6.

Und Waclaw, der gewalt’ge Herr, im weiten Steppenreich

Schweift er allein nach Herzenslust; warum wird er so bleich?

Der wilde tapfre Waclaw führt zum Ruhme seine Reih’n

Durch eine Wildnis hier; warum sieht er so finster drein?

Laut gellend pfeift der Wind; Waclaw hat oft mit Lust geletzt

Die Augen in dem luft’gen Bad; warum senkt er sie jetzt?

Nachdenkend ist er, traurig, und doch wonnevoll und heiter,

Er mustert mit dem Blicke nicht einmal die treuen Reiter.

Warum? er weiß es nicht, er weiß nur, daß des Ruhmes Licht,

Das lockend winkt, feucht glänzend durch Mariens Tränen bricht,

Er weiß nur, daß sein Herz urplötzlich zittert und erbebt,

Wie wenn an dem Erwachenden ein Flor vorüberschwebt,

Daß er erschreckt, geängstigt und erstaunt den Blick erhebt.

Er schüttelte mit raschem Wurf des Haupts der Haare Gold,

Als ob er es vom kalten Morgentau befreien wollt;

Er gab des Rosses Willen, das im Flug ihn fortriß, nach,

Als wünscht er sehnlichst zu entfliehen schwerem Ungemach,

Zugleich war in dem trübumflorten Aug ein Glanz entbrannt,

Wie wenn die Seele wird von Hochgefühlen übermannt,

Und siegend über alles Erdenweh das reine Licht

Unsterblichkeit verklärend stammt auf sterblichem Gesicht.

Was für Gedanken, Schwäche, Gram, Erinn’rung, Schreckenswahn,

Was für Gesichte ihn auch stürmisch drängten aus der Bahn,

Welch dunkle Macht in ihm auch niederkämpft die Tatentriebe:

Für Ritterpflicht allein entbrennt er jetzt in heißer Liebe.

Hat ihm des Bösen Geist, der neidisch an der Hoffnung zehrt,

Der Zukunft Schleier lüftend, einen Blick in sie gewährt?

Sind48 des Gemütes zartgespannte Saiten so erschüttert

Von Unglücks rauher Hand, daß eine Ahnung sie durchzittert?

Er fällt vielleicht im Krieg? Ach was ihn immer sonst ereile,

Sein Geist nicht, noch sein gutes Schwert erliegen sonder Weile:

Und ob ihm auch des Todes Hauch das Aug in Nebel hülle,

Das Schwert bleibt fleckenlos und fleckenlos des Herzens Wille.

Drum wie ein Strom gestaut im schnellen Lauf den Boden spaltet

Und beider Ufer Damm zerreißend, rings zerstörend waltet,

Und wie ein Roß, des Flug der Fesseln bar, nun Feuer sprüht,

Die Erde stampft und schneller als der Sturm von dannen flieht:

So Waclaw unaufhaltsam jetzt auf seiner dunklen Bahn —

Zerriß der Schwermut Schleier49, der ihn hemmend will umfahn.

Gewalt’ger nur und mutiger durchbrach er alle Schranken,

Maß drohend sichren Blickes seine Waffen all die blanken,

Und dennoch tönt ein grauses Wort (den finstern Blick wirds deuten)

Durch alle seine Nerven ihm: «Wirst einen Sarg erbeuten!»