ZEHNTER AUFTRITT

Die VORIGEN ohne LICHT. Späterhin Einige MÄGDE.

ADAM

aufstehend.

Inzwischen könnte man, wenn’s so gefällig,

Vom Sitze sich ein wenig lüften —?

WALTER

Hm! O ja.

Was ich sagen wollt’ —

ADAM

Erlaubt ihr gleichfalls,

Daß die Parthei’n, bis Frau Brigitt’ erscheint —?

WALTER

Was? Die Parthei’n?

ADAM

Ja, vor die Thür, wenn ihr —

WALTER

für sich.

Verwünscht!

laut.

Herr Richter Adam, wißt ihr was?

Gebt ein Glas Wein mir in der Zwischenzeit.

ADAM

Von ganzem Herzen gern. He! Margarethe!

Ihr macht mich glücklich, gnäd’ger Herr. — Margrethe!

Die Magd tritt auf.

DIE MAGD

Hier.

ADAM

Was befehlt ihr! — Tretet ab, ihr Leute.

Franz? — Auf den Vorsaal draußen. — Oder Rhein?

WALTER

Von unserm Rhein.

ADAM

Gut. — Bis ich rufe. Marsch!

WALTER

Wohin?

ADAM

Geh, vom Versiegelten, Margrethe! —

Was? Auf den Flur bloß draußen. — Hier. — Der Schlüssel.

WALTER

Hm! Bleibt.

ADAM

Fort! Marsch, sag ich! — Geh, Margarethe!

Und Butter, frisch gestampft, Käs’ auch aus Limburg,

Und von der fetten pommerschen Räuchergans.

WALTER

Halt! Einen Augenblick! Macht nicht so viel

Umständ’, ich bitt euch sehr, Herr Richter.

ADAM

Schert

Zum Teufel euch, sag’ ich! Thu, wie ich sagte.

WALTER

Schickt ihr die Leute fort, Herr Richter?

ADAM

Ew. Gnaden?

WALTER

Ob ihr —?

ADAM

Sie treten ab, wenn ihr erlaubt.

Bloß ab, bis Frau Brigitt’ erscheint.

Wie, oder soll’s nicht etwa —?

WALTER

Hm! Wie ihr wollt.

Doch ob’s der Mühe sich verlohnen wird?

Meint ihr, daß es so lange Zeit wird währen,

Bis man im Ort sie trifft?

ADAM

S’ ist heute Holztag,

Gestrenger Herr. Die Weiber größtentheils

Sind in den Fichten, Sträucher einzusammeln.

Es könnte leicht —

RUPRECHT

Die Muhme ist zu Hause.

WALTER

Zu Haus’. Laßt sein.

RUPRECHT

Die wird sogleich erscheinen.

WALTER

Die wird uns gleich erscheinen. Schafft den Wein.

ADAM

für sich.

Verflucht!

WALTER

Macht fort. Doch nichts zum Imbiß, bitt ich,

Als ein Stück trocknen Brodes nur, und Salz.

ADAM

für sich.

Zwei Augenblicke mit der Dirn’ allein —

laut..

Ach, trocknes Brod! Was! Salz! Geht doch.

WALTER

Gewiß.

ADAM

Ei, ein Stück Käs’ aus Limburg — mindstens Käse —

Macht erst geschickt die Zunge, Wein, zu schmekken.

WALTER

Gut. Ein Stück Käse denn, doch weiter nichts.

ADAM

So geh. Und weiß, von Damast, aufgedeckt.

Schlecht alles zwar, doch recht.

Die Magd ab.

Das ist der Vortheil

Von uns verrufnen hagestolzen Leuten,

Daß wir, was Andre knapp und kummervoll,

Mit Weib und Kindern täglich theilen müssen,

Mit einem Freunde zur gelegnen Stunde,

Vollauf genießen.

WALTER

Was ich sagen wollte —

Wie kamt ihr doch zu eurer Wund’, Herr Richter?

Das ist ein böses Loch, fürwahr, im Kopf, das!

ADAM

— Ich fiel.

WALTER

Ihr fielt. Hm! So. Wann? Gestern Abend?

ADAM

Heut, Glock halb sechs, verzeiht, am Morgen, früh,

Da ich so eben aus dem Bette stieg.

WALTER

Worüber?

ADAM

Über — gnäd’ger Herr Gerichtsrath,

Die Wahrheit euch zu sagen, über mich.

Ich schlug euch häuptlings an den Ofen nieder,

Bis diese Stunde weiß ich nicht, warum?

WALTER

Von hinten?

ADAM

Wie? Von hinten —

WALTER

Oder vorn?

Ihr habt zwo Wunden, vorne ein’ und hinten.

ADAM

Von vorn und hinten. Margarethe!

DIE BEIDEN MÄGDE mit Wein u. s. w. Sie decken auf, und gehen wieder ab.

WALTER

Wie?

ADAM

Erst so, dann so. Erst auf die Ofenkante,

Die vorn die Stirn mir einstieß, und sodann

Vom Ofen rückwärts auf den Boden wieder,

Wo ich mir noch den Hinterkopf zerschlug.

