auch der griechischen Sprache nicht unkundig, hat er mit merkwürdig freier Denkweise und nüchterner Verständigkeit einen Commentar zum Matthaeus geschrieben, aus welchem Dümmler allerlei für die Zeitgeschichte lehrreiche Aeußerungen zusammengestellt hat[34]. Ausserdem besitzen wir eine bald nach 850 geschriebene Beschreibung der Wunderthaten des h. Remaclus, zu welcher, nachdem das Kloster von der Zerstörung durch die Normannen 881 sich erholt hatte, weitere Zusätze gemacht sind[35].
Außer der kurzen, vom Probst Liuthard verfaßten Erzählung von der Uebertragung des h. Justus bald nach 900 nach Malmédy[36] ist schließlich nur noch die Bisthumsgeschichte von Verdun[37] zu erwähnen, von Berthar, der erste Versuch einer Localgeschichte, an denen später Lothringen so reich war, nach der traurigen Zeit der feindlichen Verwüstungen, denn der Verfasser schrieb erst nach dem Brande der Domkirche im Jahre 916 oder 917; sein Werk reicht aber nur bis in die Zeit des Kaisers Arnulf und ist wegen des fast gänzlichen Mangels an älteren Quellen sehr dürftig[38]. Veranlaßt war er zu seinem Unternehmen durch den Bischof Dado (880-923), den Freund Salomons III von Constanz, von dessen eigenen Aufzeichnungen über seine und seiner Vorgänger Geschichte ein Fragment sich erhalten hat. Aus Metz besitzen wir Briefe und ein Epitaphium des Bischofs Adventius (858-875), den auch Sedulius gepriesen hat[39]; aus Toul sind uns einige Briefe des Bischofs Frothar (813-848) erhalten[40].
[1] Außer verschiedenen Schriften kirchlichen Inhalts (s. NA. XIII, 305-323, XVII, 456) schrieb er nach der Gesandtschaftsreise, die er 813 mit Abt Peter von Nonantula nach Constantinopel unternahm, die dunkeln und in der Ueberlieferung verderbten Versus marini, gedruckt in Alcuins Werken, ed. Froben II, 525; Jaffé, Bibl. IV, 426; Dümmler, Poet. Lat. I, 426.
[2] Herausgegeben von Dr. Nolte im Jahresbericht d. Ges. f. nützl. Forsch. in Trier f. 1872/73 (1874) S. 50-58.
[3] Baehr S. 184-186. 535-538. Dümmler in der Vorrede zur Uebersetzung der Chronik. H. Ermisch, Die Chronik des Regino bis 813, Gött. 1872. Vergl. unten [→ S. 260.]
[4] Vgl. darüber B. Simson, Ludwig d. Fr. II, 63 Anm. 2.
[5] Die werthlose alte Vita S. Goaris bei Mab. II, 276-280; dann folgt die von Wandalbert mit den Wundern. Miracula S. Goaris, ed. Holder-Egger, SS. XV, 361-373, mit der Vorrede der Vita.
[6] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 305-312; Ebert II, 185-191; das Martyrol. Poet. II, 567-622. Die von Rettberg bezweifelten Verse über die Cölner Märtyrerinnen sind sicher echt. Uebersetzung der Verse über die Monate von Paul Herzsohn in d. Westd. Zts. 1, 277-290.
[7] Historia translationis Chrisanthi et Dariae, Mab. IV, 1, 611-618. Acta SS. Oct. XI, 490-495 ed. B. Bossue, Annalen f. d. Gesch. d. Niederrheins XX, 96-217, Ausg. u. Abhdlg. von Floß. Auszug MG. SS. XV, 373. 374.
[8] Translatio S. Reginae bei Mab. IV, 2, 238, Acta SS. Sept. III, 40, nebst einer Urk. Eigils über eine daran sich schließende Stiftung zu Corbiniacum. Auszug v. Holder-Egger SS. XV, 1, 449-451.
[9] Annales Prumienses a. 122-1044 ed. O. Holder-Egger, SS. XV, 2, 1289-1292. Es folgen noch Ann. Prum. brevissimi a. 906-919. 1226 bis 1238. Vgl. F. Kurze, NA. XV, 318.
[10] Weil sein Grabstein da gefunden ist, hat man geglaubt, daß er in diesem Kloster Aufnahme gefunden habe, aber es lag damals nach der Verwüstung durch die Normannen in Trümmern.
[11] Vita S. Magnerici, MG. SS. VIII, 208; vgl. Archiv III, 291. Regino soll nach späteren Aufzeichnungen aus Altrip am Rhein gebürtig sein.
[12] Gedruckt, doch ohne den tonarius, bei Gerbert, SS. eccl. de musica sacra I, 230-247. Neue Ausg. mit Facs. des tonarius bei Coussemaker, Scriptores de Musica Medii Aevi Paris (1867) II, 1-73. Hs. s. X. in Brüssel 2751, nach Dümmler. Die Schrift war für den Erzbischof, als gelehrten Musiker, und für tüchtige Sänger bestimmt, nicht für Walcaud: frustra enim lyra asino canitur. — Walcaud presb. im Cal. S. Maximini zum 10. August, Archiv XI, 290. Vgl. W. Brambach: Die Musiklitteratur des Mittelalters bis zur Blüthe der Reichenauer Sängerschule (500-1050) 1883.
[13] Reginonis libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis, ed. Wasserschleben, Lips. 1840.
[14] Reginonis Chronicon, ed. Pertz, MG. I, 536-612. Ausg. von Fr. Kurze 1890, 8. Vgl. von dems. Ueberlieferung u. Quellen der Chronik Regino's u. seines Fortsetzers, NA. XV, 293-330. Uebersetzung von Dümmler, 1857. 1890. Geschichtschr. IX, 12, Bd. 27. Ueber Benutzung des Justin s. Rühl, Verbreitung des Justin im Mittelalter, S. 12-14. [←] Von der Fortsetzung s. unten [→ III, 6].
[15] Die Actenstücke hierüber und besonders über die nach Gunthars Absetzung am 7. Jan. 870 vollzogene Wahl Williberts von Cöln sind vermehrt durch die von Floß, Die Pabstwahl unter den Ottonen, Urkunden S. 24-102 herausgegebenen Schreiben. — Dümmler, Ostfr. III, S. 170, giebt aus einer Londoner Handschrift der Chronik des Regino die von Lappenberg entdeckte Grabschrift des Grafen Heinrich († 886); jetzt auch in d. Ausgabe v. Kurze. S. 126. [←]
[16] Harttung, Forsch. XVIII, 362-368.
[17] Annales Xantenses ed. Pertz, MG. II, 217-235. Uebers. bei den Fulder Annalen. Hans Steffen: Beiträge zur Kritik d. X. Annalen, NA. XIV, 87-109. Der Anfang 640 bis 789 ist jüngeren Ursprungs, von einem Mönch des Klosters Egmond, von wo die Hs. stammt, und nach Bonnell, Anfänge S. 149, aus Sigebert genommen, mit Einschaltungen aus Regino und Legenden. Bestätigend Oelsner, Pippin S. 518. Doch vgl. B. Simson, NA. II, 628; Waitz ib. V, 493. Ueber die Ortsbezeichnung Gronneorum s. Meyer von Knonau über Nithard S. 143. — Kirchweihnotizen aus Xanten 1081-1411 als Notae S. Victoris Xant. MG. SS. XIII, 43-45.
[18] Die Angaben über sein Sterbejahr schwanken zwischen 818 u. 819, Sept. 3. B. Simson, Ludw. d. Fr. S. 232 für 818.
[19] Hartzheim, Catal. bibl. Colon. (Col. 1752); cf. Archiv VIII, 617 ff. Rettberg I, 540. Jaffé et Wattenbach, Ecclesiae Colon. Codices manuscripti, Berol. 1874; vgl. das Verz. der „libri praestiti de armario S. Petri“ saec. XI, ed. Dümmler e cod. Ampl. 64, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 466.
[20] Davon gehören hierher Ann. S. Petri Coloniensis 798. 810-818, nur einzelne Notizen e cod. 83 II, MG. SS. XVI, 730, Codd. p. 29. 30, und bei Krusch, Studien zur christlich-mittelalterlichen Chronologie (Leipz. 1880) S. 197. Ann. Col. brevissimi 814-870, I, 97 aus Eckh. Comm. de rebus Franciae orientalis.
[21] Dümmler, Ostfr. II, 10. Höchst wahrscheinlich ist er der Gunthar, dem Meginhard ein Werk widmete, s. oben [S. 240]. Ein gleichzeitiges Gedicht in roher Form zum Preise Gunthars e cod. S. Galli 904 ed. Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XVIII, 10; vgl. NA. IV, 319; wiederholt von Traube, Poet. Lat. III, 239.
[22] Jaffé, Bibl. IV, 2. Auch im Wiener Cod. der Bonifaz. Briefe ist eine auf Williberts Weihe bezügliche Notiz, Bibl. III, 11.
[23] S. oben S. 261 [Anm.→1]. Zu der bei Floß, Urkk. S. 124, erwähnten Verwüstung durch die Normannen 881 ist zu bemerken, daß nomina die Reliquien sind.
[24] Nachgewiesen von Kurth in der gleich zu erwähnenden Schrift, [←1] S. 102-112; es ergibt sich daraus auch, daß die Translation und Mirakel von dems. Vf. sind. Als diese älteste Vita Lamberti [←2] betrachtet Kurth die bei Mabillon, Act. III, 1, 69-76, gedruckte, welche bisher Godesscalc zugeschrieben wurde. Vgl. Fr. Scheibelberger: Die älteste Vita S. Lantperti, Oest. Vierteljahrsschrift f. Kath. Theol. (1871) X, 222-224, über den älteren einfacheren Text eines Linzer Codex. NA. II, 256 über den Brüsseler Cod. 9368. — Ein Plagiat der V. Lamberti ist die älteste V. Remaeli, wie Kurth nachgewiesen hat im Bulletin de la Commission roy. d'histoire, 4. Série, tome III, n. 3.
[25] In Anselms c. 8, MG. SS. VII, 195, muß es am Schluß der aus Regino (der aus Ado schöpfte) entlehnten Stelle: „ab iniquissimo Dodone et aliis viris de palatio missis improvise conclusus intra domum ecclesiae in Leodio vico occiditur“ heissen: Qua vero de causa regiam domum increpaverit, sic habet adhuc alterius scripturae relatio nobis a prioribus relicta u. s. w. Notice sur un manuscrit d'Hariger et d'Anselme conservé à l'abbaye d'Averbode. Bull. de la Comm. roy. 4. Série, II, n. 7. Kurth vermuthet eine Aufzeichnung in Stablo, wo Lambert früher, als er aus Mastricht vertrieben war, eine Zuflucht gefunden hatte; keine Vita Lamberti.
[26] Étude critique sur S. Lambert et son premier biographe. Mém. couronné. Anvers 1876.
[27] Kurth, Étude, p. 67 ff.
[28] W. Arndt, Kleine Denkmäler aus der Merowingerzeit (1874) S. 52 bis 70. Ausg. von De Smedt, Acta SS. Nov. I; vgl. Krusch, HZ. LXV, 103-105.
[29] Translatio S. Huberti, Mab. IV, 1, 295 (278 ed. Ven.). Vorrede zu dem ganzen Werk Forsch. VI, 126, und bei Arndt a. a. O. nebst Inhaltsverzeichniß u. Translatio, S. 70-82; Transl. MG. SS. XV, 234-237, von L. v. Heinemann. Ueber Jonas s. Ebert II, 225-230. Seine Schriften de institutione laicali und de institutione regia (834 für K. Pippin verfaßt) sind sehr lehrreich für die Kenntniß der damaligen Zustände; vgl. darüber B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 381; K. Amelung, Leben u. Schriften des Bisch. Jonas v. Orléans, Progr. d. Vitzthumschen Gymn. zu Dresden 1888 (NA. XIV, 219).
[30] Dümmler, NA. XIII, 360-369, aus d. Zeit d. Bischofs Franco.
[31] Sedulii liber de rectoribus christianis, ed. A. Mai, Spicil. Rom. VIII, 1-69. Nach Dümmlers Vermuthung vielleicht für Lothar II bestimmt; ältere Hss., welche die Entstehung nach Ludwigs d. Fr. Tod bestätigen, NA. III, 188. Entlehnungen aus der Hist. Aug. stammen nach Mommsen im Hermes XIII, 298-301, aus der Sammlung von Excerpten, welche sich in einer Cusaner Hs. erhalten hat. — Vgl. Ebert II, 191-202; Dümmler, NA. IV, 315-320.
[32] Nachdem die Gedichte des Sedulius von Dümmler, Grosse, Pirenne einzeln herausgegeben waren, sind sie jetzt vereinigt von Traube, Poet. Lat. III, 151-237, und über die sehr merkwürdige Persönlichkeit des Sedulius handelt ders. in O. Roma nobilis, S. 338 ff.
[33] Acta SS. Mart. III, 386-392, und daraus Mab. III, 1, 654-663. Ueber die Bestätigung der Nachrichten durch Denkmäler Friedrich, Kirchengeschichte II, 346.
[34] Ueber Chr. von Stavelot u. seine Auslegung zum Matthaeus, Berl. SB. 1890, S. 935-952.
[35] Ex Miraculis S. Remacli Stabulensibus, ed. O. Holder-Egger, SS. XV, 1, 431-443.
[36] Martene. Coll. VI, 833; MG. SS. XV, 1, 566. Spät geschrieben und fabelhaft ist die Translatio S. Quirini Malmundarium, angeblich 808, mit einem fingirten Briefe Hildebalds von Cöln an Karl den Großen. Mart. Thes. III, 1685-1690.
[37] Bertharii Gesta episcoporum Virdunensium, ed. Waitz, MG. SS. IV, 36. Benutzung von Fortunats Gedichten NA. XII, 591. Nomina epp. Virdun. SS. XIII, 307.
[38] Ueber die fabelhafte Vita S. Mengoldi s. oben [1→S. 174.]
[39] Poet. Lat. III, 225. Ueber Adventius s. Baehr S. 110; aus einer Briefsammlung, die sich auf Lothars II Ehehandel bezieht, sind bei Baronius noch mehr Briefe, alle von Dümmler sorgfältig benutzt und angeführt. — NA. IV, 526.
[40] Du Chesne II, 712-723. Bouquet VI, 386-397. Vgl. Ch. Pfister in Annales de l'Est 1890, S. 261 ff.
§ 18. Schwaben. [[←]]
Stälin I, 235-240. Baehr S. 118-122. Ild. v. Arx, Geschichte von St. Gallen. Weidmann, Geschichte der Bibliothek von St. Gallen, 1841. G. Scherrer, Verz. der Handschriften d. Stiftsbibl. Halle 1875. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen Manuscripten der Schweizer Bibliotheken, in den Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich VII, 3. 1851. Dümmler, Das Formelbuch des Bischofs Salomo III von Constanz, 1857. Derselbe, St. Gallische Denkmale aus der Karolinger Zeit, Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft XII, 6. 1859. G. Meier, Gesch. d. Schule von St. G. im Mittelalter, im Jahrb. f. Schweizer Gesch. X. St. Gallische Geschichtsquellen, neu herausgeg. v. G. Meyer von Knonau. 1870-1877. Rec. von Dümmler, HZ. XXXVIII, 327-343. Uebers. von Ekk. Casus nebst Proben aus den übrigen Theilen, von M. v. Knonau, 1878, Geschichtschr. 38 (X, 11). Ueber Sanct-gall. Formelsammlungen Zeumer, NA. VIII, 505-553.
Wenden wir unsern Blick nach dem Süden Deutschlands, so zieht vor allem St. Gallen unsere Aufmerksamkeit auf sich, nebst dem nahe gelegenen Reichenau. Hatten wir früher schon in dem alten Leben des heiligen Gall wenigstens einen ersten Versuch litterarischer Thätigkeit zu erwähnen, so finden wir nun auch hier einen Schüler Alcuins, Grimald, als Abt (841-872); Sanctgaller Mönche, wie Werinbert und Hartmut, Otfrids Mitschüler, besuchen, wie es scheint, die berühmte Schule des Klosters Fulda, und Hrabans Schüler Walahfrid wird Abt von Reichenau (842-849). Hierzu kommt noch der Unterricht gelehrter Iren, welche auch die Kenntniß des Griechischen hier heimisch machen, während der lebhafte Verkehr mit Italien nicht minder anregend wirkt. Die Sanctgaller Schule war vielleicht von allen die bedeutendste, und glücklicher Weise besitzen wir zugleich von ihr das lebendigste Bild in der reichhaltigen Klosterchronik[1], welche von verschiedenen Verfassern bis 1330 fortgeführt wurde. Die Schule war hier lange Zeit der Mittelpunkt des Klosterlebens, der Stolz und die Freude der Sanctgaller Mönche, und die Lebensnachrichten von den bedeutenderen Lehrern nebst mannigfachen Schulgeschichten verschiedener Art nehmen einen sehr hervorragenden Raum in der Chronik ein. Doch die Aufzeichnung dieses Theiles derselben gehört einer späteren Zeit an; von Ekkehard (IV) im elften Jahrhundert nach mündlicher Ueberlieferung aufgezeichnet, ist er in allen Einzelheiten unzuverlässig, giebt aber doch ein culturhistorisch unschätzbares, im Gesammteindruck auch sicher zutreffendes Bild. Der erste Theil dagegen bis zum Jahre 883, von Ratpert verfaßt, ist erfüllt von den äußeren Schicksalen des Klosters, den langen Kämpfen um seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit, welche den Bischöfen von Constanz nur mit Mühe abgerungen war, und gegen verschiedene Anfechtungen vertheidigt wurde. Das Verhältniß zu den Bischöfen, welche formell völlig im Rechte waren, hat Ratpert, der schon ganz entstellten Klostertradition folgend, durchaus umgekehrt dargestellt, wie kürzlich Sickel auf die Urkunden gestützt nachgewiesen hat[2]; seine Aufmerksamkeit aber war diesem Gegenstand so vorwiegend zugewandt, daß er auch aus der späteren Zeit der Blüthe wenig über das innere Leben des Klosters berichtet.
Die ersten Zeiten des angestrengten und oft unglücklichen Kampfes waren der litterarischen Entwickelung nicht günstig. Eine Zierde des Klosters war jedoch schon damals Waldo, der zum Abt erhoben, nach Ratperts Darstellung wegen der Bedrängung durch den Bischof nach 1-1/2 Jahren (784) die Abtei Reichenau erhielt, welcher er 22 Jahre vorstand, endlich aber als Abt von Saint-Denis bis an seinen Tod 813 an dem litterarischen Treiben des Hofes Theil nahm[3].
Die neugewonnene Freiheit unter dem selbständigen Abte Gozbert (816-837) erwies sich für das Gedeihen des Klosters sehr förderlich; 830 begann Gozbert den Bau der neuen Kirche, zu welcher er den noch vorhandenen Grundriß[4] entwerfen ließ; der Urheber desselben, welcher den Musterplan eines großen Benedictinerklosters darstellt, ist unbekannt, eine Widmung, gerichtet, wie es scheint, an den jüngeren Gozbert, des Abtes gleichnamigen Neffen. Dieser beschrieb um diese Zeit das Leben des ersten Sanct Galler Abtes Othmar, welcher am 16. November 759 in der Verbannung gestorben war, und fügte auch zum Leben des heiligen Gallus, welches der Reichenauer Wetti für Gozbert bearbeitet hatte (oben S. 120), ein Buch über die Wunder desselben hinzu. Doch genügten ihm selber diese Arbeiten nicht, und er bat den berühmten Abt von Reichenau, Walahfrid, beide zu überarbeiten[5]. Uns liegt daher das Leben Othmars nur in Walahfrids reiner Sprache vor; es enthält einige schätzbare Nachrichten über die damaligen Verhältnisse von Alamannien, doch tilgte leider Walahfrid die Namen der Gewährsmänner als zu barbarisch. Begreiflich ist es, daß man daneben auch des heiligen Gallus Leben in seiner schlichten unsauberen Gestalt nicht mehr ertragen konnte: wenn es bei der Mahlzeit oder am Gedächtnißtage des heiligen Mannes verlesen wurde, störten die Germanismen und Sprachfehler die Andacht der Zuhörer. Walahfrid mußte deshalb auch dieses Buch nebst den dazu gefügten Wundergeschichten in eine zeitgemäße Form bringen[6]; doch hat sich auch Wettins Arbeit erhalten. Auch in Versen wollte Walahfrid denselben Gegenstand behandeln, ist aber nicht mehr dazu gekommen. Dagegen hat es auf das ungestüme Andrängen des jüngeren Gozbert, des Kahlkopfs, ein ungenannter Mönch unternommen und in der That Walahfrids Werk im Jahre 850 in Hexameter umgesetzt, doch stand sein Können bei weitem tiefer und entsprach nicht seinem guten Willen[7].
