IN DER ALLEE UJAZDOWSKA

Schwarze Bäume stehn und neigen

Sich mit kahlen, trocknen Zweigen.

Die Allee ist laubbedeckt,

Die vergilbten Blätter schreckt

Jeder Windstoß aus dem Schlummer.

Tiefe Nacht, — ganz hinten weit

Sieht in Reihen man geordnet

Die Armeen feldbereit.

GROSSFÜRST

allein; in Uniform, darüber einen weiten Mantel; geht in dem raschelnden Laub auf und ab.

KURUTA

kommt langsam näher

Der General ist angekommen...

GROSSFÜRST

Schweig!

KURUTA

Soeben kam er an.

GROSSFÜRST

Lass mich in Ruhe!

KURUTA

Vier Regimenter Kavallerie sind in

Bereitschaft.

GROSSFÜRST

Meinetwegen.

KURUTA

Die Befehle?

Ich bitte Eure Hoheit um Befehle.

GROSSFÜRST

Ich gebe keine.

KURUTA

Aber es muss sein.

GROSSFÜRST

Was hat das alles denn für einen Sinn?

KURUTA

ab.

GROSSFÜRST

Kuruta!

KURUTA

eilt herzu

Eure Kaiserliche Hoheit —?

GROSSFÜRST

winkt ihn heran

Hörst du, wie diese Blätter rauschen, wie

Sie miteinander flüstern, tuscheln —?

KURUTA

Was

Heißt das? — Dort wartet die Armee auf die

Befehle.

GROSSFÜRST

Morgen soll die Sonne nicht

Aufgehen. — Wer ist also angekommen — ?

KURUTA

Der General Krasiński.

GROSSFÜRST

Mag er warten.

KURUTA

Warum verschieben Hoheit die Befehle?

GROSSFÜRST

Gib du sie doch.

KURUTA

Das kann ich nicht. — Versteh

Das nicht.

GROSSFÜRST

Tritt vor die Front und fluche laut.

KURUTA

Mein Fürst, ich — weiß nicht —

GROSSFÜRST

So, — du weißt nicht —? Graut

Dir nicht, hörst du, was diese Blätter raunen?

Stampft in dem Laub herum

Rischrasch, — — rischrasch — — die Blätter träumen. — Ja. —

Wovon? — Von Seiner Kaiserlichen Hoheit...?

KURUTA

zuckt die Achseln

Hoheit stehn an der Spitze der Armee: —

Die Leute sehen Hoheit hier mit Staunen

Und möchten sagen, Hoheit fürchten sich.

GROSSFÜRST

Der Großfürst kennt vor Menschen keine Furcht,

Doch wohl vor Gott. Wenn Gott mir meinen Weg

Gewiesen hat, verschwindet meine Furcht.

KURUTA

geht ab.

GROSSFÜRST

allein.

KURUTA

kehrt zurück, nähert sieh dem Großfürsten

GROSSFÜRST

vertraulich

Im Frühling werden diese Bäume grünen, —

Jetzt ist November, — eine schlimme Zeit.

Und gestern fing es an, — die Sterne schienen.

Wie fings doch an —? Ja, so ... Und was geschah?

Die Blätter fielen und bedeckten weit

Und breit den Boden. Trockne Blätter, ja...

KURUTA

zuckt die Achseln; ab.

GROSSFÜRST

allein.

KURUTA

kehrt nach einer Weile zurück, nähert sich dem Großfürsten

Soeben ist sie aufgewacht.

GROSSFÜRST

Nun. — und?

KURUTA

Sie spricht konfus.

GROSSFÜRST

Was schwatzt sie?

KURUTA

zuckt die Achseln.

GROSSFÜRST

Halt den Mund

Und lass sie schwatzen.

KURUTA

zuckt die Achseln.

GROSSFÜRST

Schickt den Arzt zu ihr.

KURUTA

schweigt.

GROSSFÜRST

Bewusstlos?

KURUTA

Ja, das ist sie ohne Zweifel, —

Die Augen hat sie auf und blickt fast stier

Und streckt die Hände wie nach etwas aus

Und schreitet wie im Schlaf.

