6.
Lust auf den Lippen wohnt, im Aug die Absicht zu erraten:
Im tiefen, tiefen Herzen nagt der Wurm von bösen Taten.
Wenn irgend eine Freude Menschen eint zum frohen Feste,
Da lachen Stolz und Schmeichelei auch mit, die falschen Gäste.
So wars wohl auch im alten Schloß. Es hatt bereits die Nacht
Ihr Schattenreich in die geschnitzten Tore eingebracht;
Die Pfeifer waren schon verstummt, das Glück lag schlafumfangen,
Vom Turm das Käuzchen auch begann den Grabesruf, den bangen:
Nur wo in einem Seitenflügel dort des weiten Baus
Der kräft’ge Wojewod, entflohn dem lärmend frohen Schmaus’,
Die scharfen Adleraugen unter falt’ge Lider zwingt, —
Wie man im Schreine23 birgt den Stein, mit dem der Hochmut blinkt —
Hört man noch Schritte dröhnen oder schwere Seufzer schallen,
Die, wenn die Tritte schweigen, von der Wölbung wiederhallen.
Kein Unberufner wagts zu überschreiten jene Schwelle!
Wo einsam brennt sein sonst versteckter Sinn in Flammenhelle,
Mag er verzweifelnd ringen oft mit furchtbarem Ermatten —
Mit ungestümem Schritt durchwandert er die nächt’gen Schatten,
Als wollt im schwarzen Nebel haschen er die blut’ge Hand
Verratner Freundschaft, oder löschen seiner Qualen Brand.
Und da der Schlaf bestürzt aus glüh’nden Augen war entflohen,
So ward es ihm beklommen bang in dem Gemach, dem hohen;
Das schmale Fenster öffnet’ er, und seine Augen starrten,
Hin auf die Reis’gen, reich an Zahl, die wehenden Standarten,
Die jetzt zum Strauße einberufen hier versammelt waren;
Er lauschte dann dem Kriegslärm und den weckenden Fanfaren.
Die flinken Pferde schnauben, Waffen klirren rege drein;
Vor Kampfeslust erbrausts in der Husaren dichten Reih’n.
Für sie entsteigt dem Rosenbett am Horizont die Sonne
Und bringt mit ihrer goldnen Haare Glanz wohl eitel Wonne,
Hebt ihre lichte Stirn und schauet mit dem ersten Strahl
Des Auges staunend ihrer Reize Bild im blanken Stahl;
Für sie nur haucht der duft’ge Zephyr seines Atems Frische
Ins Haar der jungen Mädchen, in der Ritter Federbüsche;
Für sie die Vöglein zwitschern muntern, wundersüßen Sang,
Der tiefempfunden taubenetzten Schnäbeln sich entrang —
Ihm galt es nicht! er mochte nicht verweilen bei der Schau: —
Die finstere Gestalt entschwand in Schlosses Dämmergrau,
Gleich jenen Schreckgespenstern, die, wie’s unsrer Furcht wohl däucht,
In schlafberaubter Nacht erstehn und die der Morgen scheucht.