Winde.
Es wird sich nun empfehlen, im einzelnen zu erwägen, welche Vortheile oder Nachtheile bei einer Ausfahrt im Spätherbst den Phöniziern Wind und Wellen boten. Bevor wir aber in die Untersuchung hierüber eintreten, muss ich vorausschicken, dass eine im Vergleich zur Gegenwart etwas andere Vertheilung der Wärme und der Wassermassen auf der Erdoberfläche, wie sie ums Jahr 600 v. Chr. möglicherweise bestanden hat, sowie eine dadurch bedingte geringe Abweichung der Luft- und Wasserströmungen hier, weil theilweise hypothetisch und jedenfalls unbedeutend, nicht berücksichtigt worden ist. Was nun den ersten Theil der Fahrt anbetrifft, so weit sie innerhalb des rothen Meeres stattfand, werden die Phönizier, wie oben angedeutet, wesentlich aufs Rudern angewiesen gewesen sein, da die Segelschifffahrt hier mancherlei Schwierigkeiten bietet[249]; von Bab-el-Mandeb bis Socotra hatten sie sogar entschieden ungünstigen Wind, nämlich NO-Monsun, dann aber für lange Zeit theils vortrefflichen, theils wenigstens leidlich guten. Bis zum Aequator wehte nämlich in der Jahreszeit, in welcher sie diese Gegenden passirten, der erwähnte NO-Monsun, der ihnen von Kap Guardafui ab gerade günstig war; nach dem Ueberschreiten der Linie gelangten sie dann gegen den nördlichen Frühling hin in die Zone des SO-Passates, welcher sie zwar nicht direkt begünstigte, aber als ein seitlich wehender Wind von geschickten Schiffern immerhin mit einigem Vortheil benutzt werden konnte. So erreichten sie das Kap und damit ihre erste Station. Indem ich hinsichtlich der weiteren Ausführung der hier und im Folgenden über die Rastorte der Phönizier und die Vertheilung der Zeit auf die einzelnen Jahre von mir ausgesprochenen Vermuthungen auf später verweise, bitte ich, zunächst die Einwirkung der Winde auf die phönizische Fahrt weiter mit mir verfolgen zu wollen. Meiner Ansicht nach werden sie vom Kap im Dezember des zweiten Reisejahres weiter gefahren sein und hatten bis zum Aequator höchst günstigen Wind, da der Südostpassat an der Westküste Südafrikas in Südwind abgelenkt wird. Sie werden also die erstere, kürzere Strecke ihrer zweiten grossen Tour – vom Kap bis zum Atlas, wo sie meiner Ansicht nach im November des nächsten Jahres, also nach zweijähriger Abwesenheit aus Aegypten, Halt machten – mit günstigem Winde gefahren sein; daher rechne ich bis zum Busen von Biafra etwa ein Drittel der ganzen Zeit – vom Dezember des zweiten bis zum November des dritten Reisejahres – die sie auf jene Tour mögen verwandt haben. Sie kamen in dem genannten Busen also Ende März an. In den nächsten Monaten hatten sie dann, an der Küste von Oberguinea und Kap Palmas vorbei fahrend, ziemlich konträren SW-Wind oder befanden sich im Gürtel der Kalmen[250], der ihnen, trotzdem er sie zum fleissigen Rudern zwang, doch weniger unangenehm gewesen sein mag, da sie seine hemmende Kraft in unmittelbarer Nähe der Küste wegen der durch die ungleiche Erwärmung von Land und Wasser hervorgerufenen Bewegung der Luft wohl nicht in ihrer vollen Stärke empfunden haben werden. Im weiteren Verlaufe der Fahrt stellte sich dann bis zum zweiten Rastplatze die Windrichtung für sie immer ungünstiger: je weiter sie kamen, desto mehr wehte ihnen der NO-Passat gerade entgegen. Diese Luftströmung blieb ihnen sogar noch bei ihrer Abfahrt, die ich in den Juni des dritten Reisejahres setze, bis zur Strasse von Gibraltar; von hier ab aber bis zu den Mündungen des Nil werden die durch die sommerliche Auflockerung der Luft über der Sahara aus dem mittelländischen Meere angezogenen Winde unsern Schiffern weder nennenswerthen Vortheil, noch Nachtheil gebracht haben, bis dieselben schliesslich wohl noch beim Wehen dieser Etesien ins Delta einliefen[251]. Wir können demnach behaupten, dass, abgesehen von den Strecken vom Ausfahrtsort bis Guardafui und vom Busen von Biafra bis zur Strasse von Gibraltar, die herrschenden Windrichtungen einer Fahrt um Afrika in der von den Phöniziern eingeschlagenen Richtung nirgends direkt ungünstig, meistens sogar förderlich waren und ein Gelingen des Unternehmens als höchst wahrscheinlich erkennen lassen.