Konstellation.

Wenden wir uns nun von der Luft und dem Wasser dem Firmamente zu! Einen der vielen Gründe zum Zweifel an der Fahrt der Phönizier hat man aus dem Umstande herleiten wollen, dass in dem Berichte über dieselbe garnicht von Veränderungen der Konstellation die Rede ist. Aber auch hierin kann ich nichts Auffallendes entdecken. Die Phönizier benutzten zwar, wie Strabo erzählt, als Leitgestirn, nach dem sie sich orientirten, den kleinen Bären[256], genauer gesagt, wohl den Polarstern[257], bekanntlich einen Bestandtheil jenes Sternbildes, nicht, wie Gosselin[258] wunderbarerweise aus der Notiz über den Stand der Sonne schliessen will, diesen Himmelskörper. Wenn aber der genannte Gelehrte fragt, ob es nicht einleuchtend sei, dass die Phönizier die Fahrt überhaupt nicht gemacht, da sie nichts davon verlauten liessen, dass sie diesen ihren Führer auf der südlichen Halbkugel nicht mehr erblickten, so werden wir, ohne mit der Wahrheit in Konflikt zu gerathen, ruhig antworten können: keineswegs. Selbstverständlich werden sie freilich das Verschwinden desselben bemerkt, vielleicht auch unangenehm bemerkt haben – denn es erinnerte sie ja an die grosse Entfernung von der Heimat –, aber eine nennenswerthe Bedeutung für sie hatte es nicht. Der Polarstern war ihnen, soweit er überhaupt zur Orientirung benutzt werden konnte, also nördlich vom Aequator, natürlich unentbehrlich, wenn es galt, sich auf hoher See zurechtzufinden und den richtigen Kurs innezuhalten; bei dieser Expedition aber würde er erst in zweiter Linie gestanden haben, selbst wenn sie ihn hätten sehen können; ihre Reise war ja eine Küstenfahrt und die Uferlinie der Ariadnefaden, der sie unter allen Umständen, im schlimmsten Falle durch Wenden der Schiffe, aus dem Labyrinth des unendlichen Meeres der Heimath wieder zuführen musste. Wer aber meint, sie würden erstaunt gewesen sein, den erwähnten Stern unter der Linie aus den Augen zu verlieren, irrt sicher; waren sie doch schon durch ihre Reisen auf dem rothen Meere gewohnt, ihn bei Fahrten in südlicher Richtung tiefer und tiefer sinken zu sehen. Wenn sie daher dieser Erscheinung nicht Erwähnung thaten, so liegt darin nichts Auffälliges, und es würde ganz verkehrt sein, hieraus einen Beweis dafür entnehmen zu wollen, dass die Reise überhaupt nicht von ihnen ausgeführt sei. Aber selbst in dem Falle, dass sie von dem Verschwinden jenes Himmelskörpers erzählt haben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die ägyptischen Gewährsmänner Herodots davon nichts wussten; für ein Volk, welches der Seefahrt so fern stand, wie das der Pharaonen, hatte der Polarstern eine viel zu untergeordnete Bedeutung, als dass eine auf ihn bezügliche Bemerkung der phönizischen Schiffer besonderen Eindruck hätte machen können und wir erwarten dürften, die Erinnerung an dieselbe nach 150 Jahren noch lebendig zu finden. Für die Aegypter war die Sonne ungleich wichtiger, daher wandte sich ihr Interesse naturgemäss in erster Linie den auf sie bezüglichen Nachrichten zu, und das Wunder ihrer nördlichen Stellung wurde der Nachwelt überliefert, während eventuelle Nachrichten über das Verschwinden des Polarsterns der Vergessenheit anheimfielen.

Fehlen des Kompasses.

Genau so unüberlegt, wie die eben zurückgewiesene Ansicht, sind einige andere Behauptungen, durch die gezeigt werden soll, wie wenig Glauben der herodoteische Bericht verdiene. Ich rechne dahin diejenige, dass eine so weite Reise ohne Kompass garnicht hätte gemacht werden können. Dem gegenüber möchte ich fragen: Was nützte bei einer Fahrt am Ufer entlang ein solches Hülfsmittel? Rennell sagt mit Recht: „although it may be admitted as an unsurmountable obstacle to the discovery of America, in the way to which an extensive ocean was to be crossed, yet the voyage in question was a coasting voyage“[259].