GROSSFÜRST

Scher dich zum Teufel.

KURUTA

Gnädigster Fürst?

GROSSFÜRST

Macht euch zur Reise fertig.

KURUTA

Das ists ja grade, Ihre Hoheit lassen

Sich nicht ankleiden, reißen jedes Kleid

Herunter.

GROSSFÜRST

stiert mit weit geöffneten Augen

Ah! Ah! Ah! Nymphomanie!

KURUTA

Hoheit —?

GROSSFÜRST

erblickt Johanna

Meine Gebieterin.

JOHANNA

kaum bekleidet, im Pelz.

HOFDAMEN

eilen ihr nach.

JOHANNA

summt

„Sprach der Vater zu dem Mädel,

Hör die Trommeln rühren...”

Nein, — es geht anders, — nicht so. — Mars entführt

Mich auf sein Lager, — süße Liebesnacht.

GROSSFÜRST

hüllt sie ein.

JOHANNA

Warum bist du, mein Liebster, aufgewacht?

Willst fort?! — O bleib! — Du mein Geliebter — bleib! —

Weist auf ihr Gefolge, das abseits steht

Sieh, meine Göttinnen, — sie tragen Flügel,

Die haben sie jetzt angelegt; — ob sie

Wohl noch einmal sie himmelhoch entfalten? —

Und fliegen? —

Als spräche sie jemandem nach

Sei gegrüßt. —

Als spräche sie zu jemandem

Sei mir gegrüßt. —

Wohin enteilst du? — Du hast ja geschworen

Auf deinen Sieg! Sieh, jetzt bist du verloren, —

Betrogen!!! — Dir entglitten deine Zügel, —

Der Brand griff um sich!! — Rette mich!! — Du bist

So schwach, weil ich dich liebe?! — Das Palais ist leer —?

Abgründe klaffen tief und schwarz. — Rings Dunkel

Und fürchterliches Schweigen. — Herr,

Erbarme dich! Er stößt mich von sich fort!

Der Liebe Bande reißt er durch! Ich war

Mit dir so glücklich, — als ich träumte dort — —

Kommt zur Besinnung; flüsternd

Es war ein Traum, — so war mein Traum — der Nacht.

GROSSFÜRST

führt sie nach dem Hintergrund; ein Schlitten fährt vor.

JOHANNA

besteigt den Schlitten; neben ihr nimmt eine ihrer Hofdamen Platz.

GROSSFÜRST

tritt zurück; wirft ihr aus der Ferne einen Handkuss zu

Adieu, — adieu, Jeannette.

Laut

Ein Pferd!

Soldaten führen im Hintergrunde ein Pferd vor.

GENERAL VINCENZ GRAF KRASINSKI

nähert sich; während sich der Schlitten der Großfürstin entfernt.

GROSSFÜRST

sieht unverwandt dem davonfahrenden Schlitten nach; wendet sich plötzlich um und bemerkt Krasiński; sucht sich zu erinnern

Ist alles Wahrheit? — Ist das alles wahr? —

Ja, so, — Pardon. C’est vrai. Es fällt mir schwer,

Daran zu glauben. — Ja, ich sehe klar.

Will sehen. — Ja. — Ich lass euch alle binden.

Sieht Krasiński ins Gesicht

Hm, — nein, — das ist Komödie. Ja, ich lasse

Euch knebeln!

KRASINSKI

gleichgültig

Tuen Sie.

GROSSFÜRST

Oh, Pole! — Herr!!

Euch knebeln? —

Beobachtet Krasiński

Nein. Euch so zurückzulassen,

Das geht nicht an. Ihr seid Empörer. — Wie?

Seid ihr es nicht? Ihr Polen, ja, ihr seids. —

Vermöchtet ihr, — ihr Polen, nun, was meint

Ihr, was ihr euer Werk heißt, aufzugeben

Und die Partei des Zaren zu ergreifen? —

Stark seid ihr. — Blicke ich auf euch, erbeben

Mir meine Lippen, denn ihr seid Soldaten

Aus altem Schrot und Korn. Verzeiht, mein Freund

Und Bruder, ihr seid nun einmal mein Feind,

Ihr kennt Euch nicht, doch ich kenn Euch, — Verräter!

