VII
Der Nietzsche, den wir bis jetzt betrachtet haben, das ist der Schöpfer der Molekularpsychologie, wenn ich mich so ausdrücken dürfte, das ist der Mann der erstaunlichsten Denkenergie, der die Moral zum Machtproblem gemacht hatte, aber es gibt auch einen Nietzsche, der Schopenhauer und Wagner zu Erziehern, eine lange Reihe psychopathisch veranlagter Pastoren zu Vorfahren hatte und dessen Umgebung seit seiner frühesten Jugend aus Frauen bestand:2 dieser Nietzsche ist nichts als ein Stück fortwährender Reaktion, ein Stück schmerzhafter Raserei gegen seine Vergangenheit, es ist an ihm etwas von dem beißenden Hohn und der grausamen Rücksichtslosigkeit eines Hahnrei, der endlich gemerkt hatte, wie lange er hintergangen und betrogen wurde, etwas, das an die Wut eines Stieres gegen das rote Tuch erinnert.
Sein ganzes Leben war ein Befreiungskampf. Fortwährend war er bestrebt, das Unkraut politischer, religiöser und philosophischer Mythologien auszujäten, das Ekzem der Herdenmoral, das seine geistige Haut verunreinigte, wegzusengen; mit Hilfe naturwissenschaftlicher Lehren hatte er sein Denken geklärt und gesäubert, in seinem Gehirne hatte er eine Unmasse von Zweigbatterien ausgeschaltet und die Ströme seines Denkens auf neue Leitungsbahnen gelenkt.
Doch trotz all’ der großen Arbeit, die er für seine Neubildung verwandte, trotz der Mühe, das Vererbte, Anerzogene, den Pastor und das Weib aus seiner Seele wegzuwischen, unterlag er dem großen Gesetze, das man das Gedächtnis der Materie nennen könnte.
Inmitten alles Neuschaffens und Neugestaltens verblieb den Molekeln seiner Nerven das Bestreben, sich in bestimmten, so oft wiederholten Lageverhältnissen zu ordnen, um einen bestimmten barozentrischen Kernpunkt zu oszillieren: Neben den neuen Leitungsbahnen blieb ein unsichtbarer Kräfteherd, der die ausgeschalteten Batterien immer von neuem mit Nahrung speiste und in Tätigkeit erhielt. —
Er lernte die Wirklichkeit schätzen, auf Lügen zu straucheln, um nur ein Körnchen Wahrheitsgold zu erwischen, aber die Sehnsucht blieb; er hat sein Denken von religiösen Begriffen und moralischen Wertbestimmungen befreit und doch vermochte er nicht die Dinge rein anzusehen, immer und wieder brachte er in sie menschliche Beziehungen hinein und die religiöse Stimmung verblieb. Und wenn auch die Religion und die Moral ihre richtungbestimmende und ausschlaggebende Kraft verloren, so blieb das schlechte Gewissen. —
Das ist das große Bestimmungsgesetz, wonach die Zellen seines geistigen Lebens zu ganz bestimmten Organen sich zusammentaten, das war die spezifische Energie seines Denkorgans, jener vergleichbar, mit welcher das Auge ausgerüstet ist, und wonach jede Empfindung auf dasselbe immer nur einen Lichteindruck hervorbringt.
Nietzsche war wie ein Roß edelster Rasse, das aber schlecht eingeritten, wie ein feines Blasinstrument, das schlecht eingeblasen wurde und wo bei noch so großer Anstrengung sich immer dieselben molekularen Verhältnisse reproduzieren, die beim falschen Blasen hervorgerufen wurden. Aus dieser psychologischen Betrachtungsweise erklärt sich eine gehässige Verachtung alles dessen, was er früher angebetet und verehrt hatte, die Qual, seine Nabelschnur von sich nicht lostrennen zu können, seine krankhafte wilde Sehnsucht nach Kraft, Stolz, Herrlichkeit und Macht, seine Sympathie mit allem Geschmäheten, Geächteten, in der Finsternis Lebenden.
Herdeninstinkte, grünes Weide-Glück, Schmutz und erbärmliches Behagen, das war alles, was er an dem Menschen von heute sah — und daß das Größte gar so klein, das Feinste nicht fein genug war, um sich seiner zu schämen, und daß das Erhabenste nicht unbefangen genug war, daß es sich seiner nicht bewußt wäre, und daß das Herrliche, das Stolze und Herrische am Menschen mit schlechtem Gewissen im Schatten der Verlogenheit einherschleiche, das brach ihm das Herz.
Voll Ekel und Verachtung wandte er sich ab, und damals war es, wo er einen Blick in das Land seiner Kinder tat, und damals war es auch, wo er den Übermenschen vom Wege auflas. Und diesen Übermenschen, den er lehrte, hatte er mit der ganzen grandiosen Verschwendung seines überreichen Geistes ausgestattet, ihn mit den glänzendsten, sattesten, prächtigsten Farben ausgemalt, und ihn in ein Meer von Helligkeit und Freude getaucht, auf daß er von Licht und Gold strotze. Unter seinen Händen wurde er zu einer anfangslosen, ungewordenen Macht, zu einem mysteriösen, dionysischen Rausch-Symbol. —
Er wurde ihm das jenseitige Ufer, zu dem wir nur Brücken und Pfeiler der Sehnsucht sind, das gelobte Land derer, die nach uns kommen, das ewig grünende Elysium der in Kraft und Stolz wiedergeborenen Menschheit.
Doch dieser Übermensch ist zugleich ein salto-mortale der entfesselten, in Orgien schwelgenden Vernunft, ein Rausch-Delirium der aus den Fugen geratenen, in tausend Stücke zersplitterten Seele, ein überwältigendes Finale, in dem sich ein üppiges Leben in spasmatischen Zuckungen austobt.
Mit der feuersprühenden Begeisterung und der hellseherischen Sehnsucht in den Augen, die nicht von dieser Welt sind, mit dem fatalistischen Stigma eines, der geopfert werden soll auf der Stirne, mit in die Feme gestreckten Händen steht Zarathustra auf seinem Berge, vor seinen verzückten Blicken schwindet heute und gestern und morgen, alles hinter ihm stürzt verschmelzend zusammen und das vor ihm wird zur Ewigkeit, in der sich alle Wiedergeburt und Wiederkunft vollziehen werde:
„Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, dem Ring der Wiederkunft?
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!”