Ein anderes Gebet für den Peßachmorgen.
33. Wie lange auch der Winter gewährt, wie viele Sehnsuchtsseufzer in den dunkeln Nächten zu deinem Himmel emporgestiegen, so habe ich doch unter deinem Schutze, Allbarmherziger, den Anbruch der milden Jahreszeit erlebt. So gedenke ich auch heute, daß durch deine Güte auf gleiche Weise vor Jahrtausenden die Morgenröte der Freiheit für das Menschengeschlecht anbrach. Du beriefest Israel, deinen Erstgeborenen, eine Gemeinde zu deiner Anbetung zu bilden, damit die Nacht des Heidentums nach und nach verschwinde, und alle Unterdrückung aufhöre. Ja, lange hatten meine Vorfahren in Druck und Elend geschmachtet und viele hatten schon jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben, ja, hatten schon aufgegeben den Glauben an die Verheißungen, die ihnen von Geschlecht zu Geschlecht überliefert waren; doch die Stunde der Errettung kam, und sie kam früher, als selbst die Gläubigsten geahnt hatten, sie kam in der tiefsten Finsternis der Nacht.—O, ich sehe wohl, noch seufzt die Welt unter dem Joche der Knechtschaft, noch bekämpfen Völker einander mit blutigen Waffen, noch herrschen die Schrecken des Krieges und noch werden wir von Eigennutz getrieben. Menschenfurcht hält noch den Geist gebunden und völlig machen wir uns zu Sklaven törichter Eitelkeit, und Gold und Ehre und Macht sind die Götzen, die die Menge anbetet, und Laster und Leidenschaften üben eine mächtige Herrschaft aus, sowohl über das ganze Menschengeschlecht, als über jeden Einzelnen. Doch du,»dessen Name von Ewigkeit zu Ewigkeit währt, und der du unser Erlöser bist«, du wirst dennoch endlich die Erlösung kommen lassen, so gewiß, als du sie verheißen hast. Du wirst die Zeit kommen lassen, in der »alle in Freundschaft mit einander wohnen, die Schwerter zu Pflugscharen schmieden werden und das Kind mit der Schlange spielet«,[27] da das Gift der Sünde von ihr genommen sein wird. Diese Hoffnung soll das Fest in meiner Brust erneuern, und ich weiß, daß auch mir ein wenig Kraft verliehen worden, in deinem Dienste für das Kommen deines Reiches zu arbeiten. O, Herr! laß mich denn das Joch brechen, das noch auf mir lastet, laß mich von Hochmut und sündiger Lust gereinigt werden, und laß mich erkennen, daß nichts auf Erden mir als Eigentum angehört, sondern daß mein Besitz ein anvertrautes Gut, ein Darlehen von dir ist. Um nun von diesem Bewußtsein durchdrungen zu werden, wird ja auch in Israel jede erste Gabe des Lebens dir geheiligt, deshalb gehört dir ja die erste Erntefrucht des Jahres, und brachten eben ja am heutigen Tage unsere Väter das heilige Omer als Opfer der Erstlinge dir dar. So will ich denn gedenken, daß alles eine unverdiente Gabe aus deiner Hand ist, und wie sehr ich auch dafür gearbeitet habe, so ist doch nur der Genuß, wie von dem eines nur zur Benutzung anvertrauten Gutes mir davon gestattet, die Seele aber darf nicht daran hängen; denn es ist ja alles eitel und nichtig, die Seele aber schufst du für das Ewige, und der hat schon jetzt das ewige Leben, der nur an dir festhält. Gib, o du mein himmlischer Vater, daß ich in solcher Hoffnung an diesem Feste wachse und wecke sie bei allen meinen Brüdern, ja laß die zuversichtliche Erwartung bald das Menschengeschlecht erfüllen, daß einst der Tag erscheine,»da der Herr einzig sein wird und sein Name einzig.« Amen!
Morgengebet an den beiden letzten Tagen des Peßachfestes.
(2. B. M. 24, 15.)
34. Wo ist wohl die Wohnung eines Frommen, in der man nicht heute mit Freuden Siegesgesänge anstimmt:»die Rechte des Herrn ist erhaben, die Rechte des Herrn hat das Siegeswerk vollbracht!« O, auch mein Haus soll von Siegesgesang erschallen und von Dank für deine wunderbare Hilfe, da Israel so kurz nach der Befreiungsstunde, am Rande des Verderbens stehend, nur im Aufblick zu dir, im Gebete, Mut und Rettung fand. Auch hier in meinem Hause soll ein Dankfest gefeiert werden, dafür, daß du an diesem Tage »den Glauben an dich und an Moses, deinen Diener, in den Herzen unserer Väter befestigt hast. Und hat es nicht auch in meinem eignen Leben so manche Stunde der Gefahr gegeben, in der ich oder einer der Meinigen gleichsam über einem Abgrunde schwebte, so manchen angstvollen Augenblick, in welchem ich verzagte und nicht fest in meinem Glauben war? Doch du halfst mir und du stärktest meinen schwachen Glauben! O, indem ich dir nun danke, will ich auch nicht vergessen an diesem Dankfest denen zu danken, die du als Werkzeug gewählt hast, mir zu helfen, mich zu stärken und zu trösten oder auch zu belehren. Wenn so viele, weit entfernt solches anzuerkennen, undankbar sind, so will ich in der Feststunde mir aufs neue die Pflicht der Dankbarkeit und Erkenntlichkeit ins Gedächtnis rufen, will auf meinen Vater (meine Mutter, meine Gattin, meine Kinder usw.) mit Dank für all das Gute, das mir von seiner (ihrer) Hand zuteil geworden, hinblicken und will mit Tränen der Dankbarkeit aller meiner Wohltäter gedenken, wenn sie auch schon im Grabe schlummern; ja, derer will ich gedenken, die mich als Kind in ihre zärtlichen Arme geschlossen und meine Jugend geleitet haben; meines Lehrers, der meinen Geist erleuchtet und mir den Weg des Lebens gezeigt hat, und aller, die mir jemals Rat erteilt und mit ihrem Beistande mich in meinem Berufe unterstützt haben. Gib mir, o, Ewiger, Gelegenheit und Kraft, ihnen allen meinen Dank durch die Tat beweisen zu können! Und wenn ich so viele teure Wesen vermisse, denen ich nichts von der Schuld meiner Dankbarkeit habe abtragen können, wenn vielleicht einer meiner Brüder gerade zur Festzeit den Verlust eines Freundes, eines Gönners oder Helfers beklagt, wenn der eine oder andere sich einsam und verlassen fühlt, o! so laß in seiner wie in meiner Seele das trostreiche Wort laut ertönen:»Stehe still und sieh die Hilfe des Herrn!« Denn du, o Herr, bist ewig und immer, und ewig lenkst du meinen Weg. Dir will ich stets aus ganzem Herzen danken, und deinen Namen will ich ehren in aller Ewigkeit.
Amen!