Am Neumondstage.
29. Du Gnadenreicher! Den ersten Tag eines jeden Monats hast du—wie unsere frommen Väter uns gelehrt—zur Sündenvergebung bestimmt, und ehemals, als noch auf Zion der heilige Tempel prangte, wurden an diesem Tage Sühnopfer dargebracht, und der Reumütige fand Vergebung. Der Tempel steht nicht mehr, und Opfer sind nicht mehr der Ausdruck unserer Reue und Hingebung, aber unser Gebet ist uns geblieben, der Dienst des Herzens, der an allen Orten dir wohlgefällig ist. So nimm denn das Opfer meines Herzens wohlgefällig auf, erhöre das Flehen, womit ich mich am heutigen Tage reuevoll dir nahe, und vergib mir meine Sünden, die ich im verflossenen Monat gegen dich und meine Nebenmenschen begangen habe. Ich erkenne, o Herr! daß ich von meiner Bestimmung abgewichen bin, wenn ich gefehlt habe; ich sehe es ein, daß früher oder später Vorwurf und Kummer mein ganzes Leben verbittern müßten, und fasse darum den festen Vorsatz, mit dem neuen Monate meinen Lebenswandel ganz so einzurichten, wie es dein heiliges Gesetz befiehlt. O Vater, der du an Reue und Buße Wohlgefallen hast, stehe mir bei, daß ich jederzeit über mein Herz wache, daß ich immer mehr Wahrheit und Tugend erstrebe und alle meine Gedanken und Handlungen richte auf das eine Ziel: heilig zu werden, wie du heilig bist.—Wache über mich und alle meine Angehörigen auch in diesem Monate, auf daß er uns werde zur Freude und Wonne, zum Segen und Frieden.
Amen!
Sabbat-Abend.
30. Alliebender Vater! Der herrliche Tag, mit welchem die Woche schließt, ist zu Ende, und ehe ich mich zur Ruhe niederlege, um wieder zur Arbeit der kommenden Woche gestärkt zu werden, durchforsche ich nun mein Inneres, ob der heutige Tag auch heilige Eindrücke auf mich zurückgelassen und mich in Wahrheit dir näher gebracht hat. O! du hast mich heute so mannigfaltig gesegnet, an Leib wie an Geist, und deine Güte hat mir sowohl irdisches als himmlisches Manna bereitet! Ich schöpfte ja aus dem Quell deiner Liebe durch alles, was ich von der milden Hand der Natur empfangen, durch alles, was ich in dem Kreis meines eigenen Hauses genossen, durch das festliche Mahl und noch mehr in der Andachtsstunde durch dein göttliches Wort. Aber ach, mein Gott! habe ich dir in Wahrheit all meinen Dank gezollt? Wie manchen Vorwand habe ich benutzt, um mich allem zu entziehen, wozu mich der Tag rufen sollte; wie ließ ich doch kleinliche Sorgen und Freuden mich davon abhalten, dich und dein Haus aufzusuchen; warum hatte ich Zeit zu allem, und nicht zu dem, was der Sabbat mir auferlegt? Und selbst im Verkehr mit dir—wie lau war gleichwohl meine Andacht, wie zerstreut waren meine Gedanken, während ich deinen Namen anrief; wie wenig wurde ich beim Hören deiner Worte entflammt! Verzeihe mir, o ewiger Vater, und entziehe mir deine Gnade nicht! Auch den frommen Vorsatz rechnest du ja dem schwachen Menschen als Tugend an, auch der gute Wille gilt ja vor dir als eine wohlgefällige Tat! Gib du mir Kraft, diese zu vollführen, erneue in mir mit der neuen Woche einen festen Geist, und lege eine neue liebreiche Gesinnung in mein Herz, ein neues inniges Verlangen, dir anzugehören! Bewahre mich und die Meinigen in dieser Nacht und stärke mich, daß ich morgen neu gestärkt zu dem Werk eile, das du mir angewiesen für die Tage meiner irdischen Wallfahrt, laß deine Huld und Gnade mir zuteil werden, daß ich mich vorbereite zu einem seligen Ende.
Amen!