Nach dem Bürgerkriege verlieh Ludwig der Deutsche die Abtei seinem Erzkaplan Grimald (841-872), der sich das Wohl derselben sehr angelegen sein ließ, so daß jetzt die rechte Blüthezeit des Klosters und namentlich der Schule beginnt[8]. Da er selbst nicht Mönch war und in der Regel am Hofe lebte, vertraute er Hrabans Schüler Hartmut die unmittelbare Verwaltung des Klosters an, und nach Grimalds Tod stand dieser demselben bis 883 als Abt vor. Beide sorgten eifrig für die Bereicherung der Bibliothek, und als der erste bedeutende Lehrer wird unter ihnen Iso genannt[9]; ihm zur Seite der Schotte Moengal, auch Marcellus genannt[10], welcher in der inneren Schule die für das Mönchskleid bestimmten Knaben unterwies, während jener in der äußeren Schule die Söhne des Adels für ihren Beruf als Domherrn und Bischöfe vorbereitete.
Im Jahre 864 wurde Othmars Leib erhoben und in der neuen Kirche des heiligen Gallus feierlich beigesetzt, bis 867 die ihm bestimmte eigene Kirche vollendet war, welche auch Grimalds Ruhestätte wurde, der 870 zuletzt als Kanzler erscheint, und den Rest seiner Tage in St. Gallen zubrachte. Von jener Erhebung Othmars mit den Wundern, die dabei natürlich nicht fehlten, berichtet uns eine bald nachher verfaßte Schrift Iso's[11]. Später soll dieser jedoch das Kloster verlassen, und als Lehrer im Kloster Grandval eine große Wirksamkeit und außerordentlichen Ruf erlangt haben, bis er am 14. Mai 871 starb.
Die volle geistliche Bildung der inneren Schule erhielten zwei Schüler des Iso, welche Marcellus von ihm übernahm, und nicht minder als in der Wissenschaft, auch in der Musik und anderen Künsten unterwies, deren er als Irländer Meister war. Diese waren der berühmte Erfinder der Sequenzen, Notker der Stammler[12], später Marcellus' Gehülfe, Verfasser des oben erwähnten Martyrologiums und anderer Werke, die wir gleich zu erwähnen haben werden, und der kunstreiche Tutilo[13]. Als dritten nennt Ekkehard auch Ratpert, einen Züricher, der aber vielmehr sein Zeitgenosse war, und bis an das Ende des neunten Jahrhunderts der Klosterschule vorstand. Dieser hat, wie schon erwähnt, den ersten Theil der Klosterchronik verfaßt. Die Einweihung der von der Aebtissin Bertha, Ludwig des Deutschen Tochter, neu erbauten Fraumünsterkirche in Zürich verlockte ihn zu einer Wallfahrt, die er in Versen ausführlich beschrieb[14]; übrigens aber war er so eifrig in seinem Amte, daß er jede Entfernung vom Kloster dem Tode gleich achtete, und nicht mehr als zwei Schuhe im Jahre verbrauchte; selbst die Messen und Gebete versäumte er darüber, denn sagte er, wir hören die besten Messen, wenn wir andere lehren sie zu feiern. Unnachsichtig handhabte er den Stock, der überhaupt in diesen Jahrhunderten eine große Rolle in der Erziehung spielte, und doch wußte er sich durch seine Berufstreue und wahres Wohlwollen auch die Liebe seiner Schüler zu gewinnen. Als er auf seinem Todbette lag, hatte gerade das Fest des heiligen Gallus (Oct. 16) die Geistlichkeit Alamanniens im Kloster versammelt, und 40 seiner Schüler umgaben das Sterbelager ihres Lehrers[15].
Als Karl III 883 das Kloster besuchte[16], fand er in St. Gallen einen alten Mönch, dessen Gedächtniß noch in die Zeit des großen Karl reichte und der die Geschichten zu erzählen wußte, welche er einst von des tapferen Gerolds Waffengefährten, von Adalbert und dessen Sohne, dem Priester Werinbert, gehört hatte. Karl III, von dem sonst wenig löbliches zu berichten ist, hatte an diesen Geschichten solche Freude, daß er den guten Alten veranlaßte, sie aufzuschreiben; emsig ging er an die Arbeit, scheint sie aber nicht vollendet zu haben. In diesem Mönche hat man schon früh Notker den Stammler erkannt, aber Pertz widersprach dieser Annahme, weil der Stil gar zu roh und grammatisch fehlerhaft ist, und weil Notker damals noch nicht alt genug war, um durch Zahnlosigkeit zum Stammler geworden zu sein. Es scheint jedoch, daß er durch einen Naturfehler gestammelt hat, und die Vergleichung der Ausdrucksweise hat den vollkommen überzeugenden Nachweis gestattet, daß wirklich Notker der Verfasser dieses anmuthigen Buches gewesen ist, an welchem man schon früh und vielfach Gefallen gefunden und es trotz seiner mangelhaften Form mit Einhards Meisterwerk verbunden hat.
Ferner aber ist es wegen der auffallendsten Uebereinstimmungen in Ausdruck und Auffassung als vollkommen sichergestellt anzusehen, daß Notker auch der Fortsetzer der oben [S. 219] erwähnten Chronik Erchanberts gewesen ist[17]. Er fügte nämlich eine kurze Uebersicht über die Theilungen und die Regentenfolge im karolingischen Reich hinzu, bald nach der Kaiserkrönung Karls III (881), von dem er mit lebhafter Verehrung spricht, wie denn auch damals noch kein Grund war, an seinen guten Erfolgen zu zweifeln.
Des Kaisers Besuch erschien als ein Höhepunkt der Blüthe des Klosters, und nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet Meyer von Knonau, daß eben hierdurch Ratpert zur Abfassung der Gesta veranlaßt sei, welche mit diesem Besuche abschließen. Auch mit des Kaisers Günstling, Bischof Liutward von Vercelli, einem geborenen Schwaben, standen die Mönche in gutem Vernehmen und Notker widmete ihm seine Sequenzen[18].
Am Schlusse dieser Periode steht Notkers berühmtester Schüler[19] Salomo III, von 890-920 Bischof von Constanz und zugleich Abt von St. Gallen, ein Mann von den glänzendsten Geistesgaben, der kluge und gelehrte Freund Hatto's von Mainz, der das schöne und blühende Kloster wie seinen Augapfel liebte und hegte. Mehrere uns erhaltene Briefe und Gedichte zeugen von Notkers Liebe zu ihm und zugleich von der Sorge des treuen Lehrers um das Seelenheil seines Schülers in den Gefahren der Welt, denen er am Königshofe ausgesetzt war. Eine Mustersammlung von Urkundenformeln und Briefen[20], in welcher uns einige auch für die Geschichte der Zeit wichtige Briefe aufbewahrt sind, während die Urkunden über mannigfache Verhältnisse reichen Aufschluß gewähren, schrieb Dümmler Salomo um das Jahr 896 zu, während nach Zeumers Ansicht Waldo mit seinem Bruder Salomo sie 877 und 878 während ihres Aufenthalts bei Salomo II von Constanz und Liutbert von Mainz zusammengebracht haben, Notker nachträglich noch einige Briefe hinzugefügt hat. Schon war man in Reichenau[21] und an andern Orten mit ähnlichen Sammlungen vorangegangen, aber die Sanctgaller Sammlung läßt sie durch ihren Inhalt wie durch ihre Form weit hinter sich. Aus der späteren Zeit besitzen wir von Salomon zwei schöne poetische Episteln an den Bischof Dado von Verdun, deren ansprechender, von wahrem Gefühl getragener Inhalt die ziemlich incorrecte Form übersehen läßt; die Ueberschrift „Versus Waldrammi ad Dadonem episcopum a Salomone episcopo missi“ läßt jedoch vermuthen, daß sie nur im Auftrag und nach Anweisung Salomons in dessen Namen von Waldram verfaßt sind. In der einen[22] beklagt der Bischof in elegischer Form voll tiefer Trauer den Tod seines letzten Bruders, des Bischofs Waldo von Freising (906), an den nach Zeumer mehrere der Briefe in der Formelsammlung gerichtet sind; in der anderen[23], schon früher geschriebenen, schildert er mit den lebhaftesten Farben das Unglück des Vaterlandes, dessen König ein Kind ist, dessen Gaue erfüllt sind von allgemeiner Zwietracht, von innerem Kampfe in allen Ständen des Volkes, während die Ungern ungehindert das Land verheerend durchziehen. Auch St. Gallen wurde von ihnen 926 verheert.
Ekkehards lebendige Schilderung hat die Sanctgaller Schule unsterblich gemacht; ohne ihn würden wir nicht so gar viel davon wissen, und ohne Zweifel herrschte in manchem andern Kloster ein ganz ähnliches Treiben, von dem nur niemand uns Nachrichten aufbewahrt hat. So vor allem in Reichenau, welches schon in hoher Blüthe stand, als St. Gallen noch schwach und unbedeutend war[24]. Abt Waldo (784-806), ein vornehmer Herr, mit Grimald nahe verwandt und vorher Abt von St. Gallen (oben S. 269), hatte schon den Mönch Wadilcoz nach dem Martinskloster zu Tours geschickt, der von dort Bücher für die Bibliothek übersandte, welche Waldo mit großem Eifer zu bereichern bestrebt war[25]; unter ihm begann der fleißige Reginbert seine musterhafte Thätigkeit für dieselbe, welche er bis an seinen Tod 846 rastlos fortsetzte, theils durch eigene Arbeit, theils durch Geschenke die Sammlung zu sehr ansehnlichem Umfang vermehrend[26]. Ihm übersandten seine Schüler Grimald und Tatto die Klosterregel nebst den Beschlüssen des Reichstages von 817, der wohl ihre Aussendung veranlaßt hatte[27]. Auf seinen Antrieb schrieb Walahfrid das bedeutende Werk de rebus ecclesiasticis, wie dieser es in den Worten ausspricht: Dura Reginberti jussio adegit eum. Als Lehrer war neben ihm Heito thätig, ein Bruder jenes Wadilcoz, Waldo's Nachfolger als Abt und Bischof von Basel, welches Bisthum Waldo ebenfalls verwaltet hatte. Karl der Große sandte ihn 811 nach Constantinopel, und über diese Sendung verfaßte er eine Reisebeschreibung[28], die leider verloren ist; 823 entsagte er seinem Bisthum und zog sich in sein altes Kloster zurück, wo er 836 gestorben ist. Die Abtei übergab er Erlebold (823-838), der bei einem leider ungenannten Schotten große Gelehrsamkeit erworben, und Heito auf seiner Reise begleitet hatte. Der Schule standen jetzt Tatto († 847) vor, den Walahfrid seinen Lehrer nennt, in dessen Namen er Verse an Ebo von Reims und an Thegan richtete[29], und Wetti, ein naher Verwandter Grimalds und Waldo's. Wie mangelhaft jedoch noch seine grammatische und metrische Bildung gewesen ist, haben wir jetzt erst mit Verwunderung erfahren, da durch das von Bücheler entdeckte Akrostichon (oben S. 120) festgestellt ist, daß er der Verfasser der Vita S. Galli und ihrer Widmung in ganz barbarischen Hexametern ist, welche man für viel älter gehalten hatte. Wetti hatte kurz vor seinem Tode am 3. November 824 eine Vision, indem er, wie so viele andere vor und nach ihm, Himmel und Hölle zu durchwandern glaubte, und was er in diesen Regionen gesehen zu haben vermeinte, den gläubigen Brüdern berichtete. Heito hatte diese Vision in Prosa[30], Walahfrid in Versen bearbeitet[31], und der Eindruck derselben auf die Zeitgenossen war außerordentlich groß; hatte er doch sogar den großen Kaiser Karl im Fegefeuer Schlimmes leiden gesehen, auch Waldo. Beide werden, nebst einigen anderen, von Walahfrid nur durch Anacrosticha bezeichnet. Unter den Märtyrern dagegen erscheint darin Gerold, der Königin Hildegard Bruder, welcher im Kampfe gegen die Avaren gefallen war, ein geborner Alamanne, und des Klosters Hort und Beschirmer. Eine vielleicht von Walahfrid verfaßte Grabschrift auf ihn[32] findet sich in einer Handschrift neben dem Epitaph des Bernald, an den die Reichenauer ebenfalls mit Stolz zurückdachten. Dieser Bernald war nämlich ein geborner Sachse, aber in Reichenau erzogen; er kam dann in die kaiserliche Capelle, und erhielt um das Jahr 821 das Bisthum Straßburg. Zu den treuen Anhängern des alten Kaisers gehörend, wurde er 825 als Gewaltbote nach Rätien, 832 nach Rom gesandt, und starb am 17. April 840. Man rühmte ihn als einen klugen und gelehrten Mann, der auch die deutsche Sprache zur Unterweisung des Volkes verwandte[33].
Den größten Glanz aber verbreitete über Reichenau der Abt Walahfrid, mit dem Beinamen Strabo oder Strabus, einer der besten Lateiner seiner Zeit, ein viel bewunderter Gelehrter und gewandter Dichter[34]. Ueber sein Leben haben wir leider nur wenig sichere Nachrichten, und so befreundet er auch mit den Sanctgaller Gelehrten war, wird er doch in der Klosterchronik gar nicht genannt; doch ist nach und nach durch neugefundene Verse mehr Licht über ihn gewonnen. Er war ein Schwabe von armer und geringer Herkunft, um 807 geboren; früh ins Kloster gekommen, dichtete er schon mit 15 Jahren eine Epistel an Ebo von Reims im Namen seines Lehrers Tatto[35], aber dieser war hart und strenge, und auch der Abt Erlebold war ihm nicht gewogen. In Wetti verlor Walahfrid seinen väterlichen Freund und Wohlthäter; nach dessen Tod (824) litt er sogar an Nahrung und Kleidung Mangel, und hatte häufig Schläge zu erdulden. Er klagte seine Noth an Grimald, dessen Wohlwollen er schon früher gewonnen hatte, und dieser forderte ihn auf, die Vision Wettins, welche wahrscheinlich er selbst auf Wachstafeln aufgezeichnet hatte, dichterisch zu bearbeiten. Dieselbe Aufforderung kam auch von dem Priester Adalgis, wie wir wissen, seitdem K. Plath das Akrostichon der seiner Antwort[36] zugefügten Verse: Adalgiso danda erkannt und die ganze Sachlage scharfsinnig entwickelt hat[37]. Walahfrid bat ihn um bessere Kleidung und um Pergament, da er das Werk heimlich ausführen müsse; er bat ihn, selbst zu kommen, und Adalgis kam. Unter hartem Drängen vollendete er sein Werk[38], in welchem er reichliche Lobsprüche auf Haito, Erlebold und Tatto anbrachte, und übersandte es Grimald. Nach solcher Leistung und mit solchen Fürsprechern wird er nun auch im Kloster, und bei dem Abt, obgleich dieser kein Freund von Visionen war, mehr Anerkennung gefunden haben. Grimald hat er auch das anmuthige Gedicht de cultura hortorum gewidmet, und in dem Gedicht de imagine Tetrici (v. 228) feiert er ihn unter dem Namen Homer. Später hat er in Fulda Hrabans Unterricht genossen. Im Sommer 829 finden wir ihn am Hofe zu Aachen; von Kaiser Ludwig, sagt er einmal, sei er „paupere de fovea protractus“[39], mag sich das nun auf diese Zeit seines Hoflebens oder auf die Verleihung der Abtei Reichenau 839 beziehen. In Aachen beschrieb er damals in einem merkwürdigen Gedichte die aus Ravenna hingeführte Reiterstatue Theodorichs[40], der hier als Tyrann aufgefaßt wird im Gegensatz zu Ludwig, feiert Hilduin, Grimald, Einhard, widmet aber vor allem dem Kaiser, der Kaiserin Judith und dem kleinen Karl überschwengliches Lob; er wird als Caplan der Kaiserin und als Lehrer des kleinen Karl bezeichnet. Den Rodbern, welcher 834 dem Kaiser zuerst Nachricht von der in Tortona gefangenen Judith unter großen Gefahren brachte, feierte er in einem längeren Gedicht[41]. Mit Thegan, dem Diacon Florus und anderen der classisch und kirchlich gebildeten Männer jener Zeit war er befreundet, Prudentius rühmt er als seinen Lehrer, bittet ihn aus der Ferne um Bücher und eigene Gedichte; zugleich übersendet er ihm Gedichte „Modoini magni“, den er auch in andern an ihn selbst gerichteten Versen feiert[42]. Kaum hatte er die Abtei Reichenau erhalten — bei seiner geringen Herkunft eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung —, so wurde er auch in die politischen Wirren hineingezogen; als eifriger Anhänger Lothars und der Reichseinheit, deren Herstellung er noch von ihm hoffte, flüchtete er nach Ludwigs Tod und der Ueberwältigung Alamanniens durch Ludwig den Deutschen nach Speier, wo er ein Gedicht voll Lobpreisung an Lothar richtete, in welchem er seinen Klagen und seinen Hoffnungen Ausdruck gab[43]. Lothar hatte in früheren Zeiten einmal persönlich den vermeintlichen Leib des h. Januarius nach Reichenau gebracht, was merkwürdiger Weise im Kloster ganz vergessen wurde und nur durch eine sehr schöne Sapphische Ode Walahfrids bekannt ist[44].
Sehr bald hat sich Walahfrid doch auch mit Ludwig dem Deutschen ausgesöhnt, und vielleicht durch Grimalds Einfluß erhielt er 842 die Abtei Reichenau von neuem; im Jahre 849 wurde ihm eine Botschaft des Königs an dessen Bruder Karl anvertraut. Auf dieser Reise starb er, kaum vierzigjährig, am 18. August durch einen Unfall beim Ueberschreiten der Loire[45].
Die von Walahfrid überarbeiteten Lebensbeschreibungen des Gallus und Othmar, sein Vorwort zu Einhards und zu Thegans Werken erwähnten wir schon; selbständige geschichtliche Werke hat er so wenig wie Hraban verfaßt, aber sein Buch über Ursprung und Entwickelung der kirchlichen Einrichtungen enthält viel beachtenswerthes über die Verfassung der Kirche in jenen Zeiten, ähnlich dem Werke Hrabans, aber noch lehrreicher, weil er durchgängig die kirchlichen Einrichtungen mit den weltlichen vergleicht[46].
Eines der merkwürdigsten Zeugnisse für den ernstlichen Eifer, mit welchem man in diesen Klöstern damals das Studium des classischen Alterthums betrieb, bietet uns die durch Mabillon bekannt gewordene Handschrift von Einsiedeln, deren Urschrift aus Reichenau zu stammen scheint. Wohl ein Schüler Walahfrids, im vollen Besitz der damaligen Schulbildung und auch des Griechischen kundig, hat mit einer Beschreibung des damaligen Rom und des Ceremoniels der kirchlichen Feste auch antike Inschriften aus Pavia und Rom mit größter Genauigkeit und Sorgfalt nach älteren Vorlagen hier zusammengestellt[47].
Durch besondere Lernbegierde zeichnete sich auch Ermenrich aus, ein Ellwanger Mönch, dessen Leben uns recht anschaulich die Beweglichkeit der jungen mönchischen Studenten in jener Zeit vor Augen führt[48]. Wie Walahfrid, ging auch er nach Fulda, wo er Hrabans und Rudolfs Schüler wurde. Besondere Freundschaft verband ihn mit Hrabans Neffen, dem Diacon und königlichen Caplan Gundram, welcher der fuldischen Zelle Solenhofen an der Altmühl im Eichstädter Sprengel vorstand, und diesem, der den Stifter seiner Kirche, Sualo, feierlich erhoben hatte, zu Liebe, schrieb er das Leben desselben und übersandte es Hraban zur Durchsicht[49]; Rudolf, den er als seinen Lehrer preist, sollte die Fehler verbessern. Sualo, den Ermenrich willkürlich Solus nannte, gest. 3. Dec. 794, gehörte zu den Begleitern des h. Bonifaz; Ermenrich standen aber nur mündliche Erzählungen über ihn zu Gebote, und der geschichtliche Werth seiner Nachrichten ist daher unbedeutend. Wo er, damals noch Diaconus, dieses Werk geschrieben hat, wissen wir nicht; es ist sehr wahrscheinlich, daß er auch zu den Hofcaplänen gehört hat, und von dieser Zeit her den Erzkanzler Gozbald (829-833) als seinen Lehrer bezeichnet, sowie er auch Grimald als seinen Herrn und Meister verehrt[50].
An Gozbald, jetzt (841-855) Bischof von Würzburg, sandte er, schon als Priester, eine kleine Schrift, in Form eines Dialoges der Consolatio des Boethius nachgebildet, dem Inhalt nach völlig sagenhaft, über die Gründung seines Klosters Ellwangen, das Leben des Stifters Hariolf, König Pippins Zeitgenossen, Bruders und später Nachfolgers des Bischofs Erlolf von Langres, und die Wunder, welche man ihm zuschrieb[51]. Er gehörte nämlich zu Gozbalds Familie.
