Länge des Aufenthalts an den Rastorten.
Die Wegstrecken, welche laut vorstehender Eintheilung auf die einzelnen Segeltage gerechnet sind, werden keinenfalls zu lang erscheinen, eher könnte dem Verfasser der Vorwurf gemacht werden, bei dem Aufenthalt auf den beiden Stationen hinsichtlich der Zeit zu freigebig gewesen zu sein, und da möchte ich wenigstens den Einwurf Vincents[366] zurückweisen, die Phönizier hätten während der Rastzeit mehr Getreide verzehrt, als bei der Ernte gewonnen. Sobald wir annehmen, dass sie beim Eintreffen auf ihrer ersten Station ausser dem, was sie während des Aufenthalts daselbst zum Leben brauchten, eine genügende Menge Saatkorn hatten, um reichlich, d. h. so viel zu säen, dass sie mit der gewonnenen Frucht bis zur nächstjährigen Ernte auskamen und doch noch Korn für die zweite Saat übrig behielten, wird dies Bedenken hinfällig. Dass sie aber so wohl versehen waren, dürfte kaum einem Zweifel unterliegen. Die Phönizier werden selbst bei ihrer verkehrten Ansicht über die Süderstreckung Afrikas schwerlich angenommen haben, binnen Jahresfrist wieder daheim zu sein, und eben so wenig konnten sie, da ihnen die zu befahrenden Küsten gänzlich unbekannt waren, bei ihrer Abreise mit Sicherheit darauf rechnen, unterwegs Gelegenheit zur Saat und Ernte zu finden. Jedenfalls werden sie sich also einen grossen Vorrath Korn mitgenommen haben, und es kann kein Bedenken erregen, die nothwendige reichliche Verproviantirung als einen der Gründe dafür anzusehen, dass mehrere Schiffe ausgerüstet wurden, in denen, da sie Waren zum Tausch oder Handel schwerlich enthielten, für reichliche Versorgung mit Getreide genügender Raum blieb. Kamen sie nun während des Mai im Kaplande an, so hatten sie von ihren Vorräthen erst sechs Monate gelebt und gewiss noch so reichlich Korn, dass sie ein grösseres Areal bestellen und doch noch bis zur Ernte von dem Rest des Mitgebrachten leben konnten. Was sie aber von der umfangreichen Fläche einheimsten, wird mit etwaigen Ueberbleibseln des alten Getreides nicht nur für die marokkanische Saat, sondern auch zum Lebensunterhalt bis zur dortigen Ernte gereicht haben. Konnten sie am Atlas nicht mehr so ausgiebig säen – denn sie waren ja zwischen der ersten und zweiten Rast ein volles Jahr (Dezember bis November) unterwegs und mussten noch für 6 Monate Korn zum Unterhalte zurückbehalten (Dezember bis Mai) –, so schadete das nichts, da sie an der kleineren hier gewonnenen Ernte doch gewiss bis zur Rückkehr in die Heimath genug hatten.
Der Einwurf Vincents dürfte damit als erledigt betrachtet werden, aber auch abgesehen von ihm könnte man an der Länge des Aufenthaltes Anstoss nehmen, da die Alten Weizen kannten, den δίμηνος und τρίμηνος, der schon zwei oder drei Monate nach der Saat in jenen wärmeren Gegenden reif wurde, ja sogar eine auf Euboea heimische Abart, welche nur 40 Tage dazu brauchte. Lassen wir nun dahin gestellt, ob die Phönizier zufällig eine von diesen Sorten mit sich führten, ob sie Sommer- (ἠρινός) oder Winterweizen (χαιμερινός)[367], ob sie sechszeilige Gerste – wahrscheinlich die einzige, die man in Altägypten kannte[368] – oder endlich irgend eine andere Weizen- oder Gerstenart gebaut haben, immerhin können wir auf einen jedesmaligen halbjährigen Aufenthalt rechnen, denn ausser dem Säen und Ernten des Getreides, dessen Vegetationsperiode in Südafrika, wie oben gezeigt, im allgemeinen 5-6 Monate beträgt[369], blieb ihnen noch genug andere landwirthschaftliche Arbeit, wie Dreschen und Ausworfeln; sodann werden aber auch vor allem die Schiffe einer gründlichen Reparatur bedürftig gewesen sein. Sie hatten wohl zu viel Tiefgang, als dass sie an jeder beliebigen Stelle ohne grosse Mühe aufs Land gezogen werden konnten; um so nöthiger wird dies nach monatelanger Fahrt an den beiden Hauptruhestätten gewesen sein.