VI

Nietzsche war einer der seltenen Typen, die, gleich den Schütterlinien, — welche beim Erdbeben aufgerissen werden und die Stellen bezeichnen, wo die Erde einen Versuch gemacht hatte, sich neu umzugestalten — das Trachten der Natur kundgaben, den Menschen, über sich selbst hinaus zu schaffen und dieselbe Differenzierungsarbeit, die bis jetzt das ursprüngliche Protoplasmaklümpchen in einzelne Organe gesondert hatte, nunmehr weiter auszudehnen: die Menschen zu individualisierten Funktionen zu machen, gerade so wie sie in den Hymnopteren– und Thermitenstöcken den Polymorphismus zwischen Zeugenden, Gebärenden, Pflegern, Arbeitern, Beschützern zu Stande gebracht hatte.

Nietzsches Leben hatte sich in seinen Gedanken abgespielt, er hatte keine weiteren Erlebnisse, als nur neue Gedankenperspektiven, neue seelische Evolutionen, und in seiner Konstitution war er lauter Gehirn, ganzes Gehirn mit seinem Doppelbilde, der übermäßigen Intelligenz, und dem aufs äußerste gesteigerten affektiven Leben.

Nietzsche war ein reiner Intelligenz– und Gehirnmensch ganz genau in demselben Sinne, wie es bei einer Gattung der Hydromedusen, den Siphonophoren, Magentiere, Genitaltiere und Atmungstiere gibt.

Und darin eben, daß er die höchste Entwicklung und somit Übergang war, daß er mit der einen Hälfte seines Seins in eine neue Periode hinübergriff, daß das ganze Gleichgewicht seiner organischen Fortbildung sich nach dem Gehirn verrückte, daß er fortwährend an sich zum „Verbrecher” werden mußte, daß er ewiges Zerstören und Neu-Schaffen, ewiges Werden und Geschehen, stete Ebbe und Flut war, lag sein Untergang. Es war in ihm etwas von den Fieberzuständen, welche die Ausstoßung verbrauchter und verfaulender Gewebe begleiten, etwas von dem Seelenasthma, da die Lebensbedingungen, unter denen er lebte, nicht für ihn geschaffen waren, etwas von der nervösen Sensibilität und der allgemeinen übermäßigen Verfeinerung der Zwischen– und Übergangsarten.

In seiner ganzen Entwicklung sah man das große, geheimnisvolle Naturgesetz walten, wonach diese vermittelnden „Brücken” zu Grunde gehen müssen, gleich als ob sich die Natur ihrer Werdeprozesse schämte und deshalb alles Werden sich hinter den Kulissen abspielen läßt. —

Doch das eben, was sein Untergang war, machte auch zugleich seine Stärke, seine Macht aus. Er besaß jenen Scharfblick der Degenerierten mit der verletzenden Intensität einer Wintersonne, die sich mit ihrem Lichte über Schneefelder ergießt und jedes Schneekristallchen deutlich zu erkennen gibt — ein Auge, das einem Projektionsapparate gleich, das Gesehene, tausendfältig vergrößert, ins Gehirn projizierte, um jedes Ding in seiner intimsten Struktur in seiner kompliziertesten Verfassung betrachten zu können. — Aus seinen Sinnen konstruierte er sich Tastorgane, um dem Auge nachzuhelfen und dem Flächenbilde desselben seine stereometrischen Dimensionen zu geben. Sein Gehirn glich einer elektrischen Influenzmaschine, die sich von selbst immer von neuem ladet, oder einem Blutgefäß, das stets in Funktion bleibt, indem es sich fortwährend mit eigenen Gefäßen speist, und so konnte es nie zur Ruhe kommen, fortwährend streckte es seine Fühlhörner nach allen Seiten aus und während eines derselben sich mit einem Problem beschäftigte, eröffneten ihm die anderen neue Perspektiven, versetzten ihn in Fühlung mit den entlegensten Dingen, die bei der Beurteilung eines Gegenstandes ihm die Genese desselben vor die Augen zauberten und ihm die Möglichkeit boten, jedes Problem in seiner umfassendsten Totalität zu erfassen.

Und wie man auf einem Seismometer das geringste, sonst nicht bemerkbare Erdbeben wahrnehmen kann, wie man dann aus den Kurven, die derselbe über einer gemeinsamen Abszisse aufschreibt durch das Auftragen von Ordinaten die Mittelstärke des Bebens berechnen kann, so besaß er in seinem überaus verfeinerten Gemütsleben, das ihm jedes fremde Erlebnis nachzuempfinden und tatsächlich nachzuleben gestattete, in der wechselnden Intensität seiner Reaktionsweise, mit der er die Handlungen und Gefühle seiner Mitmenschen aufnahm, ein ebenso empfindliches Instrument.

