DAS THEATER STANISŁAW AUGUSTS
Im Stanisławparke auf der Insel
Liegt das Theatrum Seiner Majestät
Des Königs. Fon der Flut umspielt
Ragt es empor und zage Wellen schlagen
An das Proszenium. Auf dem Land
Der Insel gegenüber hocken
In steingehaunen Sitzen der Tragödie
Verstorbne Meister, lauschen und betrachten
Die Auferstehung ihrer eignen Werke.
In dieser Herbstnacht, da der Mond aus grauen
Novemberwolken kalt und klar aufgeht,
Erscheinen die Ruinen und die Säulen,
Die zwischen Bäumen auf der Insel ragen,
In ein gespenstisch fahles Licht getaucht.
Die zwölfe Stunde, — und in langem Zuge
Erscheinen die, die heut im Waffengang
Gefallen und in Scharen lagern
Sie auf den Stufen des Proszeniums sich —
Und warten.
GENERAL GENDRE
Es kam die Stunde, da du rufst, mein Gott,
Des bessern Daseins Pforten öffnen sich.
Auch ich war Slawe und ein Bruder euch
Und musste doch euch widerstreiten, mich
Umstrickte die Gemeinheit, — doch der Tod
Löscht alles aus und heute bin ich rein
Und ohne Arg und Falsch. Mein Bruder, reich
Mir deine Hand, denn Gott hat mich entsühnt.
STANISLAUS POTOCKI
Geh fort! — Die Seele schaudert, denn gemein
Dünkt die Berührung mich. Wes Geist erkühnt
Sich mir zu nahen? — Meines Feindes. Dein
Gott ist der meine nicht. Wie kann ich dir
Die Hand denn reichen?
GENDRE
An deiner Schläfe seh ich eine Wunde.
Dich traf das Schwert —?
POTOCKI
Vor einer Stunde
Fiel ich gefällt von meines Bruders Streichen.
Mein eigner Sohn hat mich verwünscht, mein Gott hat mir
Geflucht und über mich kam das Gericht.
Ich hörte meines Gottes Stimme nicht,
So trieb das Schicksal mich in diesen Streit,
Da ich doch Kampf und Blutvergießen
Vermeiden wollte; konnte ich denn wissen,
Dass jener Sturm mich packt und niederreißt,
Wie morsches Holz? Zu spät erwachte mir
Das Herz. — O Söhne, Vaterland, o Brüder!
Wie fern seid ihr, die ewige Stimme weist
Mir meinen letzten Weg, der Park hallt wider
Vom Echo meiner Klagen, ich muss warten,
Bis dass ich fern von hier im stillen Garten
Des ewgen Friedens und des ewgens Blühens
Erwache; — und doch ist das Herz nicht still;
Es sehnt sich noch und zuckt und fragt und will
Noch einmal aller Schmerzen, allen Glühens
Noch nicht vernarbter Wunden Wollust kosten.
GENDRE
Du Seele fühlst noch immer heißes Brennen
Und ich — ich friere und mein Herz, es bangt
In Ungewissheit, ob mein einzger Sohn
Noch lebt und ob ich ihn noch einmal werde
An meinen Busen liebend pressen können.
Wird Gott auch dieses letzte Glück der Erde
Missgünstig mir versagen? Oder seh ich schon
Ihn nahen und die Arme um den Nacken
Mir schlingen, — fühl ich schon die jungen Lippen
Auf meinen glühen und die Worte alle
Der Furcht und Not, vom Kuss gelöst, wie Schlacken
Abgleiten, und es leuchten die Kristalle
Urreiner Liebe, reiner Traurigkeit —?
POTOCKI
Was ist denn meine schwere Schuld gewesen?
Ich kann sie nicht mehr sehen, denken; weit
Sind die Gedanken. — Körperlose Wesen
Sind wir hierher als Seelen nur gesandt.
Uns haben die Unsterblichen erlesen.
CHOR DER TOTEN
Wir Toten fahren in das Totenland.
POTOCKI
Ich blicke noch einmal auf diese Welt,
Und da sie rings zerfließt, entfällt
Auch die Erinnerung an alles, was gewesen;
Und alle meine Taten, alle bösen
Handlungen, die ich einst beging, die Sünden,
Im bleichen Nebel aufgelöst, entschwinden,
Und wunderbare Ruhe webt im Kreis.
