VIII

Wie bei Chopin das H-moll Scherzo, so spiegelt Also sprach Zarathustra die innerste Seele Nietzsches in den wunderbarsten Farben, von denen sich der Menschensinn nicht träumen ließ, wieder.

Was Nietzsche hier liefert, ist ein Stück Autobiographie, in der er seine großen Freund– und Feindschaften, seine rastlosen Kämpfe, sein Hoffen und Sehnen, seine Krankheiten und Genesungen niederlegt.

Und das ist es eben, was das Werk der wenigen Anzahl von Intelligenzen, die es zu genießen verstehen, so unendlich teuer macht.

Für „uns” Spätgeborene, die wir an „Wahrheit” zu glauben aufgehört haben, für die der ganze Schluß unserer Weisheit in der totalen Bankerotterklärung unseres Wissens besteht, mag wohl der erkenntnistheoretische Teil in Nietzsches Werken vom geringsten Werte sein. —

Was uns an ihm berauscht, das ist die Fähigkeit für seine überreiche Seele in der Sprache Symbole gefunden zu haben: seine Psychologie.

Sie ist nicht die Retortenwissenschaft, wo aus einer Handvoll „objektiv” aufgefaßter Merkmale der ganze Mensch zusammengebraut wird, nicht die flache Erklärungswütigkeit englischer Psychologen, die alles verstehen, denen alles klar ist, nicht die filigrane Kunst der Franzosen, die in Sévres-Porzellan arbeiten, Nietzsches Psychologie ist voll von glühenden Lavastürzen, die seine vulkanische Seele erbricht, voll von Geysirquellen, die warmes Herzblut in sprühender Gischt hinaufspeien.

Sie ist tief und verallgemeinernd, in jedem Tropfen sieht sie sich die ganze Welt widerspiegeln, sie hat etwas vom Opiumtraume, in dem man alles ins Riesenhafte gesteigert sieht, etwas von der Wärme eines Golfstromes, der die Untiefen eines Ozeans erwärmen kann.

Sie hat einen leidenschaftlichen Charakter, jenes schwüle Pathos, mit dem eine reiche Seele auf das Rätselhafte, Unbekannte, Dämonische der Außenwelt reagiert. Sie analysiert nicht Einzelfälle, sie will nicht Lichteindrücke, als Ätherschwingungen, Töne als Wellenbewegung der Luft sehen, sie will das Ding seiner Merkmale nicht entkleiden, um sie „rein” und „an sich” anzuschauen: seine Psychologie bringt nur Stimmungen, in denen sie den einzigen Spiegel der Außenwelt erblickt.

Stimmungen als Symbole der Dinge hinzustellen, sie so zur Darstellung zu bringen, daß sie dieselben Stimmungen in jedem anderen Menschen hervorrufen, den Dingen einen passionierten, makrokosmischen Ausdruck zu geben, das ist die große Kunst Nietzsches, wie sie sich am herrlichsten in Also sprach Zarathustra offenbart.

In dieser makrokosmischen Auffassung wird auch das Sexuelle, um nur das wichtigste und brennendste Problem zu erwähnen, der Kunst zugänglich werden: die nimmersatte Gier der Wollust, in der sich doch nur die ewige Lust des Schaffens, ewige Selbstbejahung, ein großes Ja zu allen Instinkten des Willens nach persönlicher Unsterblichkeit, nach Fortpflanzung bekundet, die Krämpfe der Brunst, aufgefaßt als der tiefste Instinkt des Lebens, als der heilige Weg zur Zukunft des Lebens, zur Ewigkeit des Lebens, — das Verhältnis der Geschlechter, aufgefaßt als das ursprünglichste biologische Gesetz, demzufolge die Männchen der Insekten im Gegensätze zu den Weibchen eine geschmeidige Gestalt und Flügel, die Männchen der Vögel herrlichen Federputz und ergiebigeren Kehlkopf, und das höchste der Säugetiere, der Mann, seinen individualisierten, fein gegliederten Körper, sein Gehirn — das Weib seine Fettpolsterung, und reflexives Rückenmarksleben bekam. —

Nur in einer solchen Auffassung liegen die unendlichen, befruchtenden Keime, die eine neue Kunst schaffen werden, so unendlich verschieden von dem öden Naturalismus mit seinen dürftigen, geistesarmen coins de nature. —

Es gibt eine Stimmung im menschlichen Gemütsleben von der die Kunst ins Leben gerufen wurde und zu der sie zurückkehren muß und das ist der Rausch in seinen mannigfachen Äußerungen, als Freude am Erbeben des Fleisches, an der intensen Kraftverausgabung, an dem Durchtrunken– und Durchsättigtwerden von dem dionysischen Willen zur Lust, zur vulkanischen Entladung, zur Macht und Wucht.

Rausch ist die Kunst ihrem Wesen, ihrer Entstehung nach und Rausch muß sie hervorrufen, sonst haben wir sie nicht nötig. —

Rausch der geschlechtlichen Ekstase, mit ihrer geheimnisvollen dämonischen Gewalt, Rausch der Dämmerung und schwüler Sommernächte, Rausch der überschäumenden Jugend und der Frühlingslust, Rausch der ekstatischen Begeisterung und dionysischer Raserei, der Sehnsucht und des Schmerzes.

Und von den beiden Rauschkünstlern, Chopin und Nietzsche, wird die neue Kunst ausgehen, eine Kunst, die aufhört in verschiedene Zweige getrennt zu werden, allerdings in einer Zeit, wo unsere Darstellungsmittel sich so ausbilden werden, daß wir jeden Ausdruck, ob den musikalischen, ob sprachlichen, ob bildlichen mit derselben distinkten und differenzierten Schärfe verstehen werden, mit der jetzt nur das sprachliche den meisten zugänglich ist, wo es eine ununterbrochene Skala vom Tone bis zum Worte und zur Farbe ohne die jetzt bestehenden Grenzen, eine klare Rückübersetzung des Tones in Wort und Farbe und umgekehrt geben wird, wo unsere Sinne so fein werden, daß sie jedes Wort in dem zugehörigen Farben– und Tonwerte auffassen, wo die Kunst in ihrer Totalität als eine platonische Anamnese, eine erinnerte Erinnerung, als Selbsterlebtes, Selbstdurchfühltes und Durchdachtes in allen Ausdrucksmitteln mit gleicher Intensität genossen wird. —

Berlin, Dezember 1890.

II. Ola Hansson