Threnodie II

Sollt über Kinder je ich mit der Feder spielen

Und leichte Reime baun um dieses Alters willen,

Bei Gott, die Wiege hätt ich lieber da geschaukelt

Und seichte Lieder für die Ammen hingegaukelt,

Dass sie die Kinderchen damit in Schlummer singen

Und ihrer Pfleglinge Geschrei zum Schweigen bringen!

Mit größerm Nutzen hätt ich solches Zeug gemacht,

Als nun — was heute mir mein Unglück zugedacht —

An meines holden Kinds verschwiegnem Grab zu weinen

Und ob Proserpinas grausamem Druck zu greinen.

Doch könnt ich beides nicht mit gleicher Freiheit tun:

Jenes verschmäht’ ich, weil dem reifen Geist es nun

Nicht reif genug erschien; in dieses stieß mit Zwang

Die Schickung mich und mein Verlust fürs Leben lang.

Und jetzt ist mir nicht leicht darüber nachzusinnen,

Ob durch mein Weinen ich einst werde Ruhm gewinnen.

Nicht wollt ich Lebenden, heut muss ich Toten singen

Und klagend fremden Tod, mich selbst ihm nahebringen.

Was hilft’s! Wie das Geschick verfolgt die Menschen hüben,

So wirkt es heitern Sinn in ihnen oder trüben.

O ränkevolles Recht, o flücht’ger Schattenschar

Grausame Fürstin du, unbeugsam, unnahbar!

Musst meine Ursula, da sie ja noch auf Erden

Zu leben nicht verstand, so früh entrafft mir werden?

Die an der Sonne Glanz sich noch nicht sattgeschaut,

Ging ach! das Land besehn, wo ew’ge Nacht nur graut.

Und lieber sollte sie nicht erst das Licht gewahren!

Was hat sie mehr denn als Geburt und Tod erfahren?

Und statt des Trosts, den sie den Eltern mit der Zeit

Geschuldet, ließ sie uns zurück in schwerem Leid.