KRASINSKI

fährt auf

Schweig jetzt! — —

Fasst sich, mit gesenkter Stimme

Verzeiht, mein Fürst. Im Wahne sprechen

Jetzt Eure Kaiserliche Hoheit, achten nicht

Darauf, dass so ein hartes Wort schwer trifft;

Ein Wort, aus dem ja nur der Wahnsinn spricht.

GROSSFÜRST

Ich sehe klar. Ich bin gestürzt. Ich liege schon

Am Boden. — Und ich stand in Gluten, — da — ein Hohn — ,

Verlosch das Feuer. Ich hab mich bereits vollendet.

Und unser Schicksal hat sich nun gewendet.

Ihr seid die Sterne jetzt, die dort am Horizont

Aufgehn. Jetzt kam für euch die Zeit, dass ihr euch sonnt

in Glanze eurer Siege. Wir werden zusammen

Den gleichen Weg nie wandeln können. Oh, das weiß

Ich nur zu gut und will mich nicht selbst täuschen, — nein,

Ich will es nicht. Wir bleiben das, was wir gewesen:

Feinde! — Ich will euch Demut lehren, ihr Geschmeiß

Von Herren. Immer noch nicht fort? — Jenun, ich mein,

Die Stadt, sie gärt. Zum Himmel schlagen schon die Flammen.

Ein Aufstand? Rauch. Seid Helden allesamt, erlesen

Zu großer Tat. Ihr konntet ja den Blitz erreichen.

Ihr seid gewaltig stark. — Warum seid ihr noch hier? —

Ich habe Angst um euch, — denn ihr seid Leichen,

Wenn ihr im Bunde seid — mit mir.

Ihr glaubt nicht mehr an Polen —? Wie? — Ich glaube

Daran.

Sieht Krasiński unentwegt scharf an.

KRASINSKI

Der Zar, der Polens Krone nahm, sieht nicht,

Dass wir aus Leichen Brücken bauen mussten.

Dem großfürstlichen Bruder ist nichts daran gelegen,

Dass wir dem Willen der Nation entgegen,

Die uns dorthin rief, doch an seine Seite

Getreten, — eine Mauer, — dass wir heute,

Da Glocken läuten, da der Freiheit Licht

Vom Himmel strahlt, uns zu vergessen wussten.

Dass wir an uns nicht dachten, nur daran,

Wie man die Ströme Bluts verringern kann,

Des Bluts, das ihr durch Martern — Gott verzeih! —

Verschleudert habt, um das ihr uns bestohlen

In feiler Gier. Gefallen ist Potocki

Und Blumer, General Nowicki, bei

Potockis Ende war ich gegenwärtig

Und sah, wie unter Haufen Leichen man

Ihn fand. Gefallen ist Trembicki und

Auch Siemiontkowski. Wenn ich, Hoheit, lebe,

So leb ich nicht darum, um an den Pranger

Der Missachtung gestellt zu werden, nicht

Um meine Ehre zu verlieren. Hoheit, —

Sie haben nicht das Recht, mich heut als Polen

Zu fragen, was ich glaube; eines ist gewiss,

Mit der Gemeinheit schließ ich keinen Bund.

Gibt ihm seinen Degen.

GROSSFÜRST

Lass das, mein Lieber, — kusch dich wie ein Hund

Zu meinen Füßen. Hahaha! — Da dies

Polnische Herz sich einmal ausgesprochen,

Will ich euch zeigen, wer euch prellt. Ich will

Einmal die Rechnung des Gewissens machen.

Will meine Schulden zahlen. In den Kellern

Des Belvedere, grad unter meinen Zimmern

Befindet sich ein Mann, — schon viele Jahre.

Ein edler Mann. — Du wirst nicht rot vor mir?!

Du sagst doch, du besitzt ein Herz und fühlst?!

So sieh ihm ins Gesicht —

Ruft

Diensthabender!!

KURUTA

eilt herzu.

GROSSFÜRST

flüstert ihm etwas ins Ohr.

KURUTA

steht erstaunt, ungläubig.