Was war denn meine Schuld? Soviel ich weiß,
Ergriffen Väter, griffen Söhne Waffen,
Um sich zu morden, da ein schlimmer Wahn
Sie all umstrickt. Wie hab ich den gerechten
Und guten Kampf zu jeder Zeit verteidigt!
Doch werden von Gerechtigkeit und Rechten
Die Menschen nicht am ehesten beleidigt
Und fluchen dem, der Recht getan?
GENDRE
erkennt unter den weilenden Seelen seinen Sohn, winkt ihn in sich heran
Mein Sohn, o ich erkenne dich, mein Sohn!
Du bists! — Bist du in meiner Nähe, Kind?
Du suchtest in dem Ruhme deinen Lohn,
Da schlug die Totenglocke und vermessen
Rief sie dich ab. — Dein Los bleibt unvergessen;
Doch wer wird um dich trauern und wo sind
Die Tränen, die um deinetwillen flossen?
Der Zar selbst schluchzte auf, wird man ihm melden,
Du seist gezogen in den Kampf der Helden
Und seist als erstes Opfer hingemäht,
Der Ähre gleich, die eine Sense traf;
Ein Apfelbaum, dem noch im ersten Blühen
Ein rauher Wind die junge Pracht verweht.
Nun bist du, mit dem Vater Hand in Hand,
ln jenes andre ferne Land gesandt.
Was wartet unser? Durch geheime Schluchten
Die Fahrt zu unerforschten, stummen Buchten.
Wo bist du, ewger Frieden, denn zu finden?
Durch Flammen müssen wir für unsre Sünden —!
DER JUNGE GENDRE
Ach Vater, fremde Tränen brennen heißer
Als eigene. Wie Feuertropfen fielen
Aus andrer Augen sie auf meine Wangen,
Verglühten mir das Antlitz und ein weißer,
Bleichblasser Schatten spielt um meine Stirn,
Da ich die Furcht erkannte und das Bangen, —
Denn diese Tränen, die mir Herz und Hirn
Auspressen, werden vor dem Richterstuhle
Des Allerhöchsten mich des Mords anklagen; —
Denn ich hab ja gemordet, da ich kämpfte.
GENDRE
Du hast getötet, denn man griff dich an.
DER JUNGE GENDRE
Man griff mich an —? — Und mussten sie denn nicht,
Da es um alles ging, da Schiff und Boot
Mit Stürmen kämpfend in den Wellen lagen?
Ich trug von Anfang an auf dem Gesicht
Das Mal des Fluchs, — verflucht war auch mein Schwert,
Verflucht war mein Geschick. — Verflucht von Gott
Kämpft ich und fiel, — verflucht und hassenswert.
Ich fiel, — es war wohl Gottes Wille. —
Wir gehen, Vater, in das Reich der Stille,
Wo Zaren unsre Väter werden,
Wo alle gleich, ob groß, ob klein,
Wo alle Brüder werden sein,
Wie nie auf Erden.
Wo Blumen duften auf den Wiesen süß, —
Berauschend lockt das Totenparadies.
Wir scheiden von der Nebel dunklen Fluten
Und baden unsre Seelen in dem Tau
Der luftgehauchten Seligkeiten rein.
Und wenn wir durch des Fegefeuers Gluten
Hindurchgewandert und des Himmels Blau
Dem Auge strahlt, dann sind wir frei von Schuld
Und heilig durch des höchsten Gottes Huld.
Ach Vater — — —!
GENDRE
Was bedrückt dich, liebster Sohn?
DER JUNGE GENDRE
Es tut so weh, dass ich die Liebe nie
Gekannt im Leben und ich hätte schon
Durch Liebe glücklich werden können. Wie
Es quält und schmerzt, weil ich verhaßt gewesen
Bei allen, deren Liebe ich entbehrt.
Und nun, da sie die gleichen dunklen Pfade
Mit mir, mit uns, vom Schicksal auserlesen,
Zu wandeln haben, ist mirs grade,
Als schluchzte mir das Herz und Reue wehrt
Der Seele ihren Frieden. Aller Stolz
Und all mein Hochmut schwanden hin,
Nur nach Vergebung lechzt mein armer Sinn.
GENDRE
Schlaf ein, mein Sohn, schlaf ein und träume süß
Vom Ruhmeskranz, der deine Stirne ziert,
Den Gott aus goldnen Blättern winden ließ
Für deine Schläfe. Das Vergessen führt
Vergebung deiner Schuld herauf.