Er schenkt ein.

Ist’s Euch gefällig?

WALTER

nimmt das Glas.

Hättet ihr ein Weib,

So würd’ ich wunderliche Dinge glauben,

Herr Richter.

ADAM

Wie so?

WALTER

Ja, bei meiner Treu,

So rings seh’ ich zerkritzt euch und zerkratzt.

ADAM

lacht.

Nein, Gott sei Dank! Fraunnägel sind es nicht.

WALTER

Glaub’s. Auch ein Vortheil noch der Hagestolzen.

ADAM

fortlachend.

Strauchwerk, für Seidenwürmer, das man trocknend

Mir an dem Ofenwinkel aufgesetzt. —

Auf euer Wohlergehn!

Sie trinken.

WALTER

Und grad’ auch heut

Noch die Perücke seltsam einzubüßen!

Die hätt’ euch eure Wunden noch bedeckt.

ADAM

Ja, ja. Jedwedes Übel ist ein Zwilling. —

Hier — von dem fetten jetzt — kann ich —?

WALTER

Ein Stückchen.

Aus Limburg?

ADAM

Rect’ aus Limburg, gnäd’ger Herr.

WALTER

— Wie Teufel aber, sagt mir, ging das zu?

ADAM

Was?

WALTER

Daß ihr die Perücke eingebüßt.

ADAM

Ja, seht. Ich sitz’ und lese gestern Abend

Ein Actenstück, und weil ich mir die Brille

Verlegt, duck’ ich so tief mich in den Streit,

Daß bei der Kerze Flamme lichterloh

Mir die Perücke angeht. Ich, ich denke,

Feu’r fällt vom Himmel auf mein sündig Haupt,

Und greife sie, und will sie von mir werfen;

Doch eh ich noch das Nackenband gelößt,

Brennt sie wie Sodom und Gomorrha schon.

Kaum daß ich die drei Haare noch mir rette.

WALTER

Verwünscht! Und eure andre ist in der Stadt.

ADAM

Bei dem Perückenmacher. — Doch zur Sache.

WALTER

Nicht allzurasch, ich bitt’, Herr Richter Adam.

ADAM

Ei, was! Die Stunde rollt. Ein Gläschen hier.

er schenkt ein.

WALTER

Der Lebrecht — wenn der Kauz dort wahr gesprochen —

Er auch hat einen bösen Fall gethan.

ADAM

Auf meine Ehr’

er trinkt.

WALTER

Wenn hier die Sache,

Wie ich fast fürchte, unentworren bleibt,

So werdet ihr, in eurem Ort, den Thäter

Leicht noch aus seiner Wund’ entdecken können.

er trinkt.

Niersteiner?

ADAM

Was?

WALTER

Oder guter Oppenheimer?

ADAM

Nierstein. Sieh da! Auf Ehre! Ihr versteht’s.

Aus Nierstein, gnäd’ger Herr, als hätt’ ich ihn geholt.

WALTER

Ich prüft’ ihn, vor drei Jahren, an der Kelter.

ADAM

schenkt wieder ein.

WALTER

— Wie hoch ist euer Fenster — dort! Frau Marthe.

FRAU MARTHE

Mein Fenster?

WALTER

Das Fenster jener Kammer ja,

Worin die Jungfer schläft?

FRAU MARTHE

Die Kammer zwar

Ist nur vom ersten Stock, ein Keller drunter,

Mehr als neun Fuß das Fenster nicht vom Boden;

Jedoch die ganze, wohlerwogene

Gelegenheit sehr ungeschickt zum Springen.

Denn auf zwei Fuß steht von der Wand ein Weinstock,

Der seine knot’gen Äste rankend hin

Durch ein Spalier treibt, längs der ganzen Wand:

Das Fenster selbst ist noch davon umstrickt.

Es würd’ ein Eber, ein gewaffneter,

Müh mit den Fängern haben, durchzubrechen.

ADAM

Es hing auch keiner drin.

er schenkt sich ein.

WALTER

Meint ihr?

ADAM

Ach, geht!

er trinkt.

WALTER

zu Ruprecht.

Wie traf er denn den Sünder? Auf den Kopf?

ADAM

Hier.

WALTER

Laßt.

ADAM

Gebt her.

WALTER

S’ ist halb noch voll.

ADAM

Wills füllen.

WALTER

Ihr hört’s.

ADAM

Ei, für die gute Zahl.

WALTER

Ich bitt’ euch.

ADAM

Ach, was! Nach der Pythagoräer-Regel.

er schenkt ihm ein.

WALTER

wieder zu Ruprecht.

Wie oft traf er dem Sünder denn den Kopf?

ADAM

Eins ist der Herr; Zwei ist das finstre Chaos;

Drei ist die Welt. Drei Gläser lob’ ich mir.

Im dritten trinkt man mit den Tropfen Sonnen,

Und Firmamente mit den übrigen.

WALTER

Wie oftmals auf den Kopf traf er den Sünder?

Er, Ruprecht, ihn dort frag’ ich!

ADAM

Wird man’s hören?

Wie oft trafst du den Sündenbock? Na, heraus!