GROSSFÜRST

drängt ihn durch eine Bewegung zur Eile.

KURUTA

geht.

GROSSFÜRST

Der Großfürst hat nun ausgespielt, —

reißt die Orden und den Stern von der Brust und tritt sie mit Füßen

weg, — fort.

Mich ekelt, — was bedeutet alles, — alles

Hat mir der Zar geschenkt — ich will nichts mehr. —

Will nichts mehr haben, — nichts. — Hört ihr wohl — dort —

Die Nacht, wie heult der Wind und keucht daher. —

In einer solchen Nacht starb auch mein Vater. — —

Er wird von Angst geschüttelt

Ich hab ihn nicht getötet! — Nein, — ich nicht!

Schreit; bedeckt die Augen

Der Bruder tats, — der Bruder, — tat — er, — tat — er!!

KRASINSKI

steht unbeweglich.

Im Hintergrunde fahren Geschütze vorüber.

GROSSFÜRST

geht auf General Krasiński zu; fasst ihn am Knopf seiner Uniform; lacht; weist in den Hintergrund.

KRASINSKI

blickt dorthin.

GROSSFÜRST

Sieh hier, mein Kleinod! — Sieh es dir gut an.

Es ist euer polnischer Prometheus.

Weist auf ihn

Man

Führ ihn hierher.

VALERIAN ŁUKASINSKI

erblindet, in Lumpen, Fesseln an Händen und Füßen; wird von einer Wache geführt.

Die Wache bindet Łukasinski an das Geschütz, Man hört die Glocken von Warschau läuten.

GROSSFÜRST

geht nach dem Hintergrund und steigt zu Pferde.

Die Wache entfernt sich.

ŁUKASINSKI

fühlt, dass die Wache sich von ihm entfernt

Und fühlt, dass die Stunde der Freiheit schlug,

Da man ihn hierher geführt.

Und wenn er auch eben noch Ketten trug

Und man ans Geschütz ihn schnürt,

Durchfährt doch ein Zittern und Beben die feigen

Feinde ringsum und Zweifel steigen

In ihnen auf, und die Luft durchzieht

Ein ahnend verklingendes Freiheitslied.

Er fühlt, dass seine teuren Brüder,

Ein Adlerschwarm, emporgeflogen

Dort über Warschau, er lauscht wieder

Der Glocken Klang und hat verstanden:

Das Glück ist eingezogen

Und Helden sind erstanden.

Harrt aus! Gib ihnen, Herr, die Kraft,

Auf dass sie stark sind, lass sie nicht erlahmen,

Sei noch so qualvoll meine lange Haft

Und schüfen sie mir ewge Marter ohne Namen.

Lass sie mich binden, lass sie immer schleifen

Den müden Leib durch dunkelste Verliesse,

Lass Martern sie auf Martern häufen,

Lass Geier meine Brust zerreißen, —

Wenn nur den Brüdern jene frohen Grüße

Der Glocken, die jetzt über Warschau rauschen,

Auf schweren Kampf den Sieg verheißen.

Er streckt die Arme aus, ein lauschen

Spannt seine Züge, jeden Windeshauch

Fühlt er genau, sein Antlitz scheint verzückt,

Die Lippen beben und sein Auge blickt

Beseligt, denn sein Geist errät.

Was jetzt dort um ihn vor sich geht.

Er kniet zu Boden, heiße Tränen

Entquellen seinen Augen, seine Brust

Erschüttert Schluchzen, — Gluten brennen

Die Wangen ihm, — er flüstert, kaum vernimmt

Man seiner Worte heimliches Gebet:

Einst kommt dir die Zeit,

Meine Seele, aus Leid,

Aus Qual und Not

Wirst du befreit.

Der Glocken von Warschau eherner Mund

Tut es dir kund

Und verspricht ... — —

Heil — dir, leuchtendes — Morgenrot — —,

Strahlender — Freiheit — erlösendes — Licht.

Erhebt sich.

KRASINSKI

bedeckt das Gesicht mit den Händen.

GROSSFÜRST

gibt seinem Pferd die Sporen.

Der Vorbeimarsch beginnt.