DER JUNGE GENDRE
Mein Vater,
Ich sehne mich nach Licht, nach hellem Tag,
Heraus aus dieser schreckensdunklen Nacht, —
Wann wird sie enden —? Sag mir, wer vermag
Dies alles? — Welcher Gott hat diese Macht,
Die nimmer endende, durch Finsternis
Und Nebel uns zu leiten in das Reich
Der Blumenträume, in das weich
Und wohlig glanzerfüllte Paradies?
GENDRE
Mein Sohn, so hat uns Gott verflucht.
Frag nicht, mein Sohn, wie oft die alten Hände
Unrecht getan, wie oft sie dich versucht,
Unrecht zu tun, und deine junge Seele
Befleckten. Nunmehr führen uns die Winde
In grenzenlose Nacht, in Dunkel ohne Ende. —
Spürst du den eiseskalten Windeshauch?
DER JUNGE GENDRE
Den Frost, mein Vater, und die Stürme auch,
Ich spürt sie kaum, wenn nicht die Tränen wären,
Die Tränen all der Brüder und der Schwestern.
Sie brennen heiß, sie glühen und verzehren
Das Mark und dringen bis ins Herz hinein
Und wie mit Rutenstreichen peitschen sie
Das zuckende in martervoller Pein.
Die Tränen, die dort fließen, sie allein,
Sie haben uns verflucht. —
POTOCKI
Die Engel wandten
Sich von mir ab. Wann blick ich hellen Schein?
Wann nahen sie mit mildem Flügelschlag,
Die Lichtgesandten?
Vorbei der Tag —?
Rings Nacht und Grauen, Nacht und Leere.
PALLAS
erscheint
Wer jammert hier?
CHOR DER TOTEN
Wir.
PALLAS
Wer seid ihr?
CHOR DER TOTEN
Löwen, die gefesselt zucken.
PALLAS
Wer bezwang euch?
CHOR DER TOTEN
Qual.
PALLAS
Wer hat
Euch hierher verbannt?
CHOR DER TOTEN
Der Tod.
PALLAS
Also bot
Das Geschick als Ersten euch
Seine Stirn. Wer bist du? Sag.
GENDRE
Ich bin tot.
PALLAS
Und du?
POTOCKI
Bin bleich, —
Bin ein Schatten.
PALLAS
Eh der Tag
Sich vollendet, haben wir
Alle sie vereinigt hier.
Ja, es kommen andre mehr.
Schaut nur auf, seht nur her! —
Blickt durch des Wassers glitzerndes Kristall,
Dort drüben im Palais,
Da hohe Säulen ragen in die Höh
Und tragen
Ein Haus,
Da ruht in Liebesbanden Ares aus.
Nur eine Weile, er springt auf und all
Sein Zorn zeugt neues blutges Weh.
GENDRE
Schwing du nur deinen Speer!
Wohl weißt du nicht, dass Zeus nur deiner lacht,
Und deines Kriegsgelüstes Löwenmacht
Gar bald erschöpft?
PALLAS
Wie?
GENDRE
Es kam her
Ein Bote, hob den Stab und alle Welt,
Die bis dahin im Streite sich verwirrte,
Taucht er in Frieden, kündete den Tod.
Und du erhabnes Weib, dem Gott gesellt,
Du wusstest nicht, dass wir verirrte
Armselige Seelen nur der Ruhe harren,
Dass wir ausspähen nach dem dunklen Boot,
Das durch die heiligen Gewässer gleiten,
Uns in die ewige Nacht geleiten
Soll, in die Finsternis? —
PALLAS
Und dieser Knabe?
GENDRE
Es ist mein Sohn, — weck ihn nicht auf, — ich habe
Ihn sehr geliebt; lass ihn denn schlafen.
Die Augen bat ihm Friede sanft geschlossen.
Ich schalt die Todesengel, die ihn trafen
In seiner Jugend Blüte, und ich fand
Das höchste Glück, da er mir zum Genossen
Im Sterben und im Tode ward gesandt.
PALLAS
Wer naht dort?
CHOR DER TOTEN
Der Verkünder — ja, er ists!
HERMES
erscheint
Verirrte Seelen, — fort!
PALLAS
Nimm deine Beute.