Im Jahre 849 finden wir Ermenrich wieder im Kloster Reichenau als Schüler Walahfrids; als dieser seine unglückliche Reise nach Frankreich antrat, schickte ihn Grimald nach St. Gallen, um dort seine Studien fortzusetzen. Hier verfaßte er zum Dank für die gute Aufnahme, die er in beiden Klöstern gefunden und zum Preise Grimalds ein Sendschreiben an denselben, geschrieben zwischen 850 und 855, in welchem er seine ganze Gelehrsamkeit, die nicht unbedeutend, aber schlecht verarbeitet war, zur Schau trägt, von Philosophie, Grammatik und vielen anderen Dingen handelt, in der schwülstigen, gezierten Weise vieler Gelehrten der damaligen Zeit; eine Schreibart, die auch das Leben des h. Solus entstellt und am wenigsten in dem Leben Hariolfs hervortritt[52]. Er prahlt mit Griechisch, das er aber offenbar nicht versteht, und eignet sich aus Alcuin, Priscian und Ausonius falsche Gelehrsamkeit an, kennt aber Pindarus Thebanus und Lucretius nebst vielen anderen Schriften. Verse von Theodulf und Naso verwendete er ohne Scheu. Es enthält aber dieser Brief auch einige wichtige geschichtliche Daten und eine Lobpreisung Grimalds und der gelehrten und kunstreichen Sanctgaller Mönche, welche zur Ergänzung der dortigen Klosterchronik dient. Am Schluß geht er in Verse über, und feiert den h. Gallus, wozu auch ihn Gozbert, der Kahlkopf, gedrängt hatte. Doch ist dieser Theil mehr entworfen und begonnen als wirklich ausgeführt[53].
In der Aufschrift dieses Briefes hat eine etwas spätere Hand zu dem Namen Ermenrich das Wort Bischof gesetzt, und man hat deshalb nicht ohne Wahrscheinlichkeit geschlossen, daß der Verfasser identisch ist mit dem gleichnamigen Bischof von Passau, den Ludwig der Deutsche 867 zu den Bulgaren sandte, und dessen Tod am 26. Dec. 874 sich in alamannischen Jahrbüchern und im Todtenbuche von Reichenau verzeichnet findet[54].
Ermenrichs Name ist auch gemißbraucht in einer häßlichen Betrügerei, dem angeblichen Leben des h. Magnus, eines der Genossen von Columban und Gallus, von Theodorus, das bei der Uebertragung der Gebeine in der Mitte des neunten Jahrhunderts in St. Magnus Grab soll gefunden sein. Der Bischof Lanto von Augsburg soll dann den Ellwanger Mönch Ermenrich veranlaßt haben, das kaum noch lesbare Denkmal zu erneuern. So wird dort erzählt; die Art, wie Ermenrichs Name erwähnt wird, macht es aber nicht wahrscheinlich, daß wirklich er selbst zu dieser Fälschung seine Hand geboten habe. Dümmler vermuthet, Forsch. XIII, 475, daß doch etwas daran sei und Ermenrich an der formalen Bearbeitung Theil habe, doch bemerkt er selbst, daß die Legende nichts von dem ihm eigenthümlichen Gepräge zeige. Ich halte die angebliche ältere Legende überhaupt für leeres Vorgeben des Fälschers, welcher ein von den gröbsten chronologischen Fehlern erfülltes Plagiat aus den Vitae Columbani und Galli für das Werk eines Zeitgenossen ausgab[55].
Auch Reichenau bezog wie Fulda seine Reliquien aus Italien, doch scheint man damit wenig Glück gehabt zu haben. Die älteste dieser Geschichten (Miracula S. Genesii) ist von Dr. A. Holder in Carlsruhe in einem von Reginbert herrührenden Codex entdeckt, und von mir in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins XXIV, 1-21 herausgegeben[56]. Sie berichtet von der Uebertragung der heiligen Genesius und Eugenius aus Jerusalem durch den Grafen Gebahard von Treviso, der 798 seine Boten aussandte, aber vor deren Rückkunft starb. Der heimkehrende Diacon fand in Porto seinen Bruder, der den Grafen Scrot von Florenz[57] nach Rom begleitet hatte; mit Einwilligung des Pabstes Leo erhält Graf Scrot den rechten Schenkel des Genesius, während der Rest nach dem bei Treviso dafür schon bereiteten Kloster gebracht wird. Graf Scrot aber bringt seinen Theil in seine Heimath am Bodensee, und stiftet hier das Kloster Schienen, welches durch Ludwig das Kind an Reichenau gekommen ist. Da Wunder nicht ausblieben, veranlaßte Abt Erlebold (822-838) einen ungenannten Mönch zur Aufzeichnung dieser denkwürdigen Begebenheiten. Während nun aber von diesen Reliquien weiterhin nicht mehr die Rede ist, behauptete man später in Reichenau, daß die ganzen Leiber der hh. Senesius und Theopompus, welche in unklarer Weise an die Stelle von Genesius und Eugenius getreten sind, 830 durch Bischof Ratolf von Verona nach Radolfzell übertragen seien, da doch ganz unbekümmert darum dieselben 911 von Treviso aus dem inzwischen durch die Ungern zerstörten Kloster nach Nonantula übertragen wurden. Ebenso wenig wollte man ihnen glauben, daß der heilige Valentin, von dem ihre alten Annalen noch allein reden, der heilige Marcus selber sei, welcher, wie sie behaupteten, in demselben Jahr 830 aus Venedig zu ihnen gebracht sein sollte; und ihre eigene Erzählung läßt den Betrug deutlich genug erkennen[58]. Den h. Januarius sollte, wie wir oben S. 281 sahen, Kaiser Lothar selbst gebracht haben; davon verlautet weiter nichts, dagegen aber ein Bericht, nach welchem ihn und seine Genossen im Jahre 871 ein wackerer Reitersmann aus Schwaben auf einer Heerfahrt unter Kaiser Ludwig II aus einer verödeten Kirche geraubt und nach der Reichenau gebracht haben sollte. Man traute ihm aber dort vermuthlich selbst nicht, da in jüngeren Handschriften anstatt ihrer die h. Fortunata mit ihren Brüdern in derselben Erzählung erscheint. Aber auch diese waren bereits 780 nach Neapel in das Nonnenkloster des h. Gaudiosus übertragen, wo sie fortfuhren die schönsten Wunder zu thun[59]. Unbestritten blieb den Reichenauern nur ein Krug von der Hochzeit zu Cana, den ein griechischer Mönch ihnen aufgeschwatzt hatte[60].
Sehr deutlich tritt uns in diesen Geschichten die lebhafte Verbindung mit Italien entgegen, welche in hohem Grade anregend wirken mußte[61]; Reichenau lag gerade an einer der besuchtesten Pilgerstraßen nach Rom, und auch Schottenmönche werden nicht gefehlt haben, wenn sie auch in Reichenau selbst kein Andenken hinterlassen haben. Dagegen wurde in Rheinau gegen das Ende dieses Jahrhunderts das Leben eines Schottenmönches, des h. Findan, aufgezeichnet († 878), welches für das Treiben dieser fremden Pilger charakteristisch und durch einige Stellen in irischer Sprache merkwürdig, übrigens aber sehr fabelhaft und geschichtlich wenig bedeutend ist[62]. Größerer Ruhm ist dem h. Meginrat zu Theil geworden, dessen Leben, wie aus dem Alter der Handschriften hervorgeht, schon im zehnten Jahrhundert ein Reichenauer Mönch beschrieben hat[63]. Er wurde nach dessen Bericht in Reichenau von Erlebold unterrichtet, und als dieser als Abt auf Heito folgte, als Mönch eingekleidet. Der Abt schickte ihn nach einer Reichenauer Zelle am Züricher See, nach der Tradition Bollingen, um da Schule zu halten. Er aber ging statt dessen als Eremit ins Gebirge, wo Räuber ihn 861 erschlugen. Das noch jetzt blühende Kloster Meinradszell oder Einsiedeln bewahrt sein Andenken.
Fast überall finden wir theils die ascetische, theils die formale Richtung vorherrschend in der Litteratur dieser Zeit, den historischen Sinn aber noch wenig entwickelt.
Doch fehlte es auch in St. Gallen und Reichenau nicht ganz an Annalen. Die in ihrem älteren Theil aus Murbach stammenden Annales Alamannici (oben [S. 147]) enthalten 802-858 dürftige Reichenauer Notizen; 860-926 werden sie mit zunehmender Reichhaltigkeit in St. Gallen fortgesetzt. Die aus denselben Annalen entnommenen Annales Sangallenses breves 708-815[64] gewährten den Anfang (bis 791) der Annales Augienses, welche bis 939 in Reichenau fortgesetzt wurden. Sie waren auf den Rand der Ostertafeln geschrieben, welche Reginbert in seine oben S. 276 erwähnte historisch-mathematische Sammlung aufgenommen hatte, die er von 820 bis gegen sein Todesjahr 846 zusammengebracht hat. Diese jetzt verlorene Handschrift benutzte Hermannus Contractus. Für Friedrich von Mainz abgeschrieben, wurde sie zu 937 mit einer Notiz über Friedrichs Weihe, 953, 954 mit Aufzeichnungen des Erzbischofs Wilhelm vermehrt; benutzt wurde diese Handschrift vom Fortsetzer des Regino, von Marianus Scottus, und nebst den eingehefteten Annales S. Albani vom Verfasser der Disibodenberger Annalen[65]. Wir finden ferner die Annales Augienses bis 939 benutzt in den Annales Colonienses, jedoch so, daß einzelne Eintragungen vielmehr auf die Ann. Alamannici, Sangallenses und Hermann deuten, wodurch die Vermuthung entsteht, daß eine reichhaltigere Aufzeichnung allen zu Grunde liegt[66].
Auch in der Bischofstadt Augsburg war ein gelehrter und ausgezeichneter Bischof, Adalbero (887-910), der Erzieher Ludwigs des Kindes, ein vertrauter Freund der Sanctgaller Lehrer, und ohne Zweifel derselbe, welchem Regino, der seiner mit großem Lobe gedenkt, seine Chronik widmete; wir haben eine Biographie von ihm, sie ist aber erst im zwölften Jahrhundert von Udalschalk geschrieben und gewährt uns keine Belehrung[67].
Im Elsass beschrieb ein ungenannter Mönch von Neuweiler bei Zabern die Uebertragung des Bischofs Adelphus von Metz, den ihnen Erzbischof Drogo abgelassen hatte, mit Wundern, worin viele Ortsnamen vorkommen[68].
[1] Casus S. Galli ed. Ild. v. Arx, MG. SS. II, 59-183 (bis zum Jahre 1233). Zwischen 833 und 890 ist ein Stück verloren, auf welches sich Ekkehard in seiner Fortsetzung MG. II, 83 mit den Worten bezieht: Kerhaldo (corr. Bernhardo) itaque abbate, ut alias in alio libro relatum est, deposito (890). In d. neuen Ausg. c. 11 S. 37 fehlen die Worte in alio libro. Nach G. Scherrer, Verz. S. 9 u. 166, hat Jod. Metzler († 1639) noch eine verlorene Quelle gehabt. — Ratperti Casus S. Galli nach obiger Ausgabe bei Migne CXXVI, 1055-1080. Neue Ausg. von G. Meyer von Knonau in den St. Galler Mittheilungen zur vaterl. Gesch. XIII. mit ausführl. Commentar u. Excursen. Desgleichen Ekkeharti (IV) Casus S. Galli ebenda XV. XVI. 1877. Mit den Vitis et miraculis Galli et Otmari auch besonders ausgegeben als St. Gall. Geschichtsquellen. — Catal. abb. S. Galli, Augiensium, epp. Constantt. MG. II, 34-39; ersterer neu herausgegeben u. bearbeitet von G. Meyer von Knonau, Mittheil. XI, 125-138; v. Holder-Egger SS. XIII, 326-330; Aug. ib. p. 331; Const. p. 324. — Mitth. XI, 1-124 St. Galler Todtenbuch und Verbrüderungen, von E. Dümmler und H. Wartmann; S. 6 über das um 817 angelegte Verbrüderungsbuch. Dieses ist jetzt von P. Piper herausgegeben, MG. Libri Confraternitatum, 1884, 4. Verz. d. Constanzer Domgeistlichkeit s. XI. NA. XI, 408.
[2] Th. Sickel, St. Gallen unter den ersten Karolingern, in den Mittheilungen zur vaterl. Gesch. IV. 1865. Daß die Bischöfe doch auch über ihre formelle Berechtigung hinaus sich, wie es fast immer geschah, Uebergriffe erlaubt haben mögen, hebt Monod zu Ratperts Gunsten hervor, Revue crit. 1873, II, 409-413.
[3] Verse von König Ludwig und von dem Schotten Dungal an Baldo hat Dümmler herausgegeben im Arch. d. W. Ak. XXII, 289, vgl. S. 283, u. (mit Froben) auf ihn bezogen, folgt jedoch Poet. Lat. I, 412 Foltz, Gesch. d. Salzb. Bibl. S. 13, welcher den Salzburger Lehrer Baldo unterscheidet; s. unten [→ S. 292.]
[4] F. Keller, Bauriß des Klosters St. Gallen vom Jahr 820. Zürich 1844. Von dem etwas späteren Bau Grimalds heißt es im cod. 397: Aula palatinis perfecta est ista magistris, Insula pictores transmiserat Augia clara.
[5] Sie sind nur in dieser Form vorhanden, V. S. Othmari MG. II, 41 bis 47, und von G. Meyer von Knonau Mitth. XII, 94-113. Uebers. v. Potthast mit Vita S. Galli. Miracula S. Galli ib. 21-31 u. 62-93.
[6] Gedruckt bei Mabillon Act. II, 227-250. Neue Ausg. von R. Thuli, St. Gall. Mitth. XXIV (1890) S. 1-76. Daran knüpft sich eine Kritik in dem wunderlichen Dialog[←], welcher Notker u. Hartmann in den Mund gelegt, aber viel jünger ist, höchst confus u. voll chronolog. Widersprüche, bei Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S. 483-493 (S. 486 l. stropha statt scropha).
[7] Nur der Anfang MG. II, 31. Vollständig zuerst herausgegeben von Dümmler, Poet. Lat. II, 428-473, vgl. p. 266.
[8] Vgl. oben [→ S. 222.] Gegen Scherers einseitige Hervorhebung des Einflusses der Fulder Schule, s. Dümmler Ostfr. III, 655. Ein für Grimald scotice geschriebener Priscian bei F. Keller l. c. tab. XI, 2. Libri quos Gr. de suo dedicavit, bei Weidmann S. 396-400. Ein Recept de libro Grim. Zeitschr. f. D. Alt. XX, 214.
[9] Urkundlich in St. Gallen erwähnt von 852-868.
[10] Von 848-865 urkundlich erwähnt. Er war vorher Abt von Bangor in Ulster u. starb 871. NA. XVII, 211. — Sehr barbarische Verse von Dubduin zum Preise seiner Landsleute NA. X. 341.
[11] Ysonis de miraculis S. Othmari libri II, MG. SS. II, 47-54. Mitth. XII, 114-139 im Auszug. Ekkehards Erzählung von Iso's Wirksamkeit in Burgund bezweifelt Dümmler Denk. S. 260, weil er 868 noch in St. Gallen war. M. v. Knonau jedoch, der zum Ekkeh. S. 116-126 über Iso handelt, hält seine Thätigkeit in Moutier-Grandval für gesichert durch die Tradition, nur kann nicht Rudolf von Burgund ihn eingeladen haben, sondern der Bischof von Basel.
[12] S. über ihn Dümmler Denkm. S. 244 ff. 258 ff. NA. IV, 546. Meyer v. Kn. zu Ekk. S. 126 ff. und Der h. Notker v. St. Gallen, Neujahrsbl. 1877. Er starb 912. Autograph von ihm bei W. Arndt, Schrift. 15b.
[13] Dessen berühmtes Diptychon abgebildet in: Das Kloster St. Gallen I. Herausgegeben vom historischen Verein in St. Gallen, 1863, und bei Alwin Schultz: Tuotilo von St. Gallen in: R. Dohme, Kunst und Künstler des Mittelalters und der Neuzeit, I, 1877; doch vgl. dazu Rahn: Nachlese zur Gesch. der bildenden Künste in der Schweiz, S. 787-790. u. M. v. Knonau zu Ekkeh. S. 93 u. 129. Jul. v. Schlosser, Wiener SB. CXXIII, S. 180 bis 185.
[14] Erhalten ist nur ein Bruchstück, die Beschreibung der neuen Kirche und der Uebertragung von Reliquien der hh. Felix et Regula vom Großmünster nach Fraumünster, herausgegeben v. G. von Wyß, Geschichte der Abtei Zürich (Mittheil. VIII), Beilagen S. 11; vgl. Dümmler Denkm. S. 255. Ostfr. II, 427. G. Meyer von Knonau in d. Vorrede der Casus. Sein Lobgesang auf den heiligen Gallus in Ekkehards lat. Uebersetzung bei Müllenhoff und Scherer I, 217. II, 78. Vgl. Dümmler, NA. IV, 541. G. R. Zimmermann, Ratpert der erste Zürchergelehrte (Basel 1878) ohne wissensch. Werth nach Dümmler im Centralbl. Sp. 1314.
[15] Das Jahr des Todes ist wegen der vielen gleichnamigen Mönche ganz ungewiß.
[16] Hierhin gehören wohl die Verse von Ratpert, Hartmann, Notker Balbulus u. a., die sich vielleicht alle auf diese Gelegenheit beziehen, neu herausgegeben von Dümmler, Denkm. S. 218-221, vgl. 255 ff. und ein späteres vielleicht von 887 S. 221, vgl. 257. Das von Waldram verfaßte Rex benedicte S. 220, ist aber Weihn. 911 an Konrad gerichtet, nach Heidemann S. 454, vgl. M. v. Knonau, Jahrbuch 1867 S. 129. Litanei aus König Konrads Zeit bei Dümmler, Denkm. S. 222, vgl. 258. NA. IV, 510. 551.
[17] MG. SS. II, 329. Uebers. bei dem Mönch von St. Gallen. Notkers Autorschaft nachgewiesen von B. Simson u. Zeumer, s. Waitz-Aufsätze S. 113; NA. XII, 428.
[18] Vgl. Meyer v. Knonau, Mitth. XIII, 60. XV, 161.
[19] Diese Ansicht Dümmlers bekämpft Dammert, Forsch. VIII, 327 bis 366 u. will vielmehr Roudker, den Ekkehard als Mentor Salomons bezeichnet, auch die Briefe zuschreiben. Meyer v. Knonau hat diese Ansicht S. 21 als chronologisch unmöglich widerlegt. Ebenso bekämpft er S. 4 auch Notker, aber hier ist die Chronologie ganz unsicher, und mir erscheinen die Gründe für Notker auch jetzt noch überwiegend, u. so auch Zeumer, NA. VIII, 513-517. — Ueber Salomons Familie s. Graf Zeppelin, Thurgauische Beitr. XXX, 42.
[20] Früher Formulae Alsaticae genannt. Zum ersten Mal kritisch und vollständig herausgegeben von Dümmler: Das Formelbuch des Bischofs Salomo III, Leipzig 1857. Verbesserungen St. Gallische Denkm. S. 261. Verse von Notker (?) an Salomo S. 225. Ueber Salomo Formelbuch 103 ff. Denkm. 262 ff. Eine populäre Schilderung in: Das Kloster St. Gallen, vom historischen Verein, II, 1864, mit schöner Abbildung seines grossen C in Sintrams Evangelium longum. Das Formelbuch nach der Münchener Handschrift ed. Rockinger, Quellen zur bayerischen und deutschen Geschichte VII, und in De Rozière's Sammlung. Vgl. auch Heidemann, Salomon III von Constanz vor Antritt des Bisthums, Forsch. VII, 425-462. Dammert ib. VIII, 327-366. Vorzüglich aber jetzt Zeumer, Formulae Salomonis, NA. VIII, 506-540, u. seine Ausgabe MG. Form. p. 390-437. Ein merkwürdiges Denkmal der St. Galler Gelehrsamkeit und Schreibkunst ist das Psalterium, welches Salomo 909 schreiben ließ, mit 3 lateinischen Versionen und dem griechischen Text in lateinischen Buchstaben, mit einem einleitenden Gedicht; dieses neu herausgegeben von Dümmler, Ostfr. (1. Ausg.) II, 681, von Hamann: Canticum Moysi ex psalterio quadruplici Salomonis III (Lips. 1874), p. 18. Frühzeitig ist eine um 6 Verse am Anfang verstümmelte Abschrift der Verse verbreitet, s. Bianchini, Vindiciae p. CCLI, Codd. Colon. p. 3. 4.
[21] Zeumer, Reichenauer Formeln, NA. VIII, 481-505. Daselbst S. 547 ff. Nachweis, daß Iso nur irrthümlich Formeln zugeschrieben sind.
[22] Nach Canis. (II, 3, 245) berichtigt nach der Handschrift von Dümmler, Denkm. S. 239, mit dem größtentheils aus Reminiscenzen von Venantius bestehenden Trostgedicht von Waldram, und anderen Gedichten desselben. Vgl. Scherrers Verz. 73 über den Cod. 197. NA. IV, 550-554.