Gott’s Blitz, seht, weiß der Kerl wohl selbst, ob er —

Vergaßt du’s?

RUPRECHT

Mit der Klinke?

ADAM

Ja, was weiß ich.

WALTER

Vom Fenster, als er nach ihm herunter hieb?

RUPRECHT

Zweimal, ihr Herrn.

ADAM

Hallunke! das behielt er!

er trinkt.

WALTER

Zweimal! Er konnt’ ihn mit zwei solchen Hieben

Erschlagen, weiß er —?

RUPRECHT

Hätt’ ich ihn erschlagen,

So hätt’ ich ihn. Es wär mir grade recht.

Läg’ er hier vor mir, todt, so könnt’ ich sagen,

Der war’s, ihr Herrn, ich hab euch nicht belogen.

ADAM

Ja, todt! Das glaub’ ich. Aber so —

er schenkt ein.

WALTER

Konnt’ er ihn denn im dunkeln nicht erkennen?

RUPRECHT

Nicht einen Stich, gestrenger Herr. Wie sollt ich?

ADAM

Warum sperrt’st du nicht die Augen auf? — Stoßt an!

RUPRECHT

Die Augen auf! Ich hatt’ sie aufgesperrt.

Der Satan warf sie mir voll Sand.

ADAM

in den Bart.

Voll Sand, ja!

Warum sperrt’st du deine großen Augen auf.

— Hier. Was wir lieben, gnäd’ger Herr! Stoßt an!

WALTER

— Was recht und gut und treu ist, Richter Adam!

sie trinken.

ADAM

Nun denn, zum Schluß jetzt, wenns gefällig ist.

er schenkt ein.

WALTER

Ihr seid zuweilen bei Frau Marthe wohl,

Herr Richter Adam. Sagt mir doch,

Wer, außer Ruprecht, geht dort aus und ein.

ADAM

Nicht allzuoft, gestrenger Herr, verzeiht.

Wer aus und eingeht, kann ich euch nicht sagen.

WALTER

Wie? Solltet ihr die Wittwe nicht zuweilen

Von eurem seel’gen Freund besuchen?

ADAM

Nein, in der That, sehr selten nur.

WALTER

Frau Marthe!

Habt ihr’s mit Richter Adam hier verdorben?

Er sagt, er spräche nicht mehr bei euch ein?

FRAU MARTHE

Hm! Gnäd’ger Herr, verdorben? Das just nicht.

Ich denk er nennt mein guter Freund sich noch.

Doch daß ich oft in meinem Haus’ ihn sähe,

Das vom Herrn Vetter kann ich just nicht rühmen.

Neun Wochen sind’s, daß er’s zuletzt betrat,

Und auch nur da noch im Vorübergehn.

WALTER

Wie sagt ihr?

FRAU MARTHE

Was?

WALTER

Neun Wochen wären’s —?

FRAU MARTHE

Neun,

Ja — Donnerstag sind’s zehn. Er bat sich Saamen

Bei mir, von Nelken und Aurikeln aus.

WALTER

Und — Sontags — wenn er auf das Vorwerk geht —?

FRAU MARTHE

Ja, da — da gukt er mir in’s Fenster wohl,

Und saget guten Tag zu mir und meiner Tochter;

Doch dann so geht er wieder seiner Wege.

WALTER

für sich.

Hm! Sollt ich auch dem Manne wohl —

er trinkt.

Ich glaubte,

Weil ihr die Jungfer Muhme dort zuweilen

In eurer Wirthschaft braucht, so würdet ihr

Zum Dank die Mutter dann und wann besuchen.

ADAM

Wie so, gestrenger Herr?

WALTER

Wie so? Ihr sagtet,

Die Jungfer helfe euren Hühnern auf,

Die euch im Hof erkranken. Hat sie nicht

Noch heut in dieser Sach’ euch Rath ertheilt?

FRAU MARTHE

Ja, allerdings, gestrenger Herr, das thut sie.

Vorgestern schickt’ er ihr ein krankes Perlhuhn

Ins Haus, das schon den Tod im Leibe hatte.

Vorm Jahr rettete sie ihm eins vom Pips,

Und dies auch wird sie mit der Nudel heilen:

Jedoch zum Dank ist er noch nicht erschienen.

WALTER

verwirrt.

— Schenkt ein, Herr Richter Adam, seid so gut.

Schenkt gleich mir ein. Wir wollen eins noch trinken.

ADAM

Zu eurem Dienst. Ihr macht mich glücklich. Hier.

er schenkt ein.

WALTER

Auf euer Wohlergehn! — Der Richter Adam,

Er wird früh oder spät schon kommen.

FRAU MARTHE

Meint ihr? Ich zweifle.

Könnt’ ich Niersteiner, solchen, wie ihr trinkt,

Und wie mein seel’ger Mann, der Castellan,

Wohl auch, von Zeit zu Zeit, im Keller hatte,

Vorsetzen dem Herrn Vetter, wär’s was anders:

Doch so besitz’ ich nichts, ich arme Wittwe,

In meinem Hause, das ihn lockt.

WALTER

Um so viel besser.