Die ersten Opfer, die schon heute
Reif waren, sie gehören dir.
Nimm sie denn hin.
HERMES
Entferne dich von hier.
Ich bringe den Befehl.
PALLAS
Wer gab ihn dir?
HERMES
Du schufest aus der Welt ein Flammenmeer.
In Feuersbrünsten sank die Stadt
Und Ares hat
Sein Opfer. Kehr
Zurück.
PALLAS
So hätte er
Sein Ziel erreicht? — Er hat es nicht.
Ares hat nicht gesiegt!
HERMES
Im Siegestaumel wiegt
Er sich, da man ihm Kränze flicht.
PALLAS
Ein Wahn, — ich habe ihn betrogen,
Damit er mir zu Füßen liegt.
HERMES
Ihn rettet Zeus nicht mehr, —
PALLAS
Gelogen!!!
HERMES
Ich kenne deine Wehr.
Ruf deine Geister nun herbei,
Denn deiner Herrschaft sei
Die Grenze nun gesetzt.
PALLAS
Du wagst zuletzt
Mich durch Verrat zu schlagen?
HERMES
Geh hin und schlage Pallas,
Dein eigner Vater sprachs.
Ruf deine Geister, treib sie jetzt
Zusammen und geleite sie
Zu des Olympos Toren wieder,
Von wannen du sie riefst.
PALLAS
Was bleibt den Menschen?
HERMES
Eitler Ruhm.
Sie werden weiter kämpfen, — und allein
So gut sie eben können. Du
Kehr zum Olympos im Verein
Mit deinen Mädchen, die dir dienen
Und mit der Aegis, die da Funken sprüht
Und mit dem Speer, der furchtbar tönt.
PALLAS
Dort schreien tausend Seelen,
Dort brennt die ganze Stadt.
Das blutige Werk, es hat
Begonnen! Soll ich ihnen
Den Ruhm nun stehlen?!
HERMES
Zurück, woher du kamst! —
Ich schwinge meinen Stab.
PALLAS
beugt das Haupt
Siehe, du nahmst
Mir meinen Willen ab,
Der Maja Sohn.
HERMES
Auf und davon.
PALLAS
mit erhobener Stimme
Adler des Zeus, die Donner tragen,
Kehrt jetzt zurück in die Ruhe!
Eilt zu den Gipfeln, die himmelwärts ragen,
Kehrt zum Hymetos, wo ewiger Schnee
Unter dem blauen Äther leuchtet.
Töchter des Zeus, rotwangige Schwestern,
Steiget hernieder aus luftiger Höh!
Denn vollendet hat sich die Zeit
Und was Zeusvater euch gestern
Willig erlaubte, verbietet er heut.
Breitet die Schwingen und eilt durch die Nacht,
Ihr, deren Leben dem Ruhme geweiht.
Des Krieges Getöse, das wir entfacht,
Der Völker Altäre, die lodernd erglühten,
Und das große, das heilige Werk
Heißt uns Zeus nun verlassen.
Eilt nun zurück aus des Kampfes Gebieten,
Kehret zu mir, ihr flügelreich Blassen.
CHOR DER TOTEN
zum Palais gewandt
Seht die Flügelreichen schwanken,
Dort im Vorraum herrscht Bewegung.
Doch geheimen Willens Regung
Hält zurück sie und es ranken
Ihr Gehör sich und Gefühl
Um des Wassers Wellenspiel.
PALLAS
ruft zum Palais hinüber
Schwestern, empor und hinaus!
Lasset das brennende Haus!
Eilet zu mir! Eure Siege
Sind Lüge!
Eilet, bevor euch der Donner
Trifft und erschlägt.
GÖTTINNEN
eilen vom Palais herüber
Du riefst uns, du rufst —?
PALLAS
Ich rufe. —
Uns war ein Zeichen gesandt.
Das furchtbar und drohend uns bannt,
Der schlangenumwundene Stab.
Wir kehren nun heim.
GÖTTINNEN
Wer gab
Uns den Befehl —?
PALLAS
Zeus selbst.
GÖTTINNEN
Verlassen des Kampfes Gewühl —?
PALLAS
Zurück zum Olymp.
GÖTTINNEN
Verfiel
Des Ares Macht auch dem Bann!?
PALLAS
Lug euer Sieg!