[23] Bei Dümmler, Denkm. S. 230-239 (v. 9. l. iterare, v. 42: si domui conjuncta domus primordia sumpsit.); vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 174, Dümmler, Ostfr. III, 527. Ueber die Salomo zugeschriebene Encyclopädie (Glossae Salomonis) s. Stälin I, 404, Scherrers Verz. S. 321 bis 323. Sie ist von älterem Ursprung und die Benennung ungerechtfertigt, doch könnte S. vielleicht diese Sammlung veranlaßt haben. Als Ableitung eines älteren Glossars nachgewiesen von G. Götz: Der liber glossarum, Leipz. 1891 (Abh. d. philol.-hist. Cl. der K. Sächs. G. d. W. XIII).
[24] Die älteste Lebensbeschreibung des Stifters, S. Pirmin, mit der Gründungsgeschichte von Reichenau (um 724) zuerst gedr. von Mone, Quellens. I, 30-36, ist nach Mone im neunten Jahrhundert in Reichenau verfaßt; in den Nachträgen S. 528 verlegt jedoch derselbe den Ursprung nach Hornbach und trifft darin zusammen mit Rettberg (II, 51), welcher ihre geschichtliche Werthlosigkeit nachweist, Dümmler verweist auch auf Wal. Visio Wett. v. 30 für den Ursprung in Hornbach. Dafür auch Holder-Egger in der Ausg. Vita Pirminii I. et II. cum miraculis MG. SS. XV, 17-35; vgl. p. 574a. Vgl. O. Breitenbach im NA. II, 170-174 über die von Gallus Oehem benutzte Bearbeitung. Sehr merkw. Predigt von ihm bei Caspari, Kirchenhist. Anecdota (1883) S. 151-159 (Dicta Priminii).
[25] Neugart Ep. Const. I, 142 aus Oheims Chronik, und jetzt Gallus Oheims Chronik von Reichenau ed. Barack (1866) S. 43. Oheim muß über die Bereicherung der Bibliothek und eingetretene Mönche in dieser Zeit, von Waldo bis Rudhelm, eine jetzt verlorene Quelle gehabt haben, die bis c. 840 reichte und vielleicht von Reginbert herrührte, s. O. Breitenbach, NA. II, 201. Waldo hat danach eine Zeit lang auch das Bisthum Pavia verwaltet. In der Visio Wettini büßt er für die Sünde des Geizes. Das Diptychon aus Erlebalds Zeit NA. IV, 72, ist das von Piper herausgegebene Verbrüderungsbuch.
[26] S. den 821 begonnenen Catalog bei Neugart I, 536-552, vgl. S. 152 und Mommsen, Die Chronik des Cass. Senator S. 573-585 über die von ihm angelegte hist. mathematische Sammlung. Auch die Carlsruher Vita Bonif. stammt daher, s. d. Inschrift MG. II, 332, Jaffé Bibl. III, 425. Fragment des Liber sextus in Libri's Auctionscatalog (1859) S. 246 mit Facsimile. Die Verse, welche er in die Bücher eintrug, Poet. Lat. II, 424, vgl. NA. XIII, 665.
[27] Baluzii Capit. II, 1382. Reginbert wird von ihnen flos juvenum forma speciosus amoena genannt. Das Buch nebst einem zweiten von denselben geschenkten im Catalog S. 550. Das Martyrologium ed. A. Holder, Röm. Quartalschrift III, S. 204-261. Oben [→ S. 60.]
[28] Herm. Contr. a. 811, vgl. über ihn Neugart I, 142-148, Rettberg II, 93-96, und die Reichenauer Inschriften bei Mone, Quellens. III, 133. Dümmler, NA. IV, 284. Poet. Lat. II, 425. O. Seebass vermuthet in ihm den Vf. der Statuta Murbacensia, Zts. f. Kirchengesch. XII, 322 (NA. XVI, 645). — Gleichzeitige Aufzeichnung darüber, daß am 21. Dez. 823 das Bisthum Basel Odalrich commendirt wurde, in Mone's Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins II, 384; MG. SS. XIII, 374 cum catal. epp. Basil.
[29] Poet. Lat. II, 350. Ein Brief von Tatto Bibl. III, 323.
[30] Heitonis Visio Wettini, abgedr. mit dem früher hier mitgetheilten Prolog bei Dümmler, Poet. Lat. II, 267-275. Walahfrids Bearbeitung ist durch seine Zuthaten besonders wichtig für die Geschichte des Klosters. Vgl. über die Anspielungen auf Bedränger desselben, und über die Nachahmung des Prudentius, Bock im Jahrb. d. Alterthumsfr. im Rheinland L, (1871) S. 7. — Meistens mit dieser Vision verbunden, findet sich im Cod. S. Galli 573, Lambac. qu. 77, Monac. Lat. 536 u. 18 546, Brux. 10 687, Run. 51, folgende:
VISIO CUIUSDAM PAUPERCULAE MULIERIS.
Fuit namque in Laudonico pago quaedam mulier paupercula, quae in extasi rapta rediens multa ac miranda narravit. Ducebat autem illam, ut ipsa referebat, quidam homo in monachico habitu constitutus, ubi requiem sanctorum et poenam iniquorum cernebat, talem qualem Paulus apostolus in epistola sua scribit: quod oculus non vidit nec auris audivit nec in cor hominis ascendit. Ibi etiam videbat quendam principem Italiae (Karl d. Gr. ganz ähnlich wie in der Visio Wettini) in tormentis, multosque alios notos, quosdam in poena, quosdam in gloria. Interrogavit illa eundem ductorem illius, si ille ad aeternam ultra vitam redire debuisset. At ille: Utique debet. Nam si Hlodouuicus, inquit, imperator, natus ejus, septem agapes pro illo pleniter dispensat, resolutus est. Pichonem (al. Picconem) vero hujus regis qui quondam fuit amicus, supinum jacere in tormentis, taetrosque spiritus duos aurum liquefacere et in os ejus infundere dicentes: Hinc sitisti in saeculo nec saturari potuisti; modo bibe ad saturitatem! Irmingartam namque reginam aeque in tormentis, quae super se habebat cautes tres quasi molares, unum super caput, alterum super pectus, tertium super dorsum, qui semper eam in profundum mergebant. Mira namque dicturus sum. Clamavit namque ad istam dicendo: Vade et dominum meum roga imperatorem, ut me misellam adjuvare dignetur. Et da ei signum ut sciat a me missam te fore, istud quod meae depositionis (desponsationis?) tempestate sola cum ipso loquebar in uno pomerio, et hoc statim bene cognoscet, quia adhuc hodie cunctos latet eadem locutio nisi nos tantum. Cumque inde pergerent, ostendit ei ductor illius murum cujus cacumen coelum usque tendebat, et post eum alterum qui totus scriptus erat aureis caracteribus. Interrogavitque illa quid hoc esset. Terrestris, inquit, paradisus est, ubi nullus intrabit nisi qui hic scriptus reperitur. Imperavitque illi ut legeret. At illa ait: Non didici litteras. Scio inquit, sed tamen lege. Legit namque illa, et invenit nomen Bernharti quondam regis tam luculentis litteris exaratum sicut nullius ibidem fuit. Postea Hlodouuici regis tam obscurum et oblitteratum, ut vix agnosci potuisset. At illa: Quid est, inquit, quod istud nomen tam oblitteratum est? Antequam, ait, in Bernhartum homicidium perpetrasset, nullius ibi nomen clarius erat. Illius interfectio istius oblitteratio fuit. Vade et cave diligenter, ne horum quid regem celaveris. Illa vero non ausa conticuit. Non post multum rursum ammonuit eam, que ut prius conticuit. Tertia vero vice venit et dixit: Quid est quod non gestis obsecundare verbo Domini? Quae respondit: Domine, vilis sum persona, et ista non audeo in medum proferre. Ex hoc ait illi: Luminum tuorum non gaudebis, donec ea coram rege exponis. Cujus ilico pupilla caligine obducta est. Post dies multos venit in praesentiam regis, cuncta tradidit, lumenque recepit.
Diese Visio ist wieder abgedruckt bei Malfatti: Bernardo rè d'Italia, Firenze 1876 (Nuova Antologia). Irmgard st. den 3. October 818; ihr schreibt auch Andreas Berg. c. 8. Bernhards Tod zu, der in den Ann. Aug. 817 und im Necrol. zum 17. Apr. verzeichnet ist. Daß Irmgard sich zur Zeit ihres Todes mit Ludwig gerade in einem Baumgarten unterhalten habe, scheint mir kaum wahrscheinlich. Ueber Picho oder Bego s. B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 11 Anm. 8. Nach freundl. Mittheilung des H. Prof. Sievers in Jena steht die Visio auch im cod. Aug. 111 (Carlsr. 185) saec. X mit dem Schluß: Hinc quedam que mihi narravit minus commoda supersedenda sunt, ut ea introducantur, unde tota oratio sumpsit exordium. Danach scheint es ein Bruchstück aus einem unbekannten Werk zu sein. Es folgt auch hier die Visio Wettini, im cod. Sangall. die Visio Baronti von 680 (Acta SS. Martii III, 570). Mit dieser ist in einer Petersb. Hs. verbunden die Visio Rotcharii, viell. aus Fleury, worin Karl unter den Seligen erscheint, s. Anz. d. Germ. Mus. XXII, 73; Auszug bei Mabillon, Act. IV, 1, 667. Aehnlicher Art ist die Visio Bernoldi von Hincmar, s. Ebert II, 256, der, wie Dümmler bemerkt, bei der Aufzählung der Visionen Alcuin de Sanctis Euboric. eccl. v. 875-1006 übersehen hat. — Inhaltsangaben bei C. Fritzsche, Die lat. Visionen des Mittelalters, in Vollmöllers Roman. Forsch. II.
[31] Poet, Lat. II, 301-334.
[32] Herausgegeben von Mommsen im Rhein. Museum 1854, IX, 299. Poet. Lat. I, 114.
[33] Vgl. Dümmler, Ostfr. I, 322. Poet. Lat. II, 420.
[34] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 270-286. 580 und die gesammelten Gedichte Poet. Lat. II, 259-423. Ebert II, 145-166. Hauck II, 600 ff. Opera Migne CXIII. CXIV. Eine Anleitung zur Metrik mit Beispielen, v. Huemer, NA. X, 166-169. Der von ihm besungene Blaithmaic st. 827; es kamen flüchtige Mönche von Hy nach Reichenau. NA. XVII, 210. — Dümmler, NA. VII, 402, Zeumer ib. VIII, 496-507, über die Reichenauer Briefformeln, aus Erlebolds u. Walahfrids Zeit mit geschichtlich nicht unwichtigen Briefen. — Im Jahresbericht über die Erziehungsanstalt des Benedictinerstifts Maria-Einsiedeln 1856/7 ist ein Versuch gemacht, die Jugendgeschichte Walahfrids von ihm selbst schildern zu lassen, welcher zuweilen irregeführt hat, als ob ein Original von ihm zu Grunde liege. Eine angebl. Urk. von W. von 843 ist Fälschung d. 12. Jhs. Brandi, Die Reichenauer Urkundenfälschungen, Heidelb. 1890.
[35] Poet. Lat. II, 350; eine andere, auch in Tatto's Namen, an den Landbischof Degan, S. 351.
[36] Formulae ed. Zeumer p. 376 n. 25.
[37] NA. XVII, 261-279.
[38] Poet. Lat. II, 301-333.
[39] Ad. Loth. v. 31. Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 463. Poet. II, 414, und S. 259 weitere Belege für seine geringe Herkunft.
[40] Versus de imagine Tetrici, Poet. Lat. II, 370-378. Früher von C. P. Bock in den Jahrbüchern des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland V (1844), von Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt, XII, 461-470, vgl. XIX, 466. Sehr gewagte Hypothesen von H. Grimm: Das Reiterstandbild des Th. zu Aachen und das Gedicht des W. darauf, Berlin 1869. Dagegen die lehrreiche Abh. von Bock im angef. Jahrbuch L (1871) S. 1-52. Wieder abweichend Jul. v. Schlosser, Wiener SB. CXXIII (1891) S. 164-175.
[41] Bouq. VI, 269; vgl. B. Simson, Lud. d. Fr. II, 99. Dümmler, Hist. Zeitschr. XXXVII, 134; Poet. II, 388. Judith, hier Ioda genannt, schmückte für Ludwig ein Prachtgewand, welches Karl der Kahle der Röm. Paulskirche schenkte, seine Gemahlin Irmintrud vollendete mit gepriesener Kunstfertigkeit dieses und andere Gewänder, ähnlich Lothars Gemahlin Ermengarde, s. die von Dümmler mitgetheilten Verse, Zeitschr. f. D. Alt. XLX, 146-148.
[42] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 82-86. Poet. II, 403. 355.
[43] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 462-466. Poet. II, 413.
[44] Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XXIII (1876) 177-188. Poet. II, 415.
[45] Epitaphium ed. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 113. Poet. II, 423.
[46] Das sprachlich interessante Cap. 7 theilt Dümmler in d. Zts. f. D. Alt. XXV, 99, berichtigt mit. Neue Ausg. v. Al. Knoepfler, München 1890, vgl. Dümmler, NA. XVII, 224. Eine andere wird für MG. Capitularia II vorbereitet.
[47] Mab. Anal. p. 358. Hänel in Jahn und Seebode's Archiv, 5. Supplementband, S. 115. Mommsen in den Berichten über die Verhandlungen d. K. Sächs. G. d. W. Phil. Cl. 1850, IV, 287. Rhein. Museum 1854, IX, 296. Urlichs, Codex urbis Romae topographicus, Wirceb. 1871, S. 59-78. H. Jordan, Topogr. d. Stadt Rom II behandelt den topographischen Theil. De Rossi, Inscriptt. christt. II, 1. 1888.
[48] Vgl. über ihn E. Dümmler: Ueber Ermenrich von Ellwangen u. seine Schriften, Forsch. XIII, 473-485. XIV, 403. 404. NA. IV, 321. Er schrieb den Stiftungsbrief Salomons für Wiesensteig nach Bossert, Württ. Vierteljahrshefte 1889, S. 142.
[49] Als Hraban noch Abt war, also vor 842. Erm. Sermo de Vita S. Sualonis, ed. Holder-Egger SS. XV, 151-163. Im Anfang ist Sedulii Carmen paschale benutzt, nach Manitius, Wiener SB. CXXI, 6.
[50] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 248. Gundram nennt er eximii ministerii conlevita.
[51] Vita Hariolfi ed. Pertz, MG. SS. X, 11-15. Ermanrich u. Mahtolf, die Träger des Dialogs, sind beide im St. G. Verbrüderungsbuch ed. Piper, p. 44, col. 111. — Ausg. v. Giefel, Württ. Geschichtsqu. II. 1888.
[52] Dieses erwähnt Ermenrich in dem Briefe mit folgenden Worten: „Adjunxi autem et huic operi breve opusculum, quod de inceptione nostri coenobii et fratrum ibidem Deo famulantium vita conscripsi ipsaque dicta viro per omnia doctissimo Gozbaldo episcopo vel approbanda seu refutanda commendavi.“ Diese Worte lassen kaum daran zweifeln, daß die Vita Hariolfi gemeint ist, obgleich von den Ellwanger Mönchen nur wenig darin vorkommt; es spricht auch, wie Dümmler bemerkt, dafür die Stelle der Vita l. c. p. 11: „quis primus hujus loci cum Deo inceptor fuerit, quantique viri Deo amabiles sub eo exstiterint“. Daß ein anderer Ermenrich aus Reichenau zu derselben Zeit eine Geschichte dieses Klosters verfaßt und ebenfalls an Gozbald gesandt haben sollte, ist unglaublich.
[53] Das Sendschreiben ist vollständig zuerst herausgegeben von Dümmler im Haller Preisvertheilungsprogramm von 1873, und bes. Abdruck. Es ist voll von grammatischen Fehlern, die zum Theil vom Abschreiber herrühren mögen. Vgl. M. Haupt im Hermes I, 403 und Dümmler in d. Forsch. a. a. O.
[54] Dümmler, Piligrim von Passau S. 144.
[55] Mabillons treffliche Kritik ist bestätigt und ergänzt durch Rettberg II, 147-151, wo Plac. Brauns Versuch, den zweiten Theil zu retten, widerlegt ist. Für denselben sind neuerdings eingetreten Fr. Pfeiffer, Freie Forschung S. 295 aus Germania I, und Friedrich KG. II, 351-366. Das letzte Stück mit der Translationsgeschichte MG. SS. IV, 382. 425-427. Ueber eine jüngere Bearbeitung Archiv XI, 270. Nach einer Mittheilung von Baumann ist dessen Ansicht, daß man bei der Erhebung der Magnusreliquien um 851 im Kloster Füssen durch einen Ellwanger Mönch die Volksüberlieferung, wie sie bis dahin sich entwickelt hatte, niederschreiben ließ; in St. Gallen wollte man, als die Magnuskirche um 890 gebaut wurde, auch eine Legende haben, verwechselte ihn mit dem Maginold der Vita S. Galli und brachte so den Wechselbalg zu Stande.
[56] Im Sanctgaller Catalog saec. IX bei Weidmann S. 385 erwähnt als Commemoratio de miraculis S. Genesii. Als Ex Miraculis S. Genesii ed. Waitz, SS. XV, 169-172.
[57] Dieser wird, wie Dümmler bemerkt, bei Herrgott, Geneal. III, 832, als Wohlthäter von Reichenau erwähnt. Er erscheint im Verbrüderungsbuch S. 294, col. 466.
[58] Miracula S. Marci bei Mone, Quellens. I, 62-67: im Auszug MG. SS. IV, 449-452. Vgl. auch Quellens. III, 135.
[59] Mone, Quellens. I, 232 cf. Acta SS. Sept. VI, 787. Auf Fortunata und das Jahr 874 angewandt auch in der ersten Ausgabe dieses Buches S. 150 aus 2 Münchener Handschriften, da ich sie für ungedruckt hielt; vgl. Acta SS. Oct. VI, 456. Beide MG. SS. XV, 473, v. Holder-Egger.
[60] Auszüge aus der gänzlich fabelhaften Vita Simeonis Achivi ed. Waitz MG. SS. IV, 459. Annales Aug. breviss. 541-817 ib. III, 136 sind ohne Werth.
[61] Vgl. darüber das schöne Werk des Prof. F. Adler: Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland. I. Die Kloster-und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau, Berlin 1870 folio. Marmor: Kurze Geschichte der kirchlichen Bauten und deren Kunstschätze auf der Insel Reichenau, Konstanz 1873. Der Text ist selbst für einen praktischen Arzt zu schlecht.
[62] Vita Findani ed. Holder-Egger, SS. XV, 502-506. Vgl. Zeuss, Gramm. Celt. ed. II, p. 1003.
[63] Vita S. Meginrati ed. Holder-Egger, SS. XV, 444-448.
[64] Edd. Ild. v. Arx et G. H. Pertz, MG. I. 63-66; ed. Henking, St. Gall. Mitth. XIX, 220-223. Local, aber sehr dürftig sind (MG. I, 69. 70), die Annales brevissimi Sangallenses 768-889 (ed. Henking, ib. p. 206 bis 209; Vf. nach S. 208 Albrich) und 814-961 (ib. S. 210-212), während die Fortsetzung der Ann. S. G. Baluzii (oben [→ S. 141]) 768-814 allgemeiner Art ist. Kurze Aufzeichnungen an Ostertafeln 690-856 ed. Dümmler, NA. V, 428.
[65] S. die berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. III, 700-706.
[66] Ecclesiae Colon. Codd. p. 127. Mit dieser beschäftigt sich W. Erben, NA. XVI, 613 ff.
[67] S. unten IV § 8. Ueber Adalbero's Besuch in St. Gallen 908 und seine reichen Schenkungen s. das Verbrüderungsbuch S. 15. Jul. Hans, Beiträge zur Geschichte des Augsburger Schulwesens in der Zeitschrift des hist. Vereins f. Schwaben u. Neuburg II, 1 (1875) stellt die dürftigen Nachrichten darüber zusammen.
[68] Translatio et Miracula S. Adelphi ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 293-296, mit einem Wunder von 1198 aus der Fehde zwischen Heinrichs VI Bruder Otto u. B. Conrad v. Straßburg.
§ 19. Baiern und Franken. [[←]]
Baiern, wo schon unter den Agilolfingern eine rege litterarische Thätigkeit begonnen hatte, zeigt auch in diesem Abschnitte Spuren derselben, und es wird an geschichtlichen Aufzeichnungen in den zahlreichen und blühenden Klöstern des Landes nicht gefehlt haben, obgleich im ganzen die Bedürfnisse des praktischen Lebens, der Geschäftsthätigkeit und des Schulunterrichts die Kräfte überwiegend in Anspruch nahmen. Doch ist in den Verheerungen des Landes durch die Ungern ohne Zweifel vieles zu Grunde gegangen.