Vermöge dieser Eigenschaft konnte er an sich selber die weitgehendsten Experimente vornehmen, und so wie es war, trug sein Gehirn das große, aristokratische Abzeichen, das einer großen Vergangenheit und Tradition, Auslese und Verfeinerung, Tiefe und Verschämtheit, es war wie ein Uhrwerk, das Jahrhunderte abgelaufen hat, ein Brennspiegel, der die Strahlen aus dem ganzen Weltall in einem Punkte konzentriert. Sein geistiges Leben glich einer ideellen Allgemeinexistenz, wo sich alle geistigen Strömungen, alle Kämpfe und Siege des Wissens wiederfanden, einem Resonanzboden, in dem jeder Ton verstärkt nachklingt, und von dem er Frische, Lebendigkeit und Farbe empfängt. In allem Menschlichen hat er sich ein Meer geschaffen mit endlosen Aus– und Fernblicken voll gefährlichster Untiefen und verderbenlauernden Sandbänken, ein Weib verführerischster Art, das ihn in seine Schliche lockte und mit leichtem Fuße davonsprang, sobald er seiner habhaft werden wollte. Doch er kannte die Gefahren des Meeres und die Schliche des Weibes, er kannte die rastlosen Verwandlungen und Verkleidungen und die Unzuverlässigkeit beider. Und wie er das letztere mit der Peitsche zu bezwingen lehrte, unterwarf er sich das Meer mit seinen möwenumrauschten Segeln. — Seine Betrachtungsweise des Menschen war eine embryologisch-evolutionistische. Nach denselben Prinzipien, nach denen der Embryologe die Lebewesen ihren fortschreitenden Entwickelungsstufen nach unterscheidet, klassifizierte auch er die Menschen. Er suchte und fand Menschen, für deren geistige Entwicklung er das Symbol Morula setzen konnte, andere, die ihm die Blastula der Entwicklung aufwiesen, wieder andere, die er nur als in der Entwicklung zurückgebliebene Gasträen betrachten konnte. Bei dieser Unterscheidungsart lernte er das Palingenetische am Menschen kennen, atavistische Rückfälle und rudimentäre Überbleibsel, aber er sah auch, wie der Mensch sich über diese Formen hinausentwickelte, mit Eifer und Liebe studierte er diese neu auftauchenden Züge, und gerade in dieser Entwicklungsfähigkeit sah er den Sauerteig der Geschlechter, den Gährungserreger einer zukünftigen Wiedergeburt, das hochzeitliche Unterpfand einer Hinaufpflanzung.

Doch in dem Menschen, wie er jetzt ist, ist die Entwicklung noch nicht über das Tier hinausgekommen. Überall sah er das Tier im Menschen in den mannigfachsten Verkleidungen und Modifikationen, in den verschiedensten Dressurformen von einfacher Zähmung eines Haustieres bis zum Zirkuselefanten hinauf. —

Und wie der Psychiater die Einheit des Bewußtseins in sogenannten pathologischen Zuständen zerfallen, mehrere Bewußtseinsakte zugleich sich abwickeln, mehrere Gedächtnisreihen sich gleichzeitig abspielen und in einer Person das Bewußtsein mehrerer Persönlichkeiten vereinigt sieht, und somit die Einheit der Persönlichkeit als etwas Zufälliges, und im Gegensatze dazu die Unabhängigkeit der Ganglien, deren jede gleichsam im latenten Zustande ein volldifferenziertes Leben besitzt, als das Konstante und Maßgebende ansieht, so gelangte auch Nietzsche auf Grund seiner Beobachtungen zu der Annahme solcher autonomer Ganglienseelen im Menschen. Der Ausdruck Seele ist für ihn ein Kollektivbegriff für die Seelen aller der Tiere, die er nach einander war, bevor er zum Menschen wurde, der Mensch vereinigt das Reptil und das Raubtier und den Wiederkäuer in sich. Und alle diese Tierseelen bekämpfen und paralysieren sich gegenseitig; es gibt aber ein Streben, in dem sich alle einig sind, ein großes biogenetisches Gesetz, dem sie alle gehorchen und das ist der Wille zur Macht. —

So fand Nietzsche die lang gesuchte Dominante des menschlichen Lebens, den zeugenden, formgebenden, gestaltenden Keimfleck, der mit seinen feinen und feinsten Fortsätzen das ganze Leben umspinnt, wie er in einem Vogelei das ganze Ernährungsplasma durchzieht, den Kohlenstoff, der allen organischen Verbindungen zu Grunde liegt, den mythologischen Ozean, der alles Leben in breiten Wogen umspült, es mit seinen silbern glitzernden Adern durchsetzt, verteilt und ihm ein bestimmtes Gepräge verleiht. —

Hier hat Nietzsche das Archimedische δος μοι που στω gewonnen, von dem er die ganze bestehende Moral, als Wissenschaft, aus den Angeln gehoben hat; seit Nietzsche trat das Problem Moral in ein neues Stadium: es wurde zu einer Magen–, Geschlechts– und Machtfrage. —