GÖTTINNEN
Es gewann
Ares aus unserer Hand,
Wie du befahlst, seine Gabe.
PALLAS
Die Kränze des Ares habe
Ich zu Kesten gewandt.
Des Ruhmes, des Sieges satt
Sank er in Trägheit nieder.
Furchtbar das Dämmern, da er erwacht.
Solang euer Geist ihn hat
Behütet, band ihn die Liebe;
Wenn er erwacht aus der Nacht
Spukhaftem Traumgetriebe,
Wenn den Verrat er erfährt,
Wenn er das Klagen hört,
Seltsamer Harfen Lieder,
Wenn er erzittert und bangt,
Angst in den Pulsen hämmert — — —?
GÖTTINNEN
entsetzt
Schwestern, auf —, die Nacht, sie wankt,
Unsre Macht ist schon erloschen,
Denn der Morgen dämmert.
PALLAS
Auf, ihr Schwestern, auf, geschwind!
Seht ihr dort —, dort in den Weiten —?
GÖTTINNEN
Von den Feldern her verbreiten
Fahle Nebel sich, der Wind
Legte sich, — ein bunter Teppich
Kräuselt sich aus goldenem Eppich
Überm Wasser.
In der Ferne erscheint auf dem Wasser Charons Nachen, der langsam herankommt.
GÖTTINNEN
Wer erscheint
In der Ferne?
PALLAS
Ah! — Der Kahn.
GÖTTINNEN
erkennen
Nicht mehr jung ist dieser Mann;
Doch sein Auge glüht
Und er zieht
Seinen Nachen stummbeweint
Durch die Flut.
PALLAS
Menschenschmerz und Erdenleiden
Sind vollbracht.
Denn durch die Nacht
Seh ich Charons Nachen gleiten,
Der in ewigen Ewigkeiten
Niemals ruht...
CHOR DER TOTEN
Treib mit leisem Ruderschlage,
Charon, durch die Wellen.
Bringst uns der Erlösung Tage.
Charon, Vater, hab Erbarmen,
Neige dich uns Stillen, Armen,
Höre unsere Klage.
POTOCKI
Was ich in meinem Erdenwallen
Niemals verspürt, niemals erharrt,
Da ich von Stolz und Zorn und allen
Den Leidenschaften ward genarrt,
Das ists, was nun das Herz bewegt
Und Schmerz erzeugt und Sehnsucht regt,
Denn ich war groß und doch, wie klein.
So fließen nun des Leides Tränen
Von meinen Wimpern und ein Sehnen
Zieht durch die Seele, da mein Sein
Vollendet und die letzte Fahrt
In fremde Lande meiner harrt.
CHOR DER TOTEN
Hört doch unsern Bruder klagen, —
Und der Bäume Wipfel tragen
Leise rauschend ihm die Worte zu.
Nirgends Frieden, nirgends Ruh,
Nichts, was seine Schmerzen lindern,
Was in ihm die Sehnsucht mindern
Könnte, denn er war ja groß
Und war doch im Geiste klein.
Groß und klein
Und klein und groß
Und vollendet ist sein Sein,
Das Bewusstsein bleibt ihm bloß.
POTOCKI
Herr, du legtest ungemessne Früchte,
Alle Schätze dieser Erde mir in meinen Schoss.
Und du machtest mich vor meinem Volke
Mächtig, und ich war der Erste weit und breit.
Doch du hast mich nicht gelehrt, was Mitleid
Ist, das Mitleid mit der Mutter Söhnen,
Die jetzt brüderlich mit mir vereint
Durch den Nebel jener dunklen Wolke
Folgen, die uns in die Ewigkeit
Führt, und die mit mir die gleichen Tränen
Still geweint.
Herr, mein Herr, warum hast du den Blick
Mir verdüstert, dass ich jenes Glück
Nicht ergriff und mich an jene schloss,
Die mich töteten und Helden wurden?
Warum könnt ich denn mein eignes Los
Mit dem ihren nicht verbinden?
Im Bewusstsein ihrer Sünden
Quälen sie sich, ich vergehe
Im Bewusstsein meiner Schuld.
Herr, des Schicksals Wege winden
Sich geheimnisvoll dahin;
Unerforschlich ist sein Sinn.
Schon erblick ich in der Nähe
Charons Nachen, den ich nun besteigen
Soll zur letzten Fahrt ins Land der Toten.