In Freising zeugen die zahlreichen grammatischen Handschriften aus dem neunten und zehnten Jahrhundert[1] von eifrigen Studien. Nach Aribo, dessen wir schon früher gedachten, machte sich hier der Bischof Hitto (810-835) sehr verdient; er veranlaßte seinen Notar Cozroh, das höchst schätzbare Traditionsbuch der Kirche anzulegen, welches von demselben unter seinem Nachfolger Erchanbert (bis 853) fortgesetzt wurde[2]. An seinem Bischofsitz gründete Hitto das Kloster Weihenstephan, dem er aus Rom 834 den h. Alexander zuführte; die von einem Genossen dieser Uebertragung in recht gutem Latein und nicht ohne Kenntniß profaner Autoren verfaßte Geschichte derselben habe ich, von Dümmler darauf aufmerksam gemacht, herausgegeben[3]. Wenig später hielt dort der Pfalzgraf Timo Gericht, wobei sein Hund den Frevel beging, aus dem heiligen Quell zu trinken. Rascher Tod war die Strafe, und dieses Wunder feiert ein Gedicht, welches merkwürdig ist durch Beschreibung des Gerichtsverfahrens, der strengen Justiz, die dort geübt ward, und durch sehr entschiedene Bekämpfung der Ordalien[4]. Als man es im 11. Jahrhundert von der Rolle, auf welche es geschrieben war, in ein Buch übertrug, war leider der Anfang derselben schon beschädigt und verloren. Auch Bischof Anno (854 bis 875) ließ ein Werk für die Bibliothek abschreiben[5]; Waldo (884 bis 906), ein Bruder Salomons III von Constanz, zeichnete sich durch seine wissenschaftliche Bildung aus, und scheint auch als Bischof in dieser Richtung thätig gewesen zu sein[6].
In Regensburg war Baturich (817-848) Bischof und Abt zu St. Emmeram, zugleich Erzcaplan des Königs, ein geborener Baier, der in Fulda Hrabans Unterricht genossen hatte, und durch die Besorgung von Abschriften kirchlicher Werke seinen wissenschaftlichen Eifer bewies[7]. Schon unter Ambricho (864-899) begann hier Anamod die Urkunden über Schenkungen an das Kloster St. Emmeram zu sammeln, und eignete das vollendete Werk dessen Nachfolger Aspert (891-893) zu, welcher Kaiser Arnulfs Kanzler gewesen war[8]. Hier verwahrte man auch jene merkwürdige Aufzeichnung über die Gaue der Slaven, bekannt als Geographus Bawarus, welche aus einer Handschrift von St. Emmeram durch Hormayr zuerst bekannt gemacht ist[9].
In Nieder-Altaich und Würzburg wird Gozbald (841 bis 855), einst Erzkanzler Ludwigs des Deutschen und immer in hoher Gunst bei ihm, ein gelehrter Mann, den Ermanrich von Ellwangen seinen Lehrer nennt, ohne Zweifel die Studien befördert haben, wenn uns auch nichts darüber bekannt geworden ist. Einer Handschrift von Nieder-Altaich verdanken wir jene geschichtlich wichtige, wenn auch in der Form verwilderte Fortsetzung der Fulder Annalen von 882-901, welche in Baiern, aber schwerlich in einem Kloster, geschrieben ist[10]. Für seine Kirche in Isarhofen bei Nieder-Altaich erbat Gozbald von Gregor IV die Gebeine der Märtyrer Agapitus und Felicissimus, und vielleicht ist es ihre Translation, wovon sich ein Fragment erhalten hat, merkwürdig durch die Erwähnung der Aufschriften des P. Damasus „rotundis litteris“ und der von Karl dem Großen gestifteten Schola Francorum in Rom[11].
Zum Würzburger Sprengel gehört Laufen am Neckar, wo man S. Reginswind verehrte, Tochter des Markgrafen Ernst, welche als siebenjähriges Mädchen 837 von ihrer Wärterin aus Rache im Neckar ertränkt sein soll; ihre sagenhafte Geschichte ist aber erst im zwölften Jahrhundert aufgezeichnet[12].
In Eichstedt ließ B. Erchanbald (882-912) nicht nur viele Bücher abschreiben, sondern er veranlaßte auch den Priester Wolfhard, das Leben der h. Walburga[13] zu schreiben, deren Reliquien er 893 nach Monheim übertragen hatte, der Schwester Willibalds — eine der zahlreichen Aufzeichnungen solcher Art, welche diese Zeit mit ihrer immer wachsenden Heiligenverehrung hervorbrachte, weniger durch geschichtlichen Sinn als durch das Bedürfniß einer Legende veranlaßt und mit Wundergeschichten ausgestattet. In ausgedehntestem Maße sorgte aber Wolfhard für die Befriedigung dieses Bedürfnisses durch das ebenfalls auf Veranlassung des Bischofs Erchanbald von ihm gesammelte, schon früher ([S. 61]) erwähnte große Legendarium.
Die Passauer Kirche erwarb 904 durch Tausch die ansehnliche Bibliothek des Landbischofs Madalwin[14]; vielleicht auf Ermenrich zurückzuführen ist das vorzüglich aus Hrabans Schriften geschöpfte Lehrbuch, welches sich in einer Tegernseer Handschrift erhalten hat[15]. Einem Abt Engilmar, den er als „venerabilis doctor et grammaticae rethor“ bezeichnet, widmete ein ungenannter Verfasser in ziemlich mangelhaften Versen eine Versification der Vita S. Herasmi; vielleicht könnte dieser später Bischof von Passau geworden sein, wo wir von 874-899 einen Engelmar finden[16].
Aus Salzburg endlich ist uns, außer urkundlichen Aufzeichnungen und der Erzählung von der Uebertragung des h. Hermes[17] aus Rom vom Jahre 851, ein überaus werthvolles Denkmal erhalten, eine Denkschrift, welche durch die Errichtung eines selbständigen mährischen Erzbisthums veranlaßt, vermuthlich 870 verfaßt wurde[18], in demselben Jahr, in welchem die Verfolgung gegen Methodius begann. Die Verdienste und Berechtigungen der Salzburger Kirche sollten darin dargestellt werden, und wie billig steht an der Spitze das Leben des h. Rupert (oben [S. 122]). Die weitere Erzählung stützt sich durchweg auf Urkunden und andere Aufzeichnungen der Kirche, es ist mehr eine rechtliche Deduction, als ein eigentliches Geschichtswerk, und weil der Verfasser sich streng auf das beschränkt, was für seinen Zweck von Wichtigkeit war, anderes, wie namentlich die ganze Wirksamkeit des Bonifaz, völlig mit Stillschweigen übergeht, genügt die Schrift unseren Wünschen nicht, aber was sie giebt, ist unschätzbar, und bei dem fast gänzlichen Mangel anderer Quellen über die Verhältnisse dieser südöstlichen Lande, bei dem Verlust der Annalen, von denen nur geringe Reste übrig geblieben sind, ist jedes Wort des Verfassers von hohem Werth für uns[19].
Unter den Nachfolgern des ersten Erzbischofs Arn wird Adalram (821-836) sehr gepriesen, und Liuphram (836-859) folgte Arns Vorgang, indem er durch Abschriften die Bibliothek zu bereichern bemüht war[20]. Aus seiner Zeit stammt auch eine Sammlung, in welcher formelartig zugerichtete Briefe Alcuins, die meistens an Arn gerichtet waren, mit allerlei Versen verbunden sind, nach Dümmlers Ansicht für den Zweck des Unterrichts bestimmt[21]. Am Anfang stehen Verse von Dungal an einen „clarus magister“ Baldo, von welchem man in Salzburg auch eine Handschrift hatte mit der Inschrift: „Hunc humilis librum fecit perscribere Baldo, Reddat in aeternum mitis cui praemia Christus“. Aehnliche Verse finden wir in den Unterschriften der von Liuphram besorgten Bücher. Mit Dümmler hatte ich diesen Baldo für den Abt Waldo von Saint-Denis gehalten, aber später hat Dümmler sich mit Foltz[22] für eine Unterscheidung beider Personen ausgesprochen, wofür sich auch Traube erklärt[23], und es wird, wenn Baldo damals in Salzburg thätig war, vielmehr anzunehmen sein, daß wir unter Dungal nicht den alten berühmten Lehrer (oben S. 153) verstehen dürfen. Auch König Ludwig dankte ihm in Versen für übersandte Schriften, wünschte aber über die zuletzt erhaltenen, die er nicht verstehen könne, Aufschluß. Andere Stücke jener Sammlung verherrlichen den alten Bischof Virgilius, Arn, Adalram, Liuphram; eine besondere Classe stellt sich uns dar als Inschriften für einen Bischofshof, der vermuthlich damals (zwischen 855 u. 859) in Salzburg gebaut wurde, und erinnert dadurch an die oben [S. 266] erwähnten Lütticher Gedichte, wie denn auch hier (III, 11) der Dichter sich als einen armen Fremdling bezeichnet; es liegt die Vermuthung nahe, daß Genossen jener Lütticher Schottencolonie auf ihrer Reise nach Mailand in Salzburg einige Zeit sich aufgehalten haben. Die einzelnen Suffragane gaben, wie es scheint, verschiedenen Hallen ihren Namen, deren Wände mit Darstellungen ihrer Bischofsitze geschmückt sein mochten, und hier waren auch Verse über die Folge dieser Bischöfe angebracht, welche aber bei Passau und Saeben nicht vollständig ausgeführt sind[24].
[1] B. Pez. Thes. I, Praef. p. XXVII.
[2] Meichelb. Hist. Fris. I, 1, 115. 116. Jos. Zahn im Archiv d. W. Ak. XXVII., 200 f., wo auch K. Roths Arbeiten über Cozroh aufgezählt sind. MG. SS. XXIV, 314 seine Vorrede, p. 316 Notae de privilegiis. Ausserdem ließ Hitto viele theologische Schriften für die Bibliothek abschreiben.
[3] SB. d. Berl. Akad. 1884, Dec. 4. MG. SS. XV, 286-288. Andere schlechtere Hs. NA. XIII, 584.
[4] Neue Ausgabe von Dümmler, Poet. Lat. II, 120-124.
[5] Cod. lat. Mon. 6262, s. Catal. I, 3, 81.
[6] S. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 154. Müllenhoff und Scherer S. 297. 451 (3. Ausg. II, 90. 335) und oben [S. 275]. Der Priester Sigihard schrieb für ihn den Otfrid ab.
[7] Dümmler, Ostfr. II, 433. Müllenhoff und Scherer S. 448. 460. (II, 331. 344.) Facs. des Cod. lat. Monac. 14,468 a. 821. Palaeograph. Soc. 122; von 14,437 a. 823 ib. 123; 14,288 schenkte ihm Hiring. Eine Benedictio Dei betitelte Schrift über den Gebrauch der Psalmen, mit einer Vorrede an Baturich, Bibl. Patr. Lugd. XXVII. Suppl. Migne CXXIV, 1399. K. Ludwig ertauschte später für seine Kapelle von der Regensburger Kirche den Cleriker Gundpert wegen seiner litterarischen Bildung, B. Pez Thes. I, 3, 199. Die unbedeutenden Annalen s. oben [1→S. 149.]
[8] Ueber ihn S. Dümmler, Ostfr. III, 482. Der Codex Traditionum gedr. bei B. Pez Thes. I, 3, 191-286; Migne CXXIX, 900. Vgl. Bretholz, Die Traditionsbücher von St. Emmeram, Mitth. d. Inst. XII, 1 ff. (NA. XVI, 648). S. auch Karl Roth, Tauschverträge der Abtei Sanctemmeram (Beitr. IV. 1865), wo S. 42-46 Cat. abb., S. 47-50 Cat. epp. Ratisponensium; alii SS. XIII, 359. Ein Distichon mit Lob des Bischofs Tuto (894-930) NA. I, 185.
[9] Archiv für österreichische Geschichte 1827, S. 282. Boczek Cod. Dipl. Moraviae I, 67. Zeuß, die Deutschen und die Nachbarstämme S. 600. Bielowski's Monumenta Poloniae I, 10. Die Hs. ist Cod. lat. Monac. 560 saec. XI. Facs. bei Schiemann, Rußland etc. (Berl. 1886) zu S. 29.
[10] S. oben S. 229. 230. Ueber Gozbald Dümmler, Ostfr. II, 428. Forsch. VI, 122. Handschriften, die er für seine Kirche schreiben ließ, sind jetzt in Oxford, s. Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV, 59. 61; Facs. von Aug. de civ. Dei Pal. Soc. II, 67. 68. Eine andere in Würzb. s. Schepss in Briegers Zts. f. Kirchengesch. 1886, S. 458, Anm. Seinem Vorgänger Humbert von Würzburg (832-841) widmete Hraban den Commentar zu den Büchern der Richter und Ruth; auch er ließ eine Hs. abschreiben. Der Nachfolger Arn wird Gozbalds Schüler genannt; s. über ihn Dümmler Ostfr. II, 430, und denselben Forsch. VI, 123 über die gelehrten, aber nicht der Geschichte zugewandten Studien in Würzburg.
[11] NA. XIII, 295.
[12] V. Reginswindis Acta SS. Jul. IV, 90-96. MG. SS. XV, 359.
[13] Acta SS. Feb. III, 523. Mab. III, 2. 787. Vgl. den Anon. Haser. c. 3. 10, MG. SS. VII, 255. 256. Rettberg II, 359. Die 893 beginnenden Mirakel sind geschichtlich nicht unwichtig. Ausg. v. Holder-Egger, MG. SS. XV, 535-555.
[14] Mon. B. XXVIII, 2, 200-203.
[15] Einige Formeln mit der Ueberschrift Epistolae Alati ed. Rockinger, Quellen zur baierischen Geschichte VII, 169-185, cf. 21-29, und E. de Rozière, Revue hist. de droit français et étranger, IV; Zeumer, Form. S. 456 ff. Nach Passau weist die bischöfliche Kirche des heiligen Stephan. Vgl. Müll. u. Scherer, 3. Ausg. II, 355.
[16] Dümmler, NA. V, 429.
[17] Translatio S. Hermetis, ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 410. Auch in Bamberg glaubte man den h. Hermes zu besitzen, V. Ott. II, 14 bei Jaffé, Bibl. V, 639.
[18] Ich lasse dahingestellt, ob sie, wie ich annahm, für den König bestimmt war, oder für den Pabst, wie Dümmler, Ostfr. II, 379, aufrecht hält, ungeachtet der gänzlichen Verschweigung aller päbstlichen Anordnungen. Sicher ist sie ihrer Form nach nicht an den Pabst gerichtet.
[19] Ausgabe von Wattenbach, MG. SS. XI, 1-17, mit den Computationes saec. XII. de tempore S. Rudberti, auf welchen die fehlerhafte sogenannte Tradition beruht. Ueber das Fehlen einer älteren Tradition s. auch Meiller, Salzb. Regesten, S. 439. Wie Dümmler bemerkt, ist der erste, von mir übersehene Herausgeber Flacius Illyricus, Catalogi testium veritatis (1597) II, 121-129 aus der Wiener Handschrift hist. eccl. 73. Wegen der weiteren Litteratur begnüge ich mich, auf die 2. Aufl. von Dümmlers Ostfr. zu verweisen. Nach Jar. Goll, Mitth. d. Inst. XI, 443 bis 446, hätte er seine Angaben über Samo nur aus Fredegar geschöpft, ohne locale Tradition.
[20] S. darüber Karl Foltz, Geschichte der Salzburger Bibliotheken, Wien 1877.
[21] Beiträge zur Geschichte des Erzb. Salzburg, Archiv der Wiener Ak. XXII, 279-304. Die Verse bei Traube, Poet. Lat. III, 238. [←]
[22] a. a. O. S. 13: vgl. Dümmler, Poet. Lat. I, 412.
[23] O Roma nobilis, S. 336.
[24] Versus de ordine comprovincialium episcoporum bei Dümmler a. a. O. S. 283-285. MG. SS. XIII, 341-343. Poet. Lat. II, 637-648 mit anderen Versen der Sammlung. Vielleicht rühren jene aus Karls d. Gr. Zeit her, und wurden nur fortgesetzt; dann hätten wir Erneuerung älterer Darstellungen anzunehmen.
§ 20. Frankreich. [[←]]
Der Vertrag von Verdun besiegelte die politische Theilung des karolingischen Reiches, aber er zerstörte nicht die Gemeinsamkeit der litterarischen Entwickelung. Diese beruhte, besonders in Deutschland und Frankreich, Jahrhunderte lang ausschließlich auf der Geistlichkeit, die von dem Gefühl erfüllt war, eine große Corporation zu bilden, deren Mitglieder in den verschiedenen Ländern sich, wie noch heute, einander näher verbunden fühlten als mit den Laien ihres Volkes. Dieses Gefühl der Gemeinschaft tritt auch in späterer Zeit häufig außerordentlich stark hervor; ganz besonders lebhaft aber war es, so lange die Karolinger herrschten, und die Erinnerung an die Einheit des Kaiserreiches noch die Gemüther erfüllte. In der Litteratur sind es jedoch die kirchlichen Fragen, in denen die Gemeinsamkeit der Bildung wie der Interessen sich vornehmlich zeigt; die überaus reiche und bedeutende theologische Litteratur des neunten Jahrhunderts läßt sich gar nicht getrennt behandeln. In der historischen dagegen verhält es sich anders; diese wird naturgemäß von der politischen Trennung weit stärker berührt und sondert sich rascher in verschiedene Zweige. Alles was die Localgeschichte betrifft, gewinnt nur noch in einzelnen Fällen Bedeutung für das Nachbarland; die bedeutenderen Werke allgemeiner Art aber dürfen nicht außer Acht gelassen werden, und bei der engen Verbindung der karolingischen Theilreiche finden wir in diesen immer auch die Nachbarländer, wenn nicht gleichmäßig, so doch mit wenig geringerer Sorgfalt berücksichtigt, als das eigene. Vor allem gilt das von der Reichshistoriographie der Annalen. Wie die Fulder Annalen auch für Frankreich von Wichtigkeit sind, so die Bertinianischen[1] für Deutschland.
Die alten Reichs-Annalen bilden für beide Reiche gleichmäßig den Ausgangspunkt; während man aber am ostfränkischen Hofe diese Aufgabe erst nach einiger Zeit wieder aufnahm, trat im westlichen Franken keine Unterbrechung ein, und wir finden schon in den Jahren 830-835 eine gleichzeitige Fortsetzung. Das Kloster St. Bertin hat nur deshalb den Namen dazu hergegeben, weil diese Annalen zuerst aus einer Handschrift desselben bekannt wurden; sie tragen einen durchaus universellen Charakter und haften an keinem bestimmten Orte.
Die Hofschule bestand unter Ludwig dem Frommen, wie unter seinem Vater. Der Irländer Clemens setzte seine Wirksamkeit fort, und von Alderich und einem sonst unbekannten Thomas, den Walahfrid preist, ist es, wenn auch nicht sicher, doch wahrscheinlich, daß sie eine ähnliche Stellung hatten[2]. Walahfrids Berufung an den Hof bezeugt ebenfalls die Beachtung litterarischer Talente. Die Verdienste der Kaiserin Judith in dieser Beziehung waren schon wiederholt zu erwähnen. An Karls des Kahlen Hof glänzte Johannes Scotus[3]. Ihm widmete auch ein unbekannter Autor ein geographisches Werk, welches ganz aus Stellen alter Schriftsteller zusammengesetzt, und ein Zeugniß für die eifrig betriebenen Studien in jener Zeit ist[4]. Seine Sorge für wissenschaftliche Bildung wird gerühmt, und zu seiner Zeit wird Manno als Vorsteher der Hofschule genannt, welcher als Probst von Saint-Oyan (später Saint-Claude) im Jura am 16. Aug. 880 gestorben ist, nachdem er diesem Stifte mehrere noch jetzt erhaltene Handschriften dargebracht hatte[5].
In dieser Schule ist auch der Spanier Galindo ausgebildet, welcher den Namen Prudentius annahm[6]; ein vornehmer Jüngling, welcher frühzeitig ins Frankenreich gebracht war. Aus dieser Zeit, noch vor 817, haben sich an ihn gerichtete Verse eines unbekannten Dichters erhalten, leider nur theilweise verständlich[7]. Theodulf, Clemens und Thomas werden darin erwähnt. Als die Kaiserin Judith sich einst in Gefahr befand, hat er für sie auf ihren Wunsch Flores psalmorum zusammengestellt[8]. Die Verse Walahfrids ad Prudentium magistrum (oben S. 280) werden doch wohl sicher an denselben Galindo gerichtet sein, welcher zwischen 843 und 846 Bischof von Troyes geworden, am 6. April 861 gestorben ist. Von ihm selbst haben wir Verse aus einem von ihm seiner Kirche gewidmeten Evangelienbuch, und kirchliche Schriften.
Dieser Prudentius wird von Hincmar als der Fortsetzer der Annalen genannt, auch 861 von ihm der Tod desselben mit scharfem Tadel seiner in den letzten Jahren ketzerischen Haltung angemerkt. J. Girgensohn[9] hat sich bemüht zu erweisen, daß der Inhalt der Annalen genau zu dem stimmt, was wir von Prudentius wissen, indem er 835-840 dem alten Kaiser treu ergeben ist, bis 853 Karls des Kahlen Handlungen bestmöglichst zu beschönigen sucht, nach der Synode von Quierzy aber, wo er die seiner früheren Lehre widerstreitenden Artikel unterschreiben mußte, auch rücksichtslosen Tadel nicht scheut. Der Brief Hincmars, welcher allein uns die Kunde von Prudentius Autorschaft erhalten hat, zeigt zugleich, daß die Urschrift des Werkes, welches schon Vielen bekannt geworden war, sich in des Königs Händen befand, und bestätigt dadurch den officiellen Charakter desselben. Nur darf man nicht vergessen, wie selbständig die Bischöfe Frankreichs ihrem Könige gegenüber standen, und es ist deshalb nicht zu verwundern, daß Prudentius seine eigene Meinung mit einer Entschiedenheit ausspricht, welche Rudolf von Fulda ganz fern liegt. Noch weit unabhängiger erscheint die Fortsetzung, welche der Erzbischof Hincmar von Reims bis zum Jahre 882, dem Jahre seines Todes, fortgeführt hat. Sie bietet uns die Reichsgeschichte aus dem Standpunkte des Verfassers, des bedeutendsten Staatsmannes im Reiche Karls des Kahlen, der unablässig bis an seinen Tod für das Wohl des Reiches und die Selbständigkeit der westfränkischen Kirche auch gegen König und Pabst gearbeitet und gekämpft hat, nicht immer mit redlichen Mitteln allein, obgleich freilich Schrörs (S. 307, 507-512) ihn von dem Verdachte zu befreien sucht, daß er zur Erreichung seiner Zwecke auch Fälschungen und Erdichtungen nicht verschmäht habe; ein sicheres Beispiel kecker Fälschung hat Krusch in der Vita Remigii nachgewiesen[10]. Sicher aber sind seine Annalen von solchen Flecken rein, wenngleich an manchen Stellen nicht frei von Parteilichkeit, und als die hervorragendste Geschichtsquelle dieser Zeit zu betrachten[11].
Von dem einflußreichsten, nur vorübergehend bei Seite gedrängten Staatsmanne herrührend, unterscheiden Hincmars Annalen sich noch wesentlich von einfachen Privatarbeiten; mit seinem Tode versiegte in Frankreich noch früher als in Deutschland diese Art der Geschichtschreibung, wie denn auch der Verfall des Reiches hier noch rascher und unaufhaltsamer eintrat.
Allein in ganz ähnlicher Weise, wie wir in Deutschland neben den Reichsannalen die Jahrbücher von Xanten finden, wie auch nach dem Uebergange der amtlichen Geschichtschreibung an die Baiern die Jahrbücher von Fulda unabhängig aus freiem Antriebe weiter fortgesetzt wurden, so stehen auch in Frankreich den Annalen Hincmars die Jahrbücher von St. Vaast[12] bei Arras zur Seite. Sie reichen von 874-900; vielleicht ist aber was uns vorliegt nur ein Bruchstück. Auf das Kloster des heiligen Vedast weisen mehrere Stellen hin, aber die Absicht des Verfassers war, die Geschichte des westfränkischen Reiches zu schreiben; die Darstellung ist ausführlich und umfassend, und dabei frei von den Rücksichten, welche in den Bertinianischen Annalen unverkennbar sind. Die Zwietracht im Reiche und die Heimsuchungen durch die Normannen werden mit lebhaften Farben geschildert. Wie in Deutschland die Xantener Annalen, so blieben auch hier die Vedastiner fast unbekannt; in Reims wußte man nichts von ihnen, als Richer seine Geschichte schrieb, und wir haben ihre Erhaltung als einen besonderen Glücksfall zu betrachten. Außerdem beschäftigte man sich hier angelegentlichst mit dem Schutzheiligen, dessen Wunder um 850 der Küster und Schulvorsteher Haimin beschrieb, ein gefeierter Gelehrter, welchem sein Schüler Milo das metrische Leben des h. Amandus widmete. Bei der wachsenden Kriegsgefahr wurde der h. Vedast 852 feierlich erhoben und wieder wurde ein Buch über seine Wunder geschrieben. Die Normannen jedoch fürchteten sich nicht vor ihm, 880 wurde er nach Beauvais geflüchtet, 893 heimgeführt, und auch darüber von Ulmar eine Schrift verfaßt; allerlei für die Zeitgeschichte nicht unerhebliche Nachrichten hat daraus Holder-Egger ausgehoben[13].
Die Annalen kannte man im eigenen Kloster wohl, und muß auch eine große Fülle von historischem Material gehabt haben, denn gegen das Ende des 11. Jahrhunderts ist hier eine große weltgeschichtliche Compilation bis 899 aus vielerlei Quellen ohne viel Geschick zusammengearbeitet, welche sich in einer jetzt in Douai befindlichen Handschrift erhalten hat, aus der sie erst kürzlich bekannt geworden ist; jetzt hat den wesentlichen Inhalt mit Fortlassung des Anfangs und der wörtlich entlehnten Stellen Waitz (SS. XIII, 674-709) als Chronicon Vedastinum herausgegeben[14]. Außer Hieronymus, Orosius, Beda, Isidor, Nennius, Jordanis, Gregor von Tours ist Fredegar mit seinen Fortsetzungen benutzt, und die Reichsannalen mit den Bertin. und Vedast., welche fast ganz aufgenommen sind, so daß die Handschrift zur Verbesserung des Textes benutzt werden kann. Von besonderer Wichtigkeit ist die Benutzung der oben S. 202 erwähnten Compilation bis 805, von der Waitz vermuthet, daß sie noch höher hinaufgereicht habe, da schon im 7. und 8. Jahrhundert gleiche Quelle mit den Ann. Mett. wahrzunehmen ist; doch muß für die Zeit Karl Martells die Vorlage eine Lücke gehabt haben. Einige Stellen stimmen mit der Bisthumsgeschichte von Cambrai überein, was für die Zeit der Abfassung entscheidend sein würde; doch nennt er diese Quelle Gesta Remensium, und ganz sicher ist die Benutzung nicht. Er giebt aber manchmal seinen Quellen falsche Benennungen, weicht auch im Wortlaut ab, und hat allerlei Nachrichten, deren Herkunft nicht festzustellen und deren Werth zweifelhaft ist. Guiman von St. Vaast um 1170, Hermann von Tournai und Andreas von Marchiennes haben das Werk benutzt; früher als ins 11. Jahrhundert kann es nach der Beschaffenheit der allem Anschein nach erhaltenen Originalhandschrift unmöglich gesetzt werden.
Gehört nun diese Bearbeitung schon späterer Zeit an, so stammen dagegen die oben [S. 109] erwähnten Gesta Dagoberti aus dem Ende des neunten Jahrhunderts, und um 900 war nach B. Krusch auch schon die Bearbeitung vollendet, welche aus Gregor von Tours mit der unter Fredegars Namen bekannten Sammlung und deren Fortsetzern eine einigermaßen lesbare Frankengeschichte herstellte ([S. 203]).
Wir finden also auch in Frankreich eine nicht unbedeutende Beschäftigung mit der Geschichte, und namentlich die annalistische Form der gleichzeitigen Geschichtschreibung reich entwickelt, bis sie durch den Verfall des Reiches erstickt wird[15]. Von Aufzeichnungen anderer Art ist nur noch die poetische Behandlung der Belagerung der Stadt Paris durch die Normannen vom November 885 bis 886 und der weiteren Kämpfe bis 896 zu erwähnen, verfaßt von Abbo[16], einem Mönche von St. Germain-des-Prés, zur Verherrlichung seines Heiligen; schätzbar durch ihren Inhalt, da der Dichter diese Ereignisse selbst mit durchlebt hatte, aber kaum als Geschichtswerk zu rechnen, in sehr gezierter und gesuchter, oft kaum verständlicher Sprache. Im allgemeinen überwog in Frankreich noch mehr als in Deutschland die Richtung auf theologische und philosophische Gelehrsamkeit; die kirchlichen Fragen beschäftigten die Geister im höchsten Grade und die wissenschaftliche Thätigkeit, welche Karl der Kahle bei aller Schwäche seiner Regierung lebhaft begünstigte[17], kam der Geschichte wenig zu Gute. Denn die Ueberarbeitung oder auch neue Aufzeichnung älterer Heiligenleben, welche auch hier vielfach vorkommt, hatte mehr einen liturgischen oder doch erbaulichen Zweck; die Form ist die Hauptsache dabei und von ernstlicher geschichtlicher Forschung nicht die Rede.
In Chelles ließ die Aebtissin Hegilwich, die Mutter der Kaiserin Judith, 833 den Leib der Königin Baltechildis erheben, worüber bald nach 856 berichtet wurde[18]. Etwas später finden sich hin und wieder Nachrichten über die Unthaten der Normannen in den Sammlungen von Wundergeschichten und den Berichten über die Irrfahrten der vor den gottlosen Feinden geflüchteten Reliquien. So in des Abts Odo von Glanfeuil Geschichte der Uebertragung des h. Maurus von Saint-Maur-sur-Loire nach Saint-Maur-des-Fossés bei Paris[19] 868, welche wohl etwas, doch nicht viel mehr Glauben verdienen mag, als desselben Odo angeblich nach einem gleichzeitigen Werk des Faustus erneuertes Leben des h. Maurus[20], und mit besonderer Lebhaftigkeit und Anschaulichkeit in den Wundergeschichten vom heil. Bertinus[21].
Hierher gehören auch die schon oben S. 164 erwähnten Aufzeichnungen aus dem Kloster Saint-Riquier oder Centulum. Aus diesem aber hat sich auch noch eine nicht unwichtige Sammlung von Gedichten erhalten, mit welchen ja die Mönche des neunten Jahrhunderts sich überaus gerne beschäftigten; sie beziehen sich großentheils auf Aebte des Klosters, welche, ohne Ausnahme Laienäbte, der kaiserlichen Familie angehörten, und dienen zur Berichtigung der chronologischen Angaben Hariulfs. Die Hauptmasse rührt von dem Diaconus Mico her und umfaßt die Jahre 825-853; er wirkte als Lehrer und hat auch eine Zusammenstellung von Versen älterer Dichter zu prosodischen Zwecken auf überlieferter Grundlage verfaßt. Verbunden sind damit Gedichte des Spittlers Fredigardus aus den Jahren 861-871 und vermuthlich auch seines Zeitgenossen, des Custos Odulfus, welchem Traube einen von Hariulf in seine Chronik (III, 11, 12, 14) aufgenommenen Bericht über die von ihm gesammelten Reliquien zuschreibt. Nachdem einzelne dieser Gedichte an verschiedenen Orten veröffentlicht waren, die ganze Sammlung vor 50 Jahren von Bethmann abgeschrieben, ist sie jetzt von L. Traube vollständig herausgegeben und scharfsinnig erläutert[22].
Zu den berühmtesten Gelehrten dieser Zeit gehörte Heirich aus Auxerre, 841 geboren und seit 850 zum Diener des heiligen Germanus geschoren; 859 wurde er zum Subdiaconus geweiht, und hat dann, nach der Sitte der lernbegierigen jungen Mönche jener Zeit, verschiedene Lehrer aufgesucht, namentlich auch Schottenmönche, nach Traubes wahrscheinlicher Vermuthung in Laon. Eine alte Aufzeichnung nennt ihn einen Schüler des Schotten Elias, Bischofs von Angoulême († 860) und als seine Schüler wieder Remigius, der die Reimser Schule herstellte[23], und Hucbald den Kahlkopf von St. Amand[24]. Er selbst nennt Lupus, den Abt von Ferrières, und Haimo, vermuthlich in Auxerre, seine Lehrer, in den Versen, mit welchen er dem Bischof Hildebold von Soissons die Collectaneen überreichte, die er jenen verdankte, Auszüge aus Valerius Maximus und anderen Schriftstellern[25]. Sogar den unsauberen Petronius hat er studiert, und Verse von ihm zum Preise des heiligen Germanus benutzt[26]. Denn dessen Legende in Verse zu bringen, das war die große Aufgabe, welche ihm der jugendliche und früh (865) verstorbene Abt Lothar, Karls des Kahlen Sohn, gestellt hatte, als er eben der Schule entwachsen war. In langer Arbeit hat er das Werk vollführt, und dem Kaiser Karl (also zwischen 875 und 877) mit vielen Lobsprüchen überreicht; hinzugefügt sind zwei Bücher in Prosa über die Wunder des heiligen Germanus, welche auch geschichtlich brauchbare Angaben enthalten[27]. Später war er selbst ein gefeierter Lehrer, und hat nach einer Vermuthung von Traube, der ihn für den Verfasser des bisher dem Helpericus zugeschriebenen Computus hält, eine Zeit lang mit schlechtem Erfolg in Granfelden gelehrt. Seine ungewöhnliche Gelehrsamkeit hat Heirich auch durch seine in tironischen Noten geschriebenen Bemerkungen zu astronomisch-chronologischen Schriften von Beda und anderen bewiesen, während die kurzen Annalen von 826-875 in derselben Handschrift wenig Sinn für geschichtliche Aufzeichnungen verrathen[28]. Doch hat Heirich sich auch an der Geschichte der Bischöfe von Auxerre betheiligt, die er in Gemeinschaft mit den Domherren Rainogala und Alagus verfaßte, ein Werk, das als einer der frühesten Versuche der Art Beachtung verdient, übrigens aber für die ältere Zeit unzuverlässig, für die näher liegende dürftig ist[29].
Eine zweite Bisthumsgeschichte haben wir aus Le Mans, wo 832-856 Aldrich Bischof war, von vornehmer Herkunft aus Sachsen, wodurch es sich erklärt, daß er seinen Vorgänger, den h. Liborius, nach Paderborn abließ. In der Hofschule und im Metzer Clerus hatte er seine gelehrte Bildung erhalten, und sein Wirken in Le Mans, zu dessen Bischof Ludwig der Fromme ihn erhoben hatte, wird sehr gerühmt, sowohl in Prosa, wie in Versen, die ein eifriger Verehrer mit fleißiger Benutzung älterer Dichter leidlich correct, wenn auch nicht fehlerfrei, ihm zu Ehren verfaßte[30]. Beide schrieben bei seinen Lebzeiten und überschreiten nicht das Jahr 841. Verbunden ist mit der Biographie die Geschichte seiner Vorgänger; leider steht dieses Werk einzig in seiner Art da durch die erstaunliche Fülle gefälschter Urkunden, welche es enthält. Vorzüglich gilt es dem Besitz der Abtei Anisola oder Saint-Calais, welcher mit diesen Mitteln erstrebt wurde; dann aber auch der Sicherung Aldrichs, welcher eine Zeit lang entsetzt war, gegen weitere Anfechtung. Aus diesen Verhältnissen ist nach einer besonders von B. Simson verfochtenen Ansicht die pseudo-isidorische Fälschung hervorgegangen, und Aldrich der Betheiligung an dieser horrenden Fälscherei mehr als verdächtig[31].
[1] Annales Bertiniani ed. Pertz, MG. SS. I, 419-515. Neue Ausg. v. G. Waitz, Hann. 1883, 8; vgl. dens.: Ueber die Ueberlieferung der Ann. Bertiniani, Berl. SB. 1883, S. 113-121. Benutzt sind außer den Hss. das Chron. Vedastinum, Cont. Aimoini, der einige Zusätze von zweifelhaftem Ursprung hat, Ann. Mettenses, über deren jetzt in Berlin befindl. Hs. ich NA. XVI, 607 berichtet habe. Wenig Hülfe bietet das fast ganz aus Ann. Bertin. u. Vedastini geschöpfte Chronicon de gestis Normannorum in Francia, MG. I, 532-536, in ganz unbestimmter Zeit in St. Omer verfaßt. Uebers. der Ann. Bertin. v. Jasmund 1857. 1890. Geschichtschr. Bd. 24 (IX, 9).
[2] Simson, Ludwig d. F. 256-261; vgl. Dümmler, Hist. Z. XXXVII, 134. Ostfr. III, 651. 652.
[3] Reuter, Gesch. d. Aufklärung I, S. 51-64.
[4] Anonymi de situ orbis libri duo, ed. M. Manitius, Stuttg. 1884. Der Prolog NA. IV, 176.
[5] „Voto bonae memoriae Mannonis liber ad sepulcrum sancti Augendi oblatus.“ S. Dümmler, Ostfr. III, 652. Probst war er schon 870. Ueber seinen Collegen Joseph s. unten [→ S. 300.] Merkwürdige Verse und Briefe aus Karls d. K. Zeit, worin auch Manno erwähnt wird, NA. XIII, 343 bis 357, von Dümmler.
[6] Ebert II, 267, u. S. 365-368 über die Annalen. Dümmler, NA. IV, 314.
[7] Poet. Lat. I, 579. Daß der Verf. Prudens geheißen, widerlegt L. Traube, Karol. Dicht. S. 65, u. gibt Verbesserungen zum Text.
[8] Poet. Lat. II, 701. Der Prolog gedruckt bei A. Mai, Nova Coll. IX, 369.
[9] Prudentius und die Bert. Annalen, Riga 1875. Vgl. die Rec. von F. Dahn in Lit. Centralblatt 1876 S. 848. Baehr S. 453-456. C. v. Noorden, Hincmar S. 152. Sein Latein ist mangelhafter, als man von Pr. erwarten sollte. Aber auch Hincmar hat auf die Form wenig Sorgfalt verwandt.
[10] Auctt. antt. IV, 2, p. XXII, anerkannt v. Dümmler, Ostfr. III, 683.
[11] Als Verfasser der Annalen nennt ihn Richer im Prolog seiner Geschichte. Ueber deren Glaubwürdigkeit v. Noorden S. 153. E. Büchting, Glaubwürdigkeit Hincmars v. R. im 3. Theil der Ann. Bert. Hall. Diss. 1887. — Hincmari Opuscula et epp. ed. Cordesius, Par. 1615, 4. Opera ed. Sirmond 1645, f. Neuer Abdruck bei Migne Vol. CXXV. CXXVI. Seine Gedichte Poet. Lat. III, 406-420. Verz. bei Schrörs, S. 512-588. Zwei neue entdeckte hat Gundlach herausgegeben, Zts. f. Kirchengesch. X, S. 92-145. 258-310, das Gutachten gegen Rothad, Schrörs n. 134, und die erste Schrift gegen Gotschalk (849 od. 850) an die „filii simplices“ seiner Gemeinde. Vgl. C. v. Noorden, Hincmar Erzb. v. Rheims 1863, rec. von Wenck, Hist. Zts. XI, 222, von Dümmler im Litt. Centralbl. 1864 Sp. 1197. Dümmler, Ostfr. III, 210-213; auch NA. IV, 536-538. Heller, Allg. D. Biogr. XII, 438-456. Schrörs, H. v. R. Sein Leben u. seine Schriften, Freib. 1884, rec. v. Dümmler im Centralbl. 1884, Sp. 1197. In diesen Werken sind auch die übrigen geschichtlich wichtigen Schriften Hincmars besprochen und ausgebeutet. Seine für Karlmann geschriebene Darstellung der Regierungsweise Karls des Großen ist oben [S. 252] erwähnt. Vgl. Dirksen, Hinterlassene Schriften II, 130-841: H. als Kenner der Quellen des römischen Rechts. Hincmar befahl seinem Clerus 852 § 8, den compotus d. h. die Osterberechnung zu lernen (Marlot, Hist. Rem. I, 418). Damit verbindet Bock bei Weiß, K. Alfred S. 31, die Inschrift bei Varin, Archives admin. de Reims I, 334, wonach der Probst Sicfarius von Saint-Remi, der kurz vor Hincmar dem Kloster vorstand und Gregors Moralien abschreiben ließ, eine Schule baute: „Huic claustro pollent studio loca compotis apta“ etc. Compotis als Gen. nach Traube, O Roma p. 373. 847 war Sigloardus presb. caput scholae S. Remensis ecclesiae, Marlot I, 390. Polyptyque de l'abb. de St. Remi ed. Guérard p. 57. — Geschichtlich wichtig sind auch die Parteischriften: Narratio clericorum Remensium, qualiter Ebbo Rem. archiep. depositus, mox restitutus ac iterum dejectus est, bei Duchesne II, 340. Bouquet VII, 277, und Apologeticon Ebbonis, Bouquet VII, 281. — Die Translatio S. Remigii, der 882 wegen der Normannen nach Epernai, von da nach Orbais, 883 von Fulco zurückgebracht wurde (Acta SS. Oct. I, 170) enthält fast nichts, was nicht auch bei Flodoard steht. Die griech. Verse im cod. Laudun. 444 sind an Hincmar von Laon gerichtet nach L. Traube, O Roma nob. p. 363.
[12] Annales Vedastini ed. Pertz, MG. SS. I, 516-531, und nach Auffindung der Brüsseler Handschrift in verbessertem Abdruck II, 196-209; Facs. in Arndts Schriftt. 18. Vgl. Dümmler, de Arnulfo rege p. 176. Uebersetzt von Jasmund bei den Ann. Bert.