Sünder, — und ein Tor — geh ich ins Schweigen. —
Die Erinnerung verschwindet. — Lohten
Dort nicht Flammen —? Herr, nur einen Strahl,
Einen Lichtstrahl lass vor meinem Auge blinken,
Lass mein Ohr nur noch ein einziges Mal
Eines Liedes der Vergebung Töne trinken.
Lass noch einmal diese Bäume rauschen. —
Flüstern sie —? Still, — alles schweigt —?
Dort aus dem dunklen Wasser steigt
Es näher stets heran — und alle Seelen lauschen.
Die Seelen meiner Brüder? — Sind es Brüder?
Sie blicken stumm auf dunkle Wasser nieder.
Charons Nachen nähert sich mit leisem Ruderschlag.
CHOR DER TOTEN
Treib mit leisem Ruderschlage,
Charon, durch die Wellen.
Bringst uns der Erlösung Tage.
Charon, Vater, hab Erbarmen,
Neige dich uns Stillen, Armen,
Höre unsre Klage.
POTOCKI
blickt sich unter den Trümmern auf dem Theater um
Seh ich verfallen so mein Vaterland?
Es klaffen Risse in des Hauses Wand?
Und der Palast, er sinkt in Staub und Sand ...
Bin ich verflucht in Ewigkeit —?
Vergebt, — verzeiht, —
Verzweiflung bannt
Den Geist. Verstört
Lausch ich der Bäume Sang.
Wie lang ists her,
Da klang
Bei meinem Tode eine schöne Mär —.
Rings Trümmer, — Asche, — Schutt;
Mein väterliches Gut
Verfiel und aus den Herzen floß das Blut.
Charons Nachen nähert sich dem Proszenium.
CHOR DER TOTEN
Treib mit leisem Ruderschlage,
Charon, durch die Wellen.
Bringst uns der Erlösung Tage.
Charon, Vater, hab Erbarmen,
Neige dich uns Stillen, Armen,
Höre unsre Klage.
HERMES
Vollendet ist der Schmerz, das Leid
Auf Erden und es naht die Zeit,
Zum Acheron euch zu geleiten,
Wo euch umfängt Vergessenheit.
Ich führe euch die dunklen Wege
Hinüber über schwanke Stege,
Da ich zum Führer euch bestellt.
Hebt seinen Stab und schwingt ihn über den Köpfen der Toten
Mit diesem Szepter herrsch ich in den Weiten,
Vor meinem Szepter bebt die Unterwelt;
Es beben aller Erden dunkle Mächte. —
Vorüber rauschten eure Erdenzeiten,
Der bittren Leiden kummerschwangre Nächte.
Vergesst die Welt, —
Mein Szepter führt euch über das Vergessen
Zu einem Glück, das ihr noch nie besessen.
Durch dunkler Schluchten bange Einsamkeiten
Geleit ich euch zu lichten Ewigkeiten.
Der Nachen schaukelt, — steiget ein;
Vorbei des Lebens — Sein und — Schein!!
Die Toten besteigen den Nachen. Hermes folgt als letzter. — Der Nachen entfernt sich langsam.
PALLAS
Ein Spielzeug war ich in des Gottes Hand
Und war ein Stern, von Göttern aufgesteckt.
Er ruft mich nun, — sein starker Wille deckt
Mein ungetanes Werk mit früher Scholle zu.
GÖTTINNEN
Was wird aus ihrem Vaterland?
PALLAS
Wird meine Hilfe missen. Aus der Ruh
Hab ich die Seelen aufgeweckt
Und tauchte sie in Glut.
GÖTTINNEN
Du lässt den Durst von nun an ungestillt?
PALLAS
Es werden Völker wider Völker streiten.
Was Glück heißt, ließ ich ihnen in den Weiten
Wie einen Blitz aufleuchten auf Sekunden.
Das Unglück werden ihnen alle Stunden
Kommender Jahre zum Bewusstsein bringen. —
Auf, Schwestern, auf! — Entfaltet eure Schwingen!!
GÖTTINNEN
entschweben im Fluge
Charons Nachen gleitet in der Ferne vorüber.
PERSONEN DER ZEHNTEN SZENE:
- Der Grossfürst
- Johanna
- Kuruta
- General Vincenz Graf Krasiński
- Valerian Łukasiński
- Hofdamen
- Wachen
- Soldaten