[13] Monumenta Vedastina minora, SS. XV, 396-405: I. Ex Miraculorum l. I. auct. Haimino. II. Ex libro II auct. Ulmaro aliisque (vgl. aber S. 1315). III. Sermo de relatione S. Vedasti. IV. Ex Apparitione S. Vedasti auctore Huberto presbytero, Haimin gewidmet.
[14] S. 682, 32 l. campi suda; der angeführte Vers ist, wie ich von Dümmler erfahren, Prudentii Psychom. 637. Die Ausgabe von Dehaisnes, Les Annales de Saint-Bertin et de Saint-Vaast, suivis de fragments d'une chronique inédite, 1871, war verfehlt, s. Monod, Revue crit. 1872, I, S. 242 bis 254; G. Waitz, GGA. 1873, S. 1-9; W. Arndt, HZ. XXXI, 167-171. Eine ältere Compilation bis zum 6. Jahr des Heraclius, welche hierin benutzt scheint, beschreibt Mommsen NA. XVI, 430. — MG. SS. XIII, 710: Ex Guimanni libro de possessionibus S. Vedasti; p. 750: Catal. epp. Atrebatensium; p. 382: Series abbatum S. Vedasti, e cod. sacc. IX. abweichend von der sonst überlieferten Folge.
[15] Von den unbedeutenderen kleinen Annalen, welche doch häufig einzelne schätzbare Nachrichten enthalten, erwähne ich Ann. S. Quintini Veromandenses ed. Bethmann SS. XVI, 507, von 793-994 meist gleichzeitig, aber dürftig; Engolismenses ed. Pertz SS. XVI, 485, von 815-870 und noch dürftiger fortgesetzt 886-930. 940-991 (daraus mit einigen Zusätzen Chron. Aquitanicum SS. II, 252, und Ann. Engolismenses SS. IV, 5); Lugdunenses I, 110 von 769-841 (Catal. archiepp. Lugd. s. IX. s. NA. VIII, 624); Masciacenses SS. III, 169 von 732-821 und fortgesetzt 832-1013, von Massai im Berry; Verse auf dieses Kloster unter dem Abt Odo (935 bis 967) verfaßt, bei Senebier, Catal. des Manuscrits de Genève p. 130; H. Hagen, Carm. med. aevi, p. 112; Ann. Floriacenses II, 254 von 864 bis 1060; Nivernenses a. 509-1188, SS. XIII, 88-91; S. Victoris Massilienses (darin Barcinonenses) 538-1542, SS. XXIII, 1-7; vgl. Arnold S. 61; Kritik d. Ausgabe, u. Ausgabe v. Albanès, Mélanges d'Arch. et d'hist. VI. de l'École franç. de Rome. Dazu Todtenklage um den 1017 gest. Grafen Raimond von Barcelona, NA. III, 407. Zwischen 1330 und 1338, angeblich nach einer verlorenen Chronik über und aus Karls des Kahlen Zeit verfaßt, in der That aber ganz fabelhaft, begründet auf ein zur Bewirkung der Canonisation spät verfaßtes Leben ist: Le roman en vers de très excellant, puissant et noble homme Girard de Rossillon, jadis duc de Bourgogne, publié par Mignard, à Paris 1858; vgl. Revue hist. VIII, 216; Paul Meyer: La Légende de Girart de R. in d. Zts. Romania, 1879. Uebers. mit Einl. von dems. 1884. A. Stimming: Ueber d. provenz. G. de R. 1888.
[16] Abbonis de bellis Parisiacae urbis libri III ed. Pertz, MG. SS. II, 776 bis 805. Sep. Abdr. 1871. Vgl. E. A. Freemann's Essay: The early sieges of Paris. Dümmler, NA. IV, 556. Das dritte Buch, hinzugefügt, um der heiligen Dreizahl zu genügen, ist nur allegorisch gramm. Inhalts und besteht fast ganz aus seltenen, schwer verständlichen Worten. Doch ist es mit Glossen für den Unterricht versehen u. auch abgesondert abgeschrieben, gedr. in Mangearts Catal. de Valenc. S. 656-659. Abbo's Klosterbruder Aimoin giebt in seinen zwei Büchern de S. Germani miraculis ebenfalls Nachrichten über frühere Verheerungen der Normannen; s. über seine Schriften Baehr S. 243; Ebert II, 352, NA. IV, 543. Vgl. NA. XII. 447, über eine K. Odo gewidmete poet. Bearbeitung. Die von Aimoin aufgenommene Translatio S. Germani a. 845 Anal. Boll. II, 69-98, MG. SS. XV, 10-16. Translatio S. Mederici (Mab. III, 1, 14. Acta SS. Aug. II, 524) in Paris 884 durch Bischof Gauslin, Abt von St. Germain und St. Denis, enthält sonst keine Nachrichten. Translatio S. Bertae (Mab. III, 1, 454. Acta SS, Jul. II. 54) von Blangi bei Amiens 895 nach Erstein im Elsaß, um sie vor den Normannen zu retten, gedenkt einer Synode zu Tribur, wo die Aebtissin Rotrudis von Erstein anwesend war. Auszug Ex Miraculis et transl. S. B. ed. L. de Heinemann, SS. XV, 564.
[17] Graf Vivian Laienabt von St. Martin und Marmoutiers, widmete ihm die herrliche Metzer Bibel Lat. 1. mit den Versen bei Traube, Poet. Lat. III, 243. Versus Johannis Sapientissimi (A. Mai, Auctores Class. V, 426-450, wiederholt hinter Joh. Scotus de divisione naturae ed. Schlüter, Monast. 1838 S. 593-610 und Migne CXXXII ed. Floß p. 1221-1240 ex. cod. Vat. Chr. 1587) voll Verherrlichung Karls und der Irmintrud von einem Iren, wahrscheinlich dem bekannten Philosophen; vgl. NA. IV, 531, Ebert II, 257-267. (Bei Floß S. 1194 die Spottverse auf Rom: Nobilibus quondam etc. auch Murat. Antt. II, 147. Bedae Opp. ed. Col. I, 449. Jaffé Bibl. V, 457 im Cod. Udalrici, cit. schon in der Invectiva, Dümml. Gesta Bereng. p. 138). Joseph, in Tours unter Erzbischof Amalrich (von vor 849-855), der früher Vorstand der Schule gewesen war, gebildet mit Paul, 849-855 Erzbischof von Rouen, war 847 und 848 Kanzler Pippins II von Aquitanien, dann „inclyti regis Ludowici (des Stammlers) liberalium litterarum praeceptor atque ejusdem sacri palatii cancellariorum ministerio functus“. Er schrieb auf Bitten jenes Paul Translatio S. Ragnoberti, der 847 von Bayeux mit Frechulfs Rath nach St. Victor d. Lexov. und dann in die neugebaute Kirche in Suiacum, vermuthlich Notre-Dame-d'Épines, gebracht wurde, wo Frechulf den Hauptaltar weihte; gedr. bei d'Achery Spicil. XII, 600-621. II, 127 bis 133 ed. II. Acta SS. Mai III, 620-624. Er erwähnt den Tod beider Erzbischöfe gleich nach Beginn seiner Arbeit. Vermuthlich schrieb er auch die betrüglich dem Lupus untergeschobene Vita S. Ragnoberti, ein Plagiat der Vita S. Reverentii; ed. Jules Lair, Bibl. de l'École des chartes V, 3, 89-124. [←]
[18] Ex translatione S. Baltechildis, ed. Holder-Egger, SS. XV, 284.
[19] Translatio S. Mauri. Mab. IV, 2, 165-183. Ex Odonis miraculis S. Mauri sive restauratione mon. Glannafoliensis, SS. XV, 461-472. Vgl. Ebert II, 351.
[20] Schon von Papebroch aufgegeben, doch noch häufig benutzt; s. P. Roth, Gesch. des Beneficialwesens, S. 438; Bonnell, Die Anfänge, S. 200. Zeumer, NA. XI, 316.
[21] Miracula S. Bertini bis 891, mit späteren Fortsetzungen, MG. SS. XV, 507-534, von Holder-Egger. Daselbst auch Ex miraculis S. Martialis, S. 280-283.
[22] Carmina Centulensia, Poet. Lat. III, 265-368.
[23] Ueber ihn s. Huemer, Wiener SB. XCVI, 505-551.
[24] Bethmann, Archiv X, 333; ohne Kenntniß dieses Abdrucks wiederholt von Lucian Müller im Rhein. Mus. NF. XXII, 635. Quelle des Ademarus Caban. III, 5. Der Codex stammt von einem Mönch S. Martialis Lemovicensis, wo Ademar studiert hat, Arch. VIII, 575. Waitz, SS. IV, 110, n. 44, unterscheidet den hier genannten Ademar: Dümmler, Litt. Centralbl. 1878. Sp. 940, hält beide für identisch.
[25] Mab. Anal. p. 422. Commentar zu Mart. Capella, Bandini II, 538, soll von Remigius sein. Vgl. über Heirichs Gelehrsamkeit auch Prantl, Gesch. d. Logik II, 41-44, vorzüglich aber L. Traube in der Einleitung zur Ausgabe seiner Gedichte, Poet. Lat. III, p. 421 ff.
[26] Petronius ed. Buecheler, p. XI.
[27] Labbe, Bibl. I, 531-569. Acta SS. Jul. VII, 221, die Wunder S. 255-283. Daraus Duru, Bibl. hist. de l'Yonne II (1863) S. 1-248. Ex Heirici Miraculis S. Germani, MG. SS. XIII, 401. Vgl. Dümmler, NA. IV, 529.
[28] Sickel, Lettre sur un Manuscrit de Melk, Bibl. de l'École des chartes, 5 Série, Tome III, p. 35. MG. SS. XIII, 80.
[29] Gesta episcoporum Autisiodorensium fortgesetzt bis 1593, bei Labbe, Bibl. I, 411-526, neue Ausgabe von Duru, Bibl. hist. de l'Yonne, I, Auxerre 1850. Excerpte MG. SS. XIII, 393; Forts. XXVI, 584. Vgl. P. Roth, Beneficialwesen S. 444-450. Für ihren Werth als gleichzeitige Quelle im 10. Jahrh. Wold. Lippert, König Rudolf v. Frankr. (Leipzig 1886) S. 123.
[30] Zuerst von D. Piolin in d. Gesch. des Bisthums, II, 535-546, herausgegeben, dann von Dümmler, Poet. Lat. II. 623-636.
[31] Acta episcoporum Cenomanensium; s. darüber P. Roth, Gesch. des Beneficialwesens, S. 451-461; Sickel, Acta Karol. II, 286-290. Ausg. der Gesta Aldrici, auszugsweise von Waitz. SS. XV, 304-327: vollst. von Charles und Froger, Mamers 1890. B. Simsons letzte Aeusserung HZ. LXVIII, 193-210.
§ 21. Italien. [[←]]
W. Giesebrecht, De litterarum studiis apud Italos, 1845, 4. Kaisergesch. I, 343-361. 817. Ozanam, Des écoles en Italie aux temps barbares, Oeuvres compl. II, 353. Balzani, S. 190-221.
In auffallendem Gegensatze gegen die beiden fränkischen Reiche steht Italien. Hier war die Geistlichkeit unberührt von der Bonifazischen Reform; ihr fehlte der wissenschaftliche Sinn, welcher vornehmlich von den Angelsachsen ausgehend, die fränkische Kirche durchdrungen hatte, und an den theologischen Fragen, die dort im neunten Jahrhundert so eifrig erörtert wurden, nimmt sie keinen Antheil. Eben so wenig übt der königliche Hof hier eine bedeutende Einwirkung, und niemand machte auch nur den Versuch, die Reichsgeschichte in zusammenhängender Darstellung für die Nachwelt aufzuzeichnen. Weit bedeutender tritt der römische Hof hervor, wo die amtlichen Aufzeichnungen über die Thätigkeit der einzelnen Päbste, deren wir schon früher gedachten, immer fortgesetzt[1], und gerade in diesem Jahrhundert ausführlicher und reicher wurden, so daß sie sich mit den Reichsannalen vergleichen lassen. In Bezug auf die Darstellung und historische Kunst stehen sie aber weit dagegen zurück; es scheint den Verfassern ein solches Bestreben ganz fern gelegen zu haben. Doch finden wir auch hier in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts eine nicht unbedeutende wissenschaftliche Thätigkeit, einen Kreis von gelehrten Geistlichen, wie er uns lange nicht wieder begegnet. Der Bibliothekar Anastasius[2], dem man früher die ganze Sammlung der Pabstleben zuschrieb, ein gelehrter Mann, der verschiedene Werke aus dem Griechischen übersetzt hat, ist vielleicht der Verfasser des Lebens Nikolaus I, jenes gewaltigen Pabstes, der den schwachen Karolingern gegenüber die Weltherrschaft des römischen Stuhles schon dem Ziele nahe führte. Auf den Wunsch eines Diaconus Johannes, der eine Kirchengeschichte schreiben wollte, stellte er nach dem Vorgang des Cassiodor, den er jedoch nicht nennt, aus griechischen Quellen eine neue Historia tripartita zusammen[3]. Dieser Johannes ist vermuthlich derselbe, welcher auf Befehl Johannes VIII mit Benutzung der schon früher gemachten Auszüge aus dem Registrum die Vita Gregorii Magni verfaßte. Die von ihm begonnenen Gesta S. Clementis vollendete Bischof Gauderich von Velletri[4].
Vorzüglich besaß man am römischen Hofe, wo man sich nie durch ideale Bestrebungen von den praktischen Zwecken ablenken ließ, eine außerordentliche Sicherheit in der Behandlung der kirchlich-politischen Angelegenheiten, und der Geschäftsstil der Curie gewann eine ungemeine Ausbildung und Festigkeit. Die Briefe der Päbste geben davon Zeugniß, und die erhaltenen größeren Sammlungen aus den Zeiten Nikolaus I und Johannes VIII sind in ihrer Art wahrhaft bewunderungswürdig. Davon erhielt sich auch später bei zunehmender Barbarei die Tradition, obgleich mit dem Ende des neunten Jahrhunderts die Einwirkung des päbstlichen Hofes auf die Kirche diesseit der Alpen fast ganz verschwand, und wie hier die Annalen, so verstummten auch in Rom die Pabstleben mit dem Jahre 891.
In der nächstfolgenden Zeit veranlaßten noch die Streitigkeiten über die Besetzung des päbstlichen Stuhles und die Geschicke des Pabstes Formosus, vornehmlich über die Gültigkeit der von ihm ertheilten Weihen, die höchst merkwürdigen Streitschriften des Auxilius und Vulgarius. Sie berühren eine der dunkelsten Seiten der Pabstgeschichte, die unheilbarsten Widersprüche infallibler Kirchenfürsten[5]. Auxilius war ein von Formosus geweihter fränkischer Priester, der in Neapel lebte, vielleicht als Mönch in Montecassino gestorben ist. Freimüthig und mit tüchtiger gelehrter Bildung ausgerüstet, vertheidigte er ca. 908-912 Formosus und die von ihm geweihten Priester in verschiedenen Schriften. Eugenius Vulgarius hat in demselben Sinn geschrieben, später aber Sergius III, der Theodora u. a. kriechend geschmeichelt, endlich in der Invectiva in Romam (wenn sie von ihm ist) unter Johann X (914-928) noch einmal für Formosus geeifert. Er war ein italienischer Grammatiker, der wahrscheinlich auch in Neapel lebte; sein Latein und vorzüglich seine Verse sind unerträglich gesucht und verkünstelt.
Nach diesen letzten Regungen versinkt nun hier, während die Factionen der römischen Großen über den Stuhl Petri streiten, alles in Schweigen, und für lange Zeit geht keine Erscheinung der Litteratur von Rom aus[6].
Nicht auf den Vorrang in wissenschaftlicher Ausbildung begründete man in Rom den Anspruch auf Beherrschung der Kirche; die grammatischen Studien betrachtete man hier wegen ihrer heidnischen Antecedentien und der Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern stets mit Abneigung, und völlig bewußt verachtete man die feinere litterarische Bildung. Es giebt nichts charakteristischeres dafür, als die Worte des päbstlichen Legaten Leo, mit denen er bald nach 991 der gallischen Kirche entgegentrat. Diese hatte durch Gerbert ausgesprochen, es sei in Rom niemand, der eine litterarische Bildung empfangen habe, und folglich auch niemand, der nach den kanonischen Vorschriften auch nur die Weihe zum Thürhüter erhalten dürfe. Leo erklärt das kurzweg für Ketzerei; auch Petrus habe sich um das Vieh von Philosophen nicht bekümmert und sei doch Pförtner des Himmels geworden[7].
Die blühendsten Klöster Italiens erlagen alle gegen das Ende des neunten Jahrhunderts den Sarazenen oder verkamen durch die inneren Kriege und die allgemeine Unsicherheit und Verwilderung; bis dahin finden wir auch in ihnen einige Pflege der Wissenschaft, welche sich jedoch mit der litterarischen Bedeutung der transalpinischen Klöster nicht vergleichen läßt. Von einem angeblich im Mutterkloster Montecassino zur Zeit des Fürsten Sico (ca. 830-833) verfaßten Bericht über die Translation der hh. Benedict und Scholastica nach Frankreich[8] hat O. Holder-Egger nachgewiesen, daß er eine Fälschung des Ps. Anastasius ist[9].
In der Folgezeit wurden hier Nachrichten über die Geschichte des Klosters und der Fürsten von Benevent aufgezeichnet[10], welche bis 872 und in den Regententafeln auch weiter reichen, gesammelt vom Abt Johannes (914-934) und deshalb auch von Leo nach ihm benannt. Die Nachrichten sind materiell für uns sehr wichtig, aber die Form ist in hohem Grade roh und mangelhaft[11]. Im Jahre 883 wurde, wie schon früher St. Vincenz am Volturno, so auch Montecassino von den Sarazenen verwüstet, und die Cassinesen flüchteten nach Capua; hier schrieb Erchempert eine Geschichte der langobardischen Fürsten von Benevent seit Arichis[12], an das Werk des Paulus Diaconus und dessen Cassineser Fortsetzung[13] anknüpfend, bis zum Jahre 889. Die weitere Fortsetzung ist verloren. In schlichter und zuverlässiger Erzählung berichtet er von den Schicksalen dieser Lande, von den Kriegen, durch welche sie verheert wurden, und den Verwüstungen der Sarazenen; sein eigenes Urtheil über die Anstifter des Uebels hält er nicht zurück, sondern spricht es häufig mit biblischen Worten aus. Die feinere karolingische Bildung ist ihm fremd, aber seine Sprache ist doch reiner, als wir sie sonst bei den Italienern dieser Zeit zu finden gewohnt sind, und sein Werk zeichnet sich daher sehr vortheilhaft aus. Der Salernitaner Chronist, Johann von St. Vincenz, und Leo von Ostia haben ihn gekannt und benutzt.
In Neapel versuchten sich verschiedene Verfasser an einer Bisthumsgeschichte. Von einem wohlbelesenen Geistlichen, der noch dem achten Jahrhundert zugerechnet werden kann — sein Werk ist noch in Uncialschrift abgeschrieben —, wurden die dürftigen Notizen des alten Cataloges durch Auszüge aus den römischen Pabstleben, Paulus Diaconus u. a. angeschwellt; bis 754 ist die Arbeit erhalten, dann fehlt ein Blatt, und es schließt sich von 762 beginnend die Fortsetzung des Johannes Diaconus bis 872 an, welcher aus Tradition und eigener Kenntniß schöpfte; seine Darstellung ist lebhaft und wahrhaftig, nicht ohne Freimuth. Von der weiteren Fortsetzung des Subdiaconus Petrus ist nur ein kleines Fragment erhalten, die einzige Handschrift auch vorher lückenhaft[14]. Von dem letzten Bischof Athanasius (850-872) ist auch eine ausführlichere Biographie[15] vorhanden, mit welcher die in unbestimmter Zeit geschehene Translation verbunden ist, etwa im X. Jahrhundert geschrieben; was in den Gesten und bei Erchempert zu lesen ist, wird hier rhetorisch ausgeschmückt, zugleich aber doch einige neue Umstände mitgetheilt. Jener Johannes Diaconus aber verfaßte auch eine Geschichte der Uebertragung des h. Severin im Jahre 902 von dem Castrum Lucullanum, welches aus Furcht vor den Sarazenen zerstört war, nach dem neuen Kloster in Neapel[16], eine Schrift, welche werthvoll ist durch ausführliche Nachrichten über den furchtbaren Angriff des Emir Ibrahim, welcher Taormina zerstörte, wobei der Bischof Procop den Märtyrertod erlitt; durch Ibrahims plötzlichen Tod wurde von Neapel die drohende Gefahr abgewandt. Nach demselben Kloster wurde auch aus dem von den Sarazenen zerstörten Misenum im Jahre 910 der h. Sossius gebracht, wobei Johannes zugegen war, und er berichtet darüber in seiner Schrift über das Leben des h. Januarius[17].
Der Petrus subdiaconus, von welchem nur der Anfang einer Fortsetzung der Gesta noch vorhanden ist, war bei der Uebertragung des Sossius 910 zugegen, und erwähnt in den Wundern des h. Agrippinus den Angriff der Sarazenen auf Neapel vom Jahre 960[18]. Auch verfaßte er noch andere Wundergeschichten. Sehr merkwürdig ist der wissenschaftliche Eifer des Herzogs Johannes (928 ff.), von dem der Archipresbyter Leo im Vorwort zu seiner Vita Alexandri Magni berichtet[19].
Auch in Ravenna verfaßte gegen die Mitte des neunten Jahrhunderts Agnellus eine Bisthumsgeschichte[20], in welcher schwülstiger Bombast mit treuherzig einfältiger Erzählung abwechselt; die Sprache ist voll von Soloecismen. Der Inhalt liegt der deutschen Geschichte fern, doch sind über Kaiser Karl und seine Nachfolger, besonders über die Schlacht bei Fontenoy, einige merkwürdige und wichtige Stellen darin. Den römischen Päbsten gegenüber äußert Agnellus sich sehr freimüthig, was vielleicht Anlaß gegeben hat, die Chronik schon frühzeitig zu verstümmeln. Agnellus war um 805 aus vornehmer und reicher Familie geboren, und erhielt schon mit 11 Jahren eine Abtei; für die frühere Zeit benutzte er, außer vielen Inschriften, Gefäßen und anderen Denkmälern, die er sorgfältig beschreibt, der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus und den Consularfasten auch die oben [S. 57] erwähnte Chronik des Maximian, welcher 498 geboren, durch Justinian 546 Bischof von Ravenna geworden war, und eine Chronik bis auf seine Zeit schrieb.
Im mittleren Italien war im Anfange des neunten Jahrhunderts das Kloster Farfa in blühendem Zustande, bis auch hier die Sarazenen alles wüste legten. Von Franken gestiftet, hatte es auch immer fränkische Aebte. Die Geschichte der Gründung des Stiftes und seiner Aebte bis zum Jahre 857 glaubte Bethmann gefunden zu haben[21], doch ist neuerdings von I. Giorgi nachgewiesen, daß diese einem Lectionarium entnommenen Stücke wohl aus derselben herstammen, unmöglich aber das ursprüngliche Werk selbst sein können, über dessen sprachliche Beschaffenheit wir deshalb nicht unterrichtet sind.
Ganz außerordentlich barbarisch dagegen und an die Werke des achten Jahrhunderts erinnernd ist die Langobardengeschichte des Priesters Andreas von Bergamo, welcher 877 einen Auszug aus der Geschichte des Paulus Diaconus machte und ihn bis auf seine Zeit fortsetzte[22]. Nach der Mitte des neunten Jahrhunderts sind seine Nachrichten durch Genauigkeit werthvoll; das Ende ist leider unvollständig erhalten. Und dieses ist fast das einzige litterarische Erzeugniß der Lombardei im neunten Jahrhundert, da Claudius von Turin und Dungal als Ausländer nicht zu rechnen sind[23]. Schottenmönche, mit jenen, die in Lüttich hausten, gleicher Art, und mit des Sedulius Gedichten vertraut, fanden auch in Mailand Aufnahme und feierten ihre Herren und Wohlthäter in sapphischen Oden und in Distichen von ungewöhnlicher Correctheit. Vorzüglich der Erzbischof Tado (860-868) wird von ihnen verherrlicht und ihm werden ihre Bitten und Wünsche vorgetragen, dazu der Kaiser Lothar und Herzog Leodfrid, ein Schwager Lothars. Diese einzige Spur ihrer Existenz ist erst kürzlich aufgetaucht, weiteres nicht bekannt[24]. Sehr gerühmt wird in einem Epitaphium der Abt Petrus II vom Ambrosiuskloster[25] (858-899), und dieser wird es wohl sein, zu dessen Zeiten ein mit lateinischen Buchstaben geschriebener griechischer Psalter zu Stande gebracht wurde, als dessen Besitzer (oder Urheber?) sich in höchst barbarischem Griechisch ein Mönch Symeon nennt[26].
Einige Verse, die zum Preise des Bischofs Azo von Ivrea um 876 verfaßt und im folgenden Jahrhundert einer Copie in Goldschrift würdig erachtet wurden, sind fast nur wegen der äußerst barbarischen Form bemerkenswerth[27].
Es würde jedoch ein großer Irrthum sein, wenn man nach diesen Proben arger Barbarei den allgemeinen Standpunkt der Bildung in Italien beurtheilen wollte. Gelehrte Studien wurden namentlich in Verona gepflegt, wo ein Archidiaconus Pacificus († 844), dessen Gelehrsamkeit gepriesen wird, 218 Handschriften zusammengebracht hatte[28]. Von dort besitzen wir ein langes Gedicht zum Preise des Bischofs Adalhard in sapphischem Versmaße, aus dem Ende des neunten Jahrhunderts, dessen Correctheit für diese Zeit in Erstaunen setzt, wenn auch einzelne Fehler vorkommen[29]. Und im überraschendsten Gegensatze zu der Barbarei eines Andreas von Bergamo tritt uns aus dem Anfange des zehnten Jahrhunderts (zwischen 916 und 922) ein Werk entgegen, welches in Rücksicht der Form den meisten Dichtungen karolingischer Zeit ebenbürtig zur Seite steht, nämlich das Lobgedicht auf den Kaiser Berengar[30], dessen ungenannter Verfasser die Sprache nicht ohne Gewandtheit behandelt und regelrechte Hexameter ohne Anstoß zu fertigen verstand. Andere freilich finden sich darunter, welche holprig genug sind[31], und gesuchte Ausdrücke, verkünstelte Constructionen verdunkeln nicht selten den Sinn. Der Unterschied ist nicht schwer zu bemerken, wenn plötzlich der melodische Wohllaut Vergils oder die kunstvollen Verse des Statius sich vernehmen lassen. Das sind fremde Federn, mit denen der Autor sich geschmückt hat; Bilder und einzelne Schlachtenscenen machte er sich auf solche Weise zu eigen.
Die Thaten und Schicksale Berengars, seine Kämpfe um die Krone Italiens sind es, welche er schildert, und allem Anschein nach schrieb er bald nach der Kaiserkrönung seines Helden im Nov. oder December 915. Er war also ein Zeitgenosse, und sein Werk ist in manchen Einzelheiten nicht ohne geschichtlichen Werth. Doch ist er zu sehr Lobredner und zu ungenau, um als eigentliche Geschichtsquelle gelten zu können. Die Verhältnisse sind nicht ohne Geschick, aber mit arger Entstellung, so gewandt, daß Berengar als der allein berechtigte und legitime Herrscher erscheint. Es ist merkwürdig, daß, während thatsächlich die Gewalt allein den Ausschlag gab, doch nachträglich man ängstlich bemüht war, vor der Welt den Anschein einer formellen Berechtigung zu gewinnen. Wir haben ähnliches schon in Bezug auf die Karolinger gesehen und werden es in noch auffallenderer Weise bei den Magyaren wiederfinden.
In der Form der Darstellung schließt sich der Panegyrist durchaus den alten heidnischen Mustern an, so gut er es vermochte. Er zeigt die genaueste Bekanntschaft mit Vergil, Statius und Juvenal, und hat unverkennbar eine gute grammatische Schule durchgemacht. Auch stand er mit diesen Kenntnissen und dieser Kunst keineswegs vereinzelt da: Niemand, sagt er, sich selbst anredend, kümmert sich jetzt um deine Verse; dergleichen wissen die Leute auf dem Lande wie in der Stadt zu machen.
Ob der Verfasser ein Geistlicher oder ein Laie war, geht aus seinem Werke nicht mit Sicherheit hervor; wahrscheinlich ist er Schulmeister in Verona gewesen. Für die Schule ist auch dieses Werk bestimmt, und ist deshalb, wie das des Abbo mit einer erläuternden Glosse versehen, welche derselben Zeit angehört[32]. Darin tritt eine ausgebreitete Gelehrsamkeit, und auch Kenntniß der griechischen Sprache, deutlicher als im Gedicht selbst hervor. Einige geschichtliche Erklärungen werden gegeben, vorzüglich aber grammatische, bei denen Servius stark benutzt ist. Bei der Erläuterung der Mythen, welche in allen Commentaren des früheren Mittelalters eine Hauptrolle spielt, übergeht der Glossator vieles, weil das ja allgemein bekannt sei.
Wir begegnen hier einer Bildung, die durchaus nicht von der Kirche herrührt, sondern fortgepflanzt wird durch jene einzeln stehenden Grammatiker, deren Wirksamkeit in Italien niemals aufgehört hat. Es ist W. v. Giesebrechts Verdienst, zum ersten Male nachgewiesen zu haben, daß diese Schulen in Italien immer fortbestanden haben und unter den Laien einen Grad der Bildung verbreiteten, den man diesseit der Alpen nicht kannte. In Italien, sagt Wipo im elften Jahrhundert, geht die ganze Jugend ordentlich zur Schule und nur in Deutschland hält man es für überflüssig oder unanständig, einen Knaben unterrichten zu lassen, wenn er nicht zum geistlichen Stande bestimmt ist. Der italienische Laie las seinen Vergil und Horaz, aber er schrieb keine Bücher, während die Geistlichkeit theils in Rohheit versank, theils zu sehr in den politischen Händeln befangen war, um an den wissenschaftlichen Bestrebungen der Zeit Theil zu nehmen. Daraus erklärt sich der Mangel litterarischer Productivität und die Dürftigkeit der vorhandenen Litteratur, während andererseits bei jenem Panegyristen und etwas später bei Liudprand plötzlich eine überraschende Fülle klassischer Gelehrsamkeit und große Gewandtheit im Ausdruck hervortraten, namentlich im Versemachen, welches ein Hauptgegenstand der Schulbildung war. Denn einzelne vom geistlichen Stande naschten auch von jener verbotenen Frucht; im allgemeinen aber stand der Clerus im Gegensatz zu diesem Treiben, in dem er nicht mit Unrecht ein heidnisches Element erkannte. Die Wissenschaft war hier nicht in den Dienst der Kirche genommen; sie behauptete einen unabhängigen Standpunkt, war aber fast ausschließlich formaler Natur und darum wesentlich unproductiv.
[1] Oben [S. 59]. Liber pontificalis oder Gesta pontificum Romanorum bis auf Hadrian II (867-872), nebst einer unvollständigen Vita Stephani V. (885-891) ed. Bianchini, Romae 1718, 4 Voll. fol. Vignolius, Romae 1724, 3 Voll. 4. unvollendet. Murat, SS. III nach Bianchini: vgl. Baehr S. 261-271. Nach Schürer, Hist. Jahrb. XI, 425 ff. ist die V. Stephani II von dem Primicerius Christophorus verfaßt, welcher den Pabst als Notarius regionarius auf seiner Reise in Frankreich begleitet hat. Nach Kr. in der Rec. von Mock de donatione Caroli Magni (Centralbl. 1862 Sp. 76) ist die V. Hadriani I (772-795) erst 20-30 Jahre nach dessen Tod abgefaßt und scheint von demselben Vf. wie die V. Leonis III (795-816); nach F. O. Krosta de donationibus a Pippino et Carolo Magno sedi apostolicae factis, Königb. Diss. 1862 S. 46 erst nach 829. Vermuthungen über Interpolation der V. Hadr. (c. 41-43) s. NA. VII, 228. X, 201. XIII, 236. Scheffer-Boichhorst hält die Vita für gleichzeitig, aber die Grenzbestimmung „id est a Lunis-Beneventanum“ für Interpolation; zustimmend Diekamp, Hist. Jahrb. VI, 637. Stücke der verlorenen V. Eugenii II (824-827) vielleicht in Pauli D. Cont. Romana ed. Waitz 200-203, vgl. B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 230, Waitz S. 200 über die in d. Cont. benutzten, aus Lauresh. u. Lauriss. gemischten Annalen, ähnlich denen im cod. Christ. 213. Die von Wido von Osnabrück im Cod. Udalr. (Bibl. V, 340) erwähnte Scriptura de querimonia Romanorum über Ludwigs II Gewaltthaten 864 scheint verloren zu sein.
[2] Ueber ihn vgl. Hergenröther, Photius II, 230-240.
[3] Ueber sein Verhältniß zu Theophanes Car. De Boor, Theophanis Chronologia II, 400.
[4] Mab. Mus. Ital. I, 2, 78. Acta SS. Mart. II. p. *15. Vorrede und Varianten im Floril. Bibl. Casin. IV, p. 373-390, e cod. Casin. 234.
[5] Volles Licht ist über diese schmählichen Vorgänge und die betreffende Litteratur verbreitet durch die ausgezeichnete Schrift: Auxilius und Vulgarius. Quellen und Forschungen zur Geschichte des Pabstthums im Anfange des 10. Jahrhunderts, von E. Dümmler, Leipz. 1866, wo auch aus der Bamberger Handschrift ungedruckte Schriften von beiden mitgetheilt sind. Die Invectiva in Romam giebt Dümmler zu den Gesta Berengarii S. 137-154, vgl. 66-72, in neuer Ausgabe nach der Veroneser Handschrift. Ausbeutung der Tragödien des Seneca weist dem Vulg. R. Peiper nach, Rhein. Mus. f. Philol. N. F. XXXII, 536.
[6] Die Fortdauer einer Rechtsschule in Rom behauptet Fitting: Zur Geschichte der Rechtswissenschaft am Anfang des Mittelalters, Halle 1875; Juristische Schriften des früheren Mittelalters, Halle 1876.
[7] „Et quia vicarii Petri et ejus discipuli nolunt habere magistrum Platonem neque Virgilium neque Terentium neque ceteros pecudes philosophorum, qui volando superbe ut avis aerem et emergentes in profundum ut pisces mare, et ut pecora gradientes terram descripserunt: dicitis eos nec hostiarios debere esse, quia tali carmine imbuti non sunt. Pro qua re sciatis eos esse mentitos, qui talia dixerunt. Nam Petrus non novit talia, et hostiarius coeli effectus est.“ MG. SS. III, 687. Vgl. Baxmann, Politik der Päbste II, 144. Aehnlich schreibt Alexanders VIII Secr. Sergardi 1690 an Mabillon: „Pauci sunt, qui in hac aula operam dent inutilibus, ut ajunt, studiis. Nostrorum ingeniorum occupatio forum est clientumque defensio, quique ab infelici pupillo plus auri corrodit, litteratior habetur.“ Valery, Correspondance inédite de Mabillon et de Montfaucon avec l'Italie (Paris 1847) II, 240.
[8] Translatio S. Benedicti, Anal. Bolland. I, 75-84.
[9] NA. XII, 129-141.
[10] Nach Traube, O. Roma nob. S. 360 im J. 867 verfaßt.
[11] Nach früheren mangelhaften und zerstückten Ausgaben SS. III. u. sonst, als Chronica Sancti Benedicti Casinensis bei Waitz, SS. Rer. Langob. et Ital. p. 467-488. Beschreibung der Hs. 353, jetzt 175, Bibl. Casin. IV, 17-31, u. v. Bethmann, Arch. X, 389 ff., wo auch von den übrigen Geschichtsquellen des langobardischen Italiens aus dieser Zeit Nachricht gegeben ist, die sich jetzt bei Waitz gesammelt finden.
[12] Hystoriola Langobardorum Beneventum degentium ed. Pertz, MG. SS. III, 240-264. Vgl. Bethmann S. 374. Als Erchemperti historia Langobardorum Beneventanorum bei Waitz, S. 231-264, wo die Sprache nach der ursprünglichen Lesart der überarbeiteten Handschrift fehlerhafter erscheint. Er war vermuthlich der Vf. des S. 61 erwähnten Martyrol. u. eines computus von 904 (Arch. VIII, 768).
[13] SS. Langob. p. 198; sie ist meist den Gestis Pontificum entnommen und von Leo Ost. und im Chron. Vulturn. benutzt.
[14] Gesta epp. Neap. Waitz, SS. Langob. p. 398-439. Capasso, Monumenta ad Neapolitani ducatus historiam pertinentia, 1881.
[15] Vita et Translatio Athanasii ep. Neap. Waitz, SS. Langob. p. 439 bis 452. Ed. Gu. Cuper, Acta SS. Jul. IV, 77-89.
[16] Translatio S. Severini, ib. p. 452-459.
[17] Nur diese Translatio S. Sosii abgedr. bei Waitz, p. 459-463. Im Text heisst er Sossius.
[18] Ex Miraculis S. Agrippini, Waitz p. 463. Eine Anzahl anderer dort und bei Capasso gesammelter kleinerer Stücke zur Geschichte von Unteritalien übergehe ich hier, ohne sie einzeln aufzuführen. — Zu unterscheiden ist ein anderer Petrus subdiac. Neap., welcher für den Bischof Petrus von Neapel (1094) u. dessen Nachf. Gregor (1116) Legenden aus dem Griechischen übersetzte und bearbeitete, s. De Rossi zur Passio SS. IV Coronatorum.
[19] Arch. IX, 692. Die Vita selbst hat Landgraf herausgegeben, Erlangen 1885. Vgl. O. Hartwig: Die Uebersetzungslitteratur Unteritaliens (1886) S. 6.
[20] Neue Ausg. von Holder-Egger, SS. Langob. 265-301. Ueber die besondere Bedeutung von monasterium bei ihm s. F. Wickhoff, Mitth. des Inst. IX, 34-45. Aus Ravenna stammen auch die aus dem Rotulus gewonnenen 8 Briefe aus K. Berengars Zeit, NA. IX, 513-539, vgl. XI, 599-603.
[21] Constructio Farfensis, ed. Bethmann, MG. SS. XI, 520-530. Vgl. Giorgi im Archivio della Società Romana di storia patria, II, 409-473. Von dem Registrum Farfense ist in Rom eine Ausgabe von I. Giorgi und U. Balzani erschienen.
[22] Andreae presb. Bergomatis Chronicon, ed. Pertz, MG. SS. III, 231. Bethmann S. 367 ergänzt den Anfang. Neue Ausg. v. Waitz, SS. Langob. 220 bis 230.
[23] Ebenso wenig kann man das sogenannte Chronicon Brixiense, oder wenigstens was uns davon erhalten ist, zu den Geschichtswerken rechnen, MG. SS. III, 238; SS. Langob. 501-503 als Catalogus Brixiensis. — Die Translatio S. Habundii Mart. von Foligno nach Berceto (Mab. III, 1, 487 ed. Ven.) gedenkt einer Synode zu Pavia unter Lothar.
[24] Carmina Medii Aevi ed. H. Hagen (Bern 1877) S. 1-10. Neue Ausgabe von Traube, Poet. Lat. III, 231-237. S. 7 (236 Tr.) Inschrift eines von Tado's Vorgänger Angelbert erneuten Kelches. — Ueber Marginalien mit Spuren der gelehrten Thätigkeit dieser Mönche in dem Cod. Bern. 363 s. Gottlieb, Wiener Studien IX, S. 151-159. Traube, O Roma nob. S. 348-353.
[25] Giulini, Mem. di Milano, II, 76.
[26] NA. VIII, 340.
[27] Dümmler, Gesta Berengarii, S. 75 und 159.
[28] Epitaphium Pacifici, Poet. Lat. II, 655, vgl. Traube, O Roma nob. S. 309. Derselbe setzte die antikisierenden Gedichte O Roma und O admirabile Veneris nach Verona ins 10. Jahrhundert.
[29] Bei Baronius ed. Luc. XV, 480; correcter bei Biancolini dei vescovi S. 35-37, und jetzt bei Dümmler, Gesta Berengarii S. 134-136, vgl. 61-65, NA. IV, 558. Traube findet auch hier irischen Einfluss.
[30] Carmen panegyricum Berengarii, ed. Valesius, cum Adalberonis ep. Laudun. carmine ad Rotbertum regem, Paris 1663. MG. SS. IV, 189 bis 210. Jetzt zuerst mit erschöpfender Benutzung der Handschrift in Venedig mit der vollständigen Glosse, und allseitig erläutert in: Gesta Berengarii Imperatoris. Beiträge zur Geschichte Italiens im Anf. des 10. Jahrh. von E. Dümmler, Halle 1871; vgl. NA. IV, 558. Benutzung des sog. Pindarus Thebanus, welcher von Doering dem Silius Italicus zugeschrieben wird (Progr. d. Lyceums in Straßburg 1884), weist Dümmler nach, Forsch. XIII, 415 bis 417.
[31] Oft sind sie auch schon gereimt; vgl. über seine Metrik E. Bernheim, Forsch. XIV, 142.
[32] Doch kann sie nicht vom Vf. selbst herrühren, s. die Recension von Pannenborg, GGA. 1871, S. 1767-1783, und Dümmlers Nachtr. zu Anselmus Peripatet. S. 107. E. Bernheim hat Forsch. XIV, 138-154 die Glosse genau untersucht, und besonders auf die alten Glossarien als Quellen einer unfruchtbaren Gelehrsamkeit